Buchkritik „ Wie aus Deutschen Nazis wurden“ von Peter Fritzsche

Peter Fritzsche hat mit seinem Buch „Wie aus Deutschen Nazis wurden“ ein kluges Werk verfasst, dass sich dem titelgebenden Thema widmet und dabei allerhand Schul-Weisheiten in Frage stellt. Der Frage „Wie aus Deutschen Nazis wurden“ geht er an Hand von vier verschiedenen Ereignissen nach: dem August 1914, dem November 1918, dem Januar 1933 und dem Mai 1933.
Zuerst weist er auf eine starke Nivellierung der Gesellschaft des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg hin. Dem einfachen Mittelstand gelang es, ebenso wie der Arbeiterschaft, unter den Kriegsbedingungen eine stärkere Beteiligung und Demokratisierung zu erlangen. Es fand eine Art Selbstbefreiung aus dem feudalen Paternalismus statt. Darauf basierte eine Sozialpolitik, die der MSPD trotz ihres Pro-Kriegs-Kurses auch 1917 und 1918 Sympathien und Zulauf in der Arbeiterschaft sicherte. In gewisser Weise fand nach dem Scheitern der Novemberrevolution 1918 eine „Machtergreifung“ des Mittelstandes statt. Dieser politisierte sich, organisierte sich selbst analog zu den Arbeiter_innen – in Berufs- und Interessengruppen – und in den Einwohnerwehren (1 Million Mitglieder).
Auch das Grunddilemma der SPD fasst Fritzsche gut zusammen: „Die Sozialdemokraten dagegen versagten bei der Einlösung ihrer selbst aufgestellten Forderungen. Immer wieder »hielt sie ihr Marxismus davon ab, sich mit dem Kapitalismus einzulassen«, und doch verhinderte ihr rigoroser Rationalismus, daß sie ihre unzweifelhaft humanen sozialen Wertvorstellungen in eine überzeugende utopische Vision verwandelten.“ (Seite 213)
Entgegen den populären Meinungen sieht Fritzsche in der Wahl Hindenburgs im April 1925 einen entscheidenden Wendepunkt in der Weimarer Republik, weil hier die antirepublikanischen und nationalistischen erstmals über die demokratischen Kräfte triumphierten: „Hindenburg gewann die Präsidentenwahl 1925 weniger als eine blasse Kopie des deutschen Kaisers denn als eine blasse Kopie des völkischen Deutschen.“ (Seite 175) bzw. „So gesehen war die Wahl Hindenburgs kein Rückfall in die Vergangenheit. Sie war ein Vorläufer der künftigen faschistischen Verschmelzung.“ (Seite 183)
Fritzsche widerspricht auch der These das die Unmut über den Versailler Vertrag wesentlich zur Wahl der NSDAP führte: „Doch in Wahrheit gab es in Deutschland so wenige Menschen, die den Friedensvertrag nicht verdammten, daß die Außenpolitik einfach kein wesentlicher Faktor für die neue Ausrichtung des deutschen Wahlverhaltens war.“ (Seite 165)
Letztlich zeigt der Autor einen roten Faden von 1914 nach 1933: „Was die Nazischauspiele am Ende für jeden einzelnen wiederzubeleben suchten, war die Erfahrung Adolf Hitlers, als er am 2. August 1914 in der patriotischen Menge auf dem Münchner Odeonsplatz erkannte, daß sich seine persönliche Identität mit Deutschlands nationaler Identität deckte.“ (Seite 237-238)
Er kommt zu dem Schluss: „Mit einem Wort: Die Nazis waren keine politischen Außerirdischen.“ (Seite 243)

* Peter Fritzsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden, Zürich 1999.