Archiv für November 2010

Mit Rassereinheit gegen die Alien-Infiltration: Die SciFi-Buchreihe „Stahlfront“

Die sechsbändige Reihe „Stahlfront“ erschien bis 2009 im Unitall-Verlag. Unitall ist ein Ableger des deutschen Hans-Joachim-Bernt-Verlages (HJB) mit Sitz in Radolfzell, der die recht bekannten SciFi-Serien „Ren Dhark“ und „Perry Rhodan“ vertreibt. Auch „Stahlfront“ aus der Feder eines Autors mit dem Pseudonym „Torn Chaines“ (auf Deutsch „gesprengte Ketten“) – er wird als ein in der Zurückgezogenheit der Wildnis lebender amerikanischer Professor dargestellt – ist SciFi, allerdings von einer etwas anderen Art. Kenner vermuten, dass HJB den Unterverlag mit Sitz in Salenstein im Schweizer Kanton Thurgau extra gegründet hat, um sich von dieser Reihe distanzieren zu können bzw. juristische Problemen auszuweichen. Und Probleme gab es bereits. Auf der Indizierungs-Liste der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BpjM) für den April 2009 standen in der Kategorie Bücher gleich drei Bände aus der „Stahlfront“-Reihe.
Laut Angaben des Verlags wurden aber bis dato angeblich 30.000 Exemplare von den ersten drei Bänden verkauft. Im Internet kursieren die drei Bände weiter als E-Books.
Die Indizierung hatte durchaus ihre Gründe. Die „Stahlfront“-Reihe ist nämlich ein übles, rassistisches Machwerk.
Stahlfront
Inhaltlich geht es in der Reihe darum, dass die Erde von einer Alien-Verschwörung bedroht wird. Die „Außerirdischen Intelligenzen“ unterwandern die Menschheit und nur „Arier“ können nicht von den Aliens kontrolliert werden, weil sie über eine Art genetischen Schutz verfügen. Am Südpol ist nach 1945 als reichsdeutsches Exil ein „Reich Thule“ entstanden, dass über Jahrzehnte im Geheimen wuchs, technisch anderen Staaten überlegen ist und tapfer mit seinen „Reichsflugscheiben“ die Aliens bekämpft. Der Hauptprotagonist der Reihe ist Magnus Wittmann, ein Ex-Mitglied des KSK, der wie sein Freund Manfred Behrens von „Thule“ rekrutiert wird. Voraussetzung sind natürlich die entsprechenden „arischen Gene“.
Durch die verschiedenen Bände wird der Widerstand gegen die Aliens organisiert, u.a. werden die („arischen“) „Konföderierten Staaten von Amerika“ in einem zweiten und erfolgreichen Bürgerkrieg unabhängig. Gewürzt ist das Ganze mit deftigen Portionen von Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus. Es fällt auf, dass der Autor „Torn Chaines“ immer wieder Themen der deutschen extremen Rechten einbaut. So ist der technologische Vorsprung von „Thule“ eine Anknüpfung an die alte Mär von der Technik-Überlegenheit des Dritten Reiches, die Reichsflugscheiben am Südpol gehören zu der in der Szene weit verbreiteten braunen Neuschwabenland-Esoterik und es wird auch behauptet die USA haben ihre Eintritte in die beiden Weltkriege selbst inszeniert. „Stahlfront“ weist insgesamt einen ganzen Kanon extrem rechter Geschichtslügen.
Seinen Antiamerikanismus kann der Autor ausleben, in dem er in seiner literarischen Fantasie zurückschlägt:

Die Thule-Truppen waren keine Barbaren, und so hatte der Marschall befohlen, nur Manhattan unter Feuer zu nehmen. Hier wußte man das Finanz- und vermutete somit das Machtzentrum der Gruppe, die man für die heimlichen Herrscher der USA und die inoffiziellen Verbündeten der AIn hielt.

Das „Reich Thule“ mit seiner Hauptstadt „Neu-Berlin“ ist eine Soldatenrepublik mit Männerwahlrecht und strengen Sittengesetzen. Der Autor macht „Thule“ zu einer Art ent-hitlerisiertem Nationalsozialismus und offenbart ganz deutlich seine eigenen politischen Vorstellungen.
Letztendlich ist die „Stahlfront“-Reihe ein Stück ziemlich platter Nazi-Schund. Doch das muss leider nicht heißen, so etwas würde sich nicht verkaufen. Für jüngere, einfach gestrickte Leser und Leserinnen könnte „Stahlfront“ durchaus seinen Reiz besitzen. Der Verlag hat bereits ähnlich gestrickte Reihen aufgesetzt: „Aldebaran“ (HJB: „Aldebaran ist imperiale Science Fiction”), “Schwarze Sonne” oder “Kaiserfront” (hier hat das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg gewonnen). Doch es sollte nicht nur bei Fiktionen bleiben. Auf der Neonazi-Newspage „Altermedia“ wurde 2009 eine Korrespondenz zwischen dem HJB- und Unitall-Verlagsführer Hansjoachim Bernt und dem Nazi-Aktivisten Thomas Brehl veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass der Verleger plante Brehls Autobiografie „Bewegte Zeiten“ herauszubringen.

Bauchschmerzen beim Lesen von „Bauchschmerzen“

„Bauchschmerzen“ heißt das dünne Büchlein, dass 2009 im Selbstverlag erschien. Der Autor Wolfgang Gottschalk, eventuell ein Pseudonym, soll Lehrer für Geschichte und Politik an einem Gymnasium in Norddeutschland und Initiator zahlreicher Jugendprojekte für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit sein.
Das Buch gibt die Gedankenwelt eines jungen Nazis wieder, der einem Gefängnispfarrer aus seinem Leben erzählt. Es ist das Porträt eines jungen Mannes, der regelmäßig „PI-News“, „Blaue Narzisse“, „Sezession“ und die „Junge Freiheit“ zustimmend konsumiert. In seinem Selbstverständnis ist er lediglich ein „Konservativer“. Erst am Ende erfährt der Leser, warum der junge Nazi im Gefängnis sitzt. Die Form des Gesprächs ermöglicht für den Leser die Identifizierung mit und gleichzeitig die Distanzierung zu dem Jungrechten. Ähnlich wie in John Littels Buch „Die Wohlgesinnten“ oder in dem Spielfilm „American History X“ wird die Geschichte damit aus Perspektive des Täters erzählt. Diese Technik birgt immer eine gewisse Gefahr der Affirmation mit dem Täter und seinen Motiven. Dass ist vom Autor so gewollt, der sein Buch offenbar als Spiegel und Heilmittel angelegt hat.
Zum Rassisten wurde der junge Mann dem Buch nach durch seine persönlichen Erfahrungen. Diese Erklärung des Autors für den Werdegang seines Hauptprotagonisten ist gefährlich. In Realität ist es ja die durch Familie und die Gesellschaft geschaffene rassistische Vorprägung, die durch Ereignisse höchstens noch aktiviert wird. Hier aber sollen die Ereignisse selbst verantwortlich sein für die menschenverachtende Ideologie des jungen Mannes. Konkret an einem Beispiel aufgezeigt, ist nicht der vorgeprägte rassistisch motivierte Sexualneid Schuld an seinem Rassismus, sondern der als „fremd“ verortete Mann, der ihm die Frau quasi „wegnimmt“, die ja ihm „zugestanden“ hätte. Als wäre diese „Erklärung“ nicht schon schlimm genug, so wirken die dargestellten Figuren mit Migrationshintergrund wie rassistischen Klischees entsprungen. Der Autor glaubt vermutlich diese Bilder zeichnen zu müssen, um die Identifikation des Lesers mit seiner Hauptfigur als „Opfer“ der Realität zu fördern. Zum Schluss, zeigt er dann drastisch das Ziel eines solchen Weges. Es stellt sich heraus, dass der Gesprächspartner im Gefängnis sitzt, weil er einen rassistischen Mehrfachmord begangen hat. Die erzeugte Affirmation mit dem Täter soll hier radikal aufgebrochen werden, um die Konsequenzen aufzuzeigen. Dass gelingt aber nicht wirklich und es ist mehr als fraglich, ob der Weg zu diesem Ziel so aussehen muss.
Dass das Buch nicht funktioniert beweist ein Joe Müller aus Berlin, der in seiner amazon-Rezension schreibt:

Das Buch schildert gut die Wirklichkeit in Multikultopia. Es ist auch nicht auszuschließen, daß es in der BRD früher oder später verstärkt zu ethnisch bedingten Gewaltaktionen kommen wird.

Auch in den neurechten Sphären wurde das Buch mit Aufmerksamkeit bedacht, beispielsweise bei der „Blauen Narzisse Online“ oder der „Jungen Freiheit“. Deren Rezensent Martin Lichtmesz bezeichnet das Buch als „komplexe[n] Prosatext“ und meint in ihm werde geschrieben von „den traumatische[n] Erfahrungen mit Ausländergewalt“, die den „Helden“ schließlich „auf die radikale und pathologische Bahn führen“ würden. Lichtmesz erscheint also die Bluttat irgendwie verständlich angesichts der „Ausländergewalt“. Dieser Roman zeigt Lesern mit rassistischer Vorprägung also nicht die Konsequenzen ihrer Ideologie auf, sondern bestärkt sie eher in ihrer Weltsicht. Beim kritischen Leser bleibt nur eines zurück: Bauchschmerzen.