Elsässers „Verteidigung“

Inzwischen hat Jürgen Elsässer zu der Reihe an Vorwürfen bezüglich einer rechten Verstrickung gegen ihn Stellung genommen. Neben wenig überzeugenden Contras auf andere Vorwürfe geht er auch auf seine, in diesen Blog in einem Artikel beschriebene, Schreibtätigkeit in dem Schweizer Rechts-Blatt „Zeit-Fragen“ ein. Genauer heißt es hierzu in Elsässers Rechtfertigung:
„Die schweizerische Wochenzeitung ist kein rechtes und schon gar kein rechtsradikales Blatt. Sie tritt für Frieden, Menschenrechte, die Wahrung des Völkerrechts und, eine eidgenössische Spezialität, für die Neutralität des Landes ein. Rechtsradikale und rechte Autoren gibt es in diesem Blatt ebenso wenig wie rechtsradikale oder rechte Themen, wie sich unschwer im Archiv auf » www.zeit-fragen.ch ersehen lässt. Dafür schreiben regelmäßig linke Autoren wie Michel Chossudovski, Rainer Rupp, Jürgen Rose.“ (a)
Andere (selbsternannte oder wirkliche) linke Autoren als Entlastungszeugen aufzuführen ist sehr oft gar kein Beweis für die Einordnung eines Mediums. Für die ultrarechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ lassen sich beispielsweise mindestens ein Dutzend (selbsternannter oder wirklich) linker Schreiber und Interviewpartner anführen, die entweder getäuscht wurden oder eben gewendete Linke sind.
Um Elsässer Behauptung zu widerlegen genügt einfach ein Blick in die vorletzte „Zeit-Fragen“-Ausgabe:
In Zeit-Fragen Nr. 49 vom 04.12.2006 rezensiert Prof. Dr. Alfred de Zayas aus Genf die englische Originalausgabe von Finkelsteins Buch „Antisemitismus als politische Waffe“ (b). Sowohl der Buchautor Finkelstein als auch sein Rezensent sind wohlbekannt.
Der US-amerikanische Völkerrechtler und Historiker Alfred M. de Zayas, Jahrgang 1947, ist Autor der neurechten „Edition Antaios“ (c) und „Alter Herr“ des Tübinger Corps Rhenania.
Der germanophile Revanchist sitzt ebenfalls im Kuratorium der stramm rechten und anti-kommunistischen „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“, im Beirat der Stiftung für das Zentrums gegen Vertreibungen (d). Für die rechte Wochenpostille „Junge Freiheit“, die nationalliberale „Criticon“ (2005 eingestellt), das revanchistische Ostpreußenblatt (e), die BdV-Schrift „Deutscher Ostdienst (DOD)“, das extrem rechte Magazin „Soldat im Volk“, das konservative „Deutschland-Magazin“ griff er zur Feder (f).
Im März 2003 war Zayas Teilnehmer und Referent der von der rechtsextremen Burschenschaft Danubia ausgerichteten „20. Bogenhauser Gesprächen“ (g).
Sicher, für Zeit-Fragen schreiben nicht nur Rechte. Das ist auch gar nicht notwendig. Gegen Amerika oder Israel können auch viele Linke hetzen. Unterschiede sind hier höchstens in Nuancen erkennbar. Doch das Blatt bietet daneben auch rechten Schreibern ein Forum. Üblicherweise nennt sich das ganze dann Querfront.
Ganz aus lässt Elsässer, dass eine Person mit exakt seinem Namen sich auf der Teilnehmerliste des Kongresses „Mut zur Ethik“ findet.
Zu diesem jährlich stattfinden Kongress an dieser Stelle ein Zitat aus dem Informationsdienst „Blick nach Rechts“ (BnR):
„Der Sitz von „Mut zur Ethik“ befindet sich im schweizerischen Zürich und ist identisch mit einer Organisation, die die Welt durch psychologische Menschenkenntnis retten will: die „Vereinigung zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis“ (VPM). Die VPM gilt mitsamt ihrer etwa zwanzig Schwestervereine als eine von Rechts-außen politisierende Psychosekte […] (h)
An dem „XIV . Kongress «Mut zur Ethik»“, der vom 1. bis 3. September 2006 in Feldkirch (Österreich), bei dem der Name Elsässer auf der Teilnehmerliste erscheint nahm auch de Zayas teil (i).
Ohne jeden Namen zu überprüfen, so fallen neben de Zayas auch weitere bekanntere Rechte auf der Teilnehmerliste auf. Dazu gehören:
>>> Prof. Dr. Karl-Albrecht Schachtschneider (Deutschland), ein ehemaliger Aktivist für die rechte Kleinpartei „Bund Freier Bürger“ (j).
>>> Prof. Dr. Eberhard Hamer (Deutschland), der sich mit dem Ex-CDU-Abgeordneten Martin Hohmann solidarisierterte, zu den Mitgründern der rechten Sammlungsbewegung „Stimme der Mehrheit“ gehört und Mitglied im „Arbeitskreis Demokratiereform“ (gehört zum Umfeld der „Deutschland-Bewegung“) ist bzw. war (k).
Es hat einen Grund warum zum Beispiel der Vortrag „Revitalisierung des Krieges als Mittel der Politik“ von Dr. Heinz Loquai, General a.D., erst gehalten am X. Kongress „Mut zur Ethik“ in Feldkirch (30.8.-1.9.2002), später auf der Seite der neurechten „Staats- und Wirtschaftspolitischen Vereinigung“ auftaucht (k)
Worauf Elsässers in seiner Verteidigung und Rechtfertigung überhaupt nicht eingeht, ist seine inhaltliche Nähe zur extremen Rechten in so einigen Punkten (Verschwörungsfantasien, Antizionismus, Antiamerikanismus, Volk als Subjekt, die Mär vom bösen fremden Heuschreckenkapitalismus und der guten einheimischen Volkswirtschaft).
Diese Übereinstimmungen zeigen sich anschaulich in seinem im Januar 2007 erscheinenden Buch mit dem aussagekräftigen Titel „Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg“. Auf seiner Homepage wurde der Inhalt vom Verfasser schon angegeben (l). Hier die grusligsten Zitate und ein paar Bemerkungen dazu:
„Die Heuschrecken des Kapitalismus fressen alles kahl und verwüsten auch blühende Volkswirtschaften. Wer sich wehrt, wird zum Schurken erklärt und militärisch vernichtet. Wer sich fügt, muß Militärbasen dulden und seine Souveränität dem Imperium abtreten. Wie vor hundert Jahren entstehen rund um den Globus Kolonien und Halbkolonien – sowie Konzentrationslager für die renitenten Eingeborenen.“
Zur antisemitischen Heuschrecken-Rhetorik kommt auch noch eine Holocaust-Relativierung.
„Der nationalistische Faschismus ist passé – sein postmoderner Bastard ist globalistisch“
Das Wort „globalistisch“ kennt man sonst eigentlich nur als Kampfbegriff aus der Rechten.
„Das Kapitel vergleicht verschiedene Möglichkeiten, wie sich progressive Regierungen zwischen Peking, Brasilia und Caracas gegen den Neoliberalismus wehren. Auch in Deutschland könnten die Sozialisten wieder eine geschichtsmächtige Kraft werden, wenn sie mit Fundi-Dogmatismus ebenso brächen wie mit Realo-Spielereien und sich endlich der Mehrheit der Bevölkerung zuwendeten, statt sich auf die Probleme von Randgruppen zu kaprizieren.“
Peking und Caracas sind progressiv. Warum eigentlich nicht gleich Pjöngjang? Probleme von Randgruppen ignorieren. Ja genau, vernachlässigt die Schwulen, Behinderten und Asylbewerber bringen ja eh keine Wahlstimmen ein. So etwas nennt man allgemein Populismus, was Elsässer immerhin ehrlich zugibt:
„Schluß mit Realo-Anpasserei und Fundi-Dogmatismus: Die Linke kann nur mit einer populistischen Strategie an die Macht kommen“
Die Rechte hatte auch schon viel Erfolg damit.

by R. Schwarzenberg
[14.12.2006]

Ein paar allgemeine Informationen zur VPM und Anhang gibt es unter:
+++ http://www.agpf.de/VPM.htm +++ http://www.agpf.de/VPM+Mut-zur-Ethik.htm +++
http://relinfo.ch/vpm/info.html +++

UPDATES (13.01.07)
- F. William Engdahl (Deutschland), ein weiterer „Mut-zur-Ethik“-Kongress-Teilnehmer
Engdahl ist Autor beim rechtsesoterischen KOPP-Verlag (Rottenburg) und Referent bei der extrem rechten „Staats- und Wirtschaftspolitischen Vereinigung“ (SWG) (http://www.swg-hamburg.de/Im_Blickpunkt/body_im_blickpunkt.html).
- Eine gute Zusammenstellung von Elsässers Kurs nach Rechts erschien im Dezember 2006 auf Lizas Blog: http://lizaswelt.blogspot.com/2006/12/der-querfrontkopf.html

UPDATES (28.01.07)
- In der Januar/Februar-Augabe von „Der Rechte Rand“ gibt es auf Seite 25 „Eine Antwort von J. Elsässer“ und „Eine kurze Erwiderung der Redaktion“.
- Gefunden: Elsässer wurde im zurückliegenden Jahr übrigens bereits mehrmals zustimmend in der neurechten „Jungen Freiheit“ zitiert.
Ende 2005 in der „Jungen Freiheit“ Nummer 47 vom 18. November 2005 wurde Elsässer mit dem Titel „Der Anti-Antideutsche“ von Werner Olles sogar ein größtenteils positiver Artikel gewidmet. Hier ein Zitat: „Jürgen Elsässer ist mittlerweile immer wieder für die Formulierung konservativer Wahrheiten im linken Milieu gut.“

ANMERKUNGEN
(a) 23.11.2006, http://www.0815-info.de/archiv/2006/november/110638.php
(b) http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2006/nr49-vom-4122006/appell-an-intellektuelle-redlichkeit-im-diskurs-ueber-den-nahen-osten/
(c) http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=4.1/SET=4/TTL=41/CMD?ACT=SRCHA&IKT=8500&SRT=YOP&TRM=Zayas
(d) http://www.z-g-v.de/aktuelles/?id=40, eingesehen am 09.06.2006
(e) http://www.jungefreiheit.de/jf_aut.htm, eingesehen am 09.06.2006 Alfred Schobert:
(f) Propaganda als Wissenschaft, in „Jungle World“ Nr. 51/1998; http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/51/06a.htm
(g) Anton Maegerle: Gefragter Experte, in: BnR-Ausgabe 8/2003
(h) „Kongreß zum Zeitgeist“, in: BnR-Ausgabe 17/1996
(i) http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2006/nr30-vom-2472006/xiv-kongress-mut-zur-ethik-grundlagen-legen-fuer-eine-humanere-zukunft/
(j) hma: Freiwirte in der Humboldt-Universität, in: Antifaschistische Nr. 20/1997; http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1997/20/010.shtml
(k) Peter Riggers: Mit Ultrarechten Seite an Seite, in: Antifaschistische Nachrichten Nr. 15/2006;
http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2006/15/1projekt.shtml
(l) http://www.swg-hamburg.de/Armee_im_Kreuzfeuer/armee_im_kreuzfeuer.html
(m) http://www.juergen-elsaesser.de/ in der Kategorie „Aktuelle Artikel“