Stahlgewitter im Neckartal

Literarische Vorlieben sind generell Privatsache und sagen auch nur zum Teil etwas über politische Orientierung aus.
Trotzdem sind die Jünger der Brüder Jünger aufmerksam zu betrachten, weil es sich oft um mehr als nur eine literarische Vorliebe handeln könnte.
Ernst Jünger (1895-1998) war ein bekannter deutscher nationalistischer Literat und Schreiber.
Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg schrieb Jünger besonders 1925 bis 30 zahlreiche Artikel für nationalrevolutionäre Publikationsorgane und wurde durch seine Schreibtätigkeit zu einer Ikone der antidemokratischen Rechten und zum einem der Totengräber der Weimarer Republik.
Ein Nationalsozialist aber war Jünger nicht. Der Käferforscher, Anti-Demokrat und Kriegsromatiker Jünger lehnte den ihm von den Nationalsozialisten angebotenen Sitz im (schon gleichgeschalteten) Reichstag ab. Damit war er nicht allein. Einige rechte Vordenker aus der Weimarer Republik lehnten den Führungsanspruch des Nationalsozialismus im rechten Lager ab und sahen sich in Konkurrenz zu den Nationalsozialisten.
Genau auf diese, scheinbar unbelasteten, antidemokratischen Protagonisten und Randifiguren bezieht sich die so genannte „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik.
Trotz seiner Abneigung gegenüber des NS tat Jünger treu seinen Dienst in der Wehrmacht.
Im Jahr 1939 wurde Jünger zur Wehrmacht eingezogen und zum Hauptmann befördert. Er wirkte im Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich in Paris, wo er unter anderem für die Briefzensur zuständig war. Im Jahr 1942 wurde er dann in den Kaukasus geschickt.
Er wohnte seit der Nachkriegszeit im schwäbischen Wilfingen (Landkreis Biberach, Regierungsbezirk Tübingen)
Seine jugendlichen nationalrevolutionären Positionen revidierte Jünger nach Kriegsende zum Teil und neigte jetzt eher dem kulturpessimistischen Konservatismus zu.
Neben dem Literat Jünger existierte aber immer noch der Ideologe Jünger. Eine Trennung ist schwierig bis unmöglich, weil sich beide gegenseitig beeinflusst haben.
Ähnliche Probleme tauchen zum Beispiel auch bei Richard Wagner auf: Ist das bombastische germanomanische musikalische Werk Wagners wirklich von Wagners rassistischen und antisemitischen Vorstellungen zu trennen?
Wenn auch der ältere Ernst Jünger sich weniger politisch aktiv betätigte als der jüngere, so verlor er doch nie den Kontakt zur politischen Ebene.
Bis zuletzt blieb Jünger mit hohen konservativen Politikern in Kontakt. Zum Beispiel nahm er mit dem damaligen CDU-Politiker Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand 1984 in Verdun an der Ehrung der Opfer des Ersten Weltkrieges teil.
Der jüngere Jünger-Bruder Friedrich Georg Jünger (1898-1977) scheint ein ähnliche Entwicklung wie sein Bruder gemacht zu haben. Nach der Teilnahme am ersten Weltkrieg schrieb er für den rechten und republikfeindlichen Veteranenverband Stahlhelm und weitere rechtsextreme Blätter.
Mag Ernst Jünger auch seine jugendliche Schützengraben-Euphorie abgebaut haben, so behielt er doch bis zu seinem Lebensende anti-egalitäre Vorstellungen.
Jünger ist nicht ganz ohne Grund ein Idol der Rechten, insbesondere der antidemokratischen Rechten.
Der Journalist und Buchautor Andreas Speit führt ein Wichtiges Ideologem der „Neuen Rechten“ auf Jünger zurück: Den Heroischen Realismus.
Dazu schreibt Speit:
„Ernst Jünger, der >Genüssling des Barbarismus< (Thomas Mann), verbindet die Absage an die >Eiszeiten des Protestantismus, des Rationalismus und der Aufklärung< mit der Zusage zum >schicksalhaften Kampf< , dem es sich zu stellen gelte, um dieses Zeitalter zu beenden. Alles sei gerechtfertigt, solange es diesem Ziel dient. Jüngers Wille zur >totalen Diktatur< und zur >totalen Mobilmachung< wird aufgegriffen. Dabei heiligt auch bei den heutigen Anhängen der Zweck alle Mittel […].“ (b)
Genau hier liegt der Ansatzpunkt, der Ernst Jünger auch eine ideologische Gefolgschaft bescherte.
Es hat einen Grund warum das verhinderte Waffen-SS-Mitglied Armin Mohler (1920-2003) von 1949 bis 1953 Privatsekretär von Jünger war und sich im Anschluss zu DEM Vordenker der antidemokratischen Neuen Rechten etablierte. Oder warum die neurechte Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ so oft Dinge berichtet, die in Zusammenhang mit Ernst Jünger stehen, dass man sie scherzhafterweise auch „Ernst Jüngers Freiheit“ nennen könnte.
Deswegen ist sollte man genauer hinsehen, wenn sich Fans der Jünger-Brüder treffen oder als Gruppe konstituieren.
Im Todesjahr Jüngers, 1998, wurde der „Freundeskreises der Brüder Ernst und Friedrich Jünger“ gegründet.
Über die jährlichen Treffen des Freundeskreises („Jünger-Symposium“) im Kloster Heiligkreuztal nahe Wilflingen berichtet gern auch die bereits erwähnte „Junge Freiheit“ (siehe zum Beispiel Ausgabe 15/00 oder Nr. 17/04 vom 16. April 2004).
Es handelt sich dabei zum Teil um Personen, die Jünger noch persönlich kannten. So ist zum Beispiel ein Graf von Stauffenberg Vorsitzender, der Jünger 47 Jahre in seinem Haus in Wilfingen beherbergte.
Der Freundeskreis gibt sich unpolitisch bzw. konservativ und ist anscheinend enger mit der Universität Tübingen verbunden, in deren Verlag anfangs seine Schriften erschienen.
Die letzten beiden Schriften erschienen in der Schriftenreihe „Freundeskreises“, wurden aber nicht mehr wie zuvor im Universitäts-Verlag, sondern in einem eigenen kleinen Verlag, dem „Jörg F. Hagenlocher Verlag“ herausgebracht:
+ „Wilfried Steuer, Begegnungen mit Ernst Jünger“, herausgegeben von Georg Knapp, 2001
+ „Albert von Schirnding, Begegnungen mit Ernst Jünger“, herausgegeben von Georg Knapp, 2002
Der Herausgeber Georg Knapp war im Übrigen eine Hilfskraft Jüngers.
Schon zu Jüngers Lebzeiten hatte er in Tübingen einen Hausverlag. Der Verleger Ewald Katzmann benannte seinen Tübinger Furche-Verlag sogar in Heliopolis-Verlag um, in dem Jüngers gleichnamiges Buch erschien.
In der Weimarer Zeit war Jünger anscheinend in Tübingen recht beliebt. Ein Journalist schilderte in Tübingen die „dummdreiste Arroganz der herrischen Industriellensöhne
in dem Villenviertel der Corpshäuser und Burschenschaftsheime:
[…] über Beide aber herrscht mit einer durch das Milieu dieser sonderbaren Stadt gestärkten Autorität der verbissenen Kleinstadtprofessor, der Rauschebart, und knetet den Teig zu einem völkisch-deutschnationalen Kuchen. In den Buchläden liegen breit und protzig die >Werke< des J.F. Lehmann- und des Scherl-Verlages: >In Stahlgewittern< von Jünger, Hitlers und
Ludendorffs >Memoiren< und aller von der Großstadt ausgespiene antisemitisch-teutonische Kitsch.“
(c)
Auch bei der beliebten Studierenden-Onlinegemeinde studivz findet sich für Tübingen eine Anzahl von Jünger-Anhängern. Die bei Studivz gegründete Gruppe „Ernst-Jünger-Bau Tübingen“ setzt sich für eine Umbenennung des Brechtbaus in Ernst-Jünger-Bau ein. Natürlich ist das nicht ganz ernsthaft gemeint, aber dass dem linken Literaten der rechte Literat Ernst Jünger gegenübergestellt wird, ist ernst gemeint. Bezeichnenderweise wurde als Bild der Gruppe eine Bild des jungen Jünger gewählt.
Jünger scheint sich zeit seines Lebens und auch danach in Tübingen einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen.

by R. Schwarzenberg
[07.03.2007]

ANMERKUNGEN
(a) www.juenger-haus.de/beschreibungdt.pdf
(b) Andreas Speit: Schicksal und Tiefe. Sehnsüchte der „Neuen Rechten“, in: Jean Cremet, Felix Krebs, Andreas Speit: Jenseits des Nationalismus. Ideologische Grenzgänger der „Neuen Rechten“. Ein Zwischenbericht. Hamburg/Münster, 1999, , Seite 32 und 33
(c) Berringa Schönhagen: Tübingen unterm Hakenkreuz, Tübingen 1991, Seite 37

VERWENDETE LITERATUR
Rolf Peter Sieferle: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Frankurt/Main 1995, Kapitel zu Jünger

Paul Noack: Ernst Jünger. Eine Biographie, Berlin 1998, Seite 235-243