Subhas Chandra Bose: Des Teufels General

Viele Kinder, deren Eltern aktiv in den Nationalsozialismus verstrickt waren, verspüren das seltsame Bedürfnis ihre Eltern entlasten und verteidigen zu müssen. Als gelte es zu beweisen, dass diese nicht böse und damit auch außerstande waren „das böse Gen“ an ihre Nachkommen weiterzugeben.
So erfahren wir von den Speer-Sprößlingen, dass der Vater lediglich ein Künstler war und das „Onkel Hitler“ gerne Mickymaus-Filme anschaute.
Anita Pfaff (*1942), Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete, macht anscheinend bei solcherlei Familien-Geschichts-Relativierung keine Ausnahme. Das obwohl Frau Pfaff ihren Vater nie bewusst kennen lernte. Denn Frau Pfaffs Vater, der Indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose (1897-1945), fuhr kurz nach ihrer Geburt nach Japan um dort, protegiert vom aggressiv imperialistischen Japanischen Reich, zu versuchen in der britischen Kolonie Indien einzumarschieren.
Doch Bose ging nicht nur ein Bündnis mit der expansionistischen Großmacht Japan ein.
Vorher arbeitete er bereits mit dem nationalsozialistischen Deutschland auf das Engste zusammen.
Schon früh liebäugelte Bose, genannt Netaji („Führer“), mit totalitären und autokratischen Regierungen in Europa.
Bereits während seiner früheren Europa-Aufenthalte 1933 bis 1936 hatte Bose in den undemokratischen Regimes von Italien, Österreich und Deutschland Kontakt zu Mitarbeitern (L. Martin: 10) des Auswärtigen Amtes aufgenommen. Schon zu dieser Zeit entwickelte er Sympathien für den faschistischen Diktator Mussolini und trat mit diesem in Kontakt (ebenda). Ein Termin mit Hitler kam trotz Boses Bemühungen nicht zustande.
In einem 1934 verfassten Buch („The Indian Struggle“) propagiert Bose eine Mischung aus Sozialismus und Faschismus und – damit verbunden – Militarismus und Wehrhaftigkeit der Jugend in Form einer militärischen Ausbildung (ebenda), war also durchaus vom Faschismus beeinflußt. Später relativierte Bose zwar wieder diese Forderung, aber eine geistige Nähe zum Faschismus blieb (ebenda). Die Schuld für den von Italien ausgehenden Eroberungskrieg in Äthiopien gab er beispielsweise den Briten (ebenda). Boses späteres Bündnis mit den Achsenmächten Italien, Deutschland und Japan war mehr als ein reines Zweckbündnis.
Im Dezember des Jahres 1938 traf sich Bose zu Gesprächen mit deutschen Regierungs-Vertretern in Bombay (L. Martin: 11).
Ein Jahr später sprach sich Bose „vom Standpunkt des nationalen Selbstinteresses“ (nach L. Martin: 11) gegen eine Aufnahme der verfolgten Juden in Indien aus.
In einem Artikel im März 1940 äußerte sich Bose bewundernd über den Nationalsozialismus (ebenda). Ein Rassist aber war Bose nie, er beschwerte sich sogar über die Diskriminierung von Indern in Deutschland (L. Günther: 21). Allerdings auch nur über diese.
Bose flüchtete im Frühjahr 1941 aus seinem britischen Hausarrest in Indien nach Berlin. Hier beteiligte er sich mit deutscher Genehmigung und Hilfe an anti-britischer Propaganda und dem Aufbau einer indischen Einheit, zumeist aus gefangen genommenen britisch-indischen Kolonialsoldaten. Diese Einheit sollte sich bei der Eroberung Indiens nach dem Vorstoß der Wehrmacht über den Kaukasus beteiligen. Diesen Bemühungen lagen reale machtpolitische Überlegungen zu Grunde, es ging den Nationalsozialisten nämlich darum den strategisch wichtigen Rohstoff- und auch Soldatennachschub (besonders Gurkhas aus Nepal) für Großbritannien aus Indien abzuschneiden.
Am 27. Mai 1942 erhielt Bose sogar eine Audienz bei Hitler.
Himmler&Bose
BILD: Himmler und Bose im Gespräch
Die in Deutschland von bzw. mit Bose angeworbene militärische Einheit verblieb auch nach dessen Fahrt nach Japan in Deutschland. Sie war nicht nur auf Bose, sondern auch auf Hitler eingeschworen. Zuerst der Wehrmacht unterstellt wurde sie später ein Teil der Waffen-SS und war an Kriegsverbrechen im besetzten Frankreich beteiligt.
Auch im Machtbereich des japanischen Kaiserreiches baute Bose eine Kollaborations-Einheit auf, die auf den Seiten der Japaner kämpfte. Während die japanische Kolonialmacht also in Korea und China wütet tragen Boses Truppen (80.000 Mann), so erfolglos sie militärisch auch waren, dazu bei den Krieg zu verlängern und die Japaner zu entlasten.
Ghandi und Nehru, die anderen großen Ikonen des indischen Freiheitskampfes zeigten mit ihrer Absage an ein Bündnis mit den Achsenmächte klar, dass es auch anders ging. Sie erkannten den Unterschied zwischen dem liberalen und (im Ursprungsland) demokratischen Imperialismus Englands und dem totalitären Faschismus Großbritanniens und handelten danach (L. Martin: 12). Die beiden dürften sich keine Illusionen gemacht haben und in Japan und Deutschland nur einen anderen zukünftigen Kolonialherren, nicht aber einen selbstlosen Unterstützer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, gesehen haben. Letzteres dürfte auch Bose durchaus bewusst gewesen sein. Schließlich protestierte er auch gegen einen Absatz von Hitlers „Mein Kampf“, weil diese den Engländern Indien zusprach. Trotzdem wurde Bose auch aus opportunistischen Erwägungen zu einem „Freiheitskämpfer“ von Deutschlands und Japans Gnaden.
Wie sehr Bose seinen Unterstützern untertänig war zeigt sich auch daran, dass er im Oktober 1943 nicht nur den Krieg gegen England, sondern auch gegen die USA, erklärte, obwohl diese um die indischen Unabhängigkeit kaum etwas zu tun hatte.
Boses, durchaus begründeter, doch blinder und grenzenloser Hass auf England trieb ihn dazu sich mit den destruktiven Kräften der Barbarei einzulassen. Er war auf eigenen Willen des Teufels General. Kein Wunder, dass da die ultrarechte Wochenpostille einen Jubel-Artikel auf Bose verfasste (a).
Dies zu verschweigen, zu verharmlosen und zu relativieren geschieht, wenn man eine Veranstaltung zu Bose mit dem Titel „“Subhas Chandra Bose“ Ein moderner und weitsichtiger Politiker der indischen Unabhängigkeitskämpfe“ (b) anbietet, wie es Frau Pfaff am 22. Juni 19 Uhr an der Universität München in einem Seminar anscheinend tat. Der Titel lässt schon erkennen, dass man hier mit einem sehr selektiven Blick auf Bose dessen Rolle in der Geschichte positivieren will.
Zudem darf man, auch mit Blick auf frühere Aussagen Frau Pfaffs zu ihrem Vater, ihre notwendige wissenschaftliche Objektivität und Distanz zu dem Forschungsgegenstand stark anzweifeln. Hier wird das Private zum Politischen gemacht.

by R. Schwarzenberg
[29.11.2006]

ANMERKUNGEN
(a) Siehe: Thomas Hartenfels: Der dritte Mann, in: Junge Freiheit, 28/03 04. Juli 2003; http://www.jf-archiv.de/archiv03/283yy52.htm
(b) Siehe: http://www.fs.lmu.de/indologie/termine/sb, eingesehen am 10.06.2006

VERWENDETE LITERATUR:

Robert Deininger: Mit Gandhi hatte er ein Ziel, aber den anderen Weg, in: Augsburger Volkszeitung vom 19. August 2000
www.uk-muenchen.de/berichte/reportagen_bose.htm

Urmila Goel: Die indische Legion. Ein Stück deutsche Geschichte, 2003;
www.urmila.de/UDG/Biblio/legion.html

Lothar Günther: Von Indien nach Annaburg, Berlin 2003, u.a. Seite 9-26
(sehr unkritischer Beitrag zu Bose)

Jan Kuhlmann: Subhas Chandra Bose und die Indienpolitik der Achsenmächte, 2006, S. 227 – 229

Lou Martin: Der Feind des Feindes, in: iz3w Nr. 291 – März 2006, Seite 10-13

Selina Nayyar: Netaji Subhas Chandra Bose – „Jai Hind!“, 3/2004;
www.indien-netzwerk.de/navigation/landleute/artikel/netaji-deu.htm

Recherche International e.V.: „Unsere Opfer zählen nicht“ – die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Berlin/Hamburg 2005, Seite 255-60 und 269-74

Jochen Reinert: „“Netaji“ Boses Pakt mit dem Teufel“, erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ in der Ausgabe vom 16. Juli 2003;
www.suedasien.net/themen/geschichte/netaji_bose.htm

Frank V. Seidel: Die Kollaboration, Herbig-Verlag, Berlin 1995, Seite 263-68


1 Antwort auf “Subhas Chandra Bose: Des Teufels General”


  1. 1 Jan Kuhlmann 21. August 2007 um 20:03 Uhr

    Der Text geht leider völlig unkritisch mit dem britischen Imperialismus, der eben nicht ein „liberaler“ und „demokratischer“ Imperialismus war. Wer verstehen will, warum Bose sich mit den Nazis eingelassen hat, sollte lieber den eurozentrischen Blickwinkel verlassen, und versuchen, die historische Situation mit den Augen eines Inders zu erfassen. Bose versuchte (aus seiner Sicht), zwei imperialistische Mächte gegeneinander auszuspielen, um dabei am meisten für sein Land herauszuholen. Nur deshalb kam er im Krieg nach Deutschland, nicht aus Bewunderung für Hitler.

    Auch Gandhi (nicht „Ghandi“) und Nehru waren übrigens kein Freund des „demokratischen“ Imperialismus der Briten, sondern verfolgten eine einfach nur eine andere Strategie als Bose. Mit dem Konzept des gewaltfreien Widerstandes und der Abgrenzung von Englands Kriegsgegnern suchten sie die Annäherung an die Labour Party, damit diese dann nach einem Wahlsieg Indien in die Unabhängigkeit entlassen würde. So geschah es dann ja auch.

    Aber 1941 war der Ausgang des Krieges ja noch völlig offen. Boses Versuch, die Achsenmächte für den Fall ihres Sieges auf die Unabhängigkeit für Indien festzulegen, war nichts weiter als ein alternativer Vorstoß aus den Reihen der indischen Unabhängigkeitsbewegung, der von Gandhi mit Respekt beobachtet wurde.

    Und ob Bose tatsächlich dem Faschismus geistig nahe stand, hätte sich allenfalls mit seiner Politik als Regierungschef einen freien Indien belegen lassen können. Seine Schriften und seine Zusammenarbeit mit den Achsenmächten allein lassen dieses Urteil so nicht zu, weil sie neben Anerkennung auch viele ablehnende Äußerungen erkennen lassen, die von Boses Kritikern gern übersehen werden.

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