Archiv für April 2011

Buchkritik „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ von Walter Janka

Walter Janka hat mit „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ einen kleinen Essayband verfasst über seine Erfahrungen als Opfer eines Schauprozesses in der frühen DDR. Janka, Jahrgang 1914, war ein alter Linker. Bereits seit 1930 war er Parteimitglied und unter den Nazis war er 1933 bis 1935 inhaftiert (u.a. in Bautzen). Er ging 1936 nach Spanien, wo er Divisionskommandeur und Major der Internationalen Brigaden wurde und 1939 bis 1941 war er in Frankreich interniert, bevor er sich mit Paul Merker nach Mexiko absetzen konnte. Von dort kehrt er zurück und wird 1952 Verlagsleiter des Aufbau-Verlages, dem größten Literatur-Verlag in der DDR.
Dieser alte Kommunist und Spanienkämpfer geriet nun in die Mühlen spätstalinistischer Säuberungen. Warum?
Janka setzte sich für die „Vermenschlichung“ und Demokratisierung in der DDR ein. Unter seiner Ägide existierte im Aufbau-Verlag ein kritisches Forum, wo u.a. über die Unruhen in Polen und in Ungarn offen diskutiert werden konnte. Außerdem setzte sich Janka gegen die Zensur von Literatur ein.
Als enger Mitarbeiter des DDR-Kulturministers Johannes R. Becher konnte er anfangs auf das Wohlwollen seines Chefs vertrauen.
Doch Janka wird Weihnachten 1956 verhaftet. Sein Prozess, ein öffentlicher Schauprozess, findet vom 23. bis zum 26. Juli 1956 statt. Der Ankläger des alten Antifaschisten ist der Staatsanwalt Ernst Melsheimer (1897-1960), der im Dritten Reich Mitglied im „Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund“ (NSWB) und der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) war. Vor Gericht waren auch zahlreiche mit Janka befreundete Literaten und Kulturfunktionäre. Sie mussten erscheinen, denn der Prozess diente auch ihrer Einschüchterung. In seinem Essay ist Janka enttäuscht das weder sein Chef noch Freunde wie Anna Seghers für ihn eintreten, sondern schweigen. Dabei hatte Seghers ihn 1956 gebeten ihren Freund Georg Lukacs aus Ungarn herauszuholen. Genau das wird Janka nun vorgeworfen, dass er einen Konterrevolutionär in die DDR hätte bringen wollen (offenbar gab es in der DDR tatsächlich die Angst vor dem Übergreifen der Revolution in Ungarn). Doch Seghers hatte sich bereits zuvor konform verhalten. Sie hatte nämlich den Altkommunisten Merker als Noel-Field-Agent belastet. Jankas Exil-Freund Merker war bereits 1955 Opfer eines antisemitischen Schauprozesses geworden, aber 1956 wieder rehabilitiert wurden. Unter dem Druck einer erneuten Anklage wurde Merker nun gezwungen gegen Janka auszusagen, was er unter großer Pein auch tat. Ebenfalls gegen Janka und sich selbst sagte der Mit-Angeklagte Wolfgang Harich aus, der schließlich zehn Jahre Haft erhielt. Die anderen Mitangeklagten schwiegen, es waren der Rundfunkredakteur Richard Wolf, Heinz Zöger, ehemaliger Chefredakteur der Wochenzeitung „Sonntag“, und dessen Vize, Gustav Just.
Im Juli 1957 vom Obersten Gerichtshof der DDR zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Janka: „Wenn die Partei Weisung gibt, folgen die Richter.“ Diese musste er bis zu seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 1960 in verschärfter Einzelhaft verbringen. Sein Gefängnisort war Bautzen, wo er bereits unter den Nazis eingesessen hatte.
Im Nachwort liest man das Janka später als Dramaturg bei der DEFA arbeitete.

* Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Hamburg 1989.

„Dieser Krieg kennt nur Opfer“

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TV-Werbetrailer zu der Neuverfilmung von „Die Brücke“ am 9. April 2011, SAT 1