Archiv für April 2010

Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“
Bert Brecht

„Delfine im Thunfischsalat, wie gemein / Doch es könnte mir nichts ega
ler sein“
Song „Ignorama“ von „Die Ärzte“

Was ist Antispeziesismus überhaupt?

Es gibt seit einiger Zeit eine neue politische Bewegung, die sich auch in der unabhängigen Linken verbreitet hat: Den Antispeziesismus (Antispe). Die AntispeziesistInnen (Antispes) lehnen, wie ihre Selbstbezeichnung aussagt, den „Speziesismus“ ab. Der Begriff Speziesismus bezeichnet in den Augen der Antispes eine „Diskriminierung“ aufgrund der Art-Zugehörigkeit, wie sie sich insbesondere im menschlichen Umgang mit Tieren äußern soll.

Als Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus herrscht bei Antispes eine vegane Ernährung vor. Ebenso wird das Halten von Haus- und Reittieren generell abgelehnt. „Denn wenn es unethisch sei, Menschen zu töten oder aus wirtschaftlichen Gründen bzw. zur eigenen Unterhaltung einzusperren, und es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gebe, so sei auch die Tiernutzung und -haltung unethisch.“, so die Argumentation auf www.vegan.lu1.

Wohl alle Antispes sind aus den oben angeführtem Grund (mehr oder weniger konsequente) VeganerInnen, zumindest in dem Sinne, dass sie keine tierische Nahrung erwerben – ein Teil isst aber durchaus tierisches Containerfood. Da aber nicht alle VeganerInnen Antispes sind, sind mit VeganerInnen im Folgenden nur die vegan lebenden Menschen gemeint, die sich aus politischen (Antispe-)Motiven vegan ernähren. Generell kann sich jeder Mensch ja, sofern er das Geld dazu hat, ernähren wie er/sie will. Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache. Gibt es aber für eine spezielle Ernährungsweise politische Motive, so können diese, wie andere politische Motive auch hinterfragt und bei Bedarf, d.h. wenn sie problematisch erscheinen, kritisiert werden.

Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?

Die Angleichung von Tier- und Menschenwelt findet bei den Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt. Auf organisatorischer Ebene ist sie schlechterdings möglich.
Vokabeln, die spezifisch menschliche Verbrechen oder Unterdrückungsformen bezeichnen werden auf das Mensch-Tier-Verhältnis übertragen bzw. analog gesetzt.
So wird aus Fleischessen „Mord“, Speziesismus als „Herrenmenschenideologie“ und die Arbeit von Nutztieren als „Zwangsarbeit“ bezeichnet. Hier einmal ein Beispiel für die sprachliche Mensch-Tier-Angleichung der Gruppe „Animal Peace“:
„Zu Tausenden in kleinen und großen Zirkussen zur Zwangsarbeit gepreßt, zu Hunderttausenden in Zuchthäusern, Zoos genannt, der Freiheit beraubt, um uns zu unterhalten, zu Millionen und Milliarden zu lebenslanger Bewegungslosigkeit in den Mastställen verdammt, Hühner in der Batterie, Kühe in Boxen an Ketten, Schweine mit Gurten festgezurrt. Wir gebrauchen sie zu Millionen als Vorkoster in der gigantischen Giftküche der chemischen Industrie, hexen ihnen alle Krankheiten der Welt an, nageln ihre Skalps an Wände, dulden das schießgeile Gemetzel männerbündlerischer Exekutionskommandos als angeblichen Beitrag zum Naturschutz.“2

Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt. Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen. Zumindest legt das die Analogie-Setzung nahe. Die Gegenbewegung gegen die „Tierausbeutung“ bedient sich dann auch frech bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen. Das Symbol der Antifa wird auf grün umgefärbt und aus der „Antifaschistischen Aktion“ wird die „Antispeziesistische Aktion“. Eine Differenzierung zwischen, der durchaus kritikwürdigen und verabscheuenswerten, Tierquälerei und der Quälerei von Menschen findet nicht statt.
Logo-Piraterie
Dasselbe in grün?

Der, inzwischen auch in linken Antispe-Kreisen abgelehnte, Helmut F. Kaplan formulierte es einmal so:
„Bei Rassismus und Sexismus werden […] in der Regel die ähnlichen Interessen von Schwarzen bzw. von Frauen vernachlässigt. Beim Speziesismus […] haben wir es hingegen meist mit Praktiken zu tun, bei denen die größeren Interessen von Tieren vernachlässigt werden.“3
Mag auch der Urheber dieser Worte inzwischen in der Antispe-Szene zum Teil umstritten sein, die Analogie-Setzung findet sich bei Antispes aller Schattierungen. So auch in dem aus linken Antispe-Kreisen stammende Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (anlog zu Rassismus, Sexismus etc. […]).“ die Rede ist.

Am Beispiel der Antispe Tübingen
Die Antispe-Gruppe in Tübingen ist eine sehr linke Antispe-Formation, doch auch hier findet sich im Selbstverständnis die klassischen Argumentationen der gesamten Antispes-Strömung. Wenn behauptet wird der so genannte „Spezisismus“ könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“ (http://asatue.blogsport.de/), ist das schon recht seltsam. Sexismus und Rassismus basieren vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße (wie immer diese Kategorien auch konstruiert sind, es sind ja keine objektiven Einteilungen) dümmer und unbegabter sind als Männer bzw. Weiße. Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Selbst zum nächsten Verwandten des Menschen, den Menschenaffen, gibt es deutliche Unterschiede. Ob diese Unterschiede bestimmte Arten des Umgangs oder der Behandlung von Tieren legitimieren, steht auf einem anderen Blatt, sie sind aber erst einmal real vorhanden.

„Um das Problem bei der Wurzel zu packen, suchen wir nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen. Lange Zeit galt es in unserer Kultur als selbstverständlich, ja, war es geradezu die Bedeutung menschlicher „Kultur“, die Natur und die anderen Tierarten nur als Rohstoff zu nutzen und auszubeuten. Es wird nun aber zunehmend deutlich, dass diese Einstellung in eine ökologische Katastrophe führt.“
(http://asatue.blogsport.de/)
In definitiv JEDER menschlichen Kultur gibt es eine „Ausbeutung“ von Tieren. Es ist keine Kultur bekannt, die bisher gänzlich auf Tierprodukte verzichtet hat. Wo es Unterschiede gab und gibt, dass ist in der Art der Behandlung von Tieren. Viele – aber bei weitem nicht alle – indigenen Kulturen behandeln beispielsweise Tiere mit Respekt (z.B. durch Entschuldigungs-Rituale vor der Jagd), was sie aber letztlich nicht daran hindert Tiere zu essen. Denn: Respekt vor Tieren heißt nicht, sie nicht zu essen. Gerade ein Teil dieser indigenen Kulturen führt vor, dass die Nutzung von Tieren und Natur nichts mit der ökologischen Katastrophe zu tun haben muss, sondern durchaus auch nachhaltig geschehen kann. Es ist nicht die generelle Nutzung von Tieren als Nahrung und Nutztiere, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstellt.

„Speziesismus beinhaltet, dass „der Mensch“ über „dem Tier“ steht und ein Recht hat, es einzusperren, auszubeuten und zu töten. […] Ähnlich wie der Rassismus die Herrschaft der Weißen über die Nicht-Weißen rechtfertigt und damit Sklaverei, Kolonialismus und „Rassentrennung“ hervorruft, liefert der Speziesismus die Rechtfertigung dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet werden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Der Mensch nimmt sich eigentlich nicht mehr heraus, als jedes andere Raubtier oder jeder Allesfresser (was der Mensch ja eher ist). Er isst Fleisch, dafür braucht er gar keine Legitimation durch eine Ideologie. In der Regel macht er es einfach. Wofür Menschen evtl. besondere Legitimations-Ideologien brauchen, dass ist die industrielle Fleisch-Herstellung und die damit verbundene Arbeits-Teilung.
Der Mensch ist höchstens die einzige Spezies, die unter den entsprechenden Umständen freiwillig auf tierische Nahrung verzichten kann. Hier sollte die vegane/vegetarische Bewegung eher ansetzen, als im Beharren auf der Rolle des Menschen als einzigartiger böser Fleischesser.

(Fußnote): „Er [der Mensch] unterscheidet sich von anderen Tieren nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken, teilt mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Die Frage zum Tier-Mensch-Unterschied wird in der Philosophie seit Jahrhunderten diskutiert und deren Beantwortung lässt sich nicht einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen. Was ist mit der Selbsterkenntnis und -reflexion („Cogito ergo sum“; auch wenn sich manche Affenarten nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen können), Vernunft-Begabtheit, mit dem menschlichen Tun das weder Fortpflanzung noch der Ernährung dient (Musik, Kunst, Geisteswissenschaften, Literatur etc.) oder der Empathie und dem Einsatz für andere Spezien (Antispe-Bewegung, Tierschutz)? Die Antispe-AktivistInnen merken nicht, dass ihr eigenes Tun an sich einen wichtigen Unterschied zwischen Mensch und Tier markiert. Nichts dergleichen findet sich in der Tierwelt auch nur ansatzweise. Hier gilt die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden. Sicher gibt es vereinzelt tierisches Verhalten, was scheinbar außerhalb dieser Maxime verläuft. Aber wenn einmal beispielsweise der Vertreter einer Tierart eine andere Tierart aufzieht (z.B. Hunde manchmal Katzbabys), dann hat das etwas mit instinktiven Verhalten zu tun. Es ist lediglich die menschliche Sicht, die dieses Verhalten „vermenschlicht“.

Das „Tier Mensch“?
Die Realität in der Tierwelt spielt sich weit entfernt von den Menschen in Tiergestalt in den Disneyzeichentrickfilmen ab.
Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart. Tiere sind sich dabei (ähnlich wie Psychopathen) schlechterdings einer Schuld bewusst. „Schuld“ ist als menschliche Begrifflichkeit ungeeignet für die Tierwelt. Die Tiere tun nur was sinnvoll ist, um ihr Überleben zu sichern. Sie gehorchen ihren Instinkten oder schlicht dem Bedürfnis sich den Magen zu füllen.
Von einem Tier Mitleid, Ethik, Moral etc. über sich selbst oder das Rudel hinaus zu erwarten ist sinnlos. Delfine retten Schiffbrüchige nicht aus Mitleid, sondern aus einem Instinkt heraus, weil sie auch ihre Neugeborenen an die Oberfläche stupsen, die als Säugetiere Sauerstoff benötigen.
So anrührend die Geschichten über Hunde, die am Grab ihres Herrchens trauern auch sind, sie bleiben Ausnahmen. In der Natur gilt tatsächlich das Recht des Stärkeren. Unter Menschen zum Glück nicht. Die Regel vom Überleben des Stärkeren ist in der Menschenwelt weitgehend außer Kraft gesetzt. Alle Übertragungsversuche des Darwinismus auf die Menschheit endeten blutig und der dafür propagierte Sozialdarwinismus sollte diese Blutbäder auch ideologisch legitimieren.
Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam. Natürlich werden Menschenfeinde und Pessimisten das bezweifeln und den Menschen zum Grausamsten aller Tiere erklären. Doch zumindest heute ist beispielsweise der Umgang mit behinderten Artgenossen beim Menschen nicht mehr geprägt von praktiziertem Sozialdarwinismus.

Die Realität des Tierreiches, nämlich Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus, sollte unbedingt Beachtung finden, wenn mensch die Angleichung von Menschen und Tieren im Antispeziesismus betrachtet. Hier wird die Behauptung aufgestellt, der Mensch sei auch nur ein Tier bzw. Tiere werden als „nichtmenschliche Tiere“ bezeichnet. Anhänger des „Human Project“, nämlich dem Versuch für Menschenaffen Menschenrechte zu erstreiten, sprechen auch vom „Bruder Affe“. Es ist aber mehr als problematisch Menschenaffen Menschrechte zu übertragen, die sie im Übrigen gar nicht für sich selbst einfordern. Menschenrechte sind gebunden an menschliche Ethik. Die aber kann mensch kaum von Menschenaffen erwarten. Gorillas essen beispielsweise gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen. Ist das dann Kannibalismus? Sie töten ja quasi ihre kleinen Brüder. Das Seltsame bei der fehlenden Abgrenzung des Menschen vom „restlichen Tierreich“ ist, dass dem Mensch trotzdem eine Sonderposition zuerkannt wird. Von ihm wird nämlich als einzigem „Tier“ gefordert sich moralisch richtig zu verhalten und keine Fleisch-Produkte zu verzehren. Im Gegensatz dazu gibt es von Antispes ja keinerlei Kritik wenn ein Löwe ein Gnu schlägt. Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“, wenn Wölfe jagen dann ist wird es nicht so bezeichnet.

Es gibt Tiere und Tiere
Im theoretischen Ideal wird von vielen Antispes versucht keinerlei Unterschiede zwischen „menschlichen“ und „nichtmenschlichen Tieren“ zu machen. Doch in der Realität lässt sich das kaum durchhalten. Tatsächlich gibt es in der praktischen Antispe-Arbeit anscheinend auch für Antispes Grenzen zwischen Tier und Tier. Hier ist eine gewisse Doppelmoral erkennbar. Der Mensch wird in die große Tier-Familie eingemeindet, aber um viele andere Tiere, besonders Nicht-Säugetiere, wird sich gar nicht gekümmert. Ivo Bozic schreibt dazu in einem polemisch gehaltenen Diskussions-Beitrag in der Wochenzeitung „Jungle World“:
„Gar keine Grenze zu ziehen, zu behaupten, Tiere allgemein, also jedes Tier, hätten dasselbe Recht auf Leben wie Menschen, würde aber bedeuten, sämtliche Menschen zu Mördern zu ­erklären. Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Tiere. Allein auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle. […] Die Veganer kümmern sich in der Regel gar nicht um Ameisen, Würmer und anderes Geschmeiß, sondern um Tiere mit großen Augen, die einen traurig oder süß angucken können. Um Affen, Hunde, Katzen, Rinder, Lämmer, Küken und kuschelige Pelztiere. Die anderen 99 Prozent der Tierwelt kommen in ihrer Gedankenwelt kaum vor.“4
Nicht Bienenvölker werden von Tierrechtlern aus Imkereien befreit, sondern Versuchs-Säugetiere. Deswegen sind Affen so beliebte Schützlinge von Tierrechtlern und TierbefreierInnen. Selbst wenn mensch zustimmt, dass der Unterschied von Menschen zu Menschenaffen tatsächlich relativ gering ist und ihnen eine ähnliche Behandlung wie seinen Mitmenschen zugesteht, dann gilt dass damit nur für einen winzigen Teil der Tierwelt. Heißt dass dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?
Häufig wird auf die Leidensfähigkeit von Lebewesen als Kriterium verwiesen. Damit entledigt mensch sich der Insekten. Trotzdem ist nicht erkennbar, dass sich für Fische genauso vehement eingesetzt wird wie für Land-Säugetiere oder für Wildvögel wie für Haustiere. Es werden real Unterschiede gemacht, die theoretisch häufig abgelehnt werden.

Und was sagen die Tiere dazu?
Insgesamt ist der Antispe eine arge Form der Stellvertreterpolitik. Tiere kommunizieren und verhandeln nicht mit Menschen. Es ist kein gleichberechtigter Umgang zwischen Tieren und Menschen möglich. Mensch kann nur mutmaßen, was für die Tiere das Beste ist. Deswegen ist die bedingungslose Ablehnung von Tierhaltung unter der Berufung auf das Recht auf Freiheit recht fragwürdig. Es wird dabei sehr menschlich argumentiert. Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger? Vielleicht sind viele Hunde als Ersatzkinder alter Damen glücklicher als in freier Wildbahn? Sicherer Versorgung und Unterkunft stehen einem unsicheren und gefährlichen Leben in der Wildnis gegenüber. Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen. Dass darf aber natürlich nicht dafür herhalten nicht artgerechte Haltungs-Formen oder Tierquälerei zu legitimieren. Aber nicht alle Terrarien, Bauernhöfe und Wildgehege sind einfach nur „Tier-Gefangenenlager“.

Antispezisismus ist ein westliches Luxusprojekt
Die Antispe-Bewegung betreibt – wie fast alle anderen politischen Bewegungen auch – nur wenig Selbstreflektion. Es sind mehrheitlich weiße Jugendliche aus der Mittelschicht in westlichen Industriestaaten. Als solche befinden sie sich in der Luxussituation überhaupt darüber zu entscheiden, ob sie Fleisch bzw. tierische Produkte ablehnen. Sie verzichten damit auf ein Privileg, was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war. Die Geschichte von Robin Hood ist beispielsweise auch die Geschichte eines Wilderers, der als Anführer einer Bauernbande, das herrschende Jagdverbot bricht.

Generell ist vegetarische Ernährungsweise aus Mitleids-Motiven eine moderne Erscheinung. Früher hatte vegetarische Ernährung entweder religiöse Gründe, hier waren es vor allem die Vermittler des Glaubens (Mönche, Priester etc.), oder Gründe der Notwendigkeit, die zu dieser Art der Ernährung führten. Besonders anschaulich ist der religiöse Vegetarismus bei der indischen Religion der Jainas. Dass einige Aborigines-Stämme in Australien sich vegetarisch ernähr(t)en hatte etwas mit dem nicht vorhandenen Fleisch zu tun und nicht mit einer ethischen Ablehnung von fleischlicher Nahrung. Spätere vegetarische Bewegungen ab Ende des 19. Jahrhunderts vertraten diese Ernährungsform vor allem aus Motiven der Reinheit. Ein Teil dieser frühen westlichen vegetarischen Bewegung war sogar stark völkisch orientiert und sah im Vegetarismus die ursprüngliche „arische“ Ernährungsweise. Ähnlich wie der religiös motivierte Vegetarismus war der völkische Vegetarismus eine von „Reinheits“-Vorstellungen geprägte Weltanschauung. Diese „Reinheits“-Forderungen der völkischen Vegetarier äußerten sich auch darin, dass z.B. der Wiener „Verein Deutscher Vegetarier“ nur „Arier“ aufnahm.
Der Hinweis auf diese Fraktion völkischer Vegetarier ist wichtig bei dem Verständnis der Geschichte des modernen Vegetarismus, kann aber den heutigen Vegetarismus/Veganismus nicht diskreditieren, sofern dessen Motive anderer Art sind. Wichtig ist es aber zu reflektieren, wie der heutige Vegetarismus/Veganismus entstanden ist und das er auch braune Wurzeln hat.

Mit der Industrialisierung in den westlichen Staaten ging eine Arbeitsteilung einher. Verstärkt durch die Urbanisierung werden die BewohnerInnen der Metropolen heutzutage kaum noch mit Schlachtungen konfrontiert. Das Fleisch kommt nur noch aus der Dose und nicht mehr vom Hackklotz hinter dem Haus. Gleichzeitig wurden Tiere in den modernen Medien massiv vermenschlicht. Sie wurden mit starken menschlichen Eigenschaften z.B. in Trickfilmen dargestellt. Tiere traten in der unmittelbaren Umwelt nicht mehr als potenzielle Nahrung auf, sondern nur noch als (reale) Haustiere oder (fiktive) Tiere im Fernsehen oder sonstwo (z.B. Kuscheltiere). Wurden nun, vor allem junge, Metropolen-BewohnerInnen mit dem, eigentlich „versteckt“ stattfindenden Vorgang der Schlachtung konfrontiert, so kam es nicht selten zu einem Erschrecken oder gar Schock, der dazu führte die Ernährung umzustellen und manchmal auch dazu sich den Antispes anzuschließen. Das Unbekannte, täglich stattfindende (Massen-)Schlachten drang urplötzlich und schockartig in das Bewusstsein ein. Genau so arbeitet die Organisation PeTA, die schockierende Videos oder auch Comics von industriell-rationalisierten Schlachtungen am Fließband bewußt nutzt, um einen als Schock-Effekt auszulösen. Diese Videos werden gerne auch von linken Antispes verwendet, die PeTA als „not real“ ablehnen.
PeTA-Comic

Letztlich ist Fleischessen Luxus, ebenso wie die Möglichkeit darauf zu verzichten. Jugendliche aus der Mittelschicht der Metropolen können sich dafür entscheiden gänzlich auf tierische Nahrung zu verzichten, weil sie überhaupt diese Wahlmöglichkeit haben. Aber die allgemein-politische Forderung nach Fleisch-Verzicht aus dieser Bewegung heraus ignoriert die Besonderheiten der eigenen Position. Nirgendwo hörte oder las ich bis jetzt davon, dass Antispes und politische VeganerInnen ihre Forderung nach Fleisch-Verzicht und ihre „Fleischessen ist Mord“-Anklage geografisch begrenzen. Der Fischer in Indonesien kann aber nun mal nicht eben auf seinen Broterwerb verzichten, selbst wenn er es wöllte.

Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen
Viele der linken Antispes empören sich über die Holocaust-Vergleiche von PeTA oder anderen Gruppen und Einzelpersonen.
Dabei liegen diese Vergleiche durchaus in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie, es handelt sich keinesfalls nur um eine Provokation. Obwohl sich jeder Mensch mit einem gewissen Geschichtswissen der Provokation durchaus bewusst ist.
Wenn Fleischessen tatsächlich nichts weiter ist als „Mord“, dann ist das kollektiv-industrielle Fleischessen nichts anderes als kollektiv-industrieller (Massen-)Mord. Dann sind in letzter Konsequenz 6 Millionen ermordete (Brat-)Hähnchen nichts anderes als 6 Millionen ermordete Juden und Legefabriken sind nicht anderes als „Hühner-KZs“. Der Wahn der zu den Holocaust-Analogien und -Banalisierungen führt ist damit nur eine direkte, allerdings nicht zwingende, Konsequenz der Antispe-Ideologie. Gerade in Deutschland und bei den meist links stehenden deutschen Antispes ist mensch sich der Gewagtheit solcher Analogien aber bewusst und dass diese sich irgendwie „nicht gehören“. Andere Vokabeln die menschliche (Massen-)Verbrechen bezeichnen, werden aber munter verwendet. Bloß bei der Shoah macht mensch eben eine Ausnahme.

Appell zum Schluss
Liebe Veganer, liebe Antispes. Eure Ernährungsweise und viele eurer Aktionen gegen Tierquälerei etc. sind sinnvoll und unterstützenswert, weil sie Menschen helfen (was ich am wichtigsten finde), aber auch unnötige Tierquälereien thematisieren und abschaffen helfen. Sich aus Mitleid für gequälte Lebewesen einzusetzen ist ein altruistisches und lobenswertes Motiv.
Aber dafür braucht es nicht eine Ideologie, die Tiere und Menschen einander angleicht. Wenn schon das (scheinbar) Unpolitische, nämlich die eigene Ernährung, politisiert wird, dann bitte differenziert wenigstens und gesteht den Einzelpersonen eine eigene Ernährungssouveränität zu. Das „sanfte“ Werben für eine Ernährungs-Umstellung in den Metropolen ist sinnvoll, der allgemeine Anspruch der sich in dem generellen Vorwurf „Fleischessen ist Mord!“ verbirgt, aber nicht. Er ist vielmehr ignorant.

Bitte differenziert doch mehr …
… zwischen der Vergnügungs-Jagd und der Jagd um davon zu (über)leben.
… zwischen Vergnügungsjagd und reduzierender Jagd (wenn auch nicht alle angeblich so rationalen Begründungen für bare Münze genommen werden dürfen).
… zwischen der quälerischen Tierhaltung und artgerechter Tierhaltung.
… zwischen der Metropolen-Bewohnerschaft, die auf Fleisch-Konsum verzichten kann, und dem Großteil der Erdbevölkerung, die auf Fleisch-Konsum verzichten muss bzw. nicht kann (Nomaden, Fischer, einfache Bauern und Bäuerinnen etc.). Immerhin: „Herrschaftskritische AntispeziesistInnen betonen, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches ist, welches erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie andere Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden können.“ Die meisten ärmeren Nutztier-Halter, die Tiere aus Subsistenz-Gründen halten, sind damit aber auch als „Speziesisten“ gebrandmarkt.
… zwischen Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen.
Mag sein, dass diese Differenzierung oft mitgedacht wird. Zu lesen ist sie aber nicht.
Freilich müsste mensch für diese Differenzierung die hypermoralische Argumentation und damit den Antispe an sich aufgeben. Denn wenn mensch aufgeben würde gegen jeden Tier“mord“ gleichermaßen zu argumentieren, dann würde das Grundelement des Antispe verloren gehen, weil mensch zugestehen würde, dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen. Unnötige Tierquälereien aber würde das nicht legitimieren.
Seid doch lieber vegan lebende TierschützerInnen statt Antispes! Und lest einfach mal zur Entspannung die Geschichte „Dr. Knölkes Ende“ von Hermann Hesse.

Tier- und Naturschutz dürfte sowieso im Ergebnis viel effektiver sein. Statt sich um die Rechte einzelner tierischer Individuen zu kümmern, kann mensch seine Energie für Gebiete oder Arten einsetzen. Konkret ist es beispielsweise für Gorillas sehr viel sinnvoller kompakte Schutzgebiete abzusichern, statt Einzelrechte für sie einzufordern. Mitsamt den Schutzgebieten wären dann übrigens auch alle anderen Tiere und Pflanzen in diesem Gebiet vor dem intensiven menschlichen Zugriff geschützt.

Achja, und hört verdammt nochmal bitte damit auf das Adorno-Zitat entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren! Adorno sprach von Menschen die von den Nazis zu Tieren gemacht wurden und kritisierte nicht die Behandlung von Tieren als solche.

PS: Der Autor ist übrigens Vegetarier.