Buchkritik „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak

Das Büchlein „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak (Münster, 2013) ist ein guter Einstieg in den Nahost-Konflikt in der Linken in der Bundesrepublik.
Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken
Seit fast über zwei Jahrzehnten führt dieser Konflikt zur Polarisierung innerhalb der Linken. Älteren Szenegänger*innen kommt schnell mal ein Stöhnen über die Lippen, wenn am linken Stammtisch sich mal wieder eine Nahost-Diskussion Bahn bricht.
Nowak versucht die „Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ ausgewogen darzustellen. Wobei bei ihm mit Linken vor allem außerparlamentarische Linke gemeint sind.
Ohne falsche Loyalitäten oder Beschönigungen thematisiert Nowak auch jahrzehntelange Verdrängungsleistung in der Linken in Deutschland in Bezug auf den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Sehr lange wollte auch unter den Linken niemand, wenn es um TäterInnen ging, von „den Deutschen“ schreiben. Stattdessen wurde der Holocaust eher als eine Art Begleiterscheinung des Nationalsozialismus eingestuft, es dominierten auf linker Seite ökonomische und imperialismustheoretische Analysen.
Analog dazu ist Israel in der westdeutschen Linken spätestens seit 1967 eine Art Feindstaat. Die Wahrnehmung Israels als „Frontstaat des Westens“ oder schlimmer, ignoriert die Pluralität innerhalb des Staates, worauf laut Nowak Antizionismus-Kritiker*innen in der Linken hinweisen:

„Damit werde zudem ein einheitliches Israel konstruiert, in den kein Platz für dort lebende Kritiker_innen der israelischen Politik ist, lautete ein weiterer Einwand gegen den Holzhammer-Antizionismus.“ (Seite 14-15)

Nowak markiert die Zäsuren der Antisemitismusdebatte: die Goldhagen-Debatte, Walsers Paulskirchen-Rede 1998, die zweite Intifada ab Oktober 2000.
Doch die eigentlichen Wurzeln liegen tiefer in der Zeitgeschichte vergraben, nämlich in dem Ereignis, was in den offiziellen Annalen bundedeutscher Geschichtsschreibung als „Wiedervereinigung“ bezeichnet wird. Dagegen entstand in Westdeutschland eine antinationale Nie-wieder-Deutschland-Bewegung. Durch den geschichtsrevisionistischen Diskurs um die Bombardierung von Dresden nehmen auch in Ostdeutschland Linke antinationale Haltungen ein. Sie treten u.a. mit dem Motto „Keine Träne für Dresden“ auf. Mensch ist geeint im Kampf gegen deutsche Zustände:

„[…] viele aktive Antifaschist_innen in der dreifachen Frontstellung gegen Neonazis, Normalbürger_innen und Polizei teilten.“ (Seite 46)

Es ist die Zeit der Pogrome und fast täglichen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.
Auch im Buch erwähnt wird die Rolle das Magazins „konkret“. Angefangen hat die Rolle des Magazins beim zweiten Golfkrieg im Winter 1990 als der Irak Scudraketen auf Israel schießt, was aber von großen Teilen der Antikriegs-Bewegung genauso ignoriert wird, wie der Charakter von Saddam Husseins Regime. Dagegen schreiben die „konkret“-Autoren Gremliza und Pohrt. Doch „konkret“ hat keinen einseitige Kurs, sondern ist vielmehr ein Podium für Debatten.
Sowohl der zweite Golfkrieg als auch der jugoslawische Zerfallskrieg 1992 bis 1995 sorgen für weitere Spaltungen in der Linken. Diese übertragen sich auch auf einzelne Projekte. Die antiimperialistische Tageszeitung „junge Welt“ gebiert die undogmatisch-antideutsch-libertäre Wochenzeitung „Jungle World“.
Ende der 1990er Jahren kommt es zu einer Krise der autonomen Antifa-Bewegung und daraus resultiert eine Hinwendung zur Globalisierungskritik bei den einen und eine Hinwendung zur Ideologie- und Staatskritik bei den anderen. Bei letzteren kommt es zu einer verstärkten Beschäftigung mit Antisemitismus-Theorien. Kritik an Solidarität mit befreiungsnationalistischen, z.T. sogar islamistischen Bewegungen, führt dazu, dass sich aber viele wieder von der globalisierungskritischer Bewegung abwenden.
Es entsteht eine israelsolidarische Antifa, die sich mit den Resten dieses Nie-wieder-Deutschland-Spektrums verbindet.
Zu einer weiteren Spaltung kommt es mit den Septemberattentaten auf das World Trade Center. Daraus resultiert ab Herbst 2001 eine verhärtete Lagerbildung. Es kommt zur Herausbildung der einseitig israelsolidarischen Strömung innerhalb der Linken.
Im Kapitel „Palästinensertuch versus Israelfahne“ schreibt Nowak über die Veränderungen in Teilen der linken Szene:

„In den 80er Jahren gehörte das Palästinensertuch zu den Bekleidungsstücken vieler sich als links verstehender Menschen. Manche trugen es bewusst als Zeichen der Solidarität mit Palästina, manche sahen darin ein bequemes Kleidungsstück und waren erstaunt, dass ab Ende der 90er Jahre am Beginn von Antifademonstrationen Erklärungen verlesen wurden, in denen begründet wurde, warum Palästinensertücher nicht getragen werden sollten.“ (Seite 48-49)

Er kritisiert die Auswüchse einer bedingungslosen, also unreflektierten Israel-Solidarität. Als Beispiel führt er an, wie im Jahr 2002 das antideutsche Magazin „Bahamas“ die Streitschrift „Der Zorn und der Stolz“ der antimuslimischen Rassistin Oriana Fallaci verteidigte. Nowak betont aber, dass sich auch innerhalb der israelsolidarischen Linken viele gegen „Bahamas“-Positionen gewandt hätten.
Ein Teil der antideutschen Linken hätte durch die historische Brille den Islamismus nach dem 11. September als neuen Nationalsozialismus interpretiert. Die „Bahamas“-Fraktion sei nicht mehr gegen den deutschen Staat, sondern gegen Islamismus und teilweise auch gegen den Islam als solchen. Es wird eine Dualität „westliche Welt“ versus „Islam(ismus)“ konstruiert. Daraus resultierte eine bedingungslose Israel-Solidarität.
Nowak weist darauf hin, dass sich die BRD-Linke anfangs in der inner-israelischen Debatte noch auf Seiten der israelischen Linken positioniert hätte, nun aber einige antideutsche Linke sich auf der Seite der israelischen Falken und Israel-supporter aller Coleur positionieren würden:

„Die Kritiker_innen argumentierten nicht von der Position einer grundsätzlichen Solidarität mit der israelischen Politik, sondern der Unterstützung der Friedens- und Frauenbewegung und der israelischen Linken.“ (Seite 15)

Dabei erwähnt Nowak, dass eine Unterstützung Israels nicht anti-antisemitisch motiviert sein muss:

„Wie schon während des Kalten Krieges wurde nun wieder die Auseinandersetzung um Israel von weltpolitischen Fragen überformt, die weder direkt mit Antisemitismus noch mit dem Kampf verschiedener Gesellschaften um dasselbe Land zu tun hatten. Diese ideologische Aufladung führte aber dazu, dass die Verteidigung Israels bis weit ins rechte Lager propagiert wurde. […] Die Erkenntnis, dass jemand ein hundertprozentiger Verteidiger Israels und Antisemit sein kann, wurde meist ignoriert. […] Nicht wenige Ex-Nazis und Rechtskonservative gerierten sich in der BRD als Partner Israels, hatten aber ihren Antisemitismus nur notdürftig übertüncht. Die Kooperation mit Israel korrespondierte bei ihnen weder mit einem Aufarbeiten der deutschen Verbrechensgeschichte gegenüber den Juden noch aus einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sondern war außenpolitischen Interessen in der damaligen Ost-West-Auseinandersetzung geschuldet.“ (Seite 50-51)

Auf der anderen Seite gäbe es in der Linken auch eine bedingungslose Palästinasolidarität und grenzenloser Antizionismus.
Bei seiner Kritik schreibt Nowak nicht von strukturellen Antisemitismus, sondern lieber von potenzieller Anschlussmöglichkeit an antisemitische Denkmuster. Ebenso schreibt er eher von Grauzonen oder regressive Israelkritik und regressive Antizionismus als alles als hundertprozentigen Antisemitismus abzukanzeln. Er praktiziert damit etwas, was er selbst fordert: Die „Versachlichung der Debatte“.

Das Buch ist für nichtkundige Neugierige sehr empfehlenswert, weil es die Antisemitismusdebatte innerhalb der deutschen Linken fair darstellt und beleuchtet. Der Autor lässt erkennen, dass er von einer plumpen entweder-oder-Haltung nicht viel hält. Sowohl ein weltbildhafter Antizionismus als auch eine bedingungslose Israel-Solidarität lehnt er ab.
Das Buch ist nur eine Einführung, deswegen bleiben einige Fragen zurück. Beispielsweise, warum es so eine Fixierung auf den Israel-Palästina-Konflikt gibt? Eine ähnliche Frage stellt sich ja in Bezug auf den Iran, der von antideutscher Seite vor ein paar Jahren als Thema entdeckt wurde. Seltsamerweise wurde dagegen die islamische Theokratie in Saudi-Arabien, die nicht weniger Unterdrückungs-Potenzial aufweist als der Iran, so gut wie gar nicht thematisiert.
Interessanterweise geht es heute auch gar teilweise nicht mehr so sehr um Inhalte, besonders bei der jüngeren Generationen in der israelsolidarischen Linken scheint es eine identitäre Phase zu geben, auf die später peinlich berührt zurückgeschaut wird. Damals als noch die Israelfahne überm Bett hing.
Spannend wäre auch die Frage, warum einige ältere Antideutsche in Bezug auf Linke nur noch Destruktivität an den Tag legen und sich dem bürgerlichen Mainstream andienen, aber dessen Positionen kaum noch kritisieren. Also in den Linken ihren neuen Hauptfeind entdecken und keine konstruktive Kritik an den Fehlern der Linken mehr üben wollen, sich also aus der Linken verabschiedet haben.

Buchkritik „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak

Das Büchlein „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ von Peter Nowak (Münster, 2013) ist ein guter Einstieg in den Nahost-Konflikt in der Linken in der Bundesrepublik.
Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken
Seit fast über zwei Jahrzehnten führt dieser Konflikt zur Polarisierung innerhalb der Linken. Älteren Szenegänger*innen kommt schnell mal ein Stöhnen über die Lippen, wenn am linken Stammtisch sich mal wieder eine Nahost-Diskussion Bahn bricht.
Nowak versucht die „Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken“ ausgewogen darzustellen. Wobei bei ihm mit Linken vor allem außerparlamentarische Linke gemeint sind.
Ohne falsche Loyalitäten oder Beschönigungen thematisiert Nowak auch jahrzehntelange Verdrängungsleistung in der Linken in Deutschland in Bezug auf den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Sehr lange wollte auch unter den Linken niemand, wenn es um TäterInnen ging, von „den Deutschen“ schreiben. Stattdessen wurde der Holocaust eher als eine Art Begleiterscheinung des Nationalsozialismus eingestuft, es dominierten auf linker Seite ökonomische und imperialismustheoretische Analysen.
Analog dazu ist Israel in der westdeutschen Linken spätestens seit 1967 eine Art Feindstaat. Die Wahrnehmung Israels als „Frontstaat des Westens“ oder schlimmer, ignoriert die Pluralität innerhalb des Staates, worauf laut Nowak Antizionismus-Kritiker*innen in der Linken hinweisen:

„Damit werde zudem ein einheitliches Israel konstruiert, in den kein Platz für dort lebende Kritiker_innen der israelischen Politik ist, lautete ein weiterer Einwand gegen den Holzhammer-Antizionismus.“ (Seite 14-15)

Nowak markiert die Zäsuren der Antisemitismusdebatte: die Goldhagen-Debatte, Walsers Paulskirchen-Rede 1998, die zweite Intifada ab Oktober 2000.
Doch die eigentlichen Wurzeln liegen tiefer in der Zeitgeschichte vergraben, nämlich in dem Ereignis, was in den offiziellen Annalen bundedeutscher Geschichtsschreibung als „Wiedervereinigung“ bezeichnet wird. Dagegen entstand in Westdeutschland eine antinationale Nie-wieder-Deutschland-Bewegung. Durch den geschichtsrevisionistischen Diskurs um die Bombardierung von Dresden nehmen auch in Ostdeutschland Linke antinationale Haltungen ein. Sie treten u.a. mit dem Motto „Keine Träne für Dresden“ auf. Mensch ist geeint im Kampf gegen deutsche Zustände:

„[…] viele aktive Antifaschist_innen in der dreifachen Frontstellung gegen Neonazis, Normalbürger_innen und Polizei teilten.“ (Seite 46)

Es ist die Zeit der Pogrome und fast täglichen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.
Auch im Buch erwähnt wird die Rolle das Magazins „konkret“. Angefangen hat die Rolle des Magazins beim zweiten Golfkrieg im Winter 1990 als der Irak Scudraketen auf Israel schießt, was aber von großen Teilen der Antikriegs-Bewegung genauso ignoriert wird, wie der Charakter von Saddam Husseins Regime. Dagegen schreiben die „konkret“-Autoren Gremliza und Pohrt. Doch „konkret“ hat keinen einseitige Kurs, sondern ist vielmehr ein Podium für Debatten.
Sowohl der zweite Golfkrieg als auch der jugoslawische Zerfallskrieg 1992 bis 1995 sorgen für weitere Spaltungen in der Linken. Diese übertragen sich auch auf einzelne Projekte. Die antiimperialistische Tageszeitung „junge Welt“ gebiert die undogmatisch-antideutsch-libertäre Wochenzeitung „Jungle World“.
Ende der 1990er Jahren kommt es zu einer Krise der autonomen Antifa-Bewegung und daraus resultiert eine Hinwendung zur Globalisierungskritik bei den einen und eine Hinwendung zur Ideologie- und Staatskritik bei den anderen. Bei letzteren kommt es zu einer verstärkten Beschäftigung mit Antisemitismus-Theorien. Kritik an Solidarität mit befreiungsnationalistischen, z.T. sogar islamistischen Bewegungen, führt dazu, dass sich aber viele wieder von der globalisierungskritischer Bewegung abwenden.
Es entsteht eine israelsolidarische Antifa, die sich mit den Resten dieses Nie-wieder-Deutschland-Spektrums verbindet.
Zu einer weiteren Spaltung kommt es mit den Septemberattentaten auf das World Trade Center. Daraus resultiert ab Herbst 2001 eine verhärtete Lagerbildung. Es kommt zur Herausbildung der einseitig israelsolidarischen Strömung innerhalb der Linken.
Im Kapitel „Palästinensertuch versus Israelfahne“ schreibt Nowak über die Veränderungen in Teilen der linken Szene:

„In den 80er Jahren gehörte das Palästinensertuch zu den Bekleidungsstücken vieler sich als links verstehender Menschen. Manche trugen es bewusst als Zeichen der Solidarität mit Palästina, manche sahen darin ein bequemes Kleidungsstück und waren erstaunt, dass ab Ende der 90er Jahre am Beginn von Antifademonstrationen Erklärungen verlesen wurden, in denen begründet wurde, warum Palästinensertücher nicht getragen werden sollten.“ (Seite 48-49)

Er kritisiert die Auswüchse einer bedingungslosen, also unreflektierten Israel-Solidarität. Als Beispiel führt er an, wie im Jahr 2002 das antideutsche Magazin „Bahamas“ die Streitschrift „Der Zorn und der Stolz“ der antimuslimischen Rassistin Oriana Fallaci verteidigte. Nowak betont aber, dass sich auch innerhalb der israelsolidarischen Linken viele gegen „Bahamas“-Positionen gewandt hätten.
Ein Teil der antideutschen Linken hätte durch die historische Brille den Islamismus nach dem 11. September als neuen Nationalsozialismus interpretiert. Die „Bahamas“-Fraktion sei nicht mehr gegen den deutschen Staat, sondern gegen Islamismus und teilweise auch gegen den Islam als solchen. Es wird eine Dualität „westliche Welt“ versus „Islam(ismus)“ konstruiert. Daraus resultierte eine bedingungslose Israel-Solidarität.
Nowak weist darauf hin, dass sich die BRD-Linke anfangs in der inner-israelischen Debatte noch auf Seiten der israelischen Linken positioniert hätte, nun aber einige antideutsche Linke sich auf der Seite der israelischen Falken und Israel-supporter aller Coleur positionieren würden:

„Die Kritiker_innen argumentierten nicht von der Position einer grundsätzlichen Solidarität mit der israelischen Politik, sondern der Unterstützung der Friedens- und Frauenbewegung und der israelischen Linken.“ (Seite 15)

Dabei erwähnt Nowak, dass eine Unterstützung Israels nicht anti-antisemitisch motiviert sein muss:

„Wie schon während des Kalten Krieges wurde nun wieder die Auseinandersetzung um Israel von weltpolitischen Fragen überformt, die weder direkt mit Antisemitismus noch mit dem Kampf verschiedener Gesellschaften um dasselbe Land zu tun hatten. Diese ideologische Aufladung führte aber dazu, dass die Verteidigung Israels bis weit ins rechte Lager propagiert wurde. […] Die Erkenntnis, dass jemand ein hundertprozentiger Verteidiger Israels und Antisemit sein kann, wurde meist ignoriert. […] Nicht wenige Ex-Nazis und Rechtskonservative gerierten sich in der BRD als Partner Israels, hatten aber ihren Antisemitismus nur notdürftig übertüncht. Die Kooperation mit Israel korrespondierte bei ihnen weder mit einem Aufarbeiten der deutschen Verbrechensgeschichte gegenüber den Juden noch aus einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sondern war außenpolitischen Interessen in der damaligen Ost-West-Auseinandersetzung geschuldet.“ (Seite 50-51)

Auf der anderen Seite gäbe es in der Linken auch eine bedingungslose Palästinasolidarität und grenzenloser Antizionismus.
Bei seiner Kritik schreibt Nowak nicht von strukturellen Antisemitismus, sondern lieber von potenzieller Anschlussmöglichkeit an antisemitische Denkmuster. Ebenso schreibt er eher von Grauzonen oder regressive Israelkritik und regressive Antizionismus als alles als hundertprozentigen Antisemitismus abzukanzeln. Er praktiziert damit etwas, was er selbst fordert: Die „Versachlichung der Debatte“.

Das Buch ist für nichtkundige Neugierige sehr empfehlenswert, weil es die Antisemitismusdebatte innerhalb der deutschen Linken fair darstellt und beleuchtet. Der Autor lässt erkennen, dass er von einer plumpen entweder-oder-Haltung nicht viel hält. Sowohl ein weltbildhafter Antizionismus als auch eine bedingungslose Israel-Solidarität lehnt er ab.
Das Buch ist nur eine Einführung, deswegen bleiben einige Fragen zurück. Beispielsweise, warum es so eine Fixierung auf den Israel-Palästina-Konflikt gibt? Eine ähnliche Frage stellt sich ja in Bezug auf den Iran, der von antideutscher Seite vor ein paar Jahren als Thema entdeckt wurde. Seltsamerweise wurde dagegen die islamische Theokratie in Saudi-Arabien, die nicht weniger Unterdrückungs-Potenzial aufweist als der Iran, so gut wie gar nicht thematisiert.
Interessanterweise geht es heute auch gar teilweise nicht mehr so sehr um Inhalte, besonders bei der jüngeren Generationen in der israelsolidarischen Linken scheint es eine identitäre Phase zu geben, auf die später peinlich berührt zurückgeschaut wird. Damals als noch die Israelfahne überm Bett hing.
Spannend wäre auch die Frage, warum einige ältere Antideutsche in Bezug auf Linke nur noch Destruktivität an den Tag legen und sich dem bürgerlichen Mainstream andienen, aber dessen Positionen kaum noch kritisieren. Also in den Linken ihren neuen Hauptfeind entdecken und keine konstruktive Kritik an den Fehlern der Linken mehr üben wollen, sich also aus der Linken verabschiedet haben.

Buchkritik „Der Geschmack von Wasser“ von Emmi Itäranta

Die finnische Autorin Emmi Itäranta zeichnet mit ihrem Roman „Der Geschmack von Wasser“ (München, 2014) ein postapokalyptisches Szenario. In einer fernen Zukunft gibt es kaum noch Wasser auf der Erde. Deswegen ist es streng rationiert von einem Staat, der sich nach und nach für die/den Leser/in als Militärdiktatur entpuppt.
Diese Zukunft lebt zum Teil von den Resten der Vergangenheit, die z.B. von einem Plastikschmied repariert werden. Da die Insekten in der Zukunft zur Dauerplage geworden sind tragen alle ständig Insektenhüte, außerdem gibt es in jeder Wohnung Insektenvorhänge und -wände. Da selbst Plastik selten geworden ist, wurde Seegras zu einem wichtigen Baustoff und das Licht kommt aus Leuchtkäfer-Laternen.
Hauptprotagonistin des Romans ist Noria, die als Teemeisterin in die Fußstapfen ihres Vaters tritt. Zwar spielt die Handlung auf dem Gebiet des heutigen Finnlands, aber die „Skandinavische Union“, zu der auch das Heimatdorf von Noria gehört, ist Teil von Neu-Qian, einem asiatischen Imperium, in dem Städte wie Neu-St.Petersburg und Mos Qa liegen. Teemeister sind ein wichtiger Bestandteil des traditionellen Gesellschaftsaufbaus von Neu-Qian. Darüber hinaus sind sie die geheimen Hüter/innen des Wassers. In Norias Fall handelt es sich dabei konkret um eine Süßwasserquelle, deren Stelle sie von ihrem Vater anvertraut bekommt.
Auch entdeckt sie mit ihrer Freundin durch Artefakte der ‚Alten Zeit‘, dass das ‚Jahrhundert der Dämmerung‘, die in die Katastrophe, anders war, als offiziell behauptet wird. Außerdem glaubt Noria, dass in den ‚verlassenen Lande‘, deren Betreten verboten ist, noch weitere Quellen existieren könnten.
Ein lesenswerter, dystopischer Roman, der aufzeigt wie eine Welt ohne Wasser aussehen könnte.

Emmi Itäranta: Der Geschmack von Wasser, München 2014

Berbermord in Tübingen

In der eigentlich sehr friedlichen Kleinstadt Tübingen kommt es zu einem Mord. Opfer ist nicht etwa ein bekannter Tübinger Professor, sondern ein Obdachloser, von dem man anfangs nur seinen Spitznamen kennt: „Wolfi“.
So fängt der 2013 erschienene Krimi „Berbertod“ von Werner Bauknecht an. In ihm begeben sich die Tübinger Kripo-Kommissare Gerd Stammler und Monika Berger unter ihrem Chef Christian Löffler auf Tätersuche. An einer Stelle heißt es:

„Wir sind CSI, bloß auf tübingerisch.“ (S. 251)

Da Obdachlose am Rande der Gesellschaft leben, ist es mühsamer ihr Leben zu recherchieren, wie auch das Trio von der Polizei feststellen muss. Ihre Spurensuche führt sie zu den öffentlichen Plätzen, an denen sich die Berber der Stadt tagsüber aufhalten, in das Männerwohnheim oder in die Sozialwohnungen. Auch in der schmucken Universitätsstadt am Neckar gibt es nämlich Armut.
Unklar ist das Motiv hinter dem Mord. War es sozialdarwinistisch motivierte Gewalt gegen Obdachlose?
Das Buch enthält etwas, was anderen Büchern häufig fehlt: Geruchsbeschreibungen. Etwa wenn von dem, nach „Altmännerschweiß“ riechenden Wohnheim die Rede ist.
In „Berbertod“ finden sich immer wieder vergnügliche Spitzen gegen die Tübinger Akademiker-Kaste und das Biomüslibürgertum der Stadt. Auch dem Ermittler Christian Löffler ist das Spezielle an Tübingen aufgefallen:

„Der Hauptkommissar seufzte. Dieses Seufzen hatte er sich in Tübingen angewöhnt. In Hamburg war das nicht nötig gewesen. Das Tübinger Leben in seinem Inseldasein war da schon von anderem Kaliber. Es war eine Seufzerstadt.“ (S. 107)

Witzig wird es, wenn die Berber im Buch über das „faule Studentenpack“ schimpfen, was ihnen im Park den Platz wegnimmt, oder wenn Klaus Löffler, der Vater von Christian, erzählt, wie er das Tübinger Akademikertum mit falschen Zitaten vorführt:

„Dann stehen sie da, und nicken weise mit dem Kopf. Sozusagen als Bestätigung dieser ungeheuren Weisheit. […] Alle keine Ahnung, aber große Klappen. Tja, das ist halt Tübingen. Alles Schaumschläger und Radfahrer.“ (S. 85)

Etwas sehr holzschnittartig haben Vertreter der antirassistischen Linken im Buch einen Gastauftritt. Hintergrund ist u.a. die lokale Diskussion um die Verwendung des Begriffes „Mohrenkopf“. Dass die Leserbrief-Auseinandersetzung KritikerInnen des Begriffs Briefe mit Drohungen einbrachte, ging an dem Autor offenbar vorbei. Dieser nutzt die Diskussion lediglich als Vorlage um Kritik an diesen Begriffen in seinem Buch ins Lächerliche zu ziehen. Auch die einem Protagonisten in den Mund gelegte Aussage „Es gibt vermutlich keine nazifreiere Kommune in Deutschland.“, darf angezweifelt werden. Immerhin hat der bundesweit bedeutsame extrem rechte Hohenrain-Verlag seit Jahrzehnten seinen Sitz in Tübingen.
Bauknecht liefert mit „Berbertod“ einen authentischen Provinzkrimi, der für Tübingen-KennerInnen voller Lokalkolorit, Details mit Wiedererkennungs-Faktor und Anspielungen steckt, etwa wenn vom „radelnden Oberbürgermeister“ die Rede ist. Die Dialoge sind über längere Strecken in Schwäbisch und machen die Szenerie authentisch. Im zweiten Teil des Buches wird aber schnell klar, wer hinter den Morden steckt, wodurch die Spannung gemindert wird, da es letztendlich nur noch um den Beweis geht, den die Polizei finden muss. Deren VertreterInnen werden fast durchweg nur positiv beschrieben. Dabei haben in anderen Städten in der Realität PolizistInnen Anteil an der Verdrängung von Obdachlosen und BettlerInnen aus den Innenstädten. Vielleicht kann der Autor in seinem nächsten Tübingen-Krimi ja mal einen autoritären Staatsdiener auftreten lassen?
„Berbertod“ ist bis dahin aber ein Lestipp, und zwar sowohl für Tübingen-Liebhaber, wie für Tübingen-Überdrüssige.

Werner Bauknecht: Berbertod. Ein Tübingen-Krimi, Reutlingen 2013

Buchkritik „Mirage“ von Matt Ruff

Was wäre wenn die Geschichte und damit die Gegenwart anders verlaufen wäre? Kontrafaktische Bücher enthalten solche spannenden Gedankenspiele. In „Mirage“ von Matt Ruff sind nicht die „Vereinigten Staaten von Amerika“, sondern die „Vereinigten Arabischen Staaten“ (VAS) mit 360 Millionen EinwohnerInnen die wichtigste Weltmacht. Die Mitgliedsstaaten der VAS heißen nicht Florida oder Kalifornien, sondern Katar, Sudan, Mauretanien, Jordanien, Kuwait, Ägypten und Palästina. Israel existiert auch in dieser Welt, aber nicht im Nahen Osten, sondern in Mitteleuropa. Nach dem Kriegsende wurde Deutschland in einen christlichen und einen jüdischen Staat aufgeteilt. Zu dem Israel in Mitteleuropa gehören Berlin und Frankfurt. Doch die jüdischen Siedlungen im Rheinland und in Bayern werden immer wieder von deutschnationalen und christlichen Terroristen attackiert. Zur Strafe bombardiert Israel dafür Wien. Die anderen europäischen Staaten sind Israel feindlich gesinnt, doch nur der britische Premierminister David Irving ruft noch offen zur Vernichtung Israels auf – eine offenkundige Anspielung auf den ehemaligen iranischen Präsidenten und Holocaustleugner Ahmadinedschad.
Daneben existieren in dieser literarischen Parallelwelt Staaten wie Persien, Kurdistan, New Mexiko, Coahuila oder die „Christlichen Staaten von Amerika“, die von der „Christlichen Demokratischen Partei“ regiert werden. Diese Christlichen Staaten versuchten zu expandieren und griffen deswegen ihre Nachbarstaaten an: Die „Evangelikale Republik Texas“, das „Pfingstliche Herzland Gilead“, das Oklahoma-Territorium das „Königreich Missisippi“ und das „Königreich Louisiana“. Weiter westlich leben die wilden Stämme der Rocky Mountains und die Mormonen. Aus dem Krieg der „Christlichen Staaten von Amerika“ mit der „Evangelikalen Republik Texas“ entstand der Golf-von-Mexiko-Krieg. Die VAS intervenieren auf der Seite von Texas und Texas gewinnt den Krieg. Als die „Christlichen Staaten von Amerika“ verlieren unterstützen sie angeblich das Attentat vom 9. November 2001 auf die Twin Towers in Bagdad. In Reaktion darauf marschieren Truppen der VAS in die „Christlichen Staaten von Amerika“ ein und besetzen u.a. Washington, wo eine grüne Zone eingerichtet wird.
Innerhalb der VAS gibt es unterschiedliche Machtgruppen und Interessengruppen. Mitglieder der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung diskriminieren teilweise Schiiten, Juden und Christen. Dagegen engagiert sich die „Arabische Bürgerrechtsunion“. Im Irak existiert die Baath-Gewerkschaft unter dem Alkoholschmuggler Saddam Hussein, die große Teile der organisierten Kriminalität kontrolliert. Osama bin Laden ist dagegen ein Senator in der VAS-Hauptstadt Riad und hat die geheime Antiterrororganisation „Al-Qaida“ gegründet.
Soweit das setting zu einem Krimi, der gegen Ende hin stärkere Fantasy-Elemente aufweist. Der Krimi ist nicht nur gut und spannend geschrieben. Das setting ist auch sehr einfallsreich konstruiert und weist für Kenner*innen allerhand witzige Anspielungen auf. Statt Photoshop, Ebay und Wikipedia gibt es in dieser Parallelwelt ‚Fotobasar‘, ‚e-Basar‘ und die elektronische ‚Bibliothek von Alexandria‘. Auch witzig ist es, wenn Ruff über die christlichen GastarbeiterInnen in der VAS schreibt. Oder das im Fernsehen eine populäre Serie namens „24/7 Jihad“ läuft.
In Reaktion auf die Anschläge vom 9. November wurde das „arabische Heimatschutzministerium“ gegründet. Für dieses arbeiten Mustafa al-Bagdadi, Samir und Amal, eine Tochter der Bürgermeisterin von Bagdad, der ersten Schiitin und Frau in diesem Amt. Früher arbeiteten diese drei bei der Halal-Behörde, ein Amt zur Durchsetzung der Prohibition gegen die muslimische Mehrheitsbevölkerung. Denn die VAS ist nicht einfach eine USA im Nahen und Mittleren Osten. Sie hat durchaus ihre Besonderheiten. Es gibt einige Protagonisten im Buch mit Zweitfrauen, Homosexualität steht unter Strafe und es gibt ein Alkohol-Verbot, was aber von vielen säkularen Muslimen missachtet wird.
In dieser Welt ermitteln in Bagdad die AgentInnen des „arabischen Heimatschutzministerium“ auf der Spur von christlichen Terroristen und stolpern dabei über geheimnisvolle Artefakte aus einer Parallelwelt, in der die USA Weltmacht sind und die arabischen Staaten einzeln und machtlos. Hier hat sich Ruff ganz offensichtlich von dem Buch „Das Orakel vom Berge“ von Philip K. Dick inspirieren lassen.
Ein herrlicher Leseschmaus voller Hintergründigkeiten für den/die, der/die sie zu erkennen vermag!



Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (46)