Archiv für Januar 2011

Buchkritik: „Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud“ von Willi Winkler

Der Schattenmann

Willi Winkler, der kritische Biograf des Bankiers und Verlegers François Genoud (1915-1996) aus Lausanne gib seinem porträtierten Subjekt viele Beinamen und Titel. Genoud sei ein „freischaffender Nazi“, der „loyale Knappe seines Führers“, ein „unerbittlicher Judenhasser“, ein „Nazi-Ehrenretter“, ein „sentimentaler Immoralist“, ein „Reichsverweser“, ein „Nazi-Tandler“ und ein Zeitzeuge bezeichnet Genoud als „selbsternannte[n] Nachlassverwalter des Dritten Reichs“.
Tatsächlich war Genoud bis zu seinem Lebensende ein überzeugter Hitlerist. Das war er, seit er Hitler im Herbst 1932 persönlich getroffen hatte. Seitdem war Hitler für Genoud eine Art Übervater. Seine Verehrung für Hitler und den Nationalsozialismus bewegte Genoud nach 1945 dazu sich für Altnazis, ihre Familien und ihren schriftlichen Nachlass zu engagieren.

Der Autor Winkler weist bereits in seiner Einleitung darauf hin, dass Genouds Erben bis 2015 noch Tantiemen aus der Erblassverwaltung der Schriften von Goebbels, Bormann und Hitler erhalten.
Seit 1985 war Genoud sogar offizieller Vertragspartner der Bundesrepublik, was die Verwendung von bestimmten Schriften von Nazi-Größen anging.
Seine politische Überzeugung verstand Genoud nämlich immer auch mit einem rentablen Geschäft zu verbinden. Winkler: „Von 1951 an wird der Handel mit Naziana sein tägliches Brot.“ (Seite 50)
Er fischt aus der „Konkursmasse des Nationalsozialismus“ so manchen Schatz.
Auf durchtriebene Weise gelang es Genoud sich die Rechte der drei verstorbenen Nazis Hitler, Goebbels und Bormann anzueignen und in klingende Münze umzuwandeln.

Seine Ehre hieß Treue: Der gütige Vater der Altnazis

Genoud betreut und umschmeichelt Altnazis und ihre Familien aber nicht nur, um an deren Hinterlassenschaften zu verdienen. Er widmet sich ihnen aus ganzer Überzeugung. So hatte er auch Kontakt zu dem belgischen Faschistenführer Leon Degrelle und dem britischen Faschisten Oswald Mosley.
Standen NS-Täter einmal vor Gericht, versuchte Genoud ihnen zu helfen. Genoud unterstützte den Anwalt von Adolf Eichmann und bezahlte den Anwalt von Klaus Barbie.
Immer wieder gelang es Genoud dabei seltsame Querfronten zu schmieden. So gewann er den ehemaligen Resistance-Kämpfer, algerischen Staatsbürger und „maoistische[r] Freibeuter“ Jacques Verges als Anwalt für Klaus Barbie, den berüchtigten „Schlächter von Lyon“, zu gewinnen. Im Auftrag des bekennenden Nazis Genoud verteidigte Verges den NS-Massenmörder vor Gericht.

Neben Altnazis pflegt Genoud auch den Kontakt zu jüngeren Rechten. Bereits früh stand Genoud in Kontakt zu dem Historiker David Irving (Winkler: „schwarze Mamba der Zeitgeschichtsforschung“), der sich immer mehr zum Holocaustleugner und NS-Apologeten wandeln sollte.

Zwischen Algerien , Palästina, Lybien und dem Iran

Neben der Hitler-Verehrung wird die antikoloniale Befreiungsbewegung zur zweiten Leidenschaft in Genouds unermüdlich zwischen Orient und Okzident oszillierenden Lebens.

(Seite 57)

Nach 1945 wendet sich Genoud dem beginnenden arabischen Nationalismus und Antikolonialismus zu. Anfangs produzierte Genoud sogar eine Testament Hitlers, dass sich wie ein Manifest für die „Dritte Welt“ liest und durch das Hitler als verhinderten Befreiungstheologe erscheinen sollte.

Genouds Sympathien für den arabischen Befreiungsnationalismus sind älteren Datums. Bereits 1936 traf Genoud den Obermufti in Jerusalem, einem rabiaten Antisemiten, der mit Hitler kollaborierte. Winkler schreibt zu dem Verhältnis der beiden:

Genoud verehrte diesen mordlüsternen Araberführer wie einen idealen Vater und hielt ihm bis zu dessen Tod 1974 die Treue.

(Seite 27)

Zuerst engagierte sich Genoud für „Front de Liberation Nationale“ (FLN), die in Algerien versuchte das koloniale Joch abzuschütteln. Die FLN war antikolonial, links und nationalistisch ausgerichtet. Ihre Gegner waren die französische Armee, die französischen Siedler in Algerien und viele extreme Rechte im französischen Mutterland.
Trotzdem unterstützte Genoud aus frankophoben Motiven die FLN. Damit war er nicht allein. In den Reihen der algerischen Befreiungsbewegung FLN kämpften auch andere ehemalige Deutsche mit NS-Vergangenheit, u.a. der General Remer, der den Stauffenberg-Putschversuch niederschlug.
Genoud kämpfte selber nicht, sondern half aus der Ferne. So gründete er 1957 die „Association International des Amis du Monde Arabe“, die deutsche sowie österreichische Industrielle und algerische Exilanten zusammenbringen sollte.
Er gründete auch mit Hilfe des ehemaligen NS-Wirtschafts-Funktionärs Hjalmar Schacht die „Banque Commerciale Arabe“ (BCA) mit Sitz in Genf, die erste im Ausland ansässige arabische Bank. Die BCA lagerte das Geld der Auslands-Algerier für die FLN. Einen Teil, der mit Genouds Hilfe erworbenen, Waffen für die FLN werden übrigens bei dem Waffenhändler Alois Brunner gekauft. Der nach Syrien geflüchtete Brunner war SS-Hauptsturmführer und als rechte Hand von Eichmann war er insgesamt mit verantwortlich für den Tod von mindestens 150.000 Juden.
Die Verbindung zur FLN war so tief, dass Genoud den Sohn des späteren algerischen Präsidenten Ahmed Boudiaf bei sich aufnimmt.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens und dem Ausbrechen von Diadochenkämpfen in der neuen algerischen Führung fand Genoud sein neues Betätigungsfeld bei dem palästinensischen Befreiungsnationalismus. Hier unterstützte er vor allem die Hardliner von der PFLP gegen den jüdischen Staat Israel, den er abgrundtief hasst. Genoud verstand dabei sein Wirken als Beteiligung in einem „Weltkrieg gegen den Zionismus“ (Genoud). So kam es zu seiner Zusammenarbeit mit dem antikolonialen Kommunisten und PFLP-Chef Wadi Haddad.
Bereits 1968 unterstützte Genoud palästinensische Terroristen, die in Winterthur vor Gericht standen und an der Entführung der Lufthansa-Maschine „Baden-Württemberg“ 1968 war Genoud direkt beteiligt; er gab den Brief mit den Forderungen ab.
Dabei stören sich die linken Befreiungsnationalisten und ihre linken europäischen Verbündeten nicht an der „Nazimacke“ von Genoud. Genoud war damit nicht einmal ein Einzelfall. Auch andere Nazis unterstützen den palästinensischen Befreiungsnationalismus gegen Israel. Der Neonazi Udo Albrecht ging beispielsweise 1970 zur PLO nach Jordanien und der Neonazi Willy Voss berichtet, dass er und seine Gesinnungsgenossen in ihren PLO-Camps gerne auch mal das Horst-Wessel-Lied, die heimliche Hymne des Nationalsozialismus, von der Schallplatte abgespielt hätten.
Der Genoud-Biograf Winkler spricht von „faktisch antisemitischen Zielen“, wenn er über die Unterstützung des Terror-Söldners „Carlos“ durch Genoud berichtet. So wollte Carlos u.a. 1973 den britischen Zionisten Joseph Sieff ermorden.

Später unterstützte Genoud Ägypten, das Gaddafi-Regime in Lybien und das Mullah-Regime im Iran.
Für Lybien war er offenbar der Verbindungsmann zwischen Lybien und der IRA in Nordirland, die von Gaddafi zeitweise kostenlos aufgerüstet wird.

Ein alter Freund Genouds, Jean Bauverd, engagierte sich ebenfalls im arabischen Raum. Bauverd war ein antisemitischer Radio-Propagandist, erst für Radio Damaskus, später für Radio Kairo. Bauverd wirkte auch an der Übersetzung der NS-Propagandafilme „Jud Süß“ und „Ohm Krüger“ ins Arabische mit.

Bis zuletzt unbehelligt
Auf die Frage, warum Genoud trotz seiner Aktivitäten und der Überwachung durch den deutschen, Schweizer und US-Geheimdienst nie ernsthaft Probleme bekam, gibt Winkler vier Antworten.

Erstens: Genoud war extrem vorsichtig und ließ sich besonders in seiner Schweizer Heimat nie etwas zu Schulden kommen.

Zweitens: Genoud stand wahrscheinlich nie auf der Gehaltsliste eines Geheimdienstes, aber er war lange Zeit eine wichtige indirekte Infoquelle. Durch die Überwachung seiner Aktivitäten konnte wertvolle Informationen abgeschöpft werden.

Drittens: Genoud blieb wohl auch „im Dienste der Staatsräson“ (Winkler) unbehelligt. Immer wieder benötigten Unternehmen oder gar der Staat einen Vermittler und Kontaktmann zu Terroristen. Genoud übernahm häufig diese Rolle. So vermittelte er beispielsweise zwischen der PFLP und einzelnen Fluglinien, die dafür bezahlten nicht Opfer von Terror-Aktivitäten zu werden.

Viertens: Genoud verfügte über gute Kontakte zu Geheimdienstlern, ohne selbst für einen zu arbeiten. Einer seiner besten Freunde war Hans-Joachim Rechenberg (1910-1977), ein einstiger Berater von Hermann Göring und Pressereferent des NS-Wirtschaftsministers Walther Funk, arbeitete seit 1959 für den BND als Agent. Ebenfalls gut waren die Kontakte zu Paul Dickopf (1910-1973), einem ehemaligen SS-Untersturmführer beim Sicherheitsdienst und „Abwehr“-Mitarbeiter in der Schweiz, der nach 1945 CIA-Informant wurde und es bis zum BKA-Präsidenten und Präsidenten von Interpol schaffte.

Fazit: thirdworldism von Rechts

In ihrer Ideologie entdecken die Waffenbrüder eine erstaunliche Ähnlichkeit: Bei Genoud wirkt die Goebbelspropaganda vom »angloamerikanischen« Feind nach, der seine Herrschaft auf der Knechtung der halben Welt aufbaut.

(Seite 150)

Genoud war nicht einfach nur ein kauziger Typ und Einzelgänger. Nein, der Nationalsozialist Genoud war zu keiner Zeit isoliert. Niemand mochte auf ihn verzichten. Die FLN nicht, die PFLP nicht und auch nicht seine diversen Geschäftspartner. Der von Genoud praktizierte thirldworldism ist keine Einzelerscheinung, der Blick der extremen Rechten auf nationale Befreiungsbewegungen als Instrument und Projektionsfläche findet sich häufig. Die daraus resultierenden Bündnisse und Sympathien kommen aber nicht von irgendwoher, sondern sind inhaltlichen Querfronten und strategischen Denken („Der Feind meines Feindes ist mein Freund“) geschuldet. Es wundert nicht, dass Neonazis sich heutzutage mit klerikalfaschistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen und homophoben Bewegungen wie der Hamas, der Hisbollah oder dem iranischen Mullah-Regime solidarisieren. Genoud hat diesen rechten thirldworldism nur sehr viel früher praktiziert als die „Autonomen Nationalisten“, die heutzutage gegen „USrael“ demonstrieren.

Insgesamt eine sehr spannende Lektüre, bei der man sich mehr als einmal die Augen reibt. Etwas unverständlich ist, dass Winkler Genoud ein „Schwanken zwischen Links und Rechts“ attestiert. Der Hitler-Fan Genoud schloss immer wieder (Zweck-)Bündnisse mit Linken, blieb selbst aber zu jeder Zeit rechts.
Leider verlaufen manche Angaben von Winkler sehr im Ungewissen. Man kann seine logischen Schlüsse meist nachvollziehen, aber der große Anteil an Konjunktiven ist schwierig. Das ist aber nicht Schuld des Autors, sondern dem klandestinen Verhalten Genouds und dass die Archive von Geheimdiensten Winkler nicht oder nur teilweise zugänglich waren.

* Willi Winkler: Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud, Berlin 2011.

Buchkritik: „Der heilige Schein“ von David Berger

Der heilige Schein
Das Buch „Der heilige Schein“ von David Berger ist nichts anderes als ein Aussteigerbericht, nur dass Berger nicht aus einer Neonazi-Gruppe ausgestiegen ist, sondern aus der Szene des ultrakonservativen Traditionskatholizismus. Genau das macht das Buch so spannend. Hier berichtet ein Insider über Bewegungen hinter den Kulissen. Berger war als katholischer Laie bis 2010 Chefredakteur von „Theologisches“. Durch eine konservative Doktorarbeit über Thomas von Aquin wurde Berger schnell zum Shootingstar im rechtskatholischen Spektrum:

Verhältnismäßig schnell erhielt ich auch Zugang zu nicht öffentlich agierenden, aber äußerst einflussreichen, weil elitär ausgerichteten, ultrakonservativen Netzwerken.

(Seite 23)
Die Leserschaft taucht mit Berger tief ein in die traditionskatholische Parallelgesellschaft, deren Einfluss und Ideologie innerhalb der katholischen Kirche unter dem derzeitigen Papst beständig zunimmt:

Der Einfluss der konservativen Kreise innerhalb der katholischen Kreise innerhalb der katholischen Kirche wuchs in jenen Jahren in nicht vorhersehbarem Ausmaß, und damit ging eine deutliche Radikalisierung einher, die sich besonders in der Rückkehr zur alten Liturgie und in verschärfter Homophobie und Frauenfeindlichkeit manifestierte.

(Seite 23-24)

Hinter den Kulissen der katholischen Kirche tobt eine Art innerkatholischer Bürgerkrieg zwischen Progressisten und Traditionalisten.
Obwohl Berger, wie der Untertitel seines Buches („ Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“) verrät homosexuell ist und in einer festen Partnerschaft lebt, schlug er sich bis Anfang 2010 auf die Seite der Traditionalisten.
Kein Einzelfall, die geschätzten 30-60 Prozent schwulen Theologen und Priester in der katholischen Kirche vertreten laut Berger mehrheitlich „eine sehr konservative Theologie“ und nicht selten auch die christlich motivierte Homophobie:

Die Beobachtung, dass die extremste Homophobie unter Katholiken zumeist von zolibatär eingeengten Homophilen ausgeht, scheint auch hier zuzutreffen.

(Seite 216-217)
Immer wieder versucht Berger dieses seltsame Phänomen zu analysieren. Warum zieht die Kirche allgemein und der katholische Konservatismus im Speziellen überproportional homosexuelle an?
Er konstatiert eine Faszination der Ästhetik bei den traditionalistischen Messen, die auf schwule Männer stärker anziehend sei. Der Männerbund katholische Kirche sei zudem eine weitgehend frauenfreie Zone und geprägt von Homoerotik (Jesus-Darstellungen, rituelle Berührungen). Der konservative backslash drückt sich nach Berger auch in einer Rückkehr zu alten kirchenhierarchischen Kleidungsformen aus („Parfüm- und Operettentraditionalismus“). Die Vorliebe für prächtige Gewänder und Ornate sei quasi die katholische Entsprechung für die Drag Queens, weswegen die Mehrheit der katholischen Sammler alter Kirchengewänder schwul sei.
Die Hinwendung homosexueller Theologen und Priester zum konservativen Traditionalismus ist laut Berger aber auch eine repressive Anpassungsleistung für sich (päpstlicher als der Papst) und die anderen:

Indem man dann diese Menschen hart angreift, glaubt man die entsprechende Probleme bei sich selbst projiziert.

(Seite 185)

Bergers Reise führt ihn tief in „ein katholisch-rechtsradikal ausgerichtetes Netzwerk“ (Seite 100) hinter den Kulissen. Beispielsweise agiert da eine katholischer „Düsseldorfer Herrenabend“, der aus dem traditionskatholischen Angehörigen der Herrschaftselite besteht. Hier ist die inhaltliche und organisatorische Nähe zur extremen Rechten groß. Es gibt Überschneidungen zur rechtspopulistischen Pro-Bewegung und Rechtsradikale wie der Österreicher Marinovic werden als Referenten eingeladen. Man ist genauso antidemokratisch und antiliberal und verfügt über dieselben Feindbilder: Freimaurer, Juden, Homosexuelle. Man raunt von einer homosexuellen Geheimverschwörung und beklagt die „Verweiblichung“ der Gesellschaft.
Andere träumen laut Berger von einer „heiligen Kriegsallianz mit dem Islam“ gegen den Sittenverfall und den „moralisch verfaulten Westen“.
Hier trifft er auch auf kurios erscheinende „Marienerscheinungsfanatiker und andere Sonderlinge“.
Neben diesem elitären Traditionalismus gibt es auch einen Vulgärtraditionalismus vom Schlag der „Internet-Kreuzritter“ „kreuz.net“ mit dem Berger bereits als Konservativer Ärger bekommt.

Bei Berger hatte durch den Konflikt zwischen seiner Homosexualität und der amtskirchlichen Homophobie ein Selbstreflexions-Prozess begonnen. Zwar hetzen die Traditionskatholiken gegen die „Sodomiten“ und wünschen sich die Wiedereinsetzung des Nazi-Paragrafs 175 mit dem die Verfolgung von Homosexuellen im „Dritten Reich“ legitimiert wurde (die Piusbrüder äußerten diesen Wunsch ganz offen auf ihrer Homepage), aber doch gibt es eine Art von seltsamer Toleranz. Solange man auf Seiten der Traditionalisten bleibt und sich nicht allzu offen outet werden selbst homosexuelle Partnerschaften geduldet. Diese repressive Toleranz hat ein Ende wenn die Linientreue verletzt wird. Dann wird das Wissen um die homosexuelle Veranlagung einer Person als Machtmittel gegen diese eingesetzt. Berger zeigt das exemplarisch an seinem eigenen Fall. Doch Berger ist nicht mehr zu disziplinieren:

Zu weit hatte ich mich innerlich schon von dem dahinterstehenden System des Integralismus entfernt, der die vollständige und kompromisslose, ungeschichtliche Konservierung der Tradition des Katholizismus als höchstes Gut des Christentums betrachtet.

(Seite 246)

Am Schluss plädiert Berger für eine inhaltliche Öffnung der Kirche und eine Konzentrierung auf die Liebesbotschaft Jesu Christi.

Am Ende führt dieser Teufelskreis dazu, dass sich nicht die zurzeit vielumworbenen traditionalistischen Gruppen wieder in die Kirche integriert haben, sondern umgekehrt die Kirche zu einer traditionalistischen Sekte nach dem Vorbild der Piusbruderschaft geworden ist.

(Seite 287)

* David Berger: Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche, Berlin 2010.

Buchkritik: „Tag der Befreiung?“ von Hubertus Knabe

Hubertus Knabe (1992-1999 Mitarbeiter der Gauck-Behörde), Jahrgang 1959, widmet sich in seinem Buch „ Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland“ den Vorgängen in den von der Roten Armee befreiten Gebieten in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen und im heutigen Ostdeutschland. Doch für ihn war es keine Befreiung, sondern nur der Übergang in eine „neue Diktatur“ wie er gleich ganz zu Anfang betont:

Das Buch will keine allgemeine Darstellung der sowjetischen Besatzungspolitik nach 1945 liefern, sondern aufzeigen, wie sehr die Zerschlagung einer neuen Diktatur Hand in Hand gingen.

(Seite 12)

Auf den Bajonetten der sowjetischen Besatzer entstand schließlich eine neue Diktatur, die Millionen zur Flucht veranlasste.

(Seite 17)

Hubertus Knabe nimmt in seiner Darstellung beständig eine Analogisierung zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus vor:

Die Befreiung durch die Rote Armee wurde zum Gründungsmythos der DDR – auch wenn das neue Regime dem alten in vielem ähnelte.

(Seite 20)
Das gelingt ihm durch eine Reihe von Auslassungen und Umbewertungen. So lastet Knabe den Sowjets mehr an als ihnen – bei aller Kritik – wirklich zuzuschreiben ist. Beispielsweise sind die Selbstmorde aus Angst beim Näherrücken der Ostfront kaum den Sowjets anzulasten, teilweise waren das sogar desillusionierte Nazis, die ihrem Führer nach Walhalla folgten.
Hier zeigt sich ein Grundproblem des Buches von Knabe: Er klagt die Ungerechtigkeiten an, ohne Kontexte ausreichend zu benennen und die Betroffenen genauer zu betrachten (Zivilbevölkerung oder Beteiligte am Rasse- und Vernichtungskrieg?).
So erwähnt er fast gar nicht, dass der Zug der Roten Armee bis vor die Tore Berlins sehr opferreich war und damit einer Verrohung der Soldaten Vorschub leistete. Obwohl das nationalsozialistische Deutschland militärisch schon längst verloren hatte, warf es bis zuletzt seinen Gegnern alles entgegen was es hatte und hetzte die Bevölkerung bis zum Ende auf. Im Gegensatz zu Knabes Darstellung waren es nicht die realen Gräueltaten von Angehörigen der Roten Armee, sondern die NS-Gräuelpropaganda, die den totalen Krieg auf deutscher Seite anfeuerte. Bei vielen, auch dass unterlässt Knabe zu erwähnen, war es auch ein kollektives schlechtes Gewissen, dass den Kampfgeist wach hielt. Wusste man doch allgemein (es wurde von Frontsoldaten auf Urlaub genug erzählt) wie man im Feindesland gewütet hatte und dass die Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Väter und Mütter (in der Roten Armee dienten auch viele Frauen) der Opfer sich beständig näherten.

Bei Knabe bleibt unerwähnt, dass Tag für Tag tausende sowjetische Soldaten und Soldatinnen in einen militärisch längst entschiedenen Krieg sterben mussten. Wie erwähnt puschte die Nazi-Propaganda die Bevölkerung mit antibolschewistischen und antislawischen Feindbildern die Soldaten auf. Doch es war nicht nur die Hetze, die den Krieg in die Länge zog. Auch am Kriegsende war die Gemeinde der Hitlergläubigen in Deutschland so klein nicht und viele nahmen Hitler auch gar nicht den Krieg an sich übel, sondern das er ihn verloren hatte. Die Kämpfe 1944/45 als „hinhaltenden Widerstand der Wehrmacht“ zu bezeichnen, der zur Rettung von Flüchtlingen führte, so wie es Knabe tut, ist eine Verharmlosung des Rasse- und Vernichtungskrieges, den die Wehrmacht auch auf ihren Rückzügen weiter führte. Bei Knabe scheint an einigen Stellen das Propaganda-Bild von den asiatischen Horden, die aus den Steppen über das zivilisierte Deutschland herfallen, hinter einer Ecke hervorzulugen:

Zahlreiche Zeitzeugen haben zu Protokoll gegeben, dass die Rotarmisten aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion vielfach die schlimmsten Gewalttaten begingen.

(Seite 69)

Sehr ausführlich stellt Knabe die einzelnen – natürlich sehr schrecklichen – Hunger-Erlebnisse von deutschen Kriegsgefangenen und Internierten dar, um dann nur ganz kurz zu erwähnen, dass 1945/46 in Osteuropa allgemein eine Hungersnot herrschte (Seite 115/116).
Knabe schafft es nicht die real existierenden Unterschiede zwischen sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland und deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion klar zu machen. Die ersteren wurden geplant zu Tode gehungert, die letzteren litten unter sehr verschärften Bedingungen, die vor allem aus allgemein verbreiteten Umständen resultierten. Auch dass unter den Betroffenen der sowjetischen Besatzungspolitik nicht nur Unschuldige waren, fällt bei Knabe weitgehend unter den Tisch. Für ihn sind in die UdSSR deportierte Volkssturm-Angehörige und SS-Mitglieder dasselbe.
Knabe verbirgt die reale Schuld von Stalinismus-Opfern gerne, indem er die Ausnahmen vorstellt: SED-Gegner, Widerstandskämpfer und NS-Verfolgte, die in die Mühlen der stalinistischen Nachkriegs-Säuberungen gerieten.
Auch versteckt sich Knabe gerne hinter Zitaten von Opfern, um es nicht selbst sagen zu müssen. Wenn ein unschuldiges Stalinismus-Opfer von „roten KZs“ spricht, zitiert Knabe das natürlich gerne.

Für Knabe war die Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der deutschen Bewohner aus Schlesien, dem Sudetenland, Westpommern und Ostpreußen nichts weniger als genozidal:

Ob sich die Gewalt auch darauf zurückführen lässt, dass man die Deutschen gezielt vernichtet oder vertreiben wollte, um Platz für neu anzusiedelnde Volksgruppen zu schaffen, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Angesichts der hohen Zahl von Toten trugen die Ereignisse aber Züge eines Genozids, durch den die deutsche Bevölkerung östlich von Oder und Neiße erheblich dezimiert wurde.

(Seite 70-71)

Natürlich kam es zu gehäuften Übergriffen auf die Zivilbevölkerung durch Angehörige der Roten Armee (z.B. brutalen Massenvergewaltigungen) und die sowjetischen Besatzungsbehörden und die DDR-Behörden waren alles andere als rechtsstaatlich. Doch die Kritik am Stalinismus und autoritären Tendenzen in den „Volksdemokratien“ kommt auch ohne die von Knabe verwendete Analogisierung mit dem Nationalsozialismus aus und sein Verzicht auf Kontextualisierung und eine realistische Bewertung und Darstellung machen sein Werk überaus tendenziös. Das Thema des Buches ist es wert einen besseren Autoren zu finden als Knabe.

* Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Berlin 2005.

ANMERKUNG: Dem von ihn als „Großinquisitor“ bezeichneten Hubertus Knabe widmet Wolfgang Wippermann in seinem Buch „Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich“ einen sehr erhellenden Abschnitt (Seite 105-115).

Buchkritik: „Ich klage an“ von Ayaan Hirsi Ali

Die somalische Frauenrechtlerin und ehemalige niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali erhebt ihre Stimme um den Islam zu kritisieren. Anders als andere, kritisiert sie nicht nur den politischen Islam, sondern auch den religiösen und den kulturellen, wobei sie sich letzteren teilweise noch zuzuordnen scheint. Insgesamt aber ist sie Atheistin und Feministin, die sich wütend gen die Sexualmoral im Islam äußert: „Die Wurzel des Problems besteht darin, daß vorehelicher Geschlechtsverkehr für islamische Gemeinschaften inakzeptabel ist.“ (Seite 149). Sie kritisiert scharf, dass Frauen nur den Status einer „Söhnefabrik“ haben und im „Jungfrauenkäfig“ gefangen gehalten werden. Die „Ehr- und Schamkultur“ im Islam geht fast nur zu Lasten der Frauen, die z.B. in Frühehen, Zwangsehen und Verwandtenehen gedrängt werden. Ihr Ziel ist die „Befreiung der Frauen aus den Fesseln des Aberglaubens und der Stammesriten“. Dieses Ziel ist für sie universal und betrifft auch die islamischen Mehrheitsgesellschaften. Dem arabischen Raum attestiert sie dabei drei prägende Schlüsseldefizite: Mangel an Freiheit, Mangel an weiblicher Emanzipation und Mangel an Bildung.

Linken Multikulturalisten im Westen, die sich für den Erhalt von Gruppenkulturen stark machen, wirft sie vor:

Aber die Linken haben im Westen eine merkwürdige Neigung, sich selbst die Schuld zu geben und den Rest der Welt als Opfer zu betrachten, beispielsweise die Muslime. Und Opfer sind bedauernswert, und alle bedauernswerten und unterdrückten Menschen sind per Definition gute Menschen, die wir an unser Herz drücken müssen. Die linke Kritik beschränkt sich auf den Westen. Sie kritisiert die Vereinigten Staaten und nicht die islamische Welt, wie sie früher auch die Gulags nicht kritisiert hat. Denn die Vereinigten Staaten sind identisch mit dem Westen, und die islamische Welt ist nicht genauso mächtig wie der Westen. Die Linken kritisieren Israel, aber nicht die Palästinenser, weil Israel zum Westen gerechnet wird und die Palästinenser als bedauernswert empfunden werden. Sie kritisieren die einheimische Mehrheit in den westlichen Ländern, aber nicht die islamischen Minderheiten. Kritik an der islamischen Welt, den Palästinensern und den islamischen Minderheiten wird als islamfeindlich und fremdenfeindlich gesehen.

(Seite 13-14)
Sie selbst setzt stattdessen auf staatliche Intervention und fordert z.B. gegen genitale Verstümmelung Kontrollverfahren für Kinder aus Risikoländern.

An mehreren Stellen erwähnt Ali den virulenten Judenhass in muslimischen Ländern:

Der irrationale Haß gegen Juden und die Abneigung gegen Ungläubige wird in zahlreichen Koranschulen gelehrt und tagein, tagaus in den Moscheen wiederholt. Und nicht nur das: In Büchern und Artikeln, auf Tonträgern und in den Medien werden Juden konsequent als Urheber alles Bösen dargestellt. Wie tiefgreifend dieses Doktrin wirken kann, habe ich an mir selbst erlebt: Als ich zum ersten Mal einen Juden sah, war ich überrascht, daß es ganz offensichtlich ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut war.

(Seite 34)

Von Kindesbeinen an habe ich nur bösartige Reden über Juden gehört. Meine früheste Erinnerung stammt aus Saudi-Arabien Mitte der siebziger Jahre. Gelegentlich kam kein Wasser aus der Leitung. Dann hörte ich, wie meine Mutter unserer Nachbarin völlig zustimmte, daß sich die Juden wieder böswillig betätigten. Angeblich haßten die Juden Muslime so sehr, daß sie alles daran setzten, uns verdursten zu lassen. »Jude« ist im Somalischen und im Arabischen das schlimmste Schimpfwort. Später, zur Zeit meiner Pubertät, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, beteten wir in Kenia und in Somalia in jedem Gebet um die Ausrottung der Juden.

(Seite 98-99)

Ich hatte keine jüdischen Nachbarn, und Israel war weit weg, aber auch ich haßte die Juden, weil meine Mutter, meine Großmutter, unsere Nachbarn, Gleichaltrige, Imame und Prediger mir das so beigebracht hatten. Judenhaß war gottgefällig.

(Seite 242)

Insgesamt ist die Stimme Ayaan Hirsi Ali eine Stimme, die unbedingt gehört werden sollte!

* Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Für die Freiheit der muslimischen Frauen, München erweiterte Ausgabe Dezember 2010.

Die Autobiografie von Reinhard Gehlen: Vom „Fremde Heere Ost“ zum BND

Reinhard Gehlen (1902-1979) war im „Dritten Reich“ 1942-45 Generalleutnant und Leiter der Wehrmachts-Stababteilung „Fremde Heere Ost“. Nach Kriegsende war er Leiter der „Organisation Gehlen“ (1946-56), Präsident des Bundesnachrichtendienstes (1956-68). In seiner schöngefärbten Autobiografie beschreibt er seinen Werdegang. Sein Wirken im „Dritten Reich“ beschreibt er eher kurz, wobei er als eine Art pragmatischer Nationalsozialist Hitler kritisiert, u.a. dessen ablehnende Haltung der kollaborationsbereiten Wlassov-Bewegung. Als Pragmatiker bereitete sich Gehlen ab 1944 auch auf das Kriegsende und die neuen Verhältnisse vor:

Hieraus ergab sich, so aussichtslos und widersinnig dies im Frühjahr 1945 auch erschien, daß der Versuch gemacht werden müsse, – wenn möglich ohne wesentliche Unterbrechung – den Kern für einen neuen deutschen Nachrichtendienst zu schaffen.

(Seite 121)

Mit der „Organisation Gehlen“ schafft er sich eine Art Auftragsagentur in Sachen Antikommunismus für die US-Amerikaner, in der er und viele seiner Generalstabsoffiziere überwintern. Trotz seiner atlantischen Orientierung behält Gehlen seine deutschnationalen Motive bei:

In einem Europa, dass sich zur Verteidigung gegen den Kommunismus rüstete, konnte auch Deutschland wieder seinen Platz finden. Die zukünftige deutsche Politik würde daher Anlehnung an die westlichen Siegermächte suchen und zwei politische Ziele anstreben, nämlich die Abwehr des kommunistischen Zugriffs und die Wiedervereinigung mit den verlorengegangenen Teilen Deutschlands.

(Seite 122-123)

Laut seiner Biografie datieren seine ersten Kontakte zu Adenauer auf das Jahr 1950. Hier war bis 1963 der stark NS-belastete Hans-Maria Globke eine Art Verbindungsmann:

Dr. Globke hatte ich schon durch meine vorhergehenden verschiedenen Besuche näher kennengelernt. Meine Zusammenarbeit mit ihm bis zum Jahre 1963 war so erfreulich und für mich anregend, daß ich sie nicht missen möchte.

(Seite 180)

Erst 1956 wird die „Organisation Gehlen“ als Behörde übernommen und wird zum Bundesnachrichtendienst. Bis dahin war Gehlen und sein Geheimdienst eine Art privater Dienstleister.
In der jungen Bundesrepublik gelang es Gehlen Einfluss auf die Presse zu erlangen, wie er selbst schreibt:

Durch die von mir schon erwähnte Aufnahme erster Beziehungen zu Herausgebern und Chefredakteuren westdeutscher Zeitungen und Zeitschriften aller Parteirichtungen war es uns ferner gelungen, einige zunächst feindselige und der Ostpropaganda zugängliche Pressestimmen zu neutralisieren.

(Seite 205-206)

Der rote Faden bei Gehlen ist sein Antikommunismus:

Ich betrachte den Kommunismus als eine tödliche Gefahr und lehne sein Gedankengebäude vollkommen ab.

(Seite 229)
Er will die „Sache der freien Welt“ verteidigen, insbesondere kämpft er gegen die „Bolschewisierung Deutschlands“ und für den „Wiederaufstieg des schwer geprüften Vaterlandes“. Dabei geht Gehlen auch über Leichen, so toleriert er das Obristen-Regime in Griechenland oder lobt die blutigen Oppositionellen-Verfolgung in Indonesien:

Der griechische Nachrichtendienst hat, soweit von mir aus zu beurteilen war, ungeachtet aller Veränderungen an der Spitze, seine schwere Aufgabe stets mit außerordentlicher Hingabe und großem Geschick wahrgenommen.

(Seite 295)

Der Erfolg der indonesischen Armee, die in der Folgezeit die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte, kann nach meiner Überzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

(Seite 309)

Mit Gehlens Angaben sollte man vorsichtig umgehen, besonders wegen wegen der ideologischen Färbung. Gehlen bezeichnet beispielsweise Martin Bormann als „Mann Moskaus“. Einem Geheimdienstchef der solchen albernen Verschwörungstheorien nachläuft ist auch sonst nicht viel zuzutrauen.

Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971, Wiesbaden 1973