Bauchschmerzen beim Lesen von „Bauchschmerzen“

„Bauchschmerzen“ heißt das dünne Büchlein, dass 2009 im Selbstverlag erschien. Der Autor Wolfgang Gottschalk, eventuell ein Pseudonym, soll Lehrer für Geschichte und Politik an einem Gymnasium in Norddeutschland und Initiator zahlreicher Jugendprojekte für Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit sein.
Das Buch gibt die Gedankenwelt eines jungen Nazis wieder, der einem Gefängnispfarrer aus seinem Leben erzählt. Es ist das Porträt eines jungen Mannes, der regelmäßig „PI-News“, „Blaue Narzisse“, „Sezession“ und die „Junge Freiheit“ zustimmend konsumiert. In seinem Selbstverständnis ist er lediglich ein „Konservativer“. Erst am Ende erfährt der Leser, warum der junge Nazi im Gefängnis sitzt. Die Form des Gesprächs ermöglicht für den Leser die Identifizierung mit und gleichzeitig die Distanzierung zu dem Jungrechten. Ähnlich wie in John Littels Buch „Die Wohlgesinnten“ oder in dem Spielfilm „American History X“ wird die Geschichte damit aus Perspektive des Täters erzählt. Diese Technik birgt immer eine gewisse Gefahr der Affirmation mit dem Täter und seinen Motiven. Dass ist vom Autor so gewollt, der sein Buch offenbar als Spiegel und Heilmittel angelegt hat.
Zum Rassisten wurde der junge Mann dem Buch nach durch seine persönlichen Erfahrungen. Diese Erklärung des Autors für den Werdegang seines Hauptprotagonisten ist gefährlich. In Realität ist es ja die durch Familie und die Gesellschaft geschaffene rassistische Vorprägung, die durch Ereignisse höchstens noch aktiviert wird. Hier aber sollen die Ereignisse selbst verantwortlich sein für die menschenverachtende Ideologie des jungen Mannes. Konkret an einem Beispiel aufgezeigt, ist nicht der vorgeprägte rassistisch motivierte Sexualneid Schuld an seinem Rassismus, sondern der als „fremd“ verortete Mann, der ihm die Frau quasi „wegnimmt“, die ja ihm „zugestanden“ hätte. Als wäre diese „Erklärung“ nicht schon schlimm genug, so wirken die dargestellten Figuren mit Migrationshintergrund wie rassistischen Klischees entsprungen. Der Autor glaubt vermutlich diese Bilder zeichnen zu müssen, um die Identifikation des Lesers mit seiner Hauptfigur als „Opfer“ der Realität zu fördern. Zum Schluss, zeigt er dann drastisch das Ziel eines solchen Weges. Es stellt sich heraus, dass der Gesprächspartner im Gefängnis sitzt, weil er einen rassistischen Mehrfachmord begangen hat. Die erzeugte Affirmation mit dem Täter soll hier radikal aufgebrochen werden, um die Konsequenzen aufzuzeigen. Dass gelingt aber nicht wirklich und es ist mehr als fraglich, ob der Weg zu diesem Ziel so aussehen muss.
Dass das Buch nicht funktioniert beweist ein Joe Müller aus Berlin, der in seiner amazon-Rezension schreibt:

Das Buch schildert gut die Wirklichkeit in Multikultopia. Es ist auch nicht auszuschließen, daß es in der BRD früher oder später verstärkt zu ethnisch bedingten Gewaltaktionen kommen wird.

Auch in den neurechten Sphären wurde das Buch mit Aufmerksamkeit bedacht, beispielsweise bei der „Blauen Narzisse Online“ oder der „Jungen Freiheit“. Deren Rezensent Martin Lichtmesz bezeichnet das Buch als „komplexe[n] Prosatext“ und meint in ihm werde geschrieben von „den traumatische[n] Erfahrungen mit Ausländergewalt“, die den „Helden“ schließlich „auf die radikale und pathologische Bahn führen“ würden. Lichtmesz erscheint also die Bluttat irgendwie verständlich angesichts der „Ausländergewalt“. Dieser Roman zeigt Lesern mit rassistischer Vorprägung also nicht die Konsequenzen ihrer Ideologie auf, sondern bestärkt sie eher in ihrer Weltsicht. Beim kritischen Leser bleibt nur eines zurück: Bauchschmerzen.