Archiv für Juli 2007

Schlimm, schlimmer, Holocaust

Sprachliche „Entgleisungen“ oder Holocaustrelativierung?

Spätestens seit der gleichnamigen US-Serie 1979 steht der Begriff Holocaust mit den Verbrechen der Nationalsozialisten an den europäischen Juden in fester Verbindung.
Doch ist die Verwendung des Begriffes Holocaust oder anderer Begriffe aus dem Zusammenhang mit der Ermordung der sechs Millionen europäischer Juden an ganz anderer Stelle nichts Unbekanntes mehr.
Unter einem Holocaust macht es heute anscheinend niemand mehr. Nicht wenige Opfergruppen versuchen sprachlich in Konkurrenz zum wirklichen Holocaust zu treten. Ebenso gibt es noch Gruppen, die gar keine Opfergruppen vertreten bzw. das höchstens für sich in Anspruch nehmen, und die über derlei Vergleiche versuchen den Holocaust zu entwerten, um ein großes Hindernis auf dem Weg zum befreiten deutschen Nationalismus aus dem Weg zu räumen.

Ein Bad-off der Holocaust-Relativierungen
Einige dieser Holocaust-Relativierungen bezeichnen tatsächlich einen Völkermord, das vielfache Sterben von Menschen (Aids), andere massive Menschenrechtsverletzungen („wilde Vertreibungen“ bei der Aussiedlung der deutschen Minderheiten nach 1945), andere bezeichnen lediglich das massenhafte Sterben von Tieren oder Embryonen.

+++ Abtreibung +++
Radikale „Lebensschützer“-Gruppen hatten in Flugblättern Abtreibungsärzte mit NS-Ärzten in verglichen und Abtreibung als „Babycaust“ bezeichnet. Darauf hin hatte das Oberlandesgericht Nürnberg in einem Urteil entschieden, dass Abtreibung und Holocaust nicht mehr gleichgesetzt werden dürfen.
Ein BGH- und OLG-Urteil in Karlsruhe hingegen bewertet den Begriff „Babycaust“ als legitime Meinungsäußerung.

+++ Aids +++
Aids sei ein „sozialer Holocaust“ meinte Winnie Mandela, Frau des südafrikanischen Ex-Präsidenten Nelson Mandela.

+++ alliierte Bombardements +++
Während die anderen Caust-Bezeichnungen von ihren Verwendern oft tatsächlich ganz ernst gemeint verwendet werden handelte es sich bei dem Bomben-Holocaust-Begriff augenscheinlich um einen kalkuliert provozierten Skandal der sächsischen NPD-Landtagsfraktion.
Diese bezeichnet in Gestalt ihres Landtagsabgeordneten Jürgen W. Gansel erstmals im Januar 2005 im Sächsischen Landtag die alliierte Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 als „Bomben-Holocaust“
Ganz neu war dieser Begriff aber nicht. Jürgen Hösl, Bundesvorsitzender der rechtsgerichteten Schlesischen Jugend, soll laut Antifaschistische Nachrichten (hma) die Bezeichnung „Bombenholocaust“ schon 2002 in einem Interview mit der FAZ verwendet haben.

+++ Atombombeneinsatz +++
Bei dieser Holocaust-Betitelungen liegt durch die Todesart die Verbindung zu der ursprünglichen Wortbedeutung des Wortes Holocaust nicht so fern. Wenn beim Atombombenabwurf auf Nagasaki und Hiroshima die Explosion viele Menschen verbrennen ließ, so liegt die Assoziation mit „Brandopfer“, also der Übersetzung des Wortes Holocaust, tatsächlich recht nahe.
Sowohl die Friedensbewegung ab den 1980ern als auch die neurechte Ikone und Staatsrechter Carl Schmitt (1963) verglichen den Atombombenabwurf auf Nagasaki und Hiroshima mit dem Holocaust und nannten ihn „atomarer“ oder „nuklearer Holocaust“.
Aber wie schon Hannah Arendt 1964 erkannt gibt es zwischen dem Versuch, den Kriegsgegner zur Aufgabe zu bewegen und dem Versuch ein komplettes Volk restlos auszurotten („Endlösung“) Unterschiede.
Wie der Autor Richard Herzinger in „Der Welt“ richtig schreibt bedurfte es zum Holocaust einer ganz bestimmten wahnhaften Ideologie und es bedurfte eines zielgerichteten Willens, diese kriminelle Ideologie bis in die letzte Konsequenz und zu verwirklichen.
Eine neuere und auch nahe liegende Verwendung des Begriffes „atomarer Holocaust“ findet sich als Beschreibung der nuklearen Bedrohung des antisemitischen iranischen Regimes gegen den jüdischen Staat Israel.

+++ Globalisierung +++
Der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen W. Gansel verwendete in der Januarausgabe der „Deutschen Stimme“ 2007 die Bezeichnung „Selektionsrampe der Globalisierung“.

+++ Gentechnik +++

„Die Ernährungssouveränität der Völker soll schlichtweg gebrochen werden; im Sinne der Globalisierer kommt es zu einer Versklavung der Bauern weltweit. Vor diesem Hintergrund ähnelt Gentechnik durchaus einer Massenvernichtungswaffe.“

(Zitat von einer NPD-Homepage)

+++ Tierschutz +++
Die Bezeichnung „Hühner-KZs“ für Legebatterien scheint unter Tierschützern allgemein recht verbreitet zu sein. Der Jungle-World-Autor Wippermann führt an, dass es in Tierschutzkreisen sogar schon einen „Holocaust der Wale“ gibt. Und Skeptiker gegenüber dem Klimakatastrophen-Alarmismus werden auch schon mal als Klimakatastrophen-Leugner bezeichnet. Auch vom „Ökologischen Holocaust“ war schon zu hören.
Besonders unrühmlich tat sich bei der Holocaustrelativierung die Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals” (PeTa) hervor, die weltweit 800.000 MitgliederInnen besitzen soll.
In den USA startete PeTa eine Kampagne und Ausstellung („masskilling“) unter dem Titel „The Holocaust on your plate“. Durch den bildhaften Vergleich wurde auf Plakaten Tiertötung und Holocaust gleichgesetzt.
PeTa forderte sogar im Frühjahr 2000 vom Vatikan ein Schuldbekenntnis für „Den Holocaust, begangen an Milliarden von unschuldigen Tieren“.
Im Allgemeinen scheinen PeTa Menschen nicht nur soviel, sondern oft noch weniger als Menschen zu bedeuten. So protestierte PeTa bei dem damaligen Palästinenser-Führer Arafat wegen Tötung von Esel bei einem Anschlag.
In Deutschland verhinderte die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Holocaust-Kampagne im Vorfeld.
Die radikale Variante des Tierschutz, der Speziezismus wird von KritikerInnen sogar als vegane Holocaustleugnung bezeichnet, weil hier generell massenhaftes menschliches Leiden mit dem von Tieren gleichgesetzt wird.
Es kommt zu einer Trivialisierung des Holocaust durch Gleichsetzung von Auschwitz und Tiermord.
Auch andere Tierschutzorganisationen als PeTa operieren mit diesen Gleichsetzungen, wie ein Zitat der 1987 gegründeten Initiative Animal Peace beweist:

„Zu Tausenden in kleinen und großen Zirkussen zur Zwangsarbeit gepreßt, zu Hunderttausenden in Zuchthäusern, Zoos genannt, der Freiheit beraubt, um uns zu unterhalten, zu Millionen und Milliarden zu lebenslanger Bewegungslosigkeit in den Mastställen verdammt, Hühner in der Batterie, Kühe in Boxen an Ketten, Schweine mit Gurten festgezurrt. Wir gebrauchen sie zu Millionen als Vorkoster in der gigantischen Giftküche der chemischen Industrie, hexen ihnen alle Krankheiten der Welt an, nageln ihre Skalps an Wände, dulden das schießgeile Gemetzel männerbündlerischer Exekutionskommandos als angeblichen Beitrag zum Naturschutz.“

Apologeten solcher Gruppen versuchen oft solche gruseligen Aktionen als angebliche „Provokation“ zu entschuldigen.

+++ Hexenverfolgung +++
Die grausame Hexenverfolgung durch die Kirche wird von einigen auch als Gynozid, als einer Wortverschmelzung von Genozid und gyn (griech. für Frau) bezeichnet.
Im Zusammenhang damit wird dann oft behauptet, dass „Neun Millionen Hexen in Europa verbrannt worden seien“. Diese Zahl ist aber bewiesenermaßen eine Erfindung. Tatsächlich waren es den wissenschaftlichen Schätzungen von Wolfgang Behringer zufolge unter 100.000 Personen, die der immer noch sehr blutigen christlichen Hexenverfolgung zum Opfer fielen.
Hier ist es weniger die Bezeichnung die stört, als mehr die unwissenschaftliche Hochrechnung der Opfer.

+++ Krebstherapie +++
Die antisemitische „Gesundheits“sekte Germanische Neue Medizin (GNM) bezeichnet die Krebsbehandlung mittels Chemotherapie in ihren Schriften gerne als „Chemo-Caust“. Ihrer Ansicht nach müsste man Krebs oder Krankheiten allgemein unbehandelt lassen. Einen „Trick“ den laut ihrem Guru Ryke Geerd Hamers antisemitischer Verschwörungsfantasie bereits Juden für sich anwenden, aber Nichtjuden verbieten.

+++ stalinistische Gewaltverbrechen +++
1998 wurde der Begriff „Roter Holocaust“ in der Diskussion um das auf Deutsch erschienene umstrittene Schwarzbuch des Kommunismus in die Debatte eingeführt.

+++ Vertreibung und Umsiedlung der deutschsprachigen Minderheiten +++
Die so genannte „wilde Vertreibung“ der deutschsprachigen Minderheiten aus Osteuropa nach Deutschland, Österreich und Übersee, die modernen Schätzungen nach 500-600.000 Opfer forderte wurde immer wieder von Rechten zur Aufrechnung instrumentalisiert.
Wobei diese Rechten dann meist die veralteten Todeszahlen in Höhe von 2.500.000 reklamierten und nicht zwischen „wilder Vertreibung“ und ordentlicher Umsiedlung nach dem Beschluss von Potsdam unterscheiden.
So betiteln die extrem rechten Autoren Joseft Eibicht und Anne Hipp ihr gemeinsames Buch auch mit „Vertreibungsholocaust“. Erschienen ist das Buch dann auch im rechtsextremen NPD-nahen „Deutsche-Stimme“-Verlag (Riesa).

by R. Schwarzenberg

VERWENDETE LITERATUR
Wolfgang Behringer: Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos, http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/thementexte/rezeption/art/Neun_Millionen/html/ca/0e43e9dea3/

Richard Herzinger: Atomarer Holocaust?. Warum Auschwitz und Hiroschima nie und nimmer das Gleiche sind, in: Die Welt vom 06.08.2005, http://www.welt.de/data/2005/08/06/755634.html?s=3

hma: Eine deutsche Burg in Polen, in: Antifaschistische Nachrichten Nr. 7-2002, S. 2

Helmut Lölhöffel: Entgleisungen, in BnR-Ausgabe 12/1998

Wolfgang Wippermann: „Holoporn“ – Der Fall Finkelstein, in: Jungle World – 20.Mai 1998,
http://www.hagalil.com/archiv/98/05/finkel.htm

Volker Zastrow: Holocaust, in: FAZ vom 27. Januar 2005, Nr. 22 / Seite 3