Viele Zitate, aber nur wenig Überzeugendes

„Die Grenzen der Aufklärung
Ob Sonnenschein, ob Sternengefunkel:
Im Tunnel bleibt es immer dunkel.“

(Erich Kästner)

Ich möchte neben der offiziellen Entgegnung der Antispe Tübingen in mein Contra auch den Kommentar eines Tübinger Antispe-Aktivisten („Matthias R.“) vom 10.04.2010 mit einbeziehen.

Im Folgenden werde ich versuchen die Grundthesen hinter den langen Zitaten von Menschen (mit akademischen Titeln) zu erfassen und dann auf diese einzugehen. Ich versuche weniger auf Einzelbelege und Beispiele einzugehen, sondern auf die Kern-Thesen bzw. –Erwiderungen. Neben dieser Grundkritik werde ich trotzdem auch Detailkritik üben und versuchen aufzuzeigen wie die Antispes meiner Ansicht nach zu ihrer Logik gelangen. Im Übrigen gibt es keine absoluten Autoritäten für mich. Selbst wenn beispielsweise Adorno oder Horkheimer tatsächlich richtig zitiert und in dem gedeuteten Sinn interpretierbar sind, so ist das noch kein Beweis für die Richtigkeit ihrer Aussage („Ja, aber der Adorno hat gesagt …“). Natürlich muss Fachwissen von einem Professor XYZ respektiert und gewürdigt werden. Dass heißt ich gehe davon aus, dass er seine zitierte Annahme auf wissenschaftlich überprüfbare Annahmen basiert. Einen größeren Teil des Textes hätte mensch sich durchaus sparen können. Die Ausführungen zu Darwin tragen beispielsweise wenig zu der grundsätzlichen Diskussion bei. Einige lange Zitate hätten die Antispes durchaus auf ein, zwei Sätze in eigenen Worten verkürzen können. Durch das Zitieren von Gewährsleuten wird die Argumentation eigentlich nicht glaubhafter. Eine Aussage wird erst einmal nicht überzeugender, wenn sie aus dem Mund einer Koryphäe kommt. Ich könnte sicher auch mehrere Experten-Joker aus dem Hut zaubern und gründlich aus deren Zitatesteinbrüchen zitieren, werde aber darauf verzichten. Nur an einer Stelle, wo mir das Sachwissen fehlte werde ich die Antwort einer konkret befragten Expertin anführen.

Wenn noch einmal Kritikpunkte an der Antispe-Kritik auftauchen, auf die ich meiner Meinung nach im ersten Text schon einmal eingegangen bin, dann zitiere ich mich bei passender Gelegenheit auch gern selbst.

Kurze Vorbemerkung
Die Antispes haben das Problem, dass sie ihr Subjekt gegenüber anderen Subjekten aufwerten müssen, um irgendwie ernst genommen zu werden und Erfolge zu erzielen. Deswegen versuchen sie Tiere aufzuwerten. Sie rücken beispielsweise die Tierchen durch Begrifflichkeiten wie „nichtmenschliche Tiere“ in Menschennähe. Die Antispe-Kritiker hingegen versuchen dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen. Dass erscheint aus abstrakter Perspektive etwas albern, denn grundsätzlich ist Fleischgenuss Geschmackssache. Der Verzehr von Menschen-Fleisch ist nur deswegen nicht praktikabel, weil es dass zwischenmenschliche Sozialgefüge empfindlich stören würde, wenn sich die Leute beginnen würden gegenseitig aufzufuttern.
Der Rest ist Moral und damit auch irgendwo beliebig.
… das war jetzt mal die Meinung eines Freundes.
Grundsätzlich hat er nicht Unrecht. Ich halte aber moralische Grundsätze durchaus für sinnvoll und immens wichtig. Es sollte nur reflektiert werden, dass die Motivation der Antispes wie der Anti-Antispes rein moralisch begründet ist, ihr somit eigentlich ein rationaler Kern fehlt. Es gibt durchaus ein paar, mehr oder weniger stichhaltige, rationale Argumente für eine vegetarische Ernährung in unseren Breitengraden. Aber diese Argumente haben mit der Antispe-Ideologie wenig zu tun. Ihre Kern-Argumentation ist moralischer Art, versucht das aber zu kaschieren.

I, Das Grundideologem: Der Mensch-Tier-Dualismus ist unhaltbar
Speziezismus in Aktion
Klar sind besonders „kluge“ Affen „dummen“ Menschen (z.B. Kleinkinder) in bestimmten Dingen überlegen bzw. stehen auf demselben Level. Nach derselben Logik solcher abstrusen Vergleichskategorien sind gehirntote Koma-Patienten wohl fast jedem Tier unterlegen. Ja, vielleicht sind sogar Moosflechten „klüger“ als gehirntote Koma-Patienten. Damit ließe sich dann ja auch noch der Tier-Pflanzen-Dualismus aufheben …
Vergleiche werden aber im Allgemeinen mit Durchschnittswerten angestellt. Hier stellt sich heraus, dass selbst das klügste Tier bei weitem nicht an den menschlichen Durchschnitt heranreicht.
Mit solchen lustig konstruierten Vergleichen wie sie die Antispes nach der Art Affe versus Kleinkind bemühen, ließe sich übrigens auch beweisen, dass die Bewohner eines Landes „dümmer“ sind, als die eines anderen. Mensch nimmt dazu einfach die 10 „klügsten“ Menschen des einen Landes und stellt sie den 10 „dümmsten“ Menschen gegenüber. Voila! Also sind die Bewohner des einen Landes „dümmer“ als die anderen. In Wahrheit aber müssen Durchschnitte verglichen werden und 10 Personen sind zudem noch keine empirische Basis. Dass heißt konkret 1.000 erwachsene Affen müssen mit 1.000 erwachsenen Menschen verglichen werden. Hier würde sich, wie für jede andere Tierart auch, herausstellen, dass selbst die biologisch nächsten Verwandten der Menschen einen großen Abstand zum Menschen aufweisen. Wobei es schon schwierig sein dürfte, diese Tests überhaupt zu entwerfen, da Menschen eine wesentlich komplexere Sprach- und Gedankenwelt haben als Affen.
Dass heißt nicht, dass das unnötige Grausamkeiten gegenüber Tieren legitimiert, aber es zeigt, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier existiert und nicht nur ein „gradueller“ oder von mir aus, dass dieser Grad relativ entscheidend ist. Einmal ganz davon abgesehen, dass der Mensch es geschafft hat sich von einem instinktgeleiteten Verhalten zu verabschieden.

Vermutlich wird es nun von Antispe-Seite gleich heißen, dass natürlich Menschen und Tiere nicht dasselbe seien und mensch das nie behaupten hätte wollen. Die Antispes wollen aber ja den Mensch-Tier-Dualismus aufheben, der von ihnen als überholt und unhaltbar angesehen wird. Der konstitutiert sich nun aber seit 200 Jahren gar nicht mehr über eine (religiös motivierte) Ablehnung der abstammungs-verwandtschaftlichen Nähe zwischen Tier und Mensch. Niemand bezweifelt doch heute noch ernsthaft die Abstammung und Verwandtschaft und damit auch Nähe des Menschen mit dem Affen. In der Diskussion mit Kreationisten mag das noch auf Widerspruch stoßen, bei allen Anderen aber kaum. Offenbar basiert der Mensch-Tier-Dualismus eher auf geistigen Unterschieden, die sich nun mal im Durchschnitt ergeben.

Aber gehen wir mal den Weg der Antispes ein Stückchen mit: Nehmen wir die wenigen, stärker intelligenzbegabten – aber trotzdem noch instinktgeleiteten – Tiere vom Verzehr und Haltung aus, so ist damit kaum etwas erreicht. Es gibt also einige, wenige Tierarten, die auf dem Höhepunkt ihrer geistigen Entwicklung das Niveau eines einjährigen Menschen erreichen, ohne über das Potenzial zu verfügen (mal abgesehen von einer evolutionären Entwicklung über Jahrhunderttausende hinweg) diese Grenze zu überspringen.
Gut, dann nehmen wir diese klügeren Viecher eben vom Verzehr aus. Die grundsätzliche Ablehnung von Fleischgenuss oder Tierausbeutung kann damit schlecht begründet werden, denn es bleiben noch genügend Tierarten zum Verzehr übrig (Fische [abzüglich des Moskitofisches], Krebse, Muscheln, Vögel, Insekten…). Selbst wenn mensch die Leidensfähigkeit heranzieht, dann blieben noch allerhand Tiere zum Verspeisen übrig.

II, Detailkritik
A, PeTA und die „moral community“
Ich würde behaupten, dass PeTA genau das macht, was die Antispes fordern: Der Einbezug der Tiere in die „moral community“.
Mensch geht sicher fehl PeTA zu unterstellen, dass Schicksal der europäischen Juden sei der Organisation vollkommen egal. Nein, der Massenmord an den europäischen Juden ist – nach den Prinzipien der Organisation verstanden – als Massenmord an Lebewesen auch irgendwie schrecklich. Natürlich steckt in der Instrumentalisierung der Shoa für eigene (Werbe-)Zwecke auch eine Banalisierung der Shoa. Die Banalisierung erfolgt aber vor allem durch die Analogisierung von Tier- und Menschenleid. In dieser Analogisierung steckt ja genau die erweiterte „moral community“: Beides ist (gleich) schlimm, der Tier-, aber eben auch der Menschenmord. Damit konstituiert sich auf den PeTA-Plakaten die „Moral community“. Wenn auch die Intention ist Tierleid herauszustellen, wird das Menschenleid ja nicht geleugnet oder ignoriert.

B, De-Humanisierung durch Mensch-Tier-Metaphern ausweichen durch Aufwertung von Tieren
Dass bei Formen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eine De-Humanisierung durch Tier-, Pflanzen- und Krankheits-Analogien stattfindet ist unbestritten.
Tatsächlich wäre ein Rückgriff auf diese Metaphern schwieriger würde die Antispe-Ideologie eine gesellschaftliche Mehrheit für sich gewinnen. Es blieben dann aber noch genügend Gärtner- und Medizin-Metaphern („Unkraut“, „Krebs“) übrig.
Meiner Ansicht nach ist es viel sinnvoller die Übertragung von Vokabular aus anderen Bereichen auf Menschen zu ächten, indem mensch gerade die Grenzen betont. Tiere sind Tiere, Pflanzen sind Pflanzen und Menschen sind Menschen.

Häufig wird auch angeführt, dass die Aufwertung von Tieren nicht zur Abwertung von Menschen führe. Da aber durchaus (reale) Unterschiede gemacht werden bzw. von den Antispes eingestanden werden („graduelle Unterschiede“), besteht immer die Gefahr der Rückübertragung.

C, Mit Gemüseanbau in eine bessere Zukunft?

„Fiddes macht noch auf andere Wechselbeziehungen aufmerksam, stellt etwa Gesellschaften wie diejenige Polynesiens, die vom Gemüseanbau lebte und deren politisches System im allgemeinen nicht hierarchisch war, Gesellschaften gegenüber, deren Umgang mit Herden eine autoritärere Politik hervorgebracht haben könnte. […] Die Ursprünge hierarchischen Denkens sind letztlich auf das Verhältnis der menschlichen Kultur zur Natur und auf die Unterdrückung von Tieren zurückzuführen. Letzere hat die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, geduldet und begünst

igt.“

Größere vegan oder grundsätzlich vegetarische lebende Kulturen gab es meines Wissens nicht. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, glaube aber dass in Polynesien neben Gemüseanbau generell auch Fischfang betrieben wurde. Als Unkundiger habe ich mich aber mal bei einer Expertin kundig gemacht.

„Sehr geehrter Herr xxxx,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Mir ist aus Polynesien keine Gesellschaft bekannt, die nicht wenigstens Fisch, Muscheln und andere Meeresfrüchte genutzt hätte – allerdings auch keine, die ohne Hierarchie ausgekommen wäre. Rein vegetarische Kost gibt es meines Wissens erst seit dem Auftauchen bestimmter protestantischer Sekten auf einigen melanesischen Inseln, wo – so sagt man zumindest – inzwischen sogar die Schildkröten überhand nehmen.

Allerdings – ich bin keine Ernährungsfachfrau….

Beste Grüße
Ingrid Heermann

Dr. Ingrid Heermann
Abteilung Ozeanien
Linden-Museum Stuttgart“

Mithin taugt das Beispiel nichts. Selbst wenn es so wäre: Ein Gemüseanbau-Gebiet mit friedlichen BewohnerInnen bietet empirisch noch längst keine Basis. Überhaupt hört sich diese These etwas platt an, so etwas nach dem alten „Frauen sind die besseren Menschen“-Ding.
Jedenfalls gelten diese Aussagen sicher nicht für den gesamten polynesischen Kulturraum. Zu dem gehören nämlich auch die Maoris (haben auf Neuseeland das Großwild ausgerottet; Stichwort: „muscet wars“) oder die Bewohner der Osterinsel, die das düster-prophetische Bild einer Dystopie für die ganze Welt ablieferten.
Eine Gemüseanbau-Hierarchiefreiheit-Korrelation erscheint mir als Schein-Korrelation nach der Art: 98% aller Heroinabhängigen haben vor dem Heroin Schokolade angefangen, also ist Schokolade eine klare Einstiegsdroge. Ich würde vermuten, dass die relative Hierarchiefreiheit eher mit der Isolation und dem kleinen Umfang der der Gemeinschaft zu tun haben, wenn denn das Beispiel überhaupt stimmen würde.

Die ganze Argumentation erinnert ebenfalls mich etwas an die „Hitler-war-Vegetarier“-„Argumentation“. Mal abgesehen davon dass Hitler lediglich zeitweise auf fleischliche Ernährung verzichtete, vermutlich weil er Angst vor peinlichen Flatulenzen hatte. Auch eine politische Motivation Hitlers im Sinne eines „arischen Reinheits-Vegetarismus“ diskreditiert schlecht anders motivierten Vegetarismus. Genausowenig kann aber die Verbindung Fleischessen-Hierarchie gezogen werden.

Hier geht es mir nicht so sehr darum, dass das Polynesien-Beispiel falsch zu sein scheint. Es geht mir mehr darum zu zeigen, wie die Antispes versuchen rationale Argumente heranzuführen, um sich vom emotional motivierten oldstyle-Tierschutz abzusetzen, dabei greifen sie aber zu sehr bemühten „Argumenten“.

D, TAN versus Holocaust-Banalisierung
Zu der Distanzierung der TAN von Holocaust-Banalisierungen ist zu bemerken sagen, dass sie scheinbar nur deklamatorischen Charakter zu besitzen schein. Die TAN-Aktivistin Witt-Stahl bringt selbst immer wieder mehr als fragwürdige Kommentare. Hier zwei Beispiele:

„Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland mit dem das Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren.“

(Susann Witt-Stahl, in: Susann Witt-Stahl (Hg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Aschaffenburg 2007, Seite 283)
Der Vorwurf der Holocaust sei eine Art von „Zivilreligion“, was impliziert mensch könne dran glauben oder nicht, ist übrigens in letzter Zeit auch in der „Neuen Rechten“ aufgetaucht. Vermutlich hat die Autorin das aber nicht gemeint. Nichts deutet darauf hin, dass sie den Holocaust als historisches Ereignis leugnet. Trotzdem ist ihr Vokabular gefährlich.

„Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänse-Keule frei.“

(Susann Witt-Stahl, in: Susann Witt-Stahl (Hg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Aschaffenburg 2007, Seite 297)
Wie Walser behauptet Witt-Stahl hier, dass Auschwitz als Instrument missbraucht würde. In ihrem Falle zum Pro-Fleisch-Essen, im Falle Walsers zur Unterdrückung des deutschen Nationalgefühls. Mag ja sein, dass Auschwitz auch tatsächlich instrumentalisiert wird. Zum Beispiel von Joschka Fischer zur Rechtfertigung des Jugoslawienkrieges (wobei ich vermute er hat zu dem Zeitpunkt ernsthaft geglaubt was er gesagt hat).

Worauf ich aber immer wieder stoße ist, dass Antispes den Unterschied zwischen Judenmord und Tiertötung lediglich in der Motivation der Täter festmachen, aber keine grundsätzliche Differenz zwischen Menschenmord und Tier“mord“ erkennen.
Damit würde ein Tier“mord“ aus nicht-rationalen Gründen dem, aus dem antisemitischen Wahn heraus motivierten, Massenmord an den europäischen Juden, in den Augen generell der Antispes sehr ähnlich sein.

E, Vorwurf der Gleichsetzung
Nirgendwo in dem Text findet sich das Wort „Gleichsetzung“, ich verwende immer nur „Angleichung“ und wo das meiner Ansicht nach stattfindet begründe ich auch. So schreibe ich von „Angleichung von Tier- und Menschenwelt“ „auf der symbolischen und vor allem auf der sprachlichen Ebene“ und davon dass „Formen der Unterdrückung menschlicher Gruppen“ „mit dem Speziesismus in eine Reihe gestellt“. Daraus schlussfolgere ich: „Zumindest legt das die Analogie-Setzung nahe.“
Die verbale Analogisierung zieht sich ja auch in dem Contra der Antispe. Vielleicht sollte mensch aber auch statt von Analogisierung von einer faktisch vergleichenden Gleichsetzung sprechen. Denn dadurch, dass ich Speziezismus immer wieder in einer Reihe mit Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit anführe findet meiner Meinung eine solche statt. Eine nachgeschobene Rücktrittsklausel a la „Wir meinen aber nicht …“ hilft da kaum.

F, Adorno-/Horkheimer-Bezug

Auf den ganzen Kritische-Theorie-Bezug der Antispes bin ich ja überhaupt nicht eingegangen. Dazu habe ich von der Materie zu wenig Ahnung. Wenn ich auch meine Zweifel an der Interpretation der Antispes habe. Ich werde mich aber mal gelegentlich bei Kennern kundig machen.
Was mich ankotzt ist, dass konkret folgender Satz von Adorno in Antispe-Kreisen immer entkontextualisiert wieder verwendet wird:

„Auschwitz fängt da an, wo einer steht und denkt, es sind ja nur Tiere.“

Als Historiker habe ich immerhin noch soviel Ahnung, dass der deutsche Jude Adorno nach dem Bekanntwerden der Shoa deren Funktion anspricht. Es geht nicht um Tiere, die diskriminiert werden, sondern um Menschen, die als Tiere diskriminiert werden.

Auch stellt sich mir die Frage: War Horkheimer Vegetarier und falls nicht, warum? Warum hat er aus den Analysen und Erkenntnissen, die ihr ihm zuschreibt, keine praktischen Konsequenzen gezogen?

G, Vorwurf: Fleischgemackere
Da ich vegetarisch lebe, trifft mich der Vorwurf des „Fleisch-Gemackere“ von „Matthias R.“ nicht. Aber nicht jeder Scherz, jede Polemik oder auch spitzfindig vorgetragene Kritik kann immer als „Rumgemackere“ zusammengefasst werden. Mir ist auch nicht ganz klar was Lästern speziell mit typisch männlichen Verhalten zu tun haben soll.

H, Das Antifa-Symbol von den Antispes geentert

Dass Symbol der Antifa-Aktion stammt also aus der Weimarer Republik und symbolisiert den Kampf gegen den Faschismus. Die Wiederaufnahme des Symbols im Kampf gegen Neofaschismus liegt da inhaltlich nicht so fern und wurde wohl von überlebenden WiderstandskämpferInnen in den 1980ern durchaus begrüßt. Selbst die Adaption des Symbols im Kampf gegen Homophobie liegt relativ nahe, da Homophobie häufig ein Bestandteil faschistischer und rechter menschenfeindlicher Ideologie ist.
Die Antispe kann aber nicht inhaltlich anknüpfen, sie mogelt sich einfach dazu. Aus ihrer Perspektive ist das verständlich, denn die Antispes verlangen für ihr Subjekt (also die Tiere) die gleiche Berechtigung wie für andere Subjekte und sie behaupten von sich eine emanzipatorische Bewegung zu sein. Aus einer Behauptung wird aber noch keine Akzeptanz. Die Antispes sind wohl die einzigen, die sich selbst als emanzipatorisch sehen. Während die Antifa-Aktion der 1980er und die Antihomophobe Aktion wohl auch bei Nicht-Mitgliedern auf Zustimmung und Akzeptanz stießen.
Ich würde sagen, dass in hier vielmehr eine Instrumentalisierung vorliegt als in den anderen Fällen.

Zu den Regenbogenflaggen der Homo-Bewegung: Ich glaube diese sind schlicht dem Wetterphänomen Regenbogen entlehnt und sollen die Vielfalt symbolisieren. Haben die wirklich die Fahnen aus dem Inkareich zum Vorbild? Die sind doch kariert gewesen, soweit ich es in Erinnerung habe.

I, Fleischessen verlangt eine (Entschuldungs-)Ideologie

Bis kurz vor ihrem Tod ist auch meine Ur-Großmutter einfach zum Stall hinter unserem Haus gegangen, hat sich da ein Karnickel rausgeholt, hat es getötet und hat es dann zum Essen vorbereitet. Fertig. Dafür brauchte sie doch keine spezielle Ideologie. Nur die Trennung der Sphären von Tierhaltung und Essen, sowie die massive Vermenschlichung von Tieren machen eine gewisse Vertuschung notwendig. Dass ist aber nicht der Speziesismus, also die Behauptung eines Mensch-Tier-Dualismus, sondern eine gewisse Kaschierung der Herkunft von Fleisch bzw. besonders der Art der Herstellung, die ja wirklich sehr unappetitlich ist.
Viele Menschen sind bis heute Fischer, Klein- und Mittelbauern (2007 sollen 50% der Erdbevölkerung zur ruralen Bevölkerung gehört haben, davon die Mehrheit in den Entwicklungsländern), hinzu kommen weitere, die nebenbei Tiere halten (wie meine Uroma) um sie zu essen oder zumindest manchmal Angeln gehen.
Es dürfte damit die Mehrheit der Menschheit sein, die gedankenlos auch mal selbst Tiere tötet und verspeist, ganz ohne Ideologie.
Fleisch-Fan
Manche mögen Fleisch …

Fleisch-Gegner
… manche nicht …

Fleisch-Esserin
… und manche essen es einfach.

Die Respektsbekundungen in indigenen Kulturen vor der Jagd gelten nicht dem Einzellebewesen, sondern der vergöttlichten Gesamtnatur. Ich würde eher sagen, dass durch die naturnahe Lebensweise indigene Kulturen sich der Fragilität der Naturkreisläufe bewusst geworden sind und sich daher für Eingriffe in diese aus Angst vor negativen Auswirkungen auf sie selbst entschuldigen, nicht aber weil das Jagdwild unbewusst als „nichtmenschliches Tier“ definiert wird. Eine Ausnahme bilden allerdings die so genannten Totemtiere, die nicht gejagt werden und von denen die jeweiligen Stämme ihre Herkunft ableiten.
Außerdem ist Respekt vor der Natur noch nicht eine Rechtfertigung der Tiertötung.

J, „Recht des Stärkeren“ und das falsche Verständnis vom Darwinismus
Mag ja sein, dass Darwin nicht von „survival oft he fittest“ spricht. Die Tierwelt erscheint mir auch trotzdem weiterhin, aus menschlicher Perspektive, „unbarmherzig“. Dies geschieht übrigens nicht nur evolutionär, sondern tagtäglich. Innerhalb einiger Arten gibt es einen, aus menschlicher Perspektive, „netteren Umgang“ miteinander, sofern dass nach einer Kosten-Nutzen-Maxime auch Sinn macht. Aber zwischen den Arten überhaupt nicht. Jeder frisst jeden. In elf Jahren Monitoring der Tier-, besonders der Vogelwelt, habe ich nie etwas anderes feststellen können.

K, Mehr als nur Bambi-Tierschützer
ZITAT: „Der Vorwurf, sich nur um „kuschelige Pelztiere“ oder „Tiere mit großen Augen“ zu kümmern, trifft wiederum eher auf TierschützerInnenInnen zu, als die wir uns explizit nicht verstehen.“

Ich sehe in Realität weiterhin vor allem den Bezug auf Tiere mit großen Augen. Die in Antispe-Kreisen hochgeschätzten Befreiungsaktionen haben doch nur selten Schlangenfarmen, Schmetterlingsparks, Laboratorien mit Amphibien, Fischfarmen (durch Dammdurchbrüche zum oft nahestehenden Fließgewässer nicht unmöglich) etc. zum Ziel. Nein, gerettet werden Affen aus Laboren und kuschelige Tiere aus Pelzfarmen. Zerstört werden auch Jagdsitze und weniger Anglerstege.
Auch die in der Antispe-Symbolik zu findenden Tierarten sind selten Insekten oder Fische.
Wenn mensch dass reale „Unterdrückungs“verhältnis von Tieren durch den Menschen ins Verhältnis zu den von „Antispes“ betreuten Tieren setzen würde, dann würde sich m. M. nach ein starkes Ungleichgewicht zugunsten der niedlichen Tiere herausstellen.

Die Antispe-Ideologie scheint außer bei Begründungen so gar nicht die Aktionen der Antispe-Gruppen zu beeinflussen. Mensch setzt sich für Affen ein (nicht etwa für Fruchtfliegen), gegen ungerechte Großtierhaltung von Zirkussen (nicht etwa gegen Tiergeschäfte oder Reptilienfarmen) oder gegen Tierversuche an Säugetieren. So ist es auch in Tübingen. Das Seltsame ist also, dass die Antispe Tübingen auch als linke Tierschützer-Gruppe genau dieselben Aktivitäten durchführen könnte. Auch vegan leben kann mensch mensch ohne Antispe-Ideologie.

L, Vorwurf: Ich würde Tierleid entschuldigen („Sätze wie … schmerzen“)
Selbstzitat aus dem ersten Text:

„Liebe Veganer, liebe Antispes. Eure Ernährungsweise und viele eurer Aktionen gegen Tierquälerei etc. sind sinnvoll und unterstützenswert, weil sie Menschen helfen (was ich am wichtigsten finde), aber auch unnötige Tierquälereien thematisieren und abschaffen helfen. Sich aus Mitleid für gequälte Lebewesen einzusetzen ist ein altruistisches und lobenswertes Motiv.“

Dass Tiere in Massentierhaltung gequält werden und elend leben wird nirgendwo bezweifelt. Die generelle Bezeichnung von Tierhaltung als Gefangenschaft und deren Ablehnung wird kritisiert.

M, eigenen Standpunkt nicht reflektiert
ZITAT: „Der Vorwurf: ‚Dir geht es so gut, dass du dir Gedanken um andere machen kannst‘, ist keiner! Und wenn wir damit auf ein Privileg verzichten, „was hunderte Jahre dem Adelsstand vorbehalten war“, so tun wir das gerne: Auf das Privileg, andere zu unterdrücken und von ihrer Ausbeutung zu profitieren, können wir leicht verzichten.“

Der Vorwurf ist ein anderer: Westliche Wohlstandskinder (ich bin auch eins), die ihren Standpunkt nicht reflektieren, tragen eine Ideologie mit, die in ihrer absoluten Aussage alle betrifft.
Sollte dem nicht so sein, d.h. wenn – realpolitisch motivierte – Abstriche bei der generellen – so dachte ich jedenfalls – Prämisse „Fleischessen ist Mord!“, ergo bekämpfenswert, gemacht werden, durch eine geografische Beschränkung, worin besteht dann der Unterschied zum Tierschutz? Heißt es dann „Fleischessen ist Mord! (außer bei indigenen Kulturen)“ oder „Fleischessen ist Mord! (außer bei Kleinbauern)“ oder gar „Fleischessen ist Mord! (Achtung: Diese Aussage beschränkt sich auf die Massentierhaltung)“. Wo liegt da genau die Grenze des Tolerierten und Akzeptierten und ab wann stellen sich Antispes dagegen? Mir noch nicht ganz klar worin dann der Unterschied zwischen der Antispe- und der Tierschutz-Bewegung besteht. Ich ging davon aus, dass dieser neben der Analyse, vor allem in der Drastik, Vehemenz und Allgemeingültigkeit der Aussage liegt.
Für Antispes ist Fleischessen generell „Mord“ und Tierhaltung generell „Gefangenschaft“, für Tierschützer ist Fleischessen und Tierhaltung eher abzulehnen, da Tiere häufig darunter unnötig leiden.

N, Pelze-Tragen und Jagd
Haltet ihr wirklich jede Jagd lediglich von den persönlichen Motiven geleitet? Wildschweinrotten auf Maisfeldern können echt große Schäden anrichten oder der sprichwörtliche Fuchs im Hühnerstall.
Ob ein Eingriff durch Jagd in einem Naturgebiet immer sinnvoll ist, kann ich nicht sagen.
Auf lange Sicht wäre mir die Wieder-Einbürgerung von Predatoren (Wölfe, Bären) am liebsten.
Dass aber der Übergriff von Tieren auf menschliches Territorium (Felder, Ställe) mit Jagd manchmal beendet werden muss, erscheint mir recht nachvollziehbar.

Mit Pelzetragen zum Wärmen meinte ich z.B. irgendwelche russischen Siedler in Sibirien (keine Indigenen!) oder die Bewohner Alaskas, die Fallen stellen, Tiere fangen, häuten und sich eine funktionale Mütze daraus machen. Pelztierzucht halte ich auch für grausam und lehne sie ab.

III, Resümee
Ich will weniger darüber diskutieren ob Kleinkinder möglicherweise auf demselben Niveau wie Delfine liegen oder ob Horkheimer in einem Text mal die Ausbeutung von Tieren anprangert bzw. ob er das auch so meinte wie die Antispes. Viel interessanter ist doch, ob wenn mensch die Behauptungen und Interpretationen akzeptiert, diese die Antispe-Ideologie wirklich stützen. Wird durch die, unbestrittene nahe, verwandtschaftliche Nähe von Menschen und Affen oder meinetwegen durch eine gewisse Intelligenz von anderen Tieren der Mensch-Tier-Dualismus aufgehoben und die Antispe-Ideologie unterstützt? Meines Erachtens nicht. Genausogut bzw. viel eher kann mensch damit den Tierschutz begründen. Nirgendwo erschließt sich mir da eine Logik die zur Antispe-Ideologie hinleitet.
So scheint der Antispe mir reichlich nackt bzw. die Argumente für ihn reichlich verbogen und konstruiert. Die Antispes können noch so viele kluge Texte lesen und zitieren, wenn die Gesamtlogik nicht aufgeht.
Dass Problem ist, dass die Antispes aber die Logik der Aufhebung eines Mensch-Tier-Dualismus benötigen, denn die Antispes bemühen sich ja vor allem rationale Argumente und überzeugende Bilder zu finden, um den Fleischverzehr anzugreifen. Das ist nicht nur die Menschennähe bzw. die „Aufhebung des Mensch-Tier-Dualismus“, andere scheinbar rationale Argumente sind:
* Bestimmte Ernährungsweisen, z.B. der Verzehr von Milchprodukten, seien nicht natürlich. Da Menschen aber nicht „Tiere“ sind, ist die „das ist nicht natürlich“-Argumentation seltsam. Autofahren ist auch nicht natürlich oder Gedichte schreiben oder Kunst. Menschen tun es trotzdem. Selbst wenn der Verzehr von Milchprodukten schädlich wäre, wäre das noch kein grundsätzliches Gegenargument. Schokolade ist auch schädlich, trotzdem essen wir sie.
* Behauptung eines Zusammenhangs von Tierhaltung und Hierarchien („Frieden durch Gemüseverzehr“). Siehe dazu weiter oben.

IV, Was übrig bleibt
Auf ein paar Kritikpunkte und Hinweise meinerseits wurde nicht eingegangen. Damit soll nicht behauptet werden, dass sie bewußt übersehen wurden. Eine elf Seiten lange Replik ist mehr als genug. Mir graut sowieso schon vor dem jetzt einsetzenden Diskussions-Pingpong.
Weil mir die nicht erwähnten Punkte aber wichtig sind, will ich sie noch einmal kurz zusammenfassen:
* Ist die Individualisierung der Tiere a la jedes Lebewesen zählt, überhaupt sinnvoll für die Tiere? Bei Menschen geht es mir um jedes einzelne Individuum, bei Tieren nicht und das wäre auch meiner Ansicht nach auch nicht sonderlich praktisch. Statt sich auf tierische Individuen zu beziehen ist es viel praktischer, sich auf Arten oder gleich ganz auf Lebensräume zu beziehen und diese zu schützen.
* Vermenschlichung der Tiere. Ihr projiziert eure (menschlichen) Begriffe von Freiheit und Glück auf die Tiere. Dass führt dann zu der generellen Ablehnung von Tierhaltung. Ich hingegen finde eine artgerechte Tierhaltung akzeptabel.
* Ihr wollt die „Befreiung der Tiere“. Mir stellt sich aber die Frage wollen die Tiere überhaupt auch immer ihre Befreiung?
Der starke Wert von Freiheit ist, wie ich bereits anmerkte, nur für die Menschen gesichert. Vielleicht würden artgerecht gehaltene Zootiere ihre Nahrungssicherheit und Gefahrlosigkeit (keine Feinde) gar nicht für das Leben in Freiheit aufgeben wollen? Ich glaube aber, dass sich das schlecht herausfinden lässt. Da Tiere, wenig vorausplanend sind und auch nicht ihre eigene Situation und mögliche Optionen reflektieren können. Vom Erkennen im Spiegel und der bewussten (nicht instinktgeleiteten) Zukunftsplanung liegt ein langer Weg und ich wüßte keine Tierart die ihn bisher beschritten hat. „Cogito ergo sum“ ist nämlich ein bisserl mehr als zu Checken was ein Spiegelbild ist.


12 Antworten auf “Viele Zitate, aber nur wenig Überzeugendes”


  1. 1 Apple 27. Mai 2010 um 14:04 Uhr

    Ich schreib mal ein paar Gedanken hin, die ich mir bisher zu dem Thema gemacht habe:

    1. Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird. Das ist vollkommen ok und daran gibt es nichts auszusetzen. Damit ist auch der Radius ihres Engagements gegeben: Es sind Tiere, die Schmerzen spüren und Gefühle wie Angst oder Trauer o.ä. verspüren können, mit denen sie sympathisieren. Deswegen z.B. keine Insekten, Pflanzen, niedere Säugetiere – weil man bei denen nicht von Gefühlen und teilweise nicht einmal von Schmerzen ausgehen kann. Ich persönlich bin bei tierischen Gefühlen etwas skeptisch, weil Gefühle wie Angst immo Selbstbewusstsein voraussetzen, d.h. man muss sich als selbstständiges, von der Welt getrenntes Subjekt begreifen – was bei allen Säugetieren, die den Spiegeltest nicht bestehen können (Kühe, Hühner, Pelztiere und so), nicht der Fall ist. Es gibt aber einige Säugetiere, bei denen man auch von Gefühlen ausgehen kann. Paradebeispiel: Menschenaffen.

    2. Antispes versuchen, diese Tiere nicht mehr zu konsumieren, wobei ich mit Konsum in diesem Fall die Benutzung von Tieren meine, die ihnen wehtut oder ihre Gefühle verletzt. Das reicht aber nicht, weil die meisten Leute keine Antispes sind, Tiere weiterhin schlecht behandeln und aus Antispe-Sicht damit aufhören sollen. Wenn man Menschen vom Tierkonsum abhalten will, kann ich mir grundsätzlich drei Wege vorstellen: 1) man kann sie mit Gewalt zwingen 2) man kann ihnen den Tierkonsum verleiden, indem man diesen Menschen z.B. Ekelvideos zeigt, in denen Tiere geschlachtet und ausgeweidet werden, oder indem man Leute die ganze Zeit beschimpft und nervt usw. Das machen einige Tierschutzorganisationen (PETA ist, glaube ich, ein Beispiel) und oft ja auch mit Erfolg. 3) man kann versuchen, diese Menschen mit Argumenten zu überzeugen, die beweisen sollen, das Tierkonsum nicht gut ist. Das ist das Programm der Antispe-Bewegung.

    3. Wie du schon geschrieben hast, gibt es neben der Antispe-Argumentation auch einige andere Argumente gegen z.B. Fleischkonsum. Es gibt ja auch außerhalb der Tierschützer-Szene Leute, die kein Fleisch essen – aus Schönheitsidealgründen, aus gesundheitlichen Gründen (das billige Fleisch in den Supermärkten ist auf Dauer vermutlich ziemlich gesundheitsschädlich) u.ä. Bei anderen Arten von Tierkonsum wird es schon schwieriger. Warum sollte man keinen Schafswollpullover anziehen?

    Einen Mensch, der Tiere konsumiert, kann man natürlich darauf hinweisen, dass er damit viel Leid bei diesen Tieren verursacht. Manchmal hat man damit auch Erfolg und er hört auf. Das liegt daran, dass viele Leute ziemlich gedankenlos Tiere konsumieren. Sie sind so aufgewachsen und kennen es nicht anders, haben sich vielleicht noch nie so wirklich Gedanken darüber gemacht. Wenn man sie dann darauf aufmerksam macht und ihnen erzählt, dass es auch anders geht, hören sie vielleicht auf.

    Es kann aber natürlich auch sein, dass man auf jemandem trifft, der sich dessen bewusst ist, dass er den Tieren nichts Schönes antut, wenn er sie konsumiert – dem es aber schlichtweg egal ist. Es gibt keinen höheren Grund dafür, dass man sich das Interesse der Tiere an einem angenehmen Leben zu eigen machen soll. Man kann genauso gut sagen: Der gute Geschmack beim Essen ist mir wichtiger.

    4. An diesem Punkt ist die Sache mit der Argumentation eigentlich zu Ende und man kann nur noch auf die Methoden ‚1′ und ‚2′ ausweichen. Bei den Antispes fängt die Argumentation an diesem Punkt aber gerade erst an. Der Auftakt geht immer so, dass darauf verwiesen wird, dass man ja auch keine Menschen esse/konsumiere. Das ist der Beginn der Moralisierung der Debatte.

    Rationellerweise ließe sich erstmal fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ja, ich esse keine Menschen und esse gleichzeitig Hühnchen. Un nu? Der Verweis auf den Menschenverzehr unterstellt aber, dass die beiden Sachen irgendwie zusammenhingen.

    Wenn man mal von den ganzen gesellschaftlichen Institutionen absieht, die den Verzehr von Menschenfleisch sehr erschweren – die sollen hier nicht das Argument sein – esse ich Menschen nicht, weil ich zu Menschen eine stärkere Empathie habe. Den Zweck von Menschen, ein angenehmes Leben zu haben, habe ich mir zu eigen gemacht – bei Hühnern ist es nicht der Fall. Das ist auch nichts Ethisches, sondern einfach ein persönlicher Entschluss: Menschen sind mir wichtig und ich tue ihnen nichts zu leide, wenn sich’s vermeiden lässt. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, keine Menschen zu essen: Menschen wehren sich im allgemeinen, wenn man sie isst, Hühner tun’s eher weniger; eine Gesellschaft, wo sich alle gegenseitig angreifen und aufessen, ist total stressig und unangenehm, also ist es gut, wenn man sich darauf einigt, sich nicht zu verspeisen – aber auf diese gesellschaftlichen Gründe will ich hier gar nicht die Betonung legen.

    Es gibt im übrigen auch Tiere, zu denen ich ein anderes Verhältnis habe, als zu irgendeinem Hühnchen. Meine Hauskatze würde ich nicht aufessen – ganz platt: weil ich sie mag. (Eigentlich habe ich keine Hauskatze, weil ich eine Katzenhaarallergie habe, aber wenn ich eine hätte…)

    5. Weil es gegen den persönlichen Entschluss – Gefühle von Tieren sind mir nicht so wichtig – eigentlich kein Argument gibt, müssen die Antispes eins erfinden. Das geht so: Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren. Damit erfinden/übernehmen die Antispes selbst (!) eine Rangordnung in der Welt der Lebewesen. Es soll Lebewesen geben, deren Natur/Wesen/Beschaffenheit uns Aufschluss darüber gibt, ob man sie essen darf bzw. umgekehrt den Konsum dieser Lebewesen verbietet. Das hat mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Beschaffenheit verschiedener Lebewesen nichts (mehr) zu tun. Ob man ein Lebewesen konsumiert oder nicht, ist keine Eigenschaft dieses Lebewesens, sie ist an ihm deshalb auch gar nicht aufzufinden. Es ist ein Verhältnis, das ein Mensch zu einem Tier eingeht, was die Antispes zu einer Eigenschaft von Lebewesen verfabeln und wonach sie die gesamte Tierwelt sortieren. An der Welt ist aber nicht aufzufinden, ob sie von Menschen benutzt werden soll oder nicht.

    Darum ist die gesamte Debatte, welche Lebewesen nun klug und geschickt sind und welche nicht, für die Katz. Warum soll eine kognitive Leistung oder das Fehlen einer solchen eine Berechtigung zum Gefressen-werden oder Verschont-werden sein? Gleich logisch wäre es zu sagen, dass alle Lebewesen, die grün sind, nicht konsumiert werden dürften. Warum? – Ich weiß es genauso wenig.

    6. Man merkt schon an der ausgiebigen Verwendung der Wörter „sollen“ und „dürfen“, dass es hier weniger um einen Disput über die Beschaffenheit von Tieren, als vielmehr um das Aufstellen von moralischen Grundsätzen geht. Der springende Punkt bei der Moral ist gar nicht der, dass sie beliebig ist – wie du schreibst.

    Moral gibt es nur in einer Gesellschaft, in der das Allgemeininteresse sich von individuellen Interessen unterscheidet und ihnen entgegen steht. Warum gibt es die Regel, dass man seine Mitmenschen nicht umbringen darf? – Weil es einerseits das gemeinsame Interesse nach einer Gesellschaft gibt, in der Menschen nicht umgebracht werden, andererseits bei den einzelnen Individuen das Interesse besteht, seine Mitmenschen über den Jordan zu schicken. Wenn es keine Menschen gäbe, die andere umbringen wollten, würde sich die Regel einfach erübrigen. Moral ist der Ausdruck für einen Widerspruch zwischen gesellschaftlichen und individuellen Interessen. Marx hätte gesagt, Moral gibt es, wenn der Mensch als Gattungswesen (noch) nicht frei ist. Wenn die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und das Individuum gleichzeitig immer gegen die gemeinsamen Interessen und Vereinbarungen opponiert. Oder nochmal anders gesagt: wenn die Gesellschaft keine Assoziation freier Individuen ist, sondern ein Zwangszusammenhang, in dem die Gesellschaftsmitglieder einerseits auf gemeinsame Regeln angewiesen sind, um ihre Interessen zu verfolgen, auf der anderen Seite ihre Interessen immer gegeneinander und zum Schaden des anderen verfolgen und deswegen zur Einhaltung des Allgemeininteresses gezwungen werden müssen. Im Kommunismus deshalb keine Moral.

    Moral ist aber auch nicht einfach ein Ausdruck oder sowas, sondern eine Art und Weise seine individuellen Interessen in dieser Gesellschaft vorzubringen. Sie dient dazu ein individuelles Interesse gegenüber einem anderen aufzuwerten und zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung geht darüber, dass man sagt: Mein Interesse ist gleichzeitig im Sinne aller, ein allgemeiner Grundsatz – also müssen alle, selbst die, die das nicht wollen, mir recht geben. Bei der Moral beruft man sich auf bereits bestehende allgemeine gesellschaftliche Interessen und interpretiert sie so, dass sie zum eigenen Interesse passen. Deswegen auch die Heuchelei, die einer moralischen Argumentation immer anhaftet. Das ist wahrscheinlich das, was du mit „Beliebigkeit“ meintest. Ich kann genauso gut eine moralische Begründung dafür angeben, warum ich von dem anderen nicht umgebracht, bestohlen etc. werden darf, als auch umgekehrt die Begründung, warum ich den anderen umbringen, bestehlen etc. darf: Weil er sich gegen irgendwelche Regeln vergangen hat und ich ihn dafür bestrafen darf; weil ich selbst was Tolles geleistet habe und mit deshalb auch die Berechtigung verdient, mich an dem anderen zu bereichern; weil ich das Recht habe mich zu verteidigen und das, was der andere gemacht hat, ein Angriff auf mich war – und so zu. Diese Begründungen sind logisch gesehen Quatsch erster Sahne, was sie aber leisten, ist, das eigene Interesse als ein berechtigtes darzustellen.

    Jetzt zum Antispe: Weil es in der Gesellschaft kein gemeinsames Interesse gibt, Tiere gut zu behandeln, knüpft die Antispe-Argumentation an eine bereits bestehende moralische Regel an: Menschen dürfen nicht konsumiert werden. Der nächste notwendige Schritt besteht deshalb darin, bestimmte Tiere auf die gleiche Stufe mit Menschen zu setzen. Dazu muss erstmal eine ganze Hierarchie der Tierwelt erfunden werden, mit verschiedenen Stufen, wo manche Tiere die Berechtigung haben gefressen zu werden, andere jedoch nicht. Natürlich stimmt es, dass Tiere und Menschen sich voneinander unterscheiden, aber genauso stimmt es, dass sie gemeinsame Eigenschaften haben. Zu welchen Gruppen man nun verschieden Tiere und Menschen zusammenfasst und wo man qualitative im Gegensatz zu quantitativen Unterschieden festlegt, ist keine Frage der wissenschaftlichen Bestimmung – die hat ja schon stattgefunden, wenn man die Eigenschaften der verschiedenen Lebewesen kennt – sondern eine der Klassifikation, also auch nicht objektiv zu entscheiden. Diese Klassifikation gibt es in der Biologie auch – da werden Tiere nach ihrer wissenschaftlichen Bestimmung aus (zumeist) Zweckmäßigkeitsgründen in verschiedene Klassen sortiert. In der Antispe-Debatte findet die Sortierung aus moralischen Gründen statt. Deswegen ist diese Debatte so unfruchtbar. Man kann natürlich bestreiten, dass Tiere ausgerechnet an diesem bestimmten Merkmal sortiert werden, und stattdessen auf einem anderen Merkmal für eine andere Sortierung beharren. Weder für das eine noch für das andere gibt es ein Argument. Die Sortierung hat ihren Grund ja nur in der subjektiven Entscheidung darüber, wen man jetzt als konsumierbar betrachtet und was nicht.

    7. Leider sind die meisten Leute, die von den Antispes/Tierschützern mit dieser moralischen Argumentation konfrontiert werden, keine Moralkritiker, sondern selber aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie fangen an sich zu rechtfertigen, moralische Grundsätze dafür aufzustellen, warum sie doch Tiere essen dürfen, das Tierreich gemäß ihrem Interesse zu sortieren und sich über diese Sortierung mit den moralischen Tierschützern zu streiten. Sie bringen also selbst eine moralische Ideologie hervor und diese Ideologie heißt „Speziesismus“. Speziesismus mit seiner Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus ist keine Erfindung der Antispes – es gibt ihn wirklich. Allerdings ist er eine Rechtfertigungsmoral und eine Rechtfertigung unterstellt allemal eine Kritik, gegenüber der man sich rechtfertigt. Der Kampf der Antispes gegen den Speziesismus ist also immo ein Kampf gegen eine Ideologie, die durch den moralischen Tierschutz erst in die Welt kommt. Die Antispes sehen es nicht so und man kann es noch so viel beteuern, dass man Tiere einfach so konsumiert, ohne sich dazu eine speziesistische Ideologie zu denken – sie sagen dir trotzdem immer, dass du irgendwie im Verborgenen, vielleicht sogar unterbewusst, doch der Ideologie verfallen bist.

    8. Die Holocaust-Vergleiche aber auch die Bezeichnung von Tiertötungen als Mord u.ä. passt deswegen sehr gut ins Konzept dieser Tierschützer. Mord ist die Bezeichnung für ein Verbrechen und vom Holocaust weiß man auch, dass er in der (deutschen) Öffentlichkeit vor allem als eine moralische Untat besprochen wird. Diese Rhetorik wird verwendet, um die ‚Verbrechen‘-Qualität der Behandlung von Tieren hervorzuheben. Gesagt werden soll: Wer Tiere so behandelt, macht sich einer ungeheuren moralischen Verfehlung schuldig. Sachlich gesehen, haben die Shoa und die Tierschlachtung kaum was miteinander zu tun. Moralisch gesehen – also wenn es darum geht Menschen anzuklagen – allerdings recht viel.

    Das ist allerdings nicht nur die Schuld von Tierschützern. Was man in der Öffentlichkeit über die Shoa hört, ist tatsächlich fast nur, dass sie etwas unvorstellbar Böses war. Es wird kaum über die (Hinter-)Gründe des Holocaust aufgeklärt, die gesellschaftlichen Verkehrsformen, die ihn hervorgebracht haben, so gut wie gar nicht richtig kritisiert. Man braucht gar nicht zu wissen, was der Holocaust war, um in Deutschland sagen zu können, dass er ein großes Verbrechen war. Von dieser Idiotie sind die Holocaust-Vergleiche nur die konsequente Fortsetzung.

    9. Ähnliches gilt, wenn sich der Antispe explizit als Bestandteil – und oft ja sogar als die radikale Konsequenz – der linken Bewegung bezeichnet. Man könnte ja auch mal fragen, wieso man unbedingt so viel Wert darauf legen soll, als links zu gelten. An der eigenen Kritik, an den eigenen Zielen und Methoden ändert sich sachlich gesehen ja nichts – ob man sie nun „links“ nennt oder nicht. Dass es so sehr drauf ankommt, es zu tun, liegt daran, dass die Bezeichnung des eigenen Vorhabens als „links“ oder „emanzipatorisch“ die Sache in ein besseres Licht rückt – und die Sache, die man kritisiert, in ein schlechteres (zumindest mal innerhalb der linken Szenen, wo viele Antispes herkommen). Jeder der sich sonstwie für eine bessere Gesellschaft engagiert, müsste auch für die Sache des Antispe sein, weil sie auch links ist. Dass ist zwar etwas einfältig, denn warum sollte jemand, der sich gegen das Lohnarbeitsverhältnis einsetzt, sich auch gegen Tierhaltung engagieren, nur weil Anspes das auch „Ausbeutung“ nennen? Das sind ja zwei vollkommen unterschiedliche Sachen. Da Begriffe wie „Ausbeutung“ in der linken Szene aber negativ besetzt sind – das gleiche gilt für „Herrschaft“, „Unterdrückung“, „Diskriminierung“, „xxx-ismus“ – ist es eine Möglichkeit zu sagen: Das, wogegen wir sind, ist auch voll schlecht und jeder anständige Linke sollte sich mit uns dagegen engagieren. Es wird also nicht argumentiert, sondern gebrandmarkt und gehofft, dass die Leute auf den Zug aufspringen. Das soll jetzt nicht so verstanden werden, dass die Antispes das mit Absicht machen und sich dann freuen, Linke mit der Masche geködert zu haben, aber wie Marx sagt: Wo Begriffe fehlen, stellt zu rechten Zeit ein Wort sich ein – will sagen: Wo es keine Argumente gibt, ist es konsequent zu Labels zu greifen.

  2. 2 Antispeziesistische Aktion Tübingen 13. Juni 2010 um 3:19 Uhr
  3. 3 Apple 15. Juni 2010 um 11:47 Uhr

    Wir bemühten uns auch, das grundsätzliche Missverständnis, dem der Autor anhängt, nämlich, dass Antispeziesismus bedeute, Mensch und Tier auf eine Ebene zu stellen, auszuräumen und verwiesen mit zahlreichen Zitaten auf die Anknüpfungspunkte, die für die Tierbefreiungsbewegung in der traditionellen linken Theorie, vor allem in jener der Frankfurter Schule, bestehen. De facto haben die Denker der Frankfurter Schule die Tiere bereits als zu befreiende Subjekte gesehen, und eine befreite Gesellschaft ohne die Befreiung der Tiere wäre für sie ein Widerspruch in sich gewesen.

    Wie, euer Argument dafür, dass man als Linker die Tierbefreiung wollen soll, besteht darin, dass Adorno und Konsorten auch tierlieb waren und einen entsprechenden moralischen Imperativ aufgestellt haben? Das ist a) ziemlich lahm, b) ein Autoritätsargument ohne jede Logik und c) genau das, was der Autor über euch schreibt – eine Politisierung der Essgewohnheiten.

  4. 4 Antispeziesistische Aktion Tübingen 15. Juni 2010 um 16:03 Uhr
  5. 5 Apple 15. Juni 2010 um 20:59 Uhr

    Ich nehme mal an, dass der am Schluss angehängte Absatz, als eine Art Antwort auf meine Frage gemeint war. Deswegen ein paar Klarstellungen:

    1. Ich habe weder euch, noch sonstige vegan lebende Menschen irgendwie angegangen – ich habe den Inhalt eurer Argumente kritisiert und das ist was anderes. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn man Tiere vor Gewalt bewahren will und würde es auch nie jemandem verbieten oder so etwas. Ich meine aber, dass wenn man politisch argumentiert, die Argumentation auch stichhaltig sein sollte. Eure ist es eben nicht.

    2. Wenn ihr Kritik an euerer Argumentation daran blamiert, dass sie das Solidaritätsgebot unter Linken verletzt, dann ist es eine Einladung zur Instrumentalisierung des Verstandes. Weil ihr euch als links seht und ich es eventuell auch tun könnte, darf ich euch nicht mehr auf Fehler in eurer Argumentation hinweisen? Ihr tut so, als ob Kritik nicht der Auftakt dazu wäre, mal seine Ansichten zu überprüfen, sondern so etwas wie ein öffentlicher Imageschaden, der euch hinzugefügt wurde. Und gerade unter Linken müsste man doch zusammen halten und nicht das Image der anderen ankratzen.
    Euer Image ist mir egal und das von anderen linken Gruppen ebenso. Aber dass ihr Theorie nicht als Anleitung zur Praxis seht, sondern als Selbstdarstellung und Werbetext für die eigene, schon feststehende Politik betreibt – dafür kann ich „kein Verständnis aufbringen“.

    3. Der blöde Machismus-Vorwurf am Ende ist genau das, was eure Genossen aus Hamburg in der Kommentarspalte drunter kritisieren: Instrumentalisierung für politische Hetze.

  6. 6 schwarzekatze 16. Juni 2010 um 2:37 Uhr

    Lieber Eisberg, leider hast du dir wohl auch nicht mehr die Mühe gemacht, deinen Text refelktiert zu schreiben. Wieso soll ich mir die Mühe machen und antworten, wenn ich das Gefühl habe, dass es nicht mal richtig gelesen wird.

    Bsp: lies das mit dem Länder-sind-dümmer-als-andere-Länder nochmal durch, und frag dich, ob das nicht Blödsinn war. Oder ob Antispes jemals behauptet hätten, Affen wären schlauer als Menschen. Deulich wird dir anscheinend selbst, wie relativ der Unterschied zwischen „Mensch und Tier“ doch ist.

    Ähnliches bei anderen Argumenten. Sorry übrigens, dass ich nicht so nett schreibe, aber vielleicht motiviert dich das wenigstens vernünftig zu schreiben.

    Auf große Denker*innen beziehen hilft aber tatsächlich, damit du nicht jede Aussage in Frage stellst, sondern erstmal versuchst sie zu verstehen, bevor du sie kritisierst. Wenn du das auch bei den normalen Aussagen der Antispe machen würdest, würde das niemand dazu verleiten auf andere zu verweisen.

    Witzig ist, wie du einerseits die Parteinahme für Säugetiere als „Kuscheltier“-Schutz-Verhalten bezeichnest, ein paar Absätze darüber selbst Vermutungen anstellst, welche Tiere Leid empfinden können und deshalb eher verschont bleiben sollten. Du widerlegst dich quasi selbst. Nur die Einschätzung zu Bewusstsein, Leidempfindung, usw. würde ich von dir und Apple gar nicht teilen. Vielleicht solltet ihr euch mal damit beschäftigen, wobei ihr dabei Gefahr lauft, aus Versehen die Augen zu öffnen!!!

    Interessant finde ich vor allem, wie du am Ende deines Textes schon besser wissen willst, was Speziesismus und Antispeziesismus ist. Hier liegt, glaube ich, der Hund begraben:
    Nach erstem kurzen Nachdenken, setzt ihr Speziesismus mit Rassimsus gleich, Spezies mit Rasse, Antispe so mit Antira. Und dann wundert ihre euch, dass Antispes nicht die „individuelle Ungleichbehandlung
    aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit“ kritisieren. Bzw. ihr bleibt, egal was Antispes sagen, auf dieser Definition kleben und projeziert die Kritik an eurer eigenen Definition von Antispe auf die herrschaftskritische Bewegung, die Speziesismus in ihren Herrschaftsbegriff mit einschließt.

    Dass es Speziesismus gibt und er bekämpft werden muss, ist auch bei der einfachen Auseinandersetzung überdeutlich, weswegen ich es verständlich finde, dies zurückzustellen.

    Speziesismus würde ich definieren als:
    „Vorurteilskomplex welche nichtmenschlichen Tieren gegenüber aufrechterhalten wird, um sie zu beherrschen und auszubeuten.“

    Wenn das Vorurteil, ein Individuum oder gar eine Spezies könne keinen Schmerz empfinden, nicht bewusst etwas wahrnehmen usw. weil es in die Kategorie „Tier“ fällt, getroffen wird, so ist das Speziesismus und muss bekämpft werden. Der Mensch-Tier-Dualismus zentrales Element des Speziesismus. Welches die daraus Folgenden Positionen sind, kommt auf die Analyse an. Antispe kann so zu heterogenen Positionen kommen.

    Da finde ich die Moral-Frage von Apple interessant:
    Schlachtest und isst du andere Menschen nur deshalb nicht, weil „man menschen halt nicht isst“? Deine Relativität von Moral kann ich nicht nachvollziehen. Ich würde sagen, dass ich mich in den anderen hineinfühle, weil alles was ich von ihm weiß mir sagt, dass es mir in dem Fall ähnlich gehen würde wie ihm. Daraus denke ich dann, dass ich ihn nicht töten sollte. So geht es mir auch mit Nicht-Menschen, soweit ich nach meinem Wissen von ähnlichen Bedingungen diesbezüglich ausgehen kann. (Für mich heißt Antispeziesismus dann vor allem: jedes Spezies anders zu behandeln.)
    Diese „moralische“ Überlegung des Hineinversetzens ist für mich ein Grund, warum die Barbarei um mich herum beschränkt ist. Antispeziesismus ist daher auch wichtig, um die Rückkehr/Ausweitung der Barbarei zu verhindern. Wie du, Apple, ohne Moral deine Theorie&Praxis meistern willst, würde mich interessieren.
    Ich finde es positiv, wenn alle Mitglieder*innen einer Szene die die Befreiung anstrebt Rassismus, Sexismus, Verwertungslogik, Autoritarismus und Speziesismus verurteilen, auch wenn die persönliche Auseinandersetzung&Umsetzung Einzelner mit einzelnen Themen unterschiedlich ist. So wie es in vielen Anarcho-Szenen weltweit bereits der Fall ist. Der Grundstein für individuelle und gemeinsame Auseinandersetzung ist damit gelegt.

  7. 7 autonome antispe 24. Juni 2010 um 15:28 Uhr

    eisbergs text ist leider wenig lesenswert. ich gebe nur mal ein beispiel, wie er sich selbst widerlegt:
    einmal „folgt“ der den „gedanken der antispe ein stück“ und gesteht zu, dass vielleicht die einen Tiere eher leid empfinden können oder intelligenz entwickeln, wie Säugetiere. Später widerholt er seinen Vorwurf, Antispes würden nur für die Befreiung von Säugetieren einstehen, „weil die Glubschaugen hätten“ und nicht für Fruchtfliegen. Merkst du was?

    Auch das mit den „dümmeren Ländern“ ist ulkig-sinnlos: Welcher Antispe hat je behauptet Affen seien Klüger als Menschen? Wie schlecht ist das denn, den Durchschnitt einer Gruppe zu nehmen, um diese mit einer anderen zu Messen? Das willst auch du nicht wirklich!!! Sorry für das Unfreudlich sein, aber vielleicht hilfts mal, dass du dir mehr Mühe beim Antworten gibst. Dein Vorheriger Beitrag war besser!

    Machismus: Ach ja, Vegetarier sind ausgeschlossen, ebenso wie Frauen, oder? Wenns so ein Rumgemacker nicht gibt, können wir mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker ausprobieren. Wenn du überall wo du auftauchst dumme Kommentare hörst, wirst du merken, was „mackern“ heißt!!! (lieber Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!)

    Auch dass irgendwelche Polynesier keinen Fisch essen, hat nie ein Antispe behauptet. Es ging nur um antropologische Merkmale, die Einfluss auf die Herrschaftsmethoden haben. Wie dass Ackerbaugesellschaften tendenziell eher auf die Idee kommen, Landbesitz zu erfinden als andere, oder das Rinder das erste wirklich anhäufbare Kapital waren (wesswegen „cattle“ und „capital“ auch so ähnlich sind). Und vegane religiöse Sekten gab und gibt es häufiger in der Geschichte. Eine im mittleren Osten ernährt sich seit Jahrhunderten vegan und bekommt seltene Vitamine über Verunreinigungen im Wasser.

    zu deinen unbeantworteten fragen:
    *individualisierung: es ist schwer, zu reden und so in der mensch-tier-dichotomie hängen zu bleiben! glaubst du echt, dass diese frage für Ameisen gleich wie für Gorillas beantwortet werden kann?` Wohl kaum! Und schon merkst du, warum die Mensch-Tier-Dichotomie keinen Sinn macht. Also für Säugetiere&Vögel, Echsen usw. zumindest mal ja. Für Insekten sicherlich öfters gar nicht. Wen interessiert es? Mich nicht.

    *vermenschlichung: komisch. Überträgst du deine begriffe von Freiheit auch auf Dunkelhaarige? Oder auf Menschen die „nur“ die Mittlere Reife haben? Oder Leute auf der anderen Seite des Erdballs? Warum kannst du nicht auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen, wenn du nachdenkst wer wie denken könnte? Warum denkst du, dass Katzen nicht in manchen punkten ähnlich denken wie du? Oder sagen wir es mal so: wenn ich Dunkelhaarige(mich selbst) in eine Kategorien mit Steinen setze und diese „Dunkelsteine“ nenne. Kannst du mit dem Argument, Dunkelsteine verspüren keinen Schmerz, mir ins Gesicht schlagen? Weil du kannst ja gut darlegen, dass Steine keinen Schmerz verspüren! Wirst schon sehen: wir Dunkelsteine werden uns rächen, auch wenn viele von uns gar nicht denken können, gemeinsam können wir zurückschlagen!

    *Befreiung: Freiheit für alle? ja, weil sie sich dann am ehsten so verhalten können, wie sie wollen. Ich halte nichts davon, von außen zu Urteilen wie es wem am besten geht und das dann so einzurichten, ohne die Wahl den Betroffenen zu lassen. Diesen Job überlasse ich autoritären Kommunist*innen! Für das Recht auf Autonomie statt die Regel, Leid vermeiden zu müssen!

  8. 8 Antispeziesistische Aktion Tübingen 26. Juni 2010 um 17:11 Uhr

    Der letzte Absatz unserer Erkärung ist keine Antwort auf deine Frage, sondern entstand aufgrund kürzlich ereigneter konkreter Vorfälle in Tübingen.
    Die Dominanz von männlich geprägten Strukturen ist kein „Vorwurf“, sondern in Teilen der Linken Fakt – in der Tierbefreiungsbewegung dagegen ist das Geschlechterverhältnis mindestens ausgeglichen (die Gründe dafür liegen auf der Hand, wird sich einmal mit Analysen von (sprachlicher) Verschränkung von Fleischkonsum und (Männer-)Macht beschäftigt. Nick Fiddes etwa, Autor der Analyse „Fleisch. Symbol der Macht“ (1993), kommt zu dem Ergebnis, dass andere Herrschaftsformen sich an der Beherrschung der natürlichen Umwelt und der Tiere orientierten. So habe diese etwa „sowohl als Modell wie auch als Metapher für die Männerherrschaft“ gedient).
    Du hältst unsere Argumentation nicht für stichhaltig; dabei gehst du, wie auch der Autor dieses Blogs, gar nicht auf sie ein. Vielmehr unterstellst du uns krude Argumentationsweisen – wir zitieren dich: „Weil es gegen den persönlichen Entschluss – Gefühle von Tieren sind mir nicht so wichtig – eigentlich kein Argument gibt, müssen die Antispes eins erfinden. Das geht so: Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren.“ – Wir haben mehr als genug deutlich gemacht, dass es sich bei der Ansicht, Antispeziesismus stelle Menschen und andere Tiere auf dieselbe Ebene, um ein bloßes und nicht haltbares Vorurteil handelt. Die antispeziesistische Tierbefreiungsbewegung fordert schlicht ein Ende der Behandlung von Tieren als Waren und ein Ende der grausamen Herrschaft über sie. Eine Gleichstellung von Mensch und Tier fordert sie nicht; das wäre auch absurd. Trotzdem unterstellst du ihr das. Genauso falsch ist deine Behauptung, die Motivation der Bewegung sei schlicht: „Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird“. Wir haben ausreichend betont, dass wir eben keine TierschützerInnen sind und unser Handeln nicht aus einem Mitleids-Ansatz heraus begründen; vielmehr gründet sich unsere emanzipatorische Praxis auf Gesellschaftsanalyse und Untersuchungen zu Unterdrückungsverhältnissen.
    Wir haben beschlossen, unsere Energie nicht mehr in Diskussionen zu verschwenden, bei denen vom Diskussionspartner gar nicht auf unsere wahren Positionen eingegangen wird und die vielmehr von dessen falschen Vorurteilen bestimmt werden.
    Von unserer Seite ist alles Wichtige gesagt; wir empfehlen, unseren Gastbeitrag auf diesem Blog und den Text zu Angriffen von links auf unserem eigenen (http://asatue.blogsport.de/2010/06/13/angriff-von-links/) noch einmal gründlich zu lesen.
    Ansonsten haben wir einen regelmäßig stattfindenden öffentlichen Diskussionskreis (http://asatue.blogsport.de/termine/), in dessen Atmosphäre Argumente sicher fruchtbarer ausgetauscht werden können als hier.

  9. 9 Apple 29. Juni 2010 um 9:45 Uhr

    Na gut, wenn ihr nicht diskutieren wollt, ist es eure Sache. Kleine Ergänzung noch:

    Wir haben ausreichend betont, dass wir eben keine TierschützerInnen sind und unser Handeln nicht aus einem Mitleids-Ansatz heraus begründen; vielmehr gründet sich unsere emanzipatorische Praxis auf Gesellschaftsanalyse und Untersuchungen zu Unterdrückungsverhältnissen.“

    Ich habe nie geschrieben, dass sich euer Handeln aus Mitleid begründet. Wo soll denn so etwas stehen? Der Anlass eurer Politik ist Sympathie mit Tieren – und Sympathie ist noch nicht einmal das gleiche wie Mitleid. Das ist auch gar nicht als Kritik gemeint, weil der Anlass jeder „emanzipatorischen“ Politik erstmal Sympathie mit den Betroffenen ist. Wer keine Sympathie empfindet, fängt mit Gesellschaftsanalyse, Politik etc. gar nicht erst an.

    Dass sich euer konkretes Handeln nicht einfach aus Mitleid begründet, ist mir schon klar. Stattdessen begründet es sich aus einer falschen Gesellschaftsanalyse und die habe ich schon kritisiert.

    So viel übrigens auch zum Thema ‚Diskussionspartner, die nicht auf die wahren Positionen eingehen‘. Ihr habt die Kritik an euch nicht verstanden.

  10. 10 Matthias R. 29. Juni 2010 um 15:47 Uhr

    Ich bin bei der Antispeziesistischen Aktion Tübingen aktiv, und dar Anlass dafür ist definitiv NICHT die „Sympathie mit Tieren“.
    Dieses Missverständis wurde der Tierbefreiungsbewegung von Anfang an entgegen gebracht. Ich zitiere zu diesem Zweck einmal aus dem Vorwort zur ersten Ausgabe von Peter Singers Buch „Animal Liberation“ (1975), mit dem die Tierbefreiungsbewegung begann (und, um gleich weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit einigen Positionen Singers nicht einverstanden und distanziere mich von ihnen…):

    „Ich hatte gerade angefangen, an diesem Buch zu arbeiten – wir lebten zu der Zeit in England –, als meine Frau und ich von einer Dame zum Tee eingeladen wurden, die gehört hatte, daß ich plante, etwas über Tiere zu schreiben. […] „Ich liebe Tiere“, begann sie zu erzählen. Ich habe einen Hund und zwei Katzen […] Kennen Sie Mrs. Scott? Sie hat ein kleines Krankenhaus für kranke Haustiere…“, und so ging es weiter. Als ein Imbiß serviert wurde, machte sie ine kleine Pause, nahm ein Schinkensandwich und fragte uns dann, welche Haustiere wir hätten. Wir sagten ihr, dass wir keine Haustiere haben. Sie schaute etwas überrascht und biß in ihr Schinkensandwich. […] „Aber Sie interessieren sich doch für Tiere, Mr. Singer?“ – Wir versuchten ihr zu erklären, daß uns die Verhinderung von Leid und Elend interessierte, daß wir gegen willkürliche Diskriminierung waren, daß wir es für falsch hielten, einem anderen Lebewesen unnötiges Leiden aufzuerlegen, auch wenn es nicht zu unserer eigenen Spezies gehört, und daß wir glaubten, daß Tiere von den Menschen rücksichtslos und grausam ausgebeutet würden, und daß wir wollten, daß sich das ändert. Darüber hinaus, sagten wir, würden wir uns nicht sonderlich für Tiere „interessieren“. Wir hatten beide niemals eine besondere Vorliebe für Hunde, Katzen oder Pferde entwickelt, so wie das bei vielen Leuten der Fall ist. Wir „lieben“ Tiere nicht. Wir wollten einfach, daß sie als die unabhängigen und empfindenden Lebewesen behandelt werden, die sie nun einmal sind, und nicht als Mittel zu menschlichen Zwecken – wie zum Beispiel das Schwein, dessen Fleisch nun auf den Sandwiches unserer Gastgeberin lag.“

    Das Vorwort zur neuen Ausgabe von 1990 beginnt:

    „Ich lese das Vorwort zur ersten Ausgabe dieses Buches, und es ist mir, als kehrte ich in eine Welt zurück, die ich bereits fast vergessen hatte. Heute bieten mir Leute, die sich über das Wohl der Tiere Gedanken, keine Schinkensandwiches mehr an […].“

    Die Vorurteile, die uns hier entgegengebracht wurden, sind also so veraltet, dass ich mich schon fragen muss, inwiefern ihr euch überhaupt einmal wirklich mit den Positionen der Tierbefreiungsbewegung auseinander gesetzt habt. Und wenn als Motivation einer emanzipatorischen Bewegung platt „Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird“ (oder auch die „Politisierung von Essgewohnheiten“…) genannt wird, dann ist das ein Niveau, auf dem zumindest ich keinen Boden für eine fruchtbare Diskussion sehe. Genauso hat die Tierbefreiungsbewegung nie die Gleichstellung aller Tiere gefordert, sondern im Gegenteil gerade die Beachtung der individuellen Interessen und Bedürfnisse unterschiedlicher Spezies. Trotzdem hört ihr nicht auf, uns diese Position zu unterstellen und bleibt eurerseits in einem total platten dualistischen Denkmuster befangen, das nur zwischen „Mensch“ auf der einen Seite und alle anderen „Tiere“ auf der anderen Seite unterscheidet. Die Argumentation, die du uns noch immer unterstellst („Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren“) ist so krude und absurd und einfach nur lächerlich, dass es sich einfach nicht mehr lohnt darauf einzugehen – wir haben den Vorwurf, wir würden angeblich fordern, Menschen und andere Tiere gleich zu behandeln, in unserem Contra ausreichend entkräftet. Wenn er uns trotzdem einfach weiterhin unterstellt wird, ist das für uns ein Zeichen, dass wir als Diskussionspartner nicht ernst genommen werden. Auf einem solchen Niveau sind wir nicht mehr bereit, zu diskutieren.
    Das heißt aber nicht, dass wir grundsätzlich nicht dafür bereit sind. Wie bereits angemerkt, haben einen regelmäßig stattfindenden öffentlichen Diskussionskreis (http://asatue.blogsport.de/termine/). Wir sind der Meinung, dass in dessen Atmosphäre Argumente fruchtbarer ausgetauscht werden können als hier – hier scheint die Anonymität zu platter Polemik zu verleiten.
    Außerdem ist in unserer Gruppe ein Text in Arbeit, der zu dem simplifizierten Antispeziesismus-Begriff, wie ihr ihn angewendet habt, Stellung nehmen wird. Der Text wird in nächster Zeit auf unserem Blog veröffentlicht werden.

    Mir ist nicht ersichtlich, dass irgendjemand, der uns hier kritisiert hat, über die genannten, platten und haltlosen Unterstellungen hinaus gekommen und wirklich auf die Gesellschaftsanalyse der Tierbefreiungsbewegung eingegangen ist, schon gar nicht sie nachvollziehbar als falsch kritisiert hat.

    Ich will zum Schluss doch noch schreiben, wie ich wirklich zur Tierbefreiungsbewegung fand. Die oben zitierte Erfahrung von Singer trifft auch in etwa auf mich zu: Ich habe nicht durch Tierliebe – oder „Sympathie“ mit Tieren – zu ihr gefunden, sondern deshalb, weil ich zuvor schon ein herrschaftskritisches politisches Bewusstsein hatte und im Zuge der Beschäftigung mit unterschiedlichen Herrschaftsformen und vor allem auch der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno, in der sie die Herrschaft über die Natur als grundlegendste Herrschaftsform analysieren, aus der andere Formen der Unterdrückung und Ausbeutung folgen, erkannte, dass die Befreiung der Gesellschaft ohne die Befreiung der Tiere und ein anderes Verhältnis zu dem als „Natur“ definierten nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Dies ist auch das, worauf es der Bewegung wirklich ankommt, und nicht auf irgendwelche kruden Mensch-Tier-Vergleiche oder ähnliches. Und genau das zu verstehen habt ihr euch bis jetzt konsequent verweigert. Ich kann in diesem Zusammenhang nur Susann Witt-Stahl zitieren und ihr voll und ganz zustimmen:

    „Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen. Denn totaler, direkter und gewalttätiger kann Herrschaft nicht ausgeübt werden als durch den Prozess vollständiger Entindividualisierung und Verdinglichung, Zerstückelung und schließlicher Einverleibung der Herrschaftsobjekte.“

    Ich kann platte Unterstellungen wie die, meine Motivation, mich auch für die Befreiung der Tiere einzusetzen, sei darin begründet, dass ich Tiere „möge“, nicht akzeptieren. Du gehst doch auch nicht zu einer antirassistischen Gruppe und unterstellst ihren Mitgliedern, sie setze sich für Schwarze ein, weil Afrikaner ja schließlich so „niedlich“ sind, oder zu einer feministischen Gruppe und behauptest, ihr Engagement gründe sich daraus, dass sie Frauen mögen oder „süß“ finden!
    Genauso wenig kann ich Unterstellungen akzeptieren wie jene, die den kompletten Ansatz der Tierbefreiungsbewegung verkennt und verkehrt, es handle sich um eine „Politisierung von Essgewohnheiten“. Mit der von der Struktur her selben Argumentationsweise könnte ich die gesamte Linke in ihrer Funktion als soziale Bewegung diskreditieren, indem ich einfach behaupte, ihre Träger hätten die Eigenschaft, wenig oder nicht arbeiten zu wollen und würden diese persönliche Vorliebe politisieren.
    Ein wenig mehr Niveau wäre doch wirklich angebracht!

  11. 11 Apple^ 03. Juli 2010 um 15:12 Uhr

    @ Matthias

    Wenn du nicht so viel mit Entrüstung beschäftigt gewesen wärst, hättest du darauf eingehen können, was bei mir wirklich steht. Ich habe nirgends geschrieben, dass Antispes sich deswegen für Tiere einsetzen, weil sie sie süß oder niedlich finden. Jemanden süß oder niedlich zu finden ist eben nicht das gleiche wie Sympathie. Was mit Sympathie gemeint ist, habe ich auch schon hingeschrieben: Wenn man sich in ein Lebewesen hineinversetzt, nachvollzieht, was es für Zwecke, Interessen und Bedürfnisse hat, und sich entscheidet, dafür zu sorgen, dass diese Zwecke, Interessen und Bedürfnisse in Erfüllung gehen – also genau das, was Singer meint. Das ist der Ausgangspunkt für jede Sorte „emanzipatorischer“ Politik – ob es nun Antikapitalismus, Antisexismus oder sonst irgendein -ismus ist. Das ist auch der Ausgangspunkt für eine gesellschaftliche Analyse – man muss nämlich wissen, was die Erfüllung von Bedürfnissen der Betroffenen verhindert, wenn man was daggen tun will. Und ja: Antispe ist „Politisierung von Essgewohnheiten“, genauso wie Antisexismus die Politisierung von sonst unpolitisch geltenden Geschlechterverhältnissen ist.

    Nur: wenn man den Antispe „Politisierung von Essgewohnheiten“ nennt, wird halt auch ziemlich schnell klar, was den Antispe von anderen Anti-ismen unterscheidet. Während das politische Subjekt, an das sich z.B. der Antisexismus wendet, die Betroffenen des Geschlechterverhältnisses – also so ziemlich alle in dieser Gesellschaft – sind, ist das politsche Subjekt, das vom Antispe angesprochen wird, gerade nicht die Betroffenen, sondern die „Betreffenden“, also die Konsumenten von Tieren selbst. Während also die anderen Anti-ismen die Bedürfnisse der Betroffenen aufgreifen, sich an sie wenden, ihnen Gründe nennen, warum die gesellschaftlichen Verhältnisse die Erfüllung der Bedürfnisse verhindern, warum sie also revolutioniert werden müssen, hat der Antispe in dieser Hinsicht ein Problem. Er kann bei den meisten Leuten gar nicht an ihre Bedürfnisse anknüpfen, er muss sogar gegen ihre Bedürfnisse argumentieren. In dieser Gesellschaft WOLLEN Menschen nämlich Tieren konsumieren. Der Antispe MUSS also notwendigerweise moralisch argumentieren, er muss den Leuten Verhaltensregeln aufstellen, die ihren Interessen widersprechen. Und wie das halt immer so ist, wenn man moralisch argumentiert, geht es auf Kosten der Stichhaltigkeit der Argumentation.

    Der Antispe unterscheidet sich von den anderen moralischen Tierschutzbewegungen dadurch, dass er nicht einfach und platt moralische Regeln aufstellt, sondern seine Moral in Form einer Gesellschaftsanalyse verpackt. Behauptungen wie, die Befreiung der Tiere falle mit der „Befreiung der Gesellschaft“ zusammen oder das zweite sei ohne des ersten nicht zu haben, sind nichts anderes als Moral im Gewand einer linken Gesellschaftsanalyse – und ja, das habt ihr von Adorno viel konsequenter übernommen als die Antideutschen.

    Der Konsum von Tieren ist keine „Herrschaft über die Gesellschaft“, so dass man die Gesellschaft davon befreien müsste. Konsum von Tieren bedeutet erstmal eine Schädigung der Tiere und nicht mehr. Und es ist gerade ein Teil der „Gesellschaft“, der die Tiere schädigt, und dieser Teil will davon auch nicht „befreit“ werden. Es ist absurd zu sagen, dass jemand, der gerade ein Tier frisst, ein Beherrschter ist, den man befreien muss. Die ganzen Argumente, die irgendeinen Zusammenhang zwischen Tierkonsum und Rassismus, Sexismus … -ismus herstellen wollen, sind nicht mehr als Analogien. Es gibt keinen Beweis dafür, dass rassistische Praktiken deswegen entstehen oder auch nur davon begünstigt werden, dass der Mensch die Natur für sich benutzt und im Laufe dieser Benutzung die Tiere schädigt. Die ganzen Verweise auf irgendwelche Stämme mit ohne tierischer Ernährung und mit ohne entwickelte politische Herrschaftsstrukturen sind überhaupte keine Beweise für gar nichts, sondern Bebilderungen von einem schon vorher feststehenden Vorurteil.

    Das gleiche gilt auch für die Benutzung gesellschaftskritischen Vokabulars: Den Konsum von Tieren als „Herrschaft“ oder „Ausbeutung“ zu bezeichen, ist genauso Moral auf gesellschaftsanalytisch. Werden jetzt Leute, die in der Fabrik ausgebeutet werden, zerstückelt und gefressen oder wie? Ausbeutung heißt im Kapitalismus, dass Menschen ganz bewusst ihre Arbeitskraft verkaufen, dafür ein Äquivalent bekommen, ein Mehrprodukt herstellen, das vom Kapital angeeignet und zur seiner eigenen Vermehrung benutzt wird – und das ihr Leben lang. Ausbeutung im weitesten Sinne heißt, Aneignung von Mehrarbeit und Mehrprodukt. Eine Kuh arbeitet doch nicht und sie schafft auch kein Mehrprodukt. Eine Kuh wird gezwungen sich voll zu fressen und dann wird sie selbst gefressen. Das ist hart und brutal, aber mit Ausbeutung hat es nichts zu tun. Wenn die Antispes den Begriff „Ausbeutung“ verwenden, dann hat er überhaupt keinen spezifischen Inhalt mehr, er bezeichnet nichts Konkretes. „Ausbeutung“ heißt nur noch: da wird irgendwelchen Lebewesen auf irgendwelche Weise irgendwas Schlimmes angetan. Und das soll der analytische Wert des Befriffs sein, das soll die elaborierte Gesellschaftsanalyse sein, von der du sprichst? Das ist ja noch schlimmer als mit dem „strukturellen Antisemitismus“.

    Zur Gleichsetzung von Mensch und Tier schreibe ich demnächst noch was.

  12. 12 Antispeziesistische Aktion Tübingen 27. Juli 2010 um 19:29 Uhr

    Neuer Text der Antispeziesistischen Aktion Tübingen, der auf die Vorwürfe eingeht, „Mensch und Tier gleichzusetzen“ und gedankliche Nähe zu reaktionären Ideologien zu haben, und zudem den herrschaftskritischen Antispe-Ansatz erklärt:
    http://asatue.blogsport.de/2010/07/27/ein-gespenst-geht-um-das-gespenst-des-antispeziesismus/

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