Lauschgift für Kinderohren

Ich lese regelmäßig Kindern im Grundschulalter vor. Neulich las ich „Pipi feiert Weihnachten“ vor. Im Anschluss sprachen wir noch ein bisschen über die Welt der Pipi Langstrumpf. Als alter Lindgren-Experte stellte ich den Kindern die Frage, was den Pipis Vater mache. Damit zielte ich auf seine Seefahrer-Tätigkeit ab. Mehrere Kinder antworteten mir aber: „Er ist Negerkönig!“
Damit hatten sie natürlich nicht Unrecht. Es steht so tatsächlich in der deutschen Ausgabe. Wie es sich im schwedischen Original verhält, ist mir unbekannt. Aber auch sonst kommen schwarze Menschen bei Astrid Lindgren schlecht weg. In „guter“ (post-)kolonoalistischer Tradition werden die schwarzen Bewohner von Taka-Tuka-Land als nette aber reichlich infantile Halbkinder dargestellt.
Jedenfalls zeigt diese Anekdote, dass sich in Kinderliteratur auch allerhand Unerfreuliches verstecken kann. Über die populäre Langstrumpf-Reihe hält das ansonsten, zu Recht verfemte, N-Wort Einzug in unwissende Kinderköpfe.
Hier zwei Beispiele aus der populären Kinder-und Jugend-Literatur.

Zum Beispiel „Oliver Twist“ von Charles Dickens

Die Wände des Raumes waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem wackligen Tisch stand ein im Hals einer Bierflasche steckendes Licht, und am Kamin lehnte die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden. Er hatte ein spitzbübisches Gesicht und dichtes rotes Haar.

(Seite 39)

Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, jünger als er, aber ebenso hässlich. Sikes zeigte stumm auf den leeren Krug. Der Jude verstand den Wink und ging wieder heraus, wobei er Fagin einen Blick zuwarf, den dieser durch ein kaum merkbares Kopfschütteln beantwortete.

(Seite 73)
Auch das antisemitische Klischee, dass alle Juden Verbündete seien, fehlt nicht. Auch der andere Bewohner der Räuberhöhle ist ein Jude:

In der Gaststube war niemand anwesend außer einem jungen Juden, der in einem schmutzigen Zeitungsblatt las.

(Seite 249)

Die Akte Karl May
Auch in den Werken von Karl May finden sich Rassismus (z.B. gegen Armenier) und Antisemitismus, ebenfalls störend wirkt Karl Mays missionarisches und stark überzogenes christliches Sendungsbewusstsein. Im Prinzip bekehrt der Hauptheld immer wieder „Wilde“ zum „wahren Glauben“, nach Karl May das Christentum. Winnetou stirbt als Christ in den Armen von Charly (Old Shatterhand) mit einem „Ave Maria“ in den Ohren und auch Kara ben Nemsi macht aus Hadschi Halef Omar einen Christen.
Da hilft es auch nicht, dass Karl May ungewöhnlich früh als Autor in seinen Geschichten unpopuläre Themen wie Kurdenverfolgung, Indianervernichtung und sogar Umweltverschmutzung usw. aufgriff.

Karl Mays simplen Heldengeschichten hatten übrigens noch mehrere seltsame Nachspiele, die zeigen, dass Karl May auch viele Fans in der politischen Rechten hatte. Es ist bekannt, dass Adolf Hitler auch dazu gehörte. Im März 1912 (10 Tage vor K. Mays Tod) hielt K. May in Wien den Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen“ in Wien – ein Plädoyer für den Weltfrieden; unter den Zuhörern war auch der junge Adolf Hitler [1]. Hitler hatte Karl-May-Lektüre auf dem Obersalzberg vorrätig. So schrieb ein Besucher im März 1933:

Ein Messingbett, Schrank, Waschgerät und einige Stühle, das ist die ganze Einrichtung … dann kommt eine ganze Reihe Bände von – Karl May! Der Winnetou, Old Surehand, der Schut, alles liebe Bekannte. Wie menschlich nahe ist uns der Mann, der neben einem Geisteswerk … noch die Muße findet für diese Lektüre!

Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess bemerkte zu Hitlers Karl-May-Fantum:

Die Person Winnetou habe ihn …. immer tief beeindruckt. Er sei geradezu das Musterbeispiel eines Kompanieführers. Winnetou sei zudem sein Vorbild eines edlen
Menschen.

Doch handelt es sich nicht allein um eine Privat-Vorliebe des „Führers“. Auch andere Offizielle sahen in Karl May und seinen Figuren ein Vorbild.
Hans Schemm, bayrischer Kultusminister und Reichsleiter des NS-Lehrerbundes dazu 1934:

Zum deutschen Buben und Mädel gehört mehr als die sogenannte Schulbravheit, nämlich Mut, Entschlusskraft, Schneid, Abenteuerlust und Karl-May-Gesinnung.

Karl May war da freilich schon tot. Aber seine Frau, Klara May, wurde zu einer überzeugten Nationalsozialistin. Klara May (überzeugtes NSDAP-Mitglied), schrieb in der Dresdner NS-Zeitung „Freiheitskampf“ die Serie „Unter dem Hakenkreuz durch die Welt“.
Auch andere Mitglieder aus der posthumen Karl-May-Verwertung engagierten sich für das Nazi-Regime. Der Maler Elk Eber (* 1892), Mitglied des Münchner Korps Rhena-Paletia, Freikorps-Mitglied und Teilnehmer am Hitlerputsch 1923, malte bekannte Karl-May-Bilder.
Das alles macht aus Karl May noch keinen Faschisten und auch nicht aus seinen LeserInnen. Jedoch sollte einmal genauer hingeschaut werden, was Menschen wie Hitler an Karl May so faszinierte und was Karl May in seinen Büchern schreibt. Besonders die Karl May eigene Volksgruppen- und Religions-Hierarchie ist mehr als problematisch.

Struwelpeter rassistisch
Auch der Struwelpeter beinhaltet Rassismus

Tim und Struppi kolonial
Koloniale Attitüden in Tim & Struppi

Wilhelm Busch antisemitisch
Antisemitismus bei Wilhelm Busch

Verwendete Literatur
Charles Dickens: Oliver Twist: GEOlino-Bibliothek, aus dem Englischen von Susi Haberl, cbj-Verlag, München, 2005; Figur des Fagin, Seite 39, 73, 249

[1] Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München 1996

[2] Christiane Reuter-Boysen: Im Widerstreit: Karl May, in: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871 – 1918, München 1999, Seite 699-710


2 Antworten auf “Lauschgift für Kinderohren”


  1. 1 Johnny 06. Oktober 2010 um 14:19 Uhr

    Sorry, aber wenn du den Struwwelpeter zwei Seiten weiter geblättert hättest, hättest du gesehen, dass die Kinder, die das farbige Kind wegen dessen Hautfarbe ärgern bestraft werden.
    Sie werden in Tinte getaucht und sind nun selber „schwarz“.

    Ich würde das eher als antirassistisch bezeichnen.
    Die Kinder sollen zu Toleranz erzogen werden.

  1. 1 Tim-und-Struppi-Comic soll wegen Rassismus verboten @ Video News Trackback am 31. Mai 2010 um 17:17 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.