Archiv für April 2007

Nazi-Künstler Breker auch im Angebot des Kunstkaufhaus „ars mundi“

„Kunst ist nie unschuldig.“
Prof. Dr. Silke Wenk

Genau sieben verschiedene Reproduktionen von Kunstwerken des Nazi-Künstlers Arno Breker (1900-1991) werden bei dem renommierten Kaufhaus „ars mundi“ angeboten (a).
Es sind:
- die Zeichnung „Ajax der Große, Sohn des Königs von Salamis“ von 1988 für 320 Euro
- die Zeichnung „Amor und Psyche“ von 1988 für 340 Euro
- die Skulptur „Verliebtes Mädchen“ für 2.150 Euro
- die Skulptur „Tänzerin“ für 2.800 Euro
- die Skulptur „Die Sinnende“ für knapp 3.000 Euro
- die Porträt-Büste „Salvador Dalí“ für 3.750 Euro
- die Skulptur „Helena“ für 4.500 Euro
Jede der Skulpturen ist nummeriert und vom Meister handsigniert.
Breker hatte seit 1935 emsig für die Nationalsozialisten gearbeitet. Seine mythischen Motive und sein Körperkult waren hier neben den persönlichen Sympathien die Überschneidungspunkte mit den Nazis. In Brekers Figuren sahen sie die Ideale ihrer Rassenlehre versinnbildlicht.
Er wurde zum „bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart” und damit zum Aushängeschild des Regimes. Auch institutionell gewann Breker an Einfluss in kunstpolitischen Gremien. Auch für den italienischen Faschisten-Führer Mussolini war Breker aktiv.
Persönlich fand Breker Zugang zu den Größen des 3. Reiches; er galt sogar als Lieblingsbildhauer Hitlers.
Für die Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH arbeiteten an Figuren gegen Kriegsende bis zu 50 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Nach Kriegsende blieb Breker in Kotakt mit seinen Kameraden. In den 1970ern bekam er den Goldenen Ehrenring des rechtsextremen „Deutschen Kulturwerkes Europäischen Geistes” verliehen. Zudem schrieb er für die rechtsextremen „Deutsche Monatshefte” (b).
Bei dieser Biografie Brekers ist es bedenklich, dass „ars mundi“ dabei mithilft Breker wieder als „normalen“ Künstler zu etablieren.

by R. Schwarzenberg
[02.11.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: https://www.arsmundi.de/epages/arsmundi.storefront
(b) stern/mw/lk: Ausstellung für einen Altnazi?, 03. August 2006; http://www.stern.de/unterhaltung/ausstellungen/566980.html?nv=cb

„Neturei Karta“ – Der Antisemiten liebste Juden

Sie wünschen sich die Auflösung Israel und sind ultraorthodoxe Juden. Warum eine kleine jüdische Sekte bei Antizionisten und Antisemiten so populär ist.

Die etwa 5.000 Anhänger (anderen Angaben nach 8.000), der um 1938 in Jerusalem gegründete jüdisch-ultraorthodoxe Gruppe Neturei Karta (aramäisch: „die Wächter der Stadt“) propagieren aus religiösen Gründen einen radikalen Antizionismus. Neturei Karta ist vor allem in New York, aber auch in Wien und London, präsent.
Nur mit der Ankunft des Messias wäre es laut ihrem Glauben erlaubt einen jüdischen Staat wiederzugründen. Daher lehnen Neturei Karta Israel und den Zionismus als Sünde ab.
Bei ihrer Bündnispolitik gegen Israel sind die Neturei Karta nicht wählerisch; sie verteidigen die neue HAMAS-Regierung der Palästinenser, betrauern den Tod Arafats und unterstützen die Forderung des iranischen Präsidenten Ahmadinejads nach der Vernichtung Israels (a) oder stellten sich an die Seite des Holocaustleugners (b). Im März 2006 besuchten Vertreter von Neturei Karta iranische Regierungsmitglieder um sich mit ihr bei der Vernichtung Israels zu solidarisieren (c).
In der Palästinensischen Autonomie-Regierung bekleidete der Führer dieser Gruppe, Rabbi Mosche Hirsch, unter Arafat sogar das Amt eines „Minister für jüdische Angelegenheiten“ (d).
Das Mitglieder der Neturei Karta bei Al-Quds-Demonstrationen mitgelaufen sind (e) ist da eher eine Notiz am Rande.
Ebenso wie im Antisemitismus werden die (zionistischen) Juden bei den Neturei Karta für Antisemitismus selbst verantwortlich gemacht.
Einige Vertreter von Neturei Karta behaupteten sogar die Zionisten hätten Juden an die Nationalsozialisten ausgeliefert um aus politischen Gründen die Opferzahlen hochzutreiben. Ebenso behauptete Rabbi Aharon Cohen auf einer Pressekonferenz in Teheran:
„Zionisten sind an fast jedem Verbrechen auf der Welt beteiligt, aber leider behaupten sie das jüdische Volk zu vertreten.“ (f) Bei solchen Aussagen mit eindeutig antisemitischen
Grundgehalt wundert es nicht, dass der Rabbiner und Leitende Direktor von „Neturei Karta International“ Hilel Deutsch der rechtsextremen „Deutschen National-Zeitung“ ein Interview gab (g). Ebenfalls in einem Interview in der National-Zeitung vom 7. Juni 2002 erklärte Moishe Arye Friedman (*1972), selbsternannter Oberrabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Wien und „Neturei Karta“-Mitglied: „Zionismus läuft in Hinblick auf die Palästinenser auf Faschismus und Apartheid hinaus.“ Auch der österreichischen Rechtspostille „Zur Zeit“, der rechten Schrift „Der Eckart“ (h) oder der neurechten Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“(h) stand Friedmann bereits für ein Interview zu Verfügung (i). Am 1. Juli 2004 war der antisemitische Ex-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann zusammen mit dem ehemaligen FPÖ-Bundesrat John Gudenus in Wien zu Gast bei einer antiisraelischen „Internationalen Rabbiner-Konferenz“ von Neturei Karta, auf der der Rabbi Moishe Arye Friedman behauptete: „Die Zionisten tragen eine wesentliche Schuld am Holocaust.“ (j) Hohmann wollte sich auf Anfrage von solchen Thesen nicht distanzieren.
Solche Aussagen lassen erkennen, dass Neturei Karta eine Art des esoterischen Antisemitismus propagandiert: Die Juden/Zionisten seien durch ihr schlechtes Verhalten („Karma“) selbst Schuld an ihrem Schicksal.
Auch zu den neuesten Ereignissen äußerte sich diese obskure Sekte. Oben genannter Moishe Arye Friedman verurteilte die „barbarischen zionistischen Terrorangriffe“, solidarisierte sich mit der Hisbollah und leugnete das Existenzrecht Israels (k).
In den USA soll sich die Gruppe zudem solidarisch mit der ethnozentrischen afroamerikanischen „Nation of Islam“ und ihrem offen antisemitisch agierenden Vorsitzenden Louis Farrakhan erklärt haben. Das zeigt, dass Juden alles sein können, was auch Nichtjuden sind, auch Antisemiten.
Gerade diese, äußerlich an der Kleidung als (ultraorthodoxe) Juden erkennbare, winzige jüdische Sekte erfüllt für notorische Antisemiten und Antizionisten eine dankenswerte Alibi-Funktion. Jeder Antisemit, der mit dieser Gruppe auftritt, wird sich durch deren Aussagen bestätigt und durch ihre Anwesenheit vordergründig gegen Antisemitismus-Vorwürfe geschützt sehen.

by R. Schwarzenberg
[29.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: Rabbis nach Vernichtung Israels, Meldung vom 13. März 2006; http://alsharq.blogspot.com/2006/03/rabbis-untersttzen-forderung.html
(b)Siehe: Rabbi Yisroel Dovid Weiss: With the help of the Almighty, 28.10.05; http://nkuk.org/ ODER www.netureikarta.org
(c) Siehe: Anne-Cathrine Simon: Streit – “Neuer Antisemitismus”, in: Die Presse, 09.08.06; http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=p&ressort=a&id=577264
(d) Siehe: Maurice Tszorf: Siebter Tag: Jude sein in Israel – Teil 1, SWR 2001; http://www.swr.de/swr2/israel/tagebuch/tag7_2.html
(e) Siehe: Bilder von London: Al Quds Demo, 10.11.04; http://de.indymedia.org/2004/11/98413.shtml
(f) Nach: Rabbis nach Vernichtung Israels, Meldung vom 13. März 2006;
http://alsharq.blogspot.com/2006/03/rabbis-untersttzen-forderung.html
(g) Siehe: www.national-zeitung.de/Artikel_03/NZ19_2.html
(h) Siehe: http://www.doew.at/frames.php?/projekte/rechts/chronik/2006_10/magenheimer.html
(i) Siehe: Anne-Cathrine Simon: Streit – “Neuer Antisemitismus”, in: Die Presse, 09.08.06; http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=p&ressort=a&id=577264
(j) Hohmann bei Israel-Gegnern, im: SPIEGEL 29/2004
(k) Siehe: Anne-Cathrine Simon: Streit – “Neuer Antisemitismus”, in: Die Presse, 09.08.06; http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=p&ressort=a&id=577264

Dresden – Keine Experimente!

In Dresden wird seit der Wende viel wieder aufgebaut. Dresden „barockt“ wieder heißt es. Im Zentrum wurden aus Ruinen das Stadtschloss und zuletzt die Frauenkirche wieder aufgebaut. Auch das gesamte Umfeld der Frauenkirche soll noch wiedererstehen. Bei diesen Neubauten handelte es sich eigentlich um Altbauten, denn architektonische Experimente wurden nicht gewagt. Es wurde und wird nur stur rekonstruiert.
Veränderungen und Zäsuren, besonders der zweite Weltkrieg, werden dadurch ausgeblendet und ignoriert. Frei nach dem Motto „War da was?“
Doch nicht nur im Zentrum Dresdens wird fleißig rekonstruiert. Auch in der Peripherie finden sich Beispiele.
Eines der wohl prägnantesten ist der Bismarckturm im Dresdner Stadtteil Räcknitz. Dieser ähnelt äußerlich in seinem erektilen Größenwahnsinn dem bekannteren Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, dem Lieblingspilgerort des Neonazifunktionärs Christian Worch.
Beide Bauwerke sind Beispiele für die wilhelminische Monumentalarchitektur, die in ihrer Potthässlichkeit sogar noch den Real-Soz-Stil der DDR-Plattenbauweise übertrumpfen.
Bismarcktürme wurden in allen noch so abgelegenen Winkeln des damaligen Deutschen Kaiserreichs errichtet. In der Bundesrepublik gibt es noch 146 erhaltene von 240 ursprünglich errichteten Bismarcktürmen (a). Insgesamt war der Bau von 410 Türmen geplant (a). In Sachsen gibt es heute noch 18 erhaltene Türme (a).
Der 2003 von Architekturstudenten gegründete Verein Bismarckturm Dresden e.V. hat sich zum Ziel gesetzt den „schlafenden Riesen“ in Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt Dresden und dem GM Gebäudemanagment GmbH zu sanieren und wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ausführend soll dabei das Architektenbüro RKA Architekten und der Lehrstuhl für Baukonstruktion und Entwerfen der TU Dresden sein, für – laut Kostenvoranschlag – 275.000 Euro Kosten (b).
Projektpartner ist der Homepage des Vereins nach auch die berüchtigte Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die es durch ihren totalismustheoretischen Gleichsetzungsversuch von 3. Reich und DDR schaffte, dass eine Reihe von NS-Opferverbänden aus ihr austraten.
Der Räcknitzer Bismarckturm ist in seiner Erscheinung ein schmutzigbraunes Sandsteinungetüm, erbaut auf dem ehemaligen Schlachtfeld von 1813. Hier zwang Napoleon am 26. und 27. August 1813 die Truppen der Drei-Kaiser-Koalition (Österreich, Preußen, Russland) zum Rückzug (c). Trotz dieser Niederlage wurde auf dem ehemaligen Schlachtfeld auf der Räcknitzhöhe 1906 ein einfallsloser Klotz von 23 Meter Höhe errichtet. Eingeweiht wurde die Säule am 23.06.1906, also zur Sommersonnenwende.
Der Bau der Räcknitzer Säule wurde damals von der deutschen Studentenschaft angeregt, die ein Architektur-Modell mit dem wagnerianischen Namen „Götterdämmerung“ verwendete.
Dieses stammte aus der Feder des 23jährigen Architekten Wilhelm Kreis (1873-1955), war Bismarck als Reichseiniger gewidmet und wurde in höchst einfallsloser Weise 47 Mal in Deutschland nachgebaut (Bismarcks Tod 1898 begann ein nationalistischer Bismarckkult und – Vererhrung. Überall wurden Straßen, Plätze und Schulen nach ihm benannt.).
Nach 1933 arbeitete Kreis als Architekt fleißig für das NS-Regime und baute in diesen Diensten beispielsweise ein Weltkriegsmuseum (d).
Das Modell des Turms damals hatte auch eine Feuerschale und sollte damit die Kulisse zum Feier der Sommersonnenwende bilden. Außerdem existierte unter Nationalisten die Idee alle Bismarcktürme an nationalen Feiertagen gleichzeitig zu befeuern um so landesweit eine Kette von Feuersäulen zu schaffen um die deutsche Einheit zu symbolisieren (e).
Solche Lichtspielchen setzten die Nationalsozialisten später praktisch in die Tat um. Im Jahr 1935 wurden zum Beispiel in der Lübecker Bucht bei der „Reichssonnwende“ 800 Feuer gleichzeitig angezündet um eine entsprechende Kulisse für die völkische Feier zu bieten.
Die Räcknitzer Bismacksäule Säule ist nichts weniger als ein steingewordener Chauvinismus, der für einen Imperialismus und Kolonialismus steht, der Deutschland „einen Platz an der Sonne“ erobern und die Welt mit dem deutschen Wesen kurieren wollte.
Vordergründig, könnte man die Säule und ihre Symbolik – auf ihr besiegt in einem Relief der Reichsadler die Schlange Zwietracht – als Ausdruck des antinapoleonischen Freiheitskampfes und des deutschen Einigungswillen interpretieren. Doch die Geschichte zeigt, dass dem so nicht war, schließlich betrieb das Deutsche Reich Kanonenbootpolitik die geradewegs in den ersten Weltkrieg 1914 führte. Zudem wurde Napoleon 1815 zwar besiegt, aber durch den Sieg wurden noch reaktionärere Herrscher als Napoleon wieder in den Sattel gehievt. Immerhin wurde unter Napoleon eine bürgerliche Gesetzgebung, der Code Napoleon, eingeführt, der zum Beispiel den Juden in den deutschen Ländern formale Gleichberechtigung verschaffte.
Dass der Räcknitzer Bismarckturm eine ideale Kulisse gegen den „welschen Ungeist“ und die Errungenschaften der Französischen Revolution bildet, zeigte sich im Jahr 1933.
Am 10. Mai fanden nämlich am Räcknitzer Bismarckturm Bücherverbrennungen, organisiert von Studenten, statt. Dem voraus ging ein Vortrag des NS-Poeten Will Vesper.
Im gleichgeschalteten lokalen Tagesblatt „Dresdner Anzeiger“ wurde am folgenden Tag unter der Überschrift „Kundgebung der Dresdner Studentenschaft wider den undeutschen Geist“ von dem Ereignis wie folgt berichtet:
„Als Abschluss des Feldzug der Dresdner Studentenschaft wider den undeutschen Geist sprach Will Vesper über das Thema: Die Wandlung der deutschen Dichtung.“ (f) Dieser schwadronierte laut dem Artikel davon, dass das Judentum lange seinen „verderblichen Einfluß“ auf die deutsche Dichtung ausgeübt habe und rief: „Rotten wir das Gift aus!“ (f)
Weiter berichtet der Artikel:
„Danach trat die gesamte Studentenschaft zum Fackelzug an. Geschlossen ging es zum Bismarckturm , wo nach Ansprachen des Führers des Studentensturms und des Ältesten der Studentenschaft, Engel, der begeisterte Worte für den Kampf um die geistige Reinheit fand, die Verbrennung von Schmutzschriften erfolgte.“ (f)
Auch in der darauf folgenden Ausgabe des Dresdner Anzeigers wurde ausführlich über die Bücherverbrennung berichtet. Danach wurde der Zug der Studenten von der nahen Universität zum Räcknitzer Bismarckturm angeführt von „studentischen SA-Abteilungen mit ihren Spielmannszug“ (g).
Schon war „zu Füßen des Turms ein gewaltiger Scheiterhaufen errichtet“ (g).
Nach einer Ansprache („Die Jugend klagte durch ihren Sprecher die Vergangenheit an, die keinen Sinn hatte für völkische Kraft und nationales Leben.“ [g]) wurde dann das Deutschlandlied gesungen.
In einer „symbolischen Handlung“ wurden anschließend Marx’ Kapital, Werke von Kurt Tucholsky, von Fritz Foerster, von Emil Ludwig und von Sigmunt Freud ins Feuer geworfen.
Im Artikel wurde das Ereignis wie folgt zusammengefasst:
„Eine von Begeisterung getragene und kämpferisch ernste Kundgebung, die zur Befreiung des deutschen Geistes aus den Banden der Zersetzung und Würdelosigkeit führen soll […] (g).
Nicht ohne Grund also sind einige Straßennamen in Räcknitz nach von den Nazis verfemten AutorInnen benannt.
Bis ins Jahr 1941 fanden zur Sommersonnenwende an der Bismarcksäule Bismarck-Gedenkfeiern statt. Die Nationalsozialisten hatten sich dem ganzen Bismarckrummel nach der Machtübertragung angeschlossen – ob aus taktischer Überlegung oder aus ideologischer Überzeugung sei einmal dahin gestellt. So besuchte am 13./14 Februar 1939 Adolf Hitler in Friedrichsruh das Bismarck-Mausoleum (h).
Auf der Homepage des Vereins werden die Bücherverbrennungen und andere NS-Aktionen bei der Bismarcksäule als „Missbrauch“ bezeichnet (i). Richtiger ist wohl, dass die Nationalsozialisten samt sympathisierenden burschenschaftlichen Anhang nur ausnutzen, wozu sich das Gebäude geradezu anbot.
Auch anderen Nationalgesinnten scheint das setting zu gefallen. Immer wieder verirren sich Dutzende Propagandaaufkleber der rechtsextremen NPD und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ auf die Laternenpfähle, die den Weg bis hinauf zum Turm säumen.
Am 01.09.1946 wurde die Säule kurioserweise in Friedensturm umbenannt. Ein geplanter Abriss in den 50-er Jahren wurde aus Kostengründen leider nie verwirklicht (j).
Auch wenn ihre Botschaft für Uneingeweihte kaum klar erkennbar war, so waren die bunten Graffiti doch noch das Beste am Räcknitzer Bismarckturm. Durch sie und die im Taubenkot der Gemäuerritzen wurzelnden Birken wurde das Schwülstig-Pathetische des Reliefs und die düstere Aura des über die Dekaden schwarz gewordenen Sandsteins entschärft. Leider haben die Graffitis die Sanierungsarbeiten mit ihrer Reinigungswut nicht überstanden.

by R. Schwarzenberg
[24.10.2006]

UPDATE (03.11.06)

„Bismarck-Denkmäler enthielten in der Intention die Aufforderung zur aktiven Fortführung imperialer Expansion und zugleich eine unterschwellige Kritik an zögerlicher Reichspolitik.“

(Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005, Seite 122)

UPDATE (13.01.07)
Die Bücherbrennung am 10. Mai 1933 an der Bismarcksäule war nicht die einzige Bücherverbrennung in Dresden. Weitere fanden am 7. März in der Neuen Meißner Straße (Volksbuchhandlung) und am 8. März 1933 am Wettiner Platz statt.

ANMERKUNGEN
(a) Gute Aussicht auch 2006. Denkmaltürme in Dresden, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang 1/2006, Seite 4-5
(b) Bismarckturm e.V.: Sanierung der Bismarcksäule, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang IV/2005, Seite 8-9
(c) Dr. Volker Ruhland: Vor den Toren Dresdens tobte die Schlacht, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang 11/2006, Seite 10-12
(d) http://www.bismarcktuerme.de/website/ebene3/archit/kreis.html
(e) http://www.bismarckturm-dresden.de/html/f_start.html
(f) F. Bl.: Die Wandlung der deutschen Dichtung, in: Dresdner Anzeiger, 11.05.1933, Seite 3
(g) Fort mit allem Undeutschen!, in: Dresdner Anzeiger, 12.05.1933, Seite 8
(h) Siehe: erk: Bismarck – Ein Mythos und seine Jünger, in: Antifaschistische Nachrichten Nr. 15/2003; http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2003/15/1bismarck.shtml
(i) http://www.bismarckturm-dresden.de/html/verein/gruendung.html
(j) http://www.bismarcktuerme.de/website/ebene4/sachs/ddraeck.html

Hilfe die Deutschen kommen!

Am 20. September habe ich mir auf SAT.1 den fünften Teil von sechs Folgen, der seit dem 23. August laufenden, „Doku-Soap“ „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“ (21.15-22.15 Uhr) angesehen.
Das Format nennt sich zwar „Doku-Soap“, aber ehrlicher ist die Einordnung auf der Homepage von SAT.1 in der Kategorie „comedy_show“ (a).
Allein der Titel der Sendung ließ schon auf einen konstruierten Gegensatz Busch/Wildnis/Wilde – Zivilisation/Kultur/Deutsche schließen.
Drei Mittelschichts-Familien aus Deutschland wurden für die Serie für einige Zeit in indigenen Kulturen in den Ländern Togo, Namibia und auf der Insel Siberut vor Sumatra (Indonesien) untergebracht.
Familie Düvel wurde bei den Himba in Namibia, die Familie Fröhlich bei den Tambermas in Togo und die Familie Sauerzapf-Koch bei den Mentawai in Indonesien untergebracht.
Ziel dieses seltsamen Experimentes war es angeblich, dass die Familie in den „Stamm“ aufgenommen wird („Stamm“ ist dabei der üblich kolonial-eurozentrische Begriff für Ethnien und Völker in Afrika.).
Interessant war, dass zwei von drei Familien in zwei Ländern untergebracht wurden, die früher deutsche Kolonien („Schutzgebiete“) waren. Ein seltsamer Zufall ….
Das in Togo gerade, also zu Zeiten der Dreharbeiten, eine ziemlich blutige Diktatur herrscht scheint auch nicht sonderlich gestört zu haben. Damit liegt Sat.1 aber nur auf bundespolitischer Linie, die ja auch Flüchtlinge gnadenlos in das westafrikanische Land abschiebt.
Es wurden für diese „Doku-Soap“ im Übrigen nur indigene Kulturen ausgewählt, deren Frauen – zumindest für das Fernsehen – barbusig auftraten. Das kleine Volk der Himba ist deswegen schon früher das Ziel von TV-Dokus gewesen. Bei den hart auf Einschaltquoten rechnenden TV-Funktionären ist es sicher kein Zufall, vielmehr wird auch die Geilheit des männlichen TV-Publikums bedient. Das hat auch seine koloniale Entsprechung in Pseudo-Völkerkundlichen Studien für den kleinen Mann mit einer Menge Abbildungen von barbusigen „Wilden“.
Leider bin ich kein Kenner der Kulturen dieser Länder, aber mir erscheint es vor allem in Hinblick auf die Arbeitsweise der Medien, nicht unwahrscheinlich, dass einiges vor Ort erst auf wild getrimmt wurde. Ob die Tambermas in Togo wirklich immer im Alltag solche Hörnerhelme tragen? Ob alle Angehörige der drei indigenen Kulturen immer im Lendenschurz herumlaufen und nie mit einem T-Shirt? Die Vermutung liegt nahe, dass hier die Fernseh-Leute im Vornherein eine Bereinigung vorgenommen und alles auf Wilderness gestylt haben, bzw. was sie dafür hielten.
Auch bei den Übersetzungen bin ich misstrauisch. Einige Kommentare der „Wilden“ waren doch sehr klischeehaft.
Das ist übrigens nichts Neues. Schon frühe Tibet-Touristen um 1900 hatten die örtlichen Lamas angewiesen ihre halbmondförmigen Mützen für das Fotopublikum in der Heimat wie ein Bockshorn aufzusetzen, obwohl sie eigentlich anders herum getragen werden.
Da es sich bei den Familien nicht um erfahrene EthnologInnen mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen handelte, kam es zu einer Reihe von Konflikten und Problemen. Genau diese waren das Mittel, um Zuschauer für dieses Machwerk zu interessieren.
Eine Familie von vier oder fünf Weißdeutschen wird ihn eine Ihnen fremde Kultur gesteckt, deren Sprache sie nicht kennt und man braucht nur noch auf die Konflikte warten.
Der Höhepunkt für den Zuschauer der fünften Folge war wahrscheinlich, als die Tambermas in Togo einen Hund opfern wollte. Ob das nur für das Fernsehen so gemacht werden sollte oder so üblich ist, ist mir leider unbekannt.
Der Konflikt wurde jedenfalls so gelöst, dass die deutschen Bambie-Tierschützer („Wir schützen nur, was niedlich ist“) sich darauf einigten, dass eine geopferte Ziege ok sei.
Kaum überraschend sorgten auch die unterschiedlichen Eßgewohnheiten für Konflikte. Die bemitleidenswerten Kinder der Familien reagierten automatisch mit Ekel auf das Essen und waren auch sonst sehr renitent. Kaum verwunderlich, sie waren ganz offensichtlich nicht freiwillig mitgekommen, sondern von ihren Hippie-Eltern auf exhibitionistischen Selbsterfahrungstrip mitgepresst worden. Das Kind der Sauerzapf-Kochs hatte die, wahrscheinlich nicht ganz unbegründete Angst, zurück in bundesrepublikanischen Gefilden wegen seines Vaters mit Winnetou-Komplex im Lendenschurz zum Gespött der Klasse zu werden.
Vollkommen schwachsinnig wurde es, als sich Oberstudienrat Heinz gegenüber den Himba standhaft weigerte ein Kleid anzuziehen, weil er dann für „homosexuell“ (ganz korrekt, nicht etwa schwul, schwuchtelig oder weibisch) gehalten werden könnte.
Insgesamt ein übler Ethno-Kitsch mit oberflächlicher Toleranz und untergründigen Anklängen von Herrenmenschen-Mentalität, weil immer im Hintergrund schwebte „Gott wie DIE leben“ oder eben „Wie die Wilden“.
Genau deswegen wird das Format der Sendung unter anderem von der Namibischen Botschaft und der Gesellschaft für afrikanische Philosophie stark kritisiert.
Ein Dr. Roger Schawinski schreibt sogar die Serie verstoße gegen die Menschenwürde nach Art. 1 GG (b), denn „gemäß § 16 LMG und § 41 RStV haben die Rundfunkprogramme die Würde des Menschen zu achten. Nach ständiger Rechtsprechung ist mit der Menschenwürde der soziale Wert und Achtungsanspruch des Menschen verbunden, der es verbietet, den Menschen seiner Subjektqualität zu entkleiden und zum bloßen Objekt zu degradieren.“ (b)
Weiter führt Schawinski aus: „Anders als bei Sendungen wie Big Brother kann hier das Argument der Freiwilligkeit und des Selbstbestimmungsrechts wohl kaum herangezogen werden, da die Betroffenen die Verwertung des Filmmaterials und die damit verbundene negative Konnotation sowie die Herabwürdigung ihrer selbst, ihrer Lebensumstände, ihrer sittlichen Auffassungen und ihrer Kultur weder voraussehen konnten, noch darüber aufgeklärt wurden.“ (b)
Emporgehoben und vollkommen unkritisch aufgenommen hingegen wurde die Sendung vom SPIEGEL, da heißt es: „Deutsche in Afrika: Wer jetzt an Kolonialherrenstolz oder Dschungelcamp-Zynismus denkt, liegt falsch.“ (c) und eine Unterzeile des SPIEGEL-Artikel lautet sogar „Entdeckung des Fremdkörpers“ (c). Im Fazit heißt es dann: „Schön, dass Sat.1 es fertig gebracht hat, die Stämme nicht vorzuführen, sondern deren Traditionen als völlig selbstverständlich zu zeigen. Und den Deutschen gebührt Respekt: Ihr Anpassungswillen ans Fremde ist über jeden Kolonialherrendünkel erhaben.“ (c). So wird konsequent versucht postkoloniale Herrenmenschenattitüden wegzuleugnen.

by R. Schwarzenberg
[23.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: http://www.sat1.de/comedy_show/wiediewilden/
(b) Nach: Dr. Roger Schawinski: Betreff: SAT.1-Doku-Serie: „Wie die Wilden – Deutsche im Busch“; http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/wiediewilden.htm
(c) Nach: Peer Schader: Stammgäste in Not, 23. August 2006; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,433129,00.html

Gestern deutsch-völkisch und Heute Deutschland

Die ehemals stark völkisch ausgerichtete Gartenbaukolonie Eden in Berlin-Oranienburg (1893 gegründet) wurde dieses Jahr im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland als einer von 365 Orten im „Land der Ideen“ ausgewählt. Jeden Tag widmet die Kampagne besonders einem Ort bzw. einer dort angesiedelten Institution. Laut eigener Homepage präsentiert sich die ehemalige „germanische Utopie“ Eden dazu am 20. August 2006 mit einem großen Erdapfel- und Paradiesapfelfest. Über 70 Jahre zuvor wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in einem Akt vorauseilenden Gehorsam eine so genannter „Arierparagraph“ eingeführt und weitere Gleichschaltungsmaßnahmen durchgeführt.
Der Autor Ulrich Linse schrieb zum Verhältnis Eden – Nationalsozialismus in seinem 1983 erschienen Buch: „Während andere Siedlungen während der nationalsozialistischen Zeit zwangsenteignet oder sich reprivatisierten, konnte Eden, das schon immer völkische Ideen nahegestanden hatte, diese Zeit unbeschadet überstehen.“ (a)
Davon liest man auf der Homepage der Kampagne aber nichts.
Stattdessen heißt es „Schon immer sehnen sich die Menschen nach dem Garten Eden. Warum gehen sie nicht einfach hin? […] Die Berliner Gründer wollten hier ihre lebensreformerischen Gedanken so ausleben, wie sie es in der Großstadt nicht konnten: vegetarische Lebensweise, genossenschaftlicher Besitz, Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung nach ihren Vorstellungen.“ (b)

by R. Schwarzenberg
[23.10.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Nach: Ulrich Linse (Hg.): Zurück o Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890-1933, München 1983, S. 40
(b) Nach: http://www.land-der-ideen.de/CDA/ort_des_tages,1987,1,,de.html?action=detail&id=197, eingesehen am 14.06.2006

VERWENDETE LITERATUR:

Ulrich Linse: Völkisch-rassistische Siedlungen der Lebensreform, in: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871 – 1918, München 1999, Seite 398-401

Ulrich Linse (Hg.): Zurück o Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890-1933, München 1983, Seite 7-62, 188-221

Homepage der Obstbaukolonie Eden: http://www.eden-eg.de/chronik.htm

Homepage der Kampagne „Land der Ideen“: http://www.land-der-ideen.de/CDA/ort_des_tages,1987,1,,de.html?action=detail&id=197