Antispe-Diskussion: Hurra ich kapituliere

Liebe Antispes,

ihr habt ja Recht. Eurer zwingenden Logik ergebe ich mich mit erhobenen Händen. Adorno und Horkheimer pflichten euch ja auch bei, da könnt ihr ja nur Recht haben. Ich jedenfalls konvertiere jetzt hiermit offiziell zum Antispeziesismus. Damit ist die Diskussion beendet. Gewonnen habt ihr! Wie alle zum wahren Glauben Bekehrte werde ich mich nun erst einmal in Selbstreflexion über mein bisheriges, sündiges Leben üben. Anfangen werde ich mit dem vorvorgestrigen Tag:

Ein Tag im Leben eines vegetarischen Speziesisten aus rückblickender Antispe-Perspektive
Ich stehe gegen um acht Uhr auf und gehe runter in die Küche. Hier esse ich mein Morgenmüsli und trinke dazu ein Glas „weißes Blut“ (Milch), dass durch die „Vergewaltigung“ von Kühen erzeugt wurde. Auf „Bienenerbrochenes“ (Honig) verzichte ich, das ist nicht so mein Stil fürs Frühstück.

Wie mir meine Mutter aufgetragen hat, gehe ich danach in den Garten, um die Schildkröte zu füttern.
Kriki
Unsere Hausschildkröte heißt Kriki und ist seit mehr als 70 Jahren in ihrem „Recht auf Autonomie“ massiv eingeschränkt, denn Zeit ihres langen Lebens wird sie von meiner Familie grausamerweise in einem draht- bzw. gartenzaunumzäunten Bereich des Gartens „gefangen gehalten“. Dass die „Langzeitgefangene“ in freier Wildbahn niemals ein so hohes Alter erreicht hätte, kann natürlich keinesfalls eine Begründung für ihre Einkerkerung darstellen. Selbst wenn die Schildkröte ganz zufrieden wäre mit ihrer „Sklaven-Existenz“, wir wissen ja mit Marie von Ebner-Eschenbach: ,„Glückliche Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ Aber Kriki ist ja vermutlich gar nicht zufrieden. Wahrscheinlich beißt sie mir aus Protest in den Finger während ich sie mit Nudeln füttere.
Ich sollte unsere halbblinde Schildkröte umgehend freilassen und ebenso die zweite „Gefangene“ im Haus, meine Vogelspinne. Die sollte ich in einen Briefumschlag zurück nach Mexiko in die Heimat ihrer Ahnen schicken. Das Ganze würd ich dann übrigens „Tierzionismus“ nennen, die „nichtmenschlichen Tiere“ kommen zurück in ihre angestammte Heimat, wo sie dann sicher leben können.

Mein Opa hat sogar schon mal die unbefruchteten Eier von Kriki probiert. Schildkröteneier gelten ja als Delikatesse. Mit demselben Opa esse ich dann zu Mittag. Ich brate uns Zucchini. Das ist vegetarisch. Mein Opa ißt aber gerne auch mal Fleisch. Da ja Fleischessen „Mord“ ist, ist er ein Mörder-Opa, ebenso wie meine Eltern Mörder-Mum und Mörder-Papa sind. Doch ich darf mich als Vegetarier nicht zu sicher fühlen. Schließlich gilt: Auch „Vegetarier sind Mörder!“. Schon, dass ich die Zucchini mit Quark im Wok anbrate, ist eine Beteiligung an der „Tierausbeutung“.

Als ich nach dem Mittagessen einkaufe, sehe ich die BILD-Zeitung mit dem Wohlstandschauvinisten und Rassisten Thilo Sarrazin auf dem Titelblatt, der auch noch als „Klartext-Politiker“ bezeichnet wird und dessen neues Hetz-Werk beworben wird. Spontan denke ich: „Was für ein Schwein und er bekommt auch noch die Möglichkeit seine Sauereien einem Millionenpublikum als ernsthafte Thesen vorzustellen.“ Heute weiß ich natürlich, dass speziesistische Verwendung von Begriffen wie „Schwein“ oder „Sauereien“ vermieden werden sollte, da sie die Dichotomie zwischen „menschlichen Tieren“ und „nichtmenschlichen Tiere“ verstärken bzw. „nichtmenschliche Tiere“ einfach „diskriminieren“.

Am späten Nachmittag übe ich noch etwas das Autofahren. Dass würde ich heute lassen. Auf der Homepage veganwiki.de kann man nachlesen, dass Autofahren nicht ganz vegan-koscher ist: „Autos töten Insekten. Busse enthalten tierische Fette als Schmiermittel. Verzichtbar?“ Daher wird geraten: „Es ist grundsätzlich möglich, sich ausschließlich vegan fortzubewegen, z. B. durch vorsichtiges Radfahren oder Fußgehen. Längere Strecken können ganz vermieden werden, z. B. durch Urlaub zu hause oder Umzug in den Ort, in welchem man seine Arbeitsstelle hat.“

Am Abend schaue ich mir eine TV-Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg an. Der Kommentator verurteilt energisch die Verbrechen der Deutschen. Als Antispeziesist weiß ich heute, dass diese Perspektive etwas einseitig ist. Klar, die Nazis waren schon ziemlich böse. Aber wurden die alliierten Armeen nicht auch mit „Leichen“ (Fleisch) versorgt, die durch „industriellen Massenmord“ an „nichtmenschlichen Tieren“ hergestellt wurden? Und überhaupt sind nicht alle Fleischesser sowieso irgendwie „Nazis“? Immerhin heißt es ja: „Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi“. Soll ja sogar ein Auschwitzüberlebender gesagt haben und so jemand muss es ja wissen. Irgendwie haben damit im Zweiten Weltkrieg dann auch nur Nazis gegen Nazis gekämpft.
Gottseidank gibt es ja neuerdings parallel zur „Antifaschistischen Aktion“ auch die „Antispeziesistische Aktion“.

Bevor ich einschlafe, höre ich das Summen einer Mücke. Sie wird mich beim Einschlafen quälen und am Morgen werde ich ihre kratzenden Einstiche vorfinden. Es sei denn … ja, es sei denn ich erwische sie. Skrupellos stelle ich der ahnungslosen Mücke eine Falle. Bewegungslos warte ich bis sie landet und schlage blitzschnell zu. Treffer! Heute weiß ich: Ich habe gemordet! Insekten besitzen zwar „nur ein wenig ausdifferenziertes Nervensystem“, aber „wäre eine antispeziesistische Praxis denkbar, die mit allen Mitteln für die Befreiung von Säugetieren, Vögeln usw. kämpft, aber gleichzeitig das Züchten, Töten und Essen solcher Tierarten für legitim hielte?“ Nein, schließlich stellt ja auch Martin Balluch „in seinem Buch Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte dar, dass zumindest bei Insekten, vor allem bei Bienen, Formen von Bewusstsein ausdifferenziert sind“. Balluch „rät, sehr vorsichtig damit zu sein, in einem Graubereich, in dem wir uns nicht ganz sicher über die Bewusstseinszustände von Lebewesen sind, einfach eine willkürliche Grenzlinie zwischen bewusst und unbewusst zu ziehen.“ Man solle nach Möglichkeit davon ausgehen, dass alle Wesen ein Bewusstsein hätten. Das tat ich bei der Mücke nicht. Kaltblütig habe ich ein Insekt gemordet, was ja immerhin ein Bewusstsein hätte haben können.


2 Antworten auf “Antispe-Diskussion: Hurra ich kapituliere”


  1. 1 ciodo 26. August 2010 um 14:28 Uhr

    Ganz so ernst können die Antispes ihr Konzept auch nicht nehmen. (Tun sie wirklich nicht (alle) – ich hab neulich eine Dame mit Antispe-Shirt Bus fahren sehen!)

    Ich hab jedenfalls noch nie was davon gehört, dass Antispes Fliegenmördern wie dir eine angemessene Lektion erteilt hätten. Oder sind Infostände und bedruckte T-Shirts adäquate Reaktionen auf Mord und Totschlag?

    Schon komisch: Wenn ich glauben würde, einen Mord/Vergewaltigung/oÄ zu beobachten, würde ich doch dem Täter mindestens eins mit dem Spaten überziehen, um dem Opfer zu helfen – tun Antispes dergleichen?

  2. 2 nichtlustig 25. Oktober 2010 um 16:17 Uhr

    na, das mit dem „ich will ironisch kritisieren“ üben wir aber nochmal.

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