Buchkritik „Mord auf Bestellung“ von Jack London

Bei dem Agententhriller „Mord auf Bestellung“ handelt es sich eigentlich um ein unvollendetes Manuskript des US-Autors nach einer Idee von Sinclair Lewis. Dieses wurde 1963 von dem britischen Kriminalautor Robert L. Fish vollendet.

In ihm geht es um eine Attentatsagentur, die von ihren Klienten vor der Ausführung ihrer Aufträge nicht nur Geld will, sondern auch eine moralische Begründung, warum die Welt ohne das Opfer besser dran ist.
Geleitet wird die Agentur von Ivan Dragomiloff. Doch dann erscheint Winter Hall bei Dragomiloff, gibt dessen Tod in Auftrag und kann diesen auch moralisch begründen. Deswegen gibt Dragomiloff seinen eigenen Tod in Auftrag. An ihr Wort gebunden jagen die Mitglieder der Attentatsagentur den flüchtigen Dragomiloff. Doch dieser schlägt zurück und lichtet die Reihen seiner Freunde.
Winter Hall findet sich plötzlich in der Rolle des kommissarischen Verwalters der Attentatsagentur wieder, die er eigentlich durch seinen Auftrag zerschlagen wollte. Zudem muss er feststellen, dass es sich bei Dragomiloff gleichzeitig um den geliebten Onkel Sergius seiner Verlobten handelt. Diese sind keine zwielichtigen Gestalten, sondern Gelehrte, die aus philosophisch-idealistischen Motiven für die Attentatsagentur arbeiten.

Die Figuren bleiben blass und die Szenerie teilweise auch. Die philosophische Dispute in Dialogform über Moral, Eide etc. können schnell auch langeweilen, zumal sie sich auch wiederholen. Grundfrage bleibt: Ist es legitim böse Menschen zu töten?
Das Rezept ist gut, doch bleibt das Gericht eher fad. Schade, aber ganz sicher nicht Jack Londons beste Arbeit.

Jack London: Mord auf Bestellung, Zürich 2016

Rechtspopulistische Kleinstpartei verhöhnt die Opfer rechter Gewalt

Die selbst ernannte „Bürgerbewegung Pro Deutschland“ veröffentliche kürzlich folgenden Artikel.
NPD-Propaganda
Sie beklagt im Grunde in dem polemischen Aufruf „Asylbewerber zu verprügeln“, dass Flüchtlinge, die Opfer eines rassistischen Übergriffs geworden sind, erst einmal nicht abgeschoben werden.
Selbst für die extreme Rechte in Deutschland sind derartig eklige Polemiken im offenen Netz eher selten.

Ein rassistisches Bild mit Konstruktionsfehler

Die NPD bedient auch gerne das Bild vom übergriffigen ‚Fremden‘ . Dazu produziert sie auch die entsprechenden Bilder. Zum Beispiel dieses:
ProD verhöhnt Opfer rechter Gewalt
Doch ist hier der Bildbetrug recht offensichtlich. Der dunkle ‚Fremde‘, der die blonde Joggerin filmt, trägt einen Kapuzen-Pullover mit der Aufschrift „Rapefugees not welcome“. Blöd, wenn gestellte Bild allzu offensichtlich gestellt ist.

Buchkritik „Der Wendepunkt“ von Klaus Mann

Klaus Mann (1906-1949) hat mit „Der Wendepunkt“ seine Autobiografie verfasst. Klaus ist der Sohn von Erika und Thomas Mann, dem berühmten Schriftsteller und Nobelpreisträger. Als Autor hatte er anfangs Probleme aus dem Schatten seines prominenten Vater herauszutreten. Überhaupt bemerkt man während der Lektüre, dass Klaus Mann sein Vater verhältnismäßig fremd blieb. Für die Mann-Kinder war ihr Vater immer der „Zauberer“, eher geheimnisvoll als vertraut. Natürlich erwähnt er in „der Wendepunkt“ auch seine Geschwister und Verwandten. Golo Mann, seinen jüngeren Bruder etwa, oder seine Schwester Erika, zu der ein besonders enges Verhältnis besteht.

Mit seinem Buch gibt Klaus Mann auch ein Zeugnis seiner Zeit. Das macht es so interessant zu lesen. So etwa, dass die geschlechterstereotypen Farben früher genau entgegengesetzt waren:

„Unsere »künstlerische Aufachung«, das sind die Leinenkittel mit den hübschen Stickereien aus den Münchner Werkstätten. Mielein hat sie selber ausgesucht, rote Kittel für die Buben, blauen für die Mädchen, wie es sich gehört.“

(Seite 29)
Oder das er mit Puppen gespielt hat:

„Mein Sohn Bob war eine hübsche Puppe aus Zelluloid, sehr süß und albern, mit aufgerissenen, lachenden blauen Augen und schelmischen Grübchen in den rosa Backen. Ich liebte ihn heiß und hätte um die Welt nicht eine Nacht ohne ihn geschlafen.“

(Seite 34)

Es ist natürlich auch ein Blick auf eine bestimmte Schicht, nämlich auf ein liberales Großbürgertum. So hat die Familie Mann mehrere Hausangestellte, darunter auch eine Gouvernante.
Klaus Mann schildert seine Kindheit in München und seine liberale Erziehung.
Er schildert auch den um sich greifenden Hurra-Patriotismus am Anfang des Ersten Weltkriegs 1914:

„Wenn ich versuche, die Atmosphäre von 1914 wiedereinzufangen, so sehe ich flatternde Fahnen, graue Helme mit possierlichen Blumensträußchen geschmückt, strickende Frauen, grelle Plakate und wieder Fahnen – ein Meer, ein Katarakt in Schwarz-Weiß-Rot. Die Luft ist erfüllt von der allgemeinen Prahlerei und dem lärmenden Refrains der vaterländischen Lieder.
»Deutschland, Deutschland über alles« und »Es braust ein Ruf wie Donnerhall …« Das Brausen hört gar nicht mehr auf. Jedeb zweiten Tag wird ein neuer Sieg gefeiert. Das garstige kleine Belgien ist im Handumdrehen erledigt. Von der Ostfront kommen gleichfalls erhende Bulletings. Frankreich, natürlich, ist im Zusammenbrechen. Der Endsieg scheint gesichert: Die Burschen werden Weihnachten zu Hause feiern können.
Man diskutierte, welche Ländern und Kolonien der Kaiser für das Vaterland annektieren würde. Fräulein Betty versprach uns China und Afrika, als handle es sich um Spielzeug.“

(Seite 50)
Auf seine Kindheit folgte seine „Sturm und Drang“-Zeit, in der er die Welt bereiste. Zurückgekommen nach Deutschland am Ende der Weimarer Republik zwingen ihn die politischen Entwicklungen zu einer politischen Positionierung. Obwohl er bisher eigentlich eher neutral und unpolitisch war. Wie die gesamte Familie – wobei der Vater ein wenig mehr Zeit dafür brauchte als der Rest – positionierte sich Klaus Mann strikt antinazistisch. In Reaktion auf den Nationalsozialismus entwickelte sich Klaus Mann so zu einem „europäisch-liberal gesinnten deutschen Intellektuellen“ (Seite 264) und wendet sich gegen die „patriotischen Totschläger“, die bereits vor 1933 seine Schwester Erika als „Friedenshyäne“ beschimpfen, weil diese keine Erbfeindschaften zu Frankreich pflegen will. In der Tradition von Heine und in Verwandtschaft zu Tucholsky macht er sich über den deutschen Nationalismus lustig:

„Kein anderer Nationalismus aber erschien mir so unselig und dabei so lächerlich wie eben der deutsche, mit seiner »Meistersinger«-Biederkeit und seiner »Tristan«-Schwüle, seinem säbelrasselnden Draufgängertum und seiner schluchzenden Sentimentalität, seinem ewig-unbefriedigten Anspruch, seinem überkompensierten Inferioritätskomplex, seiner primitiven Tücke und gerissenen Naivität, seinem Dünkel, seinem Verfolgungswahn, seiner ganzen quälenden, sterilen Problematik.“

(Seite 257)
Im Rückblick kritisiert er das Einknicken der liberalen Presse vor den Feinden der Republik vor 1933:

„Es war peinlich, das masochistische Schmunzeln zu sehen, mit dem jüdische Kritiker die Bekenntnisse nationalistischer Finsterlinge als »wertvolle Zeitdokumente« priesen. Die Autobiographie des Rathenau-Mörders Ernst von Salomon, zum Beispiel, machte Sensation im Feuilleton nichtarischer Gazetten. Die »Frankfurter Zeitung«, die der selige Hitler als »jüdische Hure« zu bezeichnen pflegte, lobte das Mordbuch über den grünen Klee; auch Ernst Jünger wurde dort bewundert (welche Dynamik! Was für Intuitionen!), während man Bruno Franks schöne und wichtige Briand-Novelle gelangweilt abtat. So sägten die linksgerichteten Intellektuellen mit selbstgefälligem Kichern den dünnen Zweig ab, auf dem sie gerade noch sitzen durften.“

(Seite 248-49)

Die Folge seiner offenen Position ist seine Emigration mit dem Machtantritt der Nazis 1933. Hier setzt seine fruchtbarste Schaffensperiode ein. Heute gilt Klaus Mann deswegen als wichtiger Repräsentant der Exilliteratur.
Das Leben im Exil prägte ihn, etwa sein Leben als Staatenloser:

„Die Emigration war nicht gut. In dieser Welt der Nationalstaaten und des Nationalismus ist ein Mann ohne Nation, ein Staatenloser, übel dran. Er hat Unannehmlichkeiten; die Behörden des Gastlandesbehandeln ihn mit Mißtrauen; er wird schikaniert. Auch Verdienstmöglichkeiten bieten sich nicht leicht. Wer sollte sich des Verbannten annehmen? Welche Instanz verteidigte sein Recht? Er hat »nichts hinter sich«, keine Organisation, keine Macht, keine Gruppe. Wer zu keiner Gemeinschaft gehört, ist allein.“

(Seite 291)

„Neu ist das Paß-Problem, nun doch eine sehr ernste Sache. Ohne Paß kann der Mensch nicht leben. Das scheinbar unbedeutende Dokument ist in Wahrheit beinah ebenso kostbar wie der Schatten, dessen Wert der arme Peter Schlemihl erst so recht begriff, als er sich seiner leichtfertigerweise entäußert hatte.“

(Seite 302)

Im Gegensatz zu den Illusionen vieler Emigranten, erkennt Klaus Mann im Nationalsozialismus die Zustimmungsdiktatur:

„Das deutsche Volk stöhnt nicht unter dem Hitler-Terror; im Gegenteil die meisten Leute dort scheinen recht vergnügt, es herrscht Wohlstand, die Arbeitslosigkeit hat aufgehört. Ob die Emigranten es nun zugeben oder nicht, die Diktatur ist populär bei den Massen, das deutsche Volk steht seinem Führer.“

(Seite 295)

Klaus Mann kooperiert zwar zeitweise mit den ParteikommunistInnen, aber er war kein Anhänger des autoritären Parteikommunismus. Er propagierte das Zweckbündnis mit der Sowjetunion:

„Der Faschismus ist die Gefahr – heute, wie zur Zeit von Hitlers ersten Triumphen. Der Faschismus hat seine ruchlose Dynamik, sein unersättliches Expansionsbedürfnis bewiesen, und könnte es wieder tun. Nachdem der dynamisch-expansive Hitler in Deutschland zur Macht gekommen war, mußte jeder realistische Antifaschist wissen, daß es nur noch eine Möglichkeit gab, den Frieden zu retten: die Zusammenarbeit mit Rußland.“

(Seite 328)
Der Hitler-Stalin-Pakt und die daraus resultierende 180-Grad-Wende des moskauhörigen Parteikommunismus mit dem Hitler-Stalin-Pakt schockieren ihn:

„Der Kampf gegen Hitler – man sage, was man wolle – ist ein guter Kampf, oder doch ein notwendiger. Auch für Amerika wird es notwendig werden, sich an dieser Auseinandersetzung zu beteiligen: Roosevelt weiß das, wir alle wissen es; warum wollen die amerikanischen Kommunisten es nicht begreifen? Ihre Parteiorgane »The Daily Worker« und »The New Masses«, konzentrieren ihren ganzen Hass auf die »Kriegshetzer aus Washington«, während sie an den Friedensfürsten in Berlin »revolutionäre Züge« entdecken. Hat Hitler sich nicht für die »Brechung der Zinsknechtschaft« ausgesprochen? Und übrigens gibt es einen deutsch-russischen Nichtangriffspakt … Verläßt man sich in stalinistischen Kreisen darauf, daß die Nazis gerade diesen Pakt nicht brechen werden? Nach allem, was wir erlebt haben, scheint solche Blindheit beinah unverzeihlich!“

(Seite 402)

Ihm ist klar, dass Hitler militärisch besiegt werden muss:

„Hitler muß fallen. Alles, was ihn schwächt und seine Niederlage näher bringt, hat meinen Beifall. Die Bombardements schwächen Hitler. Ich bin für die Bombardements.“

(Seite 437)

Um sich an diesem Kampf direkt zu beteiligen, wird Klaus Mann US-Staatsbürger und tritt im Januar 1943 in die US-Army ein. Als amerikanischer Unteroffizier kämpfte er u.a. in Italien. Trotz des von ihm kritisierten Rassismus gegen Schwarze in der US-Army, spricht er dieser Armee einen besonderen Charakter zu. So schreibt er in einem Brief aus Rom an seinen Vater, vom 17. August 1945:
„Die US Army, die ich gekannt habe und zu der ich mit Stolz gehöre, ist eine gute Armee. Nicht vollkommen, nicht ohne Fehl – keineswegs! Aber doch wohl eine der liberalsten, intelligentesten, die es jetzt irgendwo gibt. Möge sie so bleiben!“

(Seite 505)

Wie andere Zeitgenossen*innen fällt auch ihm die Schuld-Verdrängung der Deutschen auf:

„Die Gesichter und Stimmen wechseln; die Worte aber scheinen stets dieselben. Alle Deutschen bestehen darauf »nichts gewußt« zu haben (was sich auf die Gaskammern bezieht); alle sagen, daß sie »von Anfang an dagegen« waren, gegen Hitler nämlich. Und wenn er nun den Krieg gewonnen hätte? Aber lassen wir diese Fragen. Da er doch nun einmal verloren hat, »verspielt«, wie man hier sagt, will niemand sein Freund gewesen sein.“

(Seite 500)

„Nazis, so stellt sich jetzt heraus, hat es in Deutschland nie gegeben; selbst Hermann Göring war im Grunde keiner. Lauter »Innere Emigration«! Plötzlich entdecken alle ihre demokratische Vergangenheit und, wenn irgend möglich, ihre »nichtarische« Großmama. Jüdische Ahnen sind enorm gefragt. Die feinsten Leute – Emil Jannings zum Beispiel – haben sich über Nacht ein wenig semitisches Blut zugelegt.“

(Seite 500)

Autobiografien der damaligen Zeit haben fast immer die Eigenschaft, dass sie auch geschönt und geglättet wurden. Das dürfte auch bei Klaus Mann der Fall gewesen sein. Immerhin verschweigt der Autor nicht seine homoerotische Verliebtheit.
Eine Lektüre der Biografie lohnt sich für alle, die mehr über die Zeit 1914 bis 1945 wissen möchten oder für diejenigen, die sich speziell für die deutsche Emigration 1933-45 oder die Mann-Familie interessieren.

* Klaus Mann: Der Wendepunkt, Hamburg 1986

Comic-Besprechung „Die Präsidentin“ von François Durpaire und Farid Boudjellal

Der Autor François Durpaire und der Zeichner Farid Boudjellal haben mit „Die Präsidentin“ einen Comic vorgelegt, der als Warnung dienen soll.
Im Mai 2017 gewinnt Marine Le Pen vom extrem rechten „Front National“ (FN) knapp den zweiten Wahlgang gegen den amtierenden Präsidenten François Hollande und wird Präsidentin. Innerhalb kürzester Zeit baut Präsidentin Le Pen den Staat um. Übergelaufene Republikaner helfen ihr dabei. So gehen fünf Ressorts im Kabinett an die Republikaner. Das Kabinett hat Ministerien wie das „Ministerium für die Souveränität Frankreichs“.

Frankreich tritt aus der NATO aus und ebenso aus dem Euro. Es schließt die Grenzen und lässt Personen ohne gültigen Aufenthaltsstatus massenhaft abschieben. Hinzu kommt eine „Digitale Diktatur“ von Totalüberwachung, die etabliert wird.
Gegen diese autoritäre Aushöhlung der Demokratie gehen eine die alte Résistance-Veteranin Antoinette Giraud und ihre Enkel auf die Barrikaden. Allerdings schießen sie nicht, sondern sie bloggen gegen den FN. Doch die Schlinge um die digitalen Widerstandskämpfer zieht sich immer mehr zu.
Comic Die Präsidentin nicht reinlassen

Im Comic wird auch auf die Geschichte des „Front National“ und dessen faschistische Wurzeln eingegangen. Es wird der Aufstieg der extrem rechten Partei skizziert, die in den 1990er Jahren die ersten Rathäuser eroberte und bei den Europawahlen 2014 mit 24,86% der Stimmen die größte Partei in Frankreich wurde.

Traurigerweise enthält der dystopische Comic an einer Stelle eine falsche Hoffnung. In ihm ist nämlich Hillary Clinton US-Präsidentin geworden

Das Szenario des Comics basiert auf der Lektüre des FN-Parteiprogramms. Der Schwarz-Weiß-Comic ist dadurch eine realistische Fiktion. Einige der ProtagonistInnen im Comic sind für Leser*innen aus Deutschland unbekannt, was aber den Lesefluss nur unwesentlich stört.

* Francois Durpaire und Farid Boudjellal: Die Präsidentin, Jacoby & Stuart, 160 Seiten, 19,95 Euro



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