Archiv für Mai 2011

Wenig Ahnung vom Thema – Das Buch „»Antisemit!«. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“

Bei manchen Büchern ahnt man schon bei der Lektüre der ersten Sätze wohin die Reise geht. In „»Antisemit!«. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ von Moshe Zuckermann gibt es auch so einen wegweisenden Satz am Anfang:

„Behutsam Anzugehendes ist zum Objekt raffender Rezeptionsbegierde entartet, was Adorno noch zu benennen zögerte, zum inflationierten Schlagwort polemischer Schlammschlachten degeniert.“ (Seite 10-11)

So geht es in Zuckermanns Buch immerzu weiter. Für den Autor existiert Antisemitismus in weiten Teilen nur als Phantasma, das als „Herrschaftsinstrument“ missbraucht wird.
Leider definiert der Autor an keiner Stelle was für ihn außer „Hass gegen Juden“ Antisemitismus genau ist. Sonst könnte man feststellen, ob die von Zuckermann als „Keulenschwinger“ diffamierten Antisemitismus-Gegner und Israelkritik-Kritiker eventuell ein anderes Verständnis von Antisemitismus aufweisen bzw. sich schlicht irren könnten. Doch bei Zuckerman gibt es gar kein unterschiedliches Verständnis von Antisemitismus oder einen bloßen Irrtum. Wie der Untertitel seines Buches zeigt, nutzen seiner Meinung nach, die von ihm Angegriffenen den Vorwurf Antisemitismus als „Herrschaftsinstrument“, d.h. sie missbrauchen ihn eigentlich immer vorsätzlich. Daneben behauptet Zuckermann auch, „dass der Antisemitismus-Vorwurf inzwischen selbst zum Fetisch geronnen ist“ und sich „die Sachwalter des Antisemitismus-Vorwurf sich (nach alter deutscher Tradition) wie scharfrichterliche Gesinnungspolizisten gerieren“ (Seite 104).
Hier kommt es deutlich zu einer Pathologisierung von Antizionismus-Kritikern und Antisemitismus-Gegnern, bei denen eine „Alarmbereitschaft leicht in Alarmismus“ umschlage (Seite 114). Zuckermann beschreibt dabei nur die Motive und psychischen Reflexe, die er in jedem Fall dahinter vermutet. Warum ein Ereignis oder eine Äußerung aber jeweils doch nicht antisemitisch sein sollen, erklärt er nicht. In seiner Vorstellungswelt ist scheint das wohl von selbst verständlich zu sein. Wer aber nun Zuckermanns Grundüberzeugungen nicht teilt, den kann er so kaum überzeugen.
Mit der grundsätzlichen Vorannahme der Instrumentalisierung und des pathologischen Reflex verrennt sich Zuckermann und gerät ins logische Abseits.
So wirft Zuckermann beispielsweise dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu allen Ernstes vor in seiner Rede am 24. September 2009 vor der UNO Holocaustleugner er begebe sich das Niveau der Holocaust-Leugnung:

„Da steht Israels Premierminister im Jahre 2009 auf der Bühne der Weltöffentlichkeit und entblödet sich nicht, sich auf das Niveau der Holocaust-Leugnung zu begeben.“ (Seite 24)

Netanjahu hatte vor der UNO die rhetorische Frage gestellt, ob Obama bei seinem Besuch in Auschwitz etwa einer Lüge Tribut gezollt hätte. In Anwesenheit der Vertreter von Staaten wie dem Iran, sind solche rhetorischen Fragen leider überhaupt nicht überflüssig, sondern bittere Notwendigkeit. Doch auch direkte Kritik an dem Gottesstaat will Zuckermann Netanjahu nicht zugestehen: „Nicht klar ist indes, warum gerade Netanjahu meinte, in der politischen Position zu sein, sich als Kritiker dieses Regimes aufzuspielen.“ (Seite 26). Im Subtext werden hier das theokratische iranische Regime und Israel auf eine Stufe gestellt.
Bei dieser relativierenden Äquidistanz fehlt bei Zuckermann natürlich auch nicht der übliche Kolonialismus-Vorwurf gegen Israel:

„Und was noch bis 1967 als eine latente Matrix fungierte, wandelte sich ab diesem historischen Wendepunkt zur manifesten Grundlage eines expansiv-kolonisierenden Faktors der israelischen Politik, von dem der gesamte israelisch-palästinensisch Konflikt gebeutelt ist und dem sich gerade Netanjahu zusammen gebastelte Regierungspartei (mithin seine eigene Partei) besonders eng verschwistert und verbunden weiß.“ (Seite 28)

Doch selbst Zuckermann muss einräumen, dass sich in israelischen Medien kaum Hetze gegen Araber findet, gleichwohl ist selbst das für ihn ein Beweis für den vorherrschenden Rassismus in Israel:

„Und wenn sich israelische Medien vulgärer propagandistischer Hetze gegen Araber weitgehend enthalten, dann mag dies etwas mit der politischen Kultur Israels zu tun haben, hat gleichwohl seine eigentliche Begründung darin, dass das, was als herrschaftliche Verachtung ohnehin ausgetobt wird, keiner zusätzlichen Hetzpropaganda bedarf […]“ (Seite 118)

Generell fehlt es Zuckermann an empathischen Einfühlungsvermögen. Es ist ihm nicht möglich anzunehmen, dass es einem israelischer Politiker wie Peres in seiner Rede am 27. Januar 2010 vor dem deutschen Bundestag tatsächlich ernst sein könnte:

„Auch dass man den eigenen geliebten Großvater und die letzte Begegnung mit ihm zum Thema einer staatstragenden Rede werden lässt, dürfte nicht jedermanns Sache sein; der Kontext lässt die persönliche Erinnerung zum manipulativen Kitsch geraten, wovon gerade das Lob vieler Zuhörer für die »bewegende Rede« zeugen mag. Wovon waren denn diese Leute bewegt? Und welcher Fetisch wurde nicht zuletzt mittels solch selbstgefälliger Rührseligkeit bedient?“ (Seite 62)

Da die Brandmarkung als Antisemit, insbesondere durch israelische Politiker, immer ein unehrliches Instrument von Interessens- und Machtpolitik sei, so die Schlussfolgerung Zuckermanns, ist die Bekämpfung und Ausrottung von Antisemitismus auch nie das Ziel sondern nur Mittel zu anderen Zwecken:

„Es ist aber auch dieses Festhalten an einem überlebten zionistischen Selbstverständnis, das das Verhältnis Israels zu Antisemitismus und Shoah zur puren Ideologie hat entarten lassen. Denn so wie es Israel letztlich nie an der Eliminierung des realen Antisemitismus in der Welt gelegen war […], so wurde auch das Shoah-Gedenken von Anbeginn in die ideologische Ökonomie nationaler Selbstbesetzung integriert. Ein vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit Auschwitz-Plänen herumfuchtelnder Netanjahu verrät das Andenken der Opfer, wenn er sie in die Logik seiner heteronomen Ideologie einspannt.“ (Seite 98)

Zuckermann behauptet in der Bundesrepublik existiere was Aussagen über Israel angehe eine eingeschränkte Meinungsfreiheit, weil jeder von dem Schlag mit der „Antisemitismuskeule“ bedroht sei:

„Vor lauter Antisemitismus-Jagd ist inzwischen jeder und jede im deutschen öffentlichen wie halböffentlichen Raum tendenziell dem drohenden Vorwurf ausgesetzt, manifest oder latent antisemitisch zu sein, wobei die keulenartige Drohgebärde mittlerweile so wirkmächtig geworden ist, dass viele in eingeschüchtert-vorauseilender Unterwerfung die perfiden Regeln des Katz-und-Maus-Spiels verinnerlicht haben.“ (Seite 104)

Tatsächlich gibt es in Teilen der Öffentlichkeit eine gesteigerte Sensibilität, was Antisemitismus und Antizionismus angeht, aber es gibt sicherlich kein Sprechverbot für Israelkritik. Echte Israelkritik und ressentimentgeladene Israel“kritik“ findet sich trotz aller Kritik ständig in allen Medien, wo „Israel am medialen Pranger“ (Rolf Behrens) steht, und am Stammtisch sowieso.

Wie bereits erwähnt, definiert Zuckermann nirgendwo, was Antisemitismus genau für ihn ist. In der Verwendung aber zeigt sich, dass er vom Wesen dieser Hass-Ideologie wenig Ahnung zu haben scheint.
Das fängt beim linken Antisemitismus an, dessen Existenz er nur andeuten will:

„Einen Antisemitismus gab es wohl auch immer unter Linken; das wusste seit langem jeder, der es wissen wollte.“ (Seite 104)

Aber konkrete Beispiele für linken Antisemitismus negiert er. Im Verlauf des Buches existiert „linker Antisemitismus“ für ihn nur noch in Anführungsstrichen. Die Blockade des Lanzmann-Filmes „Warum Israel?“ am 25. Oktober in Hamburg war für ihn nur ein innerlinker Szenestreit. Eindeutig sympathisiert er dabei mit den Blockierern und nennt Lanzmann einen „schäbige[n] Banalisier“. Nicht über die Blockade-Aktion, sondern über ihre Verurteilung ereifert Zuckermann sich und wettert gegen die Unterzeichner einer kritischen Petition, die sich aus „erlauchten Juden und Jüdinnen und sonstige[r] Gedenkprominenz“ zusammensetze.
Dabei erkannte damals selbst die Hamburger NPD den antisemitischen Gehalt der Aktion von linken Israelhassern und gratulierte zu der erfolgreichen Blockade.
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LESETIPP: Konkret und theoretisch wird der antisemitische Boykott des Lanzmann-Filmes in Hamburg in der Broschüre „Willkommen in der Provinz!“ von der „Hamburger Studienbibliothek“ (http://www.studienbibliothek.org/texte/BGHU_Bericht.pdf) kritisiert und analysiert. Es handelt sich vor allem um eine Kritik der innerlinken Verhältnisse in der Hansestadt. In ihr heißt es u.a.: „Die Verhinderung eines Films, welcher das jüdische Selbstverständnis nach Auschwitz verhandelt (und das heißt eben auch: das neugewonnene jüdische Selbstbewußtsein, das sich aus der Staatsgründung Israels speist), kann nichts als Judenhass bedeuten […]“ (Seite 4)
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Die Ausladung von Norman Finkelstein, Verfasser des Machwerkes „Die Holocaustindustrie“, als Referenten linker Organisationen am 26. Februar 2010 in Berlin, nennt Zuckermann eine „Hetzkampagne gegen Finkelstein“. Das der, für die Ausladung aktive, „BAK Shalom“, ein Arbeitskreis in der Linkspartei, nicht hetzte, sondern auf sechs Seiten gute Gründe für die Ausladung Finkelsteins benannte, ignoriert Zuckermann zur Gänze.

Auch verharmlost Zuckermann den tödlichen Kern des Antisemitismus:

„Als »Saujude« angepöbelt zu werden, ist schlimm; auch als Jude gesellschaftlich ausgegrenzt oder gar ins Exil unter Verlust der materiellen Grundlage seiner Existenz vertrieben zu werden. Aber so kränkend, empörend, Leid erzeugend und unverzeihlich solche Akte stets waren, sie ließen dem Juden sein Leben, sie ermöglichten ihm die Flucht, die Alternative, den Neubeginn – sie löschten ihn nicht aus.“ (Seite 115)

„Die Shoah gerät leicht zum ideologischen Fetisch, wenn man in jedem Gepöbel eines Neonazis, in jeder Auslassung eines liberalen Wahlkämpfers gleich die Heraufkunft des Vierten Reichs gewahrt, vor allem aber Auschwitz dabei im Munde führt, als rede man über den gestrigen Wetterbericht.“ (Seite 115-116)

Sicher, nicht alle Strömungen des Antisemitismus wollen den Tod der Juden, doch gibt es durchaus auch heute noch den eliminatorischen Antisemitismus. Weltanschauungs-Antisemiten wie Neonazis wollen generell den Tod der Juden wie man an Venichtungsfantasien in den Texten von Rechtsrockbands immer wieder deutlich erkennt. Hier verwechselt Zuckermann Machtlosigkeit mit Gnade. Neonazis sind ohnmächtig und können daher nur pöbeln. Doch selbst diese politische Ohnmacht der Weltanschauungs-Antisemiten in Westeuropa und Nordamerika, bedeutet nicht, dass sie auf der Straße – im weitesten Sinne verstanden – ungefährlich sind. Synagogen, jüdische Friedhöfe und als vermeintliche Juden identifizierte Personen werden alleine in der Bundesrepublik fast im Wochentakt attackiert.
Antisemitismus ist eine Ideologie, wo man mit aller Konsequenz weiß wo sie endet, nämlich in Auschwitz und darauf hinzuweisen muss weiterhin legitim bleiben.
Die Verharmlosung antisemitischer Gewalt findet sich auch an anderer Stelle bei Zuckermann, so schreibt er,

„[…] denn wenn beispielsweise berichtet wird, dass die Anzahl antisemitischer Gewaltaussprüche im Jahr 2009 infolge des Gazakrieges um 100% gestiegen sei, dann mag dies mit der Erweckung bereits vorhandener antisemitischer Ressentiments zu tun haben, aber eben auch mit der empörend brutalen Kriegspraxis.“ (Seite 127)

Die im Schatten des Gazakrieges anrollende antisemitische Welle kann doch nicht ernsthaft mit der Politik Israels auch nur im Mindesten entschuldigt oder gar begründet werden. Wenn 2009 beispielsweise die Synagoge im polnischen Maribor mit „Juden raus Gaza“ (Original in Deutsch), ein jüdisches Informationszentrum in Polen mit „Free Palestine“ oder die Synagoge im tschechischen Trebic mit „Juden verlasst Gaza“ (Übersetzung aus dem Tschechischen) beschmiert wurden, dann hat das nicht in der „empörend brutalen Kriegspraxis“ Israels seinen Grund, sondern im Antisemitismus.
Doron Rabinovici schrieb dazu einmal treffend: „Scharon ist kein Argument für Antisemitismus und Antisemitismus keines für Scharon“.
Für Zuckermann findet sich aber der Antisemitismus offenbar so gut wie nie im Antizionismus, sondern anderswo.
Dabei gibt es mit den so genannten drei „D“s (Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandarts) sinnvolle Indikatoren für den Ansatz Israelkritik vom antisemitischen Antizionismus zu trennen. Doch für Zuckermann scheinen die Anti-Antisemiten die wahren Antisemiten zu sein:

„An Niedertracht steht dabei der skrupellose Antisemitismus-Vorwurf der herkömmlichen antisemitischen Besudelung des Juden in nichts nach.“ (Seite 136)

Vom Kauf des Buches ist abzuraten, sofern man nicht schlechte psychologisierende Polemiken sammelt, und ein wackeliges Tischbein lässt sich auch günstiger stabilisieren als mit dem neuesten Buch von Zuckermann, dazu aber taugt es allenfalls.

* Moshe Zuckermann: „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010

Wie ich die Linkspartei fast schätzen lernte

PDS goes Heimat
Eine FORSA-Umfrage im Auftrag der Wochenzeitung „Der Freitag“ zum Rechtspopulismus in Deutschland erbrachte nicht nur allgemein hohe Zustimmungswerte zu rechtspopulistischen Aussagen, sondern auch die Erkenntnis, das die Anhängerschaft der Linkspartei das größte rassistische Potenzial birgt. Mit der größten Prozentzahl (61 %) bejahten die Anhänger*innen der Linkspartei die Aussage „Die Zuwanderung nach Deutschland sollte drastisch reduziert werden“.
Auch der nationalistischen Forderung nach einem „unabhängige[n] Deutschland ohne den Euro“ erhielt mit 57 % den größten Zuspruch von den Linkspartei-Fans.
Das Alt-SED-Blatt „Neues Deutschland“ (ND) bezeichnete in einem Interview vom 13. Mai 2011 die rassistische Meinungsmehrheit beim Linksparteiklientel verharmlosend als „konservative Einstellungen in der Wählerschaft“ und in einem anderen ND-Artikel wurde der Umfrage-Rassismus auch als „Nationalkonservatives Denken“ bezeichnet.

So ganz überraschend sind diese Ergebnisse aber gar nicht. Bereits bei der Bundestagswahl 1998 gaben 23% der DVU-Wähler*innen ihre Erststimme der PDS und im Dezember 2010 kam heraus, dass etwa 85 Prozent der Anhänger*innen der Linkspartei der „Ausschaffungsforderung“, also der Abschiebung krimineller Ausländer, zustimmten.

Die Beliebtheit bei den rassistisch eingestimmten Wähler*innen ist einigen Linkspartei-/PDS-Funktionär*innen durchaus bekannt, wie der Kommentar der ehemaligen Dresdner PDS-Stadträtin Christine Ostrowski im „Neuen Deutschland“ zur Wahl in Sachsen-Anhalt 1998 beweist:

Warum gelang es der PDS nicht, viele von denen, die jetzt DVU gewählt haben, für sich zu gewinnen? […] Jeder dritte Bauarbeiter im Osten ist arbeitslos. Gleichzeitig arbeiten nicht wenige ausländische Beschäftigte auf dem Bau. Kann man es einem hiesigen Bauarbeiter verdenken, daß er die Wut kriegt, wenn er nicht zuletzt deswegen seine Arbeit verliert? Daß die ausländischen Kollegen z.T. weit unter dem Mindestlohn, häufig unter menschenunwürdigen Bedingungen, auch illegal, arbeiten, für den Profit von Großunternehmen ausgebeutet werden, geht unter. Und doch: Der Bauarbeiter ist kein Nazi und kein Rassist. Man gewinnt ihn nicht, wenn man ihn in eine fremdenfeindliche Ecke stellt. Er fühlt sich ungerecht behandelt, zu Recht. Die Richtung allerdings, in die er Schuld suchend schielt, zeigt nicht die wirklich Verantwortlichen, sondern die noch Schwächeren. Doch was er verlangt, ist legitim, daß Parteien und Politiker seine Lage begreifen, sein Gefühl verstehen. Also, seien wir die Stimme seines Protestes und denken wir darüber nach, warum wir es nicht sind, jedenfalls nicht genug.

Auch Oskar Lafontaine sieht seine Partei in Konkurrenz zu den extremen Rechten:

Wir dürfen das Thema Schutz vor Billiglohnkonkurrenz nicht der NPD überlassen. Die NPD hat Probleme, wenn eine linke Partei konsequent Arbeitnehmerrechte vertritt. Das ist gewollt.

Oskar Lafontaine gab schon immer sein Bestes um den Stammtisch in die Partei zu integrieren, beispielsweise wenn er gegen „Fremdarbeiter“ hetzte oder 2007 verlautbaren ließ:

Wir müssen die Zuwanderung und den Zugang zu unseren Sozialsystemen begrenzen.

Obwohl die Linkspartei kein großartiges emanzipatorisches Gehalt aufweist und sich auch Funktionär*innen aus ihren Reihen immer wieder mit rechten und reaktionären Parolen hervortun, kann man doch konstatieren, dass die Partei inhaltlich in großen Teilen wesentlich progressiver ist als ihre Anhängerschaft. Was die Positionierung zu Flüchtlingen und Migrant*innen angeht vertritt die Linkspartei eindeutig die progressivsten Positionen in der etablierten Parteienlandschaft.
Von ihrer, den Umfragewerten nach, offenbar mehrheitlich rassistischen Wählerschaft wird die Linkspartei sicher nicht wegen ihrer dezidiert antirassistischen Positionen gewählt, sondern trotz dieser. Gewählt wird die Linkspartei von dieser Gruppe eher aus dem Anti-Establishment-Ressentiment und Sozialneid („die da oben“) heraus, als ostdeutsche Volkspartei, für einen Anti-EU-Populismus („die in Brüssel“) und wegen des virulenten Antizionismus in größeren Teilen der Partei.
Damit gelingt es der Linkspartei offenbar eine Dauer-Protestwählerschaft an sich zu binden, kurzum sie wird zum Bändiger des deutschen Volkszorns. Die Existenz Linkspartei scheint einer der Gründe zu sein, warum sich in Deutschland bisher noch nicht dauerhaft eine rechtspopulistische Partei etablieren könnte. Sie stellt eine Art „antifaschistischer“ Abwehrwall an der Wahlurne dar. In Zeiten von Sarrazin&Co. muss man die Linkspartei dafür schon fast schätzen.

Buchkritik „ Wie aus Deutschen Nazis wurden“ von Peter Fritzsche

Peter Fritzsche hat mit seinem Buch „Wie aus Deutschen Nazis wurden“ ein kluges Werk verfasst, dass sich dem titelgebenden Thema widmet und dabei allerhand Schul-Weisheiten in Frage stellt. Der Frage „Wie aus Deutschen Nazis wurden“ geht er an Hand von vier verschiedenen Ereignissen nach: dem August 1914, dem November 1918, dem Januar 1933 und dem Mai 1933.
Zuerst weist er auf eine starke Nivellierung der Gesellschaft des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg hin. Dem einfachen Mittelstand gelang es, ebenso wie der Arbeiterschaft, unter den Kriegsbedingungen eine stärkere Beteiligung und Demokratisierung zu erlangen. Es fand eine Art Selbstbefreiung aus dem feudalen Paternalismus statt. Darauf basierte eine Sozialpolitik, die der MSPD trotz ihres Pro-Kriegs-Kurses auch 1917 und 1918 Sympathien und Zulauf in der Arbeiterschaft sicherte. In gewisser Weise fand nach dem Scheitern der Novemberrevolution 1918 eine „Machtergreifung“ des Mittelstandes statt. Dieser politisierte sich, organisierte sich selbst analog zu den Arbeiter_innen – in Berufs- und Interessengruppen – und in den Einwohnerwehren (1 Million Mitglieder).
Auch das Grunddilemma der SPD fasst Fritzsche gut zusammen: „Die Sozialdemokraten dagegen versagten bei der Einlösung ihrer selbst aufgestellten Forderungen. Immer wieder »hielt sie ihr Marxismus davon ab, sich mit dem Kapitalismus einzulassen«, und doch verhinderte ihr rigoroser Rationalismus, daß sie ihre unzweifelhaft humanen sozialen Wertvorstellungen in eine überzeugende utopische Vision verwandelten.“ (Seite 213)
Entgegen den populären Meinungen sieht Fritzsche in der Wahl Hindenburgs im April 1925 einen entscheidenden Wendepunkt in der Weimarer Republik, weil hier die antirepublikanischen und nationalistischen erstmals über die demokratischen Kräfte triumphierten: „Hindenburg gewann die Präsidentenwahl 1925 weniger als eine blasse Kopie des deutschen Kaisers denn als eine blasse Kopie des völkischen Deutschen.“ (Seite 175) bzw. „So gesehen war die Wahl Hindenburgs kein Rückfall in die Vergangenheit. Sie war ein Vorläufer der künftigen faschistischen Verschmelzung.“ (Seite 183)
Fritzsche widerspricht auch der These das die Unmut über den Versailler Vertrag wesentlich zur Wahl der NSDAP führte: „Doch in Wahrheit gab es in Deutschland so wenige Menschen, die den Friedensvertrag nicht verdammten, daß die Außenpolitik einfach kein wesentlicher Faktor für die neue Ausrichtung des deutschen Wahlverhaltens war.“ (Seite 165)
Letztlich zeigt der Autor einen roten Faden von 1914 nach 1933: „Was die Nazischauspiele am Ende für jeden einzelnen wiederzubeleben suchten, war die Erfahrung Adolf Hitlers, als er am 2. August 1914 in der patriotischen Menge auf dem Münchner Odeonsplatz erkannte, daß sich seine persönliche Identität mit Deutschlands nationaler Identität deckte.“ (Seite 237-238)
Er kommt zu dem Schluss: „Mit einem Wort: Die Nazis waren keine politischen Außerirdischen.“ (Seite 243)

* Peter Fritzsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden, Zürich 1999.

Buchkritik zum Sammelband „Neuer Antisemitismus?“

In dem Sammelband „Neuer Antisemitismus“ von 2004 wird der antisemitische Gehalt von „Israelkritik“, die Stärke und Herkunft des islamisierten Antisemitismus und und der Charakter des linken Antizionismus diskutiert. Die im Band versammelten siebzehn Beiträge haben sehr unterschiedliche Qualität. Der Beitrag von Judith Butler ist beispielsweise extrem verharmlosend und apologetisch, während der Beitrag des US-Konservativen Jeffrey Herf undifferenziert und alarmistisch ist. Trotzdem kann man die meisten Beiträge mit (Wissens-)Gewinn lesen.

Ein spannendes und bisher weithin unbekanntes Detail der Geschichte präsentiert Omer Bartov in seinem Beitrag „Der alte und der neue Antisemitismus“. Hier schreibt er u.a. über Hitlers Zweites Buch, eine Niederschrift von 1928. In diesem Werk beschreibt Hitler explizit seine außenpolitischen Ziele und seinen antisemitischen Fantasien. Wegen seiner Offenheit wurde dieses Buch von den Nationalsozialisten nicht veröffentlicht. Interessant ist, dass Hitlers antisemitische Vorwürfe gegen die Juden (Ausrottung der Anderen, Welteroberung etc.) eigentlich später von ihm selbst umgesetzt wurden. Bartov konstatiert: „Als Hitler das Zweite Buch schrieb, starrte er in einen Spiegel.“ (Seite 26)
Bartov zeichnet nach wie Teile des NS-Antisemitismus in den Islamismus eingeflossen sind und er verweist darauf, dass beispielsweise der Septemberattentäter Motassadeq sich immer wieder offen antisemitisch geäußert hat (Seite 39). Damit weist er noch einmal auf die antisemitischen Motive der Septemberattentate hin, die in den Medien kaum Erwähnung fanden.

Der französische Intellektuelle Alain Finkielkraut plädiert in seinem Beitrag „Im Namen der Anderen. Reflexionen über den kommenden Antisemitismus“ den Nahostkonflikt nicht nur durch eine historische Brille zu betrachten: „Wenn wir uns der Realität stellen wollen, müssen wir die Gitterstäbe unseres retrospektiven Gefängnisses durchsägen.“ (Seite 120)
Den Nahostkonflikt gelte es differenzierter zu analysieren. So schreibt er, es „gibt es nicht einen, sondern vier Kriege zwischen Israelis und Palästinensern: den palästinensischen Zermürbungskrieg zur Vernichtung des jüdischen Staates (den die Selbstmordanschläge ebenso am Leben halten wie der Anspruch auf das Rückkehrrecht in die frühere Heimat), den palästinensischen Krieg für die Schaffung eines unabhängigen Staates an der Seite Israels, den israelischen Krieg zur Befestigung der Siedlungen und die Annexion eines möglichst großen Teils der 1967 eroberten Gebiete.“ (Seite 127)

Auch Ulrich Beck widmet sich in seinem Beitrag „Entgrenzung der Intifada oder: Das Linienbus-Ticket in Haifa“ dem Nahostkonflikt und kritisiert den fehlenden Empathie der Europäer für die Israelis im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen. Diese fehlende Empathie sieht er auch in der medialen Begleitmusik von Konflikten angelegt:
„Die Tränen, die wir uns verlegen in unseren Kino- und Fernsehsesseln aus den Augenwinkeln wischen, sind zweifellos gezielt hergestellt worden durch die Kunstfertigkeit Hollywoods oder die Inszenierung der Nachrichten. Das ändert jedoch nichts daran, daß sie die Räume unserer emotionalen Imagination erweitert, transnationalisiert haben. Wenn Zivilisten und Kinder in Israel, Palästina, im Irak oder in Afrika leiden und sterben, und dieses Leiden in ergreifenden Bildern in den Massenmedien präsentiert wird, dann entsteht ein kosmopolitisches Mitleiden, das zur Stellungsnahme aufruft, ja, zum politischen Handeln nötigt.“ (Seite 134)
Voraussetzung für die Berichterstattung ist der möglichst freie Zugang zu den Informationen und Schauplätzen. Ironischerweise wirkt sich der relativ freie Zugang in Israel zu dessen Nachteil aus:
„Die paradoxe Folge ist: Je mehr ein freies Land in einen blutigen, herzzereißenden Konflikt mit einer Bevölkerung verstrickt ist, für die Pressefreiheit ein Fremdwort ist, desto wahrscheinlicher und einseitiger richtet sich die Globalisierung der Emotionen gegen dieses Land.“ (Seite 134-35)
Auch konstatiert Beck eine zunehmende Gleichsetzung von Juden und Israelis: „Durch die essentialistische Gleichsetzung von Juden mit Israelis aber sehen sich deutsche Juden erneut ausgegrenzt: Die Israel-Kritik schlägt um in Judenkritik, Judenfremdheit, Judenfeindlichkeit.“ (Seite 138).

Den Wurzeln des aktuellen Antisemitismus widmet sich Gerd Koenen in seinem Text „Mythen des 20. Jahrhunderts“. Hier kommt er auch auf die sowjetischen Wurzeln des linken Antizionismus und Antisemitismus zu sprechen, der bis heute fortlebt:
„Überhaupt bedeutete der historische Kollaps der Sowjetunion nicht, daß ihre tragenden Ideologeme nicht von anderen Kräften unter anderen historischen Umständen und in neuen Formulierungen aufgegriffen und weiterentwickelt worden wären. Eine nähere Untersuchung würde womöglich ergeben, daß die sowjetische Globalpolitik der sechziger und siebziger Jahre und die dazugehörige, in allen Weltsprachen verbreitete Propaganda als der große Totalisator gewirkt hat, über den sich die Themen eines antiimperialistisch und antikapitalistisch erweiterten Antizionismus im Ideologiekanon vieler Befreiungsbewegungen und sozialistischer Staatsparteien der Dritten Welt festgesetzt haben, besonders im arabischen Raum, wo es im Nasserismus, Baathismus usw. entsprechende Ideologien bereits gab.“ (Seite 176-77)
Ebenso analysiert er den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit: „Von einem feigen »Verdrängen« kann seit Jahrzehnten keine Rede mehr sein – eher von einem vitalen Sich-Bemächtigen.“ (Seite 184)

Jeffrey Herfs Beitrag ist reichlich undifferenziert. Interessant ist aber seine Definition des Nationalsozialismus als „reaktionärer Modernismus“, er betrachtet „den Nationalsozialismus als eine Form von »reaktionärer Modernismus« beschrieben: als eine säkulare fundamentalistische Bewegung, an der auch viele Ingenieure beteiligt waren und die die moderne Technologie akzeptierte, die zugleich aber die Modernität der Aufklärung ablehnte.“ (Seite 197)
Herf fordert einen „wehrhaften Antifaschismus“, der auch Kriege gegen israelfeindliche Staaten bejaht und konstatiert eine Täter-Opfer-Umkehr: „Statt Israel als das Frühwarnsystem der zivilisierten Welt anzusehen, als den Kanarienvogel in der Kohlengrube, der vor einer bevorstehenden Gefahr warnt, gab man den Opfern des Terrorismus die Schuld.“ (Seite 207)

Der Beitrag „Antiamerikanismus und Antisemitismus“ von Andei S. Markovits ist höchst lesenswert. Gleich am Anfang beschreibt Markovits die Schwierigkeit beim Erfassen des antiamerikanischen Ressentiments: „Antiamerikanismus ist ein verschwommener Begriff, weil sich in ihm Antipathie gegen das, was Amerika tut, mit dem mischt, was Amerika ist. Antiamerikanismus ist ein typisches Vorurteil: Seine Anhänger haben ein Vor-Urteil über ein Objekt, das unabhängig davon ist, wie sich dieses tatsächlich verhält.“ (Seite 211)
Markovits weist auf die antiamerikanische Note im Israelhass hin: „Die Abneigung gegen Israel beruhte weniger darauf, daß es jüdisch war, sondern daß es de facto amerikanisch und somit mächtig war.“ (Seite 217)
Er formuliert auch seine Probleme bei der Trennung von Antisemitismus und Antizionismus: „Gewiß sind Antizionismus und Antisemitismus nicht identisch: Das eine ist ein politischer Standpunkt, das andere ein Vorurteil. Doch die Überschneidung von Antisemitismus und antizionistischen Diskursen ist heute beträchtlich.“ (Seite 221)
Im Antiamerikanismus sieht er vor allem ein Elite-Projekt. Antiamerikanismus steigt mit dem gesellschaftlichen Status. Musste der westeuropäische Antiamerikanismus vor 1990 noch unterdrückt werden, weil die USA als Schutzmacht gegen SU nötig war, so konnte er sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs frei entfalten und ist von der Elite inzwischen teilweise auch auf die Massen übergegangen, was auch nach dem 11. September mit der Zeit geschah:
„Die Anschläge vom 11. September 2001 fügten dieser antiamerikanischen Mischung ein bis dahin unterentwickeltes Gefühl hinzu, das der Schadenfreude. Während bei den Massen anfänglich das Mitgefühl dominierte, war dies bei Europas Eliten, besonders den Kultureliten, nicht der Fall.“ (Seite 228)
Inzwischen sind die USA für Europäer eine negative Projektionsfläche ihrer selbst geworden:
„Für viele Europäer ist Amerika das »Nicht-Europa« geworden, etwas eindeutig »anderes«.“ (Seite 230)

Ulrich Speck, Doron Rabinovici, Natan Sznaider: „Neuer Antisemitismus?”, Frankfurt/Main 2004.