Moscheebau aus atheistischer Sicht

Kürzlich sprach ich mit einer linken Politgruppe über einen geplanten Moschee-Neubau im Norden Baden-Württembergs und wir diskutierten daraufhin, wie wir gegen den, sich abzeichnenden, rechten Protest vorgehen könnten und wo unsere eigene Positionen liegen. Mit einigen Mitgliedern dieser Gruppe, die ich alle sehr schätze und mit denen ich auch stellenweise politisch zusammenarbeite, hatte ich daraufhin ein Streitgespräch.
Ich bejahte [1] den Neubau der Moschee, während sie diesen aus grundsätzlich atheistischen Positionen ablehnten.
Sie schienen recht verwundert über meine Position, da ich in Vergangenheit immer wieder Religionskritik geübt und eine atheistische Grundposition bezogen hatte. In meinem Atheismus ist durchaus auch Islamkritik enthalten. Deswegen habe ich mich beispielsweise 2007 dagegen ausgesprochen, dass der Vorsitzende des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“ (ZMD) Schirmherr eines Festivals wird. Begründet habe ich das u.a. mit den Texten und Anweisungen von der ZMD-Homepage, die stark homophobe und frauenfeindliche Tendenzen aufwiesen. Ich werde auch zukünftig immer wieder als Religionskritiker auftreten.

Warum aber bejahe ich den Moscheebau trotzdem?
Eigentlich ist mir ja der Bau von Sakralgebäuden vollkommen egal, aber ich betrachte es nicht als aktiven Atheismus deren Bau zu verneinen oder abzulehnen. Ich bin nicht dagegen, werde aber nicht offensiv für die Errichtung sakraler Gebäude Werbung machen. Ich bin aber dafür, dass sie dort gebaut werden, wo ein Bedarf (also eine Anzahl an AnhängerInnen der entsprechenden Religion vorhanden ist) besteht. Seien es nun Moscheen, Bahai- oder Hindu-Tempel. Ausgenommen von dieser Bejahung sind natürlich klerikalfaschistische Zentren, seien es sakrale Stützpunkte der Pius-Bruderschaft oder von Anhängern der wahabitischen Ideologie. Mir ist dabei bewusst, dass auch nicht explizit klerikalfaschistische, aber religiöse Bewegungen immer reaktionär, ausschließend und irrational sind.
Mir wurde dann in der Diskussion vorgeworfen, wenn ich mit dem Bedarf argumentieren würde, dann wäre das als wenn ich einem Rassisten den Bedarf zugestehen würde andere Leute zu verhauen. Tja, Birnen und Äpfel. Ich war dann etwas verdattert über diesen doch recht kruden Vergleich, dass es mir schwer fiel gut darauf zu antworten. Es zeigt aber auch, dass das Wissen um das Wesen der Religionen bei jungen Menschen mit atheistischer Einstellung recht gering sein kann.
Gehirnbluten führt zur Religion
(Screenshot aus dem evangelikalen Pro-Magazin)
Religionen sind irrationale Wahnsysteme und haben zuallererst einmal ein Opfer: Den Gläubigen selbst. Dieser unterwirft sich irgendwelchen gottgegebenen Regeln und Strafen und macht sich damit das Leben schwerer. Dass ist sein individuelles Recht, ebenso wie ich jedem User von harten Drogen zugestehen sich selbst kaputt zu machen [2]. Darüber hinaus kann, aber muss nicht, die Religion auch andere Anders- und Nichtgläubige beeinflussen. Meist tut sie es, schon allein weil die größeren Religionen (außer dem Hinduismus) alle einen Missions-Auftrag an ihre Mitglieder haben.
Diese Grenzübertritte müssen auf vehemente atheistische Kritik stoßen und geahndet werden. Da unabhängige atheistische Stimmen derzeit zu schwach sind, wird dieser Auftrag derzeit an den (vermeintlich neutralen) Staat delegiert. Problematisch ist auch die religiöse Sozialisierung von Jugendlichen durch ihre Familien, die ja zusammen mit dem nichterfüllten kapitalistischen Glücksversprechen den ständigen Nachwuchs für Religionen erzeugt.
Hier sollten westliche AtheistInnen auch einmal ihre privilegierte Herkunft reflektieren, nämlich dass sie in einer (weitgehend) säkularisierten Gesellschaft und Familie aufwachsen, wo Religion nicht unbedingt etwas Selbstverständliches darstellt und religiöse Regeln auch nicht das Leben von jemanden bestimmen.
Um diesen Zustand zu erhalten müsste es eine frühe der, familiären religiösen Sozialisierung, entgegen wirkende Bildung geben. Da wiederum unabhängige AtheistInnen dafür zu schwach sind, übernimmt der Staat stellenweise diese Arbeit (Ethik-Unterricht).
Die religiöse Sozialisation verhindere ich aber nicht, indem ich bereits Gläubigen einer bestimmten Religion etwas verwehre, was ChristInnen seit Jahrhunderten haben. Was bitteschön sollte das bringen? Die Gläubigen bleiben ja weiterhin vorhanden, nur der Ort ihres Glaubens ist halt keine Moschee, sondern eine Hinterhof-Betstube. Wenn ich die Menschen in ihren Hinterhof-Betstuben belasse, dann zeige ich ihnen damit erstens, dass sie nicht die gleichen Rechte wie die christliche Mehrheitsgesellschaft haben und zweitens fördere ich damit Radikalisierungstendenzen.

Als nächstes wird mir in der Diskussion der Iran um die Ohren gehauen. Was die schiitische Theokratie genau mit dem Neubau einer sunnitischen Moschee, mehrheitlich für türkische Einwanderer und ihre Nachkommen, zu tun hat, weiß ich nicht. Natürlich kann mensch allgemeine Religionskritik betreiben und auf die radikalsten Auftritte einer Religion hinweisen, um ihre Gefährlichkeit zu verdeutlichen. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass der katholischen Tante Emma ebenso die Umtriebe des Vatikans vorgehalten werden.
Ich glaube es gibt unter atheistischen Linken teilweise ein fehlendes Hintergrundwissen über das Wesen der Religionen an sich und ein fehlendes Grundwissen über die einzelnen größeren Religionen. Es besteht natürlich kein Anlass alle rituellen Details einer Religion zu kennen, aber profundes Basiswesen wäre schon nicht schlecht. Allein schon deshalb, weil es die Lebensführung so vieler Menschen regelt.
Zudem ist durch die fehlende Beschäftigung vielen unklar, wie sehr auch sie als AtheistInnen in einem relativ säkularisierten Raum von der christlichen Mehrheitskultur geprägt sind. Das stündliche Kirchenglockenläuten ist Normalität, aber der Muezzin-Ruf wirkt meist doch irgendwie ungewohnt.

Wenn nicht parallel zu einer Ablehnung der Verneinung vom Neubau sakraler Gebäude aktiv Kirchen zurückgebaut werden, dann sind die nicht-christlichen Religionen im Nachtteil und deren Anhänger werden zu BürgerInnen zweiter Klasse gemacht.
Was aber eigentlich abgebaut werden muss sind nicht irgendwelche Gebäude, sondern das ist die Zahl der Gläubigen. Aber Atheismus muss sich gegenüber dem Glauben auf rationale Argumente (Wissen) stützen, und nicht auf eine generelle Ablehnung oder gar auf Verbote.
Deshalb bin ich als Atheist für eine unbedingte Religionsfreiheit für den einzelnen Gläubigen, sofern damit nicht Dritte beeinträchtigt werden!
Abgelehnt werden kann und muss aber der Einfluss und Auswirkungen von Gläubigen jedweder Art auf Anders- und Nichtgläubige. Dass heißt beispielsweise sich gegen aggressive Missionierung zur Wehr zu setzen oder Homophobie im religiösen Deckmantel aktiv zu bekämpfen.

ANMERKUNGEN
[1] Ich verwende extra das Verb „bejahen“, weil ich nicht von „erlauben“ oder gar „genehmigen“ sprechen will. Es ist anmaßend als Mitglied der weißdeutschen Mehrheitsbevölkerung Einwanderer und ihren Nachkommen irgendetwas „erlauben“ oder „verwehren“ zu wollen, was seit über einem Jahrtausend Privileg der Mehrheitsbevölkerung ist. Nur weil diese Einwanderung später einsetzte, als beispielsweise die der Hugenotten, dürfen sie ja nicht weniger Rechte haben. Überdies sind ja viele Muslime gar keine Einwanderer mehr, sondern Hiergeborene oder Konvertiten.
[2] Wer hat die versteckte Anspielung erkannt? „Wie Opium für das Volk …“ ;-)