Buchkritik „Bitch Doktrin“ von Laurie Penny

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Im Jahr 2016 verfasste die britische Feministin und Journalistin ihr Buch „Bitch Doktrin“, welches 2017 auf Deutsch erschien. Es handelt sich um eine ambitionierte Streitschrift gegen die patriarchalen Zustände in dieser Welt und gegen die mit diesen verwobene Wirtschaftsform. An einer Stelle benennt Penny ihn konkret als „Kamikaze-Kapitalismus“. Das Buch ist ein Aufruf zum Widerstand, besonders gegen „Gender-Repression“ und „Gender-Essentialismus“.
Die Frauenfrage hält sie – zu Recht – für fundamental:

„Ich sage euch, warum die Thematik so wichtig ist. Wenn wir Frauen nicht gewinnen. Gewinnt niemand. Wen Queere, an den Rand Gedrängte, Freaks und Außenseiter nicht frei leben können, dann sind unsere Freiheiten das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.“

(Seite 11-12)
Denn das Patriarchat zerstört gerade die Welt:

„Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass toxische Männlichkeit die Welt zerstört. Wir Feminist*innen laufen natürlich schon seit Jahren in in unserer schrillen hysterischen Art dagegen Sturm, doch vor der Wahl Donald J. Trumps, vor den Wahlerfolgen der Ultrarechten nahm uns niemand ernst.“

(Seite 12)
Gleichzeitig ist ihr Buch ein Appell zur Einheit innerhalb der linken und feministischen Bewegung. Sympathisch ist dass sie ihre Stimme auch für Transmenschen, Genderqueer und Intersexuelle erhebt und auf deren besonders problematische Lage hinweist:

„Jüngsten Studien zufolge wurden 25 Prozent ihnen wegen ihres Gendersstatus körperlich attackiert, Hunderte werden jedes Jahr ermordet. Bis zu 50 Prozent der Trans-Teenager unternehmen einen Selbstmordversuch.“

(Seite 186)
Vieles, was Penny schreibt ist nicht neu, aber sie als bekannte Autorin popularisiert Feminismus in breiten Leser*innen-Schichten.
Penny diskutiert und bejaht Polyamorie und Sexarbeit in überzeugender Weise.
Sie kritisiert die Verlogenheit im Bereich Sexualität. Frauen ohne Partner sind „alte Jungfer“ und Männer ohne Partnerinnen gelten als „Junggesellen“. Denn noch immer gilt Mann als Synonym für Mensch.
Sie empfiehlt heterosexuelle Frauen das Single-Dasein als bessere Variante zur ungleichen Paar-Beziehung und Kinderkriegen:

„Ich liebe Kinder, aber nicht so sehr, dass die damit verbundene Arbeit, der Schmerz, die Sorgen und die eingebüßten Chancen es mir wert wären – im Moment nicht, vielleicht auch nie.“

(Seite 72)
Sie nimmt Stellung zum Thema Quote und Leistungen. Sie bejaht aus taktischen Gründen die Quote:

„In einer idealen Welt wären Quoten überflüssig. In einer idealen Welt, einer echten Leistungsgesellschaft, würden die fähigsten Menschen aufsteigen, und das brächte automatisch Vielfalt mit sich. Aber womöglich führt der einzige Weg in eine Welt, in der Quoten überflüssig sind, über Quoten.“

(Seite 105)
Sie kritisiert Genderkontrolle und Vergewaltigungskultur, sowie das „Anspruchsdenken der [männlichen] Nerds“.
Ebenso kritisiert sie das die Vielfalt von Frauen nicht abgebildet wird und will das Frauen* und Mädchen „nicht schön sein müssen“. Bis heute ist für Frauen* Perfektionismus eine Anpassungsstrategie:

„Für Frauen bedeutet »sich Mühe geben« ein teures, zeitraubendes und schmerzhaftes Prozedere mit Schneiden, Bleichen, Färben, Rasieren, Zupfen, Hungern, Trainieren und der richtigen Wahl der Kleidung, die den gewünschten Eindruck vermittelt, ohne dass frau aussieht wie eine Schaufensterpuppe.“

(Seite 156)

Manchmal nimmt die Autorin Bezug auf englischsprachige Diskurse, die beim deutschsprachigen Publikum zum Teil unbekannt sein dürften. Bestimmte Diskussionen und Akteur*innen muss sich die/der durchschnittliche Leser*in in der Bundesrepublik erst selber recherchieren.
Auch bezieht sie sich immer wieder gerne auf Statistiken:

„In Studien wurde nachgewiesen, dass Frauen, die weniger wiegen, unabhängig von der Einkommensklasse für dieselbe Arbeit mehr Geld erhalten und bessere Aufstiegschancen haben als schwerere Frauen. Fähige mächtige Männer dürfen in Politik, Wirtschaft und Kultur dick und schlapp werden, wohingegen Frauen, die es wagen, einen hochkarätigen Job anzunehmen, damit rechnen müssen, stets nach ihrem Aussehen beurteilt zu werden: Wir sind entweder zu unattraktiv, um akzeptiert zu werden, oder zu hübsch, als dass wir etwas beizutragen hätten.“

(Seite 156-157)
In beiden Fällen wären Fußnoten hilfreich gewesen. Manchmal hätte man schon gerne den Titel der Umfrage oder ihr Erscheinungsjahr erfahren.

Abgesehen vom Inhalt ist Pennys Sprache an manchen Stellen einprägsam, schön und von literarischer Qualität:

„Oft hört man von den »Wellen« des Feminismus. Ich habe den Feminismus nie so gesehen. Für mich ist er keine Abfolge von Wellen, sondern ein großer grollender Tsunami, der sich behäbig über eine Einöde allgemein akzeptierter Annahmen wälzt und alte Gewissheiten fortschwemmt.“

(Seite 23)

„Für mich ist Feminismus so gut wie jedes Viagra. Der Feminismus schenkte mir in Jahren des Wachsens und Lernens nach das Selbstvertrauen, Anspruch anzumelden auf meinen eigenen Körper und mein eigenes Begehren, wie auch die Stärke, nein zu sagen, wenn mir eher nach einer Tasse Tee und Kuscheln zumute war.“

(Seite 200)

Immer wieder blickt sie auf das Patriarchat im Westen:

„In Ländern wie Irland, Spanien und den USA ist der Frauenkörper nach wie vor ein Kriegsschauplatz des rechtsgerichteten Patriarchats im Kampf um moralische Vorherrschaft.“

(Seite 195)
Ihre Kritik an den „mächtigen weißen Männern“ macht im Westen Sinn, in Ostasien etwa sind andere Männer die Machthalter. Leider sagt sie das nicht.

Leider gibt es in „Bitch-Doktrin“, anders als bei „Fleischmarkt“ und „Unsagbare Dinge“ auch ein paar Punkte zu kritisieren. So muss man Penny nicht in allen ihren Ausführungen folgen. So ignoriert ihre Kritik an Indentitätspolitik, dass diese Kritik besonders an bestimmten Ausformungen in Teilen differenzierter daher kommen kann.
Befremdlich wirkt auch ihre Verniedlichung und Verharmlosung von Angriffen auf die Presse:

„Wer in diesen Tagen im »Journalisten«-Outfit loszog, dem wurde die Kamera zertrampelt und die Zähne eingeschlagen von Kids, die genau wussten, dass die große Mehrheit der britischen Mainstream-Presse als Rowdys und Hooligans abstempeln würde, denn unter der Maske der Objektivität ging das schon seit Jahrzehnten so, und den Kids war mittlerweile alles egal.“

(Seite 98)
Offenbar findet es Penny irgendwie gerechtfertigt, wenn „Kids“ – es sind wohl eher Halbstarke – Journalist*innen die Zähne einschlagen, weil sie in der Tendenz nicht vorurteilsfrei über die Subalterne berichten. Sie rechtfertigt und rationalisiert hier das Ressentiment gegen Medien und dessen Folgen.
Bei ihrer These, die „Lebensschützer“ wollten im Grunde eigentlich Frauen für ihre freie Sexualität bestrafen, indem sie sie zum schmerzhaften Gebären zwingen würden, ist falsch. Penny führt hier an dass von diesen „Lebensschützer“ ja eine Ausnahme in Fällen von Schwangerschaften in Folge einer Vergewaltigung gemacht würden:

„Die Linie eines »Verbots mit Ausnahmen« gehört standardmäßig zur Argumentation konservativer Abtreibungsgegner in den USA und anderswo, und angesichts seiner Scheinheiligkeit bleibt einem glatt die Spucke weg. Wenn einer wirklich und wahrhaftig glaubt, dass ein Fötus tatsächlich ein autonomes Wesen ist, warum sollte er dann wie von Zauberhand keins mehr sein, wenn die Mutter dem Geschlechtsverkehr nicht zugestimmt hat?“

(Seite 205)
Daraus folgert Penny dass es im Grunde ja doch nicht um die Rettung der „Ungeborenen“ gehen würde. Denn auch bei einem „Ungeborenen“ infolge einer Vergewaltigung handle es sich ja nach dem Weltbild der „Lebensschützer“ um schützenswertes Leben. Doch gerade den christlich motivierten „LebensschützerInnen“ geht es tatsächlich darum dass nach ihrer Interpretation ihrer religiösen Schriften das Leben mit der Befruchtung beginnt. Deswegen sind in einigen streng katholischen Ländern auch Abtreibungen nach Vergewaltigungen nicht erlaubt. Diese Ausnahme bei manchen „LebensschützerInnen“ ist eher ein zähneknirrschendes Zugeständnis.
Kritischen Leser*innen stoßen sicher auch ihre Vokabeln „Körperfaschismus“ und „Geschlechterfaschismus“ auf. Die dominanten Körpernormsetzungen müssen auf jeden Fall kritisiert werden. Aber ob das etwas mit Faschismus zu tun hat, ist mehr als fraglich.

Penny erzählt wie es für sie emotional anstrengend war, wenn die Kritik von der Seite kam, auf der sie sich selber sieht. Sie behauptet aber generell das es in Diskussionen um das Thema Political Correctnes etc. es den Rechten und Reaktionären nur um Machterhalt ginge und die Linken generell nur differenzierte Kritik üben würden. Das ist aber zu einfach. Hier unterschätzt sie das Internet und seine Dynamiken. Es sind eben nicht mehr nur ein paar Beschwerdebriefe mit differenzierter Kritik, sondern sehr schnell werden hunderte bis tausende Kommentare mobilisiert. Auch bei gerechtfertigter Kritik versteigen sich hier manche schnell im Ton. Zumal auch auf linker Seite die Fehlertoleranz zum Teil eher gering ist. Da das Internet unmittelbar funktioniert erreicht die Kritisierten der Frust ihrer Kritiker*innen sofort und ungefiltert. Das kann auch bei einer berechtigten Kritik zu Ausfällen führen und die kritisierte Person zu Recht anstrengen und verstören.

Verwunderlich ist auch ihr sehr optimistisches Loblied auf eine neue Generation von Aktivist*innen. Andere und kritischere Beobachter*innen sehen eher eine entpolitisierte und entsolidarisierte Generation, die im Einzelkämpfer*in-Modus versucht im Eissturm des Kapitalismus zu überleben.

Natürlich ist Penny trotz aller Detailkritik sehr lesenswert. Allerdings findet sich in diesem Buch mehr zu Kritisieren als in „Fleischmarkt“ oder „Unsagbare Dinge“, ihrem bisher besten Buch, welches auf Deutsch erschienen ist.

Laurie Penny: Bitch Doktrin, Hamburg 2017.

Buchkritik „Rot“ von Uwe Timm

Rot von Uwe Timm
Im Jahr 2001 erschien der Roman „Rot“ von Uwe Timm. In diesem schildert er wie ein alt gewordener Revoluzzer, ein Alt-68er eine Affäre mit einer jüngeren Frau, Iris, eingeht. Dieser Thomas Linde, Jahrgang 1945, wird durch seine Beziehung zu der jüngeren Frau zur Selbstreflexion gezwungen. Ebenso durch das Auftauchen eines ehemaligen Genossen namens Aschenberger. Dieser ist tot, spielt aber im Buch eine wichtige Rolle, da Linde den Nekrolog auf ihn halten soll. Denn er ist von Beruf Beerdigungsredner. Stellenweise wird auch klar dass größere Teile des Buches eigentlich eine Ansprache ans Trauerpublikum sind.
Aschenberger und Lindes Leben stehen für zwei unterschiedliche Wege. Aschenberger ist seinen alten Idealen bis zuletzt treu geblieben, wirkte aber aus Lindes Sich dadurch versteinert. Linde dagegen hat wie viele andere ehemalige Genoss*innen sich ins Bürgertum integriert. Das Motto lautet gewissermaßen ‚Rotwein statt Revolution‘! Man ist vom Kommunismus zum Konsumismus konvertiert:

„[…] ballt nicht mehr die Faust in der Tasche, sammelt keine Eisenmuttern mehr, um damit die Scheiben der Bank einzuwerfen, nein, er hat dieses Haus geklauft – habe ich geklauft gesagt? – mit einem Bausparvertrag von eben dieser Bank, deren Scheiben er vor dreißig Jahren eingeworfen hat […].“

(Seite 289)
Diese Veränderung verlief schrittchenweise:

„Die Trägheit der Herzen, die Feigheit bei den kleinen Entscheidungen im Alltag, das erlaubt den Mächtigen, mächtiger zu werden.“

(Seite 279)
Linde befindet sich, verstärkt durch seine Beschäftigung mit Aschenberger, in einer Midlife Crisis. Das seine Geliebte einen Mann hat, der nichts von der Affäre weiß, macht sein Leben nicht eben einfacher.

Älter heterosexuelle Schriftsteller scheinen eine starke Vorliebe für Geschichten von älteren Männern mit jungen Geliebten zu haben. Ihre Bücher dienen ihnen als Projektionsfläche ihrer Wünsche. So auch bei Uwe Timm. Das ist für sich genommen noch nicht schlimm, auch wenn einen diese Altersgeilheit manchmal anödet. Leider sind die Frauenfiguren dadurch eher eindimensional und werden vor allem nur als verführerisch beschrieben. Auch bei Timm sind die Frauen vor allem Lustobjekte, die vor allem über ihr Aussehen eingeführt werden. Vielleicht ist das auch ehrlich, weil sie aus der Sicht eines älteren Mannes beschrieben werden. Es wäre jedoch nett ihnen ein wenig mehr Handlungsfähigkeit und Charakter zu verleihen.
Insgesamt ist „Rot“ gut geschrieben und liest sich schnell und flüssig. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Uwe Timm: Rot, München 5. Auflage 2005.

Buchkritik „Der blinde Mörder“ von Margaret Atwood


Das Original „Der blinde Mörder“ von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood erschien im Jahr 2000. Es ist ein Roman von knapp 700 Seiten, der mehrere Ebenen besitzt.
Zum einen ist da die Perspektive einer alten Frau, Iris Chase, die ihr Leben 1998 und 1999 als Seniorin mit wachen Geist in alten Körper schildert. Dann ist ihr Rückblick auf ihre Jugend mit ihrer Schwester und die Ehe.
Zu guter Letzt ist noch der titelgebende Fantasy-Roman „Der blinde Mörder“ ihrer Schwester.
Die Autorin, Laura Chase, beging mit 25 Jahren Selbstmord. Ihr Debüt-Roman erschien posthum.

Die beiden Schwestern Iris und Laura Chase wachsen in einer kanadischen Provinzstadt als Töchter eines Knopf-Fabrikanten auf. Ihre Mutter verstirbt infolge einer Fehlgeburt. Bis dahin verläuft ihr Leben behütet und isoliert. Der Vater ist mit seinen Töchtern überfordert und wird infolge seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg nachhaltig traumatisiert. Er fängt an zu trinken und wird Atheist:

„Aber etwas viel Schlimmeres war geschehen: mein Vater war jetzt Atheist. Über den Schützengräben war Gott zerplatzt wie ein Luftballon, und nichts war von ihm übrig geblieben als ein paar schmuddelige kleine Fetzen der Heuchelei. Die Religion war nur ein Knüppel, mit dem man auf die Soldaten einprügeln konnte, und jeder, der etwas anderes behauptete, war ein frömmlerischer Schwätzer.“

(Seite 108)
Um sein Unternehmen zu retten verheiratet er seine älteste Tochter, die Ich-Erzählerin, an seinen Konkurrenten Richard E. Griffin. Es ist keine Zwangsheirat, sondern eine Zweckheirat, der die Tochter aus Gehorsam zustimmt. Nachts im Bett herrscht aber dann doch der Zwang. Richard misshandelt und vergewaltigt seine sehr viel jüngere Frau:

„Und das war die Decke, die ich von nun an anstarren würde, durch den Nebel aus Musselin, während unterhalb meiner Kehle irdische Dinge vor sich gingen.“

(Seite 411)

„Meine Aufgabe bestand darin, die Beine breit zu machen und den Mund zu halten.“

(Seite 444)
Ihm hilft bei der Zurichtung seiner Frau und seinen ambitionierten Plänen seine Schwester Winifred. Diese versucht die Frau ihres Bruders gesellschaftsfähig zu machen. Wichtig ist vor allem die Präsentation, wie die Ich-Erzählerin auch feststellt:

„Meine Aufgabe bestand darin zu lächeln.“

(Seite 409)
Gleichzeitig soll auch aus der jüngeren Schwester, nunmehr Laura Griffin, eine Dame gemacht werden. Doch Laura ist eigensinnig und von naiver Ehrlichkeit. Die spätere Verfasserin von „Der blinde Mörder“ rebelliert und verweigert sich.
Schließlich begeht sie mit 25 Jahren Selbstmord. Das ist für Iris das Startsignal, sich selber von Richard und dessen Schwester Winifred loszusagen.
Zwischen diesen Rückblicks-Erzählungen und den Schilderungen des Lebens als alte Frau werden die Treffen eines Liebespaares beschrieben, in welchem der Mann seiner heimlichen Geliebten eine ausgedachte Geschichte auf dem Planeten Zykron erzählt. Diese ist zwar in vielen Dingen gewollt sehr klischeehaft, aber andererseits auch sehr ideenreich und spannend. So dass die Leserin/der Leser auch bei dieser Geschichte durchaus wissen will, wie sie ausgeht.

Der Roman beschreibt spannend ein Frauenschicksal der Oberschicht. Die Hauptprotagonistin kämpft sich langsam frei aus der ihr zugedachten Rolle. Atwood beschreibt ihr Schicksal einfühlsam und streift immer wieder das Patriarchat kritisch, wie etwa in folgenden Sätzen:

„Männer hatten damals Bedürfnisse; sie waren zahlreich, diese Bedürfnisse; sie lebten unterirdisch in den dunklen Winkeln und Nischen des Wesens eines Mannes, und hin und wieder sammelten sich ihre Kräfte und machten einen Ausfall, wie eine Rattenplage. Sie waren so gerissen und stark, wie konnte man von einem echten Mann erwarten, dass er gegen sie ankam? Das war die Doktrin, laut Winifred, und – um fair zu sein – auch laut einer Menge anderer Leute.“

(Seite 633)
Ein Lesetipp!!!

Margaret Atwood: Der blinde Mörder, Berlin, 2. Auflage 2014.

Buchkritik „Inside AfD“ von Franziska Schreiber

Buch
Das in diesem Jahr erschienene Buch „Inside AfD“ von Franziska Schreiber wird im Untertitel als „Der Bericht einer Aussteigerin“. Ob Schreiber tatsächlich eine Aussteigerin ist, bleibt nach der Lektüre mehr als fraglich. Dazu weiter unten mehr.
Ausgestiegen ist sie aber unzweifelhaft aus der AfD, in welcher sie im Juni 2013 Mitglied wurde. Zehn Tage vor der Bundestagswahl 2017 ist sie dann nach einem Wahlaufruf zugunsten der FDP ausgetreten. Ihre eigene Partei war ihr unheimlich geworden.
Über ihre vier Jahre in der AfD hat Schreiber nun ein Buch von knapp 200 Seiten verfasst. Da Schreiber zeitweise sächsische Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ und sowohl im Team von Frauke Petry als auch im Büro von Marcus Pretzell, damals Europaabgeordneter für die AfD, mit arbeitete, kann sie der Leserin/dem Leser ein paar spannende Inneneinsichten geben.

Zuerst skizziert die Autorin ihre Biografie und wie sie über eine Politverdrossenheit und eine neoliberale Einstellung zur AfD findet. Durch den Personalmangel bedingt wird sie hier schnell stellvertretende und schließlich Landesvorsitzende der „Jungen Alternative“ (JA). In dieser Funktion verfasst sie große Teile des Programms der JA Sachsen.
Zwar behält Schreiber einige Interna für sich, so deutet sie beispielsweise wichtige SpenderInnen nur an. Trotzdem erfährt man durch die Lektüre einige Interna.

Der Skandal, dass der VS-Chef der AfD-Vorsitzenden Ratschläge gab, schaffte es durch Schreibers Buch ja in die Schlagzeilen. Konkret schreibt sie in ihrem Buch:

„Das Bundesamt für Verfassungsschutz sah das allerdings anders, Frauke Petry war schon im Herbst 2015 bewusst, dass die Partei in den Fokus des Inlandgeheimdiensts rückte. Dessen Chef, Hans-Georg Maaßen, wandte sich an sie, schrieb das Magazin Der Spiegel Monate später. Petrys Bestreben, den saarländischen Landesverband wegen Überschneidungen mit dem rechtsextremen Milieu auflösen aufzulösen, sei auf Hinweise des obersten Verfassungsschützers zurückzuführen. Petry hat dies öffentlich immer bestritten – auf Maaßens Wunsch hin.
Tatsächlich trafen sich die beiden mehrfach, sie sprach in meiner Gegenwart sehr wohlwollend von den Zusammenkünften und von ihm. Die beiden schienen so etwas wie Sympathie füreinander entwickelt zu haben. Viel wichtiger aber: Hans-Georg Maaßen signalisierte Petry, wenn die Partei mit einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu rechnen hatte, und er sagte ihr, was sie dagegen tun müsse. Mindestens zweimal ging es dabei darum, dass der Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke einleiten müsse, weil sonst die Beobachtung und eine Nennung im Verfassungsschutzbericht unvermeidbar seien. Es sei nicht entscheidend, so erläuterte es Maaßen, dass es tatsächlich zu einem Ausschluss komme, sondern es gehe darum zu zeigen, dass der Bundesvorstand noch in der Lage sei, auf demokratische Weise Entscheidungen gegen solche Unruhestifter herbeizuführen.“

(Seite 15-16)
Dass trotz des Verbleibs von Höcke in der AfD, der Inlandsgeheimdienst die AfD unbeobachtet gelassen hat, zeigt übrigens das der VS ein politisches Instrument ist und keine festen Kriterien besitzt, wann eine Gruppe zum Beobachtungsobjekt wird.

Auch berichtet sie von Koalitionsplänen von der CDU und der AfD, sowohl in Sachsen-Anhalt, als auch in Thüringen:

„In Sachsen-Anhalt plädierten 2016 namenhafte Vertreter der CDU für eine schwarz-blaue Koalition. Ich arbeitete damals für die Fraktion und hörte von einem Vorgespräch zwischen den Vorständen beider Parteien. […] Es bedurfte eindringlicher Telefonate aus der Bundes-CDU, um das zu verhindern.“

(Seite 16)
Und in Sachsen gab es eine gegenseitige Annäherung im Internet:

„In der Facebook-Gruppe »Konservative in der CDU« vernetzten sich Angehörige der Union und der FDP mit solchen der AfD; alle wussten, wer welcher Partei angehörte, und wir kommunizierten ausgesprochen kollegial und freundschaftlich.“

(Seite 17)

Sie berichtet dass Depressionen Gauland mehrere Tage lahm legten:

„Dort traf sie auf eine aufgelöste Ehefrau. Gauland selbst lag mit schwersten Depressionen antriebslos im Bett.“

(Seite 71)

Sie berichtet vom Sexismus innerhalb der AfD, den sie durch Poggenburg selbst erfahren hat:

„Mir näherte er [Andre Poggenburg] sich von hinten, während ich, damals Vorstandsassistentin, bei der ersten Vorstandssitzung der sachsen-anhaltinischen Fraktion das Protokoll schrieb, schaute mir über die Schulter, dabei stützte er sich auf meinen unteren Rücken auf, die Hand glitt zwischen Bluse und Hose. Es war mir extrem unangenehm, aber ich hätte mich nicht wehren können, ohne einen Eklat auszulösen.“

(Seite 107)

Sie berichtet, wie sei selbst nach rechts rutschte und sich in einer Blase bewegte:

„In meinem alten Facebook-Profil mit fast 3000 AfD-Freunden bestanden die Neuigkeiten auf meiner Startseite nur aus Katastrophen und Skandalen – sie las sich ungefähr so ausgewogen wie der Stürmer“

(Seite 208-209)

In innerparteilichen Kämpfen wird hart gefochten. Schreiber berichtet, wie sie mit Anderen Luckes „Weckruf“-Kampagne mit Fakes-Facebook-Seiten attackierte.
Sie berichtet von der Binnenregeln in AfD und JA, die jegliche Kritik als Schwäche diffamierten. Eine Grenze nach rechts, gab es in der JA nicht. Rechte Taten wurden verwendet, um sich durch Erpressbarkeit zu integrieren:

„Treue beweist und Vertrauen gewinnt, wer etwas tut, was den Rückweg in die Mehrheitsgesellschaft verbaut. Ein Akzeptanzsuchender singt also auf der Rückfahrt vom Parteitag in der Bahn Landserlieder und zeigt den Hitlergruß, nimmt an einem IB-Protest teil oder überzieht den politischen Gegner mit Begriffen aus dem Tierreich. Aufzeichnungen solcher »Heldentaten« können später zur Denunziation von Abtrünnigen verwendet werden, weshalb die Bereitschaft dazu mit Respekt belohnt wird.“

(Seite 57)

Mehrmals schreibt sie das das offizielle Programm der AfD nicht (mehr) allzuviel über den Charakter der AfD aussagen könnte:

„Aber das Mitte 2016 verabschiedete Programm ist mittlerweile nicht mehr als ein Werbeplakat. Die wahren Absichten der heutigen Parteimitglieder werden von den schriftlich niedergelegten Zielen verdeckt, auf die man sich bei einem Parteitag einigte, als die Liberalen knapp in der Mehrheit waren. Das Programm der AfD camounfliert die wahren Ziele der Parteirechten, der heutigen Mehrheit. Es spiegelt das Stimmungsbild bei der Mehrheit der Partei nicht mehr wider.“

(Seite 97)

„Zu zentralen Fragen stehen im AfD-Programm Potemkinsche Dörfer, Fassaden, die mit der gelebten Welt der Wutbürger wenig bis nichts mehr zu tun haben […].“

(Seite 108)

„Es gibt aber ein ungeschriebenes Programm, das die geheimen Ziele der Partei versammelt, genau genommen des Teils, der inzwischen die Mehrheit stellt.“

(Seite 112)

Problematisch ist Schreibers komplette Kritiklosigkeit gegenüber Frauke Petry, ihrer ehemaligen Chefin, die sie offenbar ungebrochen bewundert.
Sie schreibt über ihre erste Begegnung mit Petry:

„Ich hatte meine politische und persönliche Mentorin gefunden.“

(Seite 42)
Außerdem gibt sie zu:

„Ich glaube ich war ein wenig in sie verliebt.“

(Seite 41)
Diese Schwärmerei hat Schreiber ganz offensichtlich nie abgelegt.

Sie stellt die AfD als Opfer des Rechtsrucks dar, fast schon als feindliche Übernahme.
Damit strickt sie strickt am Gründungsmythos der AfD als einer liberalen Partei mit und vergisst ein ‚national-‘ und ‚neo-‘ vor das ‚liberal‘ zu setzen. Genau das war Schreiber nämlich auch schon bei ihrem Eintritt: Eine Nationalneoliberale. So ist Schreiber keine komplette Aussteigerin aus der rechten rechten Ideologie, sondern erst einmal nur aus der AfD. Das merkt man, wenn sie etwa das „Zentrum für politische Schönheit“ als „gefährliche Brandstifter“ (Seite 183) bezeichnet.
Ironischerweise vertritt Schreiber damit den Kurs dessen Mannes (Lucke), den sie ihrer Chefin half 2015 zu stürzen. Sie lobt den Kurs unter Lucke, ist aber Parteigängerin Petrys.
Nicht der einzige Widerspruch im Buch.
Sie macht aus allen Macht- und Verteilungskämpfen inhaltliche Auseinandersetzungen und kann so Petry Höcke immer inhaltlich gegenüberstellen. Dabei ignoriert sie, dass es bei den Streitereien in der AfD nicht nur um Inhalte, sondern auch um Macht ging und geht.
Höcke sieht sie als kommenden Vorsitzenden der AfD, glaubt also das dieser seine Zurückhaltung irgendwann aufgeben und nach dem Vorsitz greifen wird.

Das Buch enthält neben einigem Neuen, auch viel Bekanntes. Der Preis ist gemessen an der Seitenzahl nicht billig. Trotzdem kann die Lektüre sowohl Kenner*innen als auch AfD-Unerfahrene nochmal mit mehr Informationen versorgen. Aber eher mit interessanten Details und Episoden als mit einer reflektierten Analyse.

Franziska Schreiber: Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin, München 2018.

Buchkritik „Rosenjahre“ von Jasmin Tabatabai

Buch
Das Buch „Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland“ (Berlin, 2011) ist eine Art Mix aus Biografie und Autobiografie. Die 1967 geborene Autorin beschreibt darin das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes in einem Zeitraum von 1956 bis 1978.
Im Jahr 1956 lernt in München nämlich die 18-jährige Rosemarie „Rose“ Otterbach den knapp 30-jährigen Modjtaba „Taba“ Tabatabai kennen, einen persischen Maschinenbaustudenten.
Rose wächst in München-Schwabing auf und wird aufgezogen von ihrer alleinerziehenden Mutter. Es ist ein einfaches und von Armut geprägtes Leben. Doch Rose ist anders als viele anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie interessiert sich für ferne Länder und andere Sprachen, ebenso wie sie auch archäologisch interessiert ist.
Vorsichtig entwickelt sich zwischen Taba und Rose eine Liebesbeziehung. Anfangs so prüde wie es in der damaligen Adenauer-Zeit möglich war.
Als Taba 1957 in seine Heimat zurück muss folgt Rose ein halbes Jahr später seinen Bitten und Drängen und besucht ihn dort. Aus geplanten ein oder zwei Monaten werden mehrere Monate samt Heirat. Die geschwisterlos aufgewachsene Rose wird liebevoll von der Großfamilie Tabas aufgenommen. Diese ist sehr liberal eingestellt und gehört zur oberen Mittelschicht des Landes. Trotz des liberalen Zuschnitts, gibt es auch in dieser Familie eine familiäre Hierarchie, nach der das Familienoberhaupt der älteste Mann ist.
Nach einer Eingewöhnungszeit in Teheran geht das Paar im Januar 1958 nach Norden, wo Taba mit seinem Bruder bei der Stadt Gorgau einen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet hat. Für die Arbeiter*innen haben sie sogar ein eigenes Dorf gegründet. Diese behandeln sie nach kapitalistischen Maßstäben fair. Trotzdem ist Taba der Agha. Andernorts herrscht noch der traditionelle Rassismus vor, von dem Rose schockiert ist:

„Es war das erste Mal, dass Rose ihre neue Heimat von einer Seite kennenlernte, die ihr gar nicht gefiel. Eine Seite jenseits der geschichtsträchtigen Städte, der iranischen Gastfreundschaft und der schönen Landschaften. Es war erschreckend, wie sehr das Wohl der Menschenhier noch vom Wohlwollen ihres Herrn und Brotgebers abhing.“

(Seite 143)
Rose gewöhnt sich gut in die iranische Gesellschaft ein. Nichtsdestotrotz kommt es anfangs immer wieder zu kulturell geprägten Missverständnissen.
Beeindruckt ist Rose von den selbstbewussten Frauen der iranischen Mittelschicht und der allgemeinen Wertschätzung für Gedichte.
Insgesamt bekommt das Paar vier Kinder, darunter zuletzt die Autorim. Das Buch hat eine feministische Tendenz, da es immer wieder das Patriarchat in der iranischen Gesellschaft kritisiert, etwa die Höherbewertung des männlichen Nachwuchs.
Die Kinder wachsen zweisprachig auf, gehen in Teheran auf die deutsche Schule und die Eltern besuchen immer wieder Deutschland. Von Oktober 1963 bis Oktober 1964 lebt die gesamte Familie im bayrischen Augsburg. Danach kehren sie in den Iran zurück.
Der Iran der 1970er ist zumindest im Teheraner Bürgertum sehr westlich und liberal geprägt:

„Teheran war in den siebziger Jahre eine moderne, wenn nicht die modernste Stadt im Nahen Osten. Kinos, Bars, Discos, Männer mit langen Koteletten und in Schlaghosen, Frauen im Minirock und unverschleiert – so etwas gab es dort.“

(Seite 254)
Bereits 1963 erlangten Frauen im Iran das Wahlrecht – noch vor den Frauen in der Schweiz.
Doch dann beginnen die Proteste gegen das autokratische Regime des Schahs.

Symbolfigur des Gegenprotests wird der Islamist Chomeini, den auch viele Nicht-Islamist*innen unterstützen:

„Aber egal, wie man es dreht und wendet: Es ist erstaunlich, wie viele hochintelligente und gebildete Menschen damals ihren Verstand ausgeschaltet hatten und auf Chomeini hereinfielen. Kommunisten und Demokraten, alle gingen für ihn auf die Straße. Selbst Frauenrechtlerinnen. Wenn man sie heute darauf anspricht, behaupten dieselben: »Der Schuft hat uns betrogen und falsche Versprechungen von Demokratie gemacht.«
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Chomeini hat von Anfang an deutlich gemacht, was er plante: eine islamische Republik, die Rückkehr zu Scharia, der islamischen Rechtsprechung, und den »Heiligen Krieg«. All das hatte er gleich zu Beginn in seinen Reden und Schriften proklamiert. Sie haben ihm einfach nicht genau zugehört oder nicht genau zuhören wollen.“

(Seite 272)
Rose und ihre Kinder gehen im Dezember 1978 sicherheitshalber nach Westdeutschland. Aus dem nur kurz geplanten Exil wird ein dauerhaftes. Sie kehren nie zurück. Nur der Vater versucht erfolglos sein Landgut zurück zu erhalten.
Der Iran ändert sich schnell:

„In der Schule mussten die Kinder jetzt zum Morgenappell täglich »Tod Amerika! Tod Israel« skandieren, und selbst zu Hause mussten die Erwachsenen mehr denn je aufpassen, worüber sie sprachen, da die Schüler angehalten wurden, ihre Angehörigen auszuspionieren und den Lehrern jedes Fehlverhalten zu melden. Selbst in den Kindergärten gab es regelrechte Verhöre der Kleinen. Dabei wurde perfide raffiniert vorgegangen, indem Erzieherinnen den Kindern einen Satz Spielkarten zeigten und fragten, wer so etwas schon einmal im Elternhaus gesehen hatte. Jede Art von Glücks- oder Kartenspiel war unter der neuen Regierung verboten, und so fand man über die Kinder heraus, in welchen Haushalten man sich nicht an dieses Gesetz hielt. Nicht selten kam es anschließend zu Razzien in den elterlichen Wohnungen.“

(Seite 278)

Das Buch ist spannend geschrieben und man erfährt manches über den Iran vor der Islamischen Revolution. Sympathisch sind auch die feministisch geprägten kritischen Untertöne. Der unangekündigte Wechsel zwischen Mutter- und Tochter-Perspektive verwirrt manchmal ein wenig.
Trotzdem eine Leseempfehlung!

Jasmin Tabatabai: Rosenjahre. Meine Familie zwischen Persien und Deutschland, Berlin 2011.



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