Archiv für November 2008

Jungle-Leserbrief 47/2008

Mein in der Wochenzeitung „Jungle World“ 47/2008 erschienener Leserbrief zu dem Artikel über spanischen und deutsche Rechtsextreme in der Ausgabe 43/08:

Spanische Kameraden
Nicht nur der deutsche Nazi Deckert tourte durch Spanien, auch spanische Nazis kommen nach Deutschland. Die sächsische Nazi-Seite »Freie Offensive« berichtet davon, dass Enrique Valls von der Alianza Nacional am 22. Juli 2008 in Dresden vor versammelten Kameraden auftrat.
R. Schwarzenberg

Link: http://jungle-world.com/artikel/2008/47/30334.html

Korporierte machen Kasse

Hintergründe zu den wohnrechtlichen Privilegien von Verbindungsstudenten
Wenig ist bekannt über die Kassenlage von Studentenverbindungen. Doch muss diese gut sein, da in den Lebensbünden „Alte Herren“, berufstätige Mitglieder, regelmäßig die „Aktivitas“, also die studierenden Mitglieder, finanziell großzügig unterstützen. Nicht nur dem Eigenverständnis nach, auch in der Realität gehören viele „Alte Herren“ zur Elite und können sich daher diese Abgaben an ihre Stammverbindung problemlos leisten. Immerhin ist es damit möglich ein Verbindungshaus zu unterhalten und die Mieten auf im Durchschnitt etwa 50% unter Marktpreis zu schrauben. Freilich kommt dieses Wohn-Privileg fast nur männlichen Studenten und oft auch nur konfessionell Gebundenen oder Wehrdienst-Leistern und Deutschstämmigen zu Gute. Die Kriterien sind je nach Dachverband unterschiedlich, aber fast durchweg sind Frauen von den infrastrukturellen Vorteilen und den berufsfördernden Netzwerken („Vitamin B“) abgeschnitten.
Was die jeweiligen Dachverbände an Besitz angesammelt haben ist ebenfalls kaum zu ermitteln. Zum Teil existiert neben den offiziellen Dachverbänden auch noch ein Geflecht von Stiftungen, die den Besitz verwalten.
Im Jahr 1985 soll allein die „Deutsche Burschenschaft“ über einen Besitz von 30 Millionen DM in Villen, Schlössern und Grundbesitz verfügt haben [1].

Auch die Zugaben der „Gönnergilde“ der „Alten Herren“ sind schwer ermittelbar. Hier zwei der wenigen bekannten Beispiele wie viel die Altherrenschaft regelmäßig für die Aktivitas locker macht:
* 200 Alte Herren der Burschenschaft Danubia München sollen in den 1980er Jahren monatlich 6.000 DM gespendet haben [2].
* Die Burschenschaft Germania Marburg erhob 2001 einen Mitgliedsbeitrag von 400 Euro, abzuführen an die Marburger „Gesellschaft Germanenhaus Marburg“ e.V. . Diesen zahlten 2004 von 200 Mitglieder 187, was 74.000 Euro im Jahr macht [3].

Insgesamt dürften diese Zugaben aber zurückgehen, da die zahlenstarken Jahrgänge der „Alten Herren“ aus der Nachkriegszeit, wo 25-30% der Studierenden Verbindungsmitglied waren, aussterben.

Darüber hinaus erhielten musikalisch und sportlich ausgerichtete korporierte Dachverbände (vermutlich die Turnerschaften und die Sängerschaften) in den vergangenen zehn Jahren Förderungen durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unter der Rubrik
„Förderung hochschulbezogener zentraler Maßnahmen studentischer Verbände und anderer Organisationen“ mehrere zehntausend DM Zuschuss [4].

Neben der Unterstützung durch „Alte Herren“ und Zuschüssen vom Staat, nutzen die Verbindungen auch den Status als Studentenwohnheim und einen vereinsrechtlichen Status für ihre Verbindungshäuser. Verbindungshäuser in Vereinsbesitz werden so mit Nützlichkeitsstatus ausgestattet.
Daher steht hinter zahlreichen Verbindungshäusern noch ein eingetragener Verein. Durch den Vereinsstatus kommen selbst vom Verfassungsschutz beobachtete Burschenschaften an die Vorteile des „e. V.“:
* Die extrem rechte Burschenschaft Germania Hamburg verbirgt sich beispielsweise hinter dem „Studentenwohnheim Harry Lange“ [5].
* Das inzwischen wieder aufgegebene Verbindungshaus der rechtsextremen Jenaer Burschenschaft Normannia (eine rechte Neugründung von 1999) in der Schleidenstraße 2 wurde im Juni 2002 vom Jenaer REPs-Aktivisten Wilhelm Tell erworben und anschließend dem Verein „Jenaische Burse e.V.“ zur Verfügung gestellt. In diesem eingetragen Verein ist u.a. Peter Dehoust, Herausgeber des rechtsextremen Traditionsblattes „Nation & Europa“ [6].
* „Die »Gemeinnützige Studentenwohnheim-Vereinigung Georg Bankwitz e.V.« mit Sitz in Frankfurt am Main „ist dem Landesamt für Verfassungsschutz Hessen als „Trägerverein“ für die Liegenschaft der Burschenschaft Dresdensia-Rugia in Gießen […] bekannt“, lautet die Antwort der hessischen Landesregierung auf eine Anfrage Kleine Anfrage des SPD-Abgeordneten Schäfer-Gümbel vom 16.02.2007 zur extrem rechten Burschenschaft Dresdensia-Rugia [7]. Das Finanzamt Frankfurt will nun aber dem Georg-Bankwitz-Verein die Gemeinnützigkeit aberkennen, wie ein Prüfbericht des Finanzamtes, der der Frankfurter Rundschau vorlag, berichtete. Der Vorwurf, lautet dass statt Studenten mit billigem Wohnraum zu unterstützen, der Verein Spenden zur Finanzierung der NPD-nahen Burschenschaft sammle. Außerdem kritisiert das Finanzamt die Nutzung des dem Verein gehörenden Burschenschaftshauses, für das der Verein Steuervergünstigungen erhalte (Spenden sind steuerlich absetzbar), weil es offiziell ein Wohnhaus für Studenten sei. Keller und Erdgeschoss würden allerdings als Sitz der Dresdensia verwendet [8].

Die Verwendung der Vereinseinnahmen für die zugehörige Verbindung ist aber unter den Verbindungs-Vereinen keine Ausnahme, sondern schlicht die Regel. In einigen Verbindungen ist mit der „Philistrierung“ (Übergang vom „Aktivitas“ zum „Alten Herren“) satzungsgemäß der Eintritt in den Wohnheimverein festgelegt.

Corps Franconia Tübingen
Dem Betrachter ist oft unklar, was sich hinter einigen sogenannten Studentenwohnheimen verbirgt. Dass es sich beispielsweise beim „Studentenwohnheim“ in der Dresdner Caspar-David-Friedrichstraße [9] um das Verbindungshaus des „Corps Teutonia“ (Eigenwerbung: „Karriere machen durch Kontakte! Wir haben die Kontakte!“) handelt ist für den Normalmensch vollkommen uneinsichtig.
Da über die korporierten Vorfeld-Vereine manchmal auch Immobilienkäufe getätigt werden, wissen die Nachbarn oder Untermieter oft gar nicht, wer sich hinter dem Label im Vordergrund verbirgt. Dass sich hinter dem Hamburger Verein „Haus Wachenburg e. V.“ das „Corps Irminsul zu Hamburg“ versteckte, erfuhren die Untermieter erst durch den Einzug des Corps [10].
Meist agieren die korporierten Vereine einzeln, doch es gibt mit dem VfSt-Bonn (Verband für Studentenwohnheime e.V.) auch eine Art bundesweiten Dachverband. Mitglied kann „ein eingetragener, als gemeinnützig anerkannter Verein mit der Aufgabe, Trägervereine von studentischen Wohnheimen, insbesondere in Korporationshäusern, zu betreuen“ [11] werden.
Jedoch: „Die betreuten Vereine müssen nicht selbst als gemeinnützig anerkannt sein. Sie müssen lediglich eingetragene Vereine sein und in ihren Satzungen sicherstellen, dass etwa
gebildetes Vermögen gemeinnützigen Zwecken, nämlich der Studentenhilfe, gewidmet ist.“ [12]
Warum diese ganzen Vereine überhaupt als gemeinnützig oder Studentenwohnheim anerkannt sind, ist mehr als fragwürdig. Immerhin sind ja schon einmal alle weiblichen Studierenden von vornherein ausgeschlossen. Das ist weniger gemeinnützig, als vielmehr eine Diskriminierung.

Anmerkungen
[1] Klaus-Dieter Stefan: Blind wie zu Kaisers Zeiten – Säbel, Seidel, Schmisse: Neue „Burschenherrlichkeit“, Ostberlin 1985, Seite 26
[2] Klaus-Dieter Stefan: Blind wie zu Kaisers Zeiten – Säbel, Seidel, Schmisse: Neue „Burschenherrlichkeit“, Ostberlin 1985, Seite 26
[3] Carlotta Vogt und Arne Baden: Marburger Burschen, in: Der Rechte Rand Nr. 108 – Sept/Okt 2007, Seite 25
[4] Deutscher Bundestag Drucksache 14/6729, 14. Wahlperiode 24. 07. 2001, Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Fraktion der PDS: Rechtsextreme Tendenzen bei der Burschenschaft Danubia und anderen Burschenschaften, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/14/067/1406729.pdf
[5] Vgl. http://www.studentenwohnheim-harry-lange.de/
[6] Junge Gemeinde Jena: Burschenschaft Normannia zu Jena, undatiert, http://www.jg-stadtmitte.de/index.php?option=com_content&task=view&id=8&Itemid=4
[7] Kleine Anfrage betreffend Finanzallianz zwischen alten Herren und Rechtsextremen? Burschenschaft Dresdensia-Rugia – Georg Bankwitz e.V., Drucksache 16/6930, 11. 05. 2007, http://starweb.hessen.de/cache/DRS/16/0/06930.pdf
[8] P.G.: Hessen: Burschenschaftsbank soll Gemeinnützigkeit aberkannt werden, 25.10.07, http://npd-blog.info/?p=1100
[9] Vgl. www.studentenwohnheim-csf.de
[10] ug: Degenkämpfe über dem Schlafzimmer, in: „Hamburger Abendblatt“, erschienen am 4. Oktober 2003, http://www.abendblatt.de/daten/2003/10/04/215052.html
[11] Nach: http://www.studentenwohnheimverband.de/
[12] Nach: http://www.studentenwohnheimverband.de/

TKKG: Für Kinder eher ungeeignet

Mal wieder reingehört …
Vor kurzem hörte ich aus Langeweile mal wieder in unsere geschwisterliche Kassetten-Sammlung von TKKG-Folgen rein. Da wurde mir erst einmal so richtig bewusst wie reaktionär, konform und angepasst die dargestellten Charaktere agieren bzw. die Geschichten verlaufen.

Die Hörspiel-Serie stammt aus der Feder von Rolf Kalmuczak (1938-2007) alias „Stefan Wolf“. Laut Wikipedia beläuft sich die Gesamtauflage seiner TKKG-Bücher Presseberichten zufolge auf 14 Millionen, von den TKKG-Hörspielen sollen insgesamt fast 30 Millionen Kassetten und CDs über den Ladentisch gegangen sein. Ganze Generationen wuchsen mit dem Jugend-Quartett Tim/Tarzan (T), Karl (K), Klösschen (K) bzw. Willi und Gabi (G) auf.

*** Selbstjustiz ***
Der „TKKG-Häuptling“ Tim praktiziert in starken Maß Selbstjustiz. Für das Gute und Gerechte prügelt der Anführer (Hierarchie scheint wichtig) von TKKG, Peter Karsten genannt „Tim“ oder „Tarzan“, regelmäßig die Scheiße bzw. die Wahrheit aus Erz- und Kleinganoven heraus. Er beherrscht nämlich diverse Kampfsportarten und ist damit eine Art Chuck Norris des Jugendhörspiels.
Oft reicht auch nur die Androhung von Gewalt. Stefan Wolf, der Autor der Hörspiele und Bücher lässt dabei natürlich nie einen Unschuldigen unter die Fäuste von Tim geraten. Immer hat er Recht gehabt, was ja dann den Gewalteinsatz scheinbar nachträglich legitimiert.

*** Das Frauenbild ***
Das Frauenbild in dem Jugendhörspiel ist schlicht von vorgestern. Es gibt in TKKG eine beständige Neuauflage überalterte Rollenvorstellungen. Frauen sind generell schwach und beschützenswert, weswegen das einzige Mädchen der Bande, Gabi, nach 10 Uhr Abends nicht mit darf und aus jeder Action (O-Ton: „So etwas ist Männersache“) rausgehalten wird. Die Rolle von Gabi ist auf hübsch sein und die Funktion als Freundin des „TKKG-Häuptlings“ Tim/Tarzan zugeschnitten. Das kündigt sich ja bereits im Intro an: „… und Gabi, seine Freundin.“ Insgesamt sind der sportliche Tim und die hübsche Gabi so etwas wie die alte Ausgabe des Traumpaars aus den amerikanischen College-Filmen, wo der Football-Star mit der Cheerleader-Chefin zusammen ist und sie dann auf dem Abschlussball zum Ballkönig und zur Ballkönigin gewählt werden.

Obwohl Tim stark zur Selbstjustiz neigt, macht er bei Frauen eine Ausnahme. So heißt es in einer Folge: „Ich kämpfe nicht gegen Weiber!“

Homosexualität kommt überhaupt nicht vor in dieser Hörspielserie, damit will man wohl die lieben Kinder verschonen.

*** Freundbild: Polizei ***
Die Polizei ist der Freund und Helfer und nur das. Besonders der „väterliche Freund“ der vier Haupthelden, Kommissar Glockner ist das personifizierte Gute. Glockner, Tims Schwiegervater in spe, ist ein kluger und netter Polizist, an dem es nie etwas auszusetzen gibt. Tim will später natürlich auch so ein Polizist werden. Korrupte Bullen oder „Knüppel aus dem Sack“-Cops gibt es natürlich nicht.
Die Polizei ist immer unterstützenswert und letztendlich sind TKKG ja auch so etwas wie eine Polizeijugend-Einheit oder Polizei-Vorhut.

*** Feindbild „Zigeuner“ (Sinti & Roma) ***
In TKKG werden antiziganistische Vorurteile aufs Heftigste wiedergekäut. In einer Folge heißt es: „Sind finstre Typen. Sehen aus wie Zigeuner.“ Hier wird dass extrem rassistische Stereotyp vom rachsüchtigen, messerstechenden Zigeuner immer wieder neu aufgelegt.
Dasselbe Klischee- und Feindbild findet sich auch in einigen Folgen des Jugendhörspiels „Fünf Freunde“ von Enid Blyton.
Die Autoren W. Solms und D. Strauß schreiben in ihrem Buch „«Zigeunerbilder» in der deutschsprachigen Literatur“ über die Typisierung der „Zigeuner“ bei den Fünf Freunden:
„Blytons Figuren leben abseits von der von der Mehrheitsbevölkerung, sind dreckig, hausieren, lügen und stehlen und sind auch an dem gerade aufzuklärenden Verbrechen unmittelbar beteiligt.“ (Seite 120).

*** Feindbild: Punks, Gammler, Rocker und andere ***
Punks, Rocker und Gammler bzw. Penner schneiden in der TKKG-Welt sehr schlecht ab. Sie sind fast immer die Bösen und generell kleinkriminell. In einer Folge z.B. wird ein Punker beständig verächtlich als „Irokesenhäuptling“ bezeichnet und ist natürlich der Böse in dieser Geschichte.

Auch die Sippenhaft ist bei TKKG noch nicht abgeschafft. Die Kinder von Kriminellen werden schnell selbst verdächtig und erweisen sich dann auch als kriminell. Bei Italienern gibt es auch eine Art von Sippenhaft, so dass sie in einer Folge mit der Mafia verbunden werden. Merke: Italienische Restaurant-Besitzer sind generell halbe Mafiosi.

*** Feindbild: Drogen ***
Drogen, darunter wird auch Tabak und Alkohol verstanden, werden im TKKG-Universum nur den bösen Buben zugeordnet. Die genussfeindliche TKKG-Bande aber bleibt immer clean und anständig, kommt nie auch nur in Versuchung.

Bei TKKG handelt es sich letztlich um den lebendig gewordenen Traum eines schwäbischen Kleinbürgers. Eindimensionale Charaktere, auf die nie auch nur der Schatten eines negativen Zuges fällt, bekämpfen das Böse und Unangepasste: Italiener, Zigeuner, Punker, Rocker und echte Kriminelle (die gibt’s auch manchmal). Dabei agieren sie mit Gewalt, voller Selbstgerechtigkeit und als eine Art Voraus-Einheit der Polizei.
Mit ihrer heiligkeitsscheinbaren und drogenfreien Art sollen sie klar erkennbar eine Vorbildrolle für alle ZuhörerInnen erfüllen. TKKG sind die immer idealen Schwiegersöhne und –tochter. Das ist nicht nur langweilig und vorhersehbar, sondern auch manipulativ. Hier wird ein erzkonservatives Weltbild durch ein Jugendhörspiel vermittelt.
Spätestens nach dem Tod des Autors ist es nun Zeit die verkrusteten Strukturen von TKKG aufzubrechen. Nett wären mal ein paar Risse im TKKG-Universum, z.B. wenn Gabi Tim wegen dessen Macho-Allüren verlassen würde oder Klößchen Tim eine reinhauen würde wegen dessen Dauer-Mobbing gegen Dicke. Oder Karl entdeckt seine Liebe zu Klößchen.
Wer nicht warten will bis TKKG umgeschrieben wird, dem/der empfehle ich die Hörspiel-Parodie „Die Ferienbande“. Auf den bisher erschienen drei Folgen werden alle Jugendhörspiele mit selbst ernannten Detektiv-Gruppen gekonnt durch den Kakao gezogen.

Verwendete Literatur
W. Solms und D. Strauß: «Zigeunerbilder» in der deutschsprachigen Literatur, Heidelberg 1995, Seite 119-126

Eine Kritik der Palituch-Kritik

Die Linke in der Bundesrepublik scheint sich gerne mal auf kleinen Nebenpfaden ins Nirgendwo zu verirren.

Mindestens ein halbes Dutzend kritische Flyer zum Pali-Tuch oder Kaffiyah existieren zurzeit. Sie tragen einprägsame Headliner wie „Ist Dir kalt oder hast Du was gegen Juden?“ oder „Coole Kids tragen kein Pali-Tuch!“.
Inhaltlich geht es um die Kritik am Pali-Tuch als politisches Symbol:

Es handelt sich beim Pali-Tuch nicht um ein stinknormales Modeaccesoire, sondern um ein politisches Statement mit langer Geschichte.

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)

Dann gibt den obligatorischen Hinweis auf den Mufti von Jerusalem:

Als Abwehr gegen die als westlichen Einfluss verstandene Moderne […] setzte der damalige Großmufti von Jerusalem […] durch, dass die Kaffiyah von allen Männern im britischen Mandatsgebiet Palästina getragen werden musste, […].

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)
Weiter berichtet der Flyer davon, dass Großmufti dafür sorgte, dass Nichtträger der Kaffiyah getötet wurden. Die mit Repressionen bis hin zur Todes-Strafe durchgesetzte Kleidungs-Norm ist aber nicht nur in traditionalistischen-antimodernistischen Regimen vorgekommen, sondern auch in Modernisierungs-Diktaturen. Hier war es umgedreht. Kleidungsstücke, die als altertümlich und unmodern galten, wurden mit Strafen belegt. Beispiele wären das China unter Mao oder die Türkei unter Atatürk, der das Tragen des traditionellen Fez verbot.

Das Fazit fast aller Flyer lautet dann:

Das Pali-Tuch steht also für Nationalismus, Frauenunterdrückung, Antisemitismus, Islamismus und Rassismus.

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)

Stand am Anfang des Flyers oft noch ein Konjunktiv, so fällt dieser am Ende immer weg. Das Pali-Tuch könnte nicht nur sein, sondern es IST ein politisches Symbol.

Das Problem ist aber, dass der Konjunktiv in Realität bestehen bleibt. Sogar bei eher tendenziell linken Leuten. Der Antisemitismus steckt im Kopf. AntisemitInnen erkennt mensch nun mal nur in Ausnahmefällen (Demo-Transparente, Aufnäher, Tattoos) an ihren Äußeren. Auch am Pali-Tuch kann mensch keine AntisemitInnen erkennen. Sicher, der Nazi auf einer „Keine-Waffen-für-Israel“-Demonstration mit Pali-Tuch ist ein Antisemit und der linke Demonstrant auf der „Schluss-mit-der-israelischen-Besatzung“-Kundgebung ist vermutlich mindestens ein Antizionist. Aber beide wissen ja was sie sind und brauchen keine Aufklärungs-Flyer dafür. Die Mehrheit der Palit-Tuch-TrägerInnen heutzutage sind H&M-Kidz und unpolitische Punks. Die tragen das Pali-Tuch aus Mode-Gründen und – so seltsam das klingt – ästhetischen Gründen. Dass die TrägerInnen trotzdem oft über das Böse israelische „Besatzungsregime“ schimpfen dürfte dem deutschen Durchschnitt entsprechen, ist also dem Durchschnitt der Nicht-Palituch-TrägerInnen vergleichbar.
Arafat
+++ War auch ohne Pali-Tuch ein Israelfeind und korrupter Autokrat +++

Es dürfte von dem Pali-Tuch in der Bundesrepublik vermutlich kein Bedrohungsgefühl für Juden und Jüdinnen ausgehen. Es ist kaum zu glauben, dass die H&M-Werbung etwas Bedrohliches für Mitglieder der jüdischen Gemeinde hat.
Im Gegensatz zu Esoterikern, die sich bemühen das Hakenkreuz als angebliches Glücks-Symbol wiederzubeleben, ist also auch hier kein echter Handlungsbedarf zu finden.

Unzweifelhaft ist das Pali-Tuch aus der linken politischen Szene vielerorts verschwunden. Aber das dürfte kaum mit einem Wandel vom Antizionisten-Saulus zum Israelfreund-Paulus zusammen hängen. Die linken Pali-Tuch-Trägerinnen von einst waren wohl meist schon vorher keine Israelhasser und haben das Pali-Tuch lediglich deswegen abgelegt um nicht dafür gehalten zu werden.

Die Debatte ums Pali-Tuch ist ein Zug, der 20 Jahre zu spät eintrifft. Vor 20 Jahren, zu den Hoch-Zeiten der Solidarisierung mit palästinensischen „Befreiungs“bewegung wäre sie sinnvoll und angebracht gewesen.

Stellt sich nun die Frage nach dem Warum?
Bei vielen Träger der Pali-Tuch-Kritik hat mensch die Vermutung, dass diese vor allem der Befriedigung des link(sdeutsch)en Gewissens, aber kaum der Bekämpfung des real existierenden Antisemitismus und Antizionismus, dient.
Auch die Überbewertung der Person des Mufti von Jerusalem im israelsolidarischen Milieu mutet manchmal seltsam an. Der Mufti war ein Antisemit und half mit den NS-Antisemitismus in den arabischen Raum zu transportieren. Aber als Kollaborateur und Machthaber in einem britisch kontrollierten Gebiet war er recht machtlos. Die TäterInnen der Shoah sind nicht im Bereich der arabischen Kollaborateure zu suchen, sondern in Deutschland und Österreich.

Statt die 13. Version des Anti-Palituch-Flyers zu produzieren und zu verteilen, sollten lieber die Israel-Hasser in der nächsten Verwandt- und Nachbarschaft aufgeklärt und belehrt werden. Dafür muss mensch schon mal seinem Professor ins Wort fallen, wenn er mal wieder gegen die israelische „Apartheit-Mauer“ wettert oder wenn die Tante über die „völkermordenden“ Israelis herzieht.
Oder investiert das Flyer-Druck-Geld in die Fahrkarte zu der Demonstration gegen den alljährlichen Al-Quds-Aufmarsch in Berlin.

Bad guys nerver die

A never sent Email to Mr. Tarantino:

Dear Mr. Tarantino,

I read about your next movie about world war II and
that a part of your set is now in Saxony (Germany).
Exactly it is in a region, what is called Saxonian Schwyz.
This area is in Germany well known as hot spot of right
wing activities.
Some years ago there exists a strong group with under the label
Skinheads Saxonian Schwyz (SSS). They were something like a
group of the KKK. Also after the government ban this group,
the structure still exists till today. The result is daily terror
for non-whites, homeless and so on. I myself know personal
a Turkish family, which fled after over a dozen racist motivated attacks.

Now you are making a movie exactly in this area, the brown
heart of Germany. And your movie is also about the nazi terror.
But bad guys sadly never died. The ideology still lifes.
Maybe you could act against fascist power today.
It would be nice if you could make a strong statement against
the neofascist terror in the region during a press conference.

I know there is no realistic chance that you even will read
this email, but I thought I should try it.

Sincerely

Ralf Schwarzenberg

(Dresden, Saxony)