Archiv für Juni 2010

Gastbeitrag: „Apple“ zur Antispe-Diskussion

Folgender Kommentar von „Apple“ am 27. Mai als Kommentar gepostet. Nach Ansicht des Blog-Betreibers ist er es wert als Gastbeitrag veröffentlicht zu werden. Dies sei hiermit getan. Die Bilder wurden alle von dem Blog-Beitreiber ausgewählt.

1. Antispes mögen Tiere und wollen nicht, dass ihnen etwas angetan wird. Das ist vollkommen ok und daran gibt es nichts auszusetzen. Damit ist auch der Radius ihres Engagements gegeben: Es sind Tiere, die Schmerzen spüren und Gefühle wie Angst oder Trauer o.ä. verspüren können, mit denen sie sympathisieren. Deswegen z.B. keine Insekten, Pflanzen, niedere Säugetiere – weil man bei denen nicht von Gefühlen und teilweise nicht einmal von Schmerzen ausgehen kann. Ich persönlich bin bei tierischen Gefühlen etwas skeptisch, weil Gefühle wie Angst immo Selbstbewusstsein voraussetzen, d.h. man muss sich als selbstständiges, von der Welt getrenntes Subjekt begreifen – was bei allen Säugetieren, die den Spiegeltest nicht bestehen können (Kühe, Hühner, Pelztiere und so), nicht der Fall ist. Es gibt aber einige Säugetiere, bei denen man auch von Gefühlen ausgehen kann. Paradebeispiel: Menschenaffen.

2. Antispes versuchen, diese Tiere nicht mehr zu konsumieren, wobei ich mit Konsum in diesem Fall die Benutzung von Tieren meine, die ihnen wehtut oder ihre Gefühle verletzt. Das reicht aber nicht, weil die meisten Leute keine Antispes sind, Tiere weiterhin schlecht behandeln und aus Antispe-Sicht damit aufhören sollen. Wenn man Menschen vom Tierkonsum abhalten will, kann ich mir grundsätzlich drei Wege vorstellen: 1) man kann sie mit Gewalt zwingen 2) man kann ihnen den Tierkonsum verleiden, indem man diesen Menschen z.B. Ekelvideos zeigt, in denen Tiere geschlachtet und ausgeweidet werden, oder indem man Leute die ganze Zeit beschimpft und nervt usw. Das machen einige Tierschutzorganisationen (PETA ist, glaube ich, ein Beispiel) und oft ja auch mit Erfolg. 3) man kann versuchen, diese Menschen mit Argumenten zu überzeugen, die beweisen sollen, das Tierkonsum nicht gut ist. Das ist das Programm der Antispe-Bewegung.

3. Wie du schon geschrieben hast, gibt es neben der Antispe-Argumentation auch einige andere Argumente gegen z.B. Fleischkonsum. Es gibt ja auch außerhalb der Tierschützer-Szene Leute, die kein Fleisch essen – aus Schönheitsidealgründen, aus gesundheitlichen Gründen (das billige Fleisch in den Supermärkten ist auf Dauer vermutlich ziemlich gesundheitsschädlich) u.ä. Bei anderen Arten von Tierkonsum wird es schon schwieriger. Warum sollte man keinen Schafswollpullover anziehen?

überfressen
Zu viel Fleisch kann ungesund sein …

Einen Mensch, der Tiere konsumiert, kann man natürlich darauf hinweisen, dass er damit viel Leid bei diesen Tieren verursacht. Manchmal hat man damit auch Erfolg und er hört auf. Das liegt daran, dass viele Leute ziemlich gedankenlos Tiere konsumieren. Sie sind so aufgewachsen und kennen es nicht anders, haben sich vielleicht noch nie so wirklich Gedanken darüber gemacht. Wenn man sie dann darauf aufmerksam macht und ihnen erzählt, dass es auch anders geht, hören sie vielleicht auf.

Es kann aber natürlich auch sein, dass man auf jemandem trifft, der sich dessen bewusst ist, dass er den Tieren nichts Schönes antut, wenn er sie konsumiert – dem es aber schlichtweg egal ist. Es gibt keinen höheren Grund dafür, dass man sich das Interesse der Tiere an einem angenehmen Leben zu eigen machen soll. Man kann genauso gut sagen: Der gute Geschmack beim Essen ist mir wichtiger.

4. An diesem Punkt ist die Sache mit der Argumentation eigentlich zu Ende und man kann nur noch auf die Methoden ‚1′ und ‚2′ ausweichen. Bei den Antispes fängt die Argumentation an diesem Punkt aber gerade erst an. Der Auftakt geht immer so, dass darauf verwiesen wird, dass man ja auch keine Menschen esse/konsumiere. Das ist der Beginn der Moralisierung der Debatte.

Rationellerweise ließe sich erstmal fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ja, ich esse keine Menschen und esse gleichzeitig Hühnchen. Un nu? Der Verweis auf den Menschenverzehr unterstellt aber, dass die beiden Sachen irgendwie zusammenhingen.
Menschenfresser
Äußerst selten geworden: menschlicher Kannibalismus

Wenn man mal von den ganzen gesellschaftlichen Institutionen absieht, die den Verzehr von Menschenfleisch sehr erschweren – die sollen hier nicht das Argument sein – esse ich Menschen nicht, weil ich zu Menschen eine stärkere Empathie habe. Den Zweck von Menschen, ein angenehmes Leben zu haben, habe ich mir zu eigen gemacht – bei Hühnern ist es nicht der Fall. Das ist auch nichts Ethisches, sondern einfach ein persönlicher Entschluss: Menschen sind mir wichtig und ich tue ihnen nichts zu leide, wenn sich’s vermeiden lässt. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, keine Menschen zu essen: Menschen wehren sich im allgemeinen, wenn man sie isst, Hühner tun’s eher weniger; eine Gesellschaft, wo sich alle gegenseitig angreifen und aufessen, ist total stressig und unangenehm, also ist es gut, wenn man sich darauf einigt, sich nicht zu verspeisen – aber auf diese gesellschaftlichen Gründe will ich hier gar nicht die Betonung legen.

Es gibt im übrigen auch Tiere, zu denen ich ein anderes Verhältnis habe, als zu irgendeinem Hühnchen. Meine Hauskatze würde ich nicht aufessen – ganz platt: weil ich sie mag. (Eigentlich habe ich keine Hauskatze, weil ich eine Katzenhaarallergie habe, aber wenn ich eine hätte…)

5. Weil es gegen den persönlichen Entschluss – Gefühle von Tieren sind mir nicht so wichtig – eigentlich kein Argument gibt, müssen die Antispes eins erfinden. Das geht so: Menschen darf man nicht konsumieren. Tiere – bestimmte zumindest – stehen auf der gleichen Stufe wie Menschen. Also darf man Tiere auch nicht konsumieren. Damit erfinden/übernehmen die Antispes selbst (!) eine Rangordnung in der Welt der Lebewesen. Es soll Lebewesen geben, deren Natur/Wesen/Beschaffenheit uns Aufschluss darüber gibt, ob man sie essen darf bzw. umgekehrt den Konsum dieser Lebewesen verbietet. Das hat mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Beschaffenheit verschiedener Lebewesen nichts (mehr) zu tun. Ob man ein Lebewesen konsumiert oder nicht, ist keine Eigenschaft dieses Lebewesens, sie ist an ihm deshalb auch gar nicht aufzufinden. Es ist ein Verhältnis, das ein Mensch zu einem Tier eingeht, was die Antispes zu einer Eigenschaft von Lebewesen verfabeln und wonach sie die gesamte Tierwelt sortieren. An der Welt ist aber nicht aufzufinden, ob sie von Menschen benutzt werden soll oder nicht.

Darum ist die gesamte Debatte, welche Lebewesen nun klug und geschickt sind und welche nicht, für die Katz. Warum soll eine kognitive Leistung oder das Fehlen einer solchen eine Berechtigung zum Gefressen-werden oder Verschont-werden sein? Gleich logisch wäre es zu sagen, dass alle Lebewesen, die grün sind, nicht konsumiert werden dürften. Warum? – Ich weiß es genauso wenig.

6. Man merkt schon an der ausgiebigen Verwendung der Wörter „sollen“ und „dürfen“, dass es hier weniger um einen Disput über die Beschaffenheit von Tieren, als vielmehr um das Aufstellen von moralischen Grundsätzen geht. Der springende Punkt bei der Moral ist gar nicht der, dass sie beliebig ist – wie du schreibst.

Moral gibt es nur in einer Gesellschaft, in der das Allgemeininteresse sich von individuellen Interessen unterscheidet und ihnen entgegen steht. Warum gibt es die Regel, dass man seine Mitmenschen nicht umbringen darf? – Weil es einerseits das gemeinsame Interesse nach einer Gesellschaft gibt, in der Menschen nicht umgebracht werden, andererseits bei den einzelnen Individuen das Interesse besteht, seine Mitmenschen über den Jordan zu schicken. Wenn es keine Menschen gäbe, die andere umbringen wollten, würde sich die Regel einfach erübrigen. Moral ist der Ausdruck für einen Widerspruch zwischen gesellschaftlichen und individuellen Interessen. Marx hätte gesagt, Moral gibt es, wenn der Mensch als Gattungswesen (noch) nicht frei ist. Wenn die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und das Individuum gleichzeitig immer gegen die gemeinsamen Interessen und Vereinbarungen opponiert. Oder nochmal anders gesagt: wenn die Gesellschaft keine Assoziation freier Individuen ist, sondern ein Zwangszusammenhang, in dem die Gesellschaftsmitglieder einerseits auf gemeinsame Regeln angewiesen sind, um ihre Interessen zu verfolgen, auf der anderen Seite ihre Interessen immer gegeneinander und zum Schaden des anderen verfolgen und deswegen zur Einhaltung des Allgemeininteresses gezwungen werden müssen. Im Kommunismus deshalb keine Moral.

Moral ist aber auch nicht einfach ein Ausdruck oder sowas, sondern eine Art und Weise seine individuellen Interessen in dieser Gesellschaft vorzubringen. Sie dient dazu ein individuelles Interesse gegenüber einem anderen aufzuwerten und zu rechtfertigen. Die Rechtfertigung geht darüber, dass man sagt: Mein Interesse ist gleichzeitig im Sinne aller, ein allgemeiner Grundsatz – also müssen alle, selbst die, die das nicht wollen, mir recht geben. Bei der Moral beruft man sich auf bereits bestehende allgemeine gesellschaftliche Interessen und interpretiert sie so, dass sie zum eigenen Interesse passen. Deswegen auch die Heuchelei, die einer moralischen Argumentation immer anhaftet. Das ist wahrscheinlich das, was du mit „Beliebigkeit“ meintest. Ich kann genauso gut eine moralische Begründung dafür angeben, warum ich von dem anderen nicht umgebracht, bestohlen etc. werden darf, als auch umgekehrt die Begründung, warum ich den anderen umbringen, bestehlen etc. darf: Weil er sich gegen irgendwelche Regeln vergangen hat und ich ihn dafür bestrafen darf; weil ich selbst was Tolles geleistet habe und mit deshalb auch die Berechtigung verdient, mich an dem anderen zu bereichern; weil ich das Recht habe mich zu verteidigen und das, was der andere gemacht hat, ein Angriff auf mich war – und so zu. Diese Begründungen sind logisch gesehen Quatsch erster Sahne, was sie aber leisten, ist, das eigene Interesse als ein berechtigtes darzustellen.

Jetzt zum Antispe: Weil es in der Gesellschaft kein gemeinsames Interesse gibt, Tiere gut zu behandeln, knüpft die Antispe-Argumentation an eine bereits bestehende moralische Regel an: Menschen dürfen nicht konsumiert werden. Der nächste notwendige Schritt besteht deshalb darin, bestimmte Tiere auf die gleiche Stufe mit Menschen zu setzen. Dazu muss erstmal eine ganze Hierarchie der Tierwelt erfunden werden, mit verschiedenen Stufen, wo manche Tiere die Berechtigung haben gefressen zu werden, andere jedoch nicht. Natürlich stimmt es, dass Tiere und Menschen sich voneinander unterscheiden, aber genauso stimmt es, dass sie gemeinsame Eigenschaften haben. Zu welchen Gruppen man nun verschieden Tiere und Menschen zusammenfasst und wo man qualitative im Gegensatz zu quantitativen Unterschieden festlegt, ist keine Frage der wissenschaftlichen Bestimmung – die hat ja schon stattgefunden, wenn man die Eigenschaften der verschiedenen Lebewesen kennt – sondern eine der Klassifikation, also auch nicht objektiv zu entscheiden. Diese Klassifikation gibt es in der Biologie auch – da werden Tiere nach ihrer wissenschaftlichen Bestimmung aus (zumeist) Zweckmäßigkeitsgründen in verschiedene Klassen sortiert. In der Antispe-Debatte findet die Sortierung aus moralischen Gründen statt. Deswegen ist diese Debatte so unfruchtbar. Man kann natürlich bestreiten, dass Tiere ausgerechnet an diesem bestimmten Merkmal sortiert werden, und stattdessen auf einem anderen Merkmal für eine andere Sortierung beharren. Weder für das eine noch für das andere gibt es ein Argument. Die Sortierung hat ihren Grund ja nur in der subjektiven Entscheidung darüber, wen man jetzt als konsumierbar betrachtet und was nicht.

7. Leider sind die meisten Leute, die von den Antispes/Tierschützern mit dieser moralischen Argumentation konfrontiert werden, keine Moralkritiker, sondern selber aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie fangen an sich zu rechtfertigen, moralische Grundsätze dafür aufzustellen, warum sie doch Tiere essen dürfen, das Tierreich gemäß ihrem Interesse zu sortieren und sich über diese Sortierung mit den moralischen Tierschützern zu streiten. Sie bringen also selbst eine moralische Ideologie hervor und diese Ideologie heißt „Speziesismus“. Speziesismus mit seiner Ideologie des Mensch-Tier-Dualismus ist keine Erfindung der Antispes – es gibt ihn wirklich. Allerdings ist er eine Rechtfertigungsmoral und eine Rechtfertigung unterstellt allemal eine Kritik, gegenüber der man sich rechtfertigt. Der Kampf der Antispes gegen den Speziesismus ist also immo ein Kampf gegen eine Ideologie, die durch den moralischen Tierschutz erst in die Welt kommt. Die Antispes sehen es nicht so und man kann es noch so viel beteuern, dass man Tiere einfach so konsumiert, ohne sich dazu eine speziesistische Ideologie zu denken – sie sagen dir trotzdem immer, dass du irgendwie im Verborgenen, vielleicht sogar unterbewusst, doch der Ideologie verfallen bist.

8. Die Holocaust-Vergleiche aber auch die Bezeichnung von Tiertötungen als Mord u.ä. passt deswegen sehr gut ins Konzept dieser Tierschützer. Mord ist die Bezeichnung für ein Verbrechen und vom Holocaust weiß man auch, dass er in der (deutschen) Öffentlichkeit vor allem als eine moralische Untat besprochen wird. Diese Rhetorik wird verwendet, um die ‚Verbrechen‘-Qualität der Behandlung von Tieren hervorzuheben. Gesagt werden soll: Wer Tiere so behandelt, macht sich einer ungeheuren moralischen Verfehlung schuldig. Sachlich gesehen, haben die Shoa und die Tierschlachtung kaum was miteinander zu tun. Moralisch gesehen – also wenn es darum geht Menschen anzuklagen – allerdings recht viel.

Das ist allerdings nicht nur die Schuld von Tierschützern. Was man in der Öffentlichkeit über die Shoa hört, ist tatsächlich fast nur, dass sie etwas unvorstellbar Böses war. Es wird kaum über die (Hinter-)Gründe des Holocaust aufgeklärt, die gesellschaftlichen Verkehrsformen, die ihn hervorgebracht haben, so gut wie gar nicht richtig kritisiert. Man braucht gar nicht zu wissen, was der Holocaust war, um in Deutschland sagen zu können, dass er ein großes Verbrechen war. Von dieser Idiotie sind die Holocaust-Vergleiche nur die konsequente Fortsetzung.

9. Ähnliches gilt, wenn sich der Antispe explizit als Bestandteil – und oft ja sogar als die radikale Konsequenz – der linken Bewegung bezeichnet. Man könnte ja auch mal fragen, wieso man unbedingt so viel Wert darauf legen soll, als links zu gelten. An der eigenen Kritik, an den eigenen Zielen und Methoden ändert sich sachlich gesehen ja nichts – ob man sie nun „links“ nennt oder nicht. Dass es so sehr drauf ankommt, es zu tun, liegt daran, dass die Bezeichnung des eigenen Vorhabens als „links“ oder „emanzipatorisch“ die Sache in ein besseres Licht rückt – und die Sache, die man kritisiert, in ein schlechteres (zumindest mal innerhalb der linken Szenen, wo viele Antispes herkommen). Jeder der sich sonstwie für eine bessere Gesellschaft engagiert, müsste auch für die Sache des Antispe sein, weil sie auch links ist. Dass ist zwar etwas einfältig, denn warum sollte jemand, der sich gegen das Lohnarbeitsverhältnis einsetzt, sich auch gegen Tierhaltung engagieren, nur weil Anspes das auch „Ausbeutung“ nennen? Das sind ja zwei vollkommen unterschiedliche Sachen. Da Begriffe wie „Ausbeutung“ in der linken Szene aber negativ besetzt sind – das gleiche gilt für „Herrschaft“, „Unterdrückung“, „Diskriminierung“, „xxx-ismus“ – ist es eine Möglichkeit zu sagen: Das, wogegen wir sind, ist auch voll schlecht und jeder anständige Linke sollte sich mit uns dagegen engagieren. Es wird also nicht argumentiert, sondern gebrandmarkt und gehofft, dass die Leute auf den Zug aufspringen. Das soll jetzt nicht so verstanden werden, dass die Antispes das mit Absicht machen und sich dann freuen, Linke mit der Masche geködert zu haben, aber wie Marx sagt: Wo Begriffe fehlen, stellt zu rechten Zeit ein Wort sich ein – will sagen: Wo es keine Argumente gibt, ist es konsequent zu Labels zu greifen.