Archiv für November 2007

Ein Studienzentrum rechts von der Mitte

Ins Gespräch kam das umtriebige „Studienzentrum Weikersheim“ (SZW) Anfang 2007, nachdem dass damalige Mitglied Oettinger, nebenbei auch der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in einer öffentlichen Trauerfeier seinen verstorbenen Amtsvorgänger Hans Filbinger als „Gegner des Nationalsozialismus“ bezeichnete. In Wahrheit war Filbinger nicht nur ein Mitläufer gewesen, als den ihn viele deutsche Medien einstuften, sondern vielmehr ein Mittäter. Seine Unterschrift als NS-Marinerichter findet sich unter mehreren Todesurteilen gegen Deserteure, von denen mindestens eines vollstreckt wurde. Die skandalöse Filbinger-Trauerrede Oettingers stammte aus der Feder von Michael Grimminger, der ehemalige langjährige persönliche Mitarbeiter des Weikersheimer Hausphilosophen Günther Rohrmoser.
Einige Medien machten ihre kritische Einschätzung des SZW besonders an den Umtrieben der Jugendorganisation fest.

Die jungen Wilden von Jung-Weikersheim
Mit dem am 9. Mai 2004 gegründeten „Jung-Weikersheim“ (JW) mit etwa 190 Mitgliedern (Eigenangabe) wird vom rechtskonservativen „Studienzentrum Weikersheim“ bereits der zweite Anlauf unternommen eine funktionierende Nachwuchs- und Jugendorganisation zu unterhalten. Bereits im November 1991 war ein „Junges Weikersheim“ gegründet worden, dass aber bald negative Schlagzeilen produzierte, als 1995 herauskam, das mit dem Berliner Ulli Boldt ein ausgewiesener Rechtsextremist (u.a. Ex-Kader der „Nationalistischen Front“) im vierköpfigen Leitungsgremium des „Jungen Weikersheim“ saß.
Heute sind die meisten Mitglieder des Vorstandes auch Mitglieder der CDU bzw. der „Jungen Union“. Ebenfalls scheint sich Jung-Weikersheim nicht unwesentlich aus Verbindungsstudenten zu rekrutieren. Auf den Fotos von einer JW-Veranstaltung vom 13. bis zum 15.8.2006 in Leipzig im Verbindungshaus des Kösener Corps Lusatia, bei dem in Vergangenheit bereits der Weikersheimer Klaus Hornung im Wintersemester 2000/01 als Referent auftrat, „zum 45. Jahrestag des Mauerbaus“ sind ¾ der Abgelichteten korporierte Bändelträger. In dem zugehörigen Bericht über die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der „Paneuropajugend Sachsen“ ist auch von der DDR-Bevölkerung als „mitteldeutsche Landsleute“ die Rede.

Unter der Ägide des Vorsitzenden Daniel Krieger hatte JW für den 20. April – den Geburtstag Hitlers – diesen Jahres in Stuttgart ein „Wehrpolitisches Gespräch“ mit dem extrem rechten Referenten und Brigadegeneral a.D. Reinhard Günzel geplant.
Ebenfalls geplant war für den 25. August in Göttingen eine Veranstaltung mit dem Ex-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann (Thema: „Erfahrungsberichte aus 20 Jahren Realpolitik“), der wegen einer antisemitischen Rede die 2004 CDU verlassen musste. Alt-Weikersheim-Vorsitzender Bernhard Friedmann äußerte sich aber dahingehend, dass eine Veranstaltung mit Hohmann nicht stattfinden werde. Hier wurden die jungen Wilden von Jung-Weikersheim recht erkennbar wieder von der Mutterorganisation zurückgepfiffen.

Zwei Flügel im Studienzentrum
Deutlich wird hier, dass es unterschiedliche Strömungen im SZW gibt. Die eine, anscheinend derzeit dominierend, wird vertreten durch den derzeitigen Vorsitzenden Friedmann oder den Geschäftsführer Roland Schrumpf will das alte braune Schmuddel-Image ablegen. Die andere Strömung vertreten durch Jung-Weikersheimer und Filbingers geistige Enkel wie Daniel Krieger oder Alt-Weikersheimer wie Klaus Hornung will sich das Tor zur extremen Rechten weiter offen halten, wobei sie es selbst bereits mehrmals durchschritten haben.
Laut SWR-Bericht sollten Klaus Hornung, der ehemalige SZW-Vorsitzende, das SZW und Albrecht Jebens, seit 2006 im Vorstand des rechtsradikalen „Verein Gedächtnisstätte e.V.“, die dem SZW nahe stehende Hans-Filbinger-Stiftung verlassen haben. Später war nur noch die Rede von einer zukünftigen Neubesetzung ihrer Posten.
Nach dem Abflauen der allgemeinen Debatten um das Studienzentrum scheint sich also der Flügel um den Vorsitzenden des Studienzentrums durchgesetzt zu haben.
Ob die Distanzierungen und die Flurbereinigung aus Überzeugung geschahen darf stark bezweifelt werden. Denn Personen wie Krieger oder der homophobe Hausphilosoph Günther Rohrmoser verbleiben im SZW und das ganze wird als eine Art „Affäre“ verharmlost. Vermutlich handelt es sich bei der neuen teilweisen Abgrenzungsstrategie eher um ein taktisches Kalkül, um kräftige Finanziers nicht zu verschrecken.

by R. Schwarzenberg

Anmerkungen
[1] Anton Maegerle: Studienzentrum schult den akademischen Nachwuchs: Denkschmiede für Ultrarechte, in: Blick-nach-Rechts-Ausgabe 18/1996
[2] http://212.227.6.81/jw2007/content.php?kat=GALERIE, eingesehen am 10.03.2007
[3] www.studienzentrum-weikersheim.de/images/berichtleipzig.pdf, eingesehen am 10.03.2007
[4] http://212.227.6.81/jw2007/, eingesehen am 09.03.2007 & Sebastian Fischer und Severin Weiland: Oettinger ist Mitglied in rechtem Studienzentrum, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,druck-478361,00.html
[5] Helmut Kramer: Die Spur führt nach Weikersheim, im: FREITAG von 27.04.2007, http://www.freitag.de/2007/17/07170602.php
[6] Nz: Filbingers Erben aus Weikersheim, 19. April 2007; http://www.netzeitung.de/deutschland/620072.html
[7] «Viel böser Wille», Montag 23. April 2007, http://de.news.yahoo.com/23042007/336/laquo-viel-boeser-wille-raquo.html
[8] Ralf Heineken: WeikersheimStudienzentrum zieht personelle Konsequenzen, http://www.swr.de/nachrichten/bw/-/id=1622/nid=1622/did=2139770/hl6a76/

Entdeckungen im Oderbruch: Über die kleine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf /Letschin

Auf einer Fahrradtour im Sommer an der Oder entlang stelle ich mit Erstaunen fest, dass auf meiner Landkarte für den Ort Groß Neuendorf ein jüdischer Friedhof und eine Synagoge verzeichnet sind, also begebe ich mich vor Ort auf die Suche.
Mit der Hilfe von Anwohnern und Schildern finde ich schließlich erst den Friedhof und später auch die Synagoge.

Vor Ort
Auf einer unbefestigten Straße führt der Weg vorbei an einer Backstein-Kirche zum jüdischen Friedhof von Groß-Neuendorf. Es ist ein kleiner Friedhof. Umrahmt von einer einen Meter hohen Feldsteinmauer und zugänglich durch ein Eisengittertor in Form eines Menora-Leuchters. Das Tor ist unverschlossen und vor dem Friedhof steht eine ältere Info-Tafel. Von ihr, wie aus dem Gespräch mit einem älteren Anwohner erfahre ich erste Einzelheiten aus und um die jüdische Geschichte der Gegend.

Der Friedhof wie die Synagoge sind Stiftungen von Michael Sperling (1803-1866), der aus einer Familie von wohlhabenden Getreidehändlern stammt, und auch die Eisenbahnlinie bis zum (Oder-)Hafen von Groß-Neuendorf finanzierte, die lange Lebensader des Ortes war. Der Friedhof war der Begräbnisplatz für die im Jahre 1847 von Michael Sperling gegründete kleine jüdische Synagogengemeinde Groß Neuendorf/Letschin. Allerdings muss er schon vor der Gemeindegründung angelegt worden sein, da der älteste der rund 35 erhaltenen Grabsteine aus dem Jahr 1842 datiert sein soll.
Während der Nazi-Herrschaft wurde der Friedhof mehrfach geschändet und schließlich weitgehend zerstört. Die Villa der Sperlings brannte 1982 nieder.
In den Jahren wurde der Friedhof auf Initiative des „Christlichen Verein Junger Männer“ (CVJM) wieder instandgesetzt.
Ich beschließe mich später noch einmal zum Thema zu informieren.

Auf dem Friedhof stehen noch knapp 30 der wohl insgesamt 40 Grabsteine aufrecht. Der letzte Grabstein ist auf 1910 erkennbar datiert. Es gibt sowohl hebräische, als auch lateinische Inschriften.
Ähnlich wie beispielsweise die Landgemeinden in Südwestdeutschland scheint die Landgemeinde in Groß-Neuendorf bereits im Kaiserreich erloschen zu sein. Auf Grund der verbesserten Gesetzlage und der innerjüdischen Emanzipation zogen viele Mitglieder jüdischer Landgemeinden damals in die Großstädte. In Groß-Neuendorf dürfte wohl vor allem das relativ nahe Berlin gelockt haben.

Nach der Erkundung des Friedhofs begebe ich mich auf die Suche nach der Synagoge, die auf 1865 datiert wird und auch durch ein Hinweisschild auffindbar gemacht wurde. Es soll sich dabei um die einzige Dorfsynagoge im Oderbruch handeln.
Erst nach einigem Suchen finde ich trotz der dreisprachigen Ausschilderung (Deutsch/Englisch/Polnisch) das Gebäude der ehemaligen Synagoge. Einzig erkennbar an den geschwungenen Fensterbögen (Spitzbogenfenster), wie eine Infotafel verrät. Sonst weist nichts mehr auf die ehemalige sakrale Funktion des Gebäudes hin. Heute ist es ein normales Wohnhaus. Wie das Gebäude in Privatbesitz fiel kriege ich nicht heraus. Eine sogenannte „Arisierungs“-Aktion darf aber getrost vermutet werden. In anderen ländlichen Orten mit hoher jüdischer Bevölkerung erkennt man den ehemaligen jüdischen Besitz übrigens an den kleinen rechteckigen Schatten oder Löchern an den Türen. Dort hing früher die Mesusa, quasi der jüdische Haussegen.

Nachspiel
Leider bleibt meine Bitte um mehr Informationen vom „Landfrauencafe Groß-Neuendorf“ (LINK: http://www.gross-neuendorf-landfrauen.de/), dessen Vorsitzende sich sonst um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte des Ortes verdient gemacht hat, unbeantwortet.
Also suche ich mir die wenige Literatur zum Thema zusammen, die ich ohne größeren Aufwand bekommen kann.
Hier erfahre ich mehr, aber auch die Fragen vermehren sich.
Nach den Angaben in der Literatur erwarb die Familie Sperling erst 1855 in unmittelbarer Nähe der Dorflage ein Grundstück zur Anlage eines eigenen Friedhofs, auf dem 1860 als erster der Getreidehändler Michael Sperling (1803-1860), Stifter des kurzlebigen Synagogenverbandes, beigesetzt wurde.
Was ist nun richtig? Stammt das erste Grab aus dem Jahre 1842 oder 1860?
Der Friedhof ist laut Literatur 15×19 Meter groß.
Laut Literatur soll der Friedhof in den 1960er Jahren noch vollständig gewesen sein.
Die Grabsteine wurden dann später entwendet um Sandwege in der Nähe zu befestigen.
Im Jahr 1986, also in der DDR (!), wurde der Friedhof wiederholt geschändet.
Auch hier der Widerspruch mit den Informationen vor Ort. Fand die Schändung in der Nazizeit oder erst danach statt?
Im Jahr 1992 wird der Friedhof dann von jungen Christen (vermutlich oben benannte CVJM-Gruppe) und äthiopischen Asylbewerbern (blieben auf den Schildern vor Ort unerwähnt!) gepflegt und 1993 richtig saniert.

Wegweiser

jüdischer Friedhof

jüdischer Friedhof

jüdischer Friedhof

jüdischer Grabstein

Infotafel jüdischer Friedhof

Synagoge

by R. Schwarzenberg

Verwendete Literatur
Irene Diekmann: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995, Seite 268/269

Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenburg: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin, Berlin 1994, Seite 384-386

Nachtrag (24.04.08)
Die Synagoge ist ein Anbau an ein märkisches Bauernhaus mit Mitteleingang.
(Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995)