Dresden – Keine Experimente!

In Dresden wird seit der Wende viel wieder aufgebaut. Dresden „barockt“ wieder heißt es. Im Zentrum wurden aus Ruinen das Stadtschloss und zuletzt die Frauenkirche wieder aufgebaut. Auch das gesamte Umfeld der Frauenkirche soll noch wiedererstehen. Bei diesen Neubauten handelte es sich eigentlich um Altbauten, denn architektonische Experimente wurden nicht gewagt. Es wurde und wird nur stur rekonstruiert.
Veränderungen und Zäsuren, besonders der zweite Weltkrieg, werden dadurch ausgeblendet und ignoriert. Frei nach dem Motto „War da was?“
Doch nicht nur im Zentrum Dresdens wird fleißig rekonstruiert. Auch in der Peripherie finden sich Beispiele.
Eines der wohl prägnantesten ist der Bismarckturm im Dresdner Stadtteil Räcknitz. Dieser ähnelt äußerlich in seinem erektilen Größenwahnsinn dem bekannteren Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, dem Lieblingspilgerort des Neonazifunktionärs Christian Worch.
Beide Bauwerke sind Beispiele für die wilhelminische Monumentalarchitektur, die in ihrer Potthässlichkeit sogar noch den Real-Soz-Stil der DDR-Plattenbauweise übertrumpfen.
Bismarcktürme wurden in allen noch so abgelegenen Winkeln des damaligen Deutschen Kaiserreichs errichtet. In der Bundesrepublik gibt es noch 146 erhaltene von 240 ursprünglich errichteten Bismarcktürmen (a). Insgesamt war der Bau von 410 Türmen geplant (a). In Sachsen gibt es heute noch 18 erhaltene Türme (a).
Der 2003 von Architekturstudenten gegründete Verein Bismarckturm Dresden e.V. hat sich zum Ziel gesetzt den „schlafenden Riesen“ in Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt Dresden und dem GM Gebäudemanagment GmbH zu sanieren und wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ausführend soll dabei das Architektenbüro RKA Architekten und der Lehrstuhl für Baukonstruktion und Entwerfen der TU Dresden sein, für – laut Kostenvoranschlag – 275.000 Euro Kosten (b).
Projektpartner ist der Homepage des Vereins nach auch die berüchtigte Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die es durch ihren totalismustheoretischen Gleichsetzungsversuch von 3. Reich und DDR schaffte, dass eine Reihe von NS-Opferverbänden aus ihr austraten.
Der Räcknitzer Bismarckturm ist in seiner Erscheinung ein schmutzigbraunes Sandsteinungetüm, erbaut auf dem ehemaligen Schlachtfeld von 1813. Hier zwang Napoleon am 26. und 27. August 1813 die Truppen der Drei-Kaiser-Koalition (Österreich, Preußen, Russland) zum Rückzug (c). Trotz dieser Niederlage wurde auf dem ehemaligen Schlachtfeld auf der Räcknitzhöhe 1906 ein einfallsloser Klotz von 23 Meter Höhe errichtet. Eingeweiht wurde die Säule am 23.06.1906, also zur Sommersonnenwende.
Der Bau der Räcknitzer Säule wurde damals von der deutschen Studentenschaft angeregt, die ein Architektur-Modell mit dem wagnerianischen Namen „Götterdämmerung“ verwendete.
Dieses stammte aus der Feder des 23jährigen Architekten Wilhelm Kreis (1873-1955), war Bismarck als Reichseiniger gewidmet und wurde in höchst einfallsloser Weise 47 Mal in Deutschland nachgebaut (Bismarcks Tod 1898 begann ein nationalistischer Bismarckkult und – Vererhrung. Überall wurden Straßen, Plätze und Schulen nach ihm benannt.).
Nach 1933 arbeitete Kreis als Architekt fleißig für das NS-Regime und baute in diesen Diensten beispielsweise ein Weltkriegsmuseum (d).
Das Modell des Turms damals hatte auch eine Feuerschale und sollte damit die Kulisse zum Feier der Sommersonnenwende bilden. Außerdem existierte unter Nationalisten die Idee alle Bismarcktürme an nationalen Feiertagen gleichzeitig zu befeuern um so landesweit eine Kette von Feuersäulen zu schaffen um die deutsche Einheit zu symbolisieren (e).
Solche Lichtspielchen setzten die Nationalsozialisten später praktisch in die Tat um. Im Jahr 1935 wurden zum Beispiel in der Lübecker Bucht bei der „Reichssonnwende“ 800 Feuer gleichzeitig angezündet um eine entsprechende Kulisse für die völkische Feier zu bieten.
Die Räcknitzer Bismacksäule Säule ist nichts weniger als ein steingewordener Chauvinismus, der für einen Imperialismus und Kolonialismus steht, der Deutschland „einen Platz an der Sonne“ erobern und die Welt mit dem deutschen Wesen kurieren wollte.
Vordergründig, könnte man die Säule und ihre Symbolik – auf ihr besiegt in einem Relief der Reichsadler die Schlange Zwietracht – als Ausdruck des antinapoleonischen Freiheitskampfes und des deutschen Einigungswillen interpretieren. Doch die Geschichte zeigt, dass dem so nicht war, schließlich betrieb das Deutsche Reich Kanonenbootpolitik die geradewegs in den ersten Weltkrieg 1914 führte. Zudem wurde Napoleon 1815 zwar besiegt, aber durch den Sieg wurden noch reaktionärere Herrscher als Napoleon wieder in den Sattel gehievt. Immerhin wurde unter Napoleon eine bürgerliche Gesetzgebung, der Code Napoleon, eingeführt, der zum Beispiel den Juden in den deutschen Ländern formale Gleichberechtigung verschaffte.
Dass der Räcknitzer Bismarckturm eine ideale Kulisse gegen den „welschen Ungeist“ und die Errungenschaften der Französischen Revolution bildet, zeigte sich im Jahr 1933.
Am 10. Mai fanden nämlich am Räcknitzer Bismarckturm Bücherverbrennungen, organisiert von Studenten, statt. Dem voraus ging ein Vortrag des NS-Poeten Will Vesper.
Im gleichgeschalteten lokalen Tagesblatt „Dresdner Anzeiger“ wurde am folgenden Tag unter der Überschrift „Kundgebung der Dresdner Studentenschaft wider den undeutschen Geist“ von dem Ereignis wie folgt berichtet:
„Als Abschluss des Feldzug der Dresdner Studentenschaft wider den undeutschen Geist sprach Will Vesper über das Thema: Die Wandlung der deutschen Dichtung.“ (f) Dieser schwadronierte laut dem Artikel davon, dass das Judentum lange seinen „verderblichen Einfluß“ auf die deutsche Dichtung ausgeübt habe und rief: „Rotten wir das Gift aus!“ (f)
Weiter berichtet der Artikel:
„Danach trat die gesamte Studentenschaft zum Fackelzug an. Geschlossen ging es zum Bismarckturm , wo nach Ansprachen des Führers des Studentensturms und des Ältesten der Studentenschaft, Engel, der begeisterte Worte für den Kampf um die geistige Reinheit fand, die Verbrennung von Schmutzschriften erfolgte.“ (f)
Auch in der darauf folgenden Ausgabe des Dresdner Anzeigers wurde ausführlich über die Bücherverbrennung berichtet. Danach wurde der Zug der Studenten von der nahen Universität zum Räcknitzer Bismarckturm angeführt von „studentischen SA-Abteilungen mit ihren Spielmannszug“ (g).
Schon war „zu Füßen des Turms ein gewaltiger Scheiterhaufen errichtet“ (g).
Nach einer Ansprache („Die Jugend klagte durch ihren Sprecher die Vergangenheit an, die keinen Sinn hatte für völkische Kraft und nationales Leben.“ [g]) wurde dann das Deutschlandlied gesungen.
In einer „symbolischen Handlung“ wurden anschließend Marx’ Kapital, Werke von Kurt Tucholsky, von Fritz Foerster, von Emil Ludwig und von Sigmunt Freud ins Feuer geworfen.
Im Artikel wurde das Ereignis wie folgt zusammengefasst:
„Eine von Begeisterung getragene und kämpferisch ernste Kundgebung, die zur Befreiung des deutschen Geistes aus den Banden der Zersetzung und Würdelosigkeit führen soll […] (g).
Nicht ohne Grund also sind einige Straßennamen in Räcknitz nach von den Nazis verfemten AutorInnen benannt.
Bis ins Jahr 1941 fanden zur Sommersonnenwende an der Bismarcksäule Bismarck-Gedenkfeiern statt. Die Nationalsozialisten hatten sich dem ganzen Bismarckrummel nach der Machtübertragung angeschlossen – ob aus taktischer Überlegung oder aus ideologischer Überzeugung sei einmal dahin gestellt. So besuchte am 13./14 Februar 1939 Adolf Hitler in Friedrichsruh das Bismarck-Mausoleum (h).
Auf der Homepage des Vereins werden die Bücherverbrennungen und andere NS-Aktionen bei der Bismarcksäule als „Missbrauch“ bezeichnet (i). Richtiger ist wohl, dass die Nationalsozialisten samt sympathisierenden burschenschaftlichen Anhang nur ausnutzen, wozu sich das Gebäude geradezu anbot.
Auch anderen Nationalgesinnten scheint das setting zu gefallen. Immer wieder verirren sich Dutzende Propagandaaufkleber der rechtsextremen NPD und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ auf die Laternenpfähle, die den Weg bis hinauf zum Turm säumen.
Am 01.09.1946 wurde die Säule kurioserweise in Friedensturm umbenannt. Ein geplanter Abriss in den 50-er Jahren wurde aus Kostengründen leider nie verwirklicht (j).
Auch wenn ihre Botschaft für Uneingeweihte kaum klar erkennbar war, so waren die bunten Graffiti doch noch das Beste am Räcknitzer Bismarckturm. Durch sie und die im Taubenkot der Gemäuerritzen wurzelnden Birken wurde das Schwülstig-Pathetische des Reliefs und die düstere Aura des über die Dekaden schwarz gewordenen Sandsteins entschärft. Leider haben die Graffitis die Sanierungsarbeiten mit ihrer Reinigungswut nicht überstanden.

by R. Schwarzenberg
[24.10.2006]

UPDATE (03.11.06)

„Bismarck-Denkmäler enthielten in der Intention die Aufforderung zur aktiven Fortführung imperialer Expansion und zugleich eine unterschwellige Kritik an zögerlicher Reichspolitik.“

(Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005, Seite 122)

UPDATE (13.01.07)
Die Bücherbrennung am 10. Mai 1933 an der Bismarcksäule war nicht die einzige Bücherverbrennung in Dresden. Weitere fanden am 7. März in der Neuen Meißner Straße (Volksbuchhandlung) und am 8. März 1933 am Wettiner Platz statt.

ANMERKUNGEN
(a) Gute Aussicht auch 2006. Denkmaltürme in Dresden, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang 1/2006, Seite 4-5
(b) Bismarckturm e.V.: Sanierung der Bismarcksäule, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang IV/2005, Seite 8-9
(c) Dr. Volker Ruhland: Vor den Toren Dresdens tobte die Schlacht, in: Dresdner Stadtteiljournal Südhang 11/2006, Seite 10-12
(d) http://www.bismarcktuerme.de/website/ebene3/archit/kreis.html
(e) http://www.bismarckturm-dresden.de/html/f_start.html
(f) F. Bl.: Die Wandlung der deutschen Dichtung, in: Dresdner Anzeiger, 11.05.1933, Seite 3
(g) Fort mit allem Undeutschen!, in: Dresdner Anzeiger, 12.05.1933, Seite 8
(h) Siehe: erk: Bismarck – Ein Mythos und seine Jünger, in: Antifaschistische Nachrichten Nr. 15/2003; http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2003/15/1bismarck.shtml
(i) http://www.bismarckturm-dresden.de/html/verein/gruendung.html
(j) http://www.bismarcktuerme.de/website/ebene4/sachs/ddraeck.html