Buchkritik zum Sammelband „Neuer Antisemitismus?“

In dem Sammelband „Neuer Antisemitismus“ von 2004 wird der antisemitische Gehalt von „Israelkritik“, die Stärke und Herkunft des islamisierten Antisemitismus und und der Charakter des linken Antizionismus diskutiert. Die im Band versammelten siebzehn Beiträge haben sehr unterschiedliche Qualität. Der Beitrag von Judith Butler ist beispielsweise extrem verharmlosend und apologetisch, während der Beitrag des US-Konservativen Jeffrey Herf undifferenziert und alarmistisch ist. Trotzdem kann man die meisten Beiträge mit (Wissens-)Gewinn lesen.

Ein spannendes und bisher weithin unbekanntes Detail der Geschichte präsentiert Omer Bartov in seinem Beitrag „Der alte und der neue Antisemitismus“. Hier schreibt er u.a. über Hitlers Zweites Buch, eine Niederschrift von 1928. In diesem Werk beschreibt Hitler explizit seine außenpolitischen Ziele und seinen antisemitischen Fantasien. Wegen seiner Offenheit wurde dieses Buch von den Nationalsozialisten nicht veröffentlicht. Interessant ist, dass Hitlers antisemitische Vorwürfe gegen die Juden (Ausrottung der Anderen, Welteroberung etc.) eigentlich später von ihm selbst umgesetzt wurden. Bartov konstatiert: „Als Hitler das Zweite Buch schrieb, starrte er in einen Spiegel.“ (Seite 26)
Bartov zeichnet nach wie Teile des NS-Antisemitismus in den Islamismus eingeflossen sind und er verweist darauf, dass beispielsweise der Septemberattentäter Motassadeq sich immer wieder offen antisemitisch geäußert hat (Seite 39). Damit weist er noch einmal auf die antisemitischen Motive der Septemberattentate hin, die in den Medien kaum Erwähnung fanden.

Der französische Intellektuelle Alain Finkielkraut plädiert in seinem Beitrag „Im Namen der Anderen. Reflexionen über den kommenden Antisemitismus“ den Nahostkonflikt nicht nur durch eine historische Brille zu betrachten: „Wenn wir uns der Realität stellen wollen, müssen wir die Gitterstäbe unseres retrospektiven Gefängnisses durchsägen.“ (Seite 120)
Den Nahostkonflikt gelte es differenzierter zu analysieren. So schreibt er, es „gibt es nicht einen, sondern vier Kriege zwischen Israelis und Palästinensern: den palästinensischen Zermürbungskrieg zur Vernichtung des jüdischen Staates (den die Selbstmordanschläge ebenso am Leben halten wie der Anspruch auf das Rückkehrrecht in die frühere Heimat), den palästinensischen Krieg für die Schaffung eines unabhängigen Staates an der Seite Israels, den israelischen Krieg zur Befestigung der Siedlungen und die Annexion eines möglichst großen Teils der 1967 eroberten Gebiete.“ (Seite 127)

Auch Ulrich Beck widmet sich in seinem Beitrag „Entgrenzung der Intifada oder: Das Linienbus-Ticket in Haifa“ dem Nahostkonflikt und kritisiert den fehlenden Empathie der Europäer für die Israelis im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen. Diese fehlende Empathie sieht er auch in der medialen Begleitmusik von Konflikten angelegt:
„Die Tränen, die wir uns verlegen in unseren Kino- und Fernsehsesseln aus den Augenwinkeln wischen, sind zweifellos gezielt hergestellt worden durch die Kunstfertigkeit Hollywoods oder die Inszenierung der Nachrichten. Das ändert jedoch nichts daran, daß sie die Räume unserer emotionalen Imagination erweitert, transnationalisiert haben. Wenn Zivilisten und Kinder in Israel, Palästina, im Irak oder in Afrika leiden und sterben, und dieses Leiden in ergreifenden Bildern in den Massenmedien präsentiert wird, dann entsteht ein kosmopolitisches Mitleiden, das zur Stellungsnahme aufruft, ja, zum politischen Handeln nötigt.“ (Seite 134)
Voraussetzung für die Berichterstattung ist der möglichst freie Zugang zu den Informationen und Schauplätzen. Ironischerweise wirkt sich der relativ freie Zugang in Israel zu dessen Nachteil aus:
„Die paradoxe Folge ist: Je mehr ein freies Land in einen blutigen, herzzereißenden Konflikt mit einer Bevölkerung verstrickt ist, für die Pressefreiheit ein Fremdwort ist, desto wahrscheinlicher und einseitiger richtet sich die Globalisierung der Emotionen gegen dieses Land.“ (Seite 134-35)
Auch konstatiert Beck eine zunehmende Gleichsetzung von Juden und Israelis: „Durch die essentialistische Gleichsetzung von Juden mit Israelis aber sehen sich deutsche Juden erneut ausgegrenzt: Die Israel-Kritik schlägt um in Judenkritik, Judenfremdheit, Judenfeindlichkeit.“ (Seite 138).

Den Wurzeln des aktuellen Antisemitismus widmet sich Gerd Koenen in seinem Text „Mythen des 20. Jahrhunderts“. Hier kommt er auch auf die sowjetischen Wurzeln des linken Antizionismus und Antisemitismus zu sprechen, der bis heute fortlebt:
„Überhaupt bedeutete der historische Kollaps der Sowjetunion nicht, daß ihre tragenden Ideologeme nicht von anderen Kräften unter anderen historischen Umständen und in neuen Formulierungen aufgegriffen und weiterentwickelt worden wären. Eine nähere Untersuchung würde womöglich ergeben, daß die sowjetische Globalpolitik der sechziger und siebziger Jahre und die dazugehörige, in allen Weltsprachen verbreitete Propaganda als der große Totalisator gewirkt hat, über den sich die Themen eines antiimperialistisch und antikapitalistisch erweiterten Antizionismus im Ideologiekanon vieler Befreiungsbewegungen und sozialistischer Staatsparteien der Dritten Welt festgesetzt haben, besonders im arabischen Raum, wo es im Nasserismus, Baathismus usw. entsprechende Ideologien bereits gab.“ (Seite 176-77)
Ebenso analysiert er den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit: „Von einem feigen »Verdrängen« kann seit Jahrzehnten keine Rede mehr sein – eher von einem vitalen Sich-Bemächtigen.“ (Seite 184)

Jeffrey Herfs Beitrag ist reichlich undifferenziert. Interessant ist aber seine Definition des Nationalsozialismus als „reaktionärer Modernismus“, er betrachtet „den Nationalsozialismus als eine Form von »reaktionärer Modernismus« beschrieben: als eine säkulare fundamentalistische Bewegung, an der auch viele Ingenieure beteiligt waren und die die moderne Technologie akzeptierte, die zugleich aber die Modernität der Aufklärung ablehnte.“ (Seite 197)
Herf fordert einen „wehrhaften Antifaschismus“, der auch Kriege gegen israelfeindliche Staaten bejaht und konstatiert eine Täter-Opfer-Umkehr: „Statt Israel als das Frühwarnsystem der zivilisierten Welt anzusehen, als den Kanarienvogel in der Kohlengrube, der vor einer bevorstehenden Gefahr warnt, gab man den Opfern des Terrorismus die Schuld.“ (Seite 207)

Der Beitrag „Antiamerikanismus und Antisemitismus“ von Andei S. Markovits ist höchst lesenswert. Gleich am Anfang beschreibt Markovits die Schwierigkeit beim Erfassen des antiamerikanischen Ressentiments: „Antiamerikanismus ist ein verschwommener Begriff, weil sich in ihm Antipathie gegen das, was Amerika tut, mit dem mischt, was Amerika ist. Antiamerikanismus ist ein typisches Vorurteil: Seine Anhänger haben ein Vor-Urteil über ein Objekt, das unabhängig davon ist, wie sich dieses tatsächlich verhält.“ (Seite 211)
Markovits weist auf die antiamerikanische Note im Israelhass hin: „Die Abneigung gegen Israel beruhte weniger darauf, daß es jüdisch war, sondern daß es de facto amerikanisch und somit mächtig war.“ (Seite 217)
Er formuliert auch seine Probleme bei der Trennung von Antisemitismus und Antizionismus: „Gewiß sind Antizionismus und Antisemitismus nicht identisch: Das eine ist ein politischer Standpunkt, das andere ein Vorurteil. Doch die Überschneidung von Antisemitismus und antizionistischen Diskursen ist heute beträchtlich.“ (Seite 221)
Im Antiamerikanismus sieht er vor allem ein Elite-Projekt. Antiamerikanismus steigt mit dem gesellschaftlichen Status. Musste der westeuropäische Antiamerikanismus vor 1990 noch unterdrückt werden, weil die USA als Schutzmacht gegen SU nötig war, so konnte er sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs frei entfalten und ist von der Elite inzwischen teilweise auch auf die Massen übergegangen, was auch nach dem 11. September mit der Zeit geschah:
„Die Anschläge vom 11. September 2001 fügten dieser antiamerikanischen Mischung ein bis dahin unterentwickeltes Gefühl hinzu, das der Schadenfreude. Während bei den Massen anfänglich das Mitgefühl dominierte, war dies bei Europas Eliten, besonders den Kultureliten, nicht der Fall.“ (Seite 228)
Inzwischen sind die USA für Europäer eine negative Projektionsfläche ihrer selbst geworden:
„Für viele Europäer ist Amerika das »Nicht-Europa« geworden, etwas eindeutig »anderes«.“ (Seite 230)

Ulrich Speck, Doron Rabinovici, Natan Sznaider: „Neuer Antisemitismus?”, Frankfurt/Main 2004.