TKKG: Für Kinder eher ungeeignet

Mal wieder reingehört …
Vor kurzem hörte ich aus Langeweile mal wieder in unsere geschwisterliche Kassetten-Sammlung von TKKG-Folgen rein. Da wurde mir erst einmal so richtig bewusst wie reaktionär, konform und angepasst die dargestellten Charaktere agieren bzw. die Geschichten verlaufen.

Die Hörspiel-Serie stammt aus der Feder von Rolf Kalmuczak (1938-2007) alias „Stefan Wolf“. Laut Wikipedia beläuft sich die Gesamtauflage seiner TKKG-Bücher Presseberichten zufolge auf 14 Millionen, von den TKKG-Hörspielen sollen insgesamt fast 30 Millionen Kassetten und CDs über den Ladentisch gegangen sein. Ganze Generationen wuchsen mit dem Jugend-Quartett Tim/Tarzan (T), Karl (K), Klösschen (K) bzw. Willi und Gabi (G) auf.

*** Selbstjustiz ***
Der „TKKG-Häuptling“ Tim praktiziert in starken Maß Selbstjustiz. Für das Gute und Gerechte prügelt der Anführer (Hierarchie scheint wichtig) von TKKG, Peter Karsten genannt „Tim“ oder „Tarzan“, regelmäßig die Scheiße bzw. die Wahrheit aus Erz- und Kleinganoven heraus. Er beherrscht nämlich diverse Kampfsportarten und ist damit eine Art Chuck Norris des Jugendhörspiels.
Oft reicht auch nur die Androhung von Gewalt. Stefan Wolf, der Autor der Hörspiele und Bücher lässt dabei natürlich nie einen Unschuldigen unter die Fäuste von Tim geraten. Immer hat er Recht gehabt, was ja dann den Gewalteinsatz scheinbar nachträglich legitimiert.

*** Das Frauenbild ***
Das Frauenbild in dem Jugendhörspiel ist schlicht von vorgestern. Es gibt in TKKG eine beständige Neuauflage überalterte Rollenvorstellungen. Frauen sind generell schwach und beschützenswert, weswegen das einzige Mädchen der Bande, Gabi, nach 10 Uhr Abends nicht mit darf und aus jeder Action (O-Ton: „So etwas ist Männersache“) rausgehalten wird. Die Rolle von Gabi ist auf hübsch sein und die Funktion als Freundin des „TKKG-Häuptlings“ Tim/Tarzan zugeschnitten. Das kündigt sich ja bereits im Intro an: „… und Gabi, seine Freundin.“ Insgesamt sind der sportliche Tim und die hübsche Gabi so etwas wie die alte Ausgabe des Traumpaars aus den amerikanischen College-Filmen, wo der Football-Star mit der Cheerleader-Chefin zusammen ist und sie dann auf dem Abschlussball zum Ballkönig und zur Ballkönigin gewählt werden.

Obwohl Tim stark zur Selbstjustiz neigt, macht er bei Frauen eine Ausnahme. So heißt es in einer Folge: „Ich kämpfe nicht gegen Weiber!“

Homosexualität kommt überhaupt nicht vor in dieser Hörspielserie, damit will man wohl die lieben Kinder verschonen.

*** Freundbild: Polizei ***
Die Polizei ist der Freund und Helfer und nur das. Besonders der „väterliche Freund“ der vier Haupthelden, Kommissar Glockner ist das personifizierte Gute. Glockner, Tims Schwiegervater in spe, ist ein kluger und netter Polizist, an dem es nie etwas auszusetzen gibt. Tim will später natürlich auch so ein Polizist werden. Korrupte Bullen oder „Knüppel aus dem Sack“-Cops gibt es natürlich nicht.
Die Polizei ist immer unterstützenswert und letztendlich sind TKKG ja auch so etwas wie eine Polizeijugend-Einheit oder Polizei-Vorhut.

*** Feindbild „Zigeuner“ (Sinti & Roma) ***
In TKKG werden antiziganistische Vorurteile aufs Heftigste wiedergekäut. In einer Folge heißt es: „Sind finstre Typen. Sehen aus wie Zigeuner.“ Hier wird dass extrem rassistische Stereotyp vom rachsüchtigen, messerstechenden Zigeuner immer wieder neu aufgelegt.
Dasselbe Klischee- und Feindbild findet sich auch in einigen Folgen des Jugendhörspiels „Fünf Freunde“ von Enid Blyton.
Die Autoren W. Solms und D. Strauß schreiben in ihrem Buch „«Zigeunerbilder» in der deutschsprachigen Literatur“ über die Typisierung der „Zigeuner“ bei den Fünf Freunden:
„Blytons Figuren leben abseits von der von der Mehrheitsbevölkerung, sind dreckig, hausieren, lügen und stehlen und sind auch an dem gerade aufzuklärenden Verbrechen unmittelbar beteiligt.“ (Seite 120).

*** Feindbild: Punks, Gammler, Rocker und andere ***
Punks, Rocker und Gammler bzw. Penner schneiden in der TKKG-Welt sehr schlecht ab. Sie sind fast immer die Bösen und generell kleinkriminell. In einer Folge z.B. wird ein Punker beständig verächtlich als „Irokesenhäuptling“ bezeichnet und ist natürlich der Böse in dieser Geschichte.

Auch die Sippenhaft ist bei TKKG noch nicht abgeschafft. Die Kinder von Kriminellen werden schnell selbst verdächtig und erweisen sich dann auch als kriminell. Bei Italienern gibt es auch eine Art von Sippenhaft, so dass sie in einer Folge mit der Mafia verbunden werden. Merke: Italienische Restaurant-Besitzer sind generell halbe Mafiosi.

*** Feindbild: Drogen ***
Drogen, darunter wird auch Tabak und Alkohol verstanden, werden im TKKG-Universum nur den bösen Buben zugeordnet. Die genussfeindliche TKKG-Bande aber bleibt immer clean und anständig, kommt nie auch nur in Versuchung.

Bei TKKG handelt es sich letztlich um den lebendig gewordenen Traum eines schwäbischen Kleinbürgers. Eindimensionale Charaktere, auf die nie auch nur der Schatten eines negativen Zuges fällt, bekämpfen das Böse und Unangepasste: Italiener, Zigeuner, Punker, Rocker und echte Kriminelle (die gibt’s auch manchmal). Dabei agieren sie mit Gewalt, voller Selbstgerechtigkeit und als eine Art Voraus-Einheit der Polizei.
Mit ihrer heiligkeitsscheinbaren und drogenfreien Art sollen sie klar erkennbar eine Vorbildrolle für alle ZuhörerInnen erfüllen. TKKG sind die immer idealen Schwiegersöhne und –tochter. Das ist nicht nur langweilig und vorhersehbar, sondern auch manipulativ. Hier wird ein erzkonservatives Weltbild durch ein Jugendhörspiel vermittelt.
Spätestens nach dem Tod des Autors ist es nun Zeit die verkrusteten Strukturen von TKKG aufzubrechen. Nett wären mal ein paar Risse im TKKG-Universum, z.B. wenn Gabi Tim wegen dessen Macho-Allüren verlassen würde oder Klößchen Tim eine reinhauen würde wegen dessen Dauer-Mobbing gegen Dicke. Oder Karl entdeckt seine Liebe zu Klößchen.
Wer nicht warten will bis TKKG umgeschrieben wird, dem/der empfehle ich die Hörspiel-Parodie „Die Ferienbande“. Auf den bisher erschienen drei Folgen werden alle Jugendhörspiele mit selbst ernannten Detektiv-Gruppen gekonnt durch den Kakao gezogen.

Verwendete Literatur
W. Solms und D. Strauß: «Zigeunerbilder» in der deutschsprachigen Literatur, Heidelberg 1995, Seite 119-126


5 Antworten auf “TKKG: Für Kinder eher ungeeignet”


  1. 1 Blogneurotiker 01. Dezember 2008 um 0:18 Uhr

    Im kürzlich veröffentlichten Buch „Deutschlandwunder“ ist auch ein Beitrag zu dem Thema drinn, falls du noch mehr darüber lesen möchtest.
    Jean-Phillipp Baeck und Volker Beeck: „Mit Judo gegen Wodka Bruno, Miethai Zinse und Dr. Mubase. – TKKG, ein postnazistischer Jugendkrimi.“

  2. 2 Moritz 29. November 2011 um 22:12 Uhr

    *** Freundbild: Polizei ***

    Ich gebe dir grundsätzlich mit allem Recht, allerdings gibt es auch Folgen, in dnen korrupte Bullen vorkommen.
    Die Folge kommt mir nicht in den Sinn. Aber es ging um welche, die die Beute eines Bankraubs gefunden haben und diese einbehielten. Glockner hat sie natürlich abgefertigt.
    In selber Folge sind auch Obdachlose positiver dargestellt.

    Und TKKG sind tierlieb ;)

  3. 3 Anna 16. Januar 2012 um 3:54 Uhr

    Also ich weiß dass Moritz recht hat , da es wirklich eine Folge gibt in der Gabi auch irgendwann sagt : „Schwarze Schafe gibt es nunmal überall “ oder etwas derartiges , leider kann ich mich nichtmehr an den Namen entsinnen aber die ungefähre Handlung war Schutzgelderpressung versch. Restaurants , Gabis Freundin erzählt ihr , wenn auch widerwillig dass ihr Vater auch betroffen ist TKKG ermitteln natürlich . Die Geldübergabe , die immer auf einem Friedhof stattfindet , wird dann von jenen überwacht und sie erwischen einen Kollegen Glockners

  4. 4 Melancholiese 07. Juni 2012 um 23:50 Uhr

    Prima herausgearbeitet! Generell wird in den TKKG-Folgen ein verzerrtes Bild vom Ausländer gezeichnet. Der Orientale kommt dabei ähnlich wie der Zigeuner ganz schlecht weg. :-(

  5. 5 Nori 10. August 2012 um 14:34 Uhr

    Ganz kleine Anmerkung:
    Tarzan/Tim möchte nicht Polizist werden, sondern Architekt. Das sagt er in ziemlich vielen Folgen. Ich habe zwar die neuesten Folgen nicht, vielleicht wurde das in denen verändert, aber zumindest in den ersten ca. 100 Folgen will er immer Architektur studieren.
    Im Gegensatz zu Kommissar Glockner, der ihn ja am liebsten sofort für die Kripo akquirieren würde und auch sehr gern mal ein paar Dienstgeheimnisse ausplaudert, wenn Tim mal nicht genau weiß, wen wer verdreschen soll.

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