Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“
Bert Brecht

„Delfine im Thunfischsalat, wie gemein / Doch es könnte mir nichts ega
ler sein“
Song „Ignorama“ von „Die Ärzte“

Was ist Antispeziesismus überhaupt?

Es gibt seit einiger Zeit eine neue politische Bewegung, die sich auch in der unabhängigen Linken verbreitet hat: Den Antispeziesismus (Antispe). Die AntispeziesistInnen (Antispes) lehnen, wie ihre Selbstbezeichnung aussagt, den „Speziesismus“ ab. Der Begriff Speziesismus bezeichnet in den Augen der Antispes eine „Diskriminierung“ aufgrund der Art-Zugehörigkeit, wie sie sich insbesondere im menschlichen Umgang mit Tieren äußern soll.

Als Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus herrscht bei Antispes eine vegane Ernährung vor. Ebenso wird das Halten von Haus- und Reittieren generell abgelehnt. „Denn wenn es unethisch sei, Menschen zu töten oder aus wirtschaftlichen Gründen bzw. zur eigenen Unterhaltung einzusperren, und es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gebe, so sei auch die Tiernutzung und -haltung unethisch.“, so die Argumentation auf www.vegan.lu1.

Wohl alle Antispes sind aus den oben angeführtem Grund (mehr oder weniger konsequente) VeganerInnen, zumindest in dem Sinne, dass sie keine tierische Nahrung erwerben – ein Teil isst aber durchaus tierisches Containerfood. Da aber nicht alle VeganerInnen Antispes sind, sind mit VeganerInnen im Folgenden nur die vegan lebenden Menschen gemeint, die sich aus politischen (Antispe-)Motiven vegan ernähren. Generell kann sich jeder Mensch ja, sofern er das Geld dazu hat, ernähren wie er/sie will. Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache. Gibt es aber für eine spezielle Ernährungsweise politische Motive, so können diese, wie andere politische Motive auch hinterfragt und bei Bedarf, d.h. wenn sie problematisch erscheinen, kritisiert werden.

Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?

Die Angleichung von Tier- und Menschenwelt findet bei den Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt. Auf organisatorischer Ebene ist sie schlechterdings möglich.
Vokabeln, die spezifisch menschliche Verbrechen oder Unterdrückungsformen bezeichnen werden auf das Mensch-Tier-Verhältnis übertragen bzw. analog gesetzt.
So wird aus Fleischessen „Mord“, Speziesismus als „Herrenmenschenideologie“ und die Arbeit von Nutztieren als „Zwangsarbeit“ bezeichnet. Hier einmal ein Beispiel für die sprachliche Mensch-Tier-Angleichung der Gruppe „Animal Peace“:
„Zu Tausenden in kleinen und großen Zirkussen zur Zwangsarbeit gepreßt, zu Hunderttausenden in Zuchthäusern, Zoos genannt, der Freiheit beraubt, um uns zu unterhalten, zu Millionen und Milliarden zu lebenslanger Bewegungslosigkeit in den Mastställen verdammt, Hühner in der Batterie, Kühe in Boxen an Ketten, Schweine mit Gurten festgezurrt. Wir gebrauchen sie zu Millionen als Vorkoster in der gigantischen Giftküche der chemischen Industrie, hexen ihnen alle Krankheiten der Welt an, nageln ihre Skalps an Wände, dulden das schießgeile Gemetzel männerbündlerischer Exekutionskommandos als angeblichen Beitrag zum Naturschutz.“2

Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt. Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen. Zumindest legt das die Analogie-Setzung nahe. Die Gegenbewegung gegen die „Tierausbeutung“ bedient sich dann auch frech bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen. Das Symbol der Antifa wird auf grün umgefärbt und aus der „Antifaschistischen Aktion“ wird die „Antispeziesistische Aktion“. Eine Differenzierung zwischen, der durchaus kritikwürdigen und verabscheuenswerten, Tierquälerei und der Quälerei von Menschen findet nicht statt.
Logo-Piraterie
Dasselbe in grün?

Der, inzwischen auch in linken Antispe-Kreisen abgelehnte, Helmut F. Kaplan formulierte es einmal so:
„Bei Rassismus und Sexismus werden […] in der Regel die ähnlichen Interessen von Schwarzen bzw. von Frauen vernachlässigt. Beim Speziesismus […] haben wir es hingegen meist mit Praktiken zu tun, bei denen die größeren Interessen von Tieren vernachlässigt werden.“3
Mag auch der Urheber dieser Worte inzwischen in der Antispe-Szene zum Teil umstritten sein, die Analogie-Setzung findet sich bei Antispes aller Schattierungen. So auch in dem aus linken Antispe-Kreisen stammende Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (anlog zu Rassismus, Sexismus etc. […]).“ die Rede ist.

Am Beispiel der Antispe Tübingen
Die Antispe-Gruppe in Tübingen ist eine sehr linke Antispe-Formation, doch auch hier findet sich im Selbstverständnis die klassischen Argumentationen der gesamten Antispes-Strömung. Wenn behauptet wird der so genannte „Spezisismus“ könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“ (http://asatue.blogsport.de/), ist das schon recht seltsam. Sexismus und Rassismus basieren vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße (wie immer diese Kategorien auch konstruiert sind, es sind ja keine objektiven Einteilungen) dümmer und unbegabter sind als Männer bzw. Weiße. Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren. Selbst zum nächsten Verwandten des Menschen, den Menschenaffen, gibt es deutliche Unterschiede. Ob diese Unterschiede bestimmte Arten des Umgangs oder der Behandlung von Tieren legitimieren, steht auf einem anderen Blatt, sie sind aber erst einmal real vorhanden.

„Um das Problem bei der Wurzel zu packen, suchen wir nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen. Lange Zeit galt es in unserer Kultur als selbstverständlich, ja, war es geradezu die Bedeutung menschlicher „Kultur“, die Natur und die anderen Tierarten nur als Rohstoff zu nutzen und auszubeuten. Es wird nun aber zunehmend deutlich, dass diese Einstellung in eine ökologische Katastrophe führt.“
(http://asatue.blogsport.de/)
In definitiv JEDER menschlichen Kultur gibt es eine „Ausbeutung“ von Tieren. Es ist keine Kultur bekannt, die bisher gänzlich auf Tierprodukte verzichtet hat. Wo es Unterschiede gab und gibt, dass ist in der Art der Behandlung von Tieren. Viele – aber bei weitem nicht alle – indigenen Kulturen behandeln beispielsweise Tiere mit Respekt (z.B. durch Entschuldigungs-Rituale vor der Jagd), was sie aber letztlich nicht daran hindert Tiere zu essen. Denn: Respekt vor Tieren heißt nicht, sie nicht zu essen. Gerade ein Teil dieser indigenen Kulturen führt vor, dass die Nutzung von Tieren und Natur nichts mit der ökologischen Katastrophe zu tun haben muss, sondern durchaus auch nachhaltig geschehen kann. Es ist nicht die generelle Nutzung von Tieren als Nahrung und Nutztiere, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstellt.

„Speziesismus beinhaltet, dass „der Mensch“ über „dem Tier“ steht und ein Recht hat, es einzusperren, auszubeuten und zu töten. […] Ähnlich wie der Rassismus die Herrschaft der Weißen über die Nicht-Weißen rechtfertigt und damit Sklaverei, Kolonialismus und „Rassentrennung“ hervorruft, liefert der Speziesismus die Rechtfertigung dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet werden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Der Mensch nimmt sich eigentlich nicht mehr heraus, als jedes andere Raubtier oder jeder Allesfresser (was der Mensch ja eher ist). Er isst Fleisch, dafür braucht er gar keine Legitimation durch eine Ideologie. In der Regel macht er es einfach. Wofür Menschen evtl. besondere Legitimations-Ideologien brauchen, dass ist die industrielle Fleisch-Herstellung und die damit verbundene Arbeits-Teilung.
Der Mensch ist höchstens die einzige Spezies, die unter den entsprechenden Umständen freiwillig auf tierische Nahrung verzichten kann. Hier sollte die vegane/vegetarische Bewegung eher ansetzen, als im Beharren auf der Rolle des Menschen als einzigartiger böser Fleischesser.

(Fußnote): „Er [der Mensch] unterscheidet sich von anderen Tieren nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken, teilt mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden.“
(http://asatue.blogsport.de/)
Die Frage zum Tier-Mensch-Unterschied wird in der Philosophie seit Jahrhunderten diskutiert und deren Beantwortung lässt sich nicht einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen. Was ist mit der Selbsterkenntnis und -reflexion („Cogito ergo sum“; auch wenn sich manche Affenarten nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen können), Vernunft-Begabtheit, mit dem menschlichen Tun das weder Fortpflanzung noch der Ernährung dient (Musik, Kunst, Geisteswissenschaften, Literatur etc.) oder der Empathie und dem Einsatz für andere Spezien (Antispe-Bewegung, Tierschutz)? Die Antispe-AktivistInnen merken nicht, dass ihr eigenes Tun an sich einen wichtigen Unterschied zwischen Mensch und Tier markiert. Nichts dergleichen findet sich in der Tierwelt auch nur ansatzweise. Hier gilt die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden. Sicher gibt es vereinzelt tierisches Verhalten, was scheinbar außerhalb dieser Maxime verläuft. Aber wenn einmal beispielsweise der Vertreter einer Tierart eine andere Tierart aufzieht (z.B. Hunde manchmal Katzbabys), dann hat das etwas mit instinktiven Verhalten zu tun. Es ist lediglich die menschliche Sicht, die dieses Verhalten „vermenschlicht“.

Das „Tier Mensch“?
Die Realität in der Tierwelt spielt sich weit entfernt von den Menschen in Tiergestalt in den Disneyzeichentrickfilmen ab.
Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart. Tiere sind sich dabei (ähnlich wie Psychopathen) schlechterdings einer Schuld bewusst. „Schuld“ ist als menschliche Begrifflichkeit ungeeignet für die Tierwelt. Die Tiere tun nur was sinnvoll ist, um ihr Überleben zu sichern. Sie gehorchen ihren Instinkten oder schlicht dem Bedürfnis sich den Magen zu füllen.
Von einem Tier Mitleid, Ethik, Moral etc. über sich selbst oder das Rudel hinaus zu erwarten ist sinnlos. Delfine retten Schiffbrüchige nicht aus Mitleid, sondern aus einem Instinkt heraus, weil sie auch ihre Neugeborenen an die Oberfläche stupsen, die als Säugetiere Sauerstoff benötigen.
So anrührend die Geschichten über Hunde, die am Grab ihres Herrchens trauern auch sind, sie bleiben Ausnahmen. In der Natur gilt tatsächlich das Recht des Stärkeren. Unter Menschen zum Glück nicht. Die Regel vom Überleben des Stärkeren ist in der Menschenwelt weitgehend außer Kraft gesetzt. Alle Übertragungsversuche des Darwinismus auf die Menschheit endeten blutig und der dafür propagierte Sozialdarwinismus sollte diese Blutbäder auch ideologisch legitimieren.
Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam. Natürlich werden Menschenfeinde und Pessimisten das bezweifeln und den Menschen zum Grausamsten aller Tiere erklären. Doch zumindest heute ist beispielsweise der Umgang mit behinderten Artgenossen beim Menschen nicht mehr geprägt von praktiziertem Sozialdarwinismus.

Die Realität des Tierreiches, nämlich Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus, sollte unbedingt Beachtung finden, wenn mensch die Angleichung von Menschen und Tieren im Antispeziesismus betrachtet. Hier wird die Behauptung aufgestellt, der Mensch sei auch nur ein Tier bzw. Tiere werden als „nichtmenschliche Tiere“ bezeichnet. Anhänger des „Human Project“, nämlich dem Versuch für Menschenaffen Menschenrechte zu erstreiten, sprechen auch vom „Bruder Affe“. Es ist aber mehr als problematisch Menschenaffen Menschrechte zu übertragen, die sie im Übrigen gar nicht für sich selbst einfordern. Menschenrechte sind gebunden an menschliche Ethik. Die aber kann mensch kaum von Menschenaffen erwarten. Gorillas essen beispielsweise gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen. Ist das dann Kannibalismus? Sie töten ja quasi ihre kleinen Brüder. Das Seltsame bei der fehlenden Abgrenzung des Menschen vom „restlichen Tierreich“ ist, dass dem Mensch trotzdem eine Sonderposition zuerkannt wird. Von ihm wird nämlich als einzigem „Tier“ gefordert sich moralisch richtig zu verhalten und keine Fleisch-Produkte zu verzehren. Im Gegensatz dazu gibt es von Antispes ja keinerlei Kritik wenn ein Löwe ein Gnu schlägt. Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“, wenn Wölfe jagen dann ist wird es nicht so bezeichnet.

Es gibt Tiere und Tiere
Im theoretischen Ideal wird von vielen Antispes versucht keinerlei Unterschiede zwischen „menschlichen“ und „nichtmenschlichen Tieren“ zu machen. Doch in der Realität lässt sich das kaum durchhalten. Tatsächlich gibt es in der praktischen Antispe-Arbeit anscheinend auch für Antispes Grenzen zwischen Tier und Tier. Hier ist eine gewisse Doppelmoral erkennbar. Der Mensch wird in die große Tier-Familie eingemeindet, aber um viele andere Tiere, besonders Nicht-Säugetiere, wird sich gar nicht gekümmert. Ivo Bozic schreibt dazu in einem polemisch gehaltenen Diskussions-Beitrag in der Wochenzeitung „Jungle World“:
„Gar keine Grenze zu ziehen, zu behaupten, Tiere allgemein, also jedes Tier, hätten dasselbe Recht auf Leben wie Menschen, würde aber bedeuten, sämtliche Menschen zu Mördern zu ­erklären. Auch der konsequenteste Veganer tötet jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Tiere. Allein auf seinem Weg zum Bio-Markt zerquetscht er sie achtlos unter seiner Sohle. […] Die Veganer kümmern sich in der Regel gar nicht um Ameisen, Würmer und anderes Geschmeiß, sondern um Tiere mit großen Augen, die einen traurig oder süß angucken können. Um Affen, Hunde, Katzen, Rinder, Lämmer, Küken und kuschelige Pelztiere. Die anderen 99 Prozent der Tierwelt kommen in ihrer Gedankenwelt kaum vor.“4
Nicht Bienenvölker werden von Tierrechtlern aus Imkereien befreit, sondern Versuchs-Säugetiere. Deswegen sind Affen so beliebte Schützlinge von Tierrechtlern und TierbefreierInnen. Selbst wenn mensch zustimmt, dass der Unterschied von Menschen zu Menschenaffen tatsächlich relativ gering ist und ihnen eine ähnliche Behandlung wie seinen Mitmenschen zugesteht, dann gilt dass damit nur für einen winzigen Teil der Tierwelt. Heißt dass dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?
Häufig wird auf die Leidensfähigkeit von Lebewesen als Kriterium verwiesen. Damit entledigt mensch sich der Insekten. Trotzdem ist nicht erkennbar, dass sich für Fische genauso vehement eingesetzt wird wie für Land-Säugetiere oder für Wildvögel wie für Haustiere. Es werden real Unterschiede gemacht, die theoretisch häufig abgelehnt werden.

Und was sagen die Tiere dazu?
Insgesamt ist der Antispe eine arge Form der Stellvertreterpolitik. Tiere kommunizieren und verhandeln nicht mit Menschen. Es ist kein gleichberechtigter Umgang zwischen Tieren und Menschen möglich. Mensch kann nur mutmaßen, was für die Tiere das Beste ist. Deswegen ist die bedingungslose Ablehnung von Tierhaltung unter der Berufung auf das Recht auf Freiheit recht fragwürdig. Es wird dabei sehr menschlich argumentiert. Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger? Vielleicht sind viele Hunde als Ersatzkinder alter Damen glücklicher als in freier Wildbahn? Sicherer Versorgung und Unterkunft stehen einem unsicheren und gefährlichen Leben in der Wildnis gegenüber. Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen. Dass darf aber natürlich nicht dafür herhalten nicht artgerechte Haltungs-Formen oder Tierquälerei zu legitimieren. Aber nicht alle Terrarien, Bauernhöfe und Wildgehege sind einfach nur „Tier-Gefangenenlager“.

Antispezisismus ist ein westliches Luxusprojekt
Die Antispe-Bewegung betreibt – wie fast alle anderen politischen Bewegungen auch – nur wenig Selbstreflektion. Es sind mehrheitlich weiße Jugendliche aus der Mittelschicht in westlichen Industriestaaten. Als solche befinden sie sich in der Luxussituation überhaupt darüber zu entscheiden, ob sie Fleisch bzw. tierische Produkte ablehnen. Sie verzichten damit auf ein Privileg, was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war. Die Geschichte von Robin Hood ist beispielsweise auch die Geschichte eines Wilderers, der als Anführer einer Bauernbande, das herrschende Jagdverbot bricht.

Generell ist vegetarische Ernährungsweise aus Mitleids-Motiven eine moderne Erscheinung. Früher hatte vegetarische Ernährung entweder religiöse Gründe, hier waren es vor allem die Vermittler des Glaubens (Mönche, Priester etc.), oder Gründe der Notwendigkeit, die zu dieser Art der Ernährung führten. Besonders anschaulich ist der religiöse Vegetarismus bei der indischen Religion der Jainas. Dass einige Aborigines-Stämme in Australien sich vegetarisch ernähr(t)en hatte etwas mit dem nicht vorhandenen Fleisch zu tun und nicht mit einer ethischen Ablehnung von fleischlicher Nahrung. Spätere vegetarische Bewegungen ab Ende des 19. Jahrhunderts vertraten diese Ernährungsform vor allem aus Motiven der Reinheit. Ein Teil dieser frühen westlichen vegetarischen Bewegung war sogar stark völkisch orientiert und sah im Vegetarismus die ursprüngliche „arische“ Ernährungsweise. Ähnlich wie der religiös motivierte Vegetarismus war der völkische Vegetarismus eine von „Reinheits“-Vorstellungen geprägte Weltanschauung. Diese „Reinheits“-Forderungen der völkischen Vegetarier äußerten sich auch darin, dass z.B. der Wiener „Verein Deutscher Vegetarier“ nur „Arier“ aufnahm.
Der Hinweis auf diese Fraktion völkischer Vegetarier ist wichtig bei dem Verständnis der Geschichte des modernen Vegetarismus, kann aber den heutigen Vegetarismus/Veganismus nicht diskreditieren, sofern dessen Motive anderer Art sind. Wichtig ist es aber zu reflektieren, wie der heutige Vegetarismus/Veganismus entstanden ist und das er auch braune Wurzeln hat.

Mit der Industrialisierung in den westlichen Staaten ging eine Arbeitsteilung einher. Verstärkt durch die Urbanisierung werden die BewohnerInnen der Metropolen heutzutage kaum noch mit Schlachtungen konfrontiert. Das Fleisch kommt nur noch aus der Dose und nicht mehr vom Hackklotz hinter dem Haus. Gleichzeitig wurden Tiere in den modernen Medien massiv vermenschlicht. Sie wurden mit starken menschlichen Eigenschaften z.B. in Trickfilmen dargestellt. Tiere traten in der unmittelbaren Umwelt nicht mehr als potenzielle Nahrung auf, sondern nur noch als (reale) Haustiere oder (fiktive) Tiere im Fernsehen oder sonstwo (z.B. Kuscheltiere). Wurden nun, vor allem junge, Metropolen-BewohnerInnen mit dem, eigentlich „versteckt“ stattfindenden Vorgang der Schlachtung konfrontiert, so kam es nicht selten zu einem Erschrecken oder gar Schock, der dazu führte die Ernährung umzustellen und manchmal auch dazu sich den Antispes anzuschließen. Das Unbekannte, täglich stattfindende (Massen-)Schlachten drang urplötzlich und schockartig in das Bewusstsein ein. Genau so arbeitet die Organisation PeTA, die schockierende Videos oder auch Comics von industriell-rationalisierten Schlachtungen am Fließband bewußt nutzt, um einen als Schock-Effekt auszulösen. Diese Videos werden gerne auch von linken Antispes verwendet, die PeTA als „not real“ ablehnen.
PeTA-Comic

Letztlich ist Fleischessen Luxus, ebenso wie die Möglichkeit darauf zu verzichten. Jugendliche aus der Mittelschicht der Metropolen können sich dafür entscheiden gänzlich auf tierische Nahrung zu verzichten, weil sie überhaupt diese Wahlmöglichkeit haben. Aber die allgemein-politische Forderung nach Fleisch-Verzicht aus dieser Bewegung heraus ignoriert die Besonderheiten der eigenen Position. Nirgendwo hörte oder las ich bis jetzt davon, dass Antispes und politische VeganerInnen ihre Forderung nach Fleisch-Verzicht und ihre „Fleischessen ist Mord“-Anklage geografisch begrenzen. Der Fischer in Indonesien kann aber nun mal nicht eben auf seinen Broterwerb verzichten, selbst wenn er es wöllte.

Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen
Viele der linken Antispes empören sich über die Holocaust-Vergleiche von PeTA oder anderen Gruppen und Einzelpersonen.
Dabei liegen diese Vergleiche durchaus in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie, es handelt sich keinesfalls nur um eine Provokation. Obwohl sich jeder Mensch mit einem gewissen Geschichtswissen der Provokation durchaus bewusst ist.
Wenn Fleischessen tatsächlich nichts weiter ist als „Mord“, dann ist das kollektiv-industrielle Fleischessen nichts anderes als kollektiv-industrieller (Massen-)Mord. Dann sind in letzter Konsequenz 6 Millionen ermordete (Brat-)Hähnchen nichts anderes als 6 Millionen ermordete Juden und Legefabriken sind nicht anderes als „Hühner-KZs“. Der Wahn der zu den Holocaust-Analogien und -Banalisierungen führt ist damit nur eine direkte, allerdings nicht zwingende, Konsequenz der Antispe-Ideologie. Gerade in Deutschland und bei den meist links stehenden deutschen Antispes ist mensch sich der Gewagtheit solcher Analogien aber bewusst und dass diese sich irgendwie „nicht gehören“. Andere Vokabeln die menschliche (Massen-)Verbrechen bezeichnen, werden aber munter verwendet. Bloß bei der Shoah macht mensch eben eine Ausnahme.

Appell zum Schluss
Liebe Veganer, liebe Antispes. Eure Ernährungsweise und viele eurer Aktionen gegen Tierquälerei etc. sind sinnvoll und unterstützenswert, weil sie Menschen helfen (was ich am wichtigsten finde), aber auch unnötige Tierquälereien thematisieren und abschaffen helfen. Sich aus Mitleid für gequälte Lebewesen einzusetzen ist ein altruistisches und lobenswertes Motiv.
Aber dafür braucht es nicht eine Ideologie, die Tiere und Menschen einander angleicht. Wenn schon das (scheinbar) Unpolitische, nämlich die eigene Ernährung, politisiert wird, dann bitte differenziert wenigstens und gesteht den Einzelpersonen eine eigene Ernährungssouveränität zu. Das „sanfte“ Werben für eine Ernährungs-Umstellung in den Metropolen ist sinnvoll, der allgemeine Anspruch der sich in dem generellen Vorwurf „Fleischessen ist Mord!“ verbirgt, aber nicht. Er ist vielmehr ignorant.

Bitte differenziert doch mehr …
… zwischen der Vergnügungs-Jagd und der Jagd um davon zu (über)leben.
… zwischen Vergnügungsjagd und reduzierender Jagd (wenn auch nicht alle angeblich so rationalen Begründungen für bare Münze genommen werden dürfen).
… zwischen der quälerischen Tierhaltung und artgerechter Tierhaltung.
… zwischen der Metropolen-Bewohnerschaft, die auf Fleisch-Konsum verzichten kann, und dem Großteil der Erdbevölkerung, die auf Fleisch-Konsum verzichten muss bzw. nicht kann (Nomaden, Fischer, einfache Bauern und Bäuerinnen etc.). Immerhin: „Herrschaftskritische AntispeziesistInnen betonen, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches ist, welches erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie andere Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden können.“ Die meisten ärmeren Nutztier-Halter, die Tiere aus Subsistenz-Gründen halten, sind damit aber auch als „Speziesisten“ gebrandmarkt.
… zwischen Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen.
Mag sein, dass diese Differenzierung oft mitgedacht wird. Zu lesen ist sie aber nicht.
Freilich müsste mensch für diese Differenzierung die hypermoralische Argumentation und damit den Antispe an sich aufgeben. Denn wenn mensch aufgeben würde gegen jeden Tier“mord“ gleichermaßen zu argumentieren, dann würde das Grundelement des Antispe verloren gehen, weil mensch zugestehen würde, dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen. Unnötige Tierquälereien aber würde das nicht legitimieren.
Seid doch lieber vegan lebende TierschützerInnen statt Antispes! Und lest einfach mal zur Entspannung die Geschichte „Dr. Knölkes Ende“ von Hermann Hesse.

Tier- und Naturschutz dürfte sowieso im Ergebnis viel effektiver sein. Statt sich um die Rechte einzelner tierischer Individuen zu kümmern, kann mensch seine Energie für Gebiete oder Arten einsetzen. Konkret ist es beispielsweise für Gorillas sehr viel sinnvoller kompakte Schutzgebiete abzusichern, statt Einzelrechte für sie einzufordern. Mitsamt den Schutzgebieten wären dann übrigens auch alle anderen Tiere und Pflanzen in diesem Gebiet vor dem intensiven menschlichen Zugriff geschützt.

Achja, und hört verdammt nochmal bitte damit auf das Adorno-Zitat entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren! Adorno sprach von Menschen die von den Nazis zu Tieren gemacht wurden und kritisierte nicht die Behandlung von Tieren als solche.

PS: Der Autor ist übrigens Vegetarier.


27 Antworten auf “Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden”


  1. 1 bigmouth 01. April 2010 um 16:28 Uhr

    meiner auffassung nach hast du dir zu sehr extra angreifbare positionen rausgesucht. ne menge veganer betonen doch gerade, dass eben weil menschen die wahl haben und moralität von handlungen beurteilen können, sie vegan werden sollten. dh, wirklich bestehende unterschiede werden nicht geleugnet, dass tun auch Tom Regan oder Peter Singer nicht.

    der witz ist eben, dass aus der abwesenheit von vernunft nicht folgt, dass ein wesen keinen moralischen wert für wesen mit vernunft haben kann. säuglinge, kleinkinder oder stark geistig beeinträchtihte haben ja auch keinen sinn für moral, gelten aber gemeinhin aber als moralisch zu achten

    deine vorgehensweise ist etwa so, wie kommunismus an den schriften der örtlichen jugendantifa zu kritisieren

  2. 2 bigmouth 01. April 2010 um 16:32 Uhr

    Menschenrechte sind gebunden an menschliche Ethik. Die aber kann mensch kaum von Menschenaffen erwarten. Gorillas essen beispielsweise gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen. Ist das dann Kannibalismus? Sie töten ja quasi ihre kleinen Brüder.

    das ist ein gutes beispiel, wie schlecht & sachunkundig du argumentierst

    a) auch überführten serienmördern werden die menschenrechte nicht aberkannt. und zur ethik nicht fähigen behinderten ebensowenig

    b) meinst du wahrscheinlich Schimpansen, und nicht gorillas. und die töten & essen angehöriger anderer affenarten – das ist ebenso wenig kannibalismus, wie wenn menschen schimpansen verspeisen

  3. 3 fortschritt 01. April 2010 um 17:57 Uhr

    Ich teile mit dir die These, dass Antispes extrem merkwürdige ZeitgenossInnen sind und das ihre Theorie (vor allem die Gleichsetzung von Tier und Mensch) unbrauchbar ist.

    Allerdings ist der Rest des Texts weitgehend reine Polemik ohne Argumente. Statt dass sich die Linke, die sich von Antispes genervt fühlt (mich eingeschlossen), ihnen argumentativ begegnet und sonst eben „drüber“ steht, fällt sie immer wieder drauf rein und begibt sich in Schlammschlachten. Das alles bestätigt Antispes in ihrer Haltung und unterstützt gleichzeitig auch aggressives Verhalten gegenüber ihnen. Was schnell dazu führt, dass wieder Zeit und Energie in einer Grabenschlacht vergeudet wird oder man endlich jemand gefunden hat, über den man sich politisch korrekt lustig machen kann.

    Letztendlich trifft diese Diskussion vor allem alle nicht antispeziezistischen VeganerInnen.

  4. 4 tee 02. April 2010 um 23:18 Uhr

    „Diese Videos werden gerne auch von linken Antispes verwendet, die PeTA als „not real“ ablehnen.“

    Hahaha! Ist nicht dein Ernst, oder? Du schreibst doch selbst was von den Holocaustvergleichen, wegen denen sich viele Antispes distanzieren. Und nun übersetzt Du das als „not real“?!

    Und beim – wirklich grottenschlechten – Beitrag von Ivo Bozic fällt Dir nichtmal auf, dass auch der eine Gleichmacherei unterstellt, die von den allermeisten Antispes gar nicht geteilt wird. Die ziehen die wichtige Trennlinie nämlich anhand der Leidensfähigkeit eines Lebewesens, also dem zentralen Nervensystem.

    Sorry, mit solchen und einigen anderen Schwächen ist dieser Text nur ein weiterer schlechter Witz in einer langen Folge des Anti-Antispeziesismus. Kein Wunder, daß dem immer noch viele anhängig werden, wenn er so selten richtig kritisiert wird.

  5. 5 tee 02. April 2010 um 23:21 Uhr

    Huch, daß dem Antispeziesismus noch so viele anhängig werden, meinte ich. Was aber auch eher ein Jugendphänomen ist und gar nicht so sehr auf Inhalt basiert, sondern viel mit Empathie Identifikation zu tun hat. Darum leider auch Perlen vor die Säue …

  6. 6 bigmouth 07. April 2010 um 17:37 Uhr
  7. 7 Level Up! 08. April 2010 um 8:46 Uhr

    Polemisch: ja – Richtig: auch.

    Der Punkt „Es gibt Tiere und Tiere“ trifft schon mal einen wichtigen Punkt der Theorie des Antispeziesismus der sie einfach in sich selbst widersprüchlich macht. Es würde ja ebenso Speziesismus vorliegen wenn man die „Interessen“ der Insekten weniger achtet, weil es ja „nur Insekten sind“.

    Und wo liegt die Grenze zwischen der Vergnügungsjadg und der für die Ernährung notwendigen? Wann wird sie unmoralisch? Ist eine hochtechnisierte, den Tieren keine Chance gewehrende Jadg besser als die Haltung von Tieren?

  8. 8 Matthias R. 09. April 2010 um 14:33 Uhr

    Zunächst einmal schließe ich mich bigmouth an: Deine Argumentation ist schlecht und unsachkundig; hinzu kommt eine solche Menge an stilistischen, grammatikalischen und Rechtschreib-Fehlern, dass ich mich frage, ob du den Text vor der Veröffentlichung überhaupt noch einmal durchgegangen bist. Es grenzt damit zwar an eine Zumutung, einen solchen Angriff ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen, aber dennoch halte ich es, vor allem angesichts der sich häufenden Angriffe aus der Linken auf den Antispe-Ansatz und gezielten Angriffen aus der Tübinger Linken auf uns, die Antispe Tübingen, für notwendig, einige Dinge ein für alle Mal klar zu stellen:
    Wir – die Antispe Tübingen – verorten uns innerhalb der herrschaftskritischen Linken und verstehen uns ausdrücklich als Teil einer emanzipatorischen Bewegung (und wollen als solche respektiert werden und nicht lächerlich gemacht werden mit Unterstellungen, dass unsere politische Arbeit letztlich auf bloßem „Mitleid“ beruhe und wir deshalb doch lieber klassische Tierschutz-Arbeit machen sollten, oder gar mit Jaina-Mönchen verglichen werden) – nur hört für uns die Befreiung nicht beim Menschen auf. Wir sind der Überzeugung, dass, würde unsere Solidarität sich auf andere Menschen beschränken, wir nur Teilaspekte des Ausbeutungsapparats im Auge hätten, den wir aber als Ganzes bekämpfen wollen. Mit dieser Ansicht stehen wir nicht alleine. Im Gegenteil kann sich die Tierbefreiungsbewegung auf maßgebende Traditionslinien linker, herrschaftskritischer Theorie berufen, wie etwa auf die Kritische Theorie. Du forderst uns dazu auf, „verdammt nochmal bitte“ damit aufzuhören, ein Adorno-Zitat „entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren!“ Adorno habe „nicht die Behandlung von Tieren als solche“ kritisiert. – Bei einer solchen Aussage muss ich mich schon fragen, ob du dich überhaupt jemals eingehender mit der Kritischen Theorie beschäftigt hast – geschweige denn mit der darauf aufbauenden Theorie der Tierbefreungsbewegung: Du erwähnst zwar das Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, scheinst es aber nicht gelesen zu haben, sonst könntest du nicht zu einer solchen Aussage über Adorno kommen. Für Horkheimer und Adorno war es selbstverständlich, auch die Situation der Tiere in der Warengesellschaft in ihre Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit einzubeziehen. So benutzte etwa Horkheimer in einem Text von 1934 als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines „Wolkenkratzers“, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei: Ganz obenauf befänden sich die Magnaten der kapitalistischen Mächtegruppen, darunter die Massen der politischen Handlanger, Militärs, Angestellten und „Reste der selbständigen kleinen Existenzen“, dann die Arbeiter, und unter diesen die Erwerbslosen. Noch weiter darunter aber beginne erst „das eigentliche Fundament des Elends“, denn das gesamte Leben in den hochkapitalistischen Ländern sei ja getragen von dem Ausbeutungsapparat, der in den halb und ganz kolonialen Territorien, also im weitaus größten Teil der Erde, funktioniere. Weiter schreibt Horkheimer: „Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis [Tagelöhner/Lastträger] der Erde krepieren, wäre dann das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft darzustellen, der Schweiß, das Blut, die Verzweiflung der Tiere.“
    Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen. Deshalb kämpfen wir AUCH gegen die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere – ohne die Befreiung der Menschen aus dem Auge zu verlieren.
    Für uns ist evident, dass unterschiedliche Formen der Unterdrückung miteinander in Zusammenhang stehen und letztlich auf eine gemeinsame ideologische Wurzel zurückgeführt werden können. So wurde zur Legitimation des historischen Sexismus sowie der Sklaverei und des Rassismus von den Herrschenden das „Andere“, also das jeweils zu unterdrückende Subjekt, stets in Natur- und Tiernähe gerückt, um es vom „Eigenen“ (traditionell definiert als der bürgerliche, heterosexuelle europäische Mann) möglichst weit abzugrenzen. In historischen Texten, die von rassistischen oder sexistischen Überzeugungen der Autoren geprägt sind, werden stets sprachliche Mittel gebraucht, die auf das Naturhafte oder „Tierische“ etwa „des Schwarzen“ oder „der Frau“ verweisen sollen, ein Vorgehen, das etwa im Kolonialismus dazu diente, „die Bewohner des annektierten Territoriums auf die Stufe eines höheren Affen hinabzudrücken, um dem Kolonialherrn die Rechtfertigung dafür zu geben, daß er sie wie Arbeitstiere behandelt“ – so Jean Paul Sartre. Auch vor jedem Genozid werden die zukünftigen Opfer zuerst auf diese Weise entmenschlicht. So war etwa für Heinrich Himmler der „Untermensch“ im Vergleich zum arischen Herrenmenschen nur eine „biologisch scheinbar völlig gleichgeartete Naturschöpfung mit Händen, Füßen und einer Art von Gehirn, mit Augen und Mund“, in Wahrheit aber eine „ganz andere, eine furchtbare Kreatur“ und „nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen – geistig und seelisch jedoch tiefer stehend als jedes Tier.“
    Ist die Unterdrückung einer bestimmten Gruppe von Subjekten allgemein akzeptiert, so ist es ein leichtes, durch die Ausweitung jener Attribute, welche dieser Gruppe zugeschrieben werden, auf andere Subjekte, auch deren Unterdrückung zu legitimieren. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Rechtfertigung des Kolonialismus mit Hilfe von sexistischen Stereotypen. Die durch den gesellschaftlich akzeptierten Sexismus legitimierte untergeordnete, passive Rolle der Frau konnte für das rassistische Vorgehen im Kolonialismus ohne weiteres dienstbar gemacht werden, indem z.B. gewisse Rassentheoretiker die Menschheit einfach in aktive, männliche und passive, weibliche Rassen aufteilten und behaupteten, der passive Part der Menschheit habe die Führung des aktiven nötig, so wie die Frau nicht ohne die Führung des Mannes auskomme.
    Die gemeinhin akzeptierteste Form der Herrschaft aber ist die des Menschen über die Natur und die anderen Tiere. Die zunehmende Herrschaft des Menschen über die Natur, jener Prozess, den Horkheimer und Adorno unter „Aufklärung“ fassen, wurde lange Zeit nur positiv mit Prinzipien wie Fortschritt und Verbesserung assoziiert – doch, so die Philosophen: Die vollends zivilisierte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. In ihrem Werk „Dialektik der Aufklärung“ kritisieren sie den Antrieb abendländischer Zivilisation und Wissenschaft deshalb grundsätzlich: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ Dabei gehen sie auch speziell auf die „Versklavung der Kreatur“ ein und kritisieren auch das Vorgehen der funktionalen Wissenschaft, die disqualifizierte Natur zum Stoff bloßer Einteilung und Verfügbarkeit für den Menschen zu machen – so gehe etwa das Kaninchen „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“.
    Die „Dialektik der Aufklärung“ zeigt auf, wie der Zwang zur Naturbeherrschung und -aneignung, welcher dem abendländischen Denken eingeschrieben ist, sich auf alles erstreckt, was als der Natur zugehörig, als „wild“ und zu zähmend, erachtet wird: Die kulturelle Mentalität, die den Kolonialismus und den Mord an den indigenen Bevölkerungen hervorgebracht hat, brachte auch den Faschismus und den Holocaust hervor, doch ihre Wurzel und Letzbegründung haben diese Formen der Unterdrückung in dem Zwang zur Herrschaft über die Natur durch den Menschen.
    Neben vielen weiteren Autoren, die wir noch nennen könnten, kommt auch Nick Fiddes, Autor der Analyse „Fleisch. Symbol der Macht“ (1993), zu dem Ergebnis, dass andere Herrschaftsformen sich an der Beherrschung der natürlichen Umwelt und der Tiere orientierten. So habe diese etwa „sowohl als Modell wie auch als Metapher für die Männerherrschaft“ gedient. Interessant ist in diesem Fall die (sprachliche) Verschränkung von Fleischkonsum und Macht: „Das Bild, das sich Männer von Frauen als Fleisch machen, ist ein Spezialfall des weitreichenden Zerrbildes von der Frau als Tier […] Fleisch ist ein hervorragendes Symbol für die Kontrolle des Mannes über die natürliche Welt. Die Tatsache, daß die Frau als Fleisch bezeichnet wird, kann als Aussage über ihre angeblich wildere gesellschaftliche Rolle und ihre Verfügbarkeit als eine natürliche Ressource der Männer verstanden werden.“
    Fiddes macht noch auf andere Wechselbeziehungen aufmerksam, stellt etwa Gesellschaften wie diejenige Polynesiens, die vom Gemüseanbau lebte und deren politisches System im allgemeinen nicht hierarchisch war, Gesellschaften gegenüber, deren Umgang mit Herden eine autoritärere Politik hervorgebracht haben könnte. Insgesamt kommt er in seiner Studie zu dem Ergebnis: Fleisch verkörpert für unsere Gesellschaft die Kontrolle der natürlichen Welt. Fleisch wird so lange seinen gehobenen sozialen Status erhalten, wird so lange als positiv angesehen werden, wie wir unsere Fähigkeit hoch bewerten, alles „Wilde“ zu kontrollieren; im Verzehr von Tierfleisch konzentriert sich für uns eine ausbeuterische Beziehung zur Natur, Fleischessen ist daher unauflösbar mit Unterwerfung und Herrschaft verbunden.
    So kann Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsaktion Nord (TAN), welche sich 1987 gründete, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen, im Editorial des bereits erwähnten Buches „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ mit Recht schreiben: „Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen. Denn totaler, direkter und gewalttätiger kann Herrschaft nicht ausgeübt werden als durch den Prozess vollständiger Entindividualisierung und Verdinglichung, Zerstückelung und schließlicher Einverleibung der Herrschaftsobjekte.“
    Die Ursprünge hierarchischen Denkens sind letztlich auf das Verhältnis der menschlichen Kultur zur Natur und auf die Unterdrückung von Tieren zurückzuführen. Letzere hat die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, geduldet und begünstigt. Im Umkehrschluss muss dies heißen, dass die Befreiung der Tiere diesem Mechanismus einen Riegel vorschieben würde; die Überwindung des Speziesismus, der ideologischen Kluft, die nichtmenschliche Tiere gegenüber dem Menschen als inferior darstellt und damit ihre Ausbeutung legitimiert, würde zum Abbau von hierarchischem Denken insgesamt beitragen. Entsprechend versteht sich die linke, speziell die anarchistische Tierbefreiungsbewegung als emanzipatorische Bewegung für tierliche und menschliche Belange.
    Ja, wir kritisieren den Mensch-Tier-Dualismus insofern, als dass er in der Industriegesellschaft als ideologische Legitimation dafür eingesetzt wird, Milliarden von nichtmenschlichen Tieren ein Leben lang in Qual gefangen zu halten und schließlich zu töten. Spätestens seit Darwin müsste klar sein, dass die ideologisch konstruierte Kluft zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren nicht mehr haltbar ist, vielmehr gehört auch der Mensch der Tierwelt an und ist aus ihr hervorgegangen. Die von uns vorangetriebene Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus oder des Speziesimus bedeutet aber eben gerade nicht, dass wir fordern, Menschen und Tiere gleich zu behandeln. Dies ist eine schlicht falsche Behauptung, die dem Antispe-Ansatz immer wieder unterstellt wird. Du zitierst ausführlich aus unserer Selbstdarstellung, behauptest aber gleichzeitig, wir würden Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen negieren wollen. Dabei heißt es in unserer Selbstdarstellung – was du zum Zwecke deiner Argumentation vollkommen unterschlägst! – klar und deutlich: „Antispeziesismus heißt für uns nicht, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollen. Antispeziesismus heißt, dass der Kampf gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere nicht vom Kampf gegen die Unterwerfung von Menschen getrennt werden kann!“ – Natürlich sind wir uns vollkommen darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, was schlicht sinnlos ist. Du musst doch wohl zugeben, dass zwischen Affen und Menschen eine größere Ähnlichkeit besteht als zwischen Affen und Insekten – trotzdem werden letztere im allgemeinen Denken in eine homogene Gruppe zusammengefasst dem Menschen gegenübergestellt, was einfach nicht mehr haltbar ist. Insofern erledigt sich auch dein Vorwurf eines angeblichen Widerspruchs, dass dem Menschen als moralfähiges Wesen dann doch wieder eine Sonderstellung eingeräumt würde. Die uns vorgeworfene „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ jedenfalls findet höchstens insofern statt, als dass wir der Überzeugung sind, dass spätestens seit Darwin die metaphysische Legitimation für die absolute Sonderstellung des Menschen, die den Mensch allen anderen Tieren gegenüberstellt, nicht mehr gegeben ist – Unterschiede zwischen Menschen und Tieren sind eben nicht absolut, sondern graduell. Ich empfehle dir, in diesem Zusammenhang den sehr interessanten und wissenschafltich fundierten Vortrag „Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet“ von Prof. Dr. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, durchzulesen oder anzuhören (verlinkt unter http://asatue.blogsport.de/texte/). Der Gradualist Sommer sagt deutlich: „Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig. […] Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind. Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet [so viel zu deinen „empirisch beweisbare[n] und bedeutende[n] Unterschiede[n] zwischen Menschen und Tieren“] […] Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu zumindest unseren allernächsten Verwandten zu überdenken. Das betrifft zunächst die systematische Einteilung der Lebewesen. Die Klassifikation der Hominoidea, der Menschenartigen, hat bereits mehrere Revolutionen hinter sich. So wurden bis in die 1970er Jahre hinein die großen Menschenaffen als Familie „Pongidae“ den „Hominidae“ gegenübergestellt, mit Homo sapiens als einziger lebender Form. Bald darauf verlieb allerdings allein der Orang-Utan bei den Pongidae, während die Hominidae erweitert wurden, um die Gattungen Gorilla und Pan mit dem Schimpansen, Pan troglodytes und dem Bonobo, Pan paniscus. Als die Molekularbiologie klar machte, dass Pan mit Gorilla weniger nahe verwandt ist als mit Homo, wurde es eng. Denn nun musste eine Zwischendecke eingezogen werden, um innerhalb der Hominidae den „Tribus“ der „Gorillini“ abzugrenzen vom Tribus der „Panini“, zu dem nunmehr Pan und Homo zählen. Was dieser zunehmend verwirrende Vokabelsalat vor allem belegt, ist die zunehmend verzweifelte Anstrengung, die Menschenaffen doch irgendwie auszugrenzen von dem Privatverein, den wir Menschen für uns gegründet haben. Doch so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre exklusiven Clubs aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in der
    Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile hinauszögern lassen. […] Genetiker kalkulieren – je nachdem, welche Marker sie auswählen –, dass sich Homo und Pan maximal 2 Prozent bis minimal 0,6 Prozent unterscheiden – während übrigens durchschnittlich 4 Prozent zwischen Menschenmännern und Menschenfrauen liegen. Würde das Erbgut zweier Käferformen um solche Bruchteile differieren, würden sie gewiss nicht alternativen Klassen zugeschlagen. Somit ist die Forderung durchaus angemessen, unsere Gattung zu erweitern – eben durch Umbenennen von Schimpansen in Homo troglodytes und Bonobos in Homo paniscus. Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den großen Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. […] Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut inklusiver zu werden (wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann ebenfalls hinterfragt werden kann). Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja beispielsweise auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder geistig Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten zu rechtfertigen versucht.“
    Wie gesagt sehen wir uns als emanzipatorische Bewegung, welche an die großen historischen Befreiungsbewegungen anknüpft und möchten als solche akzeptiert werden; zwar stehen wir hierbei noch am Anfang, doch wir haben, wie das Beispiel von Volker Sommer zeigt, die Wissenschaft im Rücken, und es wird nur noch eine Frage der Zeit sind, bis unsere Überzeugungen allgemeinere Akzeptanz erfahren werden – wir befinden uns in einer historischen Situation, die vergleichbar ist mit den Anfangsstadien anderer Emanzipationsbewegungen.
    Pierre-Joseph Proudhon hat, obwohl er sich für die Abschaffung der Ausbeutung und Regierung des Menschen durch den Menschen eingesetzt hat, die Frau diesbezüglich wohl noch nicht als „Mensch“ in diesem Sinne eingestuft. Er vertrat die Position, dass Männer den Frauen geistig überlegen seien und sie ihm im der Kleinfamilie unterstehen solle. Die ebenfalls bekannte Anarchistin Emma Goldman hatte Zeit ihres Lebens mit dem Sexismus und der Frauenfeindlichkeit ihrer männlichen Genossen zu kämpfen, unter anderem mit ihrem älteren Genossen und Vorbild Johann Most. Bei Marx und Engels wird zwar die Unterdrückung der Frau anerkannt, aber ihre Bekämpfung wird auf die Abschaffung des Kapitalismus reduziert. Daher waren auch in den sich auf Marx berufenden Organisationen SPD später KPD immer, wenn überhaupt, dann Nebensache. Auch bei den RätekommunistInnen tauchte die Frauenbefreiung kaum auf. Bis heute ist das nicht zufriedenstellend gelöst, aber immer hat der jahrzehntelange Kampf der GenossInnen dazu geführt, dass Sexismus, Patriarchat und Frauenunterdrückung in der radikalen Linken als grundlegend abgelehnt werden und der Kampf dagegen als ein wichtiger Kampf anerkannt wird. Immerhin werden zumindest öffentlich frauenfeindliche Sprüche aus radikalen Kreisen kaum noch geduldet.
    Aber leider scheint die Linke nicht daraus gelernt zu haben, dass jeglicher Kampf gegen die Unterdrückung von als „das Andere“ Definierten legitim ist. Und dass die Solidarität mit solchen Kämpfen nicht erst dann einsetzen darf, wenn ein breiter Konsens innerhalb der Linken diese sowieso erzwingt! Und dass die Konstruktion dieses „anders sein“ gesellschaftlich so verankert ist, dass auch noch so Radikale, eine Ideologie die die Ausbeutung der „Anderen“ zu legitimieren versucht, verinnerlichen und reproduzieren.
    Es ist verständlich, dass es für manche schöner ist, wenn „die Anderen“ auch „die Anderen“ bleiben; dass Viele sich nicht damit beschäftigen wollen; dass es einfach unglaublich viel einfacher ist, die Augen zu verschließen und sich die Welt schön zu reden. Es ist aber nicht verständlich, dass Menschen, die sich selbst als „aufgeklärt“ und „radikal links“ verstehen, sich über andere emanzipatorische Bewegungen lustig machen und Witze machen über die Minderheiten, die immerhin selbst nicht die im Akkord tötende „Tierindustrie“ mit Geld unterstützen wollen (VeganerInnen, Kontainer-VeganerInnen, Freegans) – wie zunehmend in letzter Zeit in Tübingen vorgekommen! Es ist schon schlimm genug, diese Kämpfe überhaupt nicht anzuerkennen. Aber dieses Fleisch-Gemackere, dieses unsolidarische Verhalten, diese subtilen Herabsetzungen, sind in einer radikalen Linken nicht tragbar (bei so einem Rumgemackere ist es ja auch kein Wunder, dass diese „radikale Linke“ im Gegensatz zu Antispe- und Tierbefreiungs-Gruppen mit Problemen wie „Männerdominanz“ und Abwesenheit der Attraktivität ihrer Gruppen für „Nicht-Männer“ zu kämpfen hat).

    Matthias R., Antispe Tübingen.

  9. 9 wer keine ahnung hat... 09. April 2010 um 16:35 Uhr

    dass du das von singer und cavalieri ausgehende „great ape project“ mal eben in „human project“ umbenennst, legt schon recht deutlich, wie so viele andere fehlformulierungen, deine sachkundigkeit zum thema bloß..

  10. 10 anonym 09. April 2010 um 16:55 Uhr

    deine BILD-gleiche Argumentation/gnadenlose Hetze, in der du nichtmal die Oberfläche (pseudo-wissenschaftlich und „hochintellektuell-objektiv“) ankratzt, zeugt von deiner persönlichen Schwäche. Du scheinst irgendwelche negativen Erfahrungen mit (einzelnen) Antispes oder einfach nur Komplexe zu haben, um so eine Hetzjagd zu organisieren und voranzutreiben. Verzeihe mir diese Persönlichkeiten, aber bei deiner unschlüssigen und schlichtweg falschen und reinen Polemik und Suggerierung von Wertungen, kommt’s mir einfach nur hoch und ich frage mich, welche Probleme du wirklich mit dieser Szene hast. Wir kennen ja schon deine absurde Hetzmail bei der Gründung der Antispe Tübingen, die einfach nur vor Unterstellungen und falschen Schlüssen strotzte, das sie für die BILDzeitung einfach nur druckreif war. Also genießt du entweder die Aufmerksamkeit „deiner Position“ oder du suchst schlichtweg Streit mit anderen.
    Eins sollte dir nur klar sein, dass deine Hetzte oder Profilierung auf Kosten des Zusammenhalts innerhalb der Linken geht und nichts mit sich bringt, als eine Zertstreuung mit einem ekelhaften Beigeschmack.

  11. 11 bigmouth 12. April 2010 um 8:56 Uhr

    Es würde ja ebenso Speziesismus vorliegen wenn man die „Interessen“ der Insekten weniger achtet, weil es ja „nur Insekten sind“.

    die korrekte argumentation geht ja auch über faktisch vorhandene eigenschaften von insektenarten, die sie weniger leidensfähig machen als etwa ein schwein

  12. 12 euer Arschloch 17. April 2010 um 17:39 Uhr

    Also, liebste GenossInnen von der Antispe Tübingen,

    in keiner eurer Antworten seid ihr auf den Text rational eingegangen, setzt euch auch nicht einmal damit konkret auseinander…reagiert hier eindeutig wie aufgeschreckte Hühner…
    Und dann mit der kritischen Theorie kommen wollen, tz tz…
    Ich deute all eure Kommentare als „Panikreaktionen“, da euch langsam dämmert, krude „Herrschaftsverhältnisse“ konstruiert zu haben, bzw. einfach blindlings der „Mode“ gefolgt zu sein…in TAN große Denkerinnen gesehen zu haben und nun, ähnlich wie so manche Antideutschen, sich öffentlich keine Fehler einzugestehen zu können…
    doch diese menschliche Charakterstärke geht euch leider ab, wenngleich ich mich an eine kritische Selbstreflektion einer eurer Genossinen erinnern kann…
    Also: bei google eingeben: Protagoras homo mensura Satz
    dann anschließend lesen, reflektieren, verstehen und anschl. das Wort Antispe streichen. DANKE !
    Auch noch bitte den Respekt und Anstand haben sich nicht nach der Antifaschistischen Aktion zu benennen und deren historische Symbolik nicht zu verwenden. Hättet ja auch mal eineN Überleben der AA fragen können, wie diese das so sehen…ob diese das GUTHEISSEN ?
    Aufhören Rassismus (bei euch sind alle weiß, deutsch, gebildet) und Sexismus mit „Fleischessen“ gleichzusetzen, bzw fragt mal jedwelche MigrantInnen ob sie das genauso sehen..oder alle jenen SubsistenzwirtschaftlerInnen die ihr mangels marxistischer Kenntnisse so unkritisch abfeiert…aber das wäre ein neues Thema aufgemacht…
    Und wie gesagt nun noch einmal: Seit 1993 gibt es euch als GB/US Import hier in der BRD…aber seit damals seid ihr stets Argumente schuldig geblieben…bitte verschont mich mit eurem Drang „asketisch, gut, rein, „radikal“, „aufrichtig“, besser“ euch darzustellen um euch möglischerweise als „Abgrenzungsprozeß“ gegenüber euren Eltern …
    und ja bitte antwortet mir nicht auch noch…werd eh nicht antworten…solltet ihr bei Input:Basic doch noch einen Schwerpunkt-Abend ergattern, so will ich mich da dann mit euch auseinandersetzen…bis dahin..
    könnt ihr euch ja schon mal mit Kritik am polit. Veganismus
    Kritik an der Unity of Opression
    Kritik am 3:1 Papier
    und natürlich mit der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx beschäftigen…nix für ungut…

    Turgut

  13. 13 Matthias R. 20. April 2010 um 1:47 Uhr

    An „Euer Arschloch“ oder „Turgut“ oder wie auch immer:
    Mit solchen – schon allein grammatikalisch – unverständlichen Sätzen wie „bitte verschont mich mit eurem Drang „asketisch, gut, rein, „radikal“, „aufrichtig“, besser“ euch darzustellen um euch möglischerweise als „Abgrenzungsprozeß“ gegenüber euren Eltern …
    und ja bitte antwortet mir nicht auch noch…“ diskreditierst du dich – und dein möglicherweise ja ernst gemeintes Anliegen – selbst; aber keine Sorge: Wir sind heute damit fertig geworden, den Text – ganz rational – Punkt für Punkt, Argument für Argument, zu besprechen und werden die daraus resultierende Antwort auf die Kritik hier in den nächsten Tagen, sobald sie ausformuliert ist, veröffentlichen.

  14. 14 Antispeziesistische Aktion Tübingen 28. April 2010 um 0:13 Uhr

    Hier die offizielle Antwort der Antispe Tübingen:

    Bereits an der Überschrift „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“ wird deutlich, dass hier wohl der gesamte Antispe-Ansatz grundlegend missverstanden wurde. Uns geht es in erster Linie darum, auf die Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen, „die individuelle Umsetzung (z.B. eine vegane Lebensweise) ist mehr eine persönliche Entscheidung“, heißt es in unserer Selbstdarstellung. Es liegt uns fern, unsere „Essgewohnheiten“ zu politisieren – höchstens haben wir aus einer politischen Überzeugung heraus unsere Lebensweise bewusst umgestellt, womit eben meist der Bruch mit den bisherigen unüberlegten Essgewohnheiten einherging.
    Allerdings können wir dem Satz im ersten Abschnitt („Was ist Antispeziesismus überhaupt?“) „Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache“ keinesfalls zustimmen: Konsum ist nie privat, sondern hat immer – mitunter sehr weitreichende – Auswirkungen. Vor allem angesichts der Globalisierung des Handels müssen wir uns darüber stets bewusst sein. So ist etwa der hohe Fleischkonsum der Industriegesellschaften schon nur hinsichtlich seiner sozialen und ökologischen Auswirkungen nicht länger tragbar.
    Gleich zu Beginn des nächsten Abschnitts wird unter der etwas seltsam anmutenden Überschrift „Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?“ der Hauptkritikpunkt des Autors am Antispe-Ansatz, der im Laufe des folgenden Textes immer wieder wiederholt wird, genannt: Beim Antispeziesismus handle es sich um eine Theorie, welche die „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreibe bzw. Menschen und andere Tiere bzw. deren Belange gleichsetze. Diese Angleichung finde bei Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt – auf „organisatorischer Ebene“ hält der Autor sie für „schlechterdings möglich“, wobei er wohl die Bedeutung des Wortes „schlechterdings“ nicht kennt, oder, was wahrscheinlicher ist, eigentlich „unmöglich“ meinte. Wie dem auch sei – dem Vorwurf der „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier sieht sich der Antispeziesismus leider immer wieder ausgesetzt. Es handelt sich dabei allerdings schlicht um eine Fehlinterpretation, wenn nicht gar um eine Unterstellung, die jedenfalls nichts mit den tatsächlichen Forderungen der Tierbefreiungsbewegung zu tun hat. Wir wollen keine „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreiben, sondern den im gesellschaftlichen Denken – und auch im Denken des Autors – tief verankerten, aber längst überholten Mensch-Tier-Dualismus und seine Implikationen, vor allem den daraus abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Menschen über die anderen Tiere, dekonstruieren.
    In seinem Vortrag „Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet“ sagt Prof. Dr. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, (verlinkt zum Durchlesen oder Anhören unter http://asatue.blogsport.de/texte/) deutlich: „Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig.“ Spätestens seit Darwin müsste eigentlich klar sein, dass die ideologisch konstruierte Kluft zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren nicht mehr haltbar ist, vielmehr gehört auch der Mensch der Tierwelt an und ist aus ihr hervorgegangen (aus diesem Grund ist es intellektuell nicht länger redlich, nur Menschen in moralische Überlegungen mit einzubeziehen; die „moral community“ muss entsprechend erweitert werden). Die von uns vorangetriebene Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus oder des Speziesimus bedeutet aber eben gerade nicht, dass wir fordern, Menschen und Tiere gleich zu behandeln. Der Autor zitiert zwar ausführlich aus unserer Selbstdarstellung, behauptet aber gleichzeitig, wir würden Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen negieren wollen. Dabei heißt es in unserer Selbstdarstellung – was der Autor zum Zwecke seiner Argumentation vollkommen unterschlägt! – klar und deutlich: „Antispeziesismus heißt für uns nicht, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollen. Antispeziesismus heißt, dass der Kampf gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere nicht vom Kampf gegen die Unterwerfung von Menschen getrennt werden kann!“ Tatsächlich sind gerade auf der sprachlich-symbolischen Ebene die Arten der Diskriminierung von „Fremden“, „Frauen“ und „Tieren“ kaum zu trennen bzw. bedingen einander und gehen fließend ineinander über – die Attribute, mit denen die jeweils als inferior betrachtete Gruppe belegt wird, wie etwa größere Naturnähe oder Vernunftlosigkeit, und der Sprachgebrauch sind austauschbar.
    Die als Beispiele aufgeführten Begriffe von „Animal Peace“ lehnen wir als Antispe Tübingen aufgrund der polemischen und entkontextualisierten Verwendung ab. Bei der Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus aber können Vergleiche mit den Diskriminierungsformen, denen bestimmte Gruppen von Menschen ausgesetzt sind, oft dazu dienen, Problembewusstsein zu schaffen. Wichtig hierbei aber ist, zwischen Vergleich und Gleichsetzung zu differenzieren: Ein Vergleich muss keine tatsächliche Gleichsetzung bedeuten.
    Allerdings folgt aus den Überlegungen über Rassismus und Sexismus, die ja allgemein ausgedrückt die Diskriminierung des als „das Andere“ Gebrandmarkten zum Thema haben, wenn sie konsequent weiter gedacht werden, der Gedanke an die Tiere fast schon logisch zwingend. Albert Memmi hat sich als Soziologe mit dem Thema Rassismus bzw. „Heterophobie“ wissenschaftlich beschäftigt und 1964 eine Definition gegeben, die von wichtigen Nachschlagewerken wie der „Encyclopædia Universalis“ übernommen worden ist. Der Rassismus, den er als „mittelbare oder unmittelbare Manifestierung der Herrschaft“ sieht, ist nach Memmi „die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver (biologischer) Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi macht dabei aufmerksam auf die „besondere Wirksamkeit der biologischen Beschuldigung“ („Der Schwarze ist unwiderruflich schwarz, die Frau unwiderruflich Frau. Daher rührt auch das Bestreben, den Juden und den Kolonisierten biologisch zu kennzeichnen, selbst wenn die Biologie gar nicht hierher gehört. Denn die Biologie ist eine Abbildung der Schicksalhaftigkeit“) und geht dann auf den Mechanismus der Entmenschlichung ein: „Es ist leichter, dem Untergang, der Ausrottung von Tieren entgegenzusehen als der von Menschen. Die Anfänge dieser Betrachtungsweise gegenüber den Schwarzen lassen sich übrigens genau datieren, sie fallen mit dem Aufkommen des Handels mit Negersklaven zusammen“; die Ausrottung der Indianer in Südamerika nennt er eine „gigantische Triebjagd auf Tiere mit menschlichem Antlitz“. Es sind dann bei Memmi auch schon aus den Überlegungen zu Rassismus und Sexismus heraus Ansätze da, die Emanzipation auf die nichtmenschlichen Tiere auszuweiten. So schreibt er: „Der Kern jeder Moral ist die Achtung des anderen; es wird an unserer menschlichen Ehre liegen, eine humanere Welt zu errichten. So lange, bis eines Tages auch die Tiere in ihr Frieden und Sicherheit finden werden, müssen wir dafür Sorge tragen, daß wenigstens die Menschen, und zwar alle Menschen, nicht mehr wie Tiere behandelt werden“, und, zu seiner Rassismus-Definition: „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere.“ In dieser berühmten und allgemein anerkannten Definition Memmis, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, Antispeziesist gewesen zu sein, sind also die nichtmenschlichen Tiere bereits mit eingeschlossen.
    Dagegen heißt es im „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“-Text: „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“ – wobei wieder der Vorwurf der „Gleichsetzung“ mitschwingt. Dazu können wir nur sagen: Ja, wie beispielsweise Memmi und viele andere Autoren stellen wir die Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere durch den Menschen in eine Reihe mit anderen Formen der Unterdrückung insofern, als dass die Befreiung der Tiere für uns die logische Fortsetzung der historischen Emanzipationsbewegungen darstellt – was aber nicht heißt, dass wir die verschiedenen Arten der Diskriminierung einfach gleichsetzen, wie mit der polemischen Anmerkung „Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen“ suggeriert wird. Wir sind keine „Menschenfeinde“, wir bewerten die Interessen anderer Tiere nicht einfach generell gleich (oder gar höher) als die von Menschen – für uns hört aber, wie es bereits in der Überschrift unserer Selbstdarstellung heißt, die Befreiung nicht beim Menschen auf. Natürlich sind wir uns vollkommen darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, was schlicht sinnlos ist. Auch der Autor wird wohl zugeben müssen, dass zwischen Affen und Menschen eine größere Ähnlichkeit besteht als zwischen Affen und Muscheln – trotzdem werden letztere beide, im allgemeinen gesellschaftlichen Denken in einer homogenen Gruppe zusammengefasst, dem Menschen gegenübergestellt, was schlicht falsch ist (insofern erledigt sich auch der Vorwurf eines angeblichen Widerspruchs, dass dem Menschen als moralfähiges Wesen dann doch wieder eine Sonderstellung eingeräumt werde). Die uns vorgeworfene „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ jedenfalls findet höchstens insofern statt, als dass wir der Überzeugung sind, dass spätestens seit Darwin die metaphysische Legitimation für die absolute Sonderstellung des Menschen, die den Menschen allen anderen Tieren gegenüberstellt, nicht mehr gegeben ist – Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren sind eben nicht absolut, sondern graduell.
    Im weiteren Verlauf des Textes wird der Gegenbewegung gegen die Tierausbeutung (wobei „Tierausbeutung“ in Anführungszeichen gesetzt ist, als ob der Autor suggerieren wolle, dass es die durchrationalisierte Industrie, die schon Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ als „lückenlose[n] Ausbeutung der Tierwelt heute“ beschrieben, und die inzwischen noch mehr „perfektioniert“ wurde, gar nicht gebe) dann noch vorgeworfen, sie bediene sich „frech“ bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen, wobei speziell das „Symbol der Antifa“ genannt wird, das „auf grün umgefärbt“ werde. – Nun verhält es sich so, dass das „Antifa“-Logo niemand für sich lizenziert hat. Viele unterschiedliche Gruppen verwenden es in vielen unterschiedlichen Ausgestaltungen – so kommt es inzwischen sogar dazu, dass „autonome Nationalisten“ das Symbol für ihre Zwecke verwenden oder Antideutsche die rote und schwarze Fahne durch die Flaggen Israels und der USA ersetzen. Ursprünglich kommt der Begriff und die Idee der Antifaschistischen Aktion aus Italien, wo Gegner von Mussolini als „Antifaschisten“ bezeichnet wurden. In Deutschland gab es seit 1923 die „Antifaschistische Aktion“ als Teilbereich des Rotfrontkämpferbundes. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verschwand der Begriff ab 1933 zunehmend und wurde nur noch vereinzelt vom kommunistischen Widerstand verwendet, erst in den 1980er Jahren gründeten sich dann im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aus der Hausbesetzer- und Autonomen-Bewegung heraus sogenannte Antifa-Gruppen. Die Begrifflichkeit und die Symbolik wird seither auch von unterschiedlichen emanzipatorischen Bewegungen verwendet – so gibt es etwa eine „Antihomophobe Aktion“, die sich ebenfalls einfach „frech“ bedient und das Antifa-Logo für ihre Zwecke instrumentalisiert hat und dazu die ursprünglich rote Fahne im Logo durch die Regenbogen-Fahne als Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ersetzt hat – mit der Verwendung der Regenbogenfahne wiederum hat diese Bewegung sich übrigens ganz frech und unverschämt wahlweise bei den Kämpfern aus den Bauernkriegen, die diese Fahnen schon schwangen, bei den Flaggen des Inka-Reiches oder bei der Friedensbewegung bedient. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Symbole sich historisch wandeln und sich verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen anpassen können. Außerdem kann die angeblich freche Aneignung im Falle der „Antispeziesistischen Aktion“ auch durchaus anders gesehen werden, nämlich so, dass das Logo bewusst gewählt wurde, um sich durch die Verwendung der bekannten Symbolik als ausdrücklich politische und antifaschistische Bewegung vom konventionellen Tierschutz abzugrenzen.
    Mit dem Vorwurf der Schön-, – Verzeihung: Grünfärberei, geht dann auch gleich wieder der Vorwurf einher, eine Differenzierung zwischen „der durchaus kritikwürdigen und verabscheuungswerten“ Tierquälerei und der Quälerei von Menschen fände dabei nicht statt. Als angebliche Belege führt der Autor zwei Zitate an. Beim ersten handelt es sich um ein Zitat von Helmut F. Kaplan. Zu diesem merkt der Autor gleich selbst an, dass er „inzwischen auch“ in linken Antispe-Kreisen abgelehnt werde – wobei wir uns dann aber schon fragen, weshalb er an dieser Stelle überhaupt angeführt wird, geht es doch um eine Kritik des linken Antispeziesismus. Nun gut, es scheint sich für den Autor eben angeboten zu haben, wenn er es schon auf sich genommen hat, den Artikel über „Speziesismus“ bei Wikipedia zu lesen, auch etwas daraus zu kopieren… Außerdem finde sich die angeblich in dem Zitat ausgedrückte „Analogie-Setzung“ ja schließlich „bei Antispes aller Schattierungen“, so auch in dem „aus linken Antispe-Kreisen stammende“ Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“. Tatsächlich gilt dieses von Susann Witt-Stahl, einer Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung der ersten Stunde (aktiv bei der Tierrechtsaktion Nord (TAN), welche sich 1987 gründete, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen) herausgegebene Buch seit seinem Erscheinen als theoretisches Standardwerk der Tierbefreiungsbewegung und als Fundament zur Entwicklung einer kritischen Theorie (aufbauend auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule) zur Befreiung der Tiere. Der Autor zitiert dann auch einen ganzen Halbsatz aus dem Buch, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (analog zu Rassismus, Sexismus etc. [.])“ die Rede sei, was uns geradezu enttäuscht, erwarteten wir nun doch endlich einmal einen Beleg dafür, wie der Antispe-Ansatz menschliches Leiden gegenüber dem der Tiere auf geradezu menschenverachtende Weise relativiere. Wiederum aber scheint dem Autor nur nicht der Unterschied zwischen der strukturellen Analogie, die zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus, Sexismus oder eben Speziesismus gezogen werden kann, und der willkürlichen Gleichsetzung von Mensch und Tier klar zu sein.
    So soll im nächsten Abschnitt, überschrieben mit „Am Beispiel der Antispe Tübingen“, dann auch unsere Selbstdarstellung als Beleg für die böse Mensch-Tier-Gleichsetzung herhalten: Wenn wir behaupteten, Speziesismus könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“, sei das „schon recht seltsam“, denn Sexismus und Rassismus basierten vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße „dümmer und unbegabter“ seien als Männer bzw. Weiße. Weiter heißt es: „Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon, dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.“ – Brennend würden uns diese angeblich empirisch beweisbaren Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren interessieren, doch leider kann der Autor nicht einen nennen – wie auch, wenn nicht einmal die Fachwissenschaftler dies heutzutage noch vermögen. Der Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, Volker Sommer, kann keinen finden: „Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind. Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet […] Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu zumindest unseren allernächsten Verwandten zu überdenken [.] so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre exklusiven Clubs aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in der Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile hinauszögern lassen. […] Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den großen Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. […] Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut inklusiver zu werden (wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann ebenfalls hinterfragt werden kann). Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja beispielsweise auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder geistig Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten zu rechtfertigen versucht.“
    Dem haben wir nicht viel hinzuzufügen – außer vielleicht, dass wir dem Autor darin zustimmen, „dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist“ (tatsächlich führt das in unserer Kultur maßgebende dichotome Menschenbild, also das Zweigeschlechtersystem, zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, mithin zur Eliminierung der Geschlechtervielfalt durch die Medizin: 95% der Intersexuellen in der BRD werden schon kurz nach der Geburt genital-chirurgischen und verschiedenen medikamentösen Eingriffen zur Veränderung der individuellen Geschlechtsmerkmale unterzogen; die Eingriffe führen bei den betroffenen Menschen zu einer lebenslang erforderlichen medizinischen Behandlung). Innerhalb der Geschlechter, innerhalb der Erscheinung des Menschen überhaupt, existiert eine große Diversität. Diese existiert innerhalb der gesamten Tierwelt – natürlich existieren deshalb zahlreiche äußerliche Unterschiede zwischen verschiedenen Tierarten (und damit auch zwischen dem Menschen und anderen Tieren), aber: Daraus darf keinesfalls die Dichotomie Mensch-Tier resultieren, denn der Mensch-Tier-Dualismus ist ebenso ein soziales Konstrukt wie der (Zwei-)Geschlechterdualismus (was wiederum ein Vergleich, aber keine Gleichsetzung ist!).
    Es ist übrigens interessant, dass sich gerade auch aus feministischen Zusammenhängen und aus den Reflexionen zur Geschlechts-Konstruktion Beiträge zu einer Theorie der Tierbefreiung ergeben haben. In ihrem Aufsatz zur „Frau-Tier-Natur-Gleichsetzung“ in der Aufsatzsammlung „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ stellt Mieke Roscher zahlreiche Feministinnen vor, die sich auch für ein anderes Verhältnis zu Tieren eingesetzt haben. Was sie dann manchen Queer-TheoretikerInnen vorwirft, kann unserer Meinung nach durchaus auch dem Autor vorgeworfen werden: „Die Darstellung der Unterdrückung der Tierwelt als natürliche Gegebenheit muss eindeutig zurückgewiesen werden, da die Legitimation für die Unterdrückungen genauso auf sozialer Konstruktion fußt wie geschlechtsspezifische Hierarchien auch. [.] Die Auflösung nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch biologischer Zuschreibungen von Geschlecht finden nur für das Menschliche statt. Das Tier wird weiterhin als das Andere gedeutet, welches fortwährend als unbedingt und unmittelbar durch rein biologische Determinanten bestimmt wird. Eine entsprechende Fortsetzung der Dekonstruktion anderer Dualismen wird nicht vollzogen. Da das Verhältnis zum Tier, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die seine Ausbeutung forcieren, als naturhaft erklärt wird, sollen auch Perspektiven für Veränderungsmöglichkeiten dauerhaft negiert werden. Dabei ist das, was als tierliche Natur beschrieben wird, oftmals grob verallgemeinert und unhaltbar. Es ist somit, wie die feministische Naturwissenschaftlerin Lynda Birke richtig sagt, zutiefst unwissenschaftlich, biologischen Determinismus abzulehnen, ihn jedoch im Rekurs auf das Tier als maßgeblich zu betrachten.“ – Genau dies aber tut der Autor, auch noch unter aufs Gröbste verallgemeinerten und unhaltbaren Zuschreibungen! Zum Thema „Frauen und Tiere“ gab es, falls weitergehendes Interesse besteht, auch einmal ein Dossier in der „Tierbefreiung“: http://www.tierbefreier.de/magazin/FrauenundTiere_tb47.pdf.
    Im nächsten Abschnitt wird unser Ansatz, „das Problem bei der Wurzel zu packen“ und „nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen“ zu suchen, wie es in unserer Selbstdarstellung heißt, kritisiert. Der Autor verweist darauf, dass in allen Kulturen Tierprodukte verwendet würden – es sei nicht die generelle Nutzung von Tieren, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstelle. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, weisen wir darauf hin, dass unsere Kritik sich auf die Verhältnisse bezieht, in denen wir aktuell leben. Unsere Kritik hat nie die Verhaltensweisen von Menschen zum Gegenstand gehabt, die aufgrund ihrer Umweltbedingungen auf die Nutzung von Tieren angewiesen waren oder sind. Fakt ist aber, dass in unseren industrialisierten Gesellschaften niemand darauf angewiesen ist und angesichts der Entwicklung der Globalisierung und der Bevölkerungszahlen auch weltweit Schritte hin zum Verzicht auf Tierprodukte als nicht nur ökologisch sinnvolle Perspektive erscheint. „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“, hat schon Albert Einstein gesagt.
    Zu unserer Feststellung, die Ideologie des Speziesismus liefere die Legitimation dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet würden, merkt der Autor an, dass der Mensch einfach Fleisch esse und dafür keine Legitimation durch eine Ideologie brauche. Dies sehen wir nicht so. Der Mensch benötigt immer eine Legitimation dafür zu töten, dafür gibt es zahlreiche Beispiele – eines davon hat der Autor selbst im Absatz zuvor genannt: Die Entschuldigungs-Rituale mancher Indigener vor der Jagd. Traditionell hatten es die Menschen nötig, das Töten von Tieren religiös-mythisch zu legitimieren. So schildert beispielsweise ein mittelpersischer Text, wie der Gott Ohrmazd einst das Vieh aufgefordert habe, sich hinzugeben, damit es verspeist werde. Dieses aber habe erkannt, was die Menschen ihm antun würden, und stritt daraufhin mit dem Gott; dieser sicherte ihm schließlich zu, dass ihm seine Sünden erlassen würden – für die von den Tieren verübten Sünden würden diejenigen zur Verantwortung gezogen, die das Fleisch essen! Für ähnliche Legitimations-Strategien gäbe es noch zahllose Beispiele. Und wo früher dafür die Religion herhalten musste, wird in einer säkularisierten Gesellschaft (pseudo-)wissenschaftlich argumentiert – beispielsweise mit dem Mensch-Tier-Dualismus.
    Weiterhin kritisiert der Autor, wir würden den Tier-Mensch-Unterschied einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen, da es in unserer Selbstdarstellung heißt, der Mensch unterscheide sich von anderen Tieren „nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken“, teile mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden. Wir geben zu, dass dieser Satz vielleicht nicht ausführlich genug formuliert ist. „Techniken“ meint hier auch bestimmte kognitive und vor allem moralische Fähigkeiten – allerdings bezeichnen diese Unterschiede, ganz im Sinne des schon zitierten Gradualisten Volker Sommer, immer nur graduelle Unterschiede und legitimieren keinen Mensch-Tier-Dualismus! Der Autor beharrt vor allem auf der seiner Ansicht nach speziell menschlichen Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und -reflexion, merkt allerdings schon selbst in Klammer an, „manche Affenarten“ könnten sich „nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen“. Wie Volker Sommer richtig anmerkt, bleiben Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet. Tatsächlich verhält es sich so, dass, wie etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am 9.11.2009 meldete, der „Club der Ich-Bewussten“ ständig wächst: „Neben Primaten, Elefanten, Delfinen und einigen Vögeln erkennen sich auch Schweine im Spiegel selbst“ (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,660191,00.html).
    Wir wissen nicht, inwieweit andere Tiere zu moralischem Denken und Handeln fähig sind. Der Mensch jedenfalls ist dazu fähig – dessen sind wir uns bewusst und das liegt unserer Theorie zugrunde. Wehren wollen wir uns gegen den Vorwurf, Verhalten anderer Spezies zu „vermenschlichen“ – das liegt uns fern, wir sind keine TierschützerInnen! Wir erwarten von anderen Tieren nicht Mitleid, Ethik und Moral – aber wir fordern dies von Menschen anderen Tieren gegenüber! Allerdings wird unserer Ansicht nach, wenn der Autor in der „Tierwelt“ lediglich „die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden“ anerkennt, und speziell im nächsten Absatz („Das „Tier Mensch“?“), wiederum ein verzerrtes und einseitiges Bild des natürlichen Verhaltens gezeichnet, welches wohl, wie die Anmerkungen des Autors zum „Recht des Stärkeren“ zeigen, vor allem durch ein falsches Verständnis vom Darwinismus herrührt – außerdem scheint im Hintergrund mancher Aussagen wieder klar die Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus hindurch, etwa, wenn der Autor schreibt: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“
    1835 las Charles Darwin „An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“ des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus. Die Bevölkerungstheorie von Malthus hat sowohl die Evolutionstheorie von Darwin als auch diejenige von Alfred Russel Wallace maßgebend beeinflusst. Dem Bevölkerungsgesetz von Malthus liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, sowie die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. Der Begriff „survival of the fittest“ wurde 1864 von Herbert Spencer (in den „Principles of Biology“) eingeführt. „Fitness“ bezeichnete im 19. Jh. zunächst einmal das (vorteilhafte) Verhältnis eines Individuums zu seiner Umwelt. Bei Darwin bedeutet der Begriff, dass diejenigen Individuen, die besser an ihre natürliche Umgebung angepasst sind, den malthusschen „struggle of existence“ besser bestehen. In einer Situation, in der Knappheit der Mittel vorherrscht, können diejenigen, welche sich an diese Situation besser anpassen können, besser überleben und mehr Nachkommen hinterlassen. Von einem „Recht des Stärkeren“ ist bei Darwin nicht die Rede, auch nicht von „Kampf“. Den „struggle of existence“ kann auch eine Wüstenblume führen – um Wasser, bzw. gegen ihre widrigen Umweltbedingungen. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später übrigens, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural prevervation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Die darwinistische Theorie sollte nicht zu naturalistischen Fehlschlüssen führen, dies passiert eigentlich auch nur, wenn sie oberflächlich rezipiert wird – tatsächlich hat sie sogar tierethische Konsequenzen, denn bereits Darwin selbst negierte ausdrücklich den Mensch-Tier-Dualismus: Zwischen Mensch und Tier bestehe nur ein gradueller Unterschied, kein wesentlicher (difference of degree, not of kind). – Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, um einmal eine Tier-Metapher zu gebrauchen, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug (Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt“). Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft! Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.
    Es ist schade, dass in den politisch und historisch sonst doch gut informierten Kreisen, denen der Autor entstammt, ein so undifferenziertes, vom populären Diskurs geprägtes, mangelhaftes Wissen über Darwinismus und Sozialdarwinismus vorzuherrschen scheint und platt „Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus“ als die „Realität des Tierreiches“ beschrieben werden.
    Wie in Kommentaren auf dem „Eisberg“-Blog bereits angemerkt, werden in diesem Zusammenhang dann auch noch Fehler gemacht, welche schlicht zeigen, dass der Autor sich schlecht informiert hat – so wird etwa das „Great Ape Project“ fälschlicherweise als „Human Project“ bezeichnet oder geschrieben, Gorillas (statt Schimpansen) würden „gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen“ essen. Außerdem wird wieder mit falschen Unterstellungen gearbeitet – so wird uns etwa die Ansicht untergeschoben: „Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“", was wir nie, vor allem so nicht, sagen würden (s.o.).
    Und, einmal davon abgesehen, dass es in der Tierbefreiungs- und Antispe-Bewegung keineswegs einen Konsens darüber gibt, inwieweit Rechte für Tiere im juristischen Sinne sinnvoll wären (wir sind eher der Meinung, dass die Befreiung der Tiere eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins voraussetzt und lehnen jedenfalls von oben verordnete „Tierrechte“ aus herrschaftskritischer Überzeugung heraus ab – dennoch fordert die Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich Freiheit und „Lebensrecht“ für alle fühlenden Lebewesen) – was spricht – sogar aus der Sicht von TierschützerInnen – gegen den Wunsch, die individuelle Freiheit und das Leben der großen Affen zu erhalten sowie sie vor Verfolgung und Folter zu schützen? Ob dazu unbedingt „Menschenrechte für Menschenaffen“ notwendig sind, lässt sich mit Recht bezweifeln.
    Im nächsten, mit „Es gibt Tiere und Tiere“ überschriebenen Abschnitt, wird ein polemischer Abschnitt aus dem Diskussions-Beitrag in der „Jungle World“ von Ivo Bozic zitiert, auf den es sich kaum lohnt, einzugehen. Nur soviel sei dazu gesagt: Der politische Veganer/die politische Veganerin in der kapitalistischen Warengesellschaft versucht schlicht, durch seine/ihre Kaufentscheidungen so wenig organisierte (Tier-)Ausbeutung wie möglich in Auftrag zu geben – was soll daran schlecht sein? Wir versuchen nur, innerhalb der uns möglichen Verhältnisse nach Möglichkeit ethisch zu handeln – und durch unsere Nachfrage möglichst kein Leid in Auftrag zu geben. – Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.
    Zu den Ausführungen des Autors „Heißt dass [sic] dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?“, sei noch angemerkt, dass, wie italienische Hirnforscher um Rosa Rugani von der Universität Trient herausgefunden haben, Küken bereits kurze Zeit nach dem Schlüpfen dazu fähig sind, einfache Rechnungen anzustellen, oder andere Experimente zeigten, dass der weibliche nordamerikanische Moskitofisch in etwa so gut zählen kann wie ein knapp einjähriges Kleinkind – und, wie bereits angemerkt, können Schweine sich sogar im Spiegel erkennen…
    Im nächsten Abschnitt „Und was sagen die Tiere dazu?“ wird uns „eine arge Form der Stellvertreterpolitik“ vorgeworfen. Mit der Auffassung, dass das nichtmenschliche Tier nur befreit WERDEN kann, dass Subjekt und Objekt der Befreiung also auseinander treten, hat die Tierbefreiungsbewegung sich auseinander gesetzt. Hier gibt uns die Kritische Theorie die Lösung des angeblichen Problems an die Hand. Marcus Hawel schreibt in seinem Aufsatz „Emanzipative Praxis und kritische Theorie“ (in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“) dazu: „Subjekt und Objekt der Befreiung träten nicht mehr auseinander, wenn wir den Bezugsrahmen etwas erweiterten und uns darüber klar würden, dass es allgemein um UNSER Verhältnis zur Natur, zum Leben geht, von dem wir uns selbst zu emanzipieren hätten, weil wir darin eine ungeheuerliche Destruktionskraft entdeckten, die uns selbst die Existenzgrundlage entzieht. Wir müssen UNS selbst befreien – nicht von Natur, sondern von unserem destruktiven Umgang mit der Natur. Natur wird für kurzfristige Profitinteressen vernichtet“ – die gleiche Verwertungsvorstellung zerstört auch das Leben der Menschen. Auch Marco Maurizi betont in seinem Aufsatz „Die Zähmung des Menschen“: „Sind DIE Interessen der Menschen grundsätzlich gegen die der Tiere gerichtet, dann ist es lediglich ein glücklicher Zufall, wenn menschliche und tierische Interessen ab und zu zusammenfallen. Dem muss entgegengehalten werden, dass die Befreiung der Tiere mit der Befreiung der Menschen identisch ist und nur politisch begriffen werden kann. Aus dieser Perspektive ist der Kern des Problems die zerstörende Logik des Kapitals, eine Logik, die bestimmte gesellschaftliche Strukturen voraussetzt (Klassengesellschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Staatsgewalt). Solche Strukturen wurden vor Tausenden von Jahren durch die Unterdrückung von Menschen UND Tieren geschaffen. Die Befreiung des Menschen wird daher ein TEIL der Befreiung der Tiere sein. Das menschliche Tier sollte endlich mit der Revolution beginnen – die ganze Natur wartet darauf.“
    Zu dem Satz „Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger?“ merken wir an, dass dies höchstens auf domestizierte Tiere zutreffen kann. Die „Haltung“ von anderen Tieren durch den Menschen aber ist kein ursprünglicher Zustand und die Domestikation auch bereits eine Form der Herrschaft. Natürlich könnten heutzutage ein Großteil der „Nutztiere“ nicht einmal mehr ohne menschliche „Fürsorge“ überleben – dies liegt aber daran, dass Menschen sie durch Zucht derart zugerichtet haben, dass sie in ihrer natürlichen Umwelt, ohne den Menschen, nicht mehr zurecht kämen! Es ist allerdings evident, dass die meisten „Nutztier“-Züchtungen nur zum Nutzen von Menschen, die sich größere Ausbeute versprechen, aber zum Nachteil des tierlichen Individuums, das z.B. unter seinem unnatürlichen Körperbau leidet, vollzogen worden sind – nicht umsonst ist in der „Nutztierhaltung“ die Rede von „Qualzüchtungen“. Wer sich einmal mit der Haltung von sog. „Nutztieren“ in unserer Industriegesellschaft auseinander gesetzt und die Tiere in Massentierhaltung gesehen hat, wird zugeben müssen, dass schon das Mitansehen dieser Art der Gefangenschaft unerträglich ist: Die offensichtlichen Krankheiten, die Entzündungen und unnatürlichen Auswüchse der „Nutztiere“, die sich ihr Leben lang in Gefangenschaft befinden, ohne jemals Tageslicht zu sehen, sprechen für sich. Sätze wie „Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen“ schmerzen angesichts dieser Bilder von Lebewesen, die, ihrer natürlichen Umwelt entrissen, ein Leben in Dunkelheit verbringen müssen, nur. Wir wollen nur, dass jedem Lebewesen ein Leben in Selbstbestimmung und Würde zukommen darf – was, so fragen wir, ist an diesem Wunsch auszusetzen?
    Genauso fragen wir, was an daran, dass Antispeziesismus lediglich ein „westliches Luxusprojekt“ sei, eigentlich schlimm sein soll? Erst, wenn wir uns nicht ständig ums eigene Überleben sorgen müssen, können – und müssen! – wir uns schließlich Gedanken um die Ausbeutung anderer machen. Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten. Dem Adelsstand war es auch „hunderte Jahre“ lang vorbehalten, Leibeigene zu „besitzen“ – ein „Privileg“, auf das wir gern verzichten (das englische Wort für „Rind“, „cattle“, hat übrigens denselben Ursprung wie „chattel“, Leibeigener, und „capital“, Produktionsmittel…).
    Der Vorwurf, die Antispe-Bewegung betreibe „nur wenig Selbstreflektion“, ist schlicht haltlos. Auf zahlreichen Konferenzen, in Texten der Bewegung und auf den alljährlich stattfindenden Tierbefreiungs-Kongressen findet kritische Selbstreflexion statt; dabei werden durchaus (selbst-)kritische Stimmen zugelassen. Als Beispiel hierzu nennen wir die Auswahl der Aufsätze im Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, über deren Kontroversität die Herausgeberin im Editorial schreibt: „Die zum Teil scharfe Kritik an der Bewegung, die für sich in Anspruch nimmt, das oppressive Mensch-Tier-Verhältnis umwerfen zu wollen, wird von der Herausgeberin und der TAN in den meisten, aber nicht in allen Punkten geteilt, droht sie doch an einigen Stellen umzuschlagen in eine affirmative Bestätigung dessen, was unter den herrschenden Verhältnissen der Fall ist – das Grauen in den Schlachtstraßen.“ Differenziert wird auch „innerhalb des Textuniversums der linken Tierbefreiungsszene und Veganerbewegung“, deren Darstellungen „teilweise unter Dogmatik und Unterkomplexität“ leiden (so Arnd Hoffmann in seinem Beitrag „Zur Kritik der Utopielosigkeit von Antispeziesismus und Veganismus“). Tatsächlich verhält es sich so, dass es sich bei der Tierbefreiungsbewegung um eine Bewegung handelt, die eben nicht in einem starren Dogma verhaftet ist, sondern sich im Gegenteil in der Phase der Bildung einer konsistenten Theorie befindet, in der sie dankbar ist für kritische Stimmen, anhand derer sie ihr Selbstverständnis prüfen und weiterentwickeln kann.
    Zur Position des Autors, die vegetarische Ernährung habe sich in früheren Zeiten vorrangig entweder aus Gründen der Notwendigkeit oder aus religiösen Gründen ergeben, möchten wir noch anmerken, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich aufgrund von ethischen Abwägungen zum Verzicht des Tötens von Tieren entschlossen haben. Dafür gibt es zahlreiche überlieferte Beispiele, etwa aus dem antiken Griechenland. Auch Leonardo da Vinci (1492-1519) hat bereits prophezeit: „Der Tag wird kommen, an dem das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet wird wie das Töten eines Menschen.“
    Wenn der Autor dann den „Schock“ jener beschreibt, für die Fleisch „nur noch aus der Dose“ kommt, wenn sie mit der Realität der Schlachtung konfrontiert werden, so bestätigt er damit nur unsere Auffassung, dass diese Realität für Menschen mit Empathie nun einmal an sich schockierend ist. Wir wollen nicht mit „Schock-Effekten“ arbeiten, sondern lediglich die Realität der industriellen Tierhaltung zeigen, die tatsächlich versteckt – auch kaschiert durch anthropomorphisierte Tierfiguren in der Werbung etc. – stattfindet. Besäßen Schlachthäuser gläserne Wände, wären wohl die meisten Menschen Vegetarier…
    Dass der Autor bisher noch nirgendwo davon hörte oder las, dass der politische Veganismus seine Forderungen geografisch begrenzt, ist wohl vor allem seiner mangelnden Kenntnis und seinem eingeschränkten Textkorpus in diesem Bereich zuzuschreiben; allerdings muss auch gesehen werden, dass Aktionsformen und Forderungen politischer Bewegungen nun einmal dort ansetzten, wo sie – nicht zufällig – entstehen, und so kritisieren die AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung nun einmal konkret die Umstände in ihrer Umgebung, oft auch mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch. In den theoretischen Reflexionen der Bewegung wird allerdings sehr wohl differenziert – aber auch betont, dass „das große Know-How über naturschonende und unblutige Herstellung gesunder und nahrhafter Lebensmittel […] zumindest den Menschen in den Industrieländern sogar schon unter den schlechten bestehenden Verhältnissen des Kapitalismus ohne weiteres eine vegane Lebensweise“ ermögliche (Susann Witt-Stahl). Durchweg wird anerkannt, dass „in bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufen und Gesellschaftsformen mitunter die Notwendigkeit bestand/besteht, Tiere als Arbeitskraft und/oder als Nahrungsmittel zu benutzen“ – doch hat sich dies eben „mit fortschreitender Produktivkraftentwicklung größtenteils geändert. Innerhalb technisch fortgeschrittener Gesellschaften ist weder die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft noch ein Verzehr von Tieren oder Tierprodukten notwendig“ (http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm). Wir schließen uns in dieser Frage der Philosophin Mary Anne Warren an, die in ihrem Aufsatz „Sollen alle Menschen Vegetarier werden?“ (in: Ursula Wolf (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008, S. 314-17) klar und deutlich schreibt: „Dass ein universelles Verbot der Verwertung von Fleisch und anderen Tierprodukten sich nicht leicht mit den moralischen Rechten von Menschen vereinbaren lässt, kann man etwa am Beispiel von Volksstämmen sehen, deren althergebrachte Arten des Lebensunterhalts die Jagd oder die Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung und zu anderen Konsumzwecken einschließen und die zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine zufriedenstellenden Ersatzmöglichkeiten finden können, ohne von ihnen geschätzte kulturelle Traditionen aufzugeben.“ – Doch darum geht es der Tierbefreiungsbewegung nicht in erster Linie. Sie kritisiert vielmehr folgendes Phänomen der industriellen Warenwirtschaft: „Innerhalb technisch und marktwirtschaftlich fortgeschrittener Gesellschaften ist die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft der ökonomisch rationelleren Nutzung von Maschinen gewichen. Immer weniger Menschen sind existentiell abhängig von Tierhaltung, sowohl was die Ernährung, als auch was den Verdienst für den Lebenshalt angeht. Einer an Intensität der Ausbeutung und Anzahl der gequälten und getöteten Tiere unermesslich angewachsenen Tierverwertungsindustrie steht ein umfassendes und zunehmend ausdifferenziertes Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber. […] Tierausbeutung wird immer weniger notwendig, und immer weniger Menschen sind existenziell von ihr abhängig, so dass sie eine Ethik des allgemeinen Respektes gegenüber Tieren entwickeln könnte. Auf der anderen Seite ist es jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Warenform, dass man etwas, das man als Ware verkaufen will, zum Zeitpunkt des Tausches […] nicht die Bedingungen ansieht, unter denen eben diese Ware produziert wurde. Sie erscheint als geschichtslos. Das macht es dem Käufer einfach, von dem Prozess abzusehen, der notwendig ist, um ein Tier erst in die Ware Fleisch umzuwandeln“ (Carsten Haker).
    Wir wollen genau auf diesen Prozess aufmerksam machen – und auf das Paradoxon, dass in einer Gesellschaft, die Tiernutzung eigentlich nicht mehr nötig hat, diese ein Höchstmaß angenommen hat.
    Dazu brauchen wir allerdings keine Holocaust-Vergleiche, wie der Autor im nächsten Abschnitt („Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen“) suggeriert. Solche Vergleiche liegen keineswegs „in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie“ (und werden auch nicht von Antispes oder der politischen Tierbefreiungsbewegung ausgeübt, sondern im Gegenteil von bürgerlichen Tierrechtsorganisationen wie etwa „Peta“)! Schon allein geschichtlich handelt es sich um total unterschiedliche Situationen: Beim Holocaust wurden – unter Verwendung des Tiervergleichs! – Personen, die sich eigentlich innerhalb der „moral community“ befanden, von dieser ausgeschlossen. Uns geht es im Gegenteil um die Erweiterung der „moral community“. Diese Erweiterung würde sich im Übrigen auch positiv auf das rein menschliche Miteinander auswirken: Wenn die Hemmschwelle, andere Tiere zu töten, höher läge, wäre es auch nicht mehr so leicht, die Ausbeutung und den Mord an Menschen mithilfe einer postulierten Tierähnlicheit (wie vor Genoziden regelmäßig geschehen!) zu legitimieren. – Die Tierbefreiungsbewegung hat sich sehr kritisch mit dem Holocaust-Vergleich auseinandergesetzt und sich argumentativ überzeugend davon distanziert (s. z.B.: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/petakritik.html).
    Die „Forderungen“ des Autors im „Appell zum Schluss“ erledigen sich zum Teil von selbst durch das Zitieren des Satzes „Herrschaftskritische Antispeziesisten betonen somit, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches sei, was erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden könnten“ (mal wieder aus dem Artikel „Speziesismus“ bei Wikipedia, aber: „Immerhin“…) – zumindest, was die Forderung angeht, mehr zwischen der Vergnügungsjagd und der Jagd, um davon zu (über)leben, zu differenzieren. Der Autor sieht also bereits selbst, dass sehr wohl reflektiert und differenziert wird – daraus allerdings abzuleiten, dass der Antispeziesismus an sich aufgegeben werden müsste, zeugt wieder nur vom völlig falschen Verständnis der Begrifflichkeit: Es bedeutet für uns keineswegs, den Antispeziesismus-Begriff aufgeben zu müssen, wenn wir zugestehen, „dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen.“ Wiederum verweisen wir auf den vom Autor unterschlagenen Satz in unserer Selbstdarstellung. Wir sind uns darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen. Der Autor dagegen hält an eben diesem, absolut überholten Bild von Mensch und Tier, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, fest. Wird das Bild des Menschen von sich selbst als gottgleiche „Krone der Schöpfung“ angegriffen, hat das, wir wissen es seit Freud, eine narzisstische Kränkung zur Folge. Nun hatte der Mensch aber bereits 150 Jahre lang Zeit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Wird darauf heute noch mit dem haltlosen Vorwurf der „Gleichmacherei“ reagiert, ist das äußerst reaktionär, gemahnt an die Diskreditierung historischer Befreiungsbewegungen durch jene, die von der jeweiligen Ausbeutung profitierten, und zeigt letztlich auch, dass der Autor die maßgeblichen Entwicklungen der Wissenschaft der letzten 150 Jahre verpasst hat. Er scheint sich das Vorurteil in den Kopf gesetzt zu haben, „Antispeziesismus“ bedeute „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier, und anhand der Kritik seiner eigenen, falschen Begrifflichkeit verläuft dann die Diskreditierung der angeblichen Inhalte dieses Begriffes und der Bewegung, die ihn gebraucht – das aber, ohne sich vor der Urteilsbildung einmal die wirklichen Inhalte angeschaut und sich mit der Bewegung wirklich auseinandergesetzt zu haben, wie die mangelnden Kenntnisse des Autors in diesen Bereichen beweisen.
    Die weiteren Forderungen sind für Menschen, die sich mit der betreffenden Problematik auseinander gesetzt haben, fast schon provokant. So wird von uns etwa eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ verlangt – faktisch verhält es sich allerdings so, dass das Märchen von der „reduzierenden Jagd“ reinstes Jägerlatein ist. JägerInnen behaupten, sie würden die Natur schützen und das ökologische Gleichgewicht regulieren. Das Gegenteil ist der Fall. Um möglichst viel Beute zu machen, halten sie die teils übergroßen Populationen durch gezielte Zufütterung auf einem unnatürlich hohen Niveau; sog. Beutegreifer (Jagdkonkurrenz) werden bejagt und ausgerottet. Mit Getreide, Obst und Essensresten werden die Waldtiere angelockt und gemästet. Sein Jagdgebiet ist für einen Jäger also auch nichts anderes als für den Tierhalter die Mastanlage. Nicht selten sind dem Futter Medikamente und Hormone beigemischt – für eine prächtigere Trophäe. Viele Tiere werden außerdem eigens für die Jagd produziert. Fasane etwa werden in Volieren gezüchtet und kurz vor der Jagd in Wald und Feld ausgesetzt. So genannte „Verbissschäden“ an Bäumen, die gerne als Begründung für die Jagd herhalten müssen, entstehen durch die künstlich hohe Population und durch den Jagddruck, der die Rehe ins Innere der Wälder treibt, obwohl sie eigentlich Waldrandbewohner sind. Ein weiteres fadenscheiniges Argument der Jägerschaft ist, dass Wildtiere Krankheiten wie die Tollwut übertragen. Fakt ist, dass Füchse unter Jagddruck mehr Nachwuchs bekommen. Die Tollwut verbreitet sich durch Kämpfe von Jungfüchsen, die sich neue Reviere erschließen müssen. Mehr Jagd – mehr Jungfüchse – mehr Revierkämpfe – mehr Tollwut. Krankheiten werden durch Jagd also nicht eingedämmt, sondern verbreitet. Hinzu kommt, dass jährlich weit mehr Menschen durch die Jagd sterben oder verletzt werden als durch von Wildtieren übertragene Krankheiten. Eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ ist überhaupt nicht möglich – Jagd ist in unserer Gesellschaft nichts anderes als ein blutiger Freizeitsport! Ihre Grausamkeit und Sinnlosigkeit ist offensichtlich. Sie ist verantwortlich für die Ausrottung zahlreicher Arten sowie für gravierende Umweltschäden. Die Behauptung der JägerInnen, sie töteten für den Erhalt des „ökologischen Gleichgewichts“ (mit solchen verbalen Verschleierungen und teuren PR-Kampagnen versuchen die JägerInnen, Unterwerfung und Vernichtung von Tieren zum Naturerlebnis hoch zu stilisieren), ist längst widerlegt. So sind etwa die 72.000 Hektar des Nationalparks Gran Paradiso in Italien seit 1922 jagdfrei, in denen sich das Ökosystem ohne Weiteres selbst reguliert. Auch im Kanton Genf wurde die Jagd schon vor über 30 Jahren per Volksentscheid abgeschafft (http://www.tierbefreier.de/tierbefreiung/aktuell/09/150309_jagd_genf.html).
    Die restlichen beiden, für uns absurd anmutenden Forderungen, zwischen „der quälerischen“ und „artgerechter Tierhaltung“ sowie zwischen „Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen“ zu differenzieren, zeigen uns wiederum nur, dass der Autor sich mit diesen Themen nicht wirklich auseinander gesetzt haben kann bzw. die Grundanliegen der Tierbefreiungsbewegung einfach nicht verstanden hat. Einer der bekanntesten Slogans der Bewegung etwa ist „Artgerecht ist
    nur die Freiheit!“ – jegliche „Haltung“ entreißt doch ein Tier seiner natürlichen Umgebung und will ein autonomes Wesen dem Menschen, durch Zwang, „Züchtigung“ und Züchtung, gefügig machen.
    Dass Kleidung aus „Pelz“ in unserer Gesellschaft nur als Statussymbol dient und keinerlei Notwendigkeit folgt, steht für uns nicht zur Debatte. In Bezug auf Indigene sei auf die Argumentation oben verwiesen.
    Zum „Appell zum Schluss“ ist von unserer Seite noch allgemein anzumerken, dass derselbe eine Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung fordert, die unserem Ansatz absolut widerspricht. Wir sind keine TierschützerInnen und argumentieren auch nicht über eine Mitleids-Ethik, sondern für das Recht auf Autonomie; dies schließt auch die Ernährungssouveränität mit ein – solange diese nicht die Autonomie der anderen verletzt – wir werben, wie vom Autor als sinnvoll erachtet, für eine Ernährungsumstellung in den Metropolen (und unser Werben hat nicht appellativen, sondern persuasiven Charakter!). Die Forderung nach einer Entpolitisierung unserer Bewegung ist ein Angriff auf das Fundament ihres Selbstverständnisses! Carsten Haker schreibt hierzu, aus der „Dialektik der Aufklärung“ und aus Adornos „Probleme der Moralphilosophie“ zitierend: „Da in einer herrschaftlich-warenförmig organisierten Gesellschaft die Bedingungen, nach denen sie funktioniert, zwar von Menschen geschaffen sind und sich von Menschen ändern ließen, aber als natürlich und notwendig erscheinen, ist für eine Moralphilosophie die Reflexion des gesellschaftlichen Bannes erforderlich; Moral ohne Systemkritik, ohne Rekurs auf den „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ (DA 48), ist unmoralisch, da sie ihn nicht hinterfragt. Die Form, in der gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen als Naturschicksal entgegentreten, drückt ihre gesellschaftliche Verflochtenheit aus; „[…] in zweiter Natur, in der universalen Abhängigkeit, in der wir stehen, gibt es keine Freiheit; und es gibt darum in der verwalteten Welt auch keine Ethik; und deshalb ist die Voraussetzung der Ethik die Kritik an der verwalteten Welt.“ (PM 261)“.
    Ein für allemal wollen wir klarstellen: Wir verorten uns innerhalb der herrschaftskritischen Linken und verstehen uns ausdrücklich als Teil einer emanzipatorischen Bewegung (und wollen als solche respektiert werden und nicht lächerlich gemacht werden mit Unterstellungen, dass unsere politische Arbeit letztlich auf bloßem „Mitleid“ beruhe und wir deshalb doch lieber klassische Tierschutz-Arbeit machen sollten, oder gar mit Jaina-Mönchen verglichen werden) – nur hört für uns die Befreiung nicht beim Menschen auf. Wir sind der Überzeugung, dass, würde unsere Solidarität sich auf andere Menschen beschränken, wir nur Teilaspekte des Ausbeutungsapparats im Auge hätten, den wir aber als Ganzes bekämpfen wollen. Mit dieser Ansicht stehen wir nicht alleine. Im Gegenteil kann sich die Tierbefreiungsbewegung auf maßgebende Traditionslinien linker, herrschaftskritischer Theorie berufen, wie etwa auf die Kritische Theorie. Der Autor fordert uns dazu auf, „verdammt nochmal bitte“ damit aufzuhören, „das“ Adorno-Zitat – ohne zu sagen, welches eigentlich – „entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren!“ Adorno habe „nicht die Behandlung von Tieren als solche“ kritisiert. – Eine solche Aussage zeigt deutlich, dass der Autor sich niemals eingehender mit der Kritischen Theorie beschäftigt hat – geschweige denn mit der darauf aufbauenden Theorie der Tierbefreungsbewegung. Er erwähnt zwar das Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, kann es aber nicht gelesen haben, sonst könnte er nicht zu einer solchen Aussage über Adorno gelangen. Für die Theoretiker der Frankfurter Schule war es selbstverständlich – und das ist eine absolut zentrale Aussage ihrer Theorie und war ihnen ein wichtiges Anliegen –, auch die Situation der Tiere in der Warengesellschaft in ihre Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit einzubeziehen. So war es bereits selbstverständlich für sie, dass eine befreite Gesellschaft die Befreiung der Tiere mit einschließen würde. Herbert Marcuse beispielsweise antwortete in einem Interview auf die Frage, was er gedenke, nach der Befreiung der Menschen zu tun: „Die Tiere befreien natürlich.“ In unserer Selbstdarstellung zitieren wir den Text von Horkheimer von 1934, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines „Wolkenkratzers“ verwendet, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Es ist ein wichtiger Verdienst der Kritischen Theorie, dass sie die nichtmenschlichen Tiere als ausgebeutete Subjekte in die Betrachtung der kapitalistischen Gesellschaft mit einbezieht. Horkheimer schreibt, in den „Verliesen des Gesellschaftsbaus“ richte die Gesellschaft das „Leiden der Kreatur“ an zum Zwecke der „fieberhaften Herstellung von zweifelhaften Luxusgütern“ mit Hilfe von „unzweifelhaften Zerstörungsmitteln“. Als „unbeschreiblich töricht und grausam“ gegenüber Tieren erwiesen sich die Menschen in Zoos und Zirkussen; über die „Dummheit der Zuschauer“ wird geklagt: Der Mensch gehöre zur „einzigen Rasse, die Exemplare anderer Rassen gefangen halten oder sonst auf eine Art quälen, bloß um sich selbst dabei groß vorzukommen“ (es ist übrigens auch noch gar nicht so lange her, dass die selbsternannte weiße „Herrenrasse“ in sog. „Menschenschauen“ dunkelhäutige, „niederrassige“ Menschen zur Schau gestellt hat).
    In der „Dialektik der Aufklärung“ kritisieren Horkheimer und Adorno den Antrieb abendländischer Zivilisation und Wissenschaft, die das als „Natur“ Definierte zu nichts mehr als zu bloßem Material macht, welches zu beherrschen ist, grundsätzlich: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ Dabei gehen sie auch speziell auf die „Versklavung der Kreatur“ ein und kritisieren auch das Vorgehen der funktionalen Wissenschaft, die disqualifizierte Natur zum Stoff bloßer Einteilung und Verfügbarkeit für den Menschen zu machen – so gehe etwa das Kaninchen „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“. In einem eigenen Abschnitt über „Mensch und Tier“ kritisieren Horkheimer und Adorno die Formeln und Resultate, die Menschen „in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen“ und den „blutigen Schluß“, „den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen“. Von „Arena und Schlachthaus“ ist die Rede, von der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute“. „Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“, so prangern sie an. Die Ursache davon: „Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat“ – nämlich die Unterdrückung der inneren Natur, des inneren Tieres im Menschen, die „Geist“ überhaupt erst ermöglichte. So „bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht.“
    Den schmerzhaften Prozess der Beherrschung, der notwendig für den Menschen war, um Geist und Kultur hervorzubringen, hat er nie ganz überwunden, und er ist kein ein für
    Den schmerzhaften Prozess der Beherrschung, der notwendig für den Menschen war, um Geist und Kultur hervorzubringen, hat er nie ganz überwunden, und er ist kein ein für allemal abgeschlossener, sondern der Mensch scheint sich der Herrschaft über die innere und äußere Natur immer wieder versichern zu müssen. Darin liegt nach Horkheimer und Adorno der eigentliche Antrieb des Faschismus: „Das prononcierte Menschengesicht, das beschämend an die eigne Herkunft aus der Natur und die Verfallenheit an sie erinnert, fordert unwiderstehlich nur noch zum qualifizierten Totschlag auf. Die Judenkarikatur hat es seit je gewußt, und noch der Widerwille Goethes gegen die Affen wies auf die Grenzen seiner Humanität. […] So blind steht der Koloß des faschistischen Schlächters vor der Natur, daß er ans Tier nur denkt, um Menschen durch es zu erniedrigen. Für ihn gilt wirklich, was Nietzsche Schopenhauer und Voltaire zu Unrecht vorwarf, daß sie ihren „Haß gegen gewisse Dinge und Menschen als Barmherzigkeit gegen Tiere zu verkleiden wußten“. Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrömmigkeit des Faschisten ist der Wille zur Verfolgung. Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor si

  15. 15 Antispeziesistische Aktion Tübingen 03. Mai 2010 um 0:13 Uhr

    Bereits an der Überschrift „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“ wird deutlich, dass hier wohl der gesamte Antispe-Ansatz grundlegend missverstanden wurde. Uns geht es in erster Linie darum, auf die Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen, „die individuelle Umsetzung (z.B. eine vegane Lebensweise) ist mehr eine persönliche Entscheidung“, heißt es in unserer Selbstdarstellung. Es liegt uns fern, unsere „Essgewohnheiten“ zu politisieren – höchstens haben wir aus einer politischen Überzeugung heraus unsere Lebensweise bewusst umgestellt, womit eben meist der Bruch mit den bisherigen unüberlegten Essgewohnheiten einherging.
    Allerdings können wir dem Satz im ersten Abschnitt („Was ist Antispeziesismus überhaupt?“) „Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache“ keinesfalls zustimmen: Konsum ist nie privat, sondern hat immer – mitunter sehr weitreichende – Auswirkungen. Vor allem angesichts der Globalisierung des Handels müssen wir uns darüber stets bewusst sein. So ist etwa der hohe Fleischkonsum der Industriegesellschaften schon nur hinsichtlich seiner sozialen und ökologischen Auswirkungen nicht länger tragbar.
    Gleich zu Beginn des nächsten Abschnitts wird unter der etwas seltsam anmutenden Überschrift „Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?“ der Hauptkritikpunkt des Autors am Antispe-Ansatz, der im Laufe des folgenden Textes immer wieder wiederholt wird, genannt: Beim Antispeziesismus handle es sich um eine Theorie, welche die „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreibe bzw. Menschen und andere Tiere bzw. deren Belange gleichsetze. Diese Angleichung finde bei Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt – auf „organisatorischer Ebene“ hält der Autor sie für „schlechterdings möglich“, wobei er wohl die Bedeutung des Wortes „schlechterdings“ nicht kennt, oder, was wahrscheinlicher ist, eigentlich „unmöglich“ meinte. Wie dem auch sei – dem Vorwurf der „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier sieht sich der Antispeziesismus leider immer wieder ausgesetzt. Es handelt sich dabei allerdings schlicht um eine Fehlinterpretation, wenn nicht gar um eine Unterstellung, die jedenfalls nichts mit den tatsächlichen Forderungen der Tierbefreiungsbewegung zu tun hat. Wir wollen keine „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreiben, sondern den im gesellschaftlichen Denken – und auch im Denken des Autors – tief verankerten, aber längst überholten Mensch-Tier-Dualismus und seine Implikationen, vor allem den daraus abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Menschen über die anderen Tiere, dekonstruieren.
    In seinem Vortrag „Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet“ sagt Prof. Dr. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, (verlinkt zum Durchlesen oder Anhören unter http://asatue.blogsport.de/texte/) deutlich: „Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig.“ Spätestens seit Darwin müsste eigentlich klar sein, dass die ideologisch konstruierte Kluft zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren nicht mehr haltbar ist, vielmehr gehört auch der Mensch der Tierwelt an und ist aus ihr hervorgegangen (aus diesem Grund ist es intellektuell nicht länger redlich, nur Menschen in moralische Überlegungen mit einzubeziehen; die „moral community“ muss entsprechend erweitert werden). Die von uns vorangetriebene Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus oder des Speziesimus bedeutet aber eben gerade nicht, dass wir fordern, Menschen und Tiere gleich zu behandeln. Der Autor zitiert zwar ausführlich aus unserer Selbstdarstellung, behauptet aber gleichzeitig, wir würden Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen negieren wollen. Dabei heißt es in unserer Selbstdarstellung – was der Autor zum Zwecke seiner Argumentation vollkommen unterschlägt! – klar und deutlich: „Antispeziesismus heißt für uns nicht, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollen. Antispeziesismus heißt, dass der Kampf gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere nicht vom Kampf gegen die Unterwerfung von Menschen getrennt werden kann!“ Tatsächlich sind gerade auf der sprachlich-symbolischen Ebene die Arten der Diskriminierung von „Fremden“, „Frauen“ und „Tieren“ kaum zu trennen bzw. bedingen einander und gehen fließend ineinander über – die Attribute, mit denen die jeweils als inferior betrachtete Gruppe belegt wird, wie etwa größere Naturnähe oder Vernunftlosigkeit, und der Sprachgebrauch sind austauschbar.
    Die als Beispiele aufgeführten Begriffe von „Animal Peace“ lehnen wir als Antispe Tübingen aufgrund der polemischen und entkontextualisierten Verwendung ab. Bei der Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus aber können Vergleiche mit den Diskriminierungsformen, denen bestimmte Gruppen von Menschen ausgesetzt sind, oft dazu dienen, Problembewusstsein zu schaffen. Wichtig hierbei aber ist, zwischen Vergleich und Gleichsetzung zu differenzieren: Ein Vergleich muss keine tatsächliche Gleichsetzung bedeuten.
    Allerdings folgt aus den Überlegungen über Rassismus und Sexismus, die ja allgemein ausgedrückt die Diskriminierung des als „das Andere“ Gebrandmarkten zum Thema haben, wenn sie konsequent weiter gedacht werden, der Gedanke an die Tiere fast schon logisch zwingend. Albert Memmi hat sich als Soziologe mit dem Thema Rassismus bzw. „Heterophobie“ wissenschaftlich beschäftigt und 1964 eine Definition gegeben, die von wichtigen Nachschlagewerken wie der „Encyclopædia Universalis“ übernommen worden ist. Der Rassismus, den er als „mittelbare oder unmittelbare Manifestierung der Herrschaft“ sieht, ist nach Memmi „die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver (biologischer) Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi macht dabei aufmerksam auf die „besondere Wirksamkeit der biologischen Beschuldigung“ („Der Schwarze ist unwiderruflich schwarz, die Frau unwiderruflich Frau. Daher rührt auch das Bestreben, den Juden und den Kolonisierten biologisch zu kennzeichnen, selbst wenn die Biologie gar nicht hierher gehört. Denn die Biologie ist eine Abbildung der Schicksalhaftigkeit“) und geht dann auf den Mechanismus der Entmenschlichung ein: „Es ist leichter, dem Untergang, der Ausrottung von Tieren entgegenzusehen als der von Menschen. Die Anfänge dieser Betrachtungsweise gegenüber den Schwarzen lassen sich übrigens genau datieren, sie fallen mit dem Aufkommen des Handels mit Negersklaven zusammen“; die Ausrottung der Indianer in Südamerika nennt er eine „gigantische Triebjagd auf Tiere mit menschlichem Antlitz“. Es sind dann bei Memmi auch schon aus den Überlegungen zu Rassismus und Sexismus heraus Ansätze da, die Emanzipation auf die nichtmenschlichen Tiere auszuweiten. So schreibt er: „Der Kern jeder Moral ist die Achtung des anderen; es wird an unserer menschlichen Ehre liegen, eine humanere Welt zu errichten. So lange, bis eines Tages auch die Tiere in ihr Frieden und Sicherheit finden werden, müssen wir dafür Sorge tragen, daß wenigstens die Menschen, und zwar alle Menschen, nicht mehr wie Tiere behandelt werden“, und, zu seiner Rassismus-Definition: „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere.“ In dieser berühmten und allgemein anerkannten Definition Memmis, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, Antispeziesist gewesen zu sein, sind also die nichtmenschlichen Tiere bereits mit eingeschlossen.
    Dagegen heißt es im „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“-Text: „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“ – wobei wieder der Vorwurf der „Gleichsetzung“ mitschwingt. Dazu können wir nur sagen: Ja, wie beispielsweise Memmi und viele andere Autoren stellen wir die Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere durch den Menschen in eine Reihe mit anderen Formen der Unterdrückung insofern, als dass die Befreiung der Tiere für uns die logische Fortsetzung der historischen Emanzipationsbewegungen darstellt – was aber nicht heißt, dass wir die verschiedenen Arten der Diskriminierung einfach gleichsetzen, wie mit der polemischen Anmerkung „Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen“ suggeriert wird. Wir sind keine „Menschenfeinde“, wir bewerten die Interessen anderer Tiere nicht einfach generell gleich (oder gar höher) als die von Menschen – für uns hört aber, wie es bereits in der Überschrift unserer Selbstdarstellung heißt, die Befreiung nicht beim Menschen auf. Natürlich sind wir uns vollkommen darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, was schlicht sinnlos ist. Auch der Autor wird wohl zugeben müssen, dass zwischen Affen und Menschen eine größere Ähnlichkeit besteht als zwischen Affen und Muscheln – trotzdem werden letztere beide, im allgemeinen gesellschaftlichen Denken in einer homogenen Gruppe zusammengefasst, dem Menschen gegenübergestellt, was schlicht falsch ist (insofern erledigt sich auch der Vorwurf eines angeblichen Widerspruchs, dass dem Menschen als moralfähiges Wesen dann doch wieder eine Sonderstellung eingeräumt werde). Die uns vorgeworfene „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ jedenfalls findet höchstens insofern statt, als dass wir der Überzeugung sind, dass spätestens seit Darwin die metaphysische Legitimation für die absolute Sonderstellung des Menschen, die den Menschen allen anderen Tieren gegenüberstellt, nicht mehr gegeben ist – Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren sind eben nicht absolut, sondern graduell.
    Im weiteren Verlauf des Textes wird der Gegenbewegung gegen die Tierausbeutung (wobei „Tierausbeutung“ in Anführungszeichen gesetzt ist, als ob der Autor suggerieren wolle, dass es die durchrationalisierte Industrie, die schon Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ als „lückenlose[n] Ausbeutung der Tierwelt heute“ beschrieben, und die inzwischen noch mehr „perfektioniert“ wurde, gar nicht gebe) dann noch vorgeworfen, sie bediene sich „frech“ bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen, wobei speziell das „Symbol der Antifa“ genannt wird, das „auf grün umgefärbt“ werde. – Nun verhält es sich so, dass das „Antifa“-Logo niemand für sich lizenziert hat. Viele unterschiedliche Gruppen verwenden es in vielen unterschiedlichen Ausgestaltungen – so kommt es inzwischen sogar dazu, dass „autonome Nationalisten“ das Symbol für ihre Zwecke verwenden oder Antideutsche die rote und schwarze Fahne durch die Flaggen Israels und der USA ersetzen. Ursprünglich kommt der Begriff und die Idee der Antifaschistischen Aktion aus Italien, wo Gegner von Mussolini als „Antifaschisten“ bezeichnet wurden. In Deutschland gab es seit 1923 die „Antifaschistische Aktion“ als Teilbereich des Rotfrontkämpferbundes. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verschwand der Begriff ab 1933 zunehmend und wurde nur noch vereinzelt vom kommunistischen Widerstand verwendet, erst in den 1980er Jahren gründeten sich dann im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aus der Hausbesetzer- und Autonomen-Bewegung heraus sogenannte Antifa-Gruppen. Die Begrifflichkeit und die Symbolik wird seither auch von unterschiedlichen emanzipatorischen Bewegungen verwendet – so gibt es etwa eine „Antihomophobe Aktion“, die sich ebenfalls einfach „frech“ bedient und das Antifa-Logo für ihre Zwecke instrumentalisiert hat und dazu die ursprünglich rote Fahne im Logo durch die Regenbogen-Fahne als Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ersetzt hat – mit der Verwendung der Regenbogenfahne wiederum hat diese Bewegung sich übrigens ganz frech und unverschämt wahlweise bei den Kämpfern aus den Bauernkriegen, die diese Fahnen schon schwangen, bei den Flaggen des Inka-Reiches oder bei der Friedensbewegung bedient. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Symbole sich historisch wandeln und sich verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen anpassen können. Außerdem kann die angeblich freche Aneignung im Falle der „Antispeziesistischen Aktion“ auch durchaus anders gesehen werden, nämlich so, dass das Logo bewusst gewählt wurde, um sich durch die Verwendung der bekannten Symbolik als ausdrücklich politische und antifaschistische Bewegung vom konventionellen Tierschutz abzugrenzen.
    Mit dem Vorwurf der Schön-, – Verzeihung: Grünfärberei, geht dann auch gleich wieder der Vorwurf einher, eine Differenzierung zwischen „der durchaus kritikwürdigen und verabscheuungswerten“ Tierquälerei und der Quälerei von Menschen fände dabei nicht statt. Als angebliche Belege führt der Autor zwei Zitate an. Beim ersten handelt es sich um ein Zitat von Helmut F. Kaplan. Zu diesem merkt der Autor gleich selbst an, dass er „inzwischen auch“ in linken Antispe-Kreisen abgelehnt werde – wobei wir uns dann aber schon fragen, weshalb er an dieser Stelle überhaupt angeführt wird, geht es doch um eine Kritik des linken Antispeziesismus. Nun gut, es scheint sich für den Autor eben angeboten zu haben, wenn er es schon auf sich genommen hat, den Artikel über „Speziesismus“ bei Wikipedia zu lesen, auch etwas daraus zu kopieren… Außerdem finde sich die angeblich in dem Zitat ausgedrückte „Analogie-Setzung“ ja schließlich „bei Antispes aller Schattierungen“, so auch in dem „aus linken Antispe-Kreisen stammende“ Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“. Tatsächlich gilt dieses von Susann Witt-Stahl, einer Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung der ersten Stunde (aktiv bei der Tierrechtsaktion Nord (TAN), welche sich 1987 gründete, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen) herausgegebene Buch seit seinem Erscheinen als theoretisches Standardwerk der Tierbefreiungsbewegung und als Fundament zur Entwicklung einer kritischen Theorie (aufbauend auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule) zur Befreiung der Tiere. Der Autor zitiert dann auch einen ganzen Halbsatz aus dem Buch, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (analog zu Rassismus, Sexismus etc. [.])“ die Rede sei, was uns geradezu enttäuscht, erwarteten wir nun doch endlich einmal einen Beleg dafür, wie der Antispe-Ansatz menschliches Leiden gegenüber dem der Tiere auf geradezu menschenverachtende Weise relativiere. Wiederum aber scheint dem Autor nur nicht der Unterschied zwischen der strukturellen Analogie, die zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus, Sexismus oder eben Speziesismus gezogen werden kann, und der willkürlichen Gleichsetzung von Mensch und Tier klar zu sein.
    So soll im nächsten Abschnitt, überschrieben mit „Am Beispiel der Antispe Tübingen“, dann auch unsere Selbstdarstellung als Beleg für die böse Mensch-Tier-Gleichsetzung herhalten: Wenn wir behaupteten, Speziesismus könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“, sei das „schon recht seltsam“, denn Sexismus und Rassismus basierten vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße „dümmer und unbegabter“ seien als Männer bzw. Weiße. Weiter heißt es: „Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon, dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.“ – Brennend würden uns diese angeblich empirisch beweisbaren Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren interessieren, doch leider kann der Autor nicht einen nennen – wie auch, wenn nicht einmal die Fachwissenschaftler dies heutzutage noch vermögen. Der Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, Volker Sommer, kann keinen finden: „Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind. Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet […] Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu zumindest unseren allernächsten Verwandten zu überdenken [.] so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre exklusiven Clubs aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in der Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile hinauszögern lassen. […] Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den großen Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. […] Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut inklusiver zu werden (wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann ebenfalls hinterfragt werden kann). Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja beispielsweise auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder geistig Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten zu rechtfertigen versucht.“
    Dem haben wir nicht viel hinzuzufügen – außer vielleicht, dass wir dem Autor darin zustimmen, „dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist“ (tatsächlich führt das in unserer Kultur maßgebende dichotome Menschenbild, also das Zweigeschlechtersystem, zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, mithin zur Eliminierung der Geschlechtervielfalt durch die Medizin: 95% der Intersexuellen in der BRD werden schon kurz nach der Geburt genital-chirurgischen und verschiedenen medikamentösen Eingriffen zur Veränderung der individuellen Geschlechtsmerkmale unterzogen; die Eingriffe führen bei den betroffenen Menschen zu einer lebenslang erforderlichen medizinischen Behandlung). Innerhalb der Geschlechter, innerhalb der Erscheinung des Menschen überhaupt, existiert eine große Diversität. Diese existiert innerhalb der gesamten Tierwelt – natürlich existieren deshalb zahlreiche äußerliche Unterschiede zwischen verschiedenen Tierarten (und damit auch zwischen dem Menschen und anderen Tieren), aber: Daraus darf keinesfalls die Dichotomie Mensch-Tier resultieren, denn der Mensch-Tier-Dualismus ist ebenso ein soziales Konstrukt wie der (Zwei-)Geschlechterdualismus (was wiederum ein Vergleich, aber keine Gleichsetzung ist!).
    Es ist übrigens interessant, dass sich gerade auch aus feministischen Zusammenhängen und aus den Reflexionen zur Geschlechts-Konstruktion Beiträge zu einer Theorie der Tierbefreiung ergeben haben. In ihrem Aufsatz zur „Frau-Tier-Natur-Gleichsetzung“ in der Aufsatzsammlung „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ stellt Mieke Roscher zahlreiche Feministinnen vor, die sich auch für ein anderes Verhältnis zu Tieren eingesetzt haben. Was sie dann manchen Queer-TheoretikerInnen vorwirft, kann unserer Meinung nach durchaus auch dem Autor vorgeworfen werden: „Die Darstellung der Unterdrückung der Tierwelt als natürliche Gegebenheit muss eindeutig zurückgewiesen werden, da die Legitimation für die Unterdrückungen genauso auf sozialer Konstruktion fußt wie geschlechtsspezifische Hierarchien auch. [.] Die Auflösung nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch biologischer Zuschreibungen von Geschlecht finden nur für das Menschliche statt. Das Tier wird weiterhin als das Andere gedeutet, welches fortwährend als unbedingt und unmittelbar durch rein biologische Determinanten bestimmt wird. Eine entsprechende Fortsetzung der Dekonstruktion anderer Dualismen wird nicht vollzogen. Da das Verhältnis zum Tier, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die seine Ausbeutung forcieren, als naturhaft erklärt wird, sollen auch Perspektiven für Veränderungsmöglichkeiten dauerhaft negiert werden. Dabei ist das, was als tierliche Natur beschrieben wird, oftmals grob verallgemeinert und unhaltbar. Es ist somit, wie die feministische Naturwissenschaftlerin Lynda Birke richtig sagt, zutiefst unwissenschaftlich, biologischen Determinismus abzulehnen, ihn jedoch im Rekurs auf das Tier als maßgeblich zu betrachten.“ – Genau dies aber tut der Autor, auch noch unter aufs Gröbste verallgemeinerten und unhaltbaren Zuschreibungen! Zum Thema „Frauen und Tiere“ gab es, falls weitergehendes Interesse besteht, auch einmal ein Dossier in der „Tierbefreiung“: http://www.tierbefreier.de/magazin/FrauenundTiere_tb47.pdf.
    Im nächsten Abschnitt wird unser Ansatz, „das Problem bei der Wurzel zu packen“ und „nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen“ zu suchen, wie es in unserer Selbstdarstellung heißt, kritisiert. Der Autor verweist darauf, dass in allen Kulturen Tierprodukte verwendet würden – es sei nicht die generelle Nutzung von Tieren, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstelle. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, weisen wir darauf hin, dass unsere Kritik sich auf die Verhältnisse bezieht, in denen wir aktuell leben. Unsere Kritik hat nie die Verhaltensweisen von Menschen zum Gegenstand gehabt, die aufgrund ihrer Umweltbedingungen auf die Nutzung von Tieren angewiesen waren oder sind. Fakt ist aber, dass in unseren industrialisierten Gesellschaften niemand darauf angewiesen ist und angesichts der Entwicklung der Globalisierung und der Bevölkerungszahlen auch weltweit Schritte hin zum Verzicht auf Tierprodukte als nicht nur ökologisch sinnvolle Perspektive erscheint. „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“, hat schon Albert Einstein gesagt.
    Zu unserer Feststellung, die Ideologie des Speziesismus liefere die Legitimation dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet würden, merkt der Autor an, dass der Mensch einfach Fleisch esse und dafür keine Legitimation durch eine Ideologie brauche. Dies sehen wir nicht so. Der Mensch benötigt immer eine Legitimation dafür zu töten, dafür gibt es zahlreiche Beispiele – eines davon hat der Autor selbst im Absatz zuvor genannt: Die Entschuldigungs-Rituale mancher Indigener vor der Jagd. Traditionell hatten es die Menschen nötig, das Töten von Tieren religiös-mythisch zu legitimieren. So schildert beispielsweise ein mittelpersischer Text, wie der Gott Ohrmazd einst das Vieh aufgefordert habe, sich hinzugeben, damit es verspeist werde. Dieses aber habe erkannt, was die Menschen ihm antun würden, und stritt daraufhin mit dem Gott; dieser sicherte ihm schließlich zu, dass ihm seine Sünden erlassen würden – für die von den Tieren verübten Sünden würden diejenigen zur Verantwortung gezogen, die das Fleisch essen! Für ähnliche Legitimations-Strategien gäbe es noch zahllose Beispiele. Und wo früher dafür die Religion herhalten musste, wird in einer säkularisierten Gesellschaft (pseudo-)wissenschaftlich argumentiert – beispielsweise mit dem Mensch-Tier-Dualismus.
    Weiterhin kritisiert der Autor, wir würden den Tier-Mensch-Unterschied einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen, da es in unserer Selbstdarstellung heißt, der Mensch unterscheide sich von anderen Tieren „nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken“, teile mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden. Wir geben zu, dass dieser Satz vielleicht nicht ausführlich genug formuliert ist. „Techniken“ meint hier auch bestimmte kognitive und vor allem moralische Fähigkeiten – allerdings bezeichnen diese Unterschiede, ganz im Sinne des schon zitierten Gradualisten Volker Sommer, immer nur graduelle Unterschiede und legitimieren keinen Mensch-Tier-Dualismus! Der Autor beharrt vor allem auf der seiner Ansicht nach speziell menschlichen Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und -reflexion, merkt allerdings schon selbst in Klammer an, „manche Affenarten“ könnten sich „nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen“. Wie Volker Sommer richtig anmerkt, bleiben Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet. Tatsächlich verhält es sich so, dass, wie etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am 9.11.2009 meldete, der „Club der Ich-Bewussten“ ständig wächst: „Neben Primaten, Elefanten, Delfinen und einigen Vögeln erkennen sich auch Schweine im Spiegel selbst“ (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,660191,00.html).
    Wir wissen nicht, inwieweit andere Tiere zu moralischem Denken und Handeln fähig sind. Der Mensch jedenfalls ist dazu fähig – dessen sind wir uns bewusst und das liegt unserer Theorie zugrunde. Wehren wollen wir uns gegen den Vorwurf, Verhalten anderer Spezies zu „vermenschlichen“ – das liegt uns fern, wir sind keine TierschützerInnen! Wir erwarten von anderen Tieren nicht Mitleid, Ethik und Moral – aber wir fordern dies von Menschen anderen Tieren gegenüber! Allerdings wird unserer Ansicht nach, wenn der Autor in der „Tierwelt“ lediglich „die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden“ anerkennt, und speziell im nächsten Absatz („Das „Tier Mensch“?“), wiederum ein verzerrtes und einseitiges Bild des natürlichen Verhaltens gezeichnet, welches wohl, wie die Anmerkungen des Autors zum „Recht des Stärkeren“ zeigen, vor allem durch ein falsches Verständnis vom Darwinismus herrührt – außerdem scheint im Hintergrund mancher Aussagen wieder klar die Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus hindurch, etwa, wenn der Autor schreibt: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“
    1835 las Charles Darwin „An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“ des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus. Die Bevölkerungstheorie von Malthus hat sowohl die Evolutionstheorie von Darwin als auch diejenige von Alfred Russel Wallace maßgebend beeinflusst. Dem Bevölkerungsgesetz von Malthus liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, sowie die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. Der Begriff „survival of the fittest“ wurde 1864 von Herbert Spencer (in den „Principles of Biology“) eingeführt. „Fitness“ bezeichnete im 19. Jh. zunächst einmal das (vorteilhafte) Verhältnis eines Individuums zu seiner Umwelt. Bei Darwin bedeutet der Begriff, dass diejenigen Individuen, die besser an ihre natürliche Umgebung angepasst sind, den malthusschen „struggle of existence“ besser bestehen. In einer Situation, in der Knappheit der Mittel vorherrscht, können diejenigen, welche sich an diese Situation besser anpassen können, besser überleben und mehr Nachkommen hinterlassen. Von einem „Recht des Stärkeren“ ist bei Darwin nicht die Rede, auch nicht von „Kampf“. Den „struggle of existence“ kann auch eine Wüstenblume führen – um Wasser, bzw. gegen ihre widrigen Umweltbedingungen. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später übrigens, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural prevervation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Die darwinistische Theorie sollte nicht zu naturalistischen Fehlschlüssen führen, dies passiert eigentlich auch nur, wenn sie oberflächlich rezipiert wird – tatsächlich hat sie sogar tierethische Konsequenzen, denn bereits Darwin selbst negierte ausdrücklich den Mensch-Tier-Dualismus: Zwischen Mensch und Tier bestehe nur ein gradueller Unterschied, kein wesentlicher (difference of degree, not of kind). – Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, um einmal eine Tier-Metapher zu gebrauchen, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug (Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt“). Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft! Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.
    Es ist schade, dass in den politisch und historisch sonst doch gut informierten Kreisen, denen der Autor entstammt, ein so undifferenziertes, vom populären Diskurs geprägtes, mangelhaftes Wissen über Darwinismus und Sozialdarwinismus vorzuherrschen scheint und platt „Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus“ als die „Realität des Tierreiches“ beschrieben werden.
    Wie in Kommentaren auf dem „Eisberg“-Blog bereits angemerkt, werden in diesem Zusammenhang dann auch noch Fehler gemacht, welche schlicht zeigen, dass der Autor sich schlecht informiert hat – so wird etwa das „Great Ape Project“ fälschlicherweise als „Human Project“ bezeichnet oder geschrieben, Gorillas (statt Schimpansen) würden „gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen“ essen. Außerdem wird wieder mit falschen Unterstellungen gearbeitet – so wird uns etwa die Ansicht untergeschoben: „Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“", was wir nie, vor allem so nicht, sagen würden (s.o.).
    Und, einmal davon abgesehen, dass es in der Tierbefreiungs- und Antispe-Bewegung keineswegs einen Konsens darüber gibt, inwieweit Rechte für Tiere im juristischen Sinne sinnvoll wären (wir sind eher der Meinung, dass die Befreiung der Tiere eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins voraussetzt und lehnen jedenfalls von oben verordnete „Tierrechte“ aus herrschaftskritischer Überzeugung heraus ab – dennoch fordert die Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich Freiheit und „Lebensrecht“ für alle fühlenden Lebewesen) – was spricht – sogar aus der Sicht von TierschützerInnen – gegen den Wunsch, die individuelle Freiheit und das Leben der großen Affen zu erhalten sowie sie vor Verfolgung und Folter zu schützen? Ob dazu unbedingt „Menschenrechte für Menschenaffen“ notwendig sind, lässt sich mit Recht bezweifeln.
    Im nächsten, mit „Es gibt Tiere und Tiere“ überschriebenen Abschnitt, wird ein polemischer Abschnitt aus dem Diskussions-Beitrag in der „Jungle World“ von Ivo Bozic zitiert, auf den es sich kaum lohnt, einzugehen. Nur soviel sei dazu gesagt: Der politische Veganer/die politische Veganerin in der kapitalistischen Warengesellschaft versucht schlicht, durch seine/ihre Kaufentscheidungen so wenig organisierte (Tier-)Ausbeutung wie möglich in Auftrag zu geben – was soll daran schlecht sein? Wir versuchen nur, innerhalb der uns möglichen Verhältnisse nach Möglichkeit ethisch zu handeln – und durch unsere Nachfrage möglichst kein Leid in Auftrag zu geben. – Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.
    Zu den Ausführungen des Autors „Heißt dass [sic] dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?“, sei noch angemerkt, dass, wie italienische Hirnforscher um Rosa Rugani von der Universität Trient herausgefunden haben, Küken bereits kurze Zeit nach dem Schlüpfen dazu fähig sind, einfache Rechnungen anzustellen, oder andere Experimente zeigten, dass der weibliche nordamerikanische Moskitofisch in etwa so gut zählen kann wie ein knapp einjähriges Kleinkind – und, wie bereits angemerkt, können Schweine sich sogar im Spiegel erkennen…
    Im nächsten Abschnitt „Und was sagen die Tiere dazu?“ wird uns „eine arge Form der Stellvertreterpolitik“ vorgeworfen. Mit der Auffassung, dass das nichtmenschliche Tier nur befreit WERDEN kann, dass Subjekt und Objekt der Befreiung also auseinander treten, hat die Tierbefreiungsbewegung sich auseinander gesetzt. Hier gibt uns die Kritische Theorie die Lösung des angeblichen Problems an die Hand. Marcus Hawel schreibt in seinem Aufsatz „Emanzipative Praxis und kritische Theorie“ (in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“) dazu: „Subjekt und Objekt der Befreiung träten nicht mehr auseinander, wenn wir den Bezugsrahmen etwas erweiterten und uns darüber klar würden, dass es allgemein um UNSER Verhältnis zur Natur, zum Leben geht, von dem wir uns selbst zu emanzipieren hätten, weil wir darin eine ungeheuerliche Destruktionskraft entdeckten, die uns selbst die Existenzgrundlage entzieht. Wir müssen UNS selbst befreien – nicht von Natur, sondern von unserem destruktiven Umgang mit der Natur. Natur wird für kurzfristige Profitinteressen vernichtet“ – die gleiche Verwertungsvorstellung zerstört auch das Leben der Menschen. Auch Marco Maurizi betont in seinem Aufsatz „Die Zähmung des Menschen“: „Sind DIE Interessen der Menschen grundsätzlich gegen die der Tiere gerichtet, dann ist es lediglich ein glücklicher Zufall, wenn menschliche und tierische Interessen ab und zu zusammenfallen. Dem muss entgegengehalten werden, dass die Befreiung der Tiere mit der Befreiung der Menschen identisch ist und nur politisch begriffen werden kann. Aus dieser Perspektive ist der Kern des Problems die zerstörende Logik des Kapitals, eine Logik, die bestimmte gesellschaftliche Strukturen voraussetzt (Klassengesellschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Staatsgewalt). Solche Strukturen wurden vor Tausenden von Jahren durch die Unterdrückung von Menschen UND Tieren geschaffen. Die Befreiung des Menschen wird daher ein TEIL der Befreiung der Tiere sein. Das menschliche Tier sollte endlich mit der Revolution beginnen – die ganze Natur wartet darauf.“
    Zu dem Satz „Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger?“ merken wir an, dass dies höchstens auf domestizierte Tiere zutreffen kann. Die „Haltung“ von anderen Tieren durch den Menschen aber ist kein ursprünglicher Zustand und die Domestikation auch bereits eine Form der Herrschaft. Natürlich könnten heutzutage ein Großteil der „Nutztiere“ nicht einmal mehr ohne menschliche „Fürsorge“ überleben – dies liegt aber daran, dass Menschen sie durch Zucht derart zugerichtet haben, dass sie in ihrer natürlichen Umwelt, ohne den Menschen, nicht mehr zurecht kämen! Es ist allerdings evident, dass die meisten „Nutztier“-Züchtungen nur zum Nutzen von Menschen, die sich größere Ausbeute versprechen, aber zum Nachteil des tierlichen Individuums, das z.B. unter seinem unnatürlichen Körperbau leidet, vollzogen worden sind – nicht umsonst ist in der „Nutztierhaltung“ die Rede von „Qualzüchtungen“. Wer sich einmal mit der Haltung von sog. „Nutztieren“ in unserer Industriegesellschaft auseinander gesetzt und die Tiere in Massentierhaltung gesehen hat, wird zugeben müssen, dass schon das Mitansehen dieser Art der Gefangenschaft unerträglich ist: Die offensichtlichen Krankheiten, die Entzündungen und unnatürlichen Auswüchse der „Nutztiere“, die sich ihr Leben lang in Gefangenschaft befinden, ohne jemals Tageslicht zu sehen, sprechen für sich. Sätze wie „Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen“ schmerzen angesichts dieser Bilder von Lebewesen, die, ihrer natürlichen Umwelt entrissen, ein Leben in Dunkelheit verbringen müssen, nur. Wir wollen nur, dass jedem Lebewesen ein Leben in Selbstbestimmung und Würde zukommen darf – was, so fragen wir, ist an diesem Wunsch auszusetzen?
    Genauso fragen wir, was an daran, dass Antispeziesismus lediglich ein „westliches Luxusprojekt“ sei, eigentlich schlimm sein soll? Erst, wenn wir uns nicht ständig ums eigene Überleben sorgen müssen, können – und müssen! – wir uns schließlich Gedanken um die Ausbeutung anderer machen. Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten. Dem Adelsstand war es auch „hunderte Jahre“ lang vorbehalten, Leibeigene zu „besitzen“ – ein „Privileg“, auf das wir gern verzichten (das englische Wort für „Rind“, „cattle“, hat übrigens denselben Ursprung wie „chattel“, Leibeigener, und „capital“, Produktionsmittel…).
    Der Vorwurf, die Antispe-Bewegung betreibe „nur wenig Selbstreflektion“, ist schlicht haltlos. Auf zahlreichen Konferenzen, in Texten der Bewegung und auf den alljährlich stattfindenden Tierbefreiungs-Kongressen findet kritische Selbstreflexion statt; dabei werden durchaus (selbst-)kritische Stimmen zugelassen. Als Beispiel hierzu nennen wir die Auswahl der Aufsätze im Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, über deren Kontroversität die Herausgeberin im Editorial schreibt: „Die zum Teil scharfe Kritik an der Bewegung, die für sich in Anspruch nimmt, das oppressive Mensch-Tier-Verhältnis umwerfen zu wollen, wird von der Herausgeberin und der TAN in den meisten, aber nicht in allen Punkten geteilt, droht sie doch an einigen Stellen umzuschlagen in eine affirmative Bestätigung dessen, was unter den herrschenden Verhältnissen der Fall ist – das Grauen in den Schlachtstraßen.“ Differenziert wird auch „innerhalb des Textuniversums der linken Tierbefreiungsszene und Veganerbewegung“, deren Darstellungen „teilweise unter Dogmatik und Unterkomplexität“ leiden (so Arnd Hoffmann in seinem Beitrag „Zur Kritik der Utopielosigkeit von
    Antispeziesismus und Veganismus“). Tatsächlich verhält es sich so, dass es sich bei der Tierbefreiungsbewegung um eine Bewegung handelt, die eben nicht in einem starren Dogma verhaftet ist, sondern sich im Gegenteil in der Phase der Bildung einer konsistenten Theorie befindet, in der sie dankbar ist für kritische Stimmen, anhand derer sie ihr Selbstverständnis prüfen und weiterentwickeln kann.
    Zur Position des Autors, die vegetarische Ernährung habe sich in früheren Zeiten vorrangig entweder aus Gründen der Notwendigkeit oder aus religiösen Gründen ergeben, möchten wir noch anmerken, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich aufgrund von ethischen Abwägungen zum Verzicht des Tötens von Tieren entschlossen haben. Dafür gibt es zahlreiche überlieferte Beispiele, etwa aus dem antiken Griechenland. Auch Leonardo da Vinci (1492-1519) hat bereits prophezeit: „Der Tag wird kommen, an dem das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet wird wie das Töten eines Menschen.“
    Wenn der Autor dann den „Schock“ jener beschreibt, für die Fleisch „nur noch aus der Dose“ kommt, wenn sie mit der Realität der Schlachtung konfrontiert werden, so bestätigt er damit nur unsere Auffassung, dass diese Realität für Menschen mit Empathie nun einmal an sich schockierend ist. Wir wollen nicht mit „Schock-Effekten“ arbeiten, sondern lediglich die Realität der industriellen Tierhaltung zeigen, die tatsächlich versteckt – auch kaschiert durch anthropomorphisierte Tierfiguren in der Werbung etc. – stattfindet. Besäßen Schlachthäuser gläserne Wände, wären wohl die meisten Menschen Vegetarier…
    Dass der Autor bisher noch nirgendwo davon hörte oder las, dass der politische Veganismus seine Forderungen geografisch begrenzt, ist wohl vor allem seiner mangelnden Kenntnis und seinem eingeschränkten Textkorpus in diesem Bereich zuzuschreiben; allerdings muss auch gesehen werden, dass Aktionsformen und Forderungen politischer Bewegungen nun einmal dort ansetzten, wo sie – nicht zufällig – entstehen, und so kritisieren die AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung nun einmal konkret die Umstände in ihrer Umgebung, oft auch mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch. In den theoretischen Reflexionen der Bewegung wird allerdings sehr wohl differenziert – aber auch betont, dass „das große Know-How über naturschonende und unblutige Herstellung gesunder und nahrhafter Lebensmittel […] zumindest den Menschen in den Industrieländern sogar schon unter den schlechten bestehenden Verhältnissen des Kapitalismus ohne weiteres eine vegane Lebensweise“ ermögliche (Susann Witt-Stahl). Durchweg wird anerkannt, dass „in bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufen und Gesellschaftsformen mitunter die Notwendigkeit bestand/besteht, Tiere als Arbeitskraft und/oder als Nahrungsmittel zu benutzen“ – doch hat sich dies eben „mit fortschreitender Produktivkraftentwicklung größtenteils geändert. Innerhalb technisch fortgeschrittener Gesellschaften ist weder die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft noch ein Verzehr von Tieren oder Tierprodukten notwendig“ (http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm). Wir schließen uns in dieser Frage der Philosophin Mary Anne Warren an, die in ihrem Aufsatz „Sollen alle Menschen Vegetarier werden?“ (in: Ursula Wolf (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008, S. 314-17) klar und deutlich schreibt: „Dass ein universelles Verbot der Verwertung von Fleisch und anderen Tierprodukten sich nicht leicht mit den moralischen Rechten von Menschen vereinbaren lässt, kann man etwa am Beispiel von Volksstämmen sehen, deren althergebrachte Arten des Lebensunterhalts die Jagd oder die Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung und zu anderen Konsumzwecken einschließen und die zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine zufriedenstellenden Ersatzmöglichkeiten finden können, ohne von ihnen geschätzte kulturelle Traditionen aufzugeben.“ – Doch darum geht es der Tierbefreiungsbewegung nicht in erster Linie. Sie kritisiert vielmehr folgendes Phänomen der industriellen Warenwirtschaft: „Innerhalb technisch und marktwirtschaftlich fortgeschrittener Gesellschaften ist die Ausbeutung der
    tierischen Arbeitskraft der ökonomisch rationelleren Nutzung von Maschinen gewichen. Immer weniger Menschen sind existentiell abhängig von Tierhaltung, sowohl was die Ernährung, als auch was den Verdienst für den Lebenshalt angeht. Einer an Intensität der Ausbeutung und Anzahl der gequälten und getöteten Tiere unermesslich angewachsenen Tierverwertungsindustrie steht ein umfassendes und zunehmend ausdifferenziertes Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber. […] Tierausbeutung wird immer weniger notwendig, und immer weniger Menschen sind existenziell von ihr abhängig, so dass sie eine Ethik des allgemeinen Respektes gegenüber Tieren entwickeln könnte. Auf der anderen Seite ist es jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Warenform, dass man etwas, das man als Ware verkaufen will, zum Zeitpunkt des Tausches […] nicht die Bedingungen ansieht, unter denen eben diese Ware produziert wurde. Sie erscheint als geschichtslos. Das macht es dem Käufer einfach, von dem Prozess abzusehen, der notwendig ist, um ein Tier erst in die Ware Fleisch umzuwandeln“ (Carsten Haker).
    Wir wollen genau auf diesen Prozess aufmerksam machen – und auf das Paradoxon, dass in einer Gesellschaft, die Tiernutzung eigentlich nicht mehr nötig hat, diese ein Höchstmaß angenommen hat.
    Dazu brauchen wir allerdings keine Holocaust-Vergleiche, wie der Autor im nächsten Abschnitt („Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen“) suggeriert. Solche Vergleiche liegen keineswegs „in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie“ (und werden auch nicht von Antispes oder der politischen Tierbefreiungsbewegung ausgeübt, sondern im Gegenteil von bürgerlichen Tierrechtsorganisationen wie etwa „Peta“)! Schon allein geschichtlich handelt es sich um total unterschiedliche Situationen: Beim Holocaust wurden – unter Verwendung des Tiervergleichs! – Personen, die sich eigentlich innerhalb der „moral community“ befanden, von dieser ausgeschlossen. Uns geht es im Gegenteil um die Erweiterung der „moral community“. Diese Erweiterung würde sich im Übrigen auch positiv auf das rein menschliche Miteinander auswirken: Wenn die Hemmschwelle, andere Tiere zu töten, höher läge, wäre es auch nicht mehr so leicht, die Ausbeutung und den Mord an Menschen mithilfe einer postulierten Tierähnlicheit (wie vor Genoziden regelmäßig geschehen!) zu legitimieren. – Die Tierbefreiungsbewegung hat sich sehr kritisch mit dem Holocaust-Vergleich auseinandergesetzt und sich argumentativ überzeugend davon distanziert (s. z.B.: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/petakritik.html).
    Die „Forderungen“ des Autors im „Appell zum Schluss“ erledigen sich zum Teil von selbst durch das Zitieren des Satzes „Herrschaftskritische Antispeziesisten betonen somit, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches sei, was erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden könnten“ (mal wieder aus dem Artikel „Speziesismus“ bei Wikipedia, aber: „Immerhin“…) – zumindest, was die Forderung angeht, mehr zwischen der Vergnügungsjagd und der Jagd, um davon zu (über)leben, zu differenzieren. Der Autor sieht also bereits selbst, dass sehr wohl reflektiert und differenziert wird – daraus allerdings abzuleiten, dass der Antispeziesismus an sich aufgegeben werden müsste, zeugt wieder nur vom völlig falschen Verständnis der Begrifflichkeit: Es bedeutet für uns keineswegs, den Antispeziesismus-Begriff aufgeben zu müssen, wenn wir zugestehen, „dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen.“ Wiederum verweisen wir auf den vom Autor unterschlagenen Satz in unserer Selbstdarstellung. Wir sind uns darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen. Der Autor dagegen hält an eben diesem, absolut überholten Bild von Mensch und Tier, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, fest. Wird das Bild des Menschen von sich selbst als gottgleiche „Krone der Schöpfung“ angegriffen, hat das, wir wissen es seit Freud, eine narzisstische Kränkung zur Folge. Nun hatte der Mensch aber bereits 150 Jahre lang Zeit, sich an diesen Gedanken
    zu gewöhnen. Wird darauf heute noch mit dem haltlosen Vorwurf der „Gleichmacherei“ reagiert, ist das äußerst reaktionär, gemahnt an die Diskreditierung historischer Befreiungsbewegungen durch jene, die von der jeweiligen Ausbeutung profitierten, und zeigt letztlich auch, dass der Autor die maßgeblichen Entwicklungen der Wissenschaft der letzten 150 Jahre verpasst hat. Er scheint sich das Vorurteil in den Kopf gesetzt zu haben, „Antispeziesismus“ bedeute „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier, und anhand der Kritik seiner eigenen, falschen Begrifflichkeit verläuft dann die Diskreditierung der angeblichen Inhalte dieses Begriffes und der Bewegung, die ihn gebraucht – das aber, ohne sich vor der Urteilsbildung einmal die wirklichen Inhalte angeschaut und sich mit der Bewegung wirklich auseinandergesetzt zu haben, wie die mangelnden Kenntnisse des Autors in diesen Bereichen beweisen.
    Die weiteren Forderungen sind für Menschen, die sich mit der betreffenden Problematik auseinander gesetzt haben, fast schon provokant. So wird von uns etwa eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ verlangt – faktisch verhält es sich allerdings so, dass das Märchen von der „reduzierenden Jagd“ reinstes Jägerlatein ist. JägerInnen behaupten, sie würden die Natur schützen und das ökologische Gleichgewicht regulieren. Das Gegenteil ist der Fall. Um möglichst viel Beute zu machen, halten sie die teils übergroßen Populationen durch gezielte Zufütterung auf einem unnatürlich hohen Niveau; sog. Beutegreifer (Jagdkonkurrenz) werden bejagt und ausgerottet. Mit Getreide, Obst und Essensresten werden die Waldtiere angelockt und gemästet. Sein Jagdgebiet ist für einen Jäger also auch nichts anderes als für den Tierhalter die Mastanlage. Nicht selten sind dem Futter Medikamente und Hormone beigemischt – für eine prächtigere Trophäe. Viele Tiere werden außerdem eigens für die Jagd produziert. Fasane etwa werden in Volieren gezüchtet und kurz vor der Jagd in Wald und Feld ausgesetzt. So genannte „Verbissschäden“ an Bäumen, die gerne als Begründung für die Jagd herhalten müssen, entstehen durch die künstlich hohe Population und durch den Jagddruck, der die Rehe ins Innere der Wälder treibt, obwohl sie eigentlich Waldrandbewohner sind. Ein weiteres fadenscheiniges Argument der Jägerschaft ist, dass Wildtiere Krankheiten wie die Tollwut übertragen. Fakt ist, dass Füchse unter Jagddruck mehr Nachwuchs bekommen. Die Tollwut verbreitet sich durch Kämpfe von Jungfüchsen, die sich neue Reviere erschließen müssen. Mehr Jagd – mehr Jungfüchse – mehr Revierkämpfe – mehr Tollwut. Krankheiten werden durch Jagd also nicht eingedämmt, sondern verbreitet. Hinzu kommt, dass jährlich weit mehr Menschen durch die Jagd sterben oder verletzt werden als durch von Wildtieren übertragene Krankheiten. Eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ ist überhaupt nicht möglich – Jagd ist in unserer Gesellschaft nichts anderes als ein blutiger Freizeitsport! Ihre Grausamkeit und Sinnlosigkeit ist offensichtlich. Sie ist verantwortlich für die Ausrottung zahlreicher Arten sowie für gravierende Umweltschäden. Die Behauptung der JägerInnen, sie töteten für den Erhalt des „ökologischen Gleichgewichts“ (mit solchen verbalen Verschleierungen und teuren PR-Kampagnen versuchen die JägerInnen, Unterwerfung und Vernichtung von Tieren zum Naturerlebnis hoch zu stilisieren), ist längst widerlegt. So sind etwa die 72.000 Hektar des Nationalparks Gran Paradiso in Italien seit 1922 jagdfrei, in denen sich das Ökosystem ohne Weiteres selbst reguliert. Auch im Kanton Genf wurde die Jagd schon vor über 30 Jahren per Volksentscheid abgeschafft (http://www.tierbefreier.de/tierbefreiung/aktuell/09/150309_jagd_genf.html).
    Die restlichen beiden, für uns absurd anmutenden Forderungen, zwischen „der quälerischen“ und „artgerechter Tierhaltung“ sowie zwischen „Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen“ zu differenzieren, zeigen uns wiederum nur, dass der Autor sich mit diesen Themen nicht wirklich auseinander gesetzt haben kann bzw. die Grundanliegen der Tierbefreiungsbewegung einfach nicht verstanden hat. Einer der bekanntesten Slogans der Bewegung etwa ist „Artgerecht ist
    nur die Freiheit!“ – jegliche „Haltung“ entreißt doch ein Tier seiner natürlichen Umgebung und will ein autonomes Wesen dem Menschen, durch Zwang, „Züchtigung“ und Züchtung, gefügig machen.
    Dass Kleidung aus „Pelz“ in unserer Gesellschaft nur als Statussymbol dient und keinerlei Notwendigkeit folgt, steht für uns nicht zur Debatte. In Bezug auf Indigene sei auf die Argumentation oben verwiesen.
    Zum „Appell zum Schluss“ ist von unserer Seite noch allgemein anzumerken, dass derselbe eine Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung fordert, die unserem Ansatz absolut widerspricht. Wir sind keine TierschützerInnen und argumentieren auch nicht über eine Mitleids-Ethik, sondern für das Recht auf Autonomie; dies schließt auch die Ernährungssouveränität mit ein – solange diese nicht die Autonomie der anderen verletzt – wir werben, wie vom Autor als sinnvoll erachtet, für eine Ernährungsumstellung in den Metropolen (und unser Werben hat nicht appellativen, sondern persuasiven Charakter!). Die Forderung nach einer Entpolitisierung unserer Bewegung ist ein Angriff auf das Fundament ihres Selbstverständnisses! Carsten Haker schreibt hierzu, aus der „Dialektik der Aufklärung“ und aus Adornos „Probleme der Moralphilosophie“ zitierend: „Da in einer herrschaftlich-warenförmig organisierten Gesellschaft die Bedingungen, nach denen sie funktioniert, zwar von Menschen geschaffen sind und sich von Menschen ändern ließen, aber als natürlich und notwendig erscheinen, ist für eine Moralphilosophie die Reflexion des gesellschaftlichen Bannes erforderlich; Moral ohne Systemkritik, ohne Rekurs auf den „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ (DA 48), ist unmoralisch, da sie ihn nicht hinterfragt. Die Form, in der gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen als Naturschicksal entgegentreten, drückt ihre gesellschaftliche Verflochtenheit aus; „[…] in zweiter Natur, in der universalen Abhängigkeit, in der wir stehen, gibt es keine Freiheit; und es gibt darum in der verwalteten Welt auch keine Ethik; und deshalb ist die Voraussetzung der Ethik die Kritik an der verwalteten Welt.“ (PM 261)“.
    Ein für allemal wollen wir klarstellen: Wir verorten uns innerhalb der herrschaftskritischen Linken und verstehen uns ausdrücklich als Teil einer emanzipatorischen Bewegung (und wollen als solche respektiert werden und nicht lächerlich gemacht werden mit Unterstellungen, dass unsere politische Arbeit letztlich auf bloßem „Mitleid“ beruhe und wir deshalb doch lieber klassische Tierschutz-Arbeit machen sollten, oder gar mit Jaina-Mönchen verglichen werden) – nur hört für uns die Befreiung nicht beim Menschen auf. Wir sind der Überzeugung, dass, würde unsere Solidarität sich auf andere Menschen beschränken, wir nur Teilaspekte des Ausbeutungsapparats im Auge hätten, den wir aber als Ganzes bekämpfen wollen. Mit dieser Ansicht stehen wir nicht alleine. Im Gegenteil kann sich die Tierbefreiungsbewegung auf maßgebende Traditionslinien linker, herrschaftskritischer Theorie berufen, wie etwa auf die Kritische Theorie. Der Autor fordert uns dazu auf, „verdammt nochmal bitte“ damit aufzuhören, „das“ Adorno-Zitat – ohne zu sagen, welches eigentlich – „entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren!“ Adorno habe „nicht die Behandlung von Tieren als solche“ kritisiert. – Eine solche Aussage zeigt deutlich, dass der Autor sich niemals eingehender mit der Kritischen Theorie beschäftigt hat – geschweige denn mit der darauf aufbauenden Theorie der Tierbefreungsbewegung. Er erwähnt zwar das Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, kann es aber nicht gelesen haben, sonst könnte er nicht zu einer solchen Aussage über Adorno gelangen. Für die Theoretiker der Frankfurter Schule war es selbstverständlich – und das ist eine absolut zentrale Aussage ihrer Theorie und war ihnen ein wichtiges Anliegen –, auch die Situation der Tiere in der Warengesellschaft in ihre Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit einzubeziehen. So war es bereits selbstverständlich für sie, dass eine befreite Gesellschaft die Befreiung der Tiere mit einschließen würde. Herbert Marcuse beispielsweise antwortete in einem Interview auf die Frage, was er gedenke, nach der Befreiung der Menschen zu tun: „Die Tiere befreien natürlich.“ In unserer Selbstdarstellung zitieren wir den Text von Horkheimer
    von 1934, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines „Wolkenkratzers“ verwendet, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Es ist ein wichtiger Verdienst der Kritischen Theorie, dass sie die nichtmenschlichen Tiere als ausgebeutete Subjekte in die Betrachtung der kapitalistischen Gesellschaft mit einbezieht. Horkheimer schreibt, in den „Verliesen des Gesellschaftsbaus“ richte die Gesellschaft das „Leiden der Kreatur“ an zum Zwecke der „fieberhaften Herstellung von zweifelhaften Luxusgütern“ mit Hilfe von „unzweifelhaften Zerstörungsmitteln“. Als „unbeschreiblich töricht und grausam“ gegenüber Tieren erwiesen sich die Menschen in Zoos und Zirkussen; über die „Dummheit der Zuschauer“ wird geklagt: Der Mensch gehöre zur „einzigen Rasse, die Exemplare anderer Rassen gefangen halten oder sonst auf eine Art quälen, bloß um sich selbst dabei groß vorzukommen“ (es ist übrigens auch noch gar nicht so lange her, dass die selbsternannte weiße „Herrenrasse“ in sog. „Menschenschauen“ dunkelhäutige, „niederrassige“ Menschen zur Schau gestellt hat).
    In der „Dialektik der Aufklärung“ kritisieren Horkheimer und Adorno den Antrieb abendländischer Zivilisation und Wissenschaft, die das als „Natur“ Definierte zu nichts mehr als zu bloßem Material macht, welches zu beherrschen ist, grundsätzlich: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ Dabei gehen sie auch speziell auf die „Versklavung der Kreatur“ ein und kritisieren auch das Vorgehen der funktionalen Wissenschaft, die disqualifizierte Natur zum Stoff bloßer Einteilung und Verfügbarkeit für den Menschen zu machen – so gehe etwa das Kaninchen „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“. In einem eigenen Abschnitt über „Mensch und Tier“ kritisieren Horkheimer und Adorno die Formeln und Resultate, die Menschen „in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen“ und den „blutigen Schluß“, „den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen“. Von „Arena und Schlachthaus“ ist die Rede, von der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute“. „Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“, so prangern sie an. Die Ursache davon: „Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat“ – nämlich die Unterdrückung der inneren Natur, des inneren Tieres im Menschen, die „Geist“ überhaupt erst ermöglichte. So „bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht.“

  16. 16 Antispeziesistische Aktion Tübingen 03. Mai 2010 um 0:21 Uhr

    Hier die Antwort der Antispe Tübingen:

    Teil 1:

    Bereits an der Überschrift „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“ wird deutlich, dass hier wohl der gesamte Antispe-Ansatz grundlegend missverstanden wurde. Uns geht es in erster Linie darum, auf die Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen, „die individuelle Umsetzung (z.B. eine vegane Lebensweise) ist mehr eine persönliche Entscheidung“, heißt es in unserer Selbstdarstellung. Es liegt uns fern, unsere „Essgewohnheiten“ zu politisieren – höchstens haben wir aus einer politischen Überzeugung heraus unsere Lebensweise bewusst umgestellt, womit eben meist der Bruch mit den bisherigen unüberlegten Essgewohnheiten einherging.
    Allerdings können wir dem Satz im ersten Abschnitt („Was ist Antispeziesismus überhaupt?“) „Die Wahl des Essens ist und bleibt Geschmackssache und damit auch Privatsache“ keinesfalls zustimmen: Konsum ist nie privat, sondern hat immer – mitunter sehr weitreichende – Auswirkungen. Vor allem angesichts der Globalisierung des Handels müssen wir uns darüber stets bewusst sein. So ist etwa der hohe Fleischkonsum der Industriegesellschaften schon nur hinsichtlich seiner sozialen und ökologischen Auswirkungen nicht länger tragbar.
    Gleich zu Beginn des nächsten Abschnitts wird unter der etwas seltsam anmutenden Überschrift „Antispeziesismus – Extremismustheorie des Absurden?“ der Hauptkritikpunkt des Autors am Antispe-Ansatz, der im Laufe des folgenden Textes immer wieder wiederholt wird, genannt: Beim Antispeziesismus handle es sich um eine Theorie, welche die „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreibe bzw. Menschen und andere Tiere bzw. deren Belange gleichsetze. Diese Angleichung finde bei Antispes auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene statt – auf „organisatorischer Ebene“ hält der Autor sie für „schlechterdings möglich“, wobei er wohl die Bedeutung des Wortes „schlechterdings“ nicht kennt, oder, was wahrscheinlicher ist, eigentlich „unmöglich“ meinte. Wie dem auch sei – dem Vorwurf der „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier sieht sich der Antispeziesismus leider immer wieder ausgesetzt. Es handelt sich dabei allerdings schlicht um eine Fehlinterpretation, wenn nicht gar um eine Unterstellung, die jedenfalls nichts mit den tatsächlichen Forderungen der Tierbefreiungsbewegung zu tun hat. Wir wollen keine „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ vorantreiben, sondern den im gesellschaftlichen Denken – und auch im Denken des Autors – tief verankerten, aber längst überholten Mensch-Tier-Dualismus und seine Implikationen, vor allem den daraus abgeleiteten Herrschaftsanspruch des Menschen über die anderen Tiere, dekonstruieren.
    In seinem Vortrag „Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet“ sagt Prof. Dr. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, (verlinkt zum Durchlesen oder Anhören unter http://asatue.blogsport.de/texte/) deutlich: „Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig.“ Spätestens seit Darwin müsste eigentlich klar sein, dass die ideologisch konstruierte Kluft zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren nicht mehr haltbar ist, vielmehr gehört auch der Mensch der Tierwelt an und ist aus ihr hervorgegangen (aus diesem Grund ist es intellektuell nicht länger redlich, nur Menschen in moralische Überlegungen mit einzubeziehen; die „moral community“ muss entsprechend erweitert werden). Die von uns vorangetriebene Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus oder des Speziesimus bedeutet aber eben gerade nicht, dass wir fordern, Menschen und Tiere gleich zu behandeln. Der Autor zitiert zwar ausführlich aus unserer Selbstdarstellung, behauptet aber gleichzeitig, wir würden Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren vollkommen negieren wollen. Dabei heißt es in unserer Selbstdarstellung – was der Autor zum Zwecke seiner Argumentation vollkommen unterschlägt! – klar und deutlich: „Antispeziesismus heißt für uns nicht, dass Menschen und Tiere gleich behandelt werden sollen. Antispeziesismus heißt, dass der Kampf gegen die Unterwerfung der nichtmenschlichen Tiere nicht vom Kampf gegen die Unterwerfung von Menschen getrennt werden kann!“ Tatsächlich sind gerade auf der sprachlich-symbolischen Ebene die Arten der Diskriminierung von „Fremden“, „Frauen“ und „Tieren“ kaum zu trennen bzw. bedingen einander und gehen fließend ineinander über – die Attribute, mit denen die jeweils als inferior betrachtete Gruppe belegt wird, wie etwa größere Naturnähe oder Vernunftlosigkeit, und der Sprachgebrauch sind austauschbar.
    Die als Beispiele aufgeführten Begriffe von „Animal Peace“ lehnen wir als Antispe Tübingen aufgrund der polemischen und entkontextualisierten Verwendung ab. Bei der Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus aber können Vergleiche mit den Diskriminierungsformen, denen bestimmte Gruppen von Menschen ausgesetzt sind, oft dazu dienen, Problembewusstsein zu schaffen. Wichtig hierbei aber ist, zwischen Vergleich und Gleichsetzung zu differenzieren: Ein Vergleich muss keine tatsächliche Gleichsetzung bedeuten.
    Allerdings folgt aus den Überlegungen über Rassismus und Sexismus, die ja allgemein ausgedrückt die Diskriminierung des als „das Andere“ Gebrandmarkten zum Thema haben, wenn sie konsequent weiter gedacht werden, der Gedanke an die Tiere fast schon logisch zwingend. Albert Memmi hat sich als Soziologe mit dem Thema Rassismus bzw. „Heterophobie“ wissenschaftlich beschäftigt und 1964 eine Definition gegeben, die von wichtigen Nachschlagewerken wie der „Encyclopædia Universalis“ übernommen worden ist. Der Rassismus, den er als „mittelbare oder unmittelbare Manifestierung der Herrschaft“ sieht, ist nach Memmi „die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver (biologischer) Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi macht dabei aufmerksam auf die „besondere Wirksamkeit der biologischen Beschuldigung“ („Der Schwarze ist unwiderruflich schwarz, die Frau unwiderruflich Frau. Daher rührt auch das Bestreben, den Juden und den Kolonisierten biologisch zu kennzeichnen, selbst wenn die Biologie gar nicht hierher gehört. Denn die Biologie ist eine Abbildung der Schicksalhaftigkeit“) und geht dann auf den Mechanismus der Entmenschlichung ein: „Es ist leichter, dem Untergang, der Ausrottung von Tieren entgegenzusehen als der von Menschen. Die Anfänge dieser Betrachtungsweise gegenüber den Schwarzen lassen sich übrigens genau datieren, sie fallen mit dem Aufkommen des Handels mit Negersklaven zusammen“; die Ausrottung der Indianer in Südamerika nennt er eine „gigantische Triebjagd auf Tiere mit menschlichem Antlitz“. Es sind dann bei Memmi auch schon aus den Überlegungen zu Rassismus und Sexismus heraus Ansätze da, die Emanzipation auf die nichtmenschlichen Tiere auszuweiten. So schreibt er: „Der Kern jeder Moral ist die Achtung des anderen; es wird an unserer menschlichen Ehre liegen, eine humanere Welt zu errichten. So lange, bis eines Tages auch die Tiere in ihr Frieden und Sicherheit finden werden, müssen wir dafür Sorge tragen, daß wenigstens die Menschen, und zwar alle Menschen, nicht mehr wie Tiere behandelt werden“, und, zu seiner Rassismus-Definition: „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere.“ In dieser berühmten und allgemein anerkannten Definition Memmis, dem man ja nun wirklich nicht unterstellen kann, Antispeziesist gewesen zu sein, sind also die nichtmenschlichen Tiere bereits mit eingeschlossen.
    Dagegen heißt es im „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“-Text: „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen wie Rassismus, Homophobie oder Sexismus werden von den Antispes mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“ – wobei wieder der Vorwurf der „Gleichsetzung“ mitschwingt. Dazu können wir nur sagen: Ja, wie beispielsweise Memmi und viele andere Autoren stellen wir die Diskriminierung nichtmenschlicher Tiere durch den Menschen in eine Reihe mit anderen Formen der Unterdrückung insofern, als dass die Befreiung der Tiere für uns die logische Fortsetzung der historischen Emanzipationsbewegungen darstellt – was aber nicht heißt, dass wir die verschiedenen Arten der Diskriminierung einfach gleichsetzen, wie mit der polemischen Anmerkung „Der Verzehr von Fleisch ist damit also in der Antispe-Logik so etwas Ähnliches wie das Verprügeln von Frauen“ suggeriert wird. Wir sind keine „Menschenfeinde“, wir bewerten die Interessen anderer Tiere nicht einfach generell gleich (oder gar höher) als die von Menschen – für uns hört aber, wie es bereits in der Überschrift unserer Selbstdarstellung heißt, die Befreiung nicht beim Menschen auf. Natürlich sind wir uns vollkommen darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, was schlicht sinnlos ist. Auch der Autor wird wohl zugeben müssen, dass zwischen Affen und Menschen eine größere Ähnlichkeit besteht als zwischen Affen und Muscheln – trotzdem werden letztere beide, im allgemeinen gesellschaftlichen Denken in einer homogenen Gruppe zusammengefasst, dem Menschen gegenübergestellt, was schlicht falsch ist (insofern erledigt sich auch der Vorwurf eines angeblichen Widerspruchs, dass dem Menschen als moralfähiges Wesen dann doch wieder eine Sonderstellung eingeräumt werde). Die uns vorgeworfene „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ jedenfalls findet höchstens insofern statt, als dass wir der Überzeugung sind, dass spätestens seit Darwin die metaphysische Legitimation für die absolute Sonderstellung des Menschen, die den Menschen allen anderen Tieren gegenüberstellt, nicht mehr gegeben ist – Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren sind eben nicht absolut, sondern graduell.
    Im weiteren Verlauf des Textes wird der Gegenbewegung gegen die Tierausbeutung (wobei „Tierausbeutung“ in Anführungszeichen gesetzt ist, als ob der Autor suggerieren wolle, dass es die durchrationalisierte Industrie, die schon Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ als „lückenlose[n] Ausbeutung der Tierwelt heute“ beschrieben, und die inzwischen noch mehr „perfektioniert“ wurde, gar nicht gebe) dann noch vorgeworfen, sie bediene sich „frech“ bei den emanzipatorischen Gegenbewegungen gegen die Unterdrückung menschlicher Gruppen, wobei speziell das „Symbol der Antifa“ genannt wird, das „auf grün umgefärbt“ werde. – Nun verhält es sich so, dass das „Antifa“-Logo niemand für sich lizenziert hat. Viele unterschiedliche Gruppen verwenden es in vielen unterschiedlichen Ausgestaltungen – so kommt es inzwischen sogar dazu, dass „autonome Nationalisten“ das Symbol für ihre Zwecke verwenden oder Antideutsche die rote und schwarze Fahne durch die Flaggen Israels und der USA ersetzen. Ursprünglich kommt der Begriff und die Idee der Antifaschistischen Aktion aus Italien, wo Gegner von Mussolini als „Antifaschisten“ bezeichnet wurden. In Deutschland gab es seit 1923 die „Antifaschistische Aktion“ als Teilbereich des Rotfrontkämpferbundes. Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verschwand der Begriff ab 1933 zunehmend und wurde nur noch vereinzelt vom kommunistischen Widerstand verwendet, erst in den 1980er Jahren gründeten sich dann im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aus der Hausbesetzer- und Autonomen-Bewegung heraus sogenannte Antifa-Gruppen. Die Begrifflichkeit und die Symbolik wird seither auch von unterschiedlichen emanzipatorischen Bewegungen verwendet – so gibt es etwa eine „Antihomophobe Aktion“, die sich ebenfalls einfach „frech“ bedient und das Antifa-Logo für ihre Zwecke instrumentalisiert hat und dazu die ursprünglich rote Fahne im Logo durch die Regenbogen-Fahne als Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ersetzt hat – mit der Verwendung der Regenbogenfahne wiederum hat diese Bewegung sich übrigens ganz frech und unverschämt wahlweise bei den Kämpfern aus den Bauernkriegen, die diese Fahnen schon schwangen, bei den Flaggen des Inka-Reiches oder bei der Friedensbewegung bedient. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Symbole sich historisch wandeln und sich verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen anpassen können. Außerdem kann die angeblich freche Aneignung im Falle der „Antispeziesistischen Aktion“ auch durchaus anders gesehen werden, nämlich so, dass das Logo bewusst gewählt wurde, um sich durch die Verwendung der bekannten Symbolik als ausdrücklich politische und antifaschistische Bewegung vom konventionellen Tierschutz abzugrenzen.
    Mit dem Vorwurf der Schön-, – Verzeihung: Grünfärberei, geht dann auch gleich wieder der Vorwurf einher, eine Differenzierung zwischen „der durchaus kritikwürdigen und verabscheuungswerten“ Tierquälerei und der Quälerei von Menschen fände dabei nicht statt. Als angebliche Belege führt der Autor zwei Zitate an. Beim ersten handelt es sich um ein Zitat von Helmut F. Kaplan. Zu diesem merkt der Autor gleich selbst an, dass er „inzwischen auch“ in linken Antispe-Kreisen abgelehnt werde – wobei wir uns dann aber schon fragen, weshalb er an dieser Stelle überhaupt angeführt wird, geht es doch um eine Kritik des linken Antispeziesismus. Nun gut, es scheint sich für den Autor eben angeboten zu haben, wenn er es schon auf sich genommen hat, den Artikel über „Speziesismus“ bei Wikipedia zu lesen, auch etwas daraus zu kopieren… Außerdem finde sich die angeblich in dem Zitat ausgedrückte „Analogie-Setzung“ ja schließlich „bei Antispes aller Schattierungen“, so auch in dem „aus linken Antispe-Kreisen stammende“ Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“. Tatsächlich gilt dieses von Susann Witt-Stahl, einer Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung der ersten Stunde (aktiv bei der Tierrechtsaktion Nord (TAN), welche sich 1987 gründete, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen) herausgegebene Buch seit seinem Erscheinen als theoretisches Standardwerk der Tierbefreiungsbewegung und als Fundament zur Entwicklung einer kritischen Theorie (aufbauend auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule) zur Befreiung der Tiere. Der Autor zitiert dann auch einen ganzen Halbsatz aus dem Buch, wo von Speziesismus als „spezifische Diskriminierung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit (analog zu Rassismus, Sexismus etc. [.])“ die Rede sei, was uns geradezu enttäuscht, erwarteten wir nun doch endlich einmal einen Beleg dafür, wie der Antispe-Ansatz menschliches Leiden gegenüber dem der Tiere auf geradezu menschenverachtende Weise relativiere. Wiederum aber scheint dem Autor nur nicht der Unterschied zwischen der strukturellen Analogie, die zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus, Sexismus oder eben Speziesismus gezogen werden kann, und der willkürlichen Gleichsetzung von Mensch und Tier klar zu sein.
    So soll im nächsten Abschnitt, überschrieben mit „Am Beispiel der Antispe Tübingen“, dann auch unsere Selbstdarstellung als Beleg für die böse Mensch-Tier-Gleichsetzung herhalten: Wenn wir behaupteten, Speziesismus könne „analog zum Rassismus oder Sexismus als Stereotypenkomplex, das heißt als ein Zusammenhang von Vorurteilen und Klischees, angesehen werden“, sei das „schon recht seltsam“, denn Sexismus und Rassismus basierten vor allem auf der Fehlannahme, dass Frauen oder Nicht-Weiße „dümmer und unbegabter“ seien als Männer bzw. Weiße. Weiter heißt es: „Bis auf eine im Durchschnitt etwas schlechtere Sport-Leistung von Frauen gegenüber Männern (einmal abgesehen davon, dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist) gibt es keinerlei Unterschiede zwischen diesen konstruierten Einheiten. Im Gegensatz dazu gibt es empirisch beweisbare und bedeutende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.“ – Brennend würden uns diese angeblich empirisch beweisbaren Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren interessieren, doch leider kann der Autor nicht einen nennen – wie auch, wenn nicht einmal die Fachwissenschaftler dies heutzutage noch vermögen. Der Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, Volker Sommer, kann keinen finden: „Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von Merkmalen im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien willkürlich sind. Aber auch Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, bleiben gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet […] Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu zumindest unseren allernächsten Verwandten zu überdenken [.] so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre exklusiven Clubs aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in der Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile hinauszögern lassen. […] Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den großen Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur für Menschen gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter. […] Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort – beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr zugeschriebenes Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave gehalten werden darf. In diesen Fällen wurde die „Gemeinschaft der Gleichen“ jeweils erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut inklusiver zu werden (wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze zwischen Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann ebenfalls hinterfragt werden kann). Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen den Grundsatz. Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja beispielsweise auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder geistig Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für Bonobos fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus, der Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten zu rechtfertigen versucht.“
    Dem haben wir nicht viel hinzuzufügen – außer vielleicht, dass wir dem Autor darin zustimmen, „dass der Geschlechter-Dualismus sowieso stark konstruiert ist“ (tatsächlich führt das in unserer Kultur maßgebende dichotome Menschenbild, also das Zweigeschlechtersystem, zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen, mithin zur Eliminierung der Geschlechtervielfalt durch die Medizin: 95% der Intersexuellen in der BRD werden schon kurz nach der Geburt genital-chirurgischen und verschiedenen medikamentösen Eingriffen zur Veränderung der individuellen Geschlechtsmerkmale unterzogen; die Eingriffe führen bei den betroffenen Menschen zu einer lebenslang erforderlichen medizinischen Behandlung). Innerhalb der Geschlechter, innerhalb der Erscheinung des Menschen überhaupt, existiert eine große Diversität. Diese existiert innerhalb der gesamten Tierwelt – natürlich existieren deshalb zahlreiche äußerliche Unterschiede zwischen verschiedenen Tierarten (und damit auch zwischen dem Menschen und anderen Tieren), aber: Daraus darf keinesfalls die Dichotomie Mensch-Tier resultieren, denn der Mensch-Tier-Dualismus ist ebenso ein soziales Konstrukt wie der (Zwei-)Geschlechterdualismus (was wiederum ein Vergleich, aber keine Gleichsetzung ist!).
    Es ist übrigens interessant, dass sich gerade auch aus feministischen Zusammenhängen und aus den Reflexionen zur Geschlechts-Konstruktion Beiträge zu einer Theorie der Tierbefreiung ergeben haben. In ihrem Aufsatz zur „Frau-Tier-Natur-Gleichsetzung“ in der Aufsatzsammlung „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ stellt Mieke Roscher zahlreiche Feministinnen vor, die sich auch für ein anderes Verhältnis zu Tieren eingesetzt haben. Was sie dann manchen Queer-TheoretikerInnen vorwirft, kann unserer Meinung nach durchaus auch dem Autor vorgeworfen werden: „Die Darstellung der Unterdrückung der Tierwelt als natürliche Gegebenheit muss eindeutig zurückgewiesen werden, da die Legitimation für die Unterdrückungen genauso auf sozialer Konstruktion fußt wie geschlechtsspezifische Hierarchien auch. [.] Die Auflösung nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch biologischer Zuschreibungen von Geschlecht finden nur für das Menschliche statt. Das Tier wird weiterhin als das Andere gedeutet, welches fortwährend als unbedingt und unmittelbar durch rein biologische Determinanten bestimmt wird. Eine entsprechende Fortsetzung der Dekonstruktion anderer Dualismen wird nicht vollzogen. Da das Verhältnis zum Tier, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die seine Ausbeutung forcieren, als naturhaft erklärt wird, sollen auch Perspektiven für Veränderungsmöglichkeiten dauerhaft negiert werden. Dabei ist das, was als tierliche Natur beschrieben wird, oftmals grob verallgemeinert und unhaltbar. Es ist somit, wie die feministische Naturwissenschaftlerin Lynda Birke richtig sagt, zutiefst unwissenschaftlich, biologischen Determinismus abzulehnen, ihn jedoch im Rekurs auf das Tier als maßgeblich zu betrachten.“ – Genau dies aber tut der Autor, auch noch unter aufs Gröbste verallgemeinerten und unhaltbaren Zuschreibungen! Zum Thema „Frauen und Tiere“ gab es, falls weitergehendes Interesse besteht, auch einmal ein Dossier in der „Tierbefreiung“: http://www.tierbefreier.de/magazin/FrauenundTiere_tb47.pdf.
    Im nächsten Abschnitt wird unser Ansatz, „das Problem bei der Wurzel zu packen“ und „nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen“ zu suchen, wie es in unserer Selbstdarstellung heißt, kritisiert. Der Autor verweist darauf, dass in allen Kulturen Tierprodukte verwendet würden – es sei nicht die generelle Nutzung von Tieren, sondern die Art der Nutzung, die ein Problem darstelle. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, weisen wir darauf hin, dass unsere Kritik sich auf die Verhältnisse bezieht, in denen wir aktuell leben. Unsere Kritik hat nie die Verhaltensweisen von Menschen zum Gegenstand gehabt, die aufgrund ihrer Umweltbedingungen auf die Nutzung von Tieren angewiesen waren oder sind. Fakt ist aber, dass in unseren industrialisierten Gesellschaften niemand darauf angewiesen ist und angesichts der Entwicklung der Globalisierung und der Bevölkerungszahlen auch weltweit Schritte hin zum Verzicht auf Tierprodukte als nicht nur ökologisch sinnvolle Perspektive erscheint. „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“, hat schon Albert Einstein gesagt.

  17. 17 Antispeziesistische Aktion Tübingen 03. Mai 2010 um 0:23 Uhr

    Teil 2:

    Zu unserer Feststellung, die Ideologie des Speziesismus liefere die Legitimation dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet würden, merkt der Autor an, dass der Mensch einfach Fleisch esse und dafür keine Legitimation durch eine Ideologie brauche. Dies sehen wir nicht so. Der Mensch benötigt immer eine Legitimation dafür zu töten, dafür gibt es zahlreiche Beispiele – eines davon hat der Autor selbst im Absatz zuvor genannt: Die Entschuldigungs-Rituale mancher Indigener vor der Jagd. Traditionell hatten es die Menschen nötig, das Töten von Tieren religiös-mythisch zu legitimieren. So schildert beispielsweise ein mittelpersischer Text, wie der Gott Ohrmazd einst das Vieh aufgefordert habe, sich hinzugeben, damit es verspeist werde. Dieses aber habe erkannt, was die Menschen ihm antun würden, und stritt daraufhin mit dem Gott; dieser sicherte ihm schließlich zu, dass ihm seine Sünden erlassen würden – für die von den Tieren verübten Sünden würden diejenigen zur Verantwortung gezogen, die das Fleisch essen! Für ähnliche Legitimations-Strategien gäbe es noch zahllose Beispiele. Und wo früher dafür die Religion herhalten musste, wird in einer säkularisierten Gesellschaft (pseudo-)wissenschaftlich argumentiert – beispielsweise mit dem Mensch-Tier-Dualismus.
    Weiterhin kritisiert der Autor, wir würden den Tier-Mensch-Unterschied einfach auf einen „Technik-Unterschied“ einstampfen, da es in unserer Selbstdarstellung heißt, der Mensch unterscheide sich von anderen Tieren „nur durch außergewöhnlich hoch entwickelte Techniken“, teile mit ihnen jedoch die Fähigkeit, bewusst zu fühlen und zu leiden. Wir geben zu, dass dieser Satz vielleicht nicht ausführlich genug formuliert ist. „Techniken“ meint hier auch bestimmte kognitive und vor allem moralische Fähigkeiten – allerdings bezeichnen diese Unterschiede, ganz im Sinne des schon zitierten Gradualisten Volker Sommer, immer nur graduelle Unterschiede und legitimieren keinen Mensch-Tier-Dualismus! Der Autor beharrt vor allem auf der seiner Ansicht nach speziell menschlichen Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und -reflexion, merkt allerdings schon selbst in Klammer an, „manche Affenarten“ könnten sich „nach einer Weile im Spiegel selbst erkennen“. Wie Volker Sommer richtig anmerkt, bleiben Trennungen, die sich auf „geistige“ Fähigkeiten berufen, gewöhnlich nur solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das genau das kann, was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet. Tatsächlich verhält es sich so, dass, wie etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am 9.11.2009 meldete, der „Club der Ich-Bewussten“ ständig wächst: „Neben Primaten, Elefanten, Delfinen und einigen Vögeln erkennen sich auch Schweine im Spiegel selbst“ (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,660191,00.html).
    Wir wissen nicht, inwieweit andere Tiere zu moralischem Denken und Handeln fähig sind. Der Mensch jedenfalls ist dazu fähig – dessen sind wir uns bewusst und das liegt unserer Theorie zugrunde. Wehren wollen wir uns gegen den Vorwurf, Verhalten anderer Spezies zu „vermenschlichen“ – das liegt uns fern, wir sind keine TierschützerInnen! Wir erwarten von anderen Tieren nicht Mitleid, Ethik und Moral – aber wir fordern dies von Menschen anderen Tieren gegenüber! Allerdings wird unserer Ansicht nach, wenn der Autor in der „Tierwelt“ lediglich „die Maxime von fressen, ficken, gefressen werden“ anerkennt, und speziell im nächsten Absatz („Das „Tier Mensch“?“), wiederum ein verzerrtes und einseitiges Bild des natürlichen Verhaltens gezeichnet, welches wohl, wie die Anmerkungen des Autors zum „Recht des Stärkeren“ zeigen, vor allem durch ein falsches Verständnis vom Darwinismus herrührt – außerdem scheint im Hintergrund mancher Aussagen wieder klar die Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus hindurch, etwa, wenn der Autor schreibt: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“
    1835 las Charles Darwin „An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society“ des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus. Die Bevölkerungstheorie von Malthus hat sowohl die Evolutionstheorie von Darwin als auch diejenige von Alfred Russel Wallace maßgebend beeinflusst. Dem Bevölkerungsgesetz von Malthus liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, sowie die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. Der Begriff „survival of the fittest“ wurde 1864 von Herbert Spencer (in den „Principles of Biology“) eingeführt. „Fitness“ bezeichnete im 19. Jh. zunächst einmal das (vorteilhafte) Verhältnis eines Individuums zu seiner Umwelt. Bei Darwin bedeutet der Begriff, dass diejenigen Individuen, die besser an ihre natürliche Umgebung angepasst sind, den malthusschen „struggle of existence“ besser bestehen. In einer Situation, in der Knappheit der Mittel vorherrscht, können diejenigen, welche sich an diese Situation besser anpassen können, besser überleben und mehr Nachkommen hinterlassen. Von einem „Recht des Stärkeren“ ist bei Darwin nicht die Rede, auch nicht von „Kampf“. Den „struggle of existence“ kann auch eine Wüstenblume führen – um Wasser, bzw. gegen ihre widrigen Umweltbedingungen. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später übrigens, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural prevervation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Die darwinistische Theorie sollte nicht zu naturalistischen Fehlschlüssen führen, dies passiert eigentlich auch nur, wenn sie oberflächlich rezipiert wird – tatsächlich hat sie sogar tierethische Konsequenzen, denn bereits Darwin selbst negierte ausdrücklich den Mensch-Tier-Dualismus: Zwischen Mensch und Tier bestehe nur ein gradueller Unterschied, kein wesentlicher (difference of degree, not of kind). – Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, um einmal eine Tier-Metapher zu gebrauchen, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug (Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt“). Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft! Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.
    Es ist schade, dass in den politisch und historisch sonst doch gut informierten Kreisen, denen der Autor entstammt, ein so undifferenziertes, vom populären Diskurs geprägtes, mangelhaftes Wissen über Darwinismus und Sozialdarwinismus vorzuherrschen scheint und platt „Mitleidslosigkeit und real existierender Darwinismus“ als die „Realität des Tierreiches“ beschrieben werden.
    Wie in Kommentaren auf dem „Eisberg“-Blog bereits angemerkt, werden in diesem Zusammenhang dann auch noch Fehler gemacht, welche schlicht zeigen, dass der Autor sich schlecht informiert hat – so wird etwa das „Great Ape Project“ fälschlicherweise als „Human Project“ bezeichnet oder geschrieben, Gorillas (statt Schimpansen) würden „gerne mal zur Eiweißaufwertung andere – kleinere – Affen“ essen. Außerdem wird wieder mit falschen Unterstellungen gearbeitet – so wird uns etwa die Ansicht untergeschoben: „Wenn Menschen jagen ist es generell „Mord“", was wir nie, vor allem so nicht, sagen würden (s.o.).
    Und, einmal davon abgesehen, dass es in der Tierbefreiungs- und Antispe-Bewegung keineswegs einen Konsens darüber gibt, inwieweit Rechte für Tiere im juristischen Sinne sinnvoll wären (wir sind eher der Meinung, dass die Befreiung der Tiere eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins voraussetzt und lehnen jedenfalls von oben verordnete „Tierrechte“ aus herrschaftskritischer Überzeugung heraus ab – dennoch fordert die Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich Freiheit und „Lebensrecht“ für alle fühlenden Lebewesen) – was spricht – sogar aus der Sicht von TierschützerInnen – gegen den Wunsch, die individuelle Freiheit und das Leben der großen Affen zu erhalten sowie sie vor Verfolgung und Folter zu schützen? Ob dazu unbedingt „Menschenrechte für Menschenaffen“ notwendig sind, lässt sich mit Recht bezweifeln.
    Im nächsten, mit „Es gibt Tiere und Tiere“ überschriebenen Abschnitt, wird ein polemischer Abschnitt aus dem Diskussions-Beitrag in der „Jungle World“ von Ivo Bozic zitiert, auf den es sich kaum lohnt, einzugehen. Nur soviel sei dazu gesagt: Der politische Veganer/die politische Veganerin in der kapitalistischen Warengesellschaft versucht schlicht, durch seine/ihre Kaufentscheidungen so wenig organisierte (Tier-)Ausbeutung wie möglich in Auftrag zu geben – was soll daran schlecht sein? Wir versuchen nur, innerhalb der uns möglichen Verhältnisse nach Möglichkeit ethisch zu handeln – und durch unsere Nachfrage möglichst kein Leid in Auftrag zu geben. – Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.
    Zu den Ausführungen des Autors „Heißt dass [sic] dann im Umkehrschluss, dass mensch die dooferen und menschen-unähnlichen Tiere dann essen (Fische, Hühner, Schweine) darf?“, sei noch angemerkt, dass, wie italienische Hirnforscher um Rosa Rugani von der Universität Trient herausgefunden haben, Küken bereits kurze Zeit nach dem Schlüpfen dazu fähig sind, einfache Rechnungen anzustellen, oder andere Experimente zeigten, dass der weibliche nordamerikanische Moskitofisch in etwa so gut zählen kann wie ein knapp einjähriges Kleinkind – und, wie bereits angemerkt, können Schweine sich sogar im Spiegel erkennen…
    Im nächsten Abschnitt „Und was sagen die Tiere dazu?“ wird uns „eine arge Form der Stellvertreterpolitik“ vorgeworfen. Mit der Auffassung, dass das nichtmenschliche Tier nur befreit WERDEN kann, dass Subjekt und Objekt der Befreiung also auseinander treten, hat die Tierbefreiungsbewegung sich auseinander gesetzt. Hier gibt uns die Kritische Theorie die Lösung des angeblichen Problems an die Hand. Marcus Hawel schreibt in seinem Aufsatz „Emanzipative Praxis und kritische Theorie“ (in „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“) dazu: „Subjekt und Objekt der Befreiung träten nicht mehr auseinander, wenn wir den Bezugsrahmen etwas erweiterten und uns darüber klar würden, dass es allgemein um UNSER Verhältnis zur Natur, zum Leben geht, von dem wir uns selbst zu emanzipieren hätten, weil wir darin eine ungeheuerliche Destruktionskraft entdeckten, die uns selbst die Existenzgrundlage entzieht. Wir müssen UNS selbst befreien – nicht von Natur, sondern von unserem destruktiven Umgang mit der Natur. Natur wird für kurzfristige Profitinteressen vernichtet“ – die gleiche Verwertungsvorstellung zerstört auch das Leben der Menschen. Auch Marco Maurizi betont in seinem Aufsatz „Die Zähmung des Menschen“: „Sind DIE Interessen der Menschen grundsätzlich gegen die der Tiere gerichtet, dann ist es lediglich ein glücklicher Zufall, wenn menschliche und tierische Interessen ab und zu zusammenfallen. Dem muss entgegengehalten werden, dass die Befreiung der Tiere mit der Befreiung der Menschen identisch ist und nur politisch begriffen werden kann. Aus dieser Perspektive ist der Kern des Problems die
    zerstörende Logik des Kapitals, eine Logik, die bestimmte gesellschaftliche Strukturen voraussetzt (Klassengesellschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Staatsgewalt). Solche Strukturen wurden vor Tausenden von Jahren durch die Unterdrückung von Menschen UND Tieren geschaffen. Die Befreiung des Menschen wird daher ein TEIL der Befreiung der Tiere sein. Das menschliche Tier sollte endlich mit der Revolution beginnen – die ganze Natur wartet darauf.“
    Zu dem Satz „Vielleicht sind viele Tiere ja lieber glückliche Gefangene, als hungrige Freigänger?“ merken wir an, dass dies höchstens auf domestizierte Tiere zutreffen kann. Die „Haltung“ von anderen Tieren durch den Menschen aber ist kein ursprünglicher Zustand und die Domestikation auch bereits eine Form der Herrschaft. Natürlich könnten heutzutage ein Großteil der „Nutztiere“ nicht einmal mehr ohne menschliche „Fürsorge“ überleben – dies liegt aber daran, dass Menschen sie durch Zucht derart zugerichtet haben, dass sie in ihrer natürlichen Umwelt, ohne den Menschen, nicht mehr zurecht kämen! Es ist allerdings evident, dass die meisten „Nutztier“-Züchtungen nur zum Nutzen von Menschen, die sich größere Ausbeute versprechen, aber zum Nachteil des tierlichen Individuums, das z.B. unter seinem unnatürlichen Körperbau leidet, vollzogen worden sind – nicht umsonst ist in der „Nutztierhaltung“ die Rede von „Qualzüchtungen“. Wer sich einmal mit der Haltung von sog. „Nutztieren“ in unserer Industriegesellschaft auseinander gesetzt und die Tiere in Massentierhaltung gesehen hat, wird zugeben müssen, dass schon das Mitansehen dieser Art der Gefangenschaft unerträglich ist: Die offensichtlichen Krankheiten, die Entzündungen und unnatürlichen Auswüchse der „Nutztiere“, die sich ihr Leben lang in Gefangenschaft befinden, ohne jemals Tageslicht zu sehen, sprechen für sich. Sätze wie „Die Betonung von Freiheit als höchstes Gut per se ist die Projektion von Menschen“ schmerzen angesichts dieser Bilder von Lebewesen, die, ihrer natürlichen Umwelt entrissen, ein Leben in Dunkelheit verbringen müssen, nur. Wir wollen nur, dass jedem Lebewesen ein Leben in Selbstbestimmung und Würde zukommen darf – was, so fragen wir, ist an diesem Wunsch auszusetzen?
    Genauso fragen wir, was an daran, dass Antispeziesismus lediglich ein „westliches Luxusprojekt“ sei, eigentlich schlimm sein soll? Erst, wenn wir uns nicht ständig ums eigene Überleben sorgen müssen, können – und müssen! – wir uns schließlich Gedanken um die Ausbeutung anderer machen. Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten. Dem Adelsstand war es auch „hunderte Jahre“ lang vorbehalten, Leibeigene zu „besitzen“ – ein „Privileg“, auf das wir gern verzichten (das englische Wort für „Rind“, „cattle“, hat übrigens denselben Ursprung wie „chattel“, Leibeigener, und „capital“, Produktionsmittel…).
    Der Vorwurf, die Antispe-Bewegung betreibe „nur wenig Selbstreflektion“, ist schlicht haltlos. Auf zahlreichen Konferenzen, in Texten der Bewegung und auf den alljährlich stattfindenden Tierbefreiungs-Kongressen findet kritische Selbstreflexion statt; dabei werden durchaus (selbst-)kritische Stimmen zugelassen. Als Beispiel hierzu nennen wir die Auswahl der Aufsätze im Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, über deren Kontroversität die Herausgeberin im Editorial schreibt: „Die zum Teil scharfe Kritik an der Bewegung, die für sich in Anspruch nimmt, das oppressive Mensch-Tier-Verhältnis umwerfen zu wollen, wird von der Herausgeberin und der TAN in den meisten, aber nicht in allen Punkten geteilt, droht sie doch an einigen Stellen umzuschlagen in eine affirmative Bestätigung dessen, was unter den herrschenden Verhältnissen der Fall ist – das Grauen in den Schlachtstraßen.“ Differenziert wird auch „innerhalb des Textuniversums der linken Tierbefreiungsszene und Veganerbewegung“, deren Darstellungen „teilweise unter Dogmatik und Unterkomplexität“ leiden (so Arnd Hoffmann in seinem Beitrag „Zur Kritik der Utopielosigkeit von
    Antispeziesismus und Veganismus“). Tatsächlich verhält es sich so, dass es sich bei der Tierbefreiungsbewegung um eine Bewegung handelt, die eben nicht in einem starren Dogma verhaftet ist, sondern sich im Gegenteil in der Phase der Bildung einer konsistenten Theorie befindet, in der sie dankbar ist für kritische Stimmen, anhand derer sie ihr Selbstverständnis prüfen und weiterentwickeln kann.
    Zur Position des Autors, die vegetarische Ernährung habe sich in früheren Zeiten vorrangig entweder aus Gründen der Notwendigkeit oder aus religiösen Gründen ergeben, möchten wir noch anmerken, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich aufgrund von ethischen Abwägungen zum Verzicht des Tötens von Tieren entschlossen haben. Dafür gibt es zahlreiche überlieferte Beispiele, etwa aus dem antiken Griechenland. Auch Leonardo da Vinci (1492-1519) hat bereits prophezeit: „Der Tag wird kommen, an dem das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet wird wie das Töten eines Menschen.“
    Wenn der Autor dann den „Schock“ jener beschreibt, für die Fleisch „nur noch aus der Dose“ kommt, wenn sie mit der Realität der Schlachtung konfrontiert werden, so bestätigt er damit nur unsere Auffassung, dass diese Realität für Menschen mit Empathie nun einmal an sich schockierend ist. Wir wollen nicht mit „Schock-Effekten“ arbeiten, sondern lediglich die Realität der industriellen Tierhaltung zeigen, die tatsächlich versteckt – auch kaschiert durch anthropomorphisierte Tierfiguren in der Werbung etc. – stattfindet. Besäßen Schlachthäuser gläserne Wände, wären wohl die meisten Menschen Vegetarier…
    Dass der Autor bisher noch nirgendwo davon hörte oder las, dass der politische Veganismus seine Forderungen geografisch begrenzt, ist wohl vor allem seiner mangelnden Kenntnis und seinem eingeschränkten Textkorpus in diesem Bereich zuzuschreiben; allerdings muss auch gesehen werden, dass Aktionsformen und Forderungen politischer Bewegungen nun einmal dort ansetzten, wo sie – nicht zufällig – entstehen, und so kritisieren die AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung nun einmal konkret die Umstände in ihrer Umgebung, oft auch mit einem gewissen Allgemeinheitsanspruch. In den theoretischen Reflexionen der Bewegung wird allerdings sehr wohl differenziert – aber auch betont, dass „das große Know-How über naturschonende und unblutige Herstellung gesunder und nahrhafter Lebensmittel […] zumindest den Menschen in den Industrieländern sogar schon unter den schlechten bestehenden Verhältnissen des Kapitalismus ohne weiteres eine vegane Lebensweise“ ermögliche (Susann Witt-Stahl). Durchweg wird anerkannt, dass „in bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufen und Gesellschaftsformen mitunter die Notwendigkeit bestand/besteht, Tiere als Arbeitskraft und/oder als Nahrungsmittel zu benutzen“ – doch hat sich dies eben „mit fortschreitender Produktivkraftentwicklung größtenteils geändert. Innerhalb technisch fortgeschrittener Gesellschaften ist weder die Ausbeutung der tierischen Arbeitskraft noch ein Verzehr von Tieren oder Tierprodukten notwendig“ (http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm). Wir schließen uns in dieser Frage der Philosophin Mary Anne Warren an, die in ihrem Aufsatz „Sollen alle Menschen Vegetarier werden?“ (in: Ursula Wolf (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008, S. 314-17) klar und deutlich schreibt: „Dass ein universelles Verbot der Verwertung von Fleisch und anderen Tierprodukten sich nicht leicht mit den moralischen Rechten von Menschen vereinbaren lässt, kann man etwa am Beispiel von Volksstämmen sehen, deren althergebrachte Arten des Lebensunterhalts die Jagd oder die Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung und zu anderen Konsumzwecken einschließen und die zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine zufriedenstellenden Ersatzmöglichkeiten finden können, ohne von ihnen geschätzte kulturelle Traditionen aufzugeben.“ – Doch darum geht es der Tierbefreiungsbewegung nicht in erster Linie. Sie kritisiert vielmehr folgendes Phänomen der industriellen Warenwirtschaft: „Innerhalb technisch und marktwirtschaftlich fortgeschrittener Gesellschaften ist die Ausbeutung der
    tierischen Arbeitskraft der ökonomisch rationelleren Nutzung von Maschinen gewichen. Immer weniger Menschen sind existentiell abhängig von Tierhaltung, sowohl was die Ernährung, als auch was den Verdienst für den Lebenshalt angeht. Einer an Intensität der Ausbeutung und Anzahl der gequälten und getöteten Tiere unermesslich angewachsenen Tierverwertungsindustrie steht ein umfassendes und zunehmend ausdifferenziertes Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber. […] Tierausbeutung wird immer weniger notwendig, und immer weniger Menschen sind existenziell von ihr abhängig, so dass sie eine Ethik des allgemeinen Respektes gegenüber Tieren entwickeln könnte. Auf der anderen Seite ist es jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Warenform, dass man etwas, das man als Ware verkaufen will, zum Zeitpunkt des Tausches […] nicht die Bedingungen ansieht, unter denen eben diese Ware produziert wurde. Sie erscheint als geschichtslos. Das macht es dem Käufer einfach, von dem Prozess abzusehen, der notwendig ist, um ein Tier erst in die Ware Fleisch umzuwandeln“ (Carsten Haker).
    Wir wollen genau auf diesen Prozess aufmerksam machen – und auf das Paradoxon, dass in einer Gesellschaft, die Tiernutzung eigentlich nicht mehr nötig hat, diese ein Höchstmaß angenommen hat.
    Dazu brauchen wir allerdings keine Holocaust-Vergleiche, wie der Autor im nächsten Abschnitt („Konsequent dem Dogma gefolgt und im Wahn(sinn) angekommen“) suggeriert. Solche Vergleiche liegen keineswegs „in der (internen) Logik der Antispe-Ideologie“ (und werden auch nicht von Antispes oder der politischen Tierbefreiungsbewegung ausgeübt, sondern im Gegenteil von bürgerlichen Tierrechtsorganisationen wie etwa „Peta“)! Schon allein geschichtlich handelt es sich um total unterschiedliche Situationen: Beim Holocaust wurden – unter Verwendung des Tiervergleichs! – Personen, die sich eigentlich innerhalb der „moral community“ befanden, von dieser ausgeschlossen. Uns geht es im Gegenteil um die Erweiterung der „moral community“. Diese Erweiterung würde sich im Übrigen auch positiv auf das rein menschliche Miteinander auswirken: Wenn die Hemmschwelle, andere Tiere zu töten, höher läge, wäre es auch nicht mehr so leicht, die Ausbeutung und den Mord an Menschen mithilfe einer postulierten Tierähnlicheit (wie vor Genoziden regelmäßig geschehen!) zu legitimieren. – Die Tierbefreiungsbewegung hat sich sehr kritisch mit dem Holocaust-Vergleich auseinandergesetzt und sich argumentativ überzeugend davon distanziert (s. z.B.: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/petakritik.html).

  18. 18 Antispeziesistische Aktion Tübingen 03. Mai 2010 um 0:24 Uhr

    Teil 3:

    Die „Forderungen“ des Autors im „Appell zum Schluss“ erledigen sich zum Teil von selbst durch das Zitieren des Satzes „Herrschaftskritische Antispeziesisten betonen somit, dass Speziesismus etwas genuin menschlich-zivilisatorisches sei, was erst mit der Abkehr von der Jäger-Sammler-Lebensweise entstand, weshalb indigene Jäger-und-Sammler-Kulturen sowie Tiere nicht des Speziesismus bezichtigt werden könnten“ (mal wieder aus dem Artikel „Speziesismus“ bei Wikipedia, aber: „Immerhin“…) – zumindest, was die Forderung angeht, mehr zwischen der Vergnügungsjagd und der Jagd, um davon zu (über)leben, zu differenzieren. Der Autor sieht also bereits selbst, dass sehr wohl reflektiert und differenziert wird – daraus allerdings abzuleiten, dass der Antispeziesismus an sich aufgegeben werden müsste, zeugt wieder nur vom völlig falschen Verständnis der Begrifflichkeit: Es bedeutet für uns keineswegs, den Antispeziesismus-Begriff aufgeben zu müssen, wenn wir zugestehen, „dass Menschen Tiere tatsächlich anders behandeln dürfen als ihre Mitmenschen.“ Wiederum verweisen wir auf den vom Autor unterschlagenen Satz in unserer Selbstdarstellung. Wir sind uns darüber bewusst, dass nicht alle Tiere dieselben Interessen, Fähigkeiten etc. haben – genau darauf machen wir doch aufmerksam, wenn wir den strikten Mensch-Tier-Dualismus angreifen. Der Autor dagegen hält an eben diesem, absolut überholten Bild von Mensch und Tier, der alle anderen Tiere dem Menschen gegenüberstellt, fest. Wird das Bild des Menschen von sich selbst als gottgleiche „Krone der Schöpfung“ angegriffen, hat das, wir wissen es seit Freud, eine narzisstische Kränkung zur Folge. Nun hatte der Mensch aber bereits 150 Jahre lang Zeit, sich an diesen Gedanken
    zu gewöhnen. Wird darauf heute noch mit dem haltlosen Vorwurf der „Gleichmacherei“ reagiert, ist das äußerst reaktionär, gemahnt an die Diskreditierung historischer Befreiungsbewegungen durch jene, die von der jeweiligen Ausbeutung profitierten, und zeigt letztlich auch, dass der Autor die maßgeblichen Entwicklungen der Wissenschaft der letzten 150 Jahre verpasst hat. Er scheint sich das Vorurteil in den Kopf gesetzt zu haben, „Antispeziesismus“ bedeute „Gleichmacherei“ von Mensch und Tier, und anhand der Kritik seiner eigenen, falschen Begrifflichkeit verläuft dann die Diskreditierung der angeblichen Inhalte dieses Begriffes und der Bewegung, die ihn gebraucht – das aber, ohne sich vor der Urteilsbildung einmal die wirklichen Inhalte angeschaut und sich mit der Bewegung wirklich auseinandergesetzt zu haben, wie die mangelnden Kenntnisse des Autors in diesen Bereichen beweisen.
    Die weiteren Forderungen sind für Menschen, die sich mit der betreffenden Problematik auseinander gesetzt haben, fast schon provokant. So wird von uns etwa eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ verlangt – faktisch verhält es sich allerdings so, dass das Märchen von der „reduzierenden Jagd“ reinstes Jägerlatein ist. JägerInnen behaupten, sie würden die Natur schützen und das ökologische Gleichgewicht regulieren. Das Gegenteil ist der Fall. Um möglichst viel Beute zu machen, halten sie die teils übergroßen Populationen durch gezielte Zufütterung auf einem unnatürlich hohen Niveau; sog. Beutegreifer (Jagdkonkurrenz) werden bejagt und ausgerottet. Mit Getreide, Obst und Essensresten werden die Waldtiere angelockt und gemästet. Sein Jagdgebiet ist für einen Jäger also auch nichts anderes als für den Tierhalter die Mastanlage. Nicht selten sind dem Futter Medikamente und Hormone beigemischt – für eine prächtigere Trophäe. Viele Tiere werden außerdem eigens für die Jagd produziert. Fasane etwa werden in Volieren gezüchtet und kurz vor der Jagd in Wald und Feld ausgesetzt. So genannte „Verbissschäden“ an Bäumen, die gerne als Begründung für die Jagd herhalten müssen, entstehen durch die künstlich hohe Population und durch den Jagddruck, der die Rehe ins Innere der Wälder treibt, obwohl sie eigentlich Waldrandbewohner sind. Ein weiteres fadenscheiniges Argument der Jägerschaft ist, dass Wildtiere Krankheiten wie die Tollwut übertragen. Fakt ist, dass Füchse unter Jagddruck mehr Nachwuchs bekommen. Die Tollwut verbreitet sich durch Kämpfe von Jungfüchsen, die sich neue Reviere erschließen müssen. Mehr Jagd – mehr Jungfüchse – mehr Revierkämpfe – mehr Tollwut. Krankheiten werden durch Jagd also nicht eingedämmt, sondern verbreitet. Hinzu kommt, dass jährlich weit mehr Menschen durch die Jagd sterben oder verletzt werden als durch von Wildtieren übertragene Krankheiten. Eine Differenzierung zwischen Vergnügungsjagd und „reduzierender Jagd“ ist überhaupt nicht möglich – Jagd ist in unserer Gesellschaft nichts anderes als ein blutiger Freizeitsport! Ihre Grausamkeit und Sinnlosigkeit ist offensichtlich. Sie ist verantwortlich für die Ausrottung zahlreicher Arten sowie für gravierende Umweltschäden. Die Behauptung der JägerInnen, sie töteten für den Erhalt des „ökologischen Gleichgewichts“ (mit solchen verbalen Verschleierungen und teuren PR-Kampagnen versuchen die JägerInnen, Unterwerfung und Vernichtung von Tieren zum Naturerlebnis hoch zu stilisieren), ist längst widerlegt. So sind etwa die 72.000 Hektar des Nationalparks Gran Paradiso in Italien seit 1922 jagdfrei, in denen sich das Ökosystem ohne Weiteres selbst reguliert. Auch im Kanton Genf wurde die Jagd schon vor über 30 Jahren per Volksentscheid abgeschafft (http://www.tierbefreier.de/tierbefreiung/aktuell/09/150309_jagd_genf.html).
    Die restlichen beiden, für uns absurd anmutenden Forderungen, zwischen „der quälerischen“ und „artgerechter Tierhaltung“ sowie zwischen „Pelzetragen aus Mode und Pelzetragen um sich zu wärmen“ zu differenzieren, zeigen uns wiederum nur, dass der Autor sich mit diesen Themen nicht wirklich auseinander gesetzt haben kann bzw. die Grundanliegen der Tierbefreiungsbewegung einfach nicht verstanden hat. Einer der bekanntesten Slogans der Bewegung etwa ist „Artgerecht ist
    nur die Freiheit!“ – jegliche „Haltung“ entreißt doch ein Tier seiner natürlichen Umgebung und will ein autonomes Wesen dem Menschen, durch Zwang, „Züchtigung“ und Züchtung, gefügig machen.
    Dass Kleidung aus „Pelz“ in unserer Gesellschaft nur als Statussymbol dient und keinerlei Notwendigkeit folgt, steht für uns nicht zur Debatte. In Bezug auf Indigene sei auf die Argumentation oben verwiesen.
    Zum „Appell zum Schluss“ ist von unserer Seite noch allgemein anzumerken, dass derselbe eine Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung fordert, die unserem Ansatz absolut widerspricht. Wir sind keine TierschützerInnen und argumentieren auch nicht über eine Mitleids-Ethik, sondern für das Recht auf Autonomie; dies schließt auch die Ernährungssouveränität mit ein – solange diese nicht die Autonomie der anderen verletzt – wir werben, wie vom Autor als sinnvoll erachtet, für eine Ernährungsumstellung in den Metropolen (und unser Werben hat nicht appellativen, sondern persuasiven Charakter!). Die Forderung nach einer Entpolitisierung unserer Bewegung ist ein Angriff auf das Fundament ihres Selbstverständnisses! Carsten Haker schreibt hierzu, aus der „Dialektik der Aufklärung“ und aus Adornos „Probleme der Moralphilosophie“ zitierend: „Da in einer herrschaftlich-warenförmig organisierten Gesellschaft die Bedingungen, nach denen sie funktioniert, zwar von Menschen geschaffen sind und sich von Menschen ändern ließen, aber als natürlich und notwendig erscheinen, ist für eine Moralphilosophie die Reflexion des gesellschaftlichen Bannes erforderlich; Moral ohne Systemkritik, ohne Rekurs auf den „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ (DA 48), ist unmoralisch, da sie ihn nicht hinterfragt. Die Form, in der gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen als Naturschicksal entgegentreten, drückt ihre gesellschaftliche Verflochtenheit aus; „[…] in zweiter Natur, in der universalen Abhängigkeit, in der wir stehen, gibt es keine Freiheit; und es gibt darum in der verwalteten Welt auch keine Ethik; und deshalb ist die Voraussetzung der Ethik die Kritik an der verwalteten Welt.“ (PM 261)“.
    Ein für allemal wollen wir klarstellen: Wir verorten uns innerhalb der herrschaftskritischen Linken und verstehen uns ausdrücklich als Teil einer emanzipatorischen Bewegung (und wollen als solche respektiert werden und nicht lächerlich gemacht werden mit Unterstellungen, dass unsere politische Arbeit letztlich auf bloßem „Mitleid“ beruhe und wir deshalb doch lieber klassische Tierschutz-Arbeit machen sollten, oder gar mit Jaina-Mönchen verglichen werden) – nur hört für uns die Befreiung nicht beim Menschen auf. Wir sind der Überzeugung, dass, würde unsere Solidarität sich auf andere Menschen beschränken, wir nur Teilaspekte des Ausbeutungsapparats im Auge hätten, den wir aber als Ganzes bekämpfen wollen. Mit dieser Ansicht stehen wir nicht alleine. Im Gegenteil kann sich die Tierbefreiungsbewegung auf maßgebende Traditionslinien linker, herrschaftskritischer Theorie berufen, wie etwa auf die Kritische Theorie. Der Autor fordert uns dazu auf, „verdammt nochmal bitte“ damit aufzuhören, „das“ Adorno-Zitat – ohne zu sagen, welches eigentlich – „entkontextualisiert für eure Bedürfnisse zu instrumentalisieren!“ Adorno habe „nicht die Behandlung von Tieren als solche“ kritisiert. – Eine solche Aussage zeigt deutlich, dass der Autor sich niemals eingehender mit der Kritischen Theorie beschäftigt hat – geschweige denn mit der darauf aufbauenden Theorie der Tierbefreungsbewegung. Er erwähnt zwar das Buch „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“, kann es aber nicht gelesen haben, sonst könnte er nicht zu einer solchen Aussage über Adorno gelangen. Für die Theoretiker der Frankfurter Schule war es selbstverständlich – und das ist eine absolut zentrale Aussage ihrer Theorie und war ihnen ein wichtiges Anliegen –, auch die Situation der Tiere in der Warengesellschaft in ihre Kritik der kapitalistischen Gesellschaft mit einzubeziehen. So war es bereits selbstverständlich für sie, dass eine befreite Gesellschaft die Befreiung der Tiere mit einschließen würde. Herbert Marcuse beispielsweise antwortete in einem Interview auf die Frage, was er gedenke, nach der Befreiung der Menschen zu tun: „Die Tiere befreien natürlich.“ In unserer Selbstdarstellung zitieren wir den Text von Horkheimer
    von 1934, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines „Wolkenkratzers“ verwendet, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Es ist ein wichtiger Verdienst der Kritischen Theorie, dass sie die nichtmenschlichen Tiere als ausgebeutete Subjekte in die Betrachtung der kapitalistischen Gesellschaft mit einbezieht. Horkheimer schreibt, in den „Verliesen des Gesellschaftsbaus“ richte die Gesellschaft das „Leiden der Kreatur“ an zum Zwecke der „fieberhaften Herstellung von zweifelhaften Luxusgütern“ mit Hilfe von „unzweifelhaften Zerstörungsmitteln“. Als „unbeschreiblich töricht und grausam“ gegenüber Tieren erwiesen sich die Menschen in Zoos und Zirkussen; über die „Dummheit der Zuschauer“ wird geklagt: Der Mensch gehöre zur „einzigen Rasse, die Exemplare anderer Rassen gefangen halten oder sonst auf eine Art quälen, bloß um sich selbst dabei groß vorzukommen“ (es ist übrigens auch noch gar nicht so lange her, dass die selbsternannte weiße „Herrenrasse“ in sog. „Menschenschauen“ dunkelhäutige, „niederrassige“ Menschen zur Schau gestellt hat).
    In der „Dialektik der Aufklärung“ kritisieren Horkheimer und Adorno den Antrieb abendländischer Zivilisation und Wissenschaft, die das als „Natur“ Definierte zu nichts mehr als zu bloßem Material macht, welches zu beherrschen ist, grundsätzlich: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ Dabei gehen sie auch speziell auf die „Versklavung der Kreatur“ ein und kritisieren auch das Vorgehen der funktionalen Wissenschaft, die disqualifizierte Natur zum Stoff bloßer Einteilung und Verfügbarkeit für den Menschen zu machen – so gehe etwa das Kaninchen „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“. In einem eigenen Abschnitt über „Mensch und Tier“ kritisieren Horkheimer und Adorno die Formeln und Resultate, die Menschen „in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen“ und den „blutigen Schluß“, „den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen“. Von „Arena und Schlachthaus“ ist die Rede, von der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute“. „Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“, so prangern sie an. Die Ursache davon: „Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat“ – nämlich die Unterdrückung der inneren Natur, des inneren Tieres im Menschen, die „Geist“ überhaupt erst ermöglichte. So „bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht.“
    Den schmerzhaften Prozess der Beherrschung, der notwendig für den Menschen war, um Geist und Kultur hervorzubringen, hat er nie ganz überwunden, und er ist kein ein für allemal abgeschlossener, sondern der Mensch scheint sich der Herrschaft über die innere und äußere Natur immer wieder versichern zu müssen. Darin liegt nach Horkheimer und Adorno der eigentliche Antrieb des Faschismus: „Das prononcierte Menschengesicht, das beschämend an die eigne Herkunft aus der Natur und die Verfallenheit an sie erinnert, fordert unwiderstehlich nur noch zum qualifizierten Totschlag auf. Die Judenkarikatur hat es seit je gewußt, und noch der Widerwille Goethes gegen die Affen wies auf die Grenzen seiner Humanität. […] So blind steht der Koloß des faschistischen Schlächters vor der Natur, daß er ans Tier nur denkt, um Menschen durch es zu erniedrigen. Für ihn gilt wirklich, was Nietzsche Schopenhauer und Voltaire zu Unrecht vorwarf, daß sie ihren „Haß gegen gewisse Dinge und Menschen als Barmherzigkeit gegen Tiere zu verkleiden wußten“. Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrömmigkeit des Faschisten ist der Wille zur Verfolgung. Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt […] In dieser vom Schein befreiten Welt, in der die Menschen nach Verlust der Reflexion wieder zu den klügsten Tieren wurden, die den Rest des Universums unterjochen, wenn sie sich nicht gerade selbst zerreißen, gilt aufs Tier zu achten nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt. In guter reaktionärer Tradition hat Göring den Tierschutz mit dem Rassenhaß verbunden, die lutherisch-deutsche Lust am fröhlichen Morden mit der gentilen Fairness des Herrenjägers.“
    Seit ihrem Aufstieg zeige „die species Mensch den anderen sich […] als die entwicklungsgeschichtlich höchste und daher furchtbarste Vernichtung“. Angesichts dieser Entwicklung ist die Zukunftsperspektive der Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ negativ. Über den Menschen schreiben sie: „Seine Vernichtungsfähigkeit verspricht so groß zu werden, daß – wenn diese Art sich einmal erschöpft hat – tabula rasa gemacht ist. Entweder zerfleischt sie sich selbst, oder sie reißt die gesamte Fauna und Flora der Erde mit hinab“.
    Dennoch gibt es Hoffnung. In der Kritischen Theorie scheint auch immer wieder ein mögliches Moment der „Versöhnung“ auf. Zu einer Versöhnung des Menschen mit der äußeren Natur müsste er sich erst einmal mit seiner inneren Natur versöhnen, deren Unterdrückung er als Unterdrückung der äußeren Natur, der Tiere und alles als „Tierähnlich“ gebrandmarkten, ins Äußere projiziert. Carsten Haker schreibt zu diesem Mechanismus der „pathischen Projektion“, aus der „Dialektik der Aufklärung“ zitierend: „Erst die Unterdrückung des Triebs trennt den Menschen vom Tier. Die „Bändigung des Triebs durch die Vernunft“ (DA 55) führt dazu, daß der Mensch „das Bewußtsein seiner selbst als Natur sich abschneidet“ (DA 61). Triebe werden tabuisiert und mit dem Tier gleichgesetzt, über das der Mensch sich zu erheben sich anstrengt. „Der Affekt wird dem Tier gleichgesetzt, das der Mensch unterjocht.“ (DA 54) Dies führt zur Projektion verdrängter Triebimpulse auf Tiere und andere Menschen, die als Tiere oder tierähnlich verunglimpft werden und in deren Bestrafung und Verfolgung sich der Verdrängende seinem Unmut und seiner Aggression über die Verdrängung freien Lauf lassen und gleichzeitig als Vollstrecker der Zivilisation fühlen kann. Diesen Mechanismus nennen Adorno und Horkheimer „pathische Projektion“. Allgemeiner ausgedrückt meint dieser Begriff die Projektion eigener, gesellschaftlich tabuierter und daher verdrängter Triebimpulse und Gefühlsregungen vorzugsweise auf nicht dem eigenen (Volks-)Kollektiv angehörende und gesellschaftlich abgewertete, weil der Natur angeblich näherstehende, Individuen bzw. (konstruierte) Gruppen, um sie dort zu verfolgen und in der Verfolgung die verdrängten Impulse bzw. die unbewußte Wut über deren Verdrängung auszuleben und sich dadurch als rechtschaffener Durchsetzer des Tabus zu fühlen. „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch die Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionslüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch die Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.“ (DA 201). Die pathische Projektion ist ein wesentlicher Bestandteil der Theorie einer Dialektik der Zivilisation, die in sich barbarisiert ist. Das zivilisatorische Projekt ist die Loslösung und Beherrschung von Natur im Menschen und außerhalb seiner. Die Hingabe an Natur, an Triebimpulse, der Rückfall in das, was als Tierzustand verstanden wird, wird tabuisiert und gehaßt, weil er die notwendige zivilisatorische Disziplin gefährdet. „Die verhaßte übermächtige Lockung, in die Natur zurückzufallen, ganz auszurotten, das ist die Grausamkeit, die der mißlungenen Zivilisation entspringt, Barbarei, die andere Seite der Kultur.“ (DA 119). Wenn das Individuum nicht in der Lage ist, die eigenen Triebe zu unterdrücken, steigt seine Anspannung und wächst seine Wut auf diejenigen, die für ihn das freie Ausleben des Triebes symbolisieren. Es nennt diejenigen Schweine, „deren Trieb auf andere Lust sich besinnt als die von der Gesellschaft für ihre Zwecke sanktionierte.“ (DA 78).“
    In „Minima Moralia“ beschreibt Adorno den Tiervergleich als „Schlüssel zum Pogrom“, und sagt weiter: „Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tieres den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er dieses Bild von sich schiebt – „es ist ja bloß ein Tier“ –, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das „Nur ein Tier“ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.“
    Ist die Unterdrückung einer bestimmten Gruppe von Subjekten allgemein akzeptiert, so ist es ein leichtes, durch die Ausweitung jener Attribute, welche dieser Gruppe zugeschrieben werden, auf andere Subjekte, auch deren Unterdrückung zu legitimieren. Die gemeinhin akzeptierteste Form der Herrschaft aber ist die des Menschen über die Natur und die anderen Tiere. Die „Dialektik der Aufklärung“ zeigt: Die kulturelle Mentalität, die den Kolonialismus und den Mord an den indigenen Bevölkerungen hervorgebracht hat, brachte auch den Faschismus und den Holocaust hervor, doch ihre Wurzel und Letzbegründung haben diese Formen der Unterdrückung in dem Zwang zur Herrschaft über die Natur durch den Menschen. Die Ursprünge hierarchischen Denkens in den menschlichen Gesellschaften sind letztlich auf das Verhältnis der menschlichen Kultur zur Natur und auf die Unterdrückung von Tieren zurückzuführen. Letzere hat die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, geduldet und begünstigt. Im Umkehrschluss muss dies heißen, dass die Befreiung der Tiere diesem Mechanismus einen Riegel vorschieben würde; die Überwindung des Speziesismus, der ideologischen Kluft, die nichtmenschliche Tiere gegenüber dem Menschen als inferior darstellt und damit ihre Ausbeutung legitimiert, würde zum Abbau von hierarchischem Denken insgesamt beitragen. Die Befreiung der Tiere ist daher auch eine Befreiung der Menschen, die Befreiung der Menschen kann sich nicht ohne Befreiung der Tiere vollziehen – tatsächlich sind beide identisch!

    ANTISPEZIESISTISCHE AKTION TÜBINGEN
    http://asatue.blogsport.de/

  19. 19 Apple 05. Mai 2010 um 23:05 Uhr

    @ asa-tübingen

    Zu unserer Feststellung, die Ideologie des Speziesismus liefere die Legitimation dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet würden, merkt der Autor an, dass der Mensch einfach Fleisch esse und dafür keine Legitimation durch eine Ideologie brauche. Dies sehen wir nicht so. Der Mensch benötigt immer eine Legitimation dafür zu töten, dafür gibt es zahlreiche Beispiele

    Der Verweis auf zahlreiche Beispiele in der Geschichte ist überhaupt kein Beweis für eine Notwendigkeit einer ideologischen Legitimierung des Tierkonsums. Sonst könnte man mit der gleichen Berechtigung auch sagen, dass Menschen Tiere essen müssen – in der Geschichte, sei es der altpersischen oder sonst einer, finden sich jedenfalls genügend Beispiele dazu.

    Die Antispe-Aktiven können, so weit ich es überblicke, nicht beweisen, dass eine Legitimation immer notwendig ist, wenn man Tiere konsumieren will. Dann ist aber auch die Behauptung, Menschen würde Tiere deshalb konsumieren, weil sie einer Ideologie aufsitzen, nicht richtig.

  20. 20 Pear 07. Mai 2010 um 2:55 Uhr

    Der Verweis auf Beispiele kann natürlich nie „Beweis“ sein (was aber wohl, wenn man sich den Text anschaut, auch nicht indendiert war).
    Die Folgerung „Dann ist aber auch die Behauptung, Menschen würde [sic] Tiere deshalb konsumieren, weil sie einer Ideologie aufsitzen, nicht richtig“ aus dem Satz „Die Antispe-Aktiven können, so weit ich es überblicke, nicht beweisen, dass eine Legitimation immer notwendig ist, wenn man Tiere konsumieren will“ ist nach den Gesetzen der Logik nicht zulässig, es handelt sich um einen Fehlschluss.
    Ich kann aber ohnehin nicht sehen, dass irgendwo im Text behauptet wurde, dass Menschen „Tiere deshalb konsumieren, weil sie einer Ideologie aufsitzen“ – ursprünglich töteten Menschen wohl einfach aus Notwendigkeit von Nahrung. Auffällig ist aber schon, dass sie dafür immer irgendeine Legitimation, irgendeine Rechtfertigungsideologie brauchen – diese war früher meist religiös, und heutzutage wird eben meist mit dem Mensch-Tier-Dualismus, einer im gesellschaftlichen Denken sehr tief verankerten Ideologie, argumentiert: „Es sind ja bloß Tiere“… (also: „Tiere“ sind nach herrschender Auffassung grundsätzlich auf irgendeine Art und Weise „schlechter“ als Menschen, was ihre Tötung rechtfertigt) – eine Auffassung, die, als Speziesismus identifiziert, im gesellschaftlichen Denken dekonstruiert werden kann (und muss, schon alleine, da sie keine reale Grundlage hat).
    Die Sklaverei folgte doch auch nicht aus dem Rassismus, sondern andersherum: In der Bibel heißt es noch „schön wie eine Äthiopierin“, um eine unbestreitbare Schönheit zum Ausdruck zu bringen, das kommt daher, dass Äthiopien damals ein mächtiges Reich war. Später wurden die Schwarzen versklavt, und um die Sklaverei zu rechtfertigen, musste man die biologischen Besonderheiten der Sklaven entwerten. Wären die Rothaarigen die Unterjochten gewesen, hätte man auch dieses Körpermerkmal entwerten können, wären die Rothaarigen die Herren gewesen, hätten sie die Blonden oder Dunkelhaarigen herabwürdigen können.
    Bei diesen Ideologien handelt es sich also um Rechtfertigungs-Ideologien, es sind ganz klar Strategien, das eigene Handeln zu legitimieren – und diese Notwendigkeit zur Rechtfertigung zeigt doch, dass dieses Handeln im Grunde als falsch erkannt ist.

  21. 21 Pear 07. Mai 2010 um 2:57 Uhr

    an den Webmaster: „intendiert“ natürlich im vorigen Post – bitte noch änern – sorry, es ist spät…

  22. 22 Pear 07. Mai 2010 um 2:58 Uhr

    an den Webmaster: „intendiert“ natürlich im vorigen Post – bitte noch ändern – sorry, es ist spät…

  23. 23 Apple 12. Mai 2010 um 11:02 Uhr

    @ Pear

    Die Folgerung „Dann ist aber auch die Behauptung, Menschen würde [sic] Tiere deshalb konsumieren, weil sie einer Ideologie aufsitzen, nicht richtig“ aus dem Satz „Die Antispe-Aktiven können, so weit ich es überblicke, nicht beweisen, dass eine Legitimation immer notwendig ist, wenn man Tiere konsumieren will“ ist nach den Gesetzen der Logik nicht zulässig, es handelt sich um einen Fehlschluss.

    Den Fehlschluss sehe ich nicht. Die Antispe-Behauptung ist, dass Menschen für das Konsumieren von Tieren immer eine Ideologie benötigten. Würde man diese Ideologie (den Speziesismus) dekonstruieren, könnten sie keine Tiere mehr konsumieren, weil ihnen dafür die Legitimation fehlte.

    Mein Einwand war: Es gibt schichtweg keinen Beweis dafür, dass diese Ideologie immer notwendig ist – stattdessen nur Verweise auf historische und aktuelle Beispiele, bei denen das vorkommt. Damit will ich gar nicht bestreiten, dass es diese Ideologie heutzutage gibt, ich will nur den Irrglauben kritisieren, man müsse den Menschen nur erklären, dass Tiere und Menschen sich in Grunde genommen nur graduell und nicht prinzipiell unterscheiden, und schon hören sie auf, Tiere zu konsumieren. Das stimmt nämlich nicht. Die Ideologie des Speziesismus ist kein Grund und nichteinmal eine notwendige Bedingung dafür, dass Tiere so schlecht behandelt werden – sondern wie du schreibst, eine Rechtfertigung für ein bereits bestehendes Interesse am Tierkonsum.

    Das Vorhandensein dieser Rechtfertigung zeigt nicht, dass dieses Handeln im Grunde als falsch erkannt worden ist, sondern dass ein Mensch, der sich auf diese Weise rechtfertigt, zwei einander widersprechende Interessen verfolgt. Einerseits will er ein Tier essen, andererseits hat er das Interesse an einer Gesellschaft, in der die Gesellschaftsmitglieder nicht verletzt werden. Die beider wiedersprüchlichen Interessen bringt er so zusammen, dass er die Tiere für nicht der menschlichen Gesellschaft zugehörig erklärt. Dieses Rechtfertigungsmuster gibt es aber nur dann, wenn die Kritik am Tierkonsum in der Weise formuliert wird, dass Tiere in die menschliche Gesellschaft eingeschlossen werden, um sie dadurch zu schützen. Der passende Spruch dazu ist: „Du isst ja auch keine Menschen, warum isst du dann Tiere?“ oder die Forderung nach der Verleihung der Menschenrechte an Tiere.

    Also, der Speziesismus, der eine sehr moralische Rechtfertigungsideologie ist, kommt nur dann ins Spiel, wenn der Tierkonsum seinerseits moralisch angeklagt wird, wenn ihm vorgeworfen wird, dass er etwas ist, was man nicht machen darf. In anderen Fällen konsumieren Menschen schon seit Ewigkeiten Tiere, ohne auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, ob und warum sie das dürfen oder nicht dürfen. Das etwas gedankenlose Moment am Antispe ist, dass er sich die ganze Zeit an einer Moral-Ideologie abarbeitet, die nur durch die Forderungen von Tierschützern in die Welt kommt – und darüber meint, die Lage der Tiere verbessern zu können. Dabei ist die PETA mit ihren Horror-Videos da um einiges erfolgreicher.

  24. 24 Pear 25. Mai 2010 um 3:35 Uhr

    Du schreibst:
    „Die Antispe-Behauptung ist, dass Menschen für das Konsumieren von Tieren immer eine Ideologie benötigten. Würde man diese Ideologie (den Speziesismus) dekonstruieren, könnten sie keine Tiere mehr konsumieren, weil ihnen dafür die Legitimation fehlte.“
    Die Folgerung ist doch schlicht Blödsinn. Es geht im Grunde erst mal um Herrschaftsinteressen, um den eigenen materiellen Vorteil. Das ist der einzige Grund, den wir in Wirklichkeit haben, sowohl andere Menschen als auch andere Tiere zu versklaven und sie und ihre „Produkte“ uns dienstbar zu machen. Doch Sklaverei kann auch ohne expliziten Rassismus existieren, und Tierhaltung ohne explizite speziesistische Legitimations-Ideologie. Und doch korrelieren sie auf eine gewisse Art und Weise. Es geht darum, beide Seiten anzugreifen, die materielle und die ideologische. Du wirst doch wohl zugeben müssen, dass nicht nur die materielle, tatsächliche Befreiung der schwarzen Sklaven geschichtlich notwendig war, sondern genauso eine Dekonstruktion der rassistischen Ressentiments im gesellschaftlichen Denken ihnen gegenüber.
    Darüber hinaus ist bereits die Argumentation „Es sind ja nur Tiere…“, die bei dir auch anklingt, bzw. der Mensch-Tier-Dualismus an sich, dem du verhaftet bleibst, speziesistisch.
    Und das Vorhandensein einer Rechtfertigungs-Ideologie zeigt natürlich, dass dieses Handeln im Grunde als falsch erkannt ist, sonst bräuchte es keine ideologische Legitimation.
    Was aber ganz richtig ist, ist, dass zwei unterschiedliche Interessen sich gegenüberstehen: Zum einen das egoistische Moment des Handelns zum eigenen Vorteil, zum anderen der aus Empathie sich ergebende moralische Reflex. Hier gilt es abzuwägen. Im Fall der Sklaverei war die Versklavung von menschlichen Individuen einer Gruppe von Menschen – den Sklavenhaltern – sehr dienlich, die ihren eigenen materiellen Vorteil als wichtiger ansahen. Dass hier schreiendes Unrecht geschah, steht aber außer Frage – die Gerechtigkeit hat sich in diesem Bereich ja zum Glück dann auch durchgesetzt. Heute meint die menschliche Gesellschaft, dass es ihrem Vorteil diene, andere Tiere gefangen zu halten und auszubeuten (wobei dies, betrachtet man die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des Tierkonsums und der Tierhaltung, in Wirklichkeit überhaupt kein Vorteil ist) – doch jedeR kann sich entscheiden, dabei mitzumachen oder sich davon zu enthalten.
    Antispes fordern übrigens keineswegs, die anderen Tiere in die menschliche Gemeinschaft mit einzuschließen, was wiederum eine schlicht blödsinnige Forderung wäre. Alle Tiere sollen aber – in Anerkennung ihrer individuellen Bedürfnisse und Interessen – in die ethischen Abwägungen der Menschen mit einbezogen werden. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied.

  25. 25 Apple 25. Mai 2010 um 12:55 Uhr

    @ Pear

    Darüber hinaus ist bereits die Argumentation „Es sind ja nur Tiere…“, die bei dir auch anklingt, bzw. der Mensch-Tier-Dualismus an sich, dem du verhaftet bleibst, speziesistisch.

    Schreib doch bitte dazu, was an der Argumentation speziesistisch ist. Mit der Beahuptung allein kann man nicht viel anfangen.

    Die Folgerung ist doch schlicht Blödsinn. Es geht im Grunde erst mal um Herrschaftsinteressen, um den eigenen materiellen Vorteil. Das ist der einzige Grund, den wir in Wirklichkeit haben, sowohl andere Menschen als auch andere Tiere zu versklaven und sie und ihre „Produkte“ uns dienstbar zu machen. Doch Sklaverei kann auch ohne expliziten Rassismus existieren, und Tierhaltung ohne explizite speziesistische Legitimations-Ideologie.

    Ja, das wird schon so sein, aber ich verstehe nicht, warum du das als Einwand gegen meine Ausführungen bringst. Wenn, dann solltest du es mal der Antispe-Aktion-Tübingen sagen, die schreiben auf ihrer Homepage nämlich folgendes:

    Um das Problem bei der Wurzel zu packen, suchen wir nach Ursachen der Ausbeutung von Tieren und der Natur durch den Menschen. […] Zum Glauben an die Überlegenheit des Menschen, welche die Ursache der Zerstörung der Natur ist, gehört der Speziesmus – eine Ideologie, aus welcher die Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren folgt. […]
    Ähnlich wie der Rassismus die Herrschaft der Weißen über die Nicht-Weißen rechtfertigt und damit Sklaverei, Kolonialismus und „Rassentrennung“ hervorruft, liefert der Speziesismus die Rechtfertigung dafür, dass nichtmenschliche Tiere ihr Leben lang eingesperrt, missbraucht, gequält und getötet werden.

    Da steht eindeutig, dass „der Glaube an die Überlegenheit des Menschen“ die Ursache der Naturzerstörung ist und dass Rassismus – damit ist ja wohl die rassistische Ideologie gemeint – Sklaverei, Kolonisation u.ä. „hervorruft“.

    Und das Vorhandensein einer Rechtfertigungs-Ideologie zeigt natürlich, dass dieses Handeln im Grunde als falsch erkannt ist, sonst bräuchte es keine ideologische Legitimation.

    Nein, das zeigt nicht, dass das Handeln als falsch erkannt wurde. Wenn jemand sein Handeln als falsch erkennt, dann lässt er es halt bleiben. Dein „im Grunde“ ist eine Schummelei: Eigentlich hat der Mensch das nicht als falsch erkannt und will weiterhin Tiere konsumieren. Und dann sagst du: Aber irgendwie im Verborgenen hat er das doch als falsch erkannt. Und wie kommst du drauf? Wo bleibt der Beweis für diese untergründige Erkenntnis?

    Mein Argument war, dass da zwei Sachen als richtig erkannt wurden – oder besser gesagt: zwei Interessen verfolgt werden wollen – die sich inhaltlich widersprechen. Moralische Rechtfertigung – und das ist der Speziesismus, er stellt eine Berechtigungen dafür aus, dass Tiere konsumiert werden dürfen – ist die Art und Weise, diese Interessen so zusammen zu bringen, dass sie nicht widersprüchlich erscheinen. Beispiel: Ich will eine Kuh essen Ich will eine Gesellschaft, in der die Gesellschaftsmitglieder sich gegenseitig nicht verletzen; Lösung: Kuh gehört nicht zur Gesellschaft, weil [und hier fängt die ideologische Begründung an]. Hier ist das Interesse, die Kuh zu essen, keinesfalls als falsch erkannt worden, sondern es wird sich was ausgedacht, so dass die beiden Interessen zusammenpassen.

    Im Fall der Sklaverei war die Versklavung von menschlichen Individuen einer Gruppe von Menschen – den Sklavenhaltern – sehr dienlich, die ihren eigenen materiellen Vorteil als wichtiger ansahen. Dass hier schreiendes Unrecht geschah, steht aber außer Frage

    An deinen Äußerungen kann man nochmal studieren, wie Moral funktioniert. Da stehen sich zwei Gruppen gegenüber, die eine will, dass die andere für sie arbeitet; die andere will das nicht machen. Ein klarer Interessenskonflikt, wo man sich je nach Sympathie auf die eine oder andere Seite schlagen kann. Bei dir ist es ein Unrecht und ein schreiendes noch dazu. Aus dem Studium der damaligen Rechtslage lässt sich kaum erschließen, dass es Unrecht war – was soll also „Unrecht“ heißen? Du meinst, es gäbe ein universales moralisches Gesetz auf der Welt, dass bestimmte Taten als Unrecht und andere Taten als Recht abstempelt. Du bringst dein persönliches Interesse nach der Befreiung der Sklaven als ein universales, allgemein gültiges vor und das Interesse der Sklaventreiber negierst du als ein, das für die Menschheit allgemein keine Gültigkeit haben darf. Das ist eine Rechtfertigungsleistung. Es ist nicht nur von deinem persönlichen Interesse her gesehen gut, dass man die Sklaventreiber zusammengeschossen und die Sklaven befreit hat – es hat auch noch einen höheren Sinn und eine höhere Berechtigung, weil es der Gerechtigkeit zum Durchbruch verholfen hat.
    Jetzt könnte man auch fragen: Warum diese Rechtfertigung? Hast du etwa das Handeln, die Sklaven zu befreien, „im Grunde“ als falsch erkannt oder warum brauchst du diese ganze Erfindung mit der Gerechtigkeit? Vermutlich nicht. Vermutlich denkst du, es wäre nicht gut, einfach so Menschen zusammenzuschießen, auch wenn es Sklaventreiber sind – nur weil du das willst. Einerseits willst du nicht, dass Leute sich aus, wie du schreibst, „egoistischen“ Interessen Gewalt antun, anderseits willst du die Sklaven befreien – und das geht nur mit Gewalt. Lösung: Just diese Gewalt ist gerechtfertigt und gut, sie motiviert sich nicht aus einem einfachen privaten Interesse, sondern ist im Interesse der gesamten Menschheit und des moralischen Gesetzes, dem sie folgt – also muss man sich keine Sorgen machen.

    Zum einen das egoistische Moment des Handelns zum eigenen Vorteil, zum anderen der aus Empathie sich ergebende moralische Reflex.

    Moral ist kein Reflex und ergibt sich auch nicht so automatisch aus Empathie. Empathie heißt einfach, dass man die Zwecke und Interessen anderer Lebewesen nachvollzieht, sie sich zu eigen macht und bei der Umsetzung behilflich sein will. Wenn man andere mag und ihnen helfen will, ist es noch keine Moral und umgekehrt gibt es auch für Handlungen, die nur dem eigenen Vorteil dienen, oft moralische Rechtfertigungen. Wie diese Rechtfertigungen funktionieren, steht im Ansatz drüber. Es ist in der bürgerlichen Gesellschaft, wo Aufopferung für die Gemeinschaft ein hoher morallischer Wert ist und das Eigeninteresse nicht viel zählt, üblich Egoismus mit Unmoral gleichzusetzen.

    Antispes fordern übrigens keineswegs, die anderen Tiere in die menschliche Gemeinschaft mit einzuschließen, was wiederum eine schlicht blödsinnige Forderung wäre. Alle Tiere sollen aber – in Anerkennung ihrer individuellen Bedürfnisse und Interessen – in die ethischen Abwägungen der Menschen mit einbezogen werden. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied.

    Nein, das stimmt nicht. Antispes fordern nicht einfach nur, man solle auf die Interessen der Tiere Rücksicht nehmen. Sie meinen auch ein Argument gefunden zu haben, warum man das tun muss: Weil bestimmte Tiere sich genauso gut wie Menschen als moralisches Objekt, also zur Aufnahme in die „moral community“ eignen. Mit „menschlicher Gemeinschaft“ war nicht gemeint, dass die Antispes fordern, man solle Ziegen heiraten dürfen oder so. Aber was die moralische Rücksichtnahme angeht, gehörten bestimmte Tiere und Menschen in die selbe Gemeinschaft.

  26. 26 Antispeziesistische Aktion Tübingen 15. Juni 2010 um 16:01 Uhr
  27. 27 S. 24. Januar 2011 um 19:17 Uhr

    Das einzige, was ich dazu sagen kann und möchte ist, dass es kein richtig und falsch oder gut und böse gibt.

    Jeder wählt den Weg, der für ihn das meiste Glück verspricht.
    Ob auf der Straße oder in der Villa, in der Stadt oder auf dem Land, vier, zwei oder acht Beine- wer sind wir, um werten zu dürfen? Für wie wichtig halten wir uns, um über Leben und Tod zu richten?

    Wenn ich nicht beurteilen kann was richtig und falsch ist, bin ich mir sicher, dass wir versuchen sollten, in unserem Leben anderen keinen Schaden zuzufügen. Egal ob nichtmenschliches Tier oder Mensch.
    Da es faktisch möglich und erwiesenermaßen nicht ungesund ist, sich vegan zu ernähren, verzichte ich gern auf Schnitzel und Rührei. Das ist ein so geringer Preis, denn was sind 20 Minuten guter Geschmack im Mund gegen jahrelanges Leiden?

    Liebste Grüße an alle, die das hier lesen.

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