Deutsche Rechte erobern sich einen Platz an der Sonne

Die extreme deutsche Rechte sieht anders als in anderen Ländern sicher nicht den deutschen Kolonialismus als ihr Hauptthema. Viel mehr widmet man sich lieber dem Gebiet jenseits von Oder und Neiße, was viele Kameraden so gern „heim ins Reich“ holen möchten.
Aber manchmal tauchen die ehemaligen deutschen Kolonialismus doch auf. Ob es um eine Art von Kolonialgeschichtsrevisionismus und Leugnung des Völkermordcharakters der Aufstandsniederschlagungen in den Kolonien geht, um Kolonialrealtivismus oder um Kolonialnostalgie. Im Kontrast dazu sieht sich die deutschnationale Rechte oft selbst im antikolonialen Befreiungskampf seit 1945 bzw. seit der Christianisierung Europas.
Zu Zeiten der Apartheid solidarisierte man sich natürlich noch ausgiebig mit dem weißen Minderheitsregime Südafrikas oder Südrhodesiens (heute: Simbabwe). Institutionalisiert war diese Solidarität damals in der „Hilfsgemeinschaft Südliches Afrika“ (HSA). Bis heute gibt es noch Fahrten zu weißen Gesinnungsgenossen in Südafrika, um dort ausgiebig dem gemeinsamen Chauvinismus zu huldigen.
Ab und zu wird von den deutschnationalen Rechten auch die deutschsprachige Minderheit in Namibia erwähnt.
Trotzdem wird allgemein eher auf Südtirol (Italien) als das ehemalige „Deutsch-Südwest“ (Namibia) geschielt. Von der Etsch bis an den Belt eben und nicht von der Etsch bis an den Sambesi.
Thor-steinar-Ostafrika
Beim rechten Design-Modelabel „Thor-Steinar“ finden sich neuerdings in der Kollektion auch Kleidungsstücke mit dem großen Aufdruck „Ostafrika-Expedition“ (a) und darunter in klein den Schriftzug „Thor-Steinar-Expedition 1888“, ähnliches gibt es auch mit dem Aufdruck „Deutsch-Südwest“ (b). Das Ganze soll wohl nicht ganz ernst gemeint die Expansionsgelüste der selbsternannten „Herrenmenschen“ verdeutlichen und die blutige Kolonialgeschichte Deutschlands relativieren.
Nicht rechtsextrem aber doch ultrarechts ist der „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“ mit Sitz in Emden.
Zu diesem gab es einen Artikel in der vorletzten Ausgabe der sehr lesenswerten Freiburger Zeitschrift „iz3w“ (www.iz3w.org).

Es folgt ein Leserbrief von mir zu diesem Artikel, der in der neuen Ausgabe der iz3w Jan/Febr 2007, Seite 44, abgedruckt wurde:
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Leserbrief zu dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“, in: iz3w Nr. 297 November/Dezember 2006
Endlich mal wieder ein kritischer Artikel über das Tun und Treiben des „Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen/Freunde der früheren deutschen Schutzgebiete e.V.“.
Gut wird in dem Artikel „Eine schöne Erinnerung“ von Jannntje Böhlke-Itzen und Joachim Zeller gezeigt wie es dem „Traditionsverband“ gelungen ist besonders im Internet seine verharmlosende, nostalgische bis verfälschende Sicht auf die Kolonialherrschaft zu verbreiten.
Schade aber ist, dass die Autoren sich nicht dazu entschließen können, den „Traditionsverband“ als ultrarechts oder extrem rechts zu bezeichnen, sondern ihn nur als „rechts“ bezeichnen. Selbst der neofaschistische Verleger Gerd Sudholt, dessen Verlage regelmäßig in Verfassungsschutzberichten Erwähnung finden, wird nur als rechts bezeichnet. Als rechts bezeichnen sich aber auch weite Teile der CDU/CSU.
Das der Traditionsverband aber extrem rechts einzuordnen ist, zeigen weitere Verbindungen ins rechtsextreme Lager, die von den Autoren im Artikel nicht oder nur unzureichend erwähnt wurden:
+ Der „Traditionsverband“-Funktionär Werner Haupt (Bad Sachsa) übersetzte die Erinnerungen von Emilio Estaban-Infantes, des Führers der spanischen faschistischen Blauen Division im II. Weltkrieg. (c)
+ Der Geschäftsführer des „Traditionsverbandes, Dr. Kfm. Hermann Mietz aus Emden gründete Ende der 70er Jahre nicht nur die „Nationale Jugend Ostfriesland (NJO)“, er referierte 1998 auch zum 22. Südafrika-Seminar des (Pro-Apartheids-)„Hilfskomitee Südliches Afrika“ (HSA) in Coburg und dem extrem rechten „Studentenbund Schlesien (SBS)“, außerdem war er neben der NJO auch Funktionär beim Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). (d)
+ Der ehemalige erste Vorsitzender des Verbandes, Oberst a.D. Eberhard Schoepfer, hat nicht nur als junger Offizier in „Deutsch-Südwestafrika“ gedient er wurde im 3. Reich auch zum Ritterkreuzträger gekürt. (d)
+ Häufiger Gast des Verbandes war Marie Adelheid Prinzessin Reuß zur Lippe. Sie war Mitarbeiterin des persönlichen Stabes des NS-Reichsbauernführers Darre, Trägerin der Goldenen Ehrennadel der Hitler-Jugend und später eine enge Weggefährtin des notorischen Holocaust-Leugners Thies Christophersen. (d)
+ Der noch 1992 amtierende 2. Vorsitzende des Traditionsverbandes Dr. jur. Klaus Goebel, ein Münchener Rechtsanwalt, war im März 1991, gemeinsam mit dem Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, juristischer Berater bei dem von dem Neofaschisten Ewald Althans und dessen „Deutschen Jugend-Bildungswerk“ organisierten geschichts-revisionistischen „Leuchter-Kongreß“ in München. (d)

Schade auch, dass nicht erwähnt wurde, dass das Mitglied Kai-Uwe von Hassel (+1997), der CDU-Spitzenpolitiker und ehemaliger Bundestagspräsident, im 3. Reich an Planungen für ein mittel-afrikanisches Kolonialreich der Nazis beteiligt war. (c)
Der Traditionsverband ist wie der ehemalige Freikorps-Verband „Bund Oberland“ ein Beispiel dafür, dass ursprüngliche Veteranenorganisationen auch nach dem Ableben der „Erlebnis“generation weiterexistieren können.
Das lässt auch ahnen, dass nicht alle deutschen Veteranenorganisationen des zweite Weltkriegs – von der Waffen-SS bis zur Kriegsmarine – demnächst einfach verschwinden werden. Ideologische Nachfahren werden wohl einige Gruppe weiter betreiben und deren Geschichts(zerr)bild auch weiterhin verbreiten.
Mit einigen dieser Gruppen teilt der „Traditionsverband“ bereits die Mitgliedschaft in einer Dachorganisation. So wird in einer Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Petra Pau, Ulla Jelpke, Heidi Lippmann und der Fraktion der PDS vom 17.10.2000 der Traditionsverband in einem Verzeichnis der Mitgliedsverbände des extrem rechten „Ring Deutscher Soldatenverbände“ (RDS) vom Herbst 1999 aufgeführt.
Neben den anderen Mitgliedern des RDS wie dem „Stahlhelm-Kampfbund für Europa“ und der „Traditionsgemeinschaft >Panzerkorps Großdeutschland<“ nimmt sich der „Traditionsverband“ allerdings noch geradezu gemäßigt aus.

by R. Schwarzenberg

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by R. Schwarzenberg
[22.12.2006]

ANMERKUNGEN
(a) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1339_T-Shirt-Ostafrika.html
(b) http://www.thorsteinar.de/product_info.php/info/p1327_T-Shirt-Suedwest.html
(c) Jean Cremet: Koloniale Sehnsüchte nach „Traumland Südwest“: „Heia Safari“, in: BnR-Ausgabe 02/1997
(d) Anton Maegerle: Kolonialgeschichtler. Ein Verein mit Kontakten ins extrem rechte Lager will die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit wach halten, in: BnR-Ausgabe 24/1999