Buchkritik: „Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud“ von Willi Winkler

Der Schattenmann

Willi Winkler, der kritische Biograf des Bankiers und Verlegers François Genoud (1915-1996) aus Lausanne gib seinem porträtierten Subjekt viele Beinamen und Titel. Genoud sei ein „freischaffender Nazi“, der „loyale Knappe seines Führers“, ein „unerbittlicher Judenhasser“, ein „Nazi-Ehrenretter“, ein „sentimentaler Immoralist“, ein „Reichsverweser“, ein „Nazi-Tandler“ und ein Zeitzeuge bezeichnet Genoud als „selbsternannte[n] Nachlassverwalter des Dritten Reichs“.
Tatsächlich war Genoud bis zu seinem Lebensende ein überzeugter Hitlerist. Das war er, seit er Hitler im Herbst 1932 persönlich getroffen hatte. Seitdem war Hitler für Genoud eine Art Übervater. Seine Verehrung für Hitler und den Nationalsozialismus bewegte Genoud nach 1945 dazu sich für Altnazis, ihre Familien und ihren schriftlichen Nachlass zu engagieren.

Der Autor Winkler weist bereits in seiner Einleitung darauf hin, dass Genouds Erben bis 2015 noch Tantiemen aus der Erblassverwaltung der Schriften von Goebbels, Bormann und Hitler erhalten.
Seit 1985 war Genoud sogar offizieller Vertragspartner der Bundesrepublik, was die Verwendung von bestimmten Schriften von Nazi-Größen anging.
Seine politische Überzeugung verstand Genoud nämlich immer auch mit einem rentablen Geschäft zu verbinden. Winkler: „Von 1951 an wird der Handel mit Naziana sein tägliches Brot.“ (Seite 50)
Er fischt aus der „Konkursmasse des Nationalsozialismus“ so manchen Schatz.
Auf durchtriebene Weise gelang es Genoud sich die Rechte der drei verstorbenen Nazis Hitler, Goebbels und Bormann anzueignen und in klingende Münze umzuwandeln.

Seine Ehre hieß Treue: Der gütige Vater der Altnazis

Genoud betreut und umschmeichelt Altnazis und ihre Familien aber nicht nur, um an deren Hinterlassenschaften zu verdienen. Er widmet sich ihnen aus ganzer Überzeugung. So hatte er auch Kontakt zu dem belgischen Faschistenführer Leon Degrelle und dem britischen Faschisten Oswald Mosley.
Standen NS-Täter einmal vor Gericht, versuchte Genoud ihnen zu helfen. Genoud unterstützte den Anwalt von Adolf Eichmann und bezahlte den Anwalt von Klaus Barbie.
Immer wieder gelang es Genoud dabei seltsame Querfronten zu schmieden. So gewann er den ehemaligen Resistance-Kämpfer, algerischen Staatsbürger und „maoistische[r] Freibeuter“ Jacques Verges als Anwalt für Klaus Barbie, den berüchtigten „Schlächter von Lyon“, zu gewinnen. Im Auftrag des bekennenden Nazis Genoud verteidigte Verges den NS-Massenmörder vor Gericht.

Neben Altnazis pflegt Genoud auch den Kontakt zu jüngeren Rechten. Bereits früh stand Genoud in Kontakt zu dem Historiker David Irving (Winkler: „schwarze Mamba der Zeitgeschichtsforschung“), der sich immer mehr zum Holocaustleugner und NS-Apologeten wandeln sollte.

Zwischen Algerien , Palästina, Lybien und dem Iran

Neben der Hitler-Verehrung wird die antikoloniale Befreiungsbewegung zur zweiten Leidenschaft in Genouds unermüdlich zwischen Orient und Okzident oszillierenden Lebens.

(Seite 57)

Nach 1945 wendet sich Genoud dem beginnenden arabischen Nationalismus und Antikolonialismus zu. Anfangs produzierte Genoud sogar eine Testament Hitlers, dass sich wie ein Manifest für die „Dritte Welt“ liest und durch das Hitler als verhinderten Befreiungstheologe erscheinen sollte.

Genouds Sympathien für den arabischen Befreiungsnationalismus sind älteren Datums. Bereits 1936 traf Genoud den Obermufti in Jerusalem, einem rabiaten Antisemiten, der mit Hitler kollaborierte. Winkler schreibt zu dem Verhältnis der beiden:

Genoud verehrte diesen mordlüsternen Araberführer wie einen idealen Vater und hielt ihm bis zu dessen Tod 1974 die Treue.

(Seite 27)

Zuerst engagierte sich Genoud für „Front de Liberation Nationale“ (FLN), die in Algerien versuchte das koloniale Joch abzuschütteln. Die FLN war antikolonial, links und nationalistisch ausgerichtet. Ihre Gegner waren die französische Armee, die französischen Siedler in Algerien und viele extreme Rechte im französischen Mutterland.
Trotzdem unterstützte Genoud aus frankophoben Motiven die FLN. Damit war er nicht allein. In den Reihen der algerischen Befreiungsbewegung FLN kämpften auch andere ehemalige Deutsche mit NS-Vergangenheit, u.a. der General Remer, der den Stauffenberg-Putschversuch niederschlug.
Genoud kämpfte selber nicht, sondern half aus der Ferne. So gründete er 1957 die „Association International des Amis du Monde Arabe“, die deutsche sowie österreichische Industrielle und algerische Exilanten zusammenbringen sollte.
Er gründete auch mit Hilfe des ehemaligen NS-Wirtschafts-Funktionärs Hjalmar Schacht die „Banque Commerciale Arabe“ (BCA) mit Sitz in Genf, die erste im Ausland ansässige arabische Bank. Die BCA lagerte das Geld der Auslands-Algerier für die FLN. Einen Teil, der mit Genouds Hilfe erworbenen, Waffen für die FLN werden übrigens bei dem Waffenhändler Alois Brunner gekauft. Der nach Syrien geflüchtete Brunner war SS-Hauptsturmführer und als rechte Hand von Eichmann war er insgesamt mit verantwortlich für den Tod von mindestens 150.000 Juden.
Die Verbindung zur FLN war so tief, dass Genoud den Sohn des späteren algerischen Präsidenten Ahmed Boudiaf bei sich aufnimmt.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens und dem Ausbrechen von Diadochenkämpfen in der neuen algerischen Führung fand Genoud sein neues Betätigungsfeld bei dem palästinensischen Befreiungsnationalismus. Hier unterstützte er vor allem die Hardliner von der PFLP gegen den jüdischen Staat Israel, den er abgrundtief hasst. Genoud verstand dabei sein Wirken als Beteiligung in einem „Weltkrieg gegen den Zionismus“ (Genoud). So kam es zu seiner Zusammenarbeit mit dem antikolonialen Kommunisten und PFLP-Chef Wadi Haddad.
Bereits 1968 unterstützte Genoud palästinensische Terroristen, die in Winterthur vor Gericht standen und an der Entführung der Lufthansa-Maschine „Baden-Württemberg“ 1968 war Genoud direkt beteiligt; er gab den Brief mit den Forderungen ab.
Dabei stören sich die linken Befreiungsnationalisten und ihre linken europäischen Verbündeten nicht an der „Nazimacke“ von Genoud. Genoud war damit nicht einmal ein Einzelfall. Auch andere Nazis unterstützen den palästinensischen Befreiungsnationalismus gegen Israel. Der Neonazi Udo Albrecht ging beispielsweise 1970 zur PLO nach Jordanien und der Neonazi Willy Voss berichtet, dass er und seine Gesinnungsgenossen in ihren PLO-Camps gerne auch mal das Horst-Wessel-Lied, die heimliche Hymne des Nationalsozialismus, von der Schallplatte abgespielt hätten.
Der Genoud-Biograf Winkler spricht von „faktisch antisemitischen Zielen“, wenn er über die Unterstützung des Terror-Söldners „Carlos“ durch Genoud berichtet. So wollte Carlos u.a. 1973 den britischen Zionisten Joseph Sieff ermorden.

Später unterstützte Genoud Ägypten, das Gaddafi-Regime in Lybien und das Mullah-Regime im Iran.
Für Lybien war er offenbar der Verbindungsmann zwischen Lybien und der IRA in Nordirland, die von Gaddafi zeitweise kostenlos aufgerüstet wird.

Ein alter Freund Genouds, Jean Bauverd, engagierte sich ebenfalls im arabischen Raum. Bauverd war ein antisemitischer Radio-Propagandist, erst für Radio Damaskus, später für Radio Kairo. Bauverd wirkte auch an der Übersetzung der NS-Propagandafilme „Jud Süß“ und „Ohm Krüger“ ins Arabische mit.

Bis zuletzt unbehelligt
Auf die Frage, warum Genoud trotz seiner Aktivitäten und der Überwachung durch den deutschen, Schweizer und US-Geheimdienst nie ernsthaft Probleme bekam, gibt Winkler vier Antworten.

Erstens: Genoud war extrem vorsichtig und ließ sich besonders in seiner Schweizer Heimat nie etwas zu Schulden kommen.

Zweitens: Genoud stand wahrscheinlich nie auf der Gehaltsliste eines Geheimdienstes, aber er war lange Zeit eine wichtige indirekte Infoquelle. Durch die Überwachung seiner Aktivitäten konnte wertvolle Informationen abgeschöpft werden.

Drittens: Genoud blieb wohl auch „im Dienste der Staatsräson“ (Winkler) unbehelligt. Immer wieder benötigten Unternehmen oder gar der Staat einen Vermittler und Kontaktmann zu Terroristen. Genoud übernahm häufig diese Rolle. So vermittelte er beispielsweise zwischen der PFLP und einzelnen Fluglinien, die dafür bezahlten nicht Opfer von Terror-Aktivitäten zu werden.

Viertens: Genoud verfügte über gute Kontakte zu Geheimdienstlern, ohne selbst für einen zu arbeiten. Einer seiner besten Freunde war Hans-Joachim Rechenberg (1910-1977), ein einstiger Berater von Hermann Göring und Pressereferent des NS-Wirtschaftsministers Walther Funk, arbeitete seit 1959 für den BND als Agent. Ebenfalls gut waren die Kontakte zu Paul Dickopf (1910-1973), einem ehemaligen SS-Untersturmführer beim Sicherheitsdienst und „Abwehr“-Mitarbeiter in der Schweiz, der nach 1945 CIA-Informant wurde und es bis zum BKA-Präsidenten und Präsidenten von Interpol schaffte.

Fazit: thirdworldism von Rechts

In ihrer Ideologie entdecken die Waffenbrüder eine erstaunliche Ähnlichkeit: Bei Genoud wirkt die Goebbelspropaganda vom »angloamerikanischen« Feind nach, der seine Herrschaft auf der Knechtung der halben Welt aufbaut.

(Seite 150)

Genoud war nicht einfach nur ein kauziger Typ und Einzelgänger. Nein, der Nationalsozialist Genoud war zu keiner Zeit isoliert. Niemand mochte auf ihn verzichten. Die FLN nicht, die PFLP nicht und auch nicht seine diversen Geschäftspartner. Der von Genoud praktizierte thirldworldism ist keine Einzelerscheinung, der Blick der extremen Rechten auf nationale Befreiungsbewegungen als Instrument und Projektionsfläche findet sich häufig. Die daraus resultierenden Bündnisse und Sympathien kommen aber nicht von irgendwoher, sondern sind inhaltlichen Querfronten und strategischen Denken („Der Feind meines Feindes ist mein Freund“) geschuldet. Es wundert nicht, dass Neonazis sich heutzutage mit klerikalfaschistischen, antisemitischen, frauenfeindlichen und homophoben Bewegungen wie der Hamas, der Hisbollah oder dem iranischen Mullah-Regime solidarisieren. Genoud hat diesen rechten thirldworldism nur sehr viel früher praktiziert als die „Autonomen Nationalisten“, die heutzutage gegen „USrael“ demonstrieren.

Insgesamt eine sehr spannende Lektüre, bei der man sich mehr als einmal die Augen reibt. Etwas unverständlich ist, dass Winkler Genoud ein „Schwanken zwischen Links und Rechts“ attestiert. Der Hitler-Fan Genoud schloss immer wieder (Zweck-)Bündnisse mit Linken, blieb selbst aber zu jeder Zeit rechts.
Leider verlaufen manche Angaben von Winkler sehr im Ungewissen. Man kann seine logischen Schlüsse meist nachvollziehen, aber der große Anteil an Konjunktiven ist schwierig. Das ist aber nicht Schuld des Autors, sondern dem klandestinen Verhalten Genouds und dass die Archive von Geheimdiensten Winkler nicht oder nur teilweise zugänglich waren.

* Willi Winkler: Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud, Berlin 2011.