Die Antispe-Diskussion: Drei Kommentare, drei Gegenpositionen

1. Antwort auf Antispe-Kommentar von „schwarzekatze“

Bsp: lies das mit dem Länder-sind-dümmer-als-andere-Länder nochmal durch, und frag dich, ob das nicht Blödsinn war. Oder ob Antispes jemals behauptet hätten, Affen wären schlauer als Menschen. Deulich wird dir anscheinend selbst, wie relativ der Unterschied zwischen „Mensch und Tier“ doch ist.

Nö, Antispes haben nirgendwo behauptet, dass Affen allgemein schlauer wären als Menschen. Aber Antispes behaupten es gäbe keine eindeutige Grenze zwischen Menschen und Tieren. Ein Paradebeispiel dabei ist es, zu sagen, dass geistig behinderte Menschen oder Kleinkinder ja unter oder auf demselben geistigen Niveau von Affen rangieren und die beiden erstgenannten würde man ja auch nicht essen. Dabei argumentiert man aber mit individuellen Einzelfällen. Nicht die Arten werden verglichen, sondern einzelne Exemplare. Mit solchen Vergleich kann man aber gar nichts über die Unterschiede zwischen den Arten aussagen.
Ich bleibe dabei: Wer den Mensch-Tier-Unterschied auf Technik (selbst im weitesten Sinne) und Kleidung reduziert, wie es die Antispes aus ideologischen Motiven heraus tun zu müssen glauben, der/die simplifiziert komplizierte Sachverhalte in geradezu vulgärer Weise.
Sprache (mit Sprache ist keine rudimentäre Verständigung gemeint sondern die Fähigkeit komplexe Sachverhalte und Gedanken zu formulieren), Kunst und Kultur, Zivilisation, Ich-Bewußtsein, Selbstverortung in einem größeren Kontext, Voraussicht, art- und familienverbandsübergreifende Empathie, Bewusstsein von Glück, Nichtintentionalität, vernunftbegabtes Denken, Abstraktion werden einfach mal so als Unterschied ausgeschlossen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf. Selbst wenn einzelne dieser Punkte sich auch bei einzelnen Tierarten wiederfinden (was ich im Einzelfall aber noch einmal genau bewiesen haben möchte, das Wiedererkennen im Spiegel ist ja ganz nett, ob es aber tatsächlich ein Beleg für „Cogito ergo sum“ ist bezweifle ich ich weiterhin), könnte es nicht eventuell sein, dass das Gesamt-Bündel dieser Unterschiede die Grenze zwischen Menschen und allen Tieren markiert? Und bevor wieder die Entgegnung kommt, bei einzelnen Menschen fänden sich einzelne Erkennungsmerkmale nicht, sei darauf hingewiesen, dass repräsentative Durchschnitte verglichen werden und Ausnahmen eben doch nicht die Regel widerlegen. Einen einzelnen Affen, der Hegel lesen kann, bin ich gerne bereit als gleichwertig zu akzeptieren, solange er aber kein repräsentatives Beispiel für seine Art ist, wird nur er in den exklusiven Club der Menschen und Gleichwertigen aufgenommen.

Witzig ist, wie du einerseits die Parteinahme für Säugetiere als „Kuscheltier“-Schutz-Verhalten bezeichnest, ein paar Absätze darüber selbst Vermutungen anstellst, welche Tiere Leid empfinden können und deshalb eher verschont bleiben sollten. Du widerlegst dich quasi selbst.

Diese Vermutungen sind theoretisch. Es ging, soweit ich mich erinnere um die einzelnen, nachweisbaren Beispiele von Tierarten, die exklusiv dem Menschen zugeschrieben werden. Mit dem Vorschlag, dass damit alle übrigen Tierarten ja essbar seien, wollte ich aufzeigen, dass selbst mit diesen herangezogenen Kriterien beim derzeitigen Stand des Wissens keine generelle Ablehnung von Fleischessen begründbar ist.
Ja, ich bleibe dabei, dass ich nicht glaube, dass die Antispes in der Praxis wirklich nur von streng theoretischen Überlegungen angeleitet werden. Ich denke, dass in der Praxis vielmehr persönliche Vorlieben (u.a. als „niedlich“ wahrgenommene Tiere) zumindest mit entscheiden, welche Aktionen man ausführt und mit welchen Darstellungen man in die Öffentlichkeit tritt (große Tiere mit großen Augen, die süß schauen = Kindchen-Schema).

Nach erstem kurzen Nachdenken, setzt ihr Speziesismus mit Rassimsus gleich, Spezies mit Rasse, Antispe so mit Antira. Und dann wundert ihre euch, dass Antispes nicht die „individuelle Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit“ kritisieren. Bzw. ihr bleibt, egal was Antispes sagen, auf dieser Definition kleben und projeziert die Kritik an eurer eigenen Definition von Antispe auf die herrschaftskritische Bewegung, die Speziesismus in ihren Herrschaftsbegriff mit einschließt.

Versteh ich nicht. Die Analogie-Setzung von Speziesismus mit Rassismus stammt doch nicht von mir, sondern von den Antispes selbst. Ich persönlich würde ja sagen, so etwas wie eine „Diskriminierung“ und „Unterdrückung“ von Tieren gibt es gar nicht. Tierquälerei gibt es natürlich und z.B. Massentierhaltung ist Tierquälerei. Aber es gibt keine systematische „Diskriminierung“ von Tieren, nur eine systematische Quälerei auf Grund des Wirtschaftssystems (Kapitalismus). Diese Quälerei hat aber nicht das Leid von Tieren zum Ziel, sondern ist nur ein Nebenprodukt des Ziels der Gewinnmaximierung.

Wenn das Vorurteil, ein Individuum oder gar eine Spezies könne keinen Schmerz empfinden, nicht bewusst etwas wahrnehmen usw. weil es in die Kategorie „Tier“ fällt, getroffen wird, so ist das Speziesismus und muss bekämpft werden.

Dieses „Vorurteil“ habe ich bei den meisten Arten nicht, aber warum sollte mich das daran hindern Tiere zu essen?

2. Antwort auf Antispe-Kommentar von „bujakabujaka“

eisbergs text ist leider wenig lesenswert. ich gebe nur mal ein beispiel, wie er sich selbst widerlegt:
einmal „folgt“ der den „gedanken der antispe ein stück“ und gesteht zu, dass vielleicht die einen Tiere eher leid empfinden können oder intelligenz entwickeln, wie Säugetiere. Später widerholt er seinen Vorwurf, Antispes würden nur für die Befreiung von Säugetieren einstehen, „weil die Glubschaugen hätten“ und nicht für Fruchtfliegen. Merkst du was?

Nö, ich merke gar nix. Ich habe bei den Antispes Theorie und Praxis unterschieden. In der Theorie mag die Leidensfähigkeit vor allem das Kriterium sein. In der Praxis hingegen beobachte ich eine extreme Fokussierung auf bestimmte Arten von Tieren, eben die mit den Glubschaugen. Die Affen, Rinder, Schweine, Kühe etc. stehen übermäßig im Blickpunkt, kaum bis gar nicht die Fische, Amphibien oder Reptilien.
Das mit den Fruchtfliegen war vor allem eine Polemik, wobei Insekten nicht davon ausgeschlossen sind das Objekt der Fürsorge von Antispes zu werden, siehe die Ablehnung von Honig. Dass an einer Stelle auch mal Insekten im Fokus stehen, widerlegt aber nicht meine Behauptung von der extremem Fokussierung auf bestimmte Säugetier-Arten.

Auch das mit den „dümmeren Ländern“ ist ulkig-sinnlos: Welcher Antispe hat je behauptet Affen seien Klüger als Menschen? Wie schlecht ist das denn, den Durchschnitt einer Gruppe zu nehmen, um diese mit einer anderen zu Messen? Das willst auch du nicht wirklich!!!

Siehe 1. Antwort zu Kommentar von „schwarzekatze“.

Machismus: Ach ja, Vegetarier sind ausgeschlossen, ebenso wie Frauen, oder? Wenns so ein Rumgemacker nicht gibt, können wir mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker ausprobieren. Wenn du überall wo du auftauchst dumme Kommentare hörst, wirst du merken, was „mackern“ heißt!!! (lieber Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!)

Zum Machismo-Vorwurf:
Sticheln, Ärgern, Lästern, Mobben sind keine spezifisch männlich ansozialisierten Verhaltensweisen. Gegen Sticheln, Ärgern, Lästern habe ich erstmal generell nichts. Sicher es ist unangenehm und nicht nett hinter den Rücken über andere negativ zu sprechen. Aber wer tut das nicht? Das ist eine typisch menschliche Angewohnheit und hat wohl auch die Funktion Frust abzulassen. Ihr könnt gerne mal Anti-D-Bashing-Rumgemacker an mir ausprobieren, ich kann damit leben und tue es ja auch. Ich wehre mich nur gegen falsche Unterstellungen.
Schwierig und problematisch finde ich manchmal das abschätzige Reden der Nachwuchs-Autonomen über „Hippies“. Hier scheinen radikale Linke mit „Hippies“ vor allem weiche, gemeinhin auch als „weiblich“ assoziierte Eigenschaften zu verbinden („Wursthaar-Anarchos und Hippies, die mal wieder nur so ne Hippie-Kacke abzuziehen, statt taff zu streetfighten“). Hier scheint tatsächlich die männliche Sozialisation durchzubrechen.
Zu dem Punkt „Mr. Nationalismus-ist-cool-wenns-nur-das-richtige-Volk-ist!“:
Ich habe Dich bereits einmal in unserer Email-Korrespondenz gebeten, bitte mit mir zu diskutieren und nicht mit Deinem Klischee von mir. Bevor Du mir Meinungen, Einstellungen und Positionen zu- und unterschiebst, frag mich doch bitte mal.
Und ja, solange der Antisemitismus existiert halte ich Israel und den Zionismus für eine Notwendigkeit.

Auch dass irgendwelche Polynesier keinen Fisch essen, hat nie ein Antispe behauptet. Es ging nur um antropologische Merkmale, die Einfluss auf die Herrschaftsmethoden haben.

Nö, direkt wurde das nicht gesagt. Aber es wurden Gemüse-Anbau-Kulturen als irgendwie friedlichere und bessere Gesellschaften verkauft. Was einfach mal nicht mit einem halbgaren „Beispiel“ bewiesen werden kann, dass noch nicht mal vegetarisch ist. Die Behauptung war doch ohne Tierhaltung und Fleischkonsum seien die Gesellschaften irgendwie besser bzw. hierarchiefreier. Hier ist der bei Antispes häufig zu beobachtende auffällige Versuch eine Verbindung zwischen dem Glück der Menschen und dem Wohlergehen der Tiere zu konstruieren. Dann müsste es ja auch umgekehrt klappen und hierarchiefreie Gesellschaftsprojekte müssten demzufolge immer auf Fleischverzehr und Tierhaltung verzichtet haben. Ist das in Chiapas der Fall? War das in den von der Machnow-Bewegung befreiten Teilen der Ukraine der Fall? War das im anarchistischen Katalonien der Fall? Soweit ich weiß – ich gestehe ich habe mich nicht ausdrücklich mit den Essgewohnheiten dieser Gesellschaftsprojekte beschäftigt – war es nicht der Fall. Nach euch waren das ja dann alles nur „Mörder“, denn nur „Jäger- und Sammler-Kulturen“ würdet ihr ja noch Fleischkonsum genehmigen. Vor einer Geschichtsbetrachtung aus Antispe-Perspektive kann man sich nur gruseln.

Und vegane religiöse Sekten gab und gibt es häufiger in der Geschichte. Eine im mittleren Osten ernährt sich seit Jahrhunderten vegan und bekommt seltene Vitamine über Verunreinigungen im Wasser.

Welche denn? Und ist die dann ein Vorbild für Dich?

*vermenschlichung: komisch. Überträgst du deine begriffe von Freiheit auch auf Dunkelhaarige? Oder auf Menschen die „nur“ die Mittlere Reife haben? Oder Leute auf der anderen Seite des Erdballs? Warum kannst du nicht auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen, wenn du nachdenkst wer wie denken könnte?

Aber ich bin doch Speziesist, na klar übertrage ich den meinen Begriff von Freiheit (es ist aber nicht nur meiner) auf alle Menschen: Die doppelte Freiheit nach Marx (individuelle Freiheit und die Freiheit von materiellen Abhängigkeitsverhältnissen, also Lohnarbeit etc.). Ich würde es aber Menschen natürlich zugestehen, wenn sie freiwillig in Unfreiheit leben. Sie können mir gegenüber ja immer äußern, ob es wirklich ihr Wille ist so zu leben. Wenn eine Person unbedingt durch eine Religion in ihren Freiheiten eingeschränkt leben will und niemand damit belästigt, dann soll sie doch. Dass gehört dann zu der individuellen Freiheit mit dazu. Dieser Person muss aber immer die Möglichkeit offen stehen ohne Nachteile diese Unfreiheit aufzugeben. Religionen belästigen aber in der Regel auch Nicht-Mitglieder (Mission u.a.) und in den meisten von ihnen wird ein Abfall oder Wechsel sanktioniert. Deswegen bin ich immer noch ein aktiver Atheist.

Warum denkst du, dass Katzen nicht in manchen punkten ähnlich denken wie du?

Weil ich davon überzeugt bin, dass es einen Unterschied zwischen den Katzen in den Disney-Filmen und den echten Katzen gibt.

Oder sagen wir es mal so: wenn ich Dunkelhaarige(mich selbst) in eine Kategorien mit Steinen setze und diese „Dunkelsteine“ nenne. Kannst du mit dem Argument, Dunkelsteine verspüren keinen Schmerz, mir ins Gesicht schlagen? Weil du kannst ja gut darlegen, dass Steine keinen Schmerz verspüren! Wirst schon sehen: wir Dunkelsteine werden uns rächen, auch wenn viele von uns gar nicht denken können, gemeinsam können wir zurückschlagen!

Ähm, sorry, aber dieses Beispiel/Gleichnis/Methapher oder was das sein soll ist zu krude.

*Befreiung: Freiheit für alle? ja, weil sie sich dann am ehsten so verhalten können, wie sie wollen.
Ich halte nichts davon, von außen zu Urteilen wie es wem am besten geht und das dann so einzurichten, ohne die Wahl den Betroffenen zu lassen.

Aber genau dieses Urteil treffen doch auch die Antispes. Ihr lehnt Tierhaltung generell ab, aber ihr könnt keine Rücksprache mit euren Fürsorge-Objekten halten, ob die das auch so ok finden.
Ihr überlasst ihnen ja gar nicht die Wahl, sondern trefft generelle Aussagen für sie.
Außerdem bezweifle ich, dass die meisten Tiere eine weiterreichende Zukunftsperspektive haben. Wenn der Käfig offen ist, dann gehen sie natürlich erst mal raus. Ob ihnen die weiterreichenden Konsequenzen bewusst sind (kein Heim, kein regelmäßiges Essen, Schutz vor Feinden) wage ich zu bezweifeln.
In menschlichen Ersatz-Rudeln lebende Tiere wie Hunde würden das Freiheits-Angebot vermutlich sogar gänzlich ausschlagen.

3. Antwort auf Antispe-Kommentar von „Matthias R.“
Was Singer kritisiert …

Ich bin bei der Antispeziesistischen Aktion Tübingen aktiv, und dar Anlass dafür ist definitiv NICHT die „Sympathie mit Tieren“.
Dieses Missverständis wurde der Tierbefreiungsbewegung von Anfang an entgegen gebracht. Ich zitiere zu diesem Zweck einmal aus dem Vorwort zur ersten Ausgabe von Peter Singers Buch „Animal Liberation“ (1975), mit dem die Tierbefreiungsbewegung begann (und, um gleich weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit einigen Positionen Singers nicht einverstanden und distanziere mich von ihnen…)

Es folgt eine Episode, in der Singer schildert wie er eine Mrs. Scott kennen lernt, die sagt „Ich liebe Tiere“, aber dabei ein Schinkensandwich ißt. Kurzgefasst geht es um die Inkonsequenz und (angebliche) Heuchelei wenn Leute, die erklären Tiere zu lieben, Fleisch essen. Interessanterweise hatte Singer inzwischen mit demselben Vorwurf zu kämpfen, nachdem er in einem Interview mit der Tierrechtspostille „Tierbefreier“ zugab, dass er auf Reisen gelegentlich Käse verspeise und auch seinem Sohn sporadisch eine Käse-Pizza spendiere.

Was der Behinderten-Feind Peter Singer kritisiert ist doch nicht das Mitleid mit Tieren an sich, sondern die Inkonsequenz der guten Mrs. Scott. Die Frau sagt, sie liebe Tiere, aber sie meint in Wahrheit aber nur Haustiere. Sie ist also erst einmal vor allem eine Hunde- und Katzen-Schützerin. Ihr deshalb aber Heuchelei zu unterstellen wäre aber falsch. Alle Tierschützer und ebenso die Antispes setzen Schwerpunkte und Präferenzen Bei Antispes vergrößert sich die Menge an Tieren, die ihnen wichtig sind und sie sind dadurch weniger inkonsequent. Sie selbst geben an, dass ihnen vor allem leidensfähige Tiere wichtig sind. Und doch, ich glaube nicht, dass ein Fisch-Dose soviel Emotionen auslöst wie ein Chinchillah-Mantel bzw. eine Pelzmantelträgerin wie ein Fischsandwich-Verspeiser. Genau deswegen werden Pelzhandelsgeschäfte attackiert und nicht Fischbuden. Das Lebewesen Chinchillah, dessen achtzigfache sinnlose Tötung hinter einem solchen Mantel steht, ist einem emotional wichtiger als ein Fisch. Auch Antispes machen aus emotionalen Gründen Unterschiede in der Praxis.
Sympathie-Sphären
Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und etwas konstruiert

Das die Antispes ihre „Alle Lebewesen sind gleich“ (nicht gleichartig, sondern gleichwertig) selbst nicht einhalten bzw. einhalten können, beruhigt mich ungemein.

Emanzipation ist nicht Befreiung, sondern Selbstbefreiung!

Was Emanzipation betrifft: „e-mancipare“ bedeutet wörtlich „aus dem Mancipium geben“. Das Mancipium (manus, Hand, und capere, ergreifen) war im römischen Patriarchat ein feierlicher Akt der Besitzergreifung durch „Handauflegen“. Das Wort emancipare wurde verwendet, wenn z.B. ein erwachsener Sohn oder ein Sklave aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist; „emanzipieren“ bedeutet schlicht „frei lassen“, und nichts anderes will die Tierbefreiungsbewegung mit den nichtmenschlichen Tieren tun.

Danke für die Nachhilfe in Sachen Etymologie (Wortherkunft). Das Problem ist, dass Etymologie und Wortbedeutung häufig nicht (mehr) übereinstimmen. Antispes stellen sich ja gerne in eine Reihe mit Emanzipations-Bewegungen wie der Frauenbewegung, der Antira-Bewegung etc. Diese strebten nicht die Freilassung durch andere an, sondern die Selbstbefreiung! Natürlich gab es auch UnterstützerInnen, die sich nicht allein selbst befreien mussten, aber diese konnten zumindest mit den Unterdrückten kommunizieren. Das könnt ihr nicht. Wir wissen schlicht nicht was Tiere wollen. Ein kommunikativer Austausch zwischen Mensch und Tier ist unmöglich. Das wird manchmal damit begründet, dass wir technisch noch nicht so weit sind Tiere zu verstehen. Das ist aber ein Trugschluss. Selbst einzelne kluge Affen, also die Nächst-Verwandten der Menschen, kommen nicht über das Erlernen einer rudimänteren Gebärdensprache hinaus. Sie können damit Emotionen (Angst, Hunger, Verlangen, Zuneigung) äußern und mehr auch nicht.
Die Selbstbezeichnung als „Tierbefreiung-Bewegung“ finde ich da viel ehrlicher und zutreffender.
Mitleid und Sympathie sind bei mir wichtige Handlungsmotive – Was soll daran schlimm sein?

Ich kann platte Unterstellungen wie die, meine Motivation, mich auch für die Befreiung der Tiere einzusetzen, sei darin begründet, dass ich Tiere „möge“, nicht akzeptieren. Du gehst doch auch nicht zu einer antirassistischen Gruppe und unterstellst ihren Mitgliedern, sie setze sich für Schwarze ein, weil Afrikaner ja schließlich so „niedlich“ sind, oder zu einer feministischen Gruppe und behauptest, ihr Engagement gründe sich daraus, dass sie Frauen mögen oder „süß“ finden!
Genauso wenig kann ich Unterstellungen akzeptieren wie jene, die den kompletten Ansatz der Tierbefreiungsbewegung verkennt und verkehrt, es handle sich um eine „Politisierung von Essgewohnheiten“. Mit der von der Struktur her selben Argumentationsweise könnte ich die gesamte Linke in ihrer Funktion als soziale Bewegung diskreditieren, indem ich einfach behaupte, ihre Träger hätten die Eigenschaft, wenig oder nicht arbeiten zu wollen und würden diese persönliche Vorliebe politisieren.

Ich betätige mich in den Bereich Antirassismus, Antisexismus und sympathisiere mit bestimmten Strömungen im Feminismus tatsächlich nicht weil ich Afrikaner „niedlich“ finde oder Frauen „süß“, sondern weil ich alle Menschen liebe und schätze. Ich mag nicht jedes menschliche Individuum, aber die Menschheit als Ganzes. Wenn ein Teil der Menschheit von einem anderen unterdrückt wird, dann finde ich das ungerecht und es macht mir auch emotional zu schaffen.
Die Wut über Ungerechtigkeit und Mitleid mit den Opfern ist meiner Ansicht nach bei den meisten Metropolen-Linken der Grund zum Einstieg in das politische Engagement. Die Analyse stößt dann, hoffentlich jedenfalls, später hinzu. Beides, Analyse wie Emotion, ist für mich wichtig.
Für mich jedenfalls war die persönliche Konfrontation mit Armut, Hunger und Ausbeutung in Indien in meiner politischen Sozialisation überaus prägend.
Im Gegensatz zu zynisch gewordenen Linken, die angeben nur noch aus egoistischen Motiven den Postkapitalismus anzustreben, stehe ich klar und ehrlich dazu, dass Mitleid mit den „Verdammten dieser Erde“ eines meiner Hauptmotive für mein politisches Handeln ist.
Ja, und ich bekenne freimütig: Es geht mir nochmal besonders an die Nieren wenn Kinder leiden. Ich empfinde das aber nicht als irgendeinen Makel, sondern als eine wertvolle Eigenschaft, die ich mir als Handlungsmotiv auch weiterhin bewahren möchte.
Vielleicht bist Du, Matthias R., sehr viel härter und rationaler als andere Antispes. Aber wenn ich mich durch die Seiten der Antispes klicke kann ich sehr viel Mitleid mit gequälten Kreaturen und eine Vorliebe für Tiere, die allgemein als niedlich betrachtet werden, entdecken.

Zum Beispiel: „Vergewaltigung“

Hier ließen sich ganz unterschiedliche Dinge kritisieren (beispeilsweise deine Inkonsistenz: Du kritisierst AntispeziesistInnen, dass sie den Begriff des Mordes auf nichtmenschliche Tiere anwenden, aber dass diese vergewaltigen können und vergewaltigt werden können, gestehst du ihnen zu?) […]

Nun gut, ich habe diese Vokabel für Tiere verwendet und das war falsch, es ist ein Wort was den Mensch vorbehalten bleiben sollte. Ich habe den Begriff „vergewaltigen“ zwar in meinem Blog auch blöderweise auch in Bezug auf das Tierreich verwendet, aber würde das nie öffentlich propagieren. Mir fehlt andererseits ein Ersatz-Wort und ich beschreibe Verhaltensweisen von Tieren untereinander. Meine Kritik an der sprachlichen Gleichsetzung bezieht sich ja auf die Antispe-Bezeichnungen von menschlichen Verhalten gegenüber Tieren. Zum Beispiel finde ich die Übertragung des Begriffes „Vergewaltigung“ auf Milchwirtschafts-Kühe, wie unlängst auf Antispe-Aufklebern in Berlin gesehen, eine krasse sprachliche Gleichsetzung von sexueller Gewalt gegen Menschen und Tierquälerei. Hier zieht auch das Verteidigungsargument nicht, dass Antispes gerne benutzen, sie wollten mit solchen Begrifflichkeiten nicht menschliches Leiden herabsetzen, sondern nur auf tierisches Leiden aufmerksam machen. Diese Argumentation hilft nur bei Menschen, die diese Antispe-Logik zumindest nachvollziehen können. Ungefähr 99% der Menschen kennen diese, meiner Ansicht nach trotzdem noch nicht zutreffende, Logik ja gar nicht. Da diese Leute einen deutlichen Unterschied zwischen Menschen und Tieren machen, dürften sich die Betroffenen von sexueller Gewalt ziemlich herabgesetzt fühlen. Ihr Leiden wird mit dem von Kühen verglichen. Es war vielleicht nicht verletzend gemeint, kommt aber genauso an. Ehrlich gesagt würde ich solche Aufkleber deswegen, wenn sie mir unterkommen, auch abkratzen.

Meine „Vorurteile“ gegen Tiere

P.S.: Bitte reflektiere erst einmal deine krassen Vorurteile gegenüber „Tieren“. Diese werden ganz deutlich in pauschalisierenden Aussagen wie: „Tiere sind also im Allgemeinen grausam und unbarmherzig und – nach menschlichen Maßstäben – nur selten mitleidig. Menschen hingegen sind im Allgemeinen mitleidig und nur manchmal grausam.“ oder: „Tiere sind grundsätzlich erbarmungslose Wesen: Sie fressen ihre Nachkommen, ebenso ihre Geschlechtspartner oder sie vergewaltigen den jeweiligen Gegenpart.“

Ich denke nicht, dass ich meine „krassen Vorurteile gegenüber Tieren“ reflektieren muss. Das sind keine Vorurteile, sondern eine (natürlich stark vereinfachte) Gesamteinschätzung der Bestimmtheit tierischen Lebens durch Instinkte. Vorurteile gegenüber Tiere, dass sind für mich widerlegbare Mythen (z.B. das Wölfe für Menschen gefährlich seien, das Vogelspinnenbisse tödlich seien oder das irgendwelche Tierarten aus purer Boshaftigkeit Menschen attackieren etc pp).
Tiere sind ihren Instinkten unterworfen. Ich kann recht gut voraussagen, was sie in bestimmten Situationen machen werden. Nicht weil ich das tierische Individuum kenne, sondern weil ich die Art kenne. Genau deswegen kann ich z.B. auch echten Vorurteilen gegen bestimmte Tierarten entgegentreten.
Die Zoologie beobachtet die Instinkt-Bestimmtheit von Tieren seit über 200 Jahren. Die Zoologie hat oft geirrt, aber dass Tiere sich entlang ihrer Instinkte ihrer Art recht gleichförmig verhalten, wurde nie widerlegt. Monitoring Tag für Tag beweist es vielmehr immer wieder. Auch Haustiere sind ihren Instinkten unterworfen. Für einen Hund ist sein Frauchen oder Herrchen immer das Alphatier des Rudels, dessen Anweisungen er sich unterwirft.
Ich war acht Jahre aktiv in einer Gruppe, die Tier- und Naturbeobachtung betrieben hat. Zuletzt habe ich mich ein halbes Jahr an einem ornithologischen Monitoring-Projekt beteiligt. Fast nie habe ich in diesen Jahren großartig seltsames Verhalten außerhalb des arttypischen Verhalten beobachten können. Ich erinnere mich jedenfalls nicht an so etwas.


1 Antwort auf “Die Antispe-Diskussion: Drei Kommentare, drei Gegenpositionen”


  1. 1 Matthias R. 23. August 2010 um 15:27 Uhr

    „Interessanterweise hatte Singer inzwischen mit demselben Vorwurf zu kämpfen, nachdem er in einem Interview mit der Tierrechtspostille „Tierbefreier“ zugab, dass er auf Reisen gelegentlich Käse verspeise und auch seinem Sohn sporadisch eine Käse-Pizza spendiere.“

    „Interessanterweise“ handelt es sich dabei nicht um Singer, sondern um Helmut F. Kaplan – und die „Tierrechtspostille“ heißt auch nicht „Tierbefreier“, sondern „Tierbefreiung“ (http://www.tierbefreier.de/tierbefreiung/index.html), „die tierbefreier e.V.“ ist der dazugehörige Verein (http://www.tierbefreier.de/home.html) – und von einem solchen Interview in der Tierbefreiung habe ich noch nie etwas gehört. Vielmehr machte Kaplan die Angaben, dass er auf Reisen gelegentlich Käse verspeise und auch seinem Sohn sporadisch eine Käse-Pizza spendiere, in einem Mailwechsel mit Iris Berger (12. März 2001 bis 6. Juli 2002).

    Wie schlecht kann man eigentlich recherchieren? …

    Es ist außerdem fast schon lustig, wie du dich hier zwar für deinen offenbar sehr unreflektierten Sprachgebrauch entschuldigst, einen solchen aber nach wie vor – auch wieder in deinem nächsten Beitrag, der sich auf unseren Text „Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus“ bezieht – als einen Hauptkritikpunkt an der Tierbefreiungsbewegung anbringst – nun, da du selbst erfahren hast, wie schwierig es ist, sich sprachlich präzise auszudrücken und wie leicht es geschieht, dass durch unbedachten Gebrauch eines bestimmtes Wortes eine gewisse Intention unterstellt werden kann, die nicht beabsichtigt war, finde ich es allerdings umso unangebrachter, dich z.B. darüber lustig zu machen, dass in einem unserer Texte einmal „Töten von Pflanzen“ verwendet wird – übrigens: Wie sagst du eigentlich zu „Waldsterben“? …

    Ich glaube außerdem, dass du nicht genau verstanden hast, was ich mit Vorurteilen eigentlich gemeint habe. Schon allein dein Satz „Das sind keine Vorurteile, sondern eine (natürlich stark vereinfachte) Gesamteinschätzung der Bestimmtheit tierischen Lebens durch Instinkte“ entlarvt dich als dem größten Vorurteil in diesem Bereich aufsitzend, nämlich als dem Mensch-Tier-Dualismus anhängend. Alle anderen Tiere sollen also rein durch Instinkte bestimmt sein, außer der Mensch? – Das ist pure Ideologie und sonst nichts, und schlicht und einfach naturwissenschaftlich falsch. Wenn du dich schon nicht dazu bewegen kannst, einmal das Buch von Martin Balluch zu lesen, dann höre doch wenigstens einmal den Vortrag von Volker Sommer zum Thema (verlinkt unter http://asatue.blogsport.de/texte/).

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