Entdeckungen im Oderbruch: Über die kleine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf /Letschin

Auf einer Fahrradtour im Sommer an der Oder entlang stelle ich mit Erstaunen fest, dass auf meiner Landkarte für den Ort Groß Neuendorf ein jüdischer Friedhof und eine Synagoge verzeichnet sind, also begebe ich mich vor Ort auf die Suche.
Mit der Hilfe von Anwohnern und Schildern finde ich schließlich erst den Friedhof und später auch die Synagoge.

Vor Ort
Auf einer unbefestigten Straße führt der Weg vorbei an einer Backstein-Kirche zum jüdischen Friedhof von Groß-Neuendorf. Es ist ein kleiner Friedhof. Umrahmt von einer einen Meter hohen Feldsteinmauer und zugänglich durch ein Eisengittertor in Form eines Menora-Leuchters. Das Tor ist unverschlossen und vor dem Friedhof steht eine ältere Info-Tafel. Von ihr, wie aus dem Gespräch mit einem älteren Anwohner erfahre ich erste Einzelheiten aus und um die jüdische Geschichte der Gegend.

Der Friedhof wie die Synagoge sind Stiftungen von Michael Sperling (1803-1866), der aus einer Familie von wohlhabenden Getreidehändlern stammt, und auch die Eisenbahnlinie bis zum (Oder-)Hafen von Groß-Neuendorf finanzierte, die lange Lebensader des Ortes war. Der Friedhof war der Begräbnisplatz für die im Jahre 1847 von Michael Sperling gegründete kleine jüdische Synagogengemeinde Groß Neuendorf/Letschin. Allerdings muss er schon vor der Gemeindegründung angelegt worden sein, da der älteste der rund 35 erhaltenen Grabsteine aus dem Jahr 1842 datiert sein soll.
Während der Nazi-Herrschaft wurde der Friedhof mehrfach geschändet und schließlich weitgehend zerstört. Die Villa der Sperlings brannte 1982 nieder.
In den Jahren wurde der Friedhof auf Initiative des „Christlichen Verein Junger Männer“ (CVJM) wieder instandgesetzt.
Ich beschließe mich später noch einmal zum Thema zu informieren.

Auf dem Friedhof stehen noch knapp 30 der wohl insgesamt 40 Grabsteine aufrecht. Der letzte Grabstein ist auf 1910 erkennbar datiert. Es gibt sowohl hebräische, als auch lateinische Inschriften.
Ähnlich wie beispielsweise die Landgemeinden in Südwestdeutschland scheint die Landgemeinde in Groß-Neuendorf bereits im Kaiserreich erloschen zu sein. Auf Grund der verbesserten Gesetzlage und der innerjüdischen Emanzipation zogen viele Mitglieder jüdischer Landgemeinden damals in die Großstädte. In Groß-Neuendorf dürfte wohl vor allem das relativ nahe Berlin gelockt haben.

Nach der Erkundung des Friedhofs begebe ich mich auf die Suche nach der Synagoge, die auf 1865 datiert wird und auch durch ein Hinweisschild auffindbar gemacht wurde. Es soll sich dabei um die einzige Dorfsynagoge im Oderbruch handeln.
Erst nach einigem Suchen finde ich trotz der dreisprachigen Ausschilderung (Deutsch/Englisch/Polnisch) das Gebäude der ehemaligen Synagoge. Einzig erkennbar an den geschwungenen Fensterbögen (Spitzbogenfenster), wie eine Infotafel verrät. Sonst weist nichts mehr auf die ehemalige sakrale Funktion des Gebäudes hin. Heute ist es ein normales Wohnhaus. Wie das Gebäude in Privatbesitz fiel kriege ich nicht heraus. Eine sogenannte „Arisierungs“-Aktion darf aber getrost vermutet werden. In anderen ländlichen Orten mit hoher jüdischer Bevölkerung erkennt man den ehemaligen jüdischen Besitz übrigens an den kleinen rechteckigen Schatten oder Löchern an den Türen. Dort hing früher die Mesusa, quasi der jüdische Haussegen.

Nachspiel
Leider bleibt meine Bitte um mehr Informationen vom „Landfrauencafe Groß-Neuendorf“ (LINK: http://www.gross-neuendorf-landfrauen.de/), dessen Vorsitzende sich sonst um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte des Ortes verdient gemacht hat, unbeantwortet.
Also suche ich mir die wenige Literatur zum Thema zusammen, die ich ohne größeren Aufwand bekommen kann.
Hier erfahre ich mehr, aber auch die Fragen vermehren sich.
Nach den Angaben in der Literatur erwarb die Familie Sperling erst 1855 in unmittelbarer Nähe der Dorflage ein Grundstück zur Anlage eines eigenen Friedhofs, auf dem 1860 als erster der Getreidehändler Michael Sperling (1803-1860), Stifter des kurzlebigen Synagogenverbandes, beigesetzt wurde.
Was ist nun richtig? Stammt das erste Grab aus dem Jahre 1842 oder 1860?
Der Friedhof ist laut Literatur 15×19 Meter groß.
Laut Literatur soll der Friedhof in den 1960er Jahren noch vollständig gewesen sein.
Die Grabsteine wurden dann später entwendet um Sandwege in der Nähe zu befestigen.
Im Jahr 1986, also in der DDR (!), wurde der Friedhof wiederholt geschändet.
Auch hier der Widerspruch mit den Informationen vor Ort. Fand die Schändung in der Nazizeit oder erst danach statt?
Im Jahr 1992 wird der Friedhof dann von jungen Christen (vermutlich oben benannte CVJM-Gruppe) und äthiopischen Asylbewerbern (blieben auf den Schildern vor Ort unerwähnt!) gepflegt und 1993 richtig saniert.

Wegweiser

jüdischer Friedhof

jüdischer Friedhof

jüdischer Friedhof

jüdischer Grabstein

Infotafel jüdischer Friedhof

Synagoge

by R. Schwarzenberg

Verwendete Literatur
Irene Diekmann: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995, Seite 268/269

Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenburg: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin, Berlin 1994, Seite 384-386

Nachtrag (24.04.08)
Die Synagoge ist ein Anbau an ein märkisches Bauernhaus mit Mitteleingang.
(Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995)


2 Antworten auf “Entdeckungen im Oderbruch: Über die kleine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf /Letschin”


  1. 1 frank michalski 22. August 2010 um 0:04 Uhr

    ich war zu besuch aus NRW, das erste was mir passiert ist, ist dass ich beim tanzen gehen mit brandenburger jugendlichen nazis in kontakt kam. zum glück bin ich mit einem blauen auge davon gekommen,.. nie wieder brandenburg

  2. 2 Solly 22. August 2012 um 11:26 Uhr

    Schalom

    1. Vielen Dank – TodaRabba !

    2. Gerne mehr Info

    3. Bin Jüdisch, lebe dort. :-)

    4. Email gerne an friedensfamilie at yahoo de

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