Archiv für Januar 2009

Populismus-Baustein: Antiamerikanismus, Unterkategorie: Bush-Bashing

Wallstreetterror
Antiamerikanismus in guter alter deutscher Tradition: Buch von 1942

Nun ist er weg. George Walker Bush. Letzte Polemiken und Hassbotschaften wurden ihm noch nachgeworfen, ebenso wie zwei Schuhe. Noch ein letztes Mal übten sich Presse, selbsternannte Amerika-Experten und Stammtisch ausgiebig im „Bush-Bashing“ und bedienten damit in populistischer Manier den Antiamerikanismus der Deutschen (und vermutlich auch der Europäer allgemein).
Bush-Bashing war gleich nach dem Fußball der Deutschen liebster Volkssport. Jeder noch so vergreiste Uni-Professor konnte bei seinen Zuhörern Punkte sammeln, wenn er kräftig auf den „Cowboy“ im „Weißen Haus“ schimpft.
Vorgemacht hat es der abgehalfterte Grünen-Politiker Ströbele, der einst die irakischen Raketenangriffe auf Israel „die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels“ nannte. Er versuchte sich einem schlecht gemachten Musikstück als Anti-Bush-Sänger und sieht den Ex-Präsidenten schon bald vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag.

Ein großer Verlust ist es allemal für alle Antiamerikaner und für viele selbsternannte Weltpolitik-Experten auch.
Wen sollen sie jetzt für allen Unbill dieser Welt verantwortlich machen? Der Papst eignet sich dafür anscheinend nicht so gut. Besonders bei den Deutschen. Ist doch hierzulande die nationale Identifikation mit dem Oberhaupt der katholischen Christenheit recht hoch („Wir sind Papst!“).
Da viele (nicht alle!) ihre antiamerikanischen Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten im Bush-Bashing auslebten ist der Verlust für viele auch riesengroß.
Bush-Bashing war erkennbar eine Spielart des Antiamerikanismus. Sicher hat dieser US-Präsident viele Fehler gemacht, seine Politik hat Opfer gefordert und im eigenen Land hat er die sozialen Gegensätze noch zugespitzt.
Doch Gleiches trifft auch auf Gerhard Schröder oder Chaque Chirac zu. Deren Kriege oder Kriegsbeteiligung im Ex-Jugoslawien (Kosovo) oder in der Republik Elfenbeinküste fanden ungleich weniger Kritik.
Eine rationale Bewertung der Politik von George W. Bush mit all ihren Fehlern, aber ohne eine Litanei der Verdammung zu sein, ist nicht nur vielen Normalmenschen unmöglich gewesen, sondern auch viele Medien fielen in ihre antiamerikanischen Beißreflexe zurück.
George W. Bush wurde für jeden Toten im Irak persönlich verantwortlich gemacht und nicht etwa die religiösen und nationalistischen Fanatiker, die mit Selbstmordattentaten möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen versuchen. Sicher, die amerikanische Irak-Politik ist desaströs. US-Soldaten waren immer wieder an Morden an Zivilisten beteiligt, es wurde systematisch Folter angewendet und allgemein wurde weniger angeklopft als vielmehr reingestürmt.
Viele Tote im Irak sind aber auf innerirakische Konflikte zurückzuführen, die von Saddam Husseins Gewaltherrschaft unterdrückt worden sind. Dafür sind schlecht die Besatzer verantwortlich zu machen. Auch Guantanamo ist sicher ein Schandfleck auf der Weste der USA, aber Guantanamo ist kein neues Auschwitz. Wer so etwas behauptet relativiert und verharmlost den Nationalsozialismus. In Guantanamo wurde und wird niemand vergast. Trotz der fehlenden Rechte und vieler Verwechslungen sind einige der Insassen durchaus schuldig im Sinne der Vorwürfe. Im Gegensatz zu Auschwitz.
G8-Holocaustrelativierung
Und George W. Bush ist auch nicht der neue Hitler gewesen. Präsident Bush kann abgewählt werden und verfolgt als Staatsoberhaupt rational die Interessen seines Landes und nicht irgendeinen Wahn.
Holocaustrelativierung

JedeR kennt und kritisiert Guantanamo. Aber niemand interessiert sich für das Schicksal des weiblichen Bevölkerungs-Teil Saudi-Arabiens.

Man kann die saudischen Frauen in der Tat mit den Gefangenen von Guantánamo vergleichen.

Die Insassen von Guantánamo können wenigstens noch die Sonne sehen und müssen sich nicht mit einem schwarzen Umhang verhüllen. Auch könnten sie eine Affäre mit einem anderen Gefangenen haben. In Saudi-Arabien verliert eine Frau, die mit einem anderen Mann erwischt wird, ihr Leben. Die ganze Welt kennt die Zustände in Guantánamo und redet darüber, dass die Gefangenen dort ohne wirkliche Beweise festgehalten werden. Aber über die saudischen Frauen, die seit Jahrzehnten in Gefängnissen sitzen, redet niemand. Die saudischen Frauen leben in fünf Gefängnissen. Wenn sie keine Probleme mit ihrer Familie und ihrem Stamm haben, werden sie spätestens von der Gesellschaft attackiert. Wenn sie das durchstehen und nicht von der Religionspolizei verhaftet werden, kommt die Regierung. Wenn die sie ins Gefängnis wirft, sind sie vergessen.

(Wajeha al-Huwaider, Gründerin der League of Demanders of Women’s Right to Drive Cars, in dem Interview »Unsere Omas durften auch Kamel reiten«, http://www.jungle-world.com/seiten/2007/39/10711.php)

Zu Saudi-Arabien unterhalten alle westlichen Staaten, also auch die USA und Deutschland, normale bis freundschaftliche Beziehungen.

Ob Obama soviel anders macht und machen kann ist fraglich.
Für kühle, linke Analysten bleibt das Credo: Don’t fight the players, fight the system. Und erweitert ist noch hinzuzusetzen: Watch your own country!

BUCHTIPP: Claus Kleber: Amerikas Kreuzzüge. Wohin treibt die Weltmacht?, München 2005, 302 Seiten

Der Autor agiert mit seinem Buch als ein Mythenbrecher. Durch Insider-Wissen und jahrzehntelange Erfahrung gelingt es ihm die Spezifika des Amerika unter George W. Bush herauszuarbeiten ohne sich in die Niederungen des Antiamerikanismus zu geraten. Im Gegenteil, er räumt konsequent auf mit antiamerikanischen Klischees und Vorurteilen: Nicht die Zensur, sondern Selbstunterwerfung und Gewinn-Denken legte die kritische US-Presse lahm. Nicht kaltblütiges Kalkül, sondern Irrtum und Fehler führten zur Durchsetzung der Kriegsfraktion innerhalb des Bush-Kabinetts. Präsident Bush und seine Regierung sind nicht die neuen christlich-fundamentalistische Kreuzritter, sondern sendungsbewußte Menschen, die an Amerikas Auftrag glauben. Präsident Bush ist nicht eine Marionette seiner Berater, lässt sich aber von den Spezialisten in seiner Umgebung stärker beraten als z.B. Präsident Clinton. Präsident Bush ist kein Cowboy oder Tölpel, sondern ein Durchschnittstyp.

Durch seine Stellung gegen die althergebrachten antiamerikanischen Vorurteile und eine gewisse Nähe zum Polit-Establishment gerät das Buch aber streckenweise zu positiv in Vorausschau und Bewertung. Eine kritische linke Note hätte ihm ganz gut getan. Das viele Akteure in den USA oder im Irak bzw. Afghanistan nicht die Böslinge sind, als die sie gerne dargestellt werden, schön und gut, aber Fehler wurden trotzdem gemacht. Einige benennt der Autor, andere leider nicht.

Deutsche Korporationen in Freikorps-Tradition

Arbeitermörder
Titelblatt des USPD-Magazins „Freie Welt“

Tradition ist Tradition
Das korporierte Geschichts(zerr)bild findet bei Verbindungskritikern leider häufig nicht genügend Aufmerksamkeit. Denn nicht nur Sexismus, rechte Umtriebe oder elitäres Gehabe diskreditieren Studentenverbindungen, sondern auch ihr verfälschtes Geschichtsbild und -verständnis.
Geschichtsverfälschung wird von Korporierten nicht nur im Bezug auf ihre Beteiligung im Nationalsozialismus betrieben. Hier wird gerne behauptet Studentenverbindungen wären verboten worden (1). Auch die vorausgegangene Geschichte wird von Korporationen häufig verzerrt dargestellt.

DB-Gefallenenliste
aus dem Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“, den „Burschenschaftliche Blätter“

Die „große Mensur“ im Ersten Weltkrieg, der „Opfergang“ im Zweiten Weltkrieg oder der Freikorps-Einsatz sind seit Jahrzehnten positive Bezugspunkte nicht nur der, ohnehin sehr weit Rechtsaußen anzusiedelnden, Burschenschaften, sondern auch der anderen, teilweise eher liberalen und modernisierten Korporationen („Partyverbindungen“). Dieses Geschichtsbild wird scheinbar keinerlei kritischen Revision unterworfen, sondern nur tradiert und reproduziert. Wissenschaftliche Lektüre wird nur an den Stellen zitiert, an denen sie dem eigenen Geschichtsbild dienlich.

Mythos: Freikorps als Republik-Verteidiger
Die Beteiligung von Studenten, insbesondere aber von Verbindungsstudenten, an den rechtsradikalen Freikorps war enorm. Anfang der 1920er Jahre sollen 33% der deutschen Studenten Freikorps-Mitglieder gewesen sein. Nicht wenige Studentenverbindungen gliederten sich geschlossen in Freikorps-Verbände ein.
Diese Freikorps waren, wie unten ausgeführt, fast durchweg republikfeindlich, antidemokratisch und teilweise noch kaisertreu. Mit der Zeit wurden sie zusätzlich auch noch radikal-antisemitisch. Der Kampf gegen die Weimarer Republik wurde damit zum Kampf gegen „die Judenrepublik“.

Die Freikorps entstanden in Reaktion (im wahrsten Sinne des Wortes) rechter Kreise auf die Kriegsniederlage. In ihnen sammelten sich radikalisierte Militärs, Ex-Soldaten und paramilitärisch geschulte Angehörige der jüngeren Generation, die am Weltkrieg nicht mehr teilnehmen konnte, aber die Kriegspropaganda zur Gänze aufgesogen hatte („Generation des Unbedingten“). Ziel war es auf niedriger Ebene den Krieg gegen innere und äußere Feinde fortzusetzen. Dafür stellten sich 250-400.000 Freikorps-Angehörige nach dem Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ auch der gemäßigten SPD-Regierung zur Verfügung, die versuchte einen Weitergang der November-Revolution und soziale Unruhen zu unterdrücken. Als „Bluthunde“, so der SPD-Innenminister Gustav Noske („Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden“), wurden Freikorps gegen aufständische Arbeiter im Ruhrgebiet, in Thüringen oder gegen die bayrische Räterepublik losgelassen. Zusammen mit der Reichswehr praktizierten die Freikorps eine blutig-effektive Aufstandsbekämpfung, die über 5.000 Tote forderte. Die Aufständischen, darunter nur zum Teil Parteikommunisten, kämpften damals für eine gesellschaftliche Umverteilung und die Beibehaltung bzw. Einführung des basisdemokratischen Rätesystems. Wir sprechen hier ohnehin von einer KPD vor ihrer Bolschewisierung, die erst Mitte der 1920er einsetzte.

Der große Mythos, der nach 1945 von den Korporationen sorgsam gepflegt wird, ist die Behauptung, dass es sich bei den Freikorps um eine Art von Republik-Verteidigern gehandelt hätte. Das sahen die Freikorps selbst aber zu ihrer Zeit anders. Während vor 1933 bei den Freikorps die antibolschewistische Stoßrichtung betont wurde, werden den Freikorps erst posthum viel hehre Motive unterstellt.
Dabei handelte es sich in Wahrheit lediglich um ein zeitweiliges Zweckbündnisgegen zwischen Freikorps und der MSPD-Regierung gegen einen gemeinsamen Feind. Die Motive der Freikorps lagen nicht in der Verteidigung der Weimarer Demokratie, sondern in der Bekämpfung der „Roten“, „Spartakisten“ und „Bolschewisten“. Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin durch Freikorps-Mitglieder war kein zufälliger Exzess (Die Leiche Luxemburgs wies 30 Tritte genagelter Schuhsohlen und 120 Kolbenhiebe auf.), sondern Ausdruck einer hasserfüllten Feindbild-Ideologie.
Das Bündnis zwischen Freikorps und Regierung war dabei sehr brüchig wie der Kapp-Lüttwitz-Putsch zeigte. Beim rechten und antidemokratischen Kapp-Putsch im Frühjahr 1920 waren Freikorps maßgeblich beteiligt.
Auch die anderen „Einsatzgebiete“ der Freikorps sprechen nicht für deren demokratisches Selbstverständnis. Gegen die Auswirkungen des „Versailler Vertrages“ bzw. die allgemeine Nachkriegsordnung kämpften Freikorps in Oberschlesien (1919-21) oder im Baltikum, wo 40.000 Freikorps-Mitglieder („Baltikumer“) 1919 eine Art „Privat-Feldzug“ gegen die „Roten“ führten. Im Baltikum wurden die Freikorps aus Deutschland bei ihrem antibolschewistischen Feldzug, unter dem auch die einheimische Bevölkerung der Letten und Esten litt, sogar von einem Freikorps unterstützt, dass sich aus Mitgliedern der deutschsprachigen Minderheit gebildet hatte. Dieses Freikorps nannte sich „Baltenregiment“ (1918-1920) und war eine in Estland aus Deutsch-Balten und Soldaten der sich auflösenden deutschen Truppen gebildete Freiwilligeneinheit. Sie rekrutierte sich laut dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag zu einem großen Teil aus Corpsstudenten der Universität Tartu und des Rigaer Polytechnikum.

Nach der im Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 offenbar gewordenen Untreue der Freikorps zur jungen Republik wurden viele Verbände von der Regierung offiziell aufgelöst. Meist gruppierten sich diese „aufgelösten“ Verbände aber lediglich um und existierten im Untergrund weiter. Nicht wenige schlossen sich der so genannten „Schwarzen Reichswehr“ oder später der NSDAP-Schlägertruppe SA an. Die Entente hatte ja im Vertrag von Versailles die Mitgliederzahl der deutschen Armee auf 100.000 Mann begrenzt. Um diese Bestimmung zu unterlaufen wurde eine so genannte „Schwarze Reichswehr“ etabliert, die sich aus Wehrbünden, Freikorps und Veteranenverbänden zusammensetzte. Mit dieser Schattenarmee war der Grundstein zu einer größeren Armee, einer Angriffsarmee, gelegt. Denn deutsche Militärs planten bereits vor 1933 eine Revanche für den verlorenen Weltkrieg.

Zum Beispiel: Tübingen
Die Tübinger Studentenverbindungen „Guestphalia“, „Liechtenstein“, „Ghibellinia“, „Germania Tübingen“ und „Stuttgardia“ beteiligten sich nachweislich an zwei Freikorps-Einheiten („Tübinger Studenten Companie“). Insgesamt kam ein Bataillon mit 800 Mann zusammen, dass in eine „Schlossberg“- und in eine „Österberg“-Kompanie aufgeteilt wurde.

Stuttgardia Tübingen
die Tübinger Verbindung Stuttgardia beim Freikorps-Einsatz

Diese beiden Studenten-Kompanien waren zum Einsatz in Oberschlesien, in Stuttgart (April 1919), Augsburg, München (Mai 1919) und im Ruhrgebiet (März 1920). Mindestens bei dem „Einsatz“ in München pflasterten Leichen den Weg der Freikorps. Vom 30. April bis 4. Mai 1919 sind in München und Umgebung von den Regierungstruppen, darunter auch die Freikorps, etwa 500 Personen erschossen worden („auf der Flucht“ oder „in Notwehr“), unter ihnen auch 21 katholischen Gesellen. Amtlich registriert wurden nur 181, und zwar als „tödlich verunglückt“. Am 02.05.1919 ermorden Freikorpsmitglieder, darunter vermutlich auch Tübinger Verbindungsstudenten, in Gräfelfing (Bayern) 53 russische Kriegsgefangene.

Der Freikorps-Einsatz wird noch heute in den Verbandsblättern anerkennend erwähnt:

Die Generation 1920 – 1940 war von einem unbändigen Lebenswillen bestimmt. Er war herausgewachsen aus gekränktem Stolz eines verlorenen Krieges und aus dem Trotz einer zudiktierten alleinigen Kriegsschuld. Dieser Lebenswille – in der Notzeit der Inflation und Arbeitslosigkeit als Überlebenswille gesteigert – war getragen vom Geist der Freikorps und der Jugendbewegung. Er entartete im nationalsozialistischen Stolz und Übermut, der schließlich zutiefst stürzte.

Tübinger Blätter 49 – Dezember 2003, Organ des Wingolf Tübingen, Seite 11

Auch das Lied, das die Kriegsgeneration im Wingolf (die Leifamilie „Siegfried“) , nämlich Volkers Nachtgesang (E. Geibel) anstimmte, war längst verklungen: „Die lichten Sterne funkeln kalt und stumm – wohl finster ist die Stunde, doch hell ist Mut und Schwert …“ Mancher Wingolfit reihte sich damals ein in die Tübinger Studentenregimenter, die die junge Republik gegen den chaotischen Mob (München) sicherten (1919).

Tübinger Blätter 49 – Dezember 2003, Organ des Wingolf Tübingen, Seite 55

Trotzdem die Korporations-Studenten das beste Menschenmaterial für den SA-Dienst stellen und mit Begeisterung dabei sind, scheint man immer noch auf Mißtrauen zu stoßen. […] Die Kritik vergaß die Leistungen der Studenten-Bataillonen von Langenmarck und der Kompagnien, die sich nach dem Krieg in den Freikorps hervortaten, vergaß ferner, dass Horst Wessel Korps-Student und Walter Flex ein Burschenschafter war, vergaß endlich auch die Ähnlichkeit mit dem heutigen Gedankengut.

Dr. Fritz Veiel, Bundesleiter der Burschenschaft Germania zu Tübingen, in: „Sonderbericht an alle Philister, Inaktiven und Aktiven“, Februar 1934 (nach: Joachim Lang: achtzehn-achtundvierzig – ran, ran, ran!, in: Schwäbisches Tagblatt vom 10.09.1998)

Landsmannschaft Ghibellinia
Screenshot vom 03.05.2005

Zum Beispiel: Marburg
Auch in der Universitätsstadt Marburg schlossen sich Studenten, darunter wieder besonders Korporierte, als so genannte „Zeitfreiwillige“ der Reichswehr und den Freikorps an. Die Reichswehr hatte am 19. März 1920 dazu aufgerufen. In Teilen Deutschlands war nämlich der Generalstreik gegen den antidemokratischen Kapp-Lüttwitz-Putsch in weitergehende politische Forderungen (z.B. nach einer Umverteilung) umgeschlagen. Die MSPD-Regierung hatte Probleme die sozialen Proteste mit der Reichswehr gewaltsam einzudämmen. Die herbeigerufene Reichswehr versuchte mit Aufrufen Freiwillige zu mobilisieren, um ihre Reihen zu stärken.
In Marburg sollen 1.800 Studenten von insgesamt 4.000 dem Reichswehr-Aufruf gefolgt sein.
Bei dem Vormarsch dieser Einheiten in Thüringen kam es auch zu einem Kriegsverbrechen. In Mechterstädt, einem Dorf bei Gotha in Thüringen, wurden am 23. März 1920 15 Arbeiter durch das Marburger Studentenkorps „Hasso-Nassovia“ als „Rädelsführer“ verhaftet und am 25. März „auf der Flucht erschossen“. Als Folge wurden 14 an dem Massaker beteiligte Marburger Zeitfreiwillige angeklagt und in drei unterschiedlichen Verfahren freigesprochen. In den Richter-Sesseln saßen noch die dieselben Richter wie zu Kaisers Zeiten und damit Personen, die fast durchweg auf dem rechten Auge blind waren.

Dieses Massaker wird noch heute in dem Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“, den „Burschenschaftlichen Blättern“ apologetisch dargestellt. Der Autor Manfred Rudloff schreibt in der Ausgabe 3/1998: „Dabei kam es zu einer wilden Schießerei, bei der alle Gefangenen erschossen wurden.“ Alle 15 Gefangene sollen also bei einer „Schießerei“ erschossen worden sein. Niemand wurde nur verletzt, alle getötet. Mehr als unwahrscheinlich. Alles deutet vielmehr auf eine gezielte Hinrichtung hin.

Fazit
Freikorps gestern
Gestern

Freikorps heute
Heute (Screenshot von der Homepage der Burschenschaft Germania Hamburg)

Wer so sehr auf seine Traditionen pocht, muss sich auch an seiner Geschichte und seinem Geschichtsbild messen lassen.
Der nicht selten zu findende positive Bezug auf die rechtsradikalen Freikorps und ihre mörderischen Aktivitäten stellt ein eigenständiges Ideologie-Fragment korporierter Identität dar. Um diesen positiven Bezug auf ihre Freikorps-Geschichte zu legitimieren werden Freikorps entgegen den historischen Tatsachen als Republik-Verteidiger dargestellt. Dabei waren die Freikorps nicht die Verteidiger der Weimarer Demokratie, sondern ihre Totengräber. Dass zeigt sich an ihrem Verhalten während des Kapp-Lüttwitz-Putsches, während des November-Putsches in München oder auch in den Biografien vieler Freikorpsmitglieder, die nicht selten bei der SA endeten.

In gewissem Sinne ehrlicher, ist es, wenn sich die burschenschaftlichen Hardliner von der Danubia München lieber auf die nationalistische Tradition der Freikorps beziehen. Danuben tauchten nämlich regelmäßig bei den „Annaberg-Gedenkfeiern“ (2) der „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“ auf dem Weinberg bei Schliersee auf. Das „Freikorps Oberland“ war gegen die bayrische Räterepublik zu Felde gezogen, hatte in Oberschlesien gewütet und hatte sich am Münchner Putschversuch der NSDAP 1923 beteiligt. Bei den „Annaberg-Gedenkfeiern“ am Schliersee käme wohl niemand auf die Idee sich auf Freikorps als Republik-Verteidiger zu berufen.

By R. Schwarzenberg

Anmerkungen
(1) Die Nationalsozialisten an den Hochschulen schlossen vor 1933 häufig Bündnisse mit den Korporierten und bedankten sich 1933 dann erst einmal mit der Aufhebung des Mensur-Verbotes. Später wurden die Korporationen als „Kameradschaften“ in den „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ eingegliedert und das nur teilweise unter Zwang.
(2) Auf dem oberschlesischen Annaberg hatten deutsche Nationalisten gegen nationalistische polnische Aufständische gekämpft. Die Aufteilung Oberschlesiens an Polen und Deutschland stand bevor und jede Seite wollte für sich einen größtmöglichen Vorteil bei dieser Teilung erreichen.

Verwendete Literatur (Auswahl)
Manfred Rudloff (Germania Marburg): Marburger Zeitfreiwillige der Reichswehr 1920 im militärischen Einsatz in Tübingen, in: „Burschenschaftliche Blätter“ 3/1998, Seite 159

Bernhard Schroeter (Germania Jena): Leserbrief „Noch einmal Mechterstädt“, in: „Burschenschaftliche Blätter“ 4/1999, Seite 228-229

Klaus-Dieter Stefan: Blind wie zu Kaisers Zeiten, Ostberlin 1985, Seite 89-91

Ute Wiedhöft: Kontinuitäten korporierter Mentalitäten im ersten Weltkrieg, in: Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Langewiesche, Dieter / Ullmann, Hans-Peter (Hg): Kriegserfahrungen. Studien zur Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen, 1997

Sonderheft „Metzelsuppe“ des AK Clubhausia zum Einsatz des Tübinger Studentenbataillons in München 1919, http://clubhausia.fsrvv.de/?download=sonderheft_metzelsuppe.pdf

Dr. Bernhard Sauer: Freikorps und Nationalsozialismus, in: „Antifaschistisches Info-Blatt“ Nr. 81 – Jan/Febr-2009, Seite 39-43