Buchkritik „Aus meinem Jugendland“ von Isolde Kurz

Die Schriftstellerin Isolde Kurz (1853-1944) hat 1918 mit „Aus meinem Jugendland“ ihre Jugendbiografie vorgelegt.
Aus meinem Jugendlande von Isolde Kurz
Kurz war die Tochter einer Feministin und Sozialistin und pflegte in der Frauenfrage eine emanzipatorische Haltung. Allerdings legte sie gegen Ende ihres Lebens eine abwertende Haltung gegenüber geistig Behinderten an den Tag und war bereit mit dem NS-Regime zu kooperieren. Bezeichnend war, dass sie 1933 der „Sektion für Dichtung in der Preussischen Akademie der Künste“ beitrat, die damals jüdischen Mitgliedern diese Stellung aberkannte.

Schauplatz der Jugendbiografie von Isolde Kurz ist vor allem die Universitätsstadt Tübingen.
Die Stadt ist kleiner als heute und geprägt von den Verbindungsstudenten:

„Ferner die Keilereien zwischen den Farben [Studentenverbindungen], die sich nicht leiden mochten, und endlich die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.“

(Seite 75)

„Die Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte, wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte.“

(Seite 82)
Die Universitätsstadt bildet auch ganz eigenwillige Figuren heraus:

„Da war unter anderem der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien, die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je ein Examen zu machen.“

(Seite 91)

Ihre Mutter war ein für damalige Verhältnisse ziemlich ungewöhnlicher Freigeist.Sie war Schriftstellerin, Frühsozialistin und Vegetarierin. Ursprünglich war sie eine geborene Baronesse, hat sich aber 1848 im Zuge der bürgerlichen Revolution von 1848/49 verweltlicht.
Ihr Vater ist Bibliothekar ebenfalls ein 1848er-Veteran, aber eher deutschnational ausgerichtet.
So ist die Haltung der Eltern zu Kriegsgewinn und Reichsgründung 1871 sehr unterschiedlich. Ihre Mutter ist aus ihrer revolutionärer Biografie gegen Bismarck und pro-französisch, ihr Vater dagegen begrüßt die Gründung des deutschen Kaiserreichs.
Um sie dem damaligen reaktionären Zeitgeist zu entziehen, unterrichtet ihre Mutter die Kinder daheim. Dazu werden die Kinder areligiös erzogen und gelten in der Nachbarschaft als „Heidenkinder“.

Im Haus ihrer Eltern herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Sie lernt so etwa Dr. Edouard Vallaint, den späteren Minister der Pariser Kommune, kennen, der auch in Tübingen eine Zeit lang lebte.
Bereits zu dieser Zeit gab es einen frühsozialistischen Gesprächskreis in Tübingen:

„In dem kleinen Tübinger Zirkel wurden jetzt an Stelle der bisherigen humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, Marx, Lasalle und Bebel erörtert.“

(Seite 236)

Interessant an der Biografie ist der spezifische Frauenblick auf die damaligen patriarchalen Verhältnisse. Sie beschreibt, wie sie als erste Frau reitet und schwimmt und die Reaktion des engstirnigen (pietistischen) Tübingen darauf:

„Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

“ (Seite 345)
Das sie und ihre Eltern politisch eingestellt waren, verstärkte das generelle Misstrauen:

„[…], und es gab damals in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute.“

(Seite 254)
Frauen galten damals bei fast allen nur als ‚Damen‘, die vor allem passiv sein sollten:

„Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge darüber stolperte.“

(Seite 344)
Frauen sollten schön aussehen, im Gegensatz zu den Männern:

„Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt.“

(Seite 244)

Einiges wird im Buch eher angedeutet als explizit ausgeschrieben. Etwa ihre Beschreibung der tiefen Freundschaft ihres 15-jährigen Bruders Edgar und des Pfarrersohn Ernst Mohl. Diese lässt sich durchaus auch als homosexuelle Verliebtheit zumindest von Edgars Seite aus interpretieren. Nach dem Zerwürfnis der beiden schreibt sie auch von Mohl als Edgars „ehemals Geliebten“:

„Die Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so recht zu seinem Inneren fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund mehr.

“ (Seite 219)
Später schließt sich genau dieser Bruder Edgar übrigens der SPD an.

Sehr amüsant liest sich das Haschisch-Abenteuer von Isolde Kurz und ihren Brüdern. Ein Beispiel für die literarische Beschreibung von Drogenerfahrungen, die es natürlich auch damals gab.

Durch die liberale Erziehung ihrer Eltern, vor allem ihrer Mutter, wird Isolde Kurz früh unabhängig. Ab dem Alter von zwölf Jahren arbeitete sie als Übersetzerin aus dem Italienischen. Sie beschließt auch sich nicht an einen Mann zu binden, weil das zu der damaligen Zeit die Aufgabe ihrer relativen Freiheit bedeutet hätte. Trotzdem wird sie von ihrer „vulkanischen Mutter“ bedrängt einen ihr unlieben Brautwerber zu heiraten. Sie fühlt sich von ihrer Mutter, die sie ansonsten sehr freiheitlich erzogen hat, sehr unverstanden.
Schließlich verlässt sie Tübingen in Richtung Italien und damit endet auch ihre Biografie.

Ein Lesetipp für jede*n, die/der etwas über die damaligen (Geschlechter-)Verhältnisse im 19. Jahrhundert wissen will.

Grab Isolde Kurz
Grab von Isolde Kurz in Tübingen

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland, Tübingen 1918.

Buchkritik „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau


Die Geschichtsdarstellung „Deutschland über alles“ von Joachim Fernau ist der Versuch Geschichte vereinfacht und eher volkstümlich darzustellen. Wichtig ist es zu wissen dass Fernau Kriegsberichter der Waffen-SS war und vor 1945 entsprechende Propagandatexte verfasste.
Das merkt man den ersten 3/4 des Buches nicht unbedingt an. Fernau schreibt aber auch in diesem Abschnitt von einem „Charakter der Deutschen“ und versucht durch einen schrägen Vergleich die Nürnberger Prozesse zu delegitimieren:

„Das war im Oktober 1760.
Ein Jahr später sehen wir Friedrich immer noch kämpfend. Immer noch existiert der König von Preußen. Immer noch ist der Krieg nicht beendet. Was Friedrich aufrechterhielt, weiß der liebe Gott. In diesem Stadium tat er nicht mehr und nicht weniger als das, was im Jahre 1946 in Nürnberg verbrecherisch genannt wurde: Er wollte es nicht glauben, er konnte es nicht fassen und war entschlossen, bis zur Selbstvernichtung seines Volkes zu kämpfen.“

(Seite 105)
Im letzten Viertel des Buches wird es so richtig problematisch. Bis dahin betreibt Fernau vor allem eine personalisierte Geschichtsschreibung, in der er versucht große Geschichte durch kleine Geschichten darzustellen. Dabei bleiben Bauern Statisten und Frauen sogar weniger als das. Stellenweise amüsant, insgesamt aber sehr flapsig versucht Fernau Geschichte jenseits von akademischer Geschichtskunde zu erschließen.
Im letzten Viertel verharmlost Fernau massiv die NS-Diktatur indem er ihn als eine Art Wetterwechsel beschreibt:

„Als die Menschen in Deutschland am Morgen des 25. März 1933 erwachten, befanden sie sich in einem Staatsgebilde, das sie bisher noch nie erlebt hatten. Eine Diktatur, sieh mal einer an! Frauen fragten beim schnellen Morgenkaffee ihre Ehemänner, was sie davon hielten, und alleinstehende Fräuleins wandten sich wenigstens an den Briefträger. Man schaute auf die Straße hinaus, ob irgendetwas Besonderes wäre, aber es war nichts.

“ (Seite 173-174)
In so einer Darstellung wird das Leiden der NS-Opfer mit der Machtergreifung 1933 verharmlost und die Massen-Basis der Nationalsozialisten in der Bevölkerung ignoriert.
Auch eine Dolchstoßlegende erschafft Fernau für den Zweiten Weltkrieg:

„Heute, 22 Jahre nach dem Kriegsende wird nun sogar bei uns offen geschrieben, was längst aktenkundig war: daß mindestens von 1942 an jeder Schachzug, jede Planung der deutschen Kriegsführung von einem riesigen Stab von Verrätern an den Feind weitergegeben wurde.“

(Seite 181)
Vermutlich meint er die Gruppe „Rote Kapelle“.
In seiner Beschreibung der Pläne für Deutschland nach 1945 käut Fernau Verschwörungsmythen wieder, indem er dem Kaufmann- und dem Morgenthau-Plan realen Einfluss auf die Nachkriegsplanung zubilligt:

„Einiges davon war schon lange bis ins kleinste ausgearbeitet und schriftlich niedergelegt. Da war einmal der Theodor Kaufmann-Plan »Germany must perish«. Er war einfach, er sah vor, die Deutschen zu sterilisieren. Einen anderen Plan hatte man an der Harvard-Universität ausgearbeitet; nach ihm sollten alle Deutschen als lebenslängliche Zwangsarbeiter auf die Nachbarvölker verteilt und biologisch mit ihnen verschmolzen werden. Der Außenminister Hull und viele andere des Schreibens Kundige hatten auch noch Lösungen im Strumpf. Dem Ohr Roosevelts am nächsten stand Henry Morgenthau, dessen »Programm to prevent Germany from starting a World War III« dem amerikanischen Präsidenten gut gefiel. Minister Morgenthau mußte nach Roosevelts Tode im April 1945 sein Programm angesichts der tauben Ohren der Militärs wiederholt ändern. Zum Schluß sah es ganz manierlich aus. Es wollte uns lediglich zu einem Ackerbauvolk machen und, wie er sich ausdrückte, auf dem niedrigsten Stand halten.“

(Seite 182)
In Wahrheit werden hier offenbar eigene alte deutsche Vernichtungspläne eines ehemaligen NS-Parteigängers auf die alten Feinde projiziert.

Joachim Fernau: Deutschland über alles, ???

Buchkritik „Antifa in London“ von Martin Lux

Antifa in London
Die Übersetzung des Buchs „Antifa in London“ von Martin Lux erschien 2013 in einem Wiener Verlag.
Es handelt sich um einen biografischen Bericht eines Antifaschisten in London in den 1970er Jahren. Es ist die Zeit als die Rechten sich um den Hetzer Enoch Powell um 1970 wieder beginnen, auf der Straße zu sammeln. Die britischen Rechten werden im Buch übrigens als „Übers“ – von „Übermenschen – bezeichnet.
Lux stammt aus der Arbeiterklasse und kann mit einer akademischen Linken nicht viel anfangen. Aber auch in Bezug auf seine eigene Klasse hegt er keine großen Illusionen. Die größtenteils sozial und sexuell konservative Arbeiterschicht ist mit Rassismus vergiftet:

„Anders als die Linken mit ihrer All-Inclusive-Ideologie, hatte ich immer noch keine Illusionen über die Arbeiterklasse, speziell wenn es um deren infektiösen Rassismus ging.“

(Seite 21)
Interessant ist auch, wie Lux beschreibt wie antifaschistische Demonstrant*innen in einem Londoner Armeleute-Stadtteil bei einer Demonstration von den örtlichen Jugendlichen unterstützt und bei einer anderen angefeindet wurden.

Mit Linken, Kommunisten und Studenten kann Lux nicht viel anfangen. Statt politischer Theorie fungiert für Lux der berühmte Speakers Corner als ‚Schule des Lebens‘.
Geschildert werden im Buch vor allem Auseinandersetzungen, vor allem Schlägereien, mit Neonazis. Daneben wird im Buch auch Polizeigewalt und Gegengewalt geschildert.
Lux hasst zwar Neonazis, aber er sucht in den Schlägereien auch Amüsement und Unterhaltung. Das Schimpfwort Polit-Hooligan passt auf ihn ganz gut.
Interessant ist das er damals mit Zionisten und jüdischen Londoner*innen zusammen kämpfte:

„Kein Grund mit diesen Typen zu diskutieren; ich zog los um Verstärkung zu finden. Bald hatte ich einige kantige Zionisten gefunden, manche von ihnen kannte ich schon seit Jahren. Obwohl ich mit ihrer Politik genauso wenig wie sie mit meiner übereinstimmten, waren wir doch alle auf eine feine Nazi-Schlägerei aus.“

(Seite 32)

„Ich war von einigen älteren jüdischen Frauen erheitert.
Sie erzählten mir von den alten Zeiten, als Mosley und seinen Schwarzhemden-Abschaum entgegen hielten. Diese alten Damen entpuppten sich als wahre Fans der Pflastersteine. Eine von ihnen beschrieb, wie sie hunderte von Murmeln auf den Strassen unter den Hufen der Polizeipferde fallen liess, damit die Pferde ausrutschen und ihre Reiter zu Boden gehen.“

(Seite 34)
Bei der Lektüre denkt man anfangs noch das der Ton im Buch nicht gerade politisch korrekt, aber dafür ehrlich und authentisch ist. Der Autor hat es eben so erlebt und spricht eben so. So nennt er seine GegnerInnen „Wichser“ und „Nazi-Cunts“. Skurril wird es schon, wenn er beschreibt, wie er und andere die Neonazis mit dem Hitlergruß provozieren. Dazu gesellen sich homophobe oder sexistische Sprüche.
Lux ist auch ein Antifeminist und schimpft über „Queere Sprüche zum Anbraten“. Er beschwert sich das Feminist*innen ihn ausgrenzen. Doch die Feminist*innen liegen mit ihrem Macho-Vorwurf an den Autoren definitiv nicht falsch. Über eine Demonstration in Brixton schreibt er beispielsweise:

„Weil Brixton damals ein angesagtes Viertel war, tauchte eine aussergewöhnlich grosse Menge auf, zumeist »anti-sexistische« Männer und ihre hässlichen, feministischen Tussis.“

(Seite 81)

Lux hat keinerlei reflektiertes Verhältnis zu Gewalt, hat Bock auf „Aggro“ und schwelgt in Riotromantik:

„Wer wusste schon, wo uns die Sache noch hinführen würde, von nun an? Viel weiter, so hoffte ich. Molotovs, Barrikaden, Tränengas, Schusswaffen, Revolte…
Nur her!“

(Seite 75)
Lux beschreibt am einen richtigen Gewaltexzess:

„Das war unsere zehnfache Rache: wir traten seinen Schädel zu Brei. Rundherum brach völliges Chaos aus. […] Innerhalb weniger Minuten häuften sich halb-bewusstlose Körper am Boden, Blut spritzte an die Wände, weinrote Lachen bildeten sich durch beständiges Tröpfeln auf dem Boden. […] Nur das Prickeln von Novokain liess meine Oberlippe einfrieren, es war der klassische Adrenalin-Rausch. […] Wir schlugen sie zu Brei, Eisenstangen küssten ihre Marillen und Körper. Wir zeigten keine Gnade als wir ihre Kanten zur Strecke brachten […]. Ich liess ihn ziehen. Irgendwer musste überleben, um die Geschichte den anderen zu erzählen. […] Die Skins bettelten in diesem Chaos auf Knien um Gnade, während einige wahnsinnige Anti-Faschisten mit gezückten Klingen über ihnen standen. Einigen der jüngeren, armseligen Nazis wurde der kalte Stahl erspart, obwohl alle gut einstecken mussten. Andere wurden gestochen und geritzt. Nichts tödliches, aber eine lebenslange Erinnerung an das Zusammentreffen in dieser Nacht und ihren falschen Weg. Hatte ich auch nur ein Deka Mitleid oder Reue die ganzen Brutalitäten dieses Abends, die sich vor mir ausgebreitet haben? Einen Scheiss! […]
Ich ging an einer Frau vorbei, die eine meiner regelmäßigen Peiniger war. »Kannst du dich erinnern, wie du gesagt hast, wir sind genauso schlimm wie die Nazis selber? Also, das war falsch … Wir sind noch einmal um einiges schlimmer! Gute Nacht, Schatzerl«.“

(Seite 107)
Das ist eklig. Stellt sich nur die Frage: Warum musste so ein unreflektierter Rückblick auf die 1970er in London unbedingt auch noch ins Deutsche übersetzt werden?

Martin Lux: Antifa in London, Wien 2013.

Kurzrezension „Allesfresser“ von Christine Lehmann

Der Krimi „Allesfresser“ stammt aus der Feder von Christine Lehmann und erschien 2016.
Krimi
Er spielt im Großraum Stuttgart und Hauptprotagonistin ist Lisa Nerz, die im Auftrag ihres Partners Dr. Richard Weber, einem Oberstaatsanwalt, ermittelt. Ein vom Veganismus zum Fleischessen übergelaufener Starkoch ist verschwunden und es wird befürchtet das seine Einzelteile in den Fleischhandel gelangt sein könnten. Um dem nachzugehen und die Betreiberin eines veganen Blogs ausfindig zu machen, die über Insiderin-Infos zu verfügen scheint, begibt sich undercover in die Szene der Polit-Veganer*innen.
Dieses setting verspricht Witz und Spaß, leider enttäuscht die Autorin den/die Leser*in. Sätze wie der Folgende haben eher Seltenheitswert:

„Tofu und Ahornsirup marschieren durch die Instanzen. Manager schreiben Kochbücher und predigen die Erlösung durch Gemüse. Der Messias ist eine Möhre.“

(Seite 19)

Die Polit-Veganer*innen, die sich selbst als Antispeziesist*innen bezeichnen, werden von der Autorin überaus holzschnittartig beschrieben. Allerlei Vegan-Klischees werden wiedergekäut.
Lehmann scheint der Überzeugung zu sein, es gäbe keine Veganer*innen, die sich ausgewogen ernähren könnten. Veganismus mache „krank und depressiv“ und verursache Blähungen, wie sie suggeriert. Die langen Absätze über Veganismus und Speziesismus wirken gestelzt, weil da viel schwadroniert und das als Dialog getarnt wird.
Vieles wirkt unglaubwürdig oder ist unlogisch. So wird z.B. eine grammatisch korrekte Internet-Kommunikation wiedergegeben, die dadurch nur wenig authentisch wirkt.
Es ist im Buch auch nicht so wirklich überzeugend warum die offenbar bisexuelle Lisa Nerz am Ende den Staatsanwalt heiratet.
Unglaubwürdig wirkt auch wie schnell Nerz es schafft zu den illegalen Tierbefreiungen vorzustoßen. Einmal am Stand mit geholfen, dann schon in der Nacht darauf Tierbefreierin. Das ist hochgradig unsinnig.
Zudem um begeht das Buch den häufigen Fehler in Fortsetzungsreihen indem die Hauptprotagonistin nicht nochmal eingeführt wird. So bleibt für die/den Neuleser*in Lisa Nerz sehr blass und unbekannt. Es wird offenbar davon ausgegangen dass man sie von früheren Büchern schon kennt.

Leider keine Leseempfehlung. Schade, in der Story wäre Potenzial gewesen.

Christine Lehmann: Allesfresser, Hamburg 2016.

Buchkritik „Das Netzwerk der Identitären“ von Andreas Speit (Hg.)

Noch ein Buch über die Identitären? Ist das notwendig? Nun ja, offenbar dachten das zumindest die Autor*innen des im Oktober 2018 erschienenen und von Andreas Speit herausgegebenen Sammelband „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“.
Sammelband Das Netzwerk der Identitären
Der Band bietet kompakte Informationen zu unterschiedlichen Themen, wie den geistigen Ahnherren der Identitären, den Vertretern der „Konservativen Revolution“ oder den Verstrickungen mit altvölkischen Sippen und Bünden. Die Qualität der Kapitel schwankt, besonders gut liest sich das Musik-Kapitel. Manche Kapitel sind eher im lockeren Reportage-Stil verfasst, andere sind dagegen analytischer.
Es wird klar dass die Identitären sich in eine antibürgerliche Tradition setzen, wenn führende Vertreter betonen sie wollten keine Sub- sondern eine Gegenkultur sein.

Das Buch hinterfragt die Selbstdarstellung der Identitären und vergleicht Anspruch und Wirklichkeit, etwa der behaupteten Zugänglichkeit:

„Auf der Facebook-Seite des Flamberg wird darauf hingewiesen , dass die Veranstaltungen grundsätzlich privat sind und nach vorheriger Kontaktaufnahme besucht werden können. Ein offenes Haus ist der Treff der Identitären nicht.“

(Seite 88)
Auch mit der Intellektualität ist es nicht weit her:

„Trotz der ideologischen Schulungen im Flamberg und des eigenen elitären Selbstverständnisses hält sich die Intellektualität der Identitären in Grenzen. Ihr Terrain ist das Parolenhafte, die Rebellion, der Lifestyle. Hier zeigt sich nicht nur der Anpassung an die vermeintliche Zielgruppe, sondern auch die eigene Gefangenheit in der Popkultur, Erlebnisorientierung und Gewalt. Für die theoretische Durchdringung bleibt das IfS in Schnellroda zuständig.“

(Seite 91)
Ebenso werden die Paradoxa der Identitären betont:

„Das Paradox, dass sich die IB aus den Arsenalen kultureller und politischer Bewegungen bedient, deren Charakter sie in ihrer Programmatik als dekadent und die eigene Identität zersetzend beschreiben, wird darüber gelöst, dass diese Formen »patriotisch« aufgeladen werden.“

(Seite 187-88)

„Sie geben sich als aktionistisch und offen aus, bieten aber Stammtische an, bei denen man sich anmelden muss. Sie wollen traditionsbewusst wirken und sich gegen den Zeitgeist stellen, unterwerfen sich aber radikal den Gesetzen der sozialen Moderne. Sie wollen rebellische Dissidenten sein, aber gleichzeitig sympathisch und nicht zu radikal. Sie proklamieren für sich, eine Bewegung zu sein, pflegen aber einen elitären Habitus und inszenieren sich fast wie Popstars.“

(Seite 201)
Das Buch zieht das Fazit:

„Die medialen Einzelerfolge der IB sollten nicht überblenden, dass sie bis heute nicht die Relevanz erreicht haben, um regelmäßig in Massenmedien zu gelangen: Ihre Inszenierung auf dem Brandeburger Tor war deshalb erfolgreich, weil sie von der Symbolkraft der gewählten Bühne profitierten – nicht wegen der Relevanz der IB.“

(Seite 200)
Trotzdem können die Identitären nicht ignoriert werden, denn:

„Als politische Vorfeldorganisation extrem rechter Partei agieren die Identitären durchaus als wichtiges Bindeglied zur neurechten Szene; als vermeintliche Bewegung haben sie aber keine größere Bedeutung erlangt.“

(Seite 201)

An dem Buch haben Kenner*innen mitgeschrieben und es enthält detaillierte Informationen und gute Einschätzungen. Trotzdem ist der Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ bei einer ersten Beschäftigung mit dem Thema die bessere Wahl, da hier mehr und tiefer gehende Analysen angeboten werden. „Das Netzwerk der Identitären“ kann ja dazu als Ergänzung gelesen werden von denjenigen, die noch mehr Informationen suchen.

Andreas Speit (Hg.): Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten, Berlin Oktober 2018.



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