Eine Kritik der Palituch-Kritik

Die Linke in der Bundesrepublik scheint sich gerne mal auf kleinen Nebenpfaden ins Nirgendwo zu verirren.

Mindestens ein halbes Dutzend kritische Flyer zum Pali-Tuch oder Kaffiyah existieren zurzeit. Sie tragen einprägsame Headliner wie „Ist Dir kalt oder hast Du was gegen Juden?“ oder „Coole Kids tragen kein Pali-Tuch!“.
Inhaltlich geht es um die Kritik am Pali-Tuch als politisches Symbol:

Es handelt sich beim Pali-Tuch nicht um ein stinknormales Modeaccesoire, sondern um ein politisches Statement mit langer Geschichte.

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)

Dann gibt den obligatorischen Hinweis auf den Mufti von Jerusalem:

Als Abwehr gegen die als westlichen Einfluss verstandene Moderne […] setzte der damalige Großmufti von Jerusalem […] durch, dass die Kaffiyah von allen Männern im britischen Mandatsgebiet Palästina getragen werden musste, […].

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)
Weiter berichtet der Flyer davon, dass Großmufti dafür sorgte, dass Nichtträger der Kaffiyah getötet wurden. Die mit Repressionen bis hin zur Todes-Strafe durchgesetzte Kleidungs-Norm ist aber nicht nur in traditionalistischen-antimodernistischen Regimen vorgekommen, sondern auch in Modernisierungs-Diktaturen. Hier war es umgedreht. Kleidungsstücke, die als altertümlich und unmodern galten, wurden mit Strafen belegt. Beispiele wären das China unter Mao oder die Türkei unter Atatürk, der das Tragen des traditionellen Fez verbot.

Das Fazit fast aller Flyer lautet dann:

Das Pali-Tuch steht also für Nationalismus, Frauenunterdrückung, Antisemitismus, Islamismus und Rassismus.

(aus dem Flyer „Das PaliTuch. Geschichte und Bedeutung“, ViSdP: Hamburger Adresse)

Stand am Anfang des Flyers oft noch ein Konjunktiv, so fällt dieser am Ende immer weg. Das Pali-Tuch könnte nicht nur sein, sondern es IST ein politisches Symbol.

Das Problem ist aber, dass der Konjunktiv in Realität bestehen bleibt. Sogar bei eher tendenziell linken Leuten. Der Antisemitismus steckt im Kopf. AntisemitInnen erkennt mensch nun mal nur in Ausnahmefällen (Demo-Transparente, Aufnäher, Tattoos) an ihren Äußeren. Auch am Pali-Tuch kann mensch keine AntisemitInnen erkennen. Sicher, der Nazi auf einer „Keine-Waffen-für-Israel“-Demonstration mit Pali-Tuch ist ein Antisemit und der linke Demonstrant auf der „Schluss-mit-der-israelischen-Besatzung“-Kundgebung ist vermutlich mindestens ein Antizionist. Aber beide wissen ja was sie sind und brauchen keine Aufklärungs-Flyer dafür. Die Mehrheit der Palit-Tuch-TrägerInnen heutzutage sind H&M-Kidz und unpolitische Punks. Die tragen das Pali-Tuch aus Mode-Gründen und – so seltsam das klingt – ästhetischen Gründen. Dass die TrägerInnen trotzdem oft über das Böse israelische „Besatzungsregime“ schimpfen dürfte dem deutschen Durchschnitt entsprechen, ist also dem Durchschnitt der Nicht-Palituch-TrägerInnen vergleichbar.
Arafat
+++ War auch ohne Pali-Tuch ein Israelfeind und korrupter Autokrat +++

Es dürfte von dem Pali-Tuch in der Bundesrepublik vermutlich kein Bedrohungsgefühl für Juden und Jüdinnen ausgehen. Es ist kaum zu glauben, dass die H&M-Werbung etwas Bedrohliches für Mitglieder der jüdischen Gemeinde hat.
Im Gegensatz zu Esoterikern, die sich bemühen das Hakenkreuz als angebliches Glücks-Symbol wiederzubeleben, ist also auch hier kein echter Handlungsbedarf zu finden.

Unzweifelhaft ist das Pali-Tuch aus der linken politischen Szene vielerorts verschwunden. Aber das dürfte kaum mit einem Wandel vom Antizionisten-Saulus zum Israelfreund-Paulus zusammen hängen. Die linken Pali-Tuch-Trägerinnen von einst waren wohl meist schon vorher keine Israelhasser und haben das Pali-Tuch lediglich deswegen abgelegt um nicht dafür gehalten zu werden.

Die Debatte ums Pali-Tuch ist ein Zug, der 20 Jahre zu spät eintrifft. Vor 20 Jahren, zu den Hoch-Zeiten der Solidarisierung mit palästinensischen „Befreiungs“bewegung wäre sie sinnvoll und angebracht gewesen.

Stellt sich nun die Frage nach dem Warum?
Bei vielen Träger der Pali-Tuch-Kritik hat mensch die Vermutung, dass diese vor allem der Befriedigung des link(sdeutsch)en Gewissens, aber kaum der Bekämpfung des real existierenden Antisemitismus und Antizionismus, dient.
Auch die Überbewertung der Person des Mufti von Jerusalem im israelsolidarischen Milieu mutet manchmal seltsam an. Der Mufti war ein Antisemit und half mit den NS-Antisemitismus in den arabischen Raum zu transportieren. Aber als Kollaborateur und Machthaber in einem britisch kontrollierten Gebiet war er recht machtlos. Die TäterInnen der Shoah sind nicht im Bereich der arabischen Kollaborateure zu suchen, sondern in Deutschland und Österreich.

Statt die 13. Version des Anti-Palituch-Flyers zu produzieren und zu verteilen, sollten lieber die Israel-Hasser in der nächsten Verwandt- und Nachbarschaft aufgeklärt und belehrt werden. Dafür muss mensch schon mal seinem Professor ins Wort fallen, wenn er mal wieder gegen die israelische „Apartheit-Mauer“ wettert oder wenn die Tante über die „völkermordenden“ Israelis herzieht.
Oder investiert das Flyer-Druck-Geld in die Fahrkarte zu der Demonstration gegen den alljährlichen Al-Quds-Aufmarsch in Berlin.


2 Antworten auf “Eine Kritik der Palituch-Kritik”


  1. 1 Karo 02. Dezember 2008 um 18:55 Uhr

    „Es dürfte von dem Pali-Tuch in der Bundesrepublik vermutlich kein Bedrohungsgefühl für Juden und Jüdinnen ausgehen.“
    Diese Aussage finde ich dann doch etwas anmaßend. Darf ich fragen: woher weisst Du das? Sind diejenigen Juden und Jüdinnen, denen evtl. doch unwohl wird, wenn mehrere PalituchträgerInnen in die Bahn zusteigen, wohlmöglich „islamophob“? Symbol ist und bleibt Symbol – und sei es 100 Mal von der Kulturindustrie verwurstet. Vielleicht fällt es Dir leichter, das anhand von Lonsdale-T-Shirts nachzuvollziehen.

  2. 2 Karo 04. Dezember 2008 um 13:49 Uhr

    Ich habe hier eine Kritik der Kritik der Palituch-Kritik gepostet, eigentlich in der Annahme, sie landete nicht im Nirvana. Sei’s drum…

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