Archiv für April 2008

Hörspiel mit völkischen Untertönen

Im Verlag „Audiobuch“ erschien 2006 das Hörbuch „Störtebecker“, dass auf das gleichnamige Buch von 1926 zurückgeht Dieses Buch stammt aus der Feder von „Klabund“ alias Alfred Henschke. In den 63 Minuten finden sich unüberhörbar auch Zeugnisse des damals weit verbreiteten völkischen Geistes. Es geht um das Leben des Klaus Störtebecker, der als Rebell und Volksheld dargestellt wird. Störtebecker erscheint in „Klabunds“ Geschichte als Anführer von geknechteten Friesen, die gegen die reichen Hanse-Städte und die katholische Kirche („Rom“, „Papisten“) aufbegehren. In der damals weit verbreiteten typischen völkischen Manie haben diese Rebellen zu „ihrem“ Gott Wotan zurückgefunden. Das Ganze erinnert etwas an Hermann Löns „Werwolf“. Hier die reichen Städter und Krämer, dort die einfachen und bodenständigen Bauern. Katholisches Christentum und einmal auch das Judentum werden grundsätzlich als („art“-)fremd und negativ dargestellt.
Damit weist diese Geschichte an mehreren Stellen völkische Untertöne auf. Ob dass die richtige Geschichte für die Kinderzimmer von heute ist, wird damit fraglich. Auch wenn die Erzählung vom Sprecher exzellent gesprochen, die Erzählung handwerklich sehr gut, saftig-erotisch und stellenweise sogar bestechend ist.

Zum Autor: Laut Wikipedia-Eintrag soll Alfred Henschke (1890-1928) bzw. „Klabund“ anfangs in patriotischen Eifer den Weltkrieg mit der Abfassung von Soldatenliedern begrüßt haben, später aber unter die Kriegsgegner gegangen sein. Zu seinen Freunden zählte auch Gottfried Benn, der anfangs feurig das nationalsozialistische Regime gegenüber Ausland und Emigration verteidigte.

Völkische Gesellschaft für bedrohte Völker?

kollektivistisches Grundprinzip
Die zweitgrößte Menschenrechtsorganisation in der Bundesrepublik, die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV), ist in den letzten Jahren mehrfach in die Kritik linker Gruppen geraten. Am 20.09.2003 gab es am GfbV-Sitz in Göttingen sogar eine Demonstration gegen die GfbV.
In der Kritik steht besonders das Grundkonzept der GfbV, ethnische Kollektive („Völker“ und „Volksgruppen“) in den absoluten Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen und nicht Individuen und ihre Einzelschicksale. Dass diese Kollektividentitäten vollkommen konstruiert und teilweise erzwungen (z.B. durch Diskriminierung) sind, wird von der GfbV nicht erwähnt und wohl auch nicht angenommen. So werden Menschen von der GfbV auf Kollektividentitäten zurückgeworfen, anstatt Ihnen zu helfen sich gegen diese zu emanzipieren. Ziel der GfbV ist dabei nicht die „Assoziation freier Individiuen“ (Marx), sondern eine Verbesserung und Erweiterung von Autonomie und Souveränität der von ihr betreuten Kollektive-Konstrukte („Volksgruppen“). Dieses Prinzip ist teilweise völkisch, nämlich dort wo es ethnische Kollektive betrifft (seltener nimmt die GfbV auch Bezug auf religiöse Gruppen), und grundsätzlich kollektivistisch. Wobei aber im Gegensatz zu traditioneller rechter Ideologie keine Wertigkeits-Hierarchie eingebracht wird. Grundsätzlich werden aber Menschen kategorisiert und in eine Gruppe gepackt, die sich möglichst von anderen Gruppen abgrenzen soll, z.B. durch mehr Souveränität oder gar durch Separation. Das Aufgehen von Minderheiten in größeren Gruppen (GfbV: „Ethnozid“), selbst wenn es nicht eine erzwungene Assimilation ist, wird generell als negativ angesehen. Dadurch bekommt mensch manchmal den Eindruck einige GfbV-Aktivisten würden am liebsten eine stationäre Reservatspolitik betreiben. Also Minderheiten isolieren, um den Status quo zu erhalten. Zwar weist die GfbV mit dem Finger immer wieder auf, in den Weltmedien ignorierte und vergessene, Konflikte und Unterdrückungen hin, aber nur wenn diese sich gegen eine kompakte Gruppe richten. Unterdrückungsstrukturen innerhalb von Minderheiten (z.B. patriarchalische) scheinen ebensowenig wahr genommen zu werden.
Daher ist der Name „Menschenrechtsarbeit“ für die GfbV fehl am Platz, da die GfbV Einzelne wenig interessieren, besonders wenn sie nicht Mitglied einer Minderheit sind.

Ein zweiter Kritikpunkt der oft an der GfbV geäußert wird, ist ihre relative Deutschtümelei. Deutschtümmelei insofern, als deutschsprachigen Minderheiten im Ausland ihr gesteigertes Interesse gilt.
In einem offenen Brief an den damaligen Bundeskanzler Schröder kann sich der Verfasser und GfbV-Vorsitzende Tilman Zülch dann seltsamerweise auch nicht dazu durchringen den Namen der russischen Stadt Kaliningrad ohne Anführungsstriche zu schreiben. Zülch schreibt zu Schröders Teilnahme an der Jahresfeier zum Bestehen Kaliningrads:
„Genau genommen handelt es sich um 690 Jahre der deutschen Geschichte Königsbergs, um zwei Jahre der Liquidierung, Deportation und Vertreibung der einheimischen ostpreußischen Bevölkerung und dann um 58 Jahre „Kaliningrad“.“
Überhaupt gibt es eine seltsame kontextlose Herleitung heutiger GfbV-Aktivitäten aus den „Vertreibungsverbrechen“, wie ein Zitat aus der Pressemitteilung zu einer GfbV-Mahnwache vor der BdV-Ausstellung „Erzwungene Wege“ vom 10. August 2006 zeigt:
„Die Erinnerung an das Jahrhundert der europäischen Vertreibungen und an die Vertreibung und den Tod von Millionen Ost- und Sudetendeutschen verpflichten uns, heutigen Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen – überall in der Welt.“

Die generelle Einordnung der GfbV unter dem Label „neurechts“ scheint aber falsch, weil die GfbV zwar ein völkisch durchsetztes Weltbild aufweist, aber sonst nicht genügend Anzeichen einer „neurechten“ Ideologie aufweist. Richtiger hingegen ist, dass das kollektivistische Grundprinzip der GfbV, dass Menschen auf ihre Herkunft zurückweist, eine beachtenswerte Übereinstimmung mit dem „neurechten“ Ideologem des „Ethnopluralismus“ aufweist.
Allerdings findet sich stellenweise eine weitere Gemeinsamkeit mit der „Neuen Rechten“ in Zülchs Polemik gegen eine angebliche „political correctness“ in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen bei den Umsiedlungen im Rahmen des Potsdamer Abkommens (vgl. Offener Brief an Sabine Christiansen, 05.03.07).
Nach Erkenntnis dieser inhaltlichen Gemeinsamkeiten, stellt sich nun die Frage, ob diese Verbindung sich auch praktisch auswirkt. Also, ob es auch Verbindungen der GfbV ins rechte Lager gibt?

Ein Neuer Rechter bei der GfbV
In einem Bericht vom 25. Januar 2007 über den Besuch einer GfbV-Delegation im kurdischen Nordirak wird ein Mitglied namens Heinz Nawratil genannt. Ebenfalls ein Heinz Nawratil wird wird vom „Antifaschistischen Informations- und Dokumentationsarchiv“ in München als Autor in der rechten Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ und in der 2002 eingestellten „nationalrevolutionären“ Zeitschrift „wir selbst“ und Interviewpartner der rechtsextremen „Deutschen Nationalzeitung“ benannt. Ein Zufall?
Nach Angaben des „Handbuch Deutscher Rechtsextremismus“ von 1996 ist Dr. Heinz Nawratil ein Funktionär der geschichtsrevisionistischen „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt“ e.V. (ZFI). Dem 1995 im rechtsextremen Grabert-Verlag erschienen Werk „50 Jahre Vertreibung“ steuerte Nawratil zusammen mit weiteren konservativen und extremen Rechten einen Beitrag bei.
Doch auch als Referent trat Nawratil bereits in Erscheinung. Laut der „Referentenliste der Burschenschaft Danubia“ zu München referierte am 06.02.2002 ein Dr. Heinz Nawratil über das Thema „Antifaschismus – Zur Geschichte eines politischen Kampfbegriffs“.
Der Referent wurde angekündigt als „Mitarbeiter […] der »Gesellschaft für bedrohte Völker«“. Kein Zufall also!
Um den Danuben Sascha Jung scheint sich Nawratil besonders zu sorgen, denn er setzte seinen Namen auch unter den Aufruf diesem nicht den Eintritt in Staatsdienste zu verwehren. Dieser Aufruf („Akademische Freiheit“) war 2007 eine Reaktion darauf, dass der Danubia-Altherr Sascha Jung nicht in den Staatsdienst aufgenommen wurde, weil er Mitglied („Alter Herr“) der, lange vom Verfassungsschutz wegen rechtsextremistischer Bestrebungen beobachteten, Burschenschaft Danubia ist.

Ein Alter Rechter bei der GfbV
Im Jahr 1995 wurde bekannt, daß im Beirat der GfbV unter einem Tarnnamen ein ehemaliger NS-Täter (Die Zeit: „Verwalter des Schlachthauses”) saß. Es handelte sich um Claus Volkmann (alias Peter Grubbe), ein NSDAP-Mitglied seit 1932. Volkmann war persönlicher Referent des stellvertretenden Generalgouverneurs im besetzten Polen, Kreishauptmann im Distrikt Lublin (1941) und dort verantwortlich für die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, Kreishauptmann im Distrikt Kolomea (ab 1941) und dort verantwortlich für die Ghettoisierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Insgesamt soll er an der Ermordung von 30.000 jüdischen Menschen beteiligt gewesen sein. Neben seiner Funktion im GfbV-Beirat war Volkman nebenberuflich auch Autor für die „FAZ“, „Die Welt, den „Stern“ und den „Spiegel“.

Weitere Kontakte nach Rechts
Über enge Kontakte zur GfbV scheint auch der rechtslastige „Bund der Vertriebenen“ (BdV) zu verfügen, in dessen Reihen sich allerhand Deutschnationale und Revanchisten (Stichwort: „Schlesien bleibt unser“) tummeln.
Der GfbV-Vorsitzende Tilman Zülch sprach sich gegenüber dem damaligen Kanzler Schröder auch für das BdV-Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ aus, explizit mit Sitz in Berlin. Kein Wunder, ist doch Zülch Mitglied im Beratungsgremium der BdV-Lobby „Stiftung Zentrum gegen Vertreibung“ und seit 2003 Träger des „Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft“, sowie laut Wikipedia Träger der „Plakette des Bundes der Vertriebenen“ seit 2001. Bernd Posselt, Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, nannte Zülch in seiner Laudatio einen „globalisierten Heimatvertriebenen“.
Tilman Zülch trat auch 2000 (?) als Redner bei einer Veranstaltung zum „Tag der Heimatvertriebenen“ in Berlin auf. Zusammen mit ihm sprach auch der germanophile Alfred de Zayas, der über gute Kontakte nach weit Rechtsaußen verfügt (u.a. Referent bei der erwähnten „Burschenschaft Danubia“ oder dem rechten „Preußeninstitut e.V.“).

Auch das Blatt der GfbV, „Pogrom“, scheint bei Rechten gut anzukommen. In der ultrarechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ erschien 1999 eine positive Zeitschriftenkritik.
Doch auch „Pogrom“ bzw. die GfbV machen gerne bei den Rechten selbst für sich Werbung.
Für die GfbV-Zeitschrift „Pogrom“ erschien in dem rechtsextremen („nationalrevolutionären“) Magazin „wir selbst“ 8x Werbung (1980, 1981, 1983, 1985), ebenso für GfbV selbst 16x (zuletzt 1991) und die GfbV-Reihe „Pogrom“ 2x (vgl. Clemens Heni). Dass in „wir selbst“ nach Angaben des Gfbv-Kritikers Ralf Fischer dann auch noch ein Artikel des stellvertretenden Leiters Politik der GfbV und „Pogrom“-Chefredakteurs, Andreas Selmeci, mit dem Titel „Vertreibung nicht länger dulden!“ erschienen ist, rundet die Kooperation ab.

Ergänzend darf noch die Autorenschaft von Ludwig Watzal benannt werden, der für seine Hass-Ausfälle gegen Israel berüchtigt ist. Allerdings verortet sich Herr Watzal nicht auf der Rechten, sondern sieht sich selbst als „Linker“.

Verwendete Literatur
* AIDA München: Burschenschaft Danubia will nicht sein, was sie ist, 11.06.2007,
http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&task=view&id=694&Itemid=1
* Ralf Fischer Deutsche Opfer. Die Gesellschaft für bedrohte Völker setzt auf völkische Ideologie, http://www.sopos.org/aufsaetze/4010525731242/1.phtml
* german-foreign-policy: Die Gesellschaft für bedrohte Völker, in: „Antifaschistische Nachrichten“ Nr. 19/2002, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2002/19/1gfbv.shtml
* Jörg Kronauer: «Vertriebene unterschiedlicher Volksgruppen» unterstützen, in: „Antifaschistische Nachrichten“ Nr. 17/2002, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2002/17/1zentrum.shtml
* Jörg Kronauer: Globale Vertriebene, in: Jungle World Nr. 37 vom 03. September 2003, http://www.jungle-world.com/seiten/2003/36/1566.php
* Clemens Heni: Salonfähigkeit der Neue Rechten, Marburg 2007, Seite 430-31
* Jens Mecklenburg: Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996, Seite 211 und 412

Verwendete Quellen
* Ludwig Watzal: Der „Friedensprozess“ als Kolonisierungsprojekt, Bozen, 22. März 2002, http://www.gfbv.it/3dossier/isr-pal/watzal.html
* Vertreibungsverbrechen – eine Chance vertan Offener Brief an Sabine Christiansen
Göttingen/Berlin, 05. März 2007, http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=868&highlight=Sudetendeutsche
* Mahnwache vor der Ausstellung „Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ im Kronprinzenpalais in Berlin, Berlin/Göttingen, 10. August 2006, http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=624&highlight=Sudetendeutsche
* 750 Jahre „Kaliningrad“/Königsberg: Erinnern Sie auch an das furchtbare Schicksal der Königsberger Zivilbevölkerung, Herr Bundeskanzler!, Göttingen/Berlin, 01. Juli 2005, http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=238&highlight=kaliningrad
* Zusammenleben der Nationalitäten funktioniert, Kirkuk / Göttingen, 25. Januar 2007, http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=1147