Archiv für Januar 2008

Braune Kontinuitäten bei den Sudetendeutschen?

Bei den „Sudetendeutschen“ handelt es sich um eine Bevölkerungsgruppe, die erst nach 1919 „entstand“ bzw. konstruiert wurde. Sie wurde als Gesamtheit der nichtjüdischen, deutschsprachigen Minderheit in der Tschechei bzw. Böhmen und Mähren begriffen. Diese sozial, dialektal und lebensweltlich sehr unterschiedliche Gruppe bestimmte ihre Identität eher über Abgrenzungen und Feindbilder, als über reale Gemeinsamkeiten. Zwischen dem liberalen, deutschsprachigen Bildungsbürgertum in Prag und dem katholischen Bergbauern aus dem Riesengebirge lagen Welten. Nach dem Verlust ihrer vorherrschenden Stellung durch den Zerfall der K.u.K.-Monarchie, de facto war es eher die vorherrschende Stellung der deutschsprachige Elite, organisierte sich die deutsche Minderheit in dem neuen Staat Tschechoslowakei (CSSR) neu. Die neue Identität der Sudetendeutschen entstand. Während es anfangs noch neben völkischen und separatistischen Kräften, auch eine starke Linke (v.a. Sozialdemokraten) in dieser Gruppe gab, die in dem neuen Staat konstruktiv mitarbeiten wollte, begann sich seit der NS-Machtübernahme im benachbarten Deutschland die völkischen Kräfte innerhalb der Minderheit durchzusetzen. Nach dem Verbot des sudetendeutschen Ablegers der NSDAP 1933 sammelten sich Nationalsozialisten und sonstige „Heim ins Reich“-Kehrer in der im gleichen Jahr gegründeten „Sudetendeutschen Heimatfront“ (seit 1935: „Sudetendeutsche Partei“) unter Konrad Henlein (1898-1945). Wegen der paramilitärischen Organisation und der Massenauftritte werden die Anhänger der „Sudetendeutschen Partei“ (SdP) manchmal auch als Henlein-Faschisten bezeichnet. Bei den freien Wahlen in der CSSR avancierte die SdP zur stärksten Partei der deutschen Minderheit, die etwa 90 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Immer gut unterstützt dabei von Berlin. Bei der Zerschlagung der CSSR durch das Münchner Abkommen von 29.09.1938, in dem große Grenzgebiete an Hitlerdeutschland angeschlossen wurde, spielte die SdP die Rolle der 5. Kolonne. Aus ihren Reihen rekrutierten sich Freikorpsmitglieder, die von Deutschland aus in Grenzscharmützeln versuchten den demokratischen Staat zu destabilisieren. Während der folgenden NS-Besatzung in der gesamten Tschechei wirkten die Sudetendeutschen mit an der Ausbeutung und Unterdrückung der Mehrheitsbevölkerung und der Ermordung der Juden in der CSSR.
Nach Kriegsende flüchteten fast alle Angehörigen der deutschen Minderheit nach Deutschland, in die DDR oder nach Österreich. Ein Teil der Sudetendeutschen wurde auch vertrieben, wobei es auch zu blutigen Racheexzessen gegen Zivilisten kam.
In Westdeutschland und Österreich organisierten sich die „Heimatvertriebenen“, wie sie sich selbst gerne nennen, in Landsmannschaften. So entstand auch die „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ (SLM). Ein Teil der ehemalige SdP- und NSDAP-Funktionäre aus dem Sudetenland organisierte sich innerhalb der SLM im Witiko-Bund. Dieser war elitär organisiert und besitzt bis heute eine völkische und revanchistische Grundhaltung. Über Funktionärspolitik gelang es dem Witikobund über Jahrzehnte die Politik der SLM entscheidend mitzubestimmen.

SdP
Das Enblem der SdP

SLM Argentinien
Das Enblem der Sudetendeutschen LM Argentinien

Doch nicht nur in Österreich und in der Bundesrepublik entstand eine „Sudetendeutsche Landsmannschaft“. Ein Teil der Flüchtlinge war nach Übersee ausgewandert oder geflohen. So gibt es auch eine SLM in Argentinien. Schaut man sich einmal deren Enblem an, so ist man verblüfft über dessen offene Symbolik, die auf die Kontinuität zwischen der SdP/NSDAP und der SLM hinweist. Das Logo der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ weist nämlich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem der NSDAP-hörigen „Sudetendeutschen Partei“ auf. Es lässt sich nur mutmaßen, dass das für Ex-Nationalsozialisten beliebte Fluchtziel Argentinien auch einer Reihe von sudetendeutschen Nationalsozialisten Zuflucht bot, die dann die SLM in Argentinien konstituierten. Für die fast durchweg katholischen sudetendeutschen Nationalsozialisten dürfte das katholische Argentinien und der von der Katholischen Kirche betriebene Fluchtweg (die berüchtigte „Rattenlinie“) dorthin sowieso eine verlockende Option gewesen sein.

by R. Schwarzenberg

Literaturempfehlungen
Der Rechte Rand – Sonderheft 2, 1997

Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien, Hamburg 2005

Uki Goni: ODESSA. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Berlin 2006

Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat, Budapest 2000

Nachtrag (24.04.08)
Mitglieder der argentinischen „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ beteiligten sich 1937 am nazistischen Langenmarckmarsch.
(Heinrich Volberg: Auslandsdeutschtum und Drittes Reich. der Fall Argentinien, Köln 1981, Seite 40)

Falun Gong: Werben fürs Hakenkreuz

Seit 1999 ist Falun Gong (FG), auch: Falun Dafa, in China verboten, vermutlich vor allem weil die 1995 gegründete Bewegung vom Regime als gefährlich für die eigene Macht wahrgenommen wurde. Nach ihrem Verbot ist FG unzweifelhaft das Objekt von Repressionen durch das autoritäre Regime in China geworden, wobei es zu schweren Menschenrechtsverletzungen gekommen ist. Gegen ihre Verfolgung wehrte sich FG in China mit gewaltlosem Widerstand und außerhalb Chinas mit Demonstrationen und Aufklärungskampagnen. Bei Protesten gegen die Repression in China kam es in Deutschland zur punktuellen Zusammenarbeit [1] von FG mit der rechtslastigen, antikommunistischen „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM), die früher durch gute Kontakte ins extrem rechte Lager von sich reden machte.
Die derzeitige Zahl der FG-Anhänger ist unbekannt. Die Schätzungen gehen von mehreren Millionen Anhängern bis zu 100 Millionen (Eigenangabe).
Es gibt es auch von aufgeklärter und demokratischer Seite Kritik an FG [2].

Holocaustrelativierung durch Opferanalogisierung
Die undatierte FG-Broschüre „China unter KP-Herrschaft“ (ViSdP: Klaus Müller aus Kronach) birgt eine ganze Reihe von sprachlichen Analogien, die eindeutig aus dem Bereich der Beschreibung des Holocaust stammen. So ist die Rede von einem drohenden „atomaren Holocaust“, KP-Reden werden als „>Mein Kampf< auf chinesisch“ bezeichnet, es ist die Rede von der „Mordindustrie der Kommunistischen Partei“ und der „perfektionierten Vernichtungsmaschinerie der Kommunistischen Partei“. Ein Bild trägt sogar den Untertitel „Die Menschen-Verbrennungsöfen rauchen erstmals seit 1945 wieder“.
Diese sprachliche Gleichsetzung bzw. Analogisierung der Verfolgung von FG-Anhängern mit dem Holocaust stärkt aber nicht die Sache des FG, sondern lässt eher allgemeine Zweifel aufkommen.

Innere Struktur und Lehre
Es gibt Hinweise darauf, dass FG mehr ist als nur eine Meditationsgruppe oder Technik für Atemübungen. Kritiker sprechen sogar von Kult-artigen Zügen bei der Meditationsbewegung. Da FG keine feste Struktur aufweist bleibt es aber den Anhängern überlassen welche Teile der Lehre von Li Hongzhi („Meister Li“) sie übernehmen. Tatsächlich gehen die Inhalte des grundlegenden Werkes „Zhuan Falun“ über Meditations-Anleitungen hinaus. Inhalt ist auch ein rigides und strukturkonservatives Moralbild. In den Schriften des FG-Begründers Li Hongzhi finden sich sogar Ansätze für Homophobie aber auch für ein grundsätzlich rassistisches Denken.

Die heutigen zwischenmenschlichen Beziehungen sind sehr angespannt. Außerdem ist der Stand der Moral sehr verdorben. So etwas wie Homosexualität, sexuelle Befreiung, Drogensucht, Mafia, Unterwelt, solch wirres Zeug ist entstanden, es gibt alles Mögliche. [3]

Die Rassen – die Menschenrassen in der Welt dürfen nicht gemischt werden. Heute sind die Menschenrassen gemischt, und das hat ein sehr ernstes Problem mit sich gebracht. Nachdem sie vermischt worden sind, haben sie keine entsprechenden Beziehungen mehr mit denen da oben, sie haben ihre Wurzel verloren. Die gemischten Rassen haben ihre Wurzel verloren, das ist so, als ob sich in den Himmelreichen keiner mehr um sie kümmert, sie gehören nirgendwo mehr hin und werden nirgendwo mehr aufgenommen. [4]

Versuch der Re-Installation des Hakenkreuz
Bei einigen FG-Ständen finden sich Apologien des Hakenkreuzes, dass zum Symbol von FG gehört. Dabei wird behauptet, dass die Nationalsozialisten das Hakenkreuz missbraucht hätten und FG bemüht sich um eine Rehabilitierung dieses Symbols in der westlichen Welt.
Auf der Homepage www.swastika-info.com, die aus dem FG-Sympathisantenspektrum stammt („internationales Swastika-Info Team“), findet sich die vehemente Verteidigung und Apologie des Hakenkreuzes. Unter den sieben Literaturangaben auf dieser Homepage finden sich mindestens zwei völkische Klassiker. Vermutlich ohne es zu wissen beziehen sich die Macher der Seite damit auch auf eine der Quellen aus der bereits Adolf Hitler schöpfte: Lanz von Liebenfels, Erfinder der Ariosophie. Auch eine Bezugnahme auf die Gründerin der tendenziell rassistischen Theosophie, Helena von Blavatsky, findet sich auf der Homepage.
Bei dem Werben für das Symbol des Hakenkreuz wird anscheinend generell ignoriert, dass die völkische Rechte schon lange vor Hitler dieses ‚arische’ Symbol für sich entdeckte und das es keine Deutungshoheit für das Hakenkreuz gibt. Im Westen wird das Hakenkreuz aber als politisches Symbol wahrgenommen und ist kein wertneutrales Zeichen. Dieser aktuelle und historische Kontext dürfen auch den unpolitischen Benutzern nicht ignorieren, weil sie damit (unbewusst) Menschen verletzen oder einschüchtern können.

Swastika-Falun

by R. Schwarzenberg

ANMERKUNGEN
[1] IGFM: Resolution wegen der fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen an Falun Gong (vom 4. April 2004), veröffentlicht in de.clearharmony.net am: Freitag, 7. Mai 2004, http://de.clearharmony.net/articles/200405/16710.html & Die IGFM zeichnete das FG-Blatt „Die Neue Epoche“ für ihre „umfangreiche und regelmäßige Berichterstattung“ über Menschenrechtsverletzungen in China mit einem Medien-Sonderpreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Jahreshauptversammlung
[2] vgl. http://www.agpf.de/Falun.htm
[3] vgl. www.falundafa.de/herunterladen/fajie20001122.doc
[4] Fa-Erklärung in Sydney, 1996, www.falundafa.de/herunterladen/FaErklaerungInSydney1996.doc