Die Autobiografie von Reinhard Gehlen: Vom „Fremde Heere Ost“ zum BND

Reinhard Gehlen (1902-1979) war im „Dritten Reich“ 1942-45 Generalleutnant und Leiter der Wehrmachts-Stababteilung „Fremde Heere Ost“. Nach Kriegsende war er Leiter der „Organisation Gehlen“ (1946-56), Präsident des Bundesnachrichtendienstes (1956-68). In seiner schöngefärbten Autobiografie beschreibt er seinen Werdegang. Sein Wirken im „Dritten Reich“ beschreibt er eher kurz, wobei er als eine Art pragmatischer Nationalsozialist Hitler kritisiert, u.a. dessen ablehnende Haltung der kollaborationsbereiten Wlassov-Bewegung. Als Pragmatiker bereitete sich Gehlen ab 1944 auch auf das Kriegsende und die neuen Verhältnisse vor:

Hieraus ergab sich, so aussichtslos und widersinnig dies im Frühjahr 1945 auch erschien, daß der Versuch gemacht werden müsse, – wenn möglich ohne wesentliche Unterbrechung – den Kern für einen neuen deutschen Nachrichtendienst zu schaffen.

(Seite 121)

Mit der „Organisation Gehlen“ schafft er sich eine Art Auftragsagentur in Sachen Antikommunismus für die US-Amerikaner, in der er und viele seiner Generalstabsoffiziere überwintern. Trotz seiner atlantischen Orientierung behält Gehlen seine deutschnationalen Motive bei:

In einem Europa, dass sich zur Verteidigung gegen den Kommunismus rüstete, konnte auch Deutschland wieder seinen Platz finden. Die zukünftige deutsche Politik würde daher Anlehnung an die westlichen Siegermächte suchen und zwei politische Ziele anstreben, nämlich die Abwehr des kommunistischen Zugriffs und die Wiedervereinigung mit den verlorengegangenen Teilen Deutschlands.

(Seite 122-123)

Laut seiner Biografie datieren seine ersten Kontakte zu Adenauer auf das Jahr 1950. Hier war bis 1963 der stark NS-belastete Hans-Maria Globke eine Art Verbindungsmann:

Dr. Globke hatte ich schon durch meine vorhergehenden verschiedenen Besuche näher kennengelernt. Meine Zusammenarbeit mit ihm bis zum Jahre 1963 war so erfreulich und für mich anregend, daß ich sie nicht missen möchte.

(Seite 180)

Erst 1956 wird die „Organisation Gehlen“ als Behörde übernommen und wird zum Bundesnachrichtendienst. Bis dahin war Gehlen und sein Geheimdienst eine Art privater Dienstleister.
In der jungen Bundesrepublik gelang es Gehlen Einfluss auf die Presse zu erlangen, wie er selbst schreibt:

Durch die von mir schon erwähnte Aufnahme erster Beziehungen zu Herausgebern und Chefredakteuren westdeutscher Zeitungen und Zeitschriften aller Parteirichtungen war es uns ferner gelungen, einige zunächst feindselige und der Ostpropaganda zugängliche Pressestimmen zu neutralisieren.

(Seite 205-206)

Der rote Faden bei Gehlen ist sein Antikommunismus:

Ich betrachte den Kommunismus als eine tödliche Gefahr und lehne sein Gedankengebäude vollkommen ab.

(Seite 229)
Er will die „Sache der freien Welt“ verteidigen, insbesondere kämpft er gegen die „Bolschewisierung Deutschlands“ und für den „Wiederaufstieg des schwer geprüften Vaterlandes“. Dabei geht Gehlen auch über Leichen, so toleriert er das Obristen-Regime in Griechenland oder lobt die blutigen Oppositionellen-Verfolgung in Indonesien:

Der griechische Nachrichtendienst hat, soweit von mir aus zu beurteilen war, ungeachtet aller Veränderungen an der Spitze, seine schwere Aufgabe stets mit außerordentlicher Hingabe und großem Geschick wahrgenommen.

(Seite 295)

Der Erfolg der indonesischen Armee, die in der Folgezeit die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte, kann nach meiner Überzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

(Seite 309)

Mit Gehlens Angaben sollte man vorsichtig umgehen, besonders wegen wegen der ideologischen Färbung. Gehlen bezeichnet beispielsweise Martin Bormann als „Mann Moskaus“. Einem Geheimdienstchef der solchen albernen Verschwörungstheorien nachläuft ist auch sonst nicht viel zuzutrauen.

Reinhard Gehlen: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971, Wiesbaden 1973