Archiv für März 2011

Das „Haus des Terrors“ in Budapest

Haus des Terror
Der feuchte Traum eines jeden Totalitarismus-Theoretikers
Im Februar 2011 besuchte ich mit Freunden Budapest und besichtigte dabei auch das so genannte „Haus des Terrors“, ein Museum. Alle nachfolgenden englischen Zitate sind der Broschüre und den ausliegenden Infoblättern des Museums entnommen.

Das „Haus des Terrors“ widmet sich den „two murderous regimes“ bzw. den „two shameful and tragic periods“ der ungarischen Geschichte. Hier fängt es schon an problematisch zu werden. Mit diesen zwei Perioden sind nämlich die kurze Zeit der Herrschaft der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei (1944-45) und die lange Zeit des realsozialistischen Regimes gemeint. Diese sehr unterschiedlichen Arten von Herrschaft werden bedenkenlos parallelisiert. Diese Gleichsetzung äußert sich auch in der ständigen bildhaften Verknüpfung von rotem Stern und Pfeilkreuz. Vollkommen ignoriert wird dabei, dass das Pfeilkreuz nur mit einer einzigen rechten Bewegung bzw. Ideologie verknüpft werden kann, der rote Stern dagegen wurde und wird von sehr vielen, zum Teil gegensätzlichen linken Organisationen, Bewegungen und Ideologien verwendet.

Nothing about Horthy?
Genauso problematisch wie die Gleichsetzung von Realsozialismus und Faschismus ist, dass sich die Ausstellung über die Geschichte des Horthy-Regimes fast gänzlich ausschweigt.
Betritt man den ersten Raum des Museums dann stößt man auf eine Video-Installation. In dieser werden ohne jeden Kommentar die Gebietsverluste Ungarns nach dem Frieden von Trianon 1920 auf einer Karte nachgezeichnet. Ungarn verlor damals 67,8% des Staatsgebietes (gemeint ist der ungarische Teil Österreich-Ungarns) und 59% der Bevölkerung, in der Mehrheit aber Angehörige von Minderheiten (Serben, Rumänen, Slowaken, Ukrainer). Es wird so der Eindruck erweckt, dass das arme Ungarn von seinen Nachbarn einfach mal so zu großen Teilen aufgefressen wurde. Zurück blieb ein wehrloses, verletzbares Ungarn:
„Isolated politically, disarmed, encirceld by hostile countries, she became one of Central Europe’s weakest, most vulnerable states. Territorial revision by peaceful means and the reinstatement of the historical Hungary became the focus of her policy.“
Durch die musikalische Untermalung werden jüngere Besucher_innen lebhaft an das PC-Spiel „Command&Conquer“ erinnert.

In der ganzen Ausstellung kaum erwähnt wurde das Horthy-Regime. Der „Reichsverweser“ und Ex-Admiral Miklós Horthy (1868-1957) herrschte 1920 bis 1944 in Ungarn, er wird in der Ausstellung am Rande unkritisch als „Regent Miklós Horthy“ bezeichnet. Obwohl es in regelmäßigen Abständen Wahlen gab, kann Horthys Herrschaft als rechtes autoritäres Regime eingestuft werden, vergleichbar vielleicht mit dem Russland unter Putin oder Weißrussland unter Lukaschenko. Seit 1927 kooperierte Horthy mit Italien unter Mussolini und später auch mit Nazi-Deutschland. Horthy setzt mit dem Ministerpräsidenten Gyula Gömbös (1886-1936) von 1932 bis 1936 einen Rechtsradikalen und Antisemiten in Amt und Würden. Das Bündnis mit Nazi-Deutschland hatte zur Folge, dass Ungarn einen Teil seiner Gebietsverluste revidieren, d.h. Teile der Nachbarländer besetzen und annektieren, konnte. Zum Dank dafür beteiligte sich Ungarn mit mehreren hunderttausend Soldaten am Krieg gegen die Sowjetunion.
In der Ausstellung ist das Bündnis Ungarns aber lediglich ein Versuch zwischen zwei Großmächten zu überleben:
„Allied with one another, and subsequently locked in a life-and-death battle, the two totalitarian dictatorships strove for a new order that had no place for an independent Hungary. After the outbreak of World War II, Hungary made desperate attempts in order to maintain her – albeit limited – elbow-room and to avert the worst scenario: German occupation.“

Auch im Ungarn unter Horthy gab es staatlich verordneten Antisemitismus. In den Jahren 1938, 1939 und 1941 wurden antisemitische Gesetze erlassen.
Obwohl man sich weigerte einheimische Juden und Jüdinnen an die Vernichtungsmaschinerie der Nazis auszuliefern, wurden im Sommer 1941 18.000 staatenlose Juden abgeschoben. Einheimische Juden wurden dagegen zu einem waffenlosen Arbeitsdienst in der Armee gezwungen. So starben bereits vor der Machtergreifung der Pfeilkreuzler 1944 25-30.000 Juden an den Folgen der militärischen Zwangsarbeit.
Nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Verbände am 19.03.1944 („Fall Margarete“) war Horthy de facto entmachtet. Ab dem 15. Mai 1944 fanden auch, mit Unterstützung einheimischer Kollaborateure, die Deportationen von 437.000 ungarischen Juden und Jüdinnen nach Auschwitz statt, bis sie am 9. Juli 1944 Horthy die Transporte stoppen ließ.
Erst die offizielle Verkündigung eines Waffenstillstandes mit der UdSSR am 15.10.1944 führte zur Absetzung Horthys durch die deutschen Besatzer und zur Einsetzung einer Regierung unter dem Pfeilkreuzler-Führer Ferenc Szalasi.

Pfeilkreuzler-Schreckenherrschaft in drei Räumen abgehandelt
Die neue Pfeilkreuzler-Regierung stellte sich bedingungslos an die Seite Nazi-Deutschlands. In der Ausstellung wird Ungarn aber nur als Spielball fremder Mächte dargestellt. Ungarn, so dass Bild der Ausstellung, befand sich zwischen zwei Mahlsteinen: „The country became the theatre of war in the clash between the two Super Powers!“ bzw. „During the Second World War, Hungary came into the crossfire of the Nazi and Communist dictatorships“
Irgendwann haben dann die „Arrow Cross thugs“ mit Hilfe der Deutschen die Macht übernommen. Was hier als „thugs“ (Schläger) entpolitisiert wird, war eine Bewegung, die 1939 mit 25% als zweitstärkste Partei aus den Wahlen hervorgegangen war. Die Pfeilkreuzler-Partei hatte über 500.000 Mitglieder und war in Teilen des Bürgertums und der Arbeiterschaft stark verwurzelt.
An keiner Stelle wird erörtert inwiefern Teile der Bevölkerung schon durch den staatsoffiziellen Antisemitismus des Horthy-Regimes antisemitisch verhetzt waren.
In nur drei Räumen wird die Pfeilkreuzler-Schreckensherrschaft als „puppet-government“ abgehandelt. Die Zahl der Opfer der Pfeilkreuzler wird mit lediglich 100.000 angegeben. Das waren u.a. Juden und Jüdinnen der jüdischen community in Budapest, die einem wilden Pogrom-Antisemitismus zum Opfer fielen und zu zehntausenden erschossen und in die Donau geworfen wurden. Die Zahl von 100.000 Opfern stimmt aber nur, wenn man ignoriert das die Deportation von 500.000 ungarischen Juden und Jüdinnen nach Auschwitz nur mit einheimischer Hilfe so reibungslos vonstatten ging.

Der Realsozialismus
Der, weitaus umfangreichere, Teil der Ausstellung zum realsozialistischen Regime in Ungarn fällt durch eine starke Parallelisierung von Faschismus und Realsozialismus auf. So werden die Gefängnisse des Geheimdienstes AVO beispielsweise als „concentration camp – like internment camps“ bezeichnet.
Die totalitarismustheoretische Aneinanderreihung von Klassenkampf und Rassenkampf findet sich ebenso:
„Both Nazism – promoting racial war – and Communism advocating class-war – regarded religion as their enemy.“

Die von Deutschland und Co. überfallene UdSSR hat den Krieg in Wahrheit geführt um sich mehr „Zwangsarbeiter“ zu beschaffen.
„The war served as a good opportunity for the Soviet Union to replenish its diminishing manpower reserves by forced labourers imported from the territories occupied by the Red Army.“

Die Sowjets sind 1945 keine Befreier, sondern kommen um alte Werte zu zerstören:
„The Soviet occupiers set up a »new world order« in Hungary, in which there was no place for old values, old virtues.“

In einigen Zimmern der Ausstellung werden realsozialistische Lebenswelten vorgeführt. Was genau so schlimm an der langweiligen staatssozialistischen Propaganda sein soll, wird nicht erläutert.
Es wird auch nicht differenziert zwischen dem stalinisierten Realsozialismus (bis 1956) und seiner entstalinisierten Version, dem weichgekochten „Gulasch-Kommunismus“.

Dabei verdient das realsozialistische Regime durchaus eine kritische Aufarbeitung und Darstellung, insbesondere der 1956 unter den Ketten von sowjetischen Panzern unterdrückte Aufstand.

Fazit: Eine Ausstellung im vorherrschendem Geiste

Die Ausstellung im „Haus des Terrors“ ist eine Ausstellung im vorherrschenden Geiste in Ungarn, wie er sich bei den letzten Parlamentswahlen in den Ergebnissen manifestierte. Damals errang die rechtskonservative Fidesz-Partei die absolute Mehrheit und die faschistische Jobbik-Partei knapp 17 Prozent.
Im Geist solcher Stimmungen in der Mehrheitsbevölkerung bewegt sich die Ausstellung und ihre nationalistische Geschichtsschreibung. Kurz zusammengefasst lautet sie wie folgt: Ungarn wurde nach dem Ersten Weltkrieg zerstückelt, konnte sich aber dann bis 1944 zwischen zwei Großmächten hin und her lavieren, ab 1944 wurde das unschuldige Ungarn erst Opfer der einen Großmacht und dann der anderen. Wobei die Epoche des Realsozialismus bei weitem die schrecklichere war. Damit können sich auch Neonazis anfreunden, sie müssen nur schnell die ersten drei Räume durcheilen. Tatsächlich konnte ich bei meinem Besuch der Ausstellung auch einen Neonazi mit Freundin beobachten.

Auch aus museumspädagogischer Sicht ist die Ausstellung äußerst kritikwürdig. Erklärt wird kaum etwas, aber gezeigt um so mehr. Statt auf das Wie und Warum einzugehen, werden Zeitzeugenberichte unkommentiert wiedergegeben und Gegenstände präsentiert. So wird häufig nur mit Emotionalität und Suggestionen gearbeitet.

Die Ausstellung wurde vom derzeitigen nationalkonservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban gespendet.

ALTERNATIVER AUSSTELLUNGSTIPP: Anstatt eines Besuches im „Haus des Terrors“ ist eine Visite im „Holokaust-Museum“ in Budapest viel empfehlenswerter.
BILD

LESETIPP: Magdalena Marsovszky: „Die Märtyrer sind die Maygaren“. Der Holocaust in Ungarn aus der Sicht des Hauses des Terrors in Budapest und die Ethnisierung der Erinnerung in Ungarn, in: Claudia Globisch, Agnieszka Pufelska, Volker Weiß (Hrsg.): Die Dynamik der europäischen Rechten, Wiesbaden 2011, Seite 55-74