Buchkritik „Was will die AfD?“ von Justus Bender


Der FAZ-Journalist Justus Bender publizierte dieses Jahr das Buch „Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland“. Darin beschreibt er den Erfolg der AfD und die Gründe dafür. Diese sieht er u.a. in der Aufmerksamkeit der Medien für die Partei:

„Es ist eine große Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Medien, denen aus der AfD stets der Vorwurf gemacht wurde, ihr zu schaden, vielleicht größeren Anteil an ihrem Erfolg hatten als die Programmarbeit ihrer Parteimitglieder.“

(Seite 14)
Besonders reflektiert ist das Buch, wenn der Autor seine Rolle als Journalist selbstkritisch hinterfragt. Denn die Partei braucht und nutzt die Aufmerksamkeit. Sie ist eine Partei des Spektakels:

„Die AfD ist die Erfindung eines politisch-medialen Perpetuum mobiles.“

(Seite 19)
Skandale bei der AfD waren häufig eher kalkulierte Tabudurchbrüche von rechts als echte Skandale.

Im Buch versucht der Autor der AfD mit Platon zu Leibe zu rücken. Ob er so wirklich etwas erklärt, bleibt fraglich. Vielleicht würde ja Machiavelli mehr erklären als Platon, denn das Hauen und Stechen in der AfD ist eher ein machiavellistischer Konflikt. Hier kämpft jeder gegen jede. In Konflikten finden sich auf beiden Seiten Glücksritter und Ideologen. Bender identifiziert unter den Letztgenannten Nationalkonservative wie Nationalrevolutionäre. Zu den Nationalrevolutionären zählt er das „Institut für Staatspolitik“ und Kubitschek. Trotzdem sind die Konflikte in der Partei kaum noch inhaltliche Auseinandersetzungen. Bender sieht in ihnen Lagerkämpfe und keine Flügelkämpfe.

Bender macht auf den Nationalismus als Grundelement der AfD aufmerksam. Zu Recht weist er darauf hin, dass dieser häufig der Selbstaufwertung dient:

„Wollte man die Motivation mancher AfD-Anhänger ökonomisch erklären, man müsste eher sagen, dass ein Mensch, der für sich wenig Perspektiven sieht, seinen Wert anders definiert. Als Mitglied eines großen, starken Volkes zum Beispiel. Oder als Vertreter eines überlegenen Kulturkreises. Er mag arbeitslos sein oder seine Träume im Leben nicht verwirklicht haben, aber immerhin ist er noch Deutscher. […] Mangelndes Vaterlandspathos in der Gesellschaft, der immer wiederkehrende Hinweis auf den Nationalsozialismus oder ein befürchtetes Nebeneinander verschiedener Kulturen in Deutschland würden einem solchen Menschen subjektiv einen Teil seines imaginierten Selbstwertgefühls nehmen.“

(Seite 25-26)

Für Bender ist die AfD in drei Punkten eine Internetpartei:
* Sie nutzt das Internet zur Vernetzung von Gleichgesinnten, die früher nur schwer zueinander gefunden hätten.
* Die schnellere und hemmungslosere Internet-Kommunikation prägt den Stil der Partei insgesamt.
* Das Internet ist für die Partei ein Ort der Enthemmung und Radikalisierung.

Häufig funktioniert das Internet auch als Rache-Instrument in parteiinternen Konflikten.
Über den Charakter der AfD als Internetpartei versucht er die Radikalisierung der AfD zu erklären: „Die AfD ist eine Internetpartei. Und sie ist eine Partei der unbegrenzten Redefreiheit, das heißt, niemanden darf der Mund verboten werden, egal, was er sagt. Mehr Zutaten sind nicht nötig, um die Radikalisierung der Partei zu verstehen.“ (Seite 55)
Das erscheint aber ein wenig zu einfach und monokausal. Dennoch hat Bender nicht unrecht, wenn er meint die AfD erliege dem eigenen Vulgär-Libertarismus. Denn die Forderung nach einer Redefreiheit für alle, würden auch die offenen AntisemitInnen und vulgären RassistInnen in den eigenen Reihen für sich beanspruchen. So hat die Partei ihr eigenes Immunsystem verloren und ist ein Opfer der eigenen Redefreiheit geworden.

Witzig ist es als Bender eine Dystopie mit Poggenburg als Bundeskanzler entwirft, der über Volksentscheide durchregiert.

Als Gegenkonzept empfiehlt der Autor AfD-Positionen auf ihre Konsequenzen abzuklopfen:

„Üblicherweise sind es AfD-Politiker, die Behauptungen aufstellen, und Politiker anderer Parteien, die Behauptungen, die Statistiken und Appelle bemühen, um das Hingeworfene wieder einzusammeln. Entfällt das, müssen AfD-Politiker selbst sagen, wie weit sie gehen wollen.“

(Seite 197)
Er fordert dazu auf, die Frage nach dem Wie zu stellen und allgemein mehr nachzufragen und nachzuhaken. Etwa wenn die Partei sich als Verteidiger des Judentums inszeniert, aber ihre Forderung nach einem Schächt-Verbot auch Juden und Jüdinnen treffen würde.

Das Buch hat auch seine Schwächen. So erkennt Bender in der AfD keine extrem rechte Formation. Das begründet er damit, dass Rechtsextreme Diktatur-AnhängerInnen sein, AfDler aber nicht. Dabei lässt er aber unerwähnt, dass die autoritären ‚Lösungen‘ der AfD geradewegs in einer Diktatur enden würde.
Der ständige Bezug der AfD auf Freiheit und Demokratie darf nicht täuschen, sondern muss zu der Frage führen, was genau unter diesen Begriffen verstanden wird.

Noch ein Buch über die AfD. Kann man lesen, durchaus auch mit Wissensgewinn. Muss man aber nicht.

Justus Bender: Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland. Pantheon München 2017.

Buchkritik „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß

Leider hat Volker Weiß mit seinem Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ dann doch nicht den Sachbuchpreis des Deutschen Buchhandels zur Leipziger Buchmesse gewonnen. Das ändert aber nichts daran, dass er ein äußerst kenntnisreiches Buch über die so genannte Neue Rechte vorgelegt hat.
Autoritäre Revolte von Volker Weiß
Weiß zeichnet die Geschichte der Neuen Rechten bis in die Gegenwart nach. Aktuell hat diese Strömung der extremen Rechten enorm an Einfluss gewonnen. Sie ist fest in der AfD verankert. Für diesen Erfolg hat die Neue Rechte die Gelegenheitsstruktur von AfD, PEGIDA etc. und den Diskurs um Flüchtlinge genutzt. Wobei die elitäre und akademisch geprägte Neue Rechte sich dafür zum PEGIDA-Pöbel begeben musste:

„In der Dynamik der Ereignisse traten nun Kader der Neuen Rechten wie der Verleger Götz Kubitschek vor einem großen Publikum auf. Waren die Massen ihnen bisher nicht gefolgt, so folgten sie nun eben den Massen […]“

(Seite 25)
Bis dahin war die Neue Rechte eher unbedeutend. Sie waren quasi Heerführer ohne Fußvolk.
Mit AfD, PEGIDA und Co. „fand [sie] eine wütende Basis“. Geschickt bediente sie eine Aufmerksamkeitsökonomie und verband sich mit dem neu entstandnen rechten Block und verließ damit ihr bisheriges Nischen-Dasein:

„Die Neue Rechte hatte schon längst eine ausgearbeitete Weltanschauung und musste diese nur noch an die erregten Massen weiterreichen. In dieser nächsten Phase wurde der reine Theoriezirkel verlassen und die Rednertribünen und vor allem das Internet betreten.“

(Seite 57)
Natürlich erwähnt Weiß auch das jüngste Kind in der neurechten Familie: Die „Identitäre Bewegung“. Für Weiß eine „Rechte Anti-68er mit 68er-Methoden“. Wobei die Identitären sich noch einmal durch die Trias von Regionalismus – Nationalismus – Europa auszeichnen.

Ihrem neu gewonnenen Unterbau liefert die Neue Rechte neben Stichworten auch Strategien, etwa die des taktischen Tabubruch zur Erlangung von Aufmerksamkeit in einer „Skandalokratie“, wie es der Nachwuchsneurechte Felix Menzel nennt.
Trotz aller Überholungen und Modernisierungen sind die Kernelemente der Neuen Rechten unverändert geblieben, auch bei dem tendenziell realpolitisch orientierten Flügel um die „Junge Freiheit“ und ihre „Bibliothek des Konservatismus“.
Der radikale Flügel der Neuen Rechten um das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), der Antaios-Verlag und das Blatt „Sezession“ bedient sich einer „Rhetorik des Volksaufstandes“ und steht unverhohlen dem italienischen Neofaschismus um „Casa Pound“ nahe. Sie ist daher (national-)revolutionär orientiert und nicht wie der realpolitisch ausgerichtete Flügel parlamentarisch. Ziel der radikalen Neuen Rechten ist das Reich statt der Republik. Bei manchen heißt das Ziel auch „Eurasien“, ein Modell aus Russland, was sich gegen eine Westbindung ausspricht.
Vor ihre Annäherungen an Partei und Straßenbewegungen hatte die Neue Rechte vor allem auf die geistigen Einflussnahme gesetzt:

„In diesem Konzept zählt weniger Masse als vielmehr Macht. Auf diese, Weg versuchte das IfS, die jungkonservative Idee einer »Revolution von oben« umzusetzen.“

(Seite 74)
Trotzdem wurde diese als ‚Metapolitik‘ beschriebene Strategie nicht zur Gänze aufgegeben. Anhaltende Taktik der Neuen Rechten ist es bis heute „unter der Fahne des Konservativen die Grenzen bis weit in faschistisches Gelände hinein zu verschieben“ (Seite 39).
Dabei dürfen bürgerliche Konservative mit Neuen Rechten nicht verwechselt werden, auch wenn sich letztere gerne des Begriffs ‚konservativ‘ bedient.
Obwohl sich die Neue Rechte gern als ‚konservativ‘ labelt, weist Weiß eminente Unterschiede zum klassischen Konservatismus auf. Etwa wenn der Antaios-Verlag den „apokalyptischen Frauenfeind“ Donovan herausbringt und dessen „antizivilisatorischen Hypermaskulinismus“ propagiere. Dann hat das mit dem Staatsbezug von Konservativen nichts zu tun, denn Donovan predige den Staatszerfall und das Leben in Stämmen.
Ähnliches gilt für den Antaios-Bestseller-Autor Akif Pirinçci. Die sexistischen, antifeministischen und rassistischen Tiraden der Krawallschachtel Pirinçci würden im konservativen Milieu als zu vulgär abgelehnt werden.

Weiß geht auch auf die Geschichte des Abendlandbegriffs und zeigt die Verwendung von „Abendland“ als Kampf- und Ausgrenzungsbegriff.
Ähnliches gilt für ihren Europa-Begriff, es sei ein „Europa für Anti-Europäer“.
Als weiteren wichtigen Begriff führt Volker Weiß die „Konservative Revolution“ an, den er als Mythos enttarnt und problematisiert, weil er aus der Feder eines Rechten stammt. Schöpfer dieses Begriffes war Armin Mohler, ein Schüler von Carl Schmitt. Über Mohler schreibt Weiß:

„Sein Hauptfeind war, wie er immer wieder betonte, der Liberalismus, dem er den Marxismus kurzerhand zuschlug.“

(Seite 40)
Oder mit den Worten von Björn Höcke:

„Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.“

Hier verweist der Autor auf einen wichtigen inhaltlichen Unterschied zwischen den neurechten Vordenkern und großen Teilen ihrer neuen Basis. In der Neuen Rechten wird in Form einer Dekadenz-Klage dem gesellschaftspolitischen Liberalismus und Universalismus die Schuld am vermeintlichen Niedergang des Vaterlandes gegeben. Das wird meist noch antiamerikanisch aufgeladen und einem „Amerikanismus“ die Schuld gegeben.

Zwar ist der Antisemitismus in der Neuen Rechten nicht derart massiv wie in der alten Rechten, doch Weiß erkennt immer noch ein großes antisemitisches Potenzial:

„Vergangenheitsbewältigung wird in allen Medien der Neuen Rechten als fremdinduziertes Mittel zur Unterdrückung der deutschen Identität gesehen. Von einem Abschied vom Antisemitismus kann vor diesem Hintergrund keine Rede sein.“

(Seite 226)
So beschränkt sich die neue Rechte eher darauf den Holocaust zu relativieren statt zu leugnen.
Weiß spricht sich an dieser Stelle auch gegen eine Gleichsetzung von antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus aus. Er erkennt im Antisemitismus wesentliche Unterschiede und benennt diese wie folgt:

„Der Antisemitismus bietet jedoch ein viel dichteres Weltbild zu einer Abwehr der Aufklärung. Niemand käme auf die Idee, dem Islam die Schuld an Fortschritt, Säkularisierung, Frauenemanzipation, Kulturindustrie, Marxismus und Liberalismus zu geben, also allen von der Rechten als schädlich reklamierten Begleiterscheinungen der universalistisch ausgerichteten Moderne. Mit den Negativmerkmalen des »ortlos« und »destruktiv« zirkulierenden Kapitals werden ausschließlich Juden von Antisemiten gleichgesetzt. Der Aufstieg des Islam zur Bedrohung gilt als Folgeerscheinung des Universalismus, während im Judentum vom Antisemiten seine unmittelbare Gestalt gesehen wird. Im ersten Fall hat der Gegner eine »wirkliche« fremde Identität, die aber auch zu schlagen ist. Im zweiten Fall wird die Auflösung des »Eigenen« ins absolute Nichts befürchtet. Diese Unterscheidung muss in der Kritik der Ressentiments beachtet werden.“

(Seite 227)

Mit dem politischen und orthodoxen Islam verbindet die Neue Rechte eine Art Hassliebe. Denn sie teilen sich einige Positionen, andererseits ist der antimuslimische Rassismus derzeit der wichtigste Treibstoff zur Erregung der rassistischen Massen. Weiß ordnet den Islamismus einer globalen antiemanzipatorischen „Konservative Revolution“ zu. In Anbetracht der ähnlichen Positionen durchaus nachvollziehbar und möglicherweise fruchtbarer als die Diskussionen über Islamismus-Faschismus-Analogien. Politischer Islam und Neue Rechte seien vereint in ihrem autoritären Ultrakonservatismus. Beide teilen auch dasselbe Feindbild:

„Offensichtlich ist die Feindschaft gegen den humanistischen Universalismus mittlerweile zum Dreh- und Angelpunkt der globalen »Konservativen Revolution« auf ihrer Suche nach der Identität des »Eigenen« geworden.“

(Seite 265)
Hier liest er auch einer kulturrelativistischen Linken die Leviten, die sich in manchen Punkten der ethnopluralistischen Rechten angenähert hat. Menschen werden häufig auch in linken Identitätsdiskursen auf ihre ethnische, kulturelle oder religiöse Herkunft reduziert. In der Folge wird dadurch oft ein universaler Geltungsanspruch von Frauen- und Menschenrechten aufgegeben. Im schlimmsten Fall werde derart eine Separation statt Akkulturation gefördert.
Die Rechte sieht in diesen linken Identitätsdiskursen eine Projektionsfläche für den unterdrückten eigenen Nationalismus. Möglicherweise nicht immer ganz zu Unrecht. Die Rechte dehnt dann den Diskurs um positiven Bezug um Herkunft und Kultur einfach auf die autochthone Bevölkerung aus und verlangt einen Schutz von deren Traditionen. Das ignoriert zwar die Machtverhältnisse und macht aus den Autochthonen eine bedrohte Minderheit, arbeitet aber auch mit ähnlichen Reduktionen.
Weiß tadelt auch die „Islamophobie“-Vorwürfe an Islamkritiker*innen. Nicht jede Kritik am Islam ist ein verstecktes Ressentiment.

Etwas bedauerlich nimmt sich die fehlende Analyse ökonomischer Ansätze der Neuen Rechten bei Weiß aus. Ein Teil der Neuen Rechten ergeht sich im Zusammenhang mit ihrer völkischen Globalisierungsfeindschaft in einer Art verbaler Antikapitalismus von rechts, freilich fast ohne jeden theoretischen Unterbau. Ein anderer Teil der Neuen Rechten ist ein seltsames Bündnis mit Marktradikalen und proamerikanischen Rechtslibertären eingegangen, was in Anbetracht der Staatsbezogenheit der Neuen Rechten verblüfft. Dieses seltsame Bündnis erwähnt Weiß leider ebenso wenig wie deren wichtigste Publikation: Das Monatsmagazin „eigentümlich frei“, was in Teilen der Neuen Rechten durchaus neben „Junger Freiheit“ und „Sezession“ goutiert wird.
Genauso wenig wird die christliche Rechte erwähnt, die neben dem Islamismus auch eine globale „Konservative Revolution“, also eine Konterrevolution, vorantreibt.
Schade auch dass Weiß zwar nur die Organisationsversuche im rechtskonservativen Flügel der Union erwähnt, die von den Neuen Rechten mit allerhand Sympathien begleitet wurden. In diesem Zusammenhang wäre es aber auch wichtig gewesen, den Versuch einer Nationalliberalisierung der FDP zu erwähnen, der Mitte der 1990er Jahre unternommen wurde.

Das sind alles aber nur Schönheitsfehler. Das Buch ist das kompetenteste und kritischste zum Thema, was in den letzten Jahren erschienen ist. Im Gegensatz zu den Kapiteln über die Neue Rechte in den neuen Büchern über die AfD von Tagesmedium-Journalist*innen ist Weiß seit Jahren in der Thematik drin und hat intensive Quellenarbeit betrieben. Konsequent reißt er das Legendengebäude der Neuen Rechte ab und entblößt die dahinter liegende Struktur.
Ein Muss für alle Interessierte an dem Thema!

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017.

„Schwarzbuch AfD“ von Correctiv e.V. und Marcus Bensmann

Schwarzbuch AfD
Inzwischen mehren sich die kritischen Bücher zur AfD. Frisch erschienen ist das „Schwarzbuch AfD“ des journalistischen Recherche-Kollektivs Correctiv e.V. und von Marcus Bensmann, was sich in elf Kapiteln der AfD widmet.
Nach Einleitung und einem Rückblick auf die Geschichte der AfD werden im dritten Kapitel einzelne Programmpunkte kritisch betrachtet. Sie werden geradezu durchexerziert und dann wird ein Fazit gezogen. Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema „Die soziale Basis der AfD“. Bei der Frage „Wer wählt die AfD?“ wird darauf verwiesen, dass nur 1/3 der AfD-WählerInnen die AfD aus Überzeugung wählen, der Rest besteht offenbar aus (rechten) Denkzettel-WählerInnen. Dazu passt, dass AfD-WählerInnen am stärksten pessimistisch eingestellt sind.
Mit anschaulichen Diagrammen werden die AfD-AnhängerInnen und ihre Positionen und Einstellungen dargestellt.
Ein Vergleich mit Trump-WählerInnen und Brexit-BefürworterInnen fördert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Tage. Etwa dass in allen drei Gruppen im Vergleich von rural (ländlich) und urban (städtisch), Rechte im ländlichen besser abschneiden. Hinzu kommt der Umstand dass Rechte unter Menschen mit geringer und mittlerer Bildung am besten abschnitten. Ebenso ist die Anfälligkeit von IndustriearbeiterInnen auffällig. Das wird im Buch mit einer Angst vor Globalisierung und der damit einher gehenden Deindustrialisierung erklärt. Das wichtigste Mobilisierungsthema der AfD war aber das Feindbild Flüchtling.
Im Kapitel 5 werden „Die Köpfe der AfD“ kurz vorgestellt. Konkret werden kurz die Biografien von Frauke Petry, Björn Höcke, Marcus Pretzell, Jörg Meuthen, Alice Weidel, Alexander Gauland, Beatrix von Storch, Andre Poggenburg, Josef Dörr, Markus Frohnmaier und Hans-Thomas Tillschneider dargestellt. Die Auswahl erscheint ein wenig willkürlich, da mächtige AfD-Landesfürsten wie Armin-Paul Hampel (Niedersachsen), Uwe Jung (Rheinland-Pfalz) oder Petr Bystron (Bayern) ausgelassen wurden. Dem wichtigen Thema „Die Finanziers und Förderer der AfD“ widmet sich das siebte Kapitel, worin u.a. um den parteieigenen Goldshop geht. Im darauf folgenden Artikel geht es um „Rechtsradikalismus, Rassismus, Antisemitismus“. Darauf folgt eine Vorstellung des instututionellen Umfelds, konkret von Pegida, des „Instituts für Staatspolitik“, der „Identitären Bewegung“ und der Reichsbürger. Danach kommt ein knapper Überblick über „Die Medien der Neuen Rechten“, konkret die „Junge Freiheit“, „Compact“, „KenFM“, „PI-News“, „Kopp-Verlag“ und „RT Deutsch“.
Das vorletzte Kapitel führt einen Faktencheck verschiedener AfD-Behauptungen durch und zum Schluss gibt es noch ein Ausblick.

Dafür dass Correctiv sich gerne als tadellos arbeitendes Recherche-Kollektiv darstellt, sind in dem Buch doch ein paar peinliche Fehler zu finden. So hieß die Parteiabspaltung unter Lucke nicht „Alpha“ (Seite 17), sondern ALFA. Der Kongress der europäischen NationalistInnen fand nicht in Konstanz (Seite 74), sondern in Koblenz statt. Die AfD wurde am 6. Februar 2013 im hessischen Oberursel gegründet und nicht an einem 14. April 2013 in Berlin. Ob der Listenplatz von Guido Reil als aussichtsreich (Seite 92-93) bezeichnet werden darf, kann getrost angezweifelt werden. Die Mitgründerin von PEGIDA hieß Kathrin Oerthel und nicht „Kathrin Oerpel“ (Seite 140). Auch stimmt es einfach nicht, wenn im Buch behauptet wird: „Die AfD sagt, dass Afrikaner ein spezielles Vermehrungsverhalten haben, das sich von Europäern unterscheidet.“ Das ist eine rassistische These von Höcke, aber keine Position der AfD. Mit solchen Fehlern macht man sich angreifbar. Auch ist es schlichtweg falsch, wenn von nichtbehinderten Kindern als ‚gesunden Kindern‘ (Seite 208) geschrieben wird. Gesundheit und Behinderung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Diese Fehler können zwar alle verschmerzt werden, sind aber nichtsdestotrotz ein wenig peinlich.

Trotzdem bietet das Buch eine gute und aktuelle Einführung in das Thema, die sich besonders für Einsteiger*innen eignet.

Correctiv e.V. / Marcus Bensmann: Schwarzbuch AfD, Essen 2017.

Buchkritik „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger

Im Grunde ist „Auf den Marmorklippen“ von Ernst Jünger ein früher Fantasy-Roman. Die Landschaftsbeschreibungen sind schön und ausschweifend. Stellenweise lesen sich viele Stellen so als wäre Jünger Chefredakteur von „Landlust“.
In ihm wird beschrieben wie die fiktiven Länder „Marina“ und „Campagne“ dem Chaos anheim fallen, welches von einer geheimnisvollen Figur angestiftet wird, die im Buch nur als „der Oberförster“ bezeichnet wird.
Während die Campagne eine Tiefebene darstellt ist Marina eine mediterrane Küstenregion. Besonders das Schicksal dieser am Meer gelegenen Region wird beschrieben. Über ihr thronen auch die titelgebenden Marmorklippen. Hier lebt ein Brüderpaar, der Erzähler und sein Bruder Otho. Nach den Erfahrungen des Krieges als Mitglieder der „Purpurreiter“, haben sie sich ganz der Botanik verschrieben.
Friedlich leben in der „Marina“ ChristInnen und Asengläubige, es herrscht Dichtkunst und Ackerbau. Kriegsveteranen wie der Erzähler und sein Bruder sind im Geheimorden „Mauretanie“ organisiert. Doch auch die „Mauretanier“ wurden vom „Oberförster“ unterwandert
In der Campagne dagegen leben die Hirtenbünde, die an ihre Hirtengötter glauben. Von hier ausgehend und angestiftet vom „Oberförster“ erfasst auch „Marina“ das Unheil.
In „Marina“ wird plötzlich auch den alten Aberglaubens wieder gehuldigt und die Viehhaltung zum Ideal erhoben:

„In diesen Kreisen wurde es auch üblich, den Bau der Rebe und des Kornes zu verachten und den Hort der echten, angestammten Sitte im wilden Hirtenland zu sehen.“

(Seite 40)
Alte, in Vergessenheit geratene, Fehden der Blutrache brechen wieder auf und der Niedergang bricht über das Land herein. Jünger beschreibt wie eine agrarische, ständische Gesellschaft quasi ‚barbarisiert‘.
Hinter all dem steckt der „Oberförster“, der über seinen Wald, genannt „Teutoburger Wald“ herrscht. Der seine „Waldkapitäne“, „Weidgerechten“ (Jäger) und sonstiges „Waldgesindel“ aussendet, um seine Macht zu stärken. In Jüngers Roman werden die Wälder als Rückzugsort für „Gaunervolk“ und „Vagantenheimat“ bezeichnet. Die von Jünger dämonisierten gesellschaftlichen Randgruppen („Hunnen, Tataren, Zigeuner, Albigenser und ketzerische Sekten aller Art […] versprengte Scharen der großen Räuberbanden aus Polen und vom Niederrhein“, Seite 50) sprechen auch Rotwelsch und sind damit als Fahrende und gleichzeitig Kriminelle markiert. Das erinnert stark an Hermann Löns „Der Wehrwolf“, in dem eine Dorfgemeinschaft alle Fremden und Nichtansässigen, die durchweg als Gefahr beschrieben werden, aus vermeintlichem Selbstschutz heraus umbringt.
Die beiden Botaniker entscheiden sich trotz einiger Bedenken, all die Veränderungen zu ignorieren und sich weiter der Pflanzenkunde zu widmen.
Als es eigentlich schon zu spät ist, begibt sich der Erzähler in die Schlacht. Mit einem ihm getreuen Hirten-Clanchef, dessen Knechten und seinen Hunden begibt er sich in den Wal, aus dem alles Böse kommt.

Ohne Kontext-Kenntnis gelesen, wäre das Buch eine ganz unterhaltsame Lektüre, auch wenn das überschwängliche Lob der Aristokratie nervt:

„Ich hatte wohl erwartet, daß in der letzten Phase des Ringens um die Marina der Adel in Erscheinung treten würde – denn in den edlen Herzen brennt das Leiden des Volkes am heißesten. Wenn das Gefühl für Recht und Sitte schwindet und wenn der Schrecken die Sinne trübt, dann sind die Kräfte der Eintagsmenschen gar bald versiegt. Doch in den alten Stämmen lebt die Kenntnis des wahren und legitimen Maßes, und aus ihnen brechen die neuen Sprossen der Gerechtigkeit hervor.“

(Seite 91)

Doch dergleichen gibt es auch in vielen anderen Büchern des Fantasy-Genres. Aber Jünger hat sein Buch während des Nationalsozialismus geschrieben und es wurde 1939 veröffentlicht. Es gehört nicht viel Wissen über Jünger dazu, um ihn mit dem Erzähler und seinen Bruder Georg mit dem „Bruder Otho“ zu identifizieren. Der „Oberförster“ ist demzufolge Hitler und der Söldner-Anführer Biedenhorn soll wohl Röhm sein.
Durch diese Chiffre wird Jüngers Roman als Widerstands-Akt betrachtet. Nicht ganz zu unrecht. Doch hat Jünger das Buch nicht im Exil, Gefängnis oder KZ verfasst, sondern als privilegierter Schriftsteller, der vom Nationalsozialismus heftig umworben wurde. Jünger wies diese Avancen zurück, diente aber später gleichzeitig brav als Besatzungsoffizier in Frankreich. Das in der Geschichte gepriesene aristokratische Prinzip ist ein deutlicher Hinweis auf Jüngers elitäres Bewusstsein, aus dem auch seine Demokratieferne resultierte. Die Basis-Erzählung vom „Oberförster“, der von außen (Wald) in eine friedliche Region (Küste) einbricht und mittels Verschwörungen Unruhe stiftet ist eine nette Geschichte, die Jünger da erzählt, aber es ist ein Märchen. Bezogen auf den Nationalsozialismus vernebelt diese Erzählung mehr, als das sie erklärt.
Als reiner Fantasy-Roman weiß „Auf den Marmorklippen“ aber durchaus zu unterhalten.

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen, Stuttgart, 7. Auflage 2013.

Comicrezension „Kobane Calling“, Grafic Novel von Zero Calcare

„Kobane Calling“ ist ein Schwarz-Weiß-Comic aus der Zeichenfeder von Zero Calcare aus Italien.
Der Comic wurde mit Hilfe des linksradikalen „Ums Ganze“-Bündnis übersetzt und liegt in ausgewählten Infoläden und anderen linken Treffpunkten kostenlos (!) aus.
Calcare beweist in dem dünnen Umsonst-Comic viel Humor. Er beschreibt im Stil einer Comicreportage seinen Trip in den kleinen Ort Mehser, der an der türkisch-syrischen Grenze auf der türkischen Seite gegenüber von der umkämpften Stadt Kobane liegt.
Kobane-Comic Revolution
Calcare ist damit Teil des Rojava-Revolutionstourismus. Doch obwohl der Verfasser schafft es noch nicht einmal nach Kobane. Im Grunde passiert in dem Comic nicht viel, was der Comic aber durchaus transparent macht. Calcare ist sehr ehrlich und reflektiert, und beweist dabei auch viel Humor und Ironie. Durch diesen verflüchtigt sich auch der Pathos, bei/m Leser*in.
Kobane-Comic Mutter Theresa
Was jenseits der Grenze passiert erfährt er nur durch Gespräche und Beobachtungen aus der Distanz.
Der Zeichenstil ist nicht zu abstrakt und weist Details auf. Einige Figuren im Comic werden als Tierfiguren dargestellt, etwa die Mutter von Calcare als Glucke.
Manche Anspielungen sind für Menschen, die nicht aus Italien stammen, nicht so leicht verständlich.
Der Comic wäre auch sein Geld wert, da er aber kostenlos ist, heißt das: Zugreifen, so lange er noch ausliegt!!!



Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (40)