Archiv für Mai 2008

IDGR im Wandel der Zeiten

Lange stand das Kürzel IDGR für „Informationsdienst gegen Rechtsextremismus“ und war eine äußerst umfangreiche Homepage, die sich kritisch mit Rechtsextremismus auseiandersetzte. Leider wurde das Projekt IDGR 2006, vermutlich aus Überlastung, eingestellt. Damit ging ein gut erreichbares und wissenschaftlich verfasstes Referenz-Lexikon verloren. Eine Lücke entstand, die nicht wieder geschlossen werden konnte. Nicht nur die Fülle an einzelnen Einträgen des Lexikons waren einzigartig, auch die Weiterverlinkungen im Internet waren sehr vielfältig. Vom Verfassungsschutz bis zur Autonomen Antifa, alle verwiesen und beriefen sich auf den IDGR.
IDGR-Screenshot
Gibt man heute die URL www.idgr.de ein, dann landet man auf einer Website auf der Werke eines gewissen Jan van Helsing und dessen Online-TV-Sender „Secret-TV“ (Sitz: Fichtenau) beworben werden. Van Helsing ist das Bram Stockers Roman „Dracula“ entlehnte Pseudonym des Verschwörungsautors Jan Udo Holey aus Reichenau.
In seinen Werken finden sich deutlich erkennbar antisemitische Tendenzen. Auch Van Helsing hatte einen eigenen Eintrag im IDGR-Lexikon.
Dass die IDGR-URL heute auf Werbung für Van Helsing – Bücher führt dürfte wohl kein Zufall sein.

33er – 68er – 89er

Dieses Jahr stehen mal wieder unterschiedliche Jahrestage an. Neben der 70. Jährung des nazistischen Novemberpogroms und des Einmarsches in Österreich, jährt sich auch dass Jahr 1968 bereits zum 40. Mal. Das Jahr 1968 ist auch ein Datum an dem sich eine junge Generation begann mit den Verbrechen ihrer Eltern-Generation wie z.B. dem Novemberpogrom auseinanderzusetzen, wobei diese Beschäftigung teilweise schon Jahre früher einsetzte. Trotzdem sind diese Jahreszahlen sehr gegensätzliche Punkte in der historischen Zeitlinie.
Die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ sieht das anders und setzt in der ersten Titelstory 2008 die so genannten 68er und die 33er, also die Nationalsozialisten, analog. Die Überschrift lautet „zweierlei Machtergreifung“ und auf dem dazugehörigen Bild sind SA-Braunhemden und protestierende Studenten abgebildet. Diese Art von totalitarismustheoretischer Beschäftigung ist aber nicht die einzige Art, auf die sich Rechte mit diesem Teil der Geschichte beschäftigen.
Hier ein paar weitere Beispiele, wie sich Rechte an dem Thema 1968 abarbeiten …
… in Form einer Veröffentlichung:
* Claus-M. Wolfschlag (Hg.): Bye bye ‘68…: Renegaten der Linken, Apo-Abweichler und allerlei Querdenker berichten, 1998, erschienen im rechtslastigen Österreicher Stocker-Verlag. Mitautoren dieses Werkes sind Werner Olles (Ex-K-Gruppen-Aktivist, später National“revolutionär“), der „Nationalpazifist“ Alfred Mechtersheimer (*) und Günther Nenning.
* Studie „40 Jahre ’68: kein Grund zum Feiern, vielmehr einer, den unzähligen Opfern dieses Gesellschaftsexperiments zu gedenken“ des neurechten „Instituts für Staatspolitik“ (2008).
* Der Leitartikel „Das andere 68. Die Geburt eines neuen Konservatismus aus dem Widerspruch zur Kulturrevolution. Der Geist steht rechts“ in der „Jungen Freiheit“ von Michael Paulwitz (08.04.2008).
AULA.vs.68er
… in Form einer Veranstaltung:
* Die Veranstaltung „16. Bogenhausener Gespräche: 30 Jahre nach 1968 -Wege, das geistige Vakuum in Deutschland zu überwinden.“ Ausgerichtet von der extrem rechten Burschenschaft Danubia in München am 05. und 06.12.1998 mit den Referenten Prof. Dr. Bernd Rabehl (Thema: „1968 – Symbol und Mythos.“), Prof. Dr. Peter Furth (Thema: „Verweigerte Bürgerlichkeit -Motive, Mythen und Folgen der 68er Kulturrevolution.“), Dr. Hannes Kaschkat (Thema: „Die Zeitschrift „student“ und die Gegen-68er-Bewegung.“) und Horst Mahler (Thema: „Über APO und RAF zu neuem Denken und neuer Politik.“).
* Ein Symposium zur „Frankfurter Schule“ 2007 fand in Wien, veranstaltet durch das FPÖ-nahe „Freiheitliche Bildungsinstitut“. Eingeladen waren mehrere Ex-Linke: Herbert Ammon (Autor in der „Jungen Freiheit“), Klaus Rainer Röhl (Autor im „Ostpreußenblatt/PAZ“) und Bernd Rabehl. (u.a. NPD-Referent). Die Veranstaltung soll von etwa 150 Personen besucht worden sein (**).
* Auf der Leipziger Buchmesse sollte am 14.03.2008 für den Antaios-Verlag der Ex-68er Bernd Rabehl über 1968, RAF und linke Gewalt referieren. Allerdings wurde die Veranstaltung vor Ort aus Angst vor Protesten abgesagt.
* Das Frühjahrssymposium der rechten Sammlungsbewegung „Stimme der Mehrheit“ (SdM) widmete sich dem Thema „68er und ihr erfolgreicher Marsch durch die Institutionen“ am 11. und 12. April 2008 in Hannover. Referenten waren: Hans-Jürgen Mahlitz (Chefredakteur des „Ostpreußenblatt“), Prof. Dr. Alexander Schuller, Dr. Jürgen Aretz (ehemaliger Staatssekretär), Heribert Seifert, die Ulrich Schacht und Dr. Konrad Adam, Gernot Facius (langjähriger „Die Welt“-Redakteur) und Nathanael Liminski (***).
* Der vom 11. bis 13. April 2008 in Suhl veranstaltete „Deutsche Kongreß“ der rechtsextremen „Gesellschaft für freie Publizistik“ hatte das Thema „1968 – vierzig Jahre Volkszerstörung“. Referenten waren u.a.: Benedikt Frings (Thema: „Die 68er vollstrecken den Siegerwillen“), Dr. Rolf Kosiek (Thema: „Die Frankfurter Schule und ihre 68er Zöglinge“), Günter Rehak aus Wien (Thema: „Linke Alternativen. Rückblick eines Zeitzeugen auf die 68er –vom Amoklauf der »Eliten«“), Bernhard Schaub (Thema: „Die Bilanz der Bildungspolitik der 68er“) und Andreas Molau (Thema: „Freiheit wagen – den Geist oder Ungeist der 68er überwinden“).

Auffällig bei den Veranstaltungen ist, dass als Kronzeugen für die Schlechtigkeit der 68er häufig eine kleine Anzahl ehemaliger 68er präsentiert (oder vorgeführt) werden, die in die Rechte übergewechselt haben. Zu nennen sind hier besonders:
* Bernd Rabehl, der einstige SDS-Aktivist und Dutscke-Freund, der heute als Referent bei Burschenschaften, „Junge Freiheit“ und NPD auftritt. Im Jahr 2007 war Rabehl zudem Kandidat für die rechtspopulistische Wählervereinigung „Bremen muss leben“.
* Horst Mahler (* 1936), hat von der SPD über die RAF bis zur KPD/AO allerhand linke Stationen durchlaufen und wurde später NPD-Mitglied (2000-2003) und Verschwörungs-Antisemit.
* Günter Maschke (*1943), galt einst als „Rudi Dutschke von Wien“ und ist heute ein Publizist der Neuen Rechten. Er beteiligte sich z.B. an einer Festschrift (1998) im Arndt-Verlag zugunsten des Holocaustleugners David Irving.
* Prof. Dr. Peter Furth, einst Autor der linken Zeitschrift „Argument“ und Mitautor einer Arbeit über die Sozialistische Reichspartei (SRP), später ein Referent z.B. bei der extrem rechten Burschenschaft Danubia München.
* Reinhold Oberlercher, ein ehemaliger SDS-Aktivist, der sich heute als „Nationalmarxist“ bezeichnet.

Bei der rechten Beschäftigung mit 1968 kristallisieren sich im Wesentlichen zwei Hauptlinien heraus:
1. Die 68er als Ursache allen Übels
2. Die 68er als verkannte Nationalbewegung

Die 68er als Ursache allen Übels
In den meisten extrem rechten und rechtskonservativen Strömungen fungieren 68er als Feindbild. So wird 1968 für diese Fraktion zum Symbol. Hier aber wird es zum Symbol und monokausale Erklärung für alle Auswirkungen und Umbrüche der Spät- und Postmoderne:

* Der Bedeutungsverlust der christlichen Religion.
* Die Auflösung traditioneller Lebenssituationen (Hetero-Ehe, Familie).
* Der Verlust der althergebrachten (rigiden) Sexualmoralvorstellungen.
* Das Aufkommen des Feminismus.
usw.
… alles wird den 68ern angelastet.
Was diese Kritiker von rechts dabei übersehen, ist dass diese Umbrüche überall in der westlichen Hemisphäre stattfanden. Dabei wurde diese Entwicklung durch Bewegungen wie die 68er oder Organisationen wie den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (BRD) oder „Students for a Democratic Society“ (SDS) zwar vorangetrieben, aber ausschlaggebend waren eher die Umstände:

* Das Wegsterben alter Eliten, die im „Dritten Reich“, der „Weimarer Republik“ oder gar noch (wie z.B. Adenauer) im Kaiserreich sozialisiert worden.
* Die Breitenwirkung des so genannten Wirtschaftswunders und dadurch die Entstehung und Sicherung einer breiten Mittelschicht.
* Die Gewöhnungseffekte nach 20 Jahren praktizierten Parlamentarismus.
* Die Öffnung der Universitäten.
* Der Einfluss der Populärkultur der Besatzungsmächte, insbesondere der USA.

All dies waren nicht die Folgen der 68er Bewegung, als mehr ihr Entstehungsrahmen, in dem sie entstanden und agierten.

Vollends zur Verschwörungstheorie mutiert die Sicht dieser Fraktion auf 1968, wenn gerade Linien aus diesem Jahr bis heute gezogen werden. Dazu werden als Argumente immer die biografischen Details einiger SPD- und Grünen-Politiker angeführt. Dadurch scheint es, als ob den 68ern ihr „Marsch durch die Institutionen“ (Dutschke) gelungen wäre. Ignoriert wird dabei aber gerne wie sich die inhaltlichen Positionen von diesen Politikern hin zur Mitte verschoben haben. In Wahrheit jedoch veränderten die Institutionen die 68er viel stärker als anders herum. Aber in rechter Vorstellungen sind die 68er ein monolithischer unveränderbarer Block der erfolgreich den „langen Marsch durch die Institutionen“ beendet hat. Da auf rechter Seite das Bedürfnis zu bestehen scheint die Umbrüche und Veränderungen der Spät- und Postmoderne einer bestimmten Personengruppe anzulasten, kommt es zu einer maßlosen Überschätzung des Einflusses der 68er-Generation mit deutlich verschwörungstheoretischen Zügen. Wie bei Verschwörungstheorien heute allgemein üblich gibt es auch eine antisemitisch durchsetzte Variante. Dieser äußert sich in der Übergewichtung der Rolle der „Frankfurter Schule“ und der „Kritischen Theorie“. Durch die üblichen Chiffren weisen rechte Vordenker ihr Publikum immer wieder darauf hin, dass die „Frankfurter Schule“ zum Teil aus jüdischstämmigen Denkern bestand. Was hier anklingt ist das alte antisemitische Stereotyp vom zersetzenden jüdischen Geist. Eines der Werke, in dem die „Frankfurter Schule“ als Feindbild aus rechter Sicht beschrieben wird, stammt aus der Feder des ehemaligen NPD-Chefstrategen Rolf Kosiek, trägt den Titel „Die Frankfurter Schule und ihre zersetzenden Auswirkungen“ (2001) und ist im rechtsextremen Grabert-Verlag (Tübingen) erschienen.

Die 68er als verkannte Nationalbewegung

Von einigen der 68er, die inzwischen in der Rechten angekommen sind wird teilweise versucht die 68er in der Rückschau zu nationalisieren. So macht sich Bernd Rabehl selbst zum führenden Vertreter einer angeblichen „nationalen Fraktion“ innerhalb des SDS.
Im Interview mit der Homepage des rechten Schülerzeitungungs-Projektes „Blaue Narzisse“ äußert sich Rabehl auf die Frage „Wer trägt denn dann die Schuld an der Verslumung, der Überfremdung, dem Werteverfall und der Verdummung der Deutschen, wenn nicht die 68er?“:
„Die Amerikaner.“ Und fährt mit deutlich antisemitischen Ton fort „Morgenthau verkörperte die radikale jüdische Rachsucht.“ Das hätte Julius Streicher nicht schöner sagen können.
Der Interviewer von der „Blauen Narzisse“ hakt noch einmal nach: „Das heißt, es gab keinen „Endsieg der 68er“, sondern einen „Siegeszug der Amerikaner“?“
Rabehl: „Ja. Weißmann und Götz Kubitschek haben unrecht. Ich habe den Aufsatz von Karlheinz Weißmann in der Jungen Freiheit voller Entsetzen gelesen und festgestellt, daß Dieter Stein und die Redaktion der Jungen Freiheit scheinbar auch so denken. Die Junge Freiheit veröffentlichte kürzlich einen Artikel von mir, und die JF-Redakteure waren erstaunt, daß ich so aggressiv gegen Götz Aly schreibe.“

Der Ex-RAF-Mann und heutige Reichs-Ideologe Horst Mahler ist auch einer der Personen, die ihren eigenen Schwenk nach Rechts als Konstante erklären zu versuchen. Inwiefern der bereits zu seinen linken Zeiten bei Mahler auftretende Antiamerikanismus und als Israelhass auftretender Antisemitismus ihm diesen Schritt erleichtert hat ist schwer abschätzbar.

In die „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968“, 1999 verfasst von Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und Günter Maschke, wird behauptet, dass die 68er auf „nationalrevolutionäre und sozialrevolutionäre Selbstbefreiung“ abgezielt hätten.
Die Verfasser sprechen in Anlehnung zur Waffen-SS sogar von der RAF als „Waffen-SDS“ und dem SDS als eine Art national“revolutionäre“ Burschenschaft des 20. Jahrhunderts.
Als eine Art von gleichberechtigten Flügel einer national“revolutionären“ Erweckungsbewegung halluzinieren die Autoren die „Neue Rechte“ mit dem Schwerpunkt Antisowjetismus und die „Neue Linke“ mit dem Schwerpunkt Antiamerikanismus herbei.

Was sind 89er?
Als Gegenstück zu den „vaterlandslosen“ 68ern wurde nach der Vereinigung von BRD und DDR von der „Neuen Rechten“ versucht eine „89er“-Generation zu konstruieren. Diese Generations-Konstruktion sollte auch durch Werke wie „Wir 89’er. Wer wir sind und was wir wollen“ (Herausgeber: Roland Bubik, Verlag: Ullstein, Frankfurt/Berlin, 1995) untermauert werden.
Dieses Konstrukt darf heute weitgehend als gescheitert angesehen werden. Zwar gibt es einen erneuerten und wiedervereinigten Nationalismus in der Bundesrepublik, aber dieser von vorneherein als historisierende Bezeichnung geplante Begriff hat sich nicht durchgesetzt.
Vermutlich gab es zu wenig einigende Erfahrungen um daraus eine ganze (Extra-)Identität zu basteln. Bloß weil viele Menschen einmal auf der Mauer tanzten, heißt das nicht, dass sie sehr viel gemeinsam haben müssen.

Quellen (u.a.):
* Gespräch mit Alfred Mechtersheimer aus: Claus-M. Wolfschlag (Hg.), Bye-Bye ’68… Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten, Leopold Stocker Verlag
** vgl. Hma: Ex-Linke bei der FPÖ, in: „Antifaschistische Nachrichten“ Nr. 25/2007, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2007/25/1fpoe.shtml
*** vgl. Hma: 68er im Visier, http://www.nrw.vvn-bda.de/hma/an_2008_05.htm

Literatur allgemein:
* Der Rechte Rand No. 112, Mai / Juni 2008, Seite 13-21