Archiv für Februar 2009

Gestohlene Kinder – Kindesraub und Zwangsadoption als Herrschaftsinstrument

Kinderraub ist kein neues Phänomen. Seit Jahrtausenden schon werden Eltern ihre Kinder mit Gewalt entrissen. Davon erzählen Sagen und Legenden, aber auch moderne Erzählungen wie „Onkel Toms Hütte“.
Die Vorkommnisse von Kindesraub und Zwangsadoption sind unterschiedlich gut dokumentiert und kritisch aufgearbeitet worden. Was aber fehlt ist eine Gesamtdarstellung der Fälle und Formen von organisiertem Kindesraub, zeitlich begrenzt zum Beispiel auf das 20. Jahrhundert. Daraus könnte man dann versuchen abzuleiten, ob es Grundvoraussetzungen für diese grausame Praxis gab und inwiefern sie sich in Ausführung und „Begründung“ (dafür kann es ja in Wahrheit keine Begründung geben) unterscheiden.
Im Folgenden soll kurz dargestellt werden wie sich Kindesraub vor dem 20. Jahrhundert darstellte, danach sollen die Fälle im 20. Jahrhundert vorgestellt und anschließend ein Vergleich und Fazit versucht werden. Natürlich handelt es sich um ein an der Oberfläche bleibende Überblicksdarstellung mit großen Lücken. Eigentlich wäre das Thema eine eigenen Sammelband wert.

Kinderraub vor dem 20. Jahrhundert
Bereits in Vergangenheit kam es zu Kindesraub und Zwangsadoption. Ausführend war zum Teil die Obrigkeit, wie im Fall der Kaiserin Maria Theresa von Österreich, die Roma-Kinder ihren Eltern wegnehmen ließ und zur Zwangsadoption freigab. Hintergrund war der Versuch der Zwangsassimilierung, der häufig als „unkontrollierbar“ wahrgenommen Roma-Bevölkerung.
Während es im christlichen Abendland im 17. Jahrhundert die so genannten „Beutetürken“kinder gab, die bei Kriegszügen geraubt und dann zwangschristianisiert wurden, gab es auf muslimischer Seite eine ähnliche Praxis.
Als „Knabenlese“ (auch: „Türkentribut“) bezeichnet man die vom Osmanischen Reich praktizierte Zwangsrekrutierung, bei der in den christlichen Provinzen vorwiegend männliche Jugendliche aus ihren Familien entführt und zwangsislamisiert wurden, um sie für seine eigenen Dienste einzusetzen. Als Begründung dafür wurde eine Koransure herangezogen (Sure 8, Vers 41), in der es heißt:
„Und ihr müßt wissen: Wenn ihr irgendwelche Beute macht, gehört der fünfte Teil davon Allah und dem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem, der unterwegs ist.“
Daraus wurde interpretiert, dass es einen muslimischen Anspruch auf jeden fünften Knaben gäbe. Die geraubten Jungen wurden, nachdem sie in Bauernfamilien die osmanische Sprache gelernt hatten, nach den Regeln des Islam erzogen und in der osmanische Armee (als „Janitscharen“) oder in der Verwaltung eingesetzt. Wegen ihrer Nicht-Zugehörigkeit zu Clans oder Adelsfamilien, stellten sie am Hof eine loyale Basis für den Herrscher dar.
Die „Knabenlese“ wurde hauptsächlich auf dem Balkan ausgeführt und soll anfangs ausschließlich bei Serben, im 14. bis zum 18. Jahrhundert durchgeführt worden sein.

Doch Kinderraub ging nicht nur von der Obrigkeit aus. Es gibt auch Berichte, dass sich in Deutschland die Anhänger der beiden großen Konfessionen gegenseitig ihrer Kinder beraubten, um so die „Seele“ des jeweiligen Kindes zu „retten“.

Australien: Kinderraub gegen Aborigines
Die „Stolen Generation” (gestohlene Generation) ist ein Begriff, der die Kinder – häufig „gemischter“ Herkunft – der Aborigines und der indigenen Bewohner der „Torres-Straßen-Inseln“ beschreibt, die von Institutionen der australischen Regierung und Kirchen-Missionen mithilfe verschiedener Erlasse geraubt wurden. Dieser Raubzug fand von 1869 bis (offiziell) 1969 statt.
Laut dem “Bringing Them Home Report” wurden zwischen 1910 und 1970 insgesamt mindestens 100.000 Kinder auf diese Weise gegen ihren Willen von ihren Eltern geraubt (D. Goldberg).
Über 2.000 Kinder sollen dabei in Waisenhäuser, Anstalten für psychisch Kranke und auch Gefängnisse verschleppt worden sein.

Argentinien: Kinderraub gegen Oppositionelle
Etwa 4-500 Kinder von ermordeten Oppositionellen wurden an Putschisten bzw. Loyalisten des Militärcoups von 1976 „verschenkt“.

DDR: Kinderraub gegen die Zeugen Jehovas und Oppositionelle
In der DDR sollen cirka mehrere hundert Kinder deren Eltern den „Zeugen Jehovas“ angehörten, ihren Eltern geraubt worden sein.
Die Homepage http://zwangsadoptierte-kinder.de/ berichtete von weiteren Fällen von Kindesraub und Zwangsadoptionen.

Kanada: Kinderraub gegen „Native Americans“
In Kanada wurden die Kinder kanadischer „Native American“ (Indianer, Inuit) von ihren Eltern geraubt. Die Indianerinternate in Kanada bestanden bis 1970.

Norwegen: Kinderraub gegen Romas
In den 1960er sollen in Norwegen Romakinder („Tater“) ihren Eltern geraubt worden sein.

Schweiz: Kinderraub gegen Jenische
Der sozikulturellen Minderheit der Jenischen , die teilweise nomadisch und halbnomadisch als „Landfahrer“ leben wurden von 1926 bis 1973 600 Kinder geraubt. Diese 600 Jenische wurden vom Schweizer Jugendwerk „Pro Juventute“ ins „Sittingungshaus“ gebracht.

Kinderraub im „Dritten Reich“
1. Kinderraub im so genannten „Altreich“

Unter Hitler wurden anscheinend auch Kinder von den Zeugen Jehovas (damals als „Bibelforscher“ verfolgt), deren Eltern sich weigerten sie in die HJ gehen zu lassen zur Adoption freigegeben. Solcherart sollen 800 Kinder in NS-Fürsorgeanstalten gelandet sein.

2. „Germanisierungs“-Politik im Osten
Organisator des Kinderraubes in den besetzten Gebieten im Osten war vor allem die SS. Verantwortlich für die Planung und Durchführung war die „Abteilung C2 (Wiedereindeutschung)“ im „Rasse- und Siedlungshauptamt“ (RSH) der SS. SS-Chef Himmler sprach von einer „Aussiebung von Kindern guten Blutes. Die „gut-rassischen Kinder“ gelte es „umzuvolken“ und „einzudeutschen“.
Die wichtigsten Richtlinien der Kinderraub-Aktion (Hrabar: 112) waren:
* „die im »Rassepolitischen Hauptamt« der Reichsleitung der NSDAP ausgearbeitete Studie über die »Sonderbehandlung rassisch wertvoller Kinder« vom 25. November 1939“
* das „Schreiben Himmlers vom 15. Mai 1940 über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten, in dem vorgesehen war, »Jährlich insgesamt bei allen 6–10-Jährigen eine Siebung aller Kinder des Generalgouvernements nach blutlich Wertvollen und Nichtwertvollen“ vorzunehmen“.
* „die Rede Heinrich Himmlers vor höhere SS-Offizieren am 16. September 1942 in Shitomir, in der er anwies, »gutes Blut für Deutschland zu gewinnen« oder es zu vernichten, damit es nicht dem Feind in die Hände falle.“

Zentrum dieser Raubzüge war vor das besetzte Polen. So wurden alle Waisen- und Adoptivkinder im „Warthegau“ erfasst, auf ihre „rassische Eignung“ geprüft und nach äußeren Merkmalen selektiert. Es gab 62-Punkte-Formulare zur „Rasse“-Kategorisierung. Einigen Angaben nach wurde bei den Älteren Kindern auch eine „charakterliche Prüfung“ vorgenommen. Bei Bestätigung der angeblichen „arischen Herkunft“ durch das Äußere wurden die Kinder an ein Gaukinderheim weitergegeben und die Spuren des Raubs wurden in den Akten verwischt. Zur Verschleierung der Herkunft wurden amtliche Dokumente mit bewussten und falschen Angaben produziert. Da der „Lebensborn“ die Kinder meist in der Stadt Posen (Polen) übernahm, wurde der Einfachheit halber meist auch Posen als Geburtsort bestimmt. Auch die Vor- und Nachnamen, teilweise auch das Geburtsdaten, wurden geändert. Die Namen wurden meist eingedeutscht. So wurde aus Jan Sulisz wurde Johann Suhling und aus Helena Fornalczyk Helen Former. Zur Tarnung wurden auch Geschwister getrennt. Mit einem solchen Verfahren wurde die Herkunft der Kinder vollends verborgen.
Zuerst wurden sie dann in Durchgangslagern gesammelt, um sie dann in spezielle Heime im „Altreich“, in deutsche Heimschulen zu bringen. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren wurden an den „Lebensborn“ (SS-Organisation), die im Alter von sechs bis 12 Jahren an den „Inspekteur der Deutschen Heimschulen“ bzw. an eine „Deutsche Heimschule“ geschickt. Nach einiger Zeit sollten diese Kinder durch den „Lebensborn“ deutschen Familien zur Adoptierung vermittelt werden. Die Kinder beim „Lebensborn“ sollten vor allem an kinderlose, verdiente SS- und NS-Ehepaare vermittelt werden. Dass mit den geraubten Kindern als Adoptivkinder hohe Nazis belohnt wurden, zeigt das Beispiel, dass zwei Kinder aus der „Oberkrain“ im März 1943 dem Münchener Stadtkommandanten Hans von Mann und seiner Frau zugeteilt wurden.

Durch erzwungenes Deutsch-Lernen und Eingliederung in Naziorganisationen (teilw. bei einjähriger Dienstpflicht) sollten die Kinder, die äußerlich dem NS-(Klischee)Bild eines „Ariers“ entsprachen „wiedereingedeutscht“ werden. Dazu gehörte auch das strenge Verbot des Polnischen bei Ahndung mit körperlichen Bestrafungen. Die teilweise sehr harten Bestrafungen und die Zwangsverschleppung an sich, hatten zahlreiche Flucht- und Selbstmordversuche der geraubten Kinder zur Folge. Je älter die Kinder, um so häufiger gab es diese Art der Reaktion. Obwohl die 10 bzw. 12 Jahre für die Aktion als obere Altersgrenze galt, ist bekannt dass beispielsweise auch ein 14jähriges Mädchen aus dem Warthegau zwangsverschleppt wurde, dass darauf hin einen Selbstmordversuch unternahm.

Die geraubten Kinder kamen …
* aus Anstalten und anderen Fürsorgeanstalten (Waisen- und Findelkinder).
* von Pflegeeltern.
* aus „Mischehen“.
* von polnischen ZwangsarbeiterInnen bzw. überhaupt Kinder von Ausländerinnen im Reich
* aus unehelichen Verbindungen zwischen Deutschen und Polen („uneheliche Kinder von Fremdvölkischen“). Teilweise wurden auch schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollten daran gehindert. So heißt es im, ganz offensichtlich der Tierzüchter-Sprache entlehnten, typisch rassistischen Weise: „Einem von der Kindsmutter gestellten Antrag auf Schwangerschaftsunterbrechung wurde nicht stattgegeben, weil mit einem rassisch guten Nachwuchs zu rechnen ist.“
* aus Familien, die bei Kampf- und Repressions-Handlungen getötet wurden.
* ab 1944 aus Schulen. Mit zunehmenden Kriegsverlusten, scheint das Programm immer mehr ausgeweitet worden zu sein.
* von Eltern, die einen Eintrag in die „Deutsche Volksliste“ (Klassifizierung der angeblichen deutschen Herkunft) ablehnten oder als „politisch belastet eingestuft“ worden.

Beim organisierten Kindesraub stieß sich das abstruse nationalsozialistische Rassen-Dogma aber immer wieder an der Realität. Kinder von slawischen Völkern, also in der NS-Diktion von „slawischen Untermenschen“, wiesen ein Aussehen auf, dass laut herrschender Lehre „arisch“ war. Um diesen Bruch von Realität und Fiktion ideologisch zu überdecken, wurden die geraubten Kinder mit „arischem“ Aussehen zu volksdeutschen Waisenkindern und Nachkommen von slawisierten Deutschen erklärt. Eine deutsche Abstammung wurde einfach behauptet. Denn nach der herrschenden Doktrin war ein „wertvolles“ (also als „arisch“ eingestuftes) Kind automatisch auch germanisch. Alle blonden und blauäugigen Kinder in einem polnischen Waisenheim waren damit Deutsche, die es in die „Volksgemeinschaft“ wieder einzugliedern („Wiedereindeutschung“) galt.
Ausnahme bei dieser Art der ideologischen Rechtfertigung waren aber immer Juden. Egal wie blond und blauäugig Juden waren, sie waren in den Augen der Nationalsozialisten zuallererst und zuallerletzt Juden. Das unterschiedliche Aussehen von Juden gilt nach der antisemitischen Lehre als einer der Tricks der Juden um sich als „Parasitenvolk“ ihrem „Wirtsvolk“ anzupassen.

Eine ganze Reihe von Institutionen neben dem bereits erwähnten „Lebensborn“ waren an dem organisierten Kinderraub beteiligt. Ein speziell von Himmler ernannter Lebensbornbeauftragter war für den Transport der „einzudeutschenden“ Pflege- und Waisenkinder zuständig.
Die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ (NSV) nahm u.a. Überprüfungsbesuche bei den Eltern vor, um zu sehen ob es dort geeignete Kinder gab.
Auch der „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) soll an der Zwangsverschleppung von Kindern während des Zweiten Weltkrieges beteiligt („Eindeutschung“) gewesen sein.

Für die Kinderraub-Aktionen existierten im „Altreich“ und den besetzten Gebieten einige Stützpunkte.
* Kalisz (Westpolen)
Eines der großen Heime dieser Aktion war das Heim Kalisz, in das seit 1940 mehrere tausend Kinder eingeliefert worden sind.
* Bobruisk (Weißrussland)
In Bobruisk wurde ein Heim für „herrenlose Kinder“ (Himmler) eingerichtet. Auch in Wielkopolska, Lodz und Pomorze existierten solche Germanisierungslager.
* Oberweis (Österreich)
Im österreichischen Oberweis existierte das „Lebensborn“-Heim „Alpenland“, dass dann im Januar 1945 in Heim „Hochland“ umbenannt wurde.
* Puschkau (damals bei Breslau)
In Puschkau existierte ein Kinderheim.

Insgesamt lag der Schwerpunkt dieses Raubzuges in Polen, vor allem im so genannten „Warthegau“ (Zentral-Polen), weniger im „Generalgouvernement“.
Entführt wurden aber auch:
* jugoslawische Kinder. Mindestens 20 bis mehrere 100 jugoslawische „Banditenkinder“, also die Kinder getöteter Partisanen, wurden in Jugoslawien geraubt.
* tschechische Kinder. Hier ist bekannt, dass aus dem von der SS zerstörten tschechischen Dorf Lidice auf persönliche Anweisung Himmlers Kinder selektiert wurden. Ihre Väter wurden derweil erschossen und ihre Mütter ins KZ deportiert.
* slowenische Kinder. Am 25. Juli 1942 hatte Himmler befohlen, Kinder aus dem „Gau Oberkrain“ (Slowenien) und der „Untersteiermark“ (Slowenien) ins „Altreich“ zu überführen.
Ihre Väter waren im Rahmen der „Aktion Enzian“ erschossen, die Mütter in Konzentrationslager gebracht worden, weil sie angeblich Partisanen unterstützt hatten. Es sollen dabei 600 Kinder der „Wertungsgruppe I und II im Alter von 6 bis 12 Jahren“ dem „Lebensborn“ übergeben worden sein.
Von dem Kinderraub sollen ebenso Kinder slowenischer Familien aus Oberkärnten betroffen gewesen sein.
* weißrussische Kinder. So fand beispielsweise zwischen Februar und April 1943 in Weissrußland an der Grenze zu Lettland unter dem Decknamen „Winterzauber“ eines der größten Partisanen“jagd“unternehmen statt. Nach einem Bericht des Reichs-Ostministeriums wurden „mehrere Hunderte von Dörfern vernichtet, darunter einige mit mehreren Tausend Einwohnern“. In den Dörfern seien zuerst alle Männer im Alter von 16 bis 50 Jahren und dann „alle weiteren Verdächtigen erschossen“ worden. Die herumirrenden Kinder wurden später wie ihre Eltern erschossen oder in Einzelfällen an lettische Familien „verteilt“. Hier wurden also Kinder an lettische Kollaborateure „abgegeben“.
* rumänische Kinder. Hier sollen besonders Kinder aus dem Banat betroffen gewesen sein. Diese Region wurde lange Zeit von einer deutschsprachigen Minderheit bewohnt. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Nazis alle Kinder in den Waisenhäusern der Region mit entsprechendem Aussehen als deutschstämmig deklariert haben.
* ungarische Kinder.

Der Autor Madajczyk gibt an, dass insgesamt 200.000 Kinder aus Polen als „Ostkinder“ und „eindeutschungsfähige Kinder“ verschleppt wurden, von denen nach Kriegsende nur 15-20% zurückkamen (Hrabar: 152). Laut neueren Erkenntnissen der „Deutschen Forschungs-Gemeinschaft“ (DFG) sollen insgesamt 20-50.000 Kinder aus Polen geraubt worden sein. Diese Zahlen sind aber recht unsicher. Als Einzelfälle bestätigt werden konnten nur mehrere hundert. Gesichert ist, dass mehrere tausend Kinder geraubt worden.
Insgesamt fällt auf, dass die Forschungsliteratur recht unterschiedliche Angaben liefert und hier insgesamt noch eine neuere Gesamtbearbeitung aussteht.

Nicht erwähnt wurden in diesem Abschnitt Kinder und Jugendliche, die für Zwangsarbeit verschleppt worden. Prinzipiell handelte es sich dabei ja auch um Menschenraub, doch war dieser gänzlich anders motiviert. Nämlich zweckrational und nicht ideologisch.

Der „Kinderraub“ als Verbrechen fand auch Erwähnung im 8. Nürnberger Prozess vor dem I. Amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg.

Fazit
Motive für Kinderraub
Nach der eingehenderen Betrachtung der verschiedenen Fälle von Kinderraub kristallisieren sich vier verschiedene Motive für Kindesraub heraus. Es können natürlich auch mehrere dieser Motive gleichzeitig zutreffen.

1. „Seelenrettung“
Hierbei ging es weniger um das echte Kind, als vielmehr um die zu rettende Seele, die es der jeweiligen Religion bzw. Konfession zu gewinnen galt.
Ein historischer Sonderfall, der sich nicht so einfach in die anderen Fälle von Kindesraub einfügt, ist die Rettung jüdischer Kinder während des Zweiten Weltkrieges. Jüdische Familien gaben dabei ihre Kinder unter Verfolgungsdruck „freiwillig“ zu christlichen Familien, um sie so zu retten. Nach 1945 schuf das natürlich Konflikte. Das katholische Kirchenoberhaupt Papst Pius der XII sprach sich 1946 offen gegen die Rückgabe katholisch getaufter jüdischer Waisenkinder aus. Es darf angenommen werden, dass es Pius XII dabei weniger um die Kinder an sich, als vielmehr um die für die katholische Kirche gewonnenen Seelen ging.

2. Belohnung von Anhängern (Argentinien, teilweise „Drittes Reich“)
Hierbei wurden Kinder an kinderlose Paare abgegeben. Dieser akt stellte eine Belohnung für verdiente Anhänger des jeweiligen Regimes dar.

3. Verstärkung des eigenen Kollektivs (teilweise „Drittes Reich“)
Dabei werden die Reihen des eigenen Kollektivs mit Kindern aus anderen Kollektiven aufgefüllt, sofern diese den Anforderungen („rassische Eigenschaften“ im „dritten Reich“) genügen.

4. „Zivilisierung“ und Erziehung (Australien, DDR, Norwegen, Kanada, Schweiz, teilw. „Drittes Reich“)
Vermeintlich „unzivilisierten“ (Indigene, Jenische, Roma) oder oppositionellen Gruppen (z.B. Zeugen Jehovas) wurden die Kinder geraubt um sie dem angeblich schädlichen Einfluss der Eltern zu entziehen. Stattdessen wurden die Kinder im jeweils herrschenden Geist erzogen. Entweder in einer bestimmten Ideologie (DDR, „Drittes Reich) oder in dem, was als zivilisiert betrachtet wurde. In der „Zivilisierung“ angeblich „Unzivilisierter“ liegt ein starkes postkoloniales Element. Denn mit ähnlichen Aussagen versuchten die europäischen Kolonialmächte ihre Kolonial-Expansion zu begründen.
Diese „Zivilisierungs“-Maßnahmen lassen sich unter den Oberbegriff „social engineering“ fassen.

Schon bei der oberflächlichen Betrachtung, der vom Autor ermittelten Fälle, fällt auf, dass die Systeme, die Kindesraub betrieben, sowohl parlamentarisch-demokratischer (Australien, Kanada, Schweiz) als auch autoritärer und totalitärer (Argentinien, Drittes Reich) Natur waren bzw. sind.
Auch in einer repräsentativen Demokratie ist es möglich, dass sich die Mehrheit repressiv gegen eine Minderheit richtet bzw. dass zumindest toleriert. In Anbetracht der Auswüchse, nämlich dem Raub von Kindern, darf das durchaus als Apartheid im Kleinen oder als Diktatur der Mehrheit gegen eine Minderheit eingestuft werden.

by R. Schwarzenberg

Verwendete Literatur (Auswahl)
Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, Seite 153-59

Dan Goldberg: Ein Akt der Versöhnung, http://www.tachles.ch/artikel.php?id_art=4191

Clarissa Henry / Marc Hillel: Lebensborn e. V. Im Namen d. Rasse, Wien 1975, Seite 242-263, 280-295

Roman Hrabar: Kriegsschicksale polnischer Kinder, Warschau 1981, Seite 109-155

Volker Koop: Die Kinderraub-Maschine der Nazis, http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/380/helene_heise_die_kinderraub_maschine_der_nazis.html

Georg Lilienthal: Der „Lebensborn e. V.“. Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Stuttgart 1985, Seite 218-34

Czeslaw Madajczyk: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Berlin 1987, Seite 473 und 474

Lauschgift für Kinderohren

Ich lese regelmäßig Kindern im Grundschulalter vor. Neulich las ich „Pipi feiert Weihnachten“ vor. Im Anschluss sprachen wir noch ein bisschen über die Welt der Pipi Langstrumpf. Als alter Lindgren-Experte stellte ich den Kindern die Frage, was den Pipis Vater mache. Damit zielte ich auf seine Seefahrer-Tätigkeit ab. Mehrere Kinder antworteten mir aber: „Er ist Negerkönig!“
Damit hatten sie natürlich nicht Unrecht. Es steht so tatsächlich in der deutschen Ausgabe. Wie es sich im schwedischen Original verhält, ist mir unbekannt. Aber auch sonst kommen schwarze Menschen bei Astrid Lindgren schlecht weg. In „guter“ (post-)kolonoalistischer Tradition werden die schwarzen Bewohner von Taka-Tuka-Land als nette aber reichlich infantile Halbkinder dargestellt.
Jedenfalls zeigt diese Anekdote, dass sich in Kinderliteratur auch allerhand Unerfreuliches verstecken kann. Über die populäre Langstrumpf-Reihe hält das ansonsten, zu Recht verfemte, N-Wort Einzug in unwissende Kinderköpfe.
Hier zwei Beispiele aus der populären Kinder-und Jugend-Literatur.

Zum Beispiel „Oliver Twist“ von Charles Dickens

Die Wände des Raumes waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem wackligen Tisch stand ein im Hals einer Bierflasche steckendes Licht, und am Kamin lehnte die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden. Er hatte ein spitzbübisches Gesicht und dichtes rotes Haar.

(Seite 39)

Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, jünger als er, aber ebenso hässlich. Sikes zeigte stumm auf den leeren Krug. Der Jude verstand den Wink und ging wieder heraus, wobei er Fagin einen Blick zuwarf, den dieser durch ein kaum merkbares Kopfschütteln beantwortete.

(Seite 73)
Auch das antisemitische Klischee, dass alle Juden Verbündete seien, fehlt nicht. Auch der andere Bewohner der Räuberhöhle ist ein Jude:

In der Gaststube war niemand anwesend außer einem jungen Juden, der in einem schmutzigen Zeitungsblatt las.

(Seite 249)

Die Akte Karl May
Auch in den Werken von Karl May finden sich Rassismus (z.B. gegen Armenier) und Antisemitismus, ebenfalls störend wirkt Karl Mays missionarisches und stark überzogenes christliches Sendungsbewusstsein. Im Prinzip bekehrt der Hauptheld immer wieder „Wilde“ zum „wahren Glauben“, nach Karl May das Christentum. Winnetou stirbt als Christ in den Armen von Charly (Old Shatterhand) mit einem „Ave Maria“ in den Ohren und auch Kara ben Nemsi macht aus Hadschi Halef Omar einen Christen.
Da hilft es auch nicht, dass Karl May ungewöhnlich früh als Autor in seinen Geschichten unpopuläre Themen wie Kurdenverfolgung, Indianervernichtung und sogar Umweltverschmutzung usw. aufgriff.

Karl Mays simplen Heldengeschichten hatten übrigens noch mehrere seltsame Nachspiele, die zeigen, dass Karl May auch viele Fans in der politischen Rechten hatte. Es ist bekannt, dass Adolf Hitler auch dazu gehörte. Im März 1912 (10 Tage vor K. Mays Tod) hielt K. May in Wien den Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen“ in Wien – ein Plädoyer für den Weltfrieden; unter den Zuhörern war auch der junge Adolf Hitler [1]. Hitler hatte Karl-May-Lektüre auf dem Obersalzberg vorrätig. So schrieb ein Besucher im März 1933:

Ein Messingbett, Schrank, Waschgerät und einige Stühle, das ist die ganze Einrichtung … dann kommt eine ganze Reihe Bände von – Karl May! Der Winnetou, Old Surehand, der Schut, alles liebe Bekannte. Wie menschlich nahe ist uns der Mann, der neben einem Geisteswerk … noch die Muße findet für diese Lektüre!

Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess bemerkte zu Hitlers Karl-May-Fantum:

Die Person Winnetou habe ihn …. immer tief beeindruckt. Er sei geradezu das Musterbeispiel eines Kompanieführers. Winnetou sei zudem sein Vorbild eines edlen
Menschen.

Doch handelt es sich nicht allein um eine Privat-Vorliebe des „Führers“. Auch andere Offizielle sahen in Karl May und seinen Figuren ein Vorbild.
Hans Schemm, bayrischer Kultusminister und Reichsleiter des NS-Lehrerbundes dazu 1934:

Zum deutschen Buben und Mädel gehört mehr als die sogenannte Schulbravheit, nämlich Mut, Entschlusskraft, Schneid, Abenteuerlust und Karl-May-Gesinnung.

Karl May war da freilich schon tot. Aber seine Frau, Klara May, wurde zu einer überzeugten Nationalsozialistin. Klara May (überzeugtes NSDAP-Mitglied), schrieb in der Dresdner NS-Zeitung „Freiheitskampf“ die Serie „Unter dem Hakenkreuz durch die Welt“.
Auch andere Mitglieder aus der posthumen Karl-May-Verwertung engagierten sich für das Nazi-Regime. Der Maler Elk Eber (* 1892), Mitglied des Münchner Korps Rhena-Paletia, Freikorps-Mitglied und Teilnehmer am Hitlerputsch 1923, malte bekannte Karl-May-Bilder.
Das alles macht aus Karl May noch keinen Faschisten und auch nicht aus seinen LeserInnen. Jedoch sollte einmal genauer hingeschaut werden, was Menschen wie Hitler an Karl May so faszinierte und was Karl May in seinen Büchern schreibt. Besonders die Karl May eigene Volksgruppen- und Religions-Hierarchie ist mehr als problematisch.

Struwelpeter rassistisch
Auch der Struwelpeter beinhaltet Rassismus

Tim und Struppi kolonial
Koloniale Attitüden in Tim & Struppi

Wilhelm Busch antisemitisch
Antisemitismus bei Wilhelm Busch

Verwendete Literatur
Charles Dickens: Oliver Twist: GEOlino-Bibliothek, aus dem Englischen von Susi Haberl, cbj-Verlag, München, 2005; Figur des Fagin, Seite 39, 73, 249

[1] Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München 1996

[2] Christiane Reuter-Boysen: Im Widerstreit: Karl May, in: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871 – 1918, München 1999, Seite 699-710

Elsässer klaut bei den REPs und der NPD

REPs-Plakat
Original REPs

NPD-Screenshot
Original NPD

Elsaeeser-Screenshot
Elsässers billige Nachahmung