Archiv für Oktober 2009

Bundeswehr-Magazin im Stürmer-Stil? Warum dieser Vergleich falsch ist

Vorweg: Ich übe diese Kritik als Freund und Sympathisant, weil ich den VVN-BdA eigentlich sehr schätze. Ich wünsche mir auch, dass seine Stimme in der Öffentlichkeit mehr gehört wird.

In der jüngsten Ausgabe der Verbandszeitschrift „antifa“ der VVN-BdA findet sich ein offener Brief an den Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung von Alfred Fleischhacker
(http://antifa.vvn-bda.de/200909/0301.php). Fleischhacker gelang es als jüdisches Kind g1938 vor dem NS-Terror nach Großbritannien zu entkommen, was aber vielen seiner Familienmitglieder nicht gelang. Er schreibt über eine Ausgabe des Bundeswehrblattes „Y“:

Beim Durchblättern schon der ersten Seiten bekam ich eine Gänsehaut. Bilder stiegen aus meinem Gedächtnis auf, die ich seit mehr als 70 Jahren in mir trage. Es waren Bilder aus dem »Stürmer«. Sie, Herr Minister, wissen sicherlich, wovon ich schreibe. Nämlich von jenem unsäglich primitiven, von hunderttausenden Parteigenossen der NSDAP regelmäßig konsumierten Produkt, das kurz nach der Machtübernahme der Nazis 1933 nur eine Aufgabe hatte: den Hass auf alles Jüdische im 3. Reich zum Lodern zu bringen. In jeder Ausgabe erschienen Karikaturen von Menschen mit Hakennasen, wulstigen, vor Gier fast triefenden Lippen, verzerrten Gesichtszügen und bösen Blicken.

Fleischhacker fasst seine Kritik zusammen:

Unter der Überschrift »Köpfe des Terrors« werden in seiner September-Ausgabe am Computer produzierte Bilder von Führern der Al Qaida, Taliban und Dschihad präsentiert, die in der Art der Darstellung und der beabsichtigten Wirkung ihre Vorläufer im »Stürmer« haben. […] Aufgrund dieser Erfahrung ist eine Neuauflage von Stürmer-Praktiken für die Etablierung von Feindbildern für mich unerträglich. […] Damit ich nicht missverstanden werde: Ich verurteile wie Sie die unmenschlichen Aktionen von Bin Laden und seiner Clique. Sich dagegen mit im Völkerrecht verankerten Mitteln zur Wehr zu setzen, ist legitim. Doch ich muss dringend davor warnen, rassistische Stereotype von »Untermenschen« zur Motivierung der Truppen in Afghanistan zu benutzen. Gerade in Deutschland sollte so etwas nie mehr möglich sein.

Formelle äußerliche Ähnlichkeiten sind noch keine inhaltlichen Ähnlichkeiten. Oder anders ausgedrückt, wenn die britische Queen ihren Untertanen zuwinkt, dann erinnert das an die seltsamen Hitlergrüße Adolf Hitlers, trotzdem ist es einfach nicht dasselbe.
Die jüdische Weltverschwörung ist ein antisemitisches Hirngespinst. Die islamistische Weltverschwörung aber ist real. Gemeint ist hier nicht die tagtäglich Bedrohung und vor allem Unterdrückung von Nicht-Muslimen, Homosexuellen etc. durch orthodoxe Muslime oder Islamisten. Nein, eine Minderheit der islamistischen Fundamentalisten hat weltweit den Kampf aufgenommen. Die Mitglieder dieses militanten Flügels agieren aus dem Untergrund heraus. Das ist de facto eine Art von Verschwörung. Eines ihrer ideologischen Oberhäupter und Ikonen ist Osama bin Laden, der u.a. hinter den Anschlägen vom 11.09.2001 oder auf die US-Botschaften steht. Es gibt keine „Weisen von Zion“, aber es gibt nun mal die antisemitisch motivierte „Al Kaida“.
Dass es sich bei dem Feind „Islamismus“ nicht gänzlich um ein Phantom handelt, heißt nicht, dass Militäreinsätze unter dem Label „Kampf dem Terror“ irgendwie legitim sind. Es ist sowieso in vielerlei Hinsicht fraglich, ob es der Bundesregierung tatsächlich, um den „Kampf gegen Terror“ geht. Um die Bekämpfung von religiösen Fundamentalismus per se geht es jedenfalls nicht. Als 2002 im indischen Bundesstaat Hindu-Fundamentalisten mit Unterstützung der BJP-Provinzregierung die muslimische Minderheit in Massenpogromen angriff und über 2.000 muslimische Menschen zerhackt, verbrannt oder anderswie getötet wurden, interessierte das im Westen niemanden. Offensichtlich muss es zumindest die Bedrohung des eigenen Kollektives (Westen, christliches Abendland, eigener Staat) geben.
Die Militäreinsätze der Bundesrepublik sollten sowohl von ihrer vorgeschobenen Legitimation (Terrorismusbekämpfung, Hilfe für die Menschen vor Ort), als auch grundsätzlich (Ist Krieg eine Handlungsoption?) kritisiert werden.
Wenn aber die Kritik lautet, die Bundeswehr würde sich mit Großbildern von Osama bin Laden und anderen Jihadisten in Stürmer-Tradition bewegen, so ist das nicht irgendwie übertrieben, sondern falsch. Die im Stürmer abgebildeten Zeichnungen von „ewigen Juden“ waren ein Fantasie-Produkt antisemitischer Klischees. Diese Juden und die Bedrohung durch sie gab es nicht, sie entsprangen dem wahngeplagten Hirn des Zeichners. Die Bundeswehr hingegen bildete einfach ein Foto von Osama bin Laden ab, den es ja (sofern er noch lebt) ebenso wie seine Bedrohung real gibt.
Ein traumatisierter Holocaustüberlebender meint eine Praxis wiederzuerkennen, die er aus dem „Dritten Reich“ kennt und will davor warnen. Das ist zutiefst verständlich. Tatsächlich sehen sich die Bilder ähnlich. Der Hintergrund aber ist ein gänzlich anderer. Alfred Fleischhacker irrt also.