Archiv für September 2007

Die Jungs von der HJ

Im Alter wird der Blick zurück auf die eigene Jugend milde. Erlebnisse von früher werden aufgebauscht, begangene Streiche aufgeblasen.
In den privaten Erzählungen der Großeltern aus der Flakhelfer/HJ/BdM-Generation kommt die Hitlerjugend (HJ) und der „Bund deutscher Mädel“ (BdM) nicht selten erstaunlich gut weg. Sie wird als eher unpolitische Institution beschrieben und in einer Art Lagerfeuerromantik verklärt.
Hinzu kommt eine allgemeine Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Zeit. So kann die BILD 2005 dann auch titeln: „Ich war Hitlerjunge. Ich muss mich doch nicht schämen!“
Umrahmt war diese Titelseite von einigen Ehemaligen im Greisenalter.
BILDs.Hitlerjungen

Der, inzwischen verstorbene, Speer-Apologet Joachim Fest darf auch in der BILD seine Meinung zum Besten geben: „Hitlerjungen waren Kinder, keine Verbrecher.“
Fests.Hitlerjungen

Die HJ war aber kein geselliger Wanderverein oder gar eine braune FDJ, wie es einem die Totalitarismus-Theoretiker manchmal einreden wollen.

1933-43
Die HJ und der BdM waren Mittel der totalen Herrschaftssicherung. Sie dienten der vormilitärischen „Wehrertüchtigung“ (ab 1937 gab es auch Schießübungen), also der Vorbereitung auf den Krieg, und es wurden in beiden Organisationen politische und ideologische Inhalte vermittelt.
Seit dem 1. Dezember 1936 war die Mitgliedschaft für alle 10- bis 18- jährigen Jugendlichen obligatorisch.

Der ab 1934 eingeführte HJ-Streifendienst (später wird auch ein BDM-Streifendienst gebildet) war ein Unterdrückungsinstrument gegen Jugendbünde und Wandergruppen, gegen die anfänglich unpolitische Swing-Jugend oder gegen renitente Kirchengemeinden (besonders Katholiken). Die Hitlerjungen fungierten dabei als eine Art Hilfspolizei und entlastete dadurch die richtige Polizei. Immer war die HJ mit vorne dabei, wenn es galt ein paar Edelweißpiraten zu verprügeln oder Juden zu schikanieren.
Manche HJ-Gegner wurden „nur“ brutal zusammengeschlagen, andere der Gestapo übergeben, um nie wieder zurückzukehren.

1944/45
Die HJ war zu Teil auch an den so genannten „Kriegsendphase-Verbrechen“ beteiligt. In der Kriegsendphase wendete sich der Nazi-Terror verstärkt gegen kriegsunwilligen Teil der deutschen Bevölkerung. Aber auch die restlichen besetzten Gebiete waren weiterhin betroffen. Auch Hitlerjungen waren an diesem Terror beteiligt. Ein Beispiel hierfür sind die beiden 78jährigen, die als 16jährige in der besetzten Tschechei im April 1945 an einem Massaker an 63 Zivilisten beteiligt gewesen sein sollen. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit.

Doch nicht nur vereinzelt waren Hitlerjungen an Verbrechen beteiligt. Eine ganze Waffen-SS-Division, die 12. SS-Panzer-Division, rekrutierte sich größtenteils aus willigen Hitlerjungen.
Der HJ-Streifendienst wurde 1938 sogar insgesamt zu einer SS-Nachwuchsorganisation.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden HJ-Mitglieder dann auch zum Dienst in Volkssturm-Einheiten verpflichtet. Im Osten wie im Westen wurden Hitlerjungen als letzte Reserve gegen die Front geworfen. Ausgerüstet mit Panzerfäusten sollten sie als so genannte Panzer-Jagdkommandos Panzer abschießen. Ein wahres Selbstmordkommando, was auf beiden Seiten Tote kostete und den Krieg weiter in die Länge zog.

Ganz am Ende des Krieges wurden Hitlerjungen von der NS-Führung angehalten als so genannte „Wehrwölfe“ Nazi-Partisanen zu spielen. Obwohl zahlenmäßig unbedeutent waren auch diese jungen hochgradig fanatisierten HJ-Wehrwölfe an Verbrechen beteiligt.
So wird beispielsweise wird am 20.04.1945, ein Tag nach der Befreiung durch französische Truppen, in Tübingen am dortigen Neckartor von Hitlerjungen, die dem „Wehrwolf-Aufruf“ folgen, ein Granatenanschlag verübt bei dem eine deutsche Zivilistin umkommt.

Nach Kriegsende fungieren nicht wenige Ex-HJ-Funktionäre als jüngere Altnazis und versuchten sogar, die HJ illegal weiter leben zu lassen, was aber weitgehend scheiterte. Auch wenn das Prinzip der HJ in der neonazistischen „Wiking-Jugend“ und nach deren Verbot in der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ weiterzuleben scheint.

Fazit: Schuld und Sühne
Wie die oft zwangsrekrutierten Kindersoldaten heute sind Hitlerjungen sowohl Opfer wie auch Täter gewesen. Es wird in den Berichten über Kindersoldaten nämlich oft vergessen zu erwähnen, dass diese nicht selten an Massakern und Verstümmelungen direkt beteiligt sind.
Hitlerjungen waren, da hat Fest Recht, tatsächlich nicht alle Verbrecher, ABER die Hitlerjugend war eine verbrecherische Organisation und einige Hitlerjungen waren auch direkt an den Verbrechen des Regimes beteiligt.
Da sollte man zumindest nicht stolz auf der Titelseite einer Zeitung verkünden, dass man dabei war.
Die Schuld liegt aber weniger bei den Kindern, als mehr bei den Eltern. Die Deutschen opferten weitesgehend ohne Protest ihrem Führer ihren kostbarsten Besitz: Ihre Kinder.

Linktipp:
http://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0404_edelweiss/db_inhalt.asp?L=53&C=284