Buchkritik: „Der heilige Schein“ von David Berger

Der heilige Schein
Das Buch „Der heilige Schein“ von David Berger ist nichts anderes als ein Aussteigerbericht, nur dass Berger nicht aus einer Neonazi-Gruppe ausgestiegen ist, sondern aus der Szene des ultrakonservativen Traditionskatholizismus. Genau das macht das Buch so spannend. Hier berichtet ein Insider über Bewegungen hinter den Kulissen. Berger war als katholischer Laie bis 2010 Chefredakteur von „Theologisches“. Durch eine konservative Doktorarbeit über Thomas von Aquin wurde Berger schnell zum Shootingstar im rechtskatholischen Spektrum:

Verhältnismäßig schnell erhielt ich auch Zugang zu nicht öffentlich agierenden, aber äußerst einflussreichen, weil elitär ausgerichteten, ultrakonservativen Netzwerken.

(Seite 23)
Die Leserschaft taucht mit Berger tief ein in die traditionskatholische Parallelgesellschaft, deren Einfluss und Ideologie innerhalb der katholischen Kirche unter dem derzeitigen Papst beständig zunimmt:

Der Einfluss der konservativen Kreise innerhalb der katholischen Kreise innerhalb der katholischen Kirche wuchs in jenen Jahren in nicht vorhersehbarem Ausmaß, und damit ging eine deutliche Radikalisierung einher, die sich besonders in der Rückkehr zur alten Liturgie und in verschärfter Homophobie und Frauenfeindlichkeit manifestierte.

(Seite 23-24)

Hinter den Kulissen der katholischen Kirche tobt eine Art innerkatholischer Bürgerkrieg zwischen Progressisten und Traditionalisten.
Obwohl Berger, wie der Untertitel seines Buches („ Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“) verrät homosexuell ist und in einer festen Partnerschaft lebt, schlug er sich bis Anfang 2010 auf die Seite der Traditionalisten.
Kein Einzelfall, die geschätzten 30-60 Prozent schwulen Theologen und Priester in der katholischen Kirche vertreten laut Berger mehrheitlich „eine sehr konservative Theologie“ und nicht selten auch die christlich motivierte Homophobie:

Die Beobachtung, dass die extremste Homophobie unter Katholiken zumeist von zolibatär eingeengten Homophilen ausgeht, scheint auch hier zuzutreffen.

(Seite 216-217)
Immer wieder versucht Berger dieses seltsame Phänomen zu analysieren. Warum zieht die Kirche allgemein und der katholische Konservatismus im Speziellen überproportional homosexuelle an?
Er konstatiert eine Faszination der Ästhetik bei den traditionalistischen Messen, die auf schwule Männer stärker anziehend sei. Der Männerbund katholische Kirche sei zudem eine weitgehend frauenfreie Zone und geprägt von Homoerotik (Jesus-Darstellungen, rituelle Berührungen). Der konservative backslash drückt sich nach Berger auch in einer Rückkehr zu alten kirchenhierarchischen Kleidungsformen aus („Parfüm- und Operettentraditionalismus“). Die Vorliebe für prächtige Gewänder und Ornate sei quasi die katholische Entsprechung für die Drag Queens, weswegen die Mehrheit der katholischen Sammler alter Kirchengewänder schwul sei.
Die Hinwendung homosexueller Theologen und Priester zum konservativen Traditionalismus ist laut Berger aber auch eine repressive Anpassungsleistung für sich (päpstlicher als der Papst) und die anderen:

Indem man dann diese Menschen hart angreift, glaubt man die entsprechende Probleme bei sich selbst projiziert.

(Seite 185)

Bergers Reise führt ihn tief in „ein katholisch-rechtsradikal ausgerichtetes Netzwerk“ (Seite 100) hinter den Kulissen. Beispielsweise agiert da eine katholischer „Düsseldorfer Herrenabend“, der aus dem traditionskatholischen Angehörigen der Herrschaftselite besteht. Hier ist die inhaltliche und organisatorische Nähe zur extremen Rechten groß. Es gibt Überschneidungen zur rechtspopulistischen Pro-Bewegung und Rechtsradikale wie der Österreicher Marinovic werden als Referenten eingeladen. Man ist genauso antidemokratisch und antiliberal und verfügt über dieselben Feindbilder: Freimaurer, Juden, Homosexuelle. Man raunt von einer homosexuellen Geheimverschwörung und beklagt die „Verweiblichung“ der Gesellschaft.
Andere träumen laut Berger von einer „heiligen Kriegsallianz mit dem Islam“ gegen den Sittenverfall und den „moralisch verfaulten Westen“.
Hier trifft er auch auf kurios erscheinende „Marienerscheinungsfanatiker und andere Sonderlinge“.
Neben diesem elitären Traditionalismus gibt es auch einen Vulgärtraditionalismus vom Schlag der „Internet-Kreuzritter“ „kreuz.net“ mit dem Berger bereits als Konservativer Ärger bekommt.

Bei Berger hatte durch den Konflikt zwischen seiner Homosexualität und der amtskirchlichen Homophobie ein Selbstreflexions-Prozess begonnen. Zwar hetzen die Traditionskatholiken gegen die „Sodomiten“ und wünschen sich die Wiedereinsetzung des Nazi-Paragrafs 175 mit dem die Verfolgung von Homosexuellen im „Dritten Reich“ legitimiert wurde (die Piusbrüder äußerten diesen Wunsch ganz offen auf ihrer Homepage), aber doch gibt es eine Art von seltsamer Toleranz. Solange man auf Seiten der Traditionalisten bleibt und sich nicht allzu offen outet werden selbst homosexuelle Partnerschaften geduldet. Diese repressive Toleranz hat ein Ende wenn die Linientreue verletzt wird. Dann wird das Wissen um die homosexuelle Veranlagung einer Person als Machtmittel gegen diese eingesetzt. Berger zeigt das exemplarisch an seinem eigenen Fall. Doch Berger ist nicht mehr zu disziplinieren:

Zu weit hatte ich mich innerlich schon von dem dahinterstehenden System des Integralismus entfernt, der die vollständige und kompromisslose, ungeschichtliche Konservierung der Tradition des Katholizismus als höchstes Gut des Christentums betrachtet.

(Seite 246)

Am Schluss plädiert Berger für eine inhaltliche Öffnung der Kirche und eine Konzentrierung auf die Liebesbotschaft Jesu Christi.

Am Ende führt dieser Teufelskreis dazu, dass sich nicht die zurzeit vielumworbenen traditionalistischen Gruppen wieder in die Kirche integriert haben, sondern umgekehrt die Kirche zu einer traditionalistischen Sekte nach dem Vorbild der Piusbruderschaft geworden ist.

(Seite 287)

* David Berger: Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche, Berlin 2010.