Buchkritik: „Tag der Befreiung?“ von Hubertus Knabe

Hubertus Knabe (1992-1999 Mitarbeiter der Gauck-Behörde), Jahrgang 1959, widmet sich in seinem Buch „ Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland“ den Vorgängen in den von der Roten Armee befreiten Gebieten in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen und im heutigen Ostdeutschland. Doch für ihn war es keine Befreiung, sondern nur der Übergang in eine „neue Diktatur“ wie er gleich ganz zu Anfang betont:

Das Buch will keine allgemeine Darstellung der sowjetischen Besatzungspolitik nach 1945 liefern, sondern aufzeigen, wie sehr die Zerschlagung einer neuen Diktatur Hand in Hand gingen.

(Seite 12)

Auf den Bajonetten der sowjetischen Besatzer entstand schließlich eine neue Diktatur, die Millionen zur Flucht veranlasste.

(Seite 17)

Hubertus Knabe nimmt in seiner Darstellung beständig eine Analogisierung zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus vor:

Die Befreiung durch die Rote Armee wurde zum Gründungsmythos der DDR – auch wenn das neue Regime dem alten in vielem ähnelte.

(Seite 20)
Das gelingt ihm durch eine Reihe von Auslassungen und Umbewertungen. So lastet Knabe den Sowjets mehr an als ihnen – bei aller Kritik – wirklich zuzuschreiben ist. Beispielsweise sind die Selbstmorde aus Angst beim Näherrücken der Ostfront kaum den Sowjets anzulasten, teilweise waren das sogar desillusionierte Nazis, die ihrem Führer nach Walhalla folgten.
Hier zeigt sich ein Grundproblem des Buches von Knabe: Er klagt die Ungerechtigkeiten an, ohne Kontexte ausreichend zu benennen und die Betroffenen genauer zu betrachten (Zivilbevölkerung oder Beteiligte am Rasse- und Vernichtungskrieg?).
So erwähnt er fast gar nicht, dass der Zug der Roten Armee bis vor die Tore Berlins sehr opferreich war und damit einer Verrohung der Soldaten Vorschub leistete. Obwohl das nationalsozialistische Deutschland militärisch schon längst verloren hatte, warf es bis zuletzt seinen Gegnern alles entgegen was es hatte und hetzte die Bevölkerung bis zum Ende auf. Im Gegensatz zu Knabes Darstellung waren es nicht die realen Gräueltaten von Angehörigen der Roten Armee, sondern die NS-Gräuelpropaganda, die den totalen Krieg auf deutscher Seite anfeuerte. Bei vielen, auch dass unterlässt Knabe zu erwähnen, war es auch ein kollektives schlechtes Gewissen, dass den Kampfgeist wach hielt. Wusste man doch allgemein (es wurde von Frontsoldaten auf Urlaub genug erzählt) wie man im Feindesland gewütet hatte und dass die Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Väter und Mütter (in der Roten Armee dienten auch viele Frauen) der Opfer sich beständig näherten.

Bei Knabe bleibt unerwähnt, dass Tag für Tag tausende sowjetische Soldaten und Soldatinnen in einen militärisch längst entschiedenen Krieg sterben mussten. Wie erwähnt puschte die Nazi-Propaganda die Bevölkerung mit antibolschewistischen und antislawischen Feindbildern die Soldaten auf. Doch es war nicht nur die Hetze, die den Krieg in die Länge zog. Auch am Kriegsende war die Gemeinde der Hitlergläubigen in Deutschland so klein nicht und viele nahmen Hitler auch gar nicht den Krieg an sich übel, sondern das er ihn verloren hatte. Die Kämpfe 1944/45 als „hinhaltenden Widerstand der Wehrmacht“ zu bezeichnen, der zur Rettung von Flüchtlingen führte, so wie es Knabe tut, ist eine Verharmlosung des Rasse- und Vernichtungskrieges, den die Wehrmacht auch auf ihren Rückzügen weiter führte. Bei Knabe scheint an einigen Stellen das Propaganda-Bild von den asiatischen Horden, die aus den Steppen über das zivilisierte Deutschland herfallen, hinter einer Ecke hervorzulugen:

Zahlreiche Zeitzeugen haben zu Protokoll gegeben, dass die Rotarmisten aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion vielfach die schlimmsten Gewalttaten begingen.

(Seite 69)

Sehr ausführlich stellt Knabe die einzelnen – natürlich sehr schrecklichen – Hunger-Erlebnisse von deutschen Kriegsgefangenen und Internierten dar, um dann nur ganz kurz zu erwähnen, dass 1945/46 in Osteuropa allgemein eine Hungersnot herrschte (Seite 115/116).
Knabe schafft es nicht die real existierenden Unterschiede zwischen sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland und deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion klar zu machen. Die ersteren wurden geplant zu Tode gehungert, die letzteren litten unter sehr verschärften Bedingungen, die vor allem aus allgemein verbreiteten Umständen resultierten. Auch dass unter den Betroffenen der sowjetischen Besatzungspolitik nicht nur Unschuldige waren, fällt bei Knabe weitgehend unter den Tisch. Für ihn sind in die UdSSR deportierte Volkssturm-Angehörige und SS-Mitglieder dasselbe.
Knabe verbirgt die reale Schuld von Stalinismus-Opfern gerne, indem er die Ausnahmen vorstellt: SED-Gegner, Widerstandskämpfer und NS-Verfolgte, die in die Mühlen der stalinistischen Nachkriegs-Säuberungen gerieten.
Auch versteckt sich Knabe gerne hinter Zitaten von Opfern, um es nicht selbst sagen zu müssen. Wenn ein unschuldiges Stalinismus-Opfer von „roten KZs“ spricht, zitiert Knabe das natürlich gerne.

Für Knabe war die Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der deutschen Bewohner aus Schlesien, dem Sudetenland, Westpommern und Ostpreußen nichts weniger als genozidal:

Ob sich die Gewalt auch darauf zurückführen lässt, dass man die Deutschen gezielt vernichtet oder vertreiben wollte, um Platz für neu anzusiedelnde Volksgruppen zu schaffen, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Angesichts der hohen Zahl von Toten trugen die Ereignisse aber Züge eines Genozids, durch den die deutsche Bevölkerung östlich von Oder und Neiße erheblich dezimiert wurde.

(Seite 70-71)

Natürlich kam es zu gehäuften Übergriffen auf die Zivilbevölkerung durch Angehörige der Roten Armee (z.B. brutalen Massenvergewaltigungen) und die sowjetischen Besatzungsbehörden und die DDR-Behörden waren alles andere als rechtsstaatlich. Doch die Kritik am Stalinismus und autoritären Tendenzen in den „Volksdemokratien“ kommt auch ohne die von Knabe verwendete Analogisierung mit dem Nationalsozialismus aus und sein Verzicht auf Kontextualisierung und eine realistische Bewertung und Darstellung machen sein Werk überaus tendenziös. Das Thema des Buches ist es wert einen besseren Autoren zu finden als Knabe.

* Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Berlin 2005.

ANMERKUNG: Dem von ihn als „Großinquisitor“ bezeichneten Hubertus Knabe widmet Wolfgang Wippermann in seinem Buch „Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich“ einen sehr erhellenden Abschnitt (Seite 105-115).