Archiv für Dezember 2010

Der kommende Aufstand – ein antimodernistisches und kulturpessimistisches Manifest von links?

„Der kommende Aufstand“ geistert durch die Feuilletons der Printmedien. Es handelt sich dabei um ein dünnes politisches Büchlein aus Frankreich. Mit einem Wort gesagt, geht es um „Entfremdung“. Die Autor_innen betrachten kritisch die Jetztzeit bzw. den Ist-Zustand. Dabei schauen sie vor allem auf Frankreich. Besonders die Aufstände der an den Rand gedrängten Jugendlichen in den Banlieus (französische Vorstadtsiedlungen), also quasi der Peripherie der Metropolen, scheinen für die Autor_innen der Anstoß für ihre Schrift gewesen zu sein. Sie sehen in den Unruhen die Vorboten eines kommenden Aufstandes.
Riotcop

„Der kommende Aufstand“ ist vor allem erst einmal Krisentheorie bzw. genauer: Krisenprognose. Die Welt befindet sich in der Krise bzw. die Metropolen wurden von der Krise erreicht. Dabei wird aber nicht in sozialdemokratischer Manier konstatiert das die neoliberale Variante des Kapitalismus das Problem ist:

Gezwungenermaßen haben wir folgendes verstanden: Nicht die Wirtschaft ist in der Krise, die Wirtschaft ist die Krise; die Arbeit fehlt nicht, die Arbeit ist zuviel; wohl überlegt deprimiert uns nicht die Krise, sondern das Wachstum.

(Seite 41)
Civil Unrest I
Die Arbeit geht in einer immer weiter durchmechanisierten und durchdigitalisierten Welt verloren. Die Arbeitsverhältnisse werden immer unsicherer. Man arbeite nicht mehr, man jobbe nur noch. Doch wird Arbeit in dem Text nicht gänzlich negativ bewertet:

Der Begriff der Arbeit umfasste schon immer zwei gegensätzliche Dimensionen: Eine Dimension der Ausbeutung und eine Dimension der Teilnahme.

(Seite 27)
Jenseits von Selbstausbeutung und gezwungener Lohnarbeit wird Arbeit auch als produktiver und gemeinschaftlicher Prozess erkannt. Freilich etwas, was beim Selbstverkauf der eigenen Arbeitskraft nicht stattfindet.
Eigentlich sollte es ja ein großer Fortschritt sein, wenn menschliche Sklaven durch maschinelle und digitale ersetzt werden. Doch der kapitalistische Rahmen sorgt dafür, dass die freigesetzten Lohnsklaven verelenden, bei Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Arbeits-Ethos, also der Selbstdefinition durch die eigene Lohnarbeit.

Wir erleben das Paradox einer Gesellschaft von Arbeitern ohne Arbeit, in der die Ablenkung, der Konsum, das Vergnügen nur noch den Mangel daran beklagen, wovon sie uns eigentlich ablenken sollten.

(Seite 28)
Zu Recht stellt „Der kommende Aufstand“ fest, es wachse eine neue Generation im Westen heran, die nie an das Glücksversprechen der Moderne geglaubt hat. Eine perspektivlose Generation. Das „You can do it!“ hat kaum noch eine Bedeutung. Man ist nicht mal mehr Prekariat, sondern vielmehr eine Art Sub- und Lumpen-Prekariat
Eine Minderheit von Hochqualifizierten stehe auch in den Metropolen einer Mehrheit gegenüber, die auf einem Nebenfeld als Füllmasse (noch) nicht mechanisierter Bereiche fungiere. Demzufolge sei diese Mehrheit ohne echte Funktion.

Es wird von den Autor_innen ebenfalls konstatiert, dass Lohnarbeit eine Form der Disziplinierung darstellt und das soziale Kürzungen zur Lohnarbeit zwingen und demzufolge auch zur Disziplinierung sollen. Doch die Lohnarbeit nimmt ab, dadurch nimmt auch die Disziplinierung der Massen ab und sie werden unruhig. Hier sehen die Autor_innen die sich erweiternde Bedingung zum einem kommenden Aufstand.
Civil Unrest II
Auch die Organisationsfrage wird in „Der kommende Aufstand“ gestellt. Es wird an den bisherigen vorherrschenden Formen kritisiert, dass sie im Grunde das widerspiegeln, was sie eigentlich zerstören möchten:

Es gibt keinen Grund, sich in diesem oder jenem Bürgerkollektiv zu engagieren, in dieser oder jener Sackgasse der radikalen Linken, in der letzten vereinten Hochstapelei. Alle Organisationen, die vorgeben, die gegenwärtige Ordnung anzufechten, haben selbst wie Marionetten die Form, die Sitten und die Sprache von Miniaturstaaten. Alle Anwandlungen, »Politik anders zu machen«, haben bis zum heutigen Tag nur zur unbestimmten Ausdehnung des staatlichen biomechanischen Apparats beigetragen.

(Seite 63)
Deswegen plädieren die Autor_innen gegen die althergebrachte Organisation und Milieus und bevorzugen stattdessen die Organisationsform der Kommune.

Auch sehr gut erkennen die Autor_innen, dass fast jede_r ihre/seine persönliche Zeit gegen ihre/seine soziale Existenz tauschen muss. Die Entscheidung liegt zwischen Freizeit für Selbstverwirklichung und Arbeitszeit zur Selbsterhaltung. In vielen Teilen der Peripherie besteht natürlich noch nicht einmal ansatzweise diese Wahl, hier heißt es nur ständig Ankämpfen gegen den Hunger.

Pseudo-Kritik: „antimoderne Hetzschrift“
„Der kommende Aufstand“ ist eine wütende, linksradikale Kampfschrift, die Militanz als Weg zur Befreiung begrüßt. Trotz gewisser Kritikpunkte (siehe unten) ist „Der kommende Aufstand“ keine „antimoderne Hetzschrift” wie die „taz“ meint oder gar ein rechtes Machwerk. Diese Denunziation scheitert beim genaueren Hinsehen.
Die von dem „Süddeutsche“-Autor Marc Felix Serrao behauptete Wesensverwandtschaft mit Ernst Jüngers „Der Waldgang“ erschöpft sich in dem gemeinsamen Unbehagen gegenüber der kapitalistischen Moderne. Auch den extremen Rechten ist die Vereinzelung in der kapitalistischen Moderne aufgefallen, in den Reihen der „Konservativen Revolution“ sprach man von einer „Verameisung“ der Gesellschaft. Die Rechten setzen dagegen die Erneuerung und Verstärkung des Herkunftszwangskollektivs im Großen (Volk) wie im Kleinen (Hetero-Familie). Linke hingegen betonen die Freiwilligkeit des Zusammenschlusses in Kommunen oder alternativen Familien-Entwürfen.
Übrigens dürfte Serrao Jünger auch nicht besonders schlimm finden, seine „Süddeutsche“-Artikel in der Vergangenheit waren von Hetze gegen Linke, z.B. gegen die Antifa-Kampagne gegen das Nazi-Magazin „Zuerst!“ und Sympathie für die so genannten „Neuen Rechten“ geprägt. Der Redakteur der Süddeutschen darf mit seiner Apologetik der „Jungen Freiheit“ und mit seinen unübersehbaren Sympathien für den neurechten Thinktank „Institut für Staatspolitik“ im Dunstkreis der „Neuen Rechten“ angesiedelt werden.

Civil Unrest III
Es gibt also eine gemeinsame Abneigung vieler Menschen, ob links, mittig oder rechts, gegenüber den Zumutungen der kapitalistischen Moderne. Der Unterschied liegt aber im Ziel. Rechte nehmen zumeist Bezug auf eine bessere Vergangenheit, eine „goldene Zeit“, oder sie radikalisieren traditionalistische Werte zu einer faschistischen Zukunftsvision: (Lohn-)Arbeit, (Hetero-)Familie und Vaterland.
„Der kommende Aufstand“ hingegen lehnt solche reaktionären und autoritären Utopien ab. Hier zeigt sich ein weiteres Mal beispielhaft die Unzulänglichkeit der Extremismustheorie. Die Gegnerschaft zur parlamentarischen Demokratie bzw. den bürgerlichen Rechtsstaat mag eine Gemeinsamkeit von radikaler Linken und extremer Rechten darstellen, doch das Ziel ist grundverschieden. Die einen, nämlich die Linken, wollen darüber hinaus, die anderen, die Rechten, dahinter zurück.
Die „konservativen Revolutionäre“, zu denen auch Ernst Jünger zählte, strebten zumeist einen ständisch verfassten und völkisch definierten Staat, gelenkt von einer Elite, an. „Der kommende Aufstand“ hingegen strebt ein dezentralisiertes Netzwerk basisdemokratischer Kommunen anstelle staatlicher Repräsentativ-Verwaltung an. Das kann als „unrealistische“ Utopie abgetan werden, ist gegenüber rechten Vorstellungen aber ein Streben nach einem Mehr an Freiheit und Selbstverwaltung.
Das hier eine fortschrittliche Vision verfolgt vorliegt zeigt sich auch darin, dass autoritäre Perspektiven der Linken verworfen werden. Der „real existierende Sozialismus“ wird als das benannt was er war, ein Staatskapitalismus:

Der Zusammenbruch des Sozialistischen Blocks hat nicht den Triumph des Kapitalismus verankert, sondern nur das Scheitern einer seiner Formen bewiesen.

(Seite 43)
Riotcops

Ernsthafte Kritik
Dass „Der kommende Aufstand“ die „Zerstörung sämtlicher Verwurzelungen“ (Seite 19) beklagt, ist durchaus kritikwürdig. Einerseits ist es natürlich schlimm, dass beispielsweise Bäuerinnen und Bauern von Großgrundbesitzern von ihrem Land verjagt werden, weil diese mit ihren derart expandierenden Grundbesitz weltmarktfähig werden oder bleiben wollen. Andererseits darf man die vorkapitalistische Zustände, die mancherorts in ländlichen Regionen noch herrschen keinesfalls romantisieren. Hier herrschen zumeist das Patriarchat in seiner Reinform, rigide Hierarchien, religiöse Wahnvorstellungen etc.

Der größte Schwachpunkt liegt aber wohl in der Sicht auf die derzeitigen Verhältnisse als große Chance. Besonders die Staatsschwäche wird als Chance begriffen und es soll jetzt losgehen:

Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs einer Zivilisation. Dort ist es, wo man Partei ergreifen muss.

(Seite 63-64)
Doch woher soll der Schlag kommen? Warum sollte er in die richtige Richtung führen? Das erklären die Autor_innen nicht. Bei allem Verständnis für die verzweifelten Revolten wie z.B. in den Banlieus, aber es handelt sich um Aufstände ohne Perspektive und Utopie. Sie sind keine Aktionen gegen, sondern Reaktionen auf die sich zuspitzenden Zustände. Die Autor_innen scheinen naiverweise davon auszugehen, dass sich schon automatisch alles in die richtige Richtung entwickeln wird. Das aber ist stark anzuzweifeln.
Immer wieder schimmert diese Romantisierung von Notgemeinschaften des Elends oder Notwehr der Verelendeten durch. Da wird auf das romantisch-antiziganistisch auf das „Zigeunerlager“ (Seite 23) Bezug genommen. Auch die palästinensische Guerilla scheint ein Vorbild zu sein (Seite 36). Das mutet etwas an wie der Film „Der vierte Weltkrieg“, in dem alle underdogs dieser Erde als progressive Rebellen dargestellt werden, egal welche Ziele sie verfolgen.
Der Aufstand
Die Darstellung von Arbeit als Entfremdung von Heimat (Seite 27), die an Bakunin gemahnende Zivilisationsfeindschaft (Seite 34-35) und ein gewisser Antiurbanismus bzw. Großstadtfeindlichkeit (Seite 33) sind ebenfalls schwierig. Diese Punkte lassen eine gewisse tümelnde Interpretation der entsprechenden Textstellen zumindest zu. Aber aus dem Kontext des Gesamttextes ergibt sich, dass so eine Interpretation daneben liegt.

Fazit: Selber lesen!

Ernst Jünger: Der Waldgang

Der Waldgang
Ernst Jünger hat als Schriftsteller unter Rechten einen herausragenden Ruf. Als explizit nicht linker Literat und Parteigänger der so genannten „Konservativen Revolution“, ein Sammelbegriff für rechte antidemokratische Republikgegner von 1918 bis 1933, wird ihm von allen Fraktionen der politischen Rechten viel Wohlwollen entgegen gebracht.

Seine 1951 entstandene Schrift „Der Waldgang“ ist der dritte Teil einer Abhandlung von Figuren, die in Jüngers Sinn Heroengestalten darstellen. Die Vorgänger des Waldgängers waren die Gestalt des Arbeiters und des Unbekannten Soldaten.

Jüngers Werk muss im Kontext seiner Zeit gelesen werden. Wäre es vor 1945 entstanden, dann hätte es auch als konservative Schrift gegen den Massenwahn des Nationalsozialismus gelesen werden können. Doch das ist „Der Waldgang“ eben genau nicht. Die deutsche Kriegsniederlage aber bedauert Jünger, trotz seiner Distanz zum NS-Regime, als „Katastrophe“.
Die junge und von den (West-)Alliierten zwangsdemokratisierte Bundesrepublik ist, obwohl er das nie explizit sagt, Jüngers Feind. Gegen diese inszeniert sich Jünger als eine Art geistiger Solo-Partisan. Er wendet sich gegen Wahlen als „Mächtige Fiktionen der Zeit“ (Seite 37) und sieht sich im „Widerstand gegen die Zeit“ (Seite 55). Was Jünger selbst tat, nämlich die innere Emigration nach 1945, empfiehlt er den Leser als Konzept, als „Waldgang“. Es scheint als wäre Jünger beleidigt, weil er in der neuen Zeit keine Rolle mehr spielt und so zieht er sich wie ein trotziges Kind zurück. Diese Reaktion verkauft er als Widerstand eines Aufrechten und „Freien“.

Warum „Der Waldgang“ so ein tolles Werk sein soll, bleibt mir verborgen. Das Büchlein verweilt beständig im nebelig-wabernden Abstrakten, konkret hat Jünger kaum etwas zu sagen. Das wird schnell langweilig.