Zeitschriftenkritik: Die „Weltwoche“ – Zur Anatomie des rechten Schweizer Bürgertums

„Was ist da los in der Schweiz?“, fragt man sich seit einiger Zeit. Referenden über ein Minarettbau-Verbot und die Deportation von straffällig gewordenen Nicht-Staatsangehörigen erhalten absolute Mehrheiten und die unter ihrem Vorsitzenden Blocher rechtspopulistisch gewendete „Schweizerischen Volkspartei“ (SVP) erhält immer mehr Zustimmung bei den Wahlen.

Wie in allen Ländern, so gab es auch in der Schweiz schon immer einen größeren Bodensatz an rechten, rassistischen Meinungen. Doch diese scheinen in den letzten Jahren gehäuft und offener aufzutreten. In der SVP hat der Stammtisch eine Art Sprachrohr gefunden.
Doch die SVP ist nicht nur eine Partei, sie ist quasi ein ganzes Netzwerk. Dazu gehören auch eine Reihe von überparteilichen, aber SVP-nahen Medien: der TV-Sender „Schweiz 5”, das Magazin „Schweizerzeit“ (dessen Postfachanschrift identisch ist mit der des „Initiativkomitees ‘Gegen den Bau von Minaretten’“) und nicht zuletzt ein Wochenmagazin mit dem sympathisch klingenden Titel „Die Weltwoche“. Der Name weist noch auf den ursprünglich linksliberalen Charakter des Magazins hin. Aber 2007 kam die schroffe Wende. Seitdem ist „Die Weltwoche“ ein rechtes Blatt, dass sich der SVP verbunden fühlt. Diese rechts-konservative bzw. nationalliberale Wende ist vor allem dem Chefredakteur Roger Köppel geschuldet, der „Die Weltwoche“ offenbar mit Blochers Hilfe kaufte.

Medien wie „Die Weltwoche“ prägen den vorpolitischen Raum enorm und beeinflussen auch das politische Klima. Für die kleine Schweiz ist die Auflage von 81.000 Exemplaren nicht gerade wenig.
Die Ausgabe Nummer 4 vom 27. Januar 2011 bietet einen guten Einblick in das Themenspektrum des rechten Schweizer Bürgertums.

Für Atomkraft und gegen „Öko-Propheten“

In dem Artikel „Grünes Horrorszenario“ (Seite 9) begeistert sich der Autor Alex Baur für den „kongenialen Mix von Atomanlagen […] und den Stauseen“. Eine grundsätzliche Kritik an der Kernenergie wird als Katastrophismus abgetan:

Doch ihr Gefahrenpotenzial wird von hysterischen Journalisten, Politikern und Öko-Propheten krass überzeichnet.

Zum Beleg wird ein völlig überholter UNO-Bericht herangezogen, nachdem „gemäß dem offiziellen Uno-Bericht 57 Todesopfer forderte“. Die zehntausende Opfer und Folgeopfer der radioaktiven Strahlung des GAUs werden schlicht weg geleugnet.
Natürlich werden auch nicht die Statistiken erwähnt, die auch in der Umgebung von westlichen Atomreaktoren eine auffällig hohe Kinderkrebsrate feststellen.

Titelthema: „Gewalt von Links“
Das Titelthema dieser Ausgabe ist ja „Gewalt von Links“. Anlass für diesen Aufmacher war vermutlich, dass der rechtskonservative SVP-Nationalrat Fehr von linken SVP-Gegnern attackiert wurde.
Gewalt von Links
In dem Beitrag „Biografische Verwirrungen“ (Seite 12) geht der Autor Peter Keller auf eine angeblich „ungeklärtes Verhältnis“ der parlamentarischen Linken, gemeint sind SP und Grüne, in der Schweiz zur „eigenen Gewalt“ ein. Der Vorwurf des Autors lautet auch, dass die parlamentarischen Linken Straßengewalt zumindest tolerieren würden:

Die Zürcher Stadtregierung toleriert seit Jahren die Hausbesetzerszene. Sie bildet den Humus des roten Mobs.

Für das Recht auf automatische Schusswaffen!
Ein größerer Artikel mit dem Titel „Waffenbesitz als Krankheit“ (Seite 16-17) aus der Feder von Urs Paul Engeler thematisiert die Versuche die Waffenverbreitung in der Schweiz einzuschränken. Konkret wird gerade versuch per Referendum durchzusetzen, dass Schweizer Reservisten ihre Armeewaffen nicht mehr mit nach Hause nehmen und das die alten Waffen eingesammelt werden. Diese Kontrolle soll das „Bundesamt für Gesundheit“ übernehmen, ein Faktum aus dem sich dann die Überschrift ableitet.
Der Versuch die Schweizer Gesellschaft zu entwaffnen gefällt dem Autor Engeler überhaupt nicht:

Die Entwaffnungs-Initiative ist eine der hinterhältigsten politischen Aktionen. Sie schafft kein bisschen Sicherheit, krempelt aber Armee, Politik und Gesellschaft um. Gesundheitsbeamte sollen die Waffenhalter jagen.

Sympathien mit der „Konservativen Revolution“ in Ungarn
Unter dem bezeichnenden Titel „Orban mistet den Stall aus“ (Seite 18) widmet sich der Autor Aron dem neuen ungarischen Mediengesetz, dass dem Staat starken Zugriff auf eigentlich unabhängige Medien ermöglicht. Der Rechtskonservative Orban wird als „grundkonservatives politisches Urgestein“ vorgestellt, der endlich einmal „den Augiasstall der sozialistischen Vorgänger“ ausmistet.

Gute Ausländer – böse Ausländer = nützliche und unnütze Ausländer

Was die Behandlung des Themas Migration angeht, orientiert sich „Die Weltwoche“ an dem Nützlichkeitsrassismus, d.h. die Akzeptanz eines Menschen orientiert sich an seiner Nützlichkeit für die Schweiz, also seinem marktwirtschaftlichen Wert.
Das illustrieren gut zwei Artikel.

Der eine Artikel trägt den Titel „Farce mit Folter“ (Seite 15) und ist von einem Alex Baur. In ihm wird von einem Ecuadorianer berichtet, der mit 26 zum ersten Mal in die Schweiz kam und Asyl beantragte. Das wurde ihm aber nicht bewilligt und er wurde abgeschoben (Schweizerisch: „ausgeschafft“). Der heute 41jährige kam aber noch viermal erneut in die Schweiz. Der Verfasser des Artikels bezweifelt die von dem Ecuadorianer als Asylgrund angegebene politische Verfolgung, da einige Angaben nicht zu stimmen scheinen, und schreibt:

Der Mann weiss, wie man die Schweizer Asyljustiz austrickst.

Baur meint auch der Ecuadorianer sei als „notorischer Fälscher und Betrüger […] entlarvt“ und besonders empört ihn, dass der „Ausgeschaffte“ 1997 „mit Kind und Kegel“ zurückkehrte.
Aus antirassistischer Sicht ist es natürlich völlig egal, ob die Asylbegründung des Ecuadorianer stimmt oder nicht, denn für Antirassist_innen gilt die Devise „Kein Mensch ist illegal!“.

Doch nicht alle Ausländer sollen „ausgeschaft“ werden. In dem Artikel „Der langsame Abschied des Adhir Das“ (Seite 34-35) von Katharina Lütscher ein ein „guter“, weil „nützlicher“ Ausländer vorgestellt. Adhir Das kommt ursprünglich aus Bangladesh bzw. Indien. Er ist 2001 in die Schweiz geflüchtet und hat sich zum stellvertretenden Küchenchef in einem Wirtshaus hochgearbeitet.
Auch er geriet in die Mahlwerk der unbarmherzigen Abschiebe-Maschinerie. Das gefiel aber den Betreibern, das Ehepaar Luchsinger, des Wirtshauses nicht, für die Das eine wertvolle Arbeitskraft geworden war, denn er „führt den Betrieb, wenn die Luchsingers in die Ferien fahren“. Der ganze Artikel betont nur den „Wert“ der Arbeitskraft Adhir Das, der Mensch taucht nicht auf.
Der Mangel an Fachkräften führt sogar dazu, dass sich ein Zürcher SVP-Kantonsrat für den Verbleib von Adhir Das stark macht.

Fazit: ein formal unabhängiges Parteiblatt
Die Anzeige der Zürcher SVP zur Ausschaffungsinitiative

Die andern wollen Kriminelle einbürgern. Wir wollen sie ausschaffen!

auf Seite 44 fügt sich nahtlos in „Die Weltwoche“ ein. Sie ist ein formal unabhängiges Parteiblatt der SVP geworden.
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