Wenig Ahnung vom Thema – Das Buch „»Antisemit!«. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“

Bei manchen Büchern ahnt man schon bei der Lektüre der ersten Sätze wohin die Reise geht. In „»Antisemit!«. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ von Moshe Zuckermann gibt es auch so einen wegweisenden Satz am Anfang:

„Behutsam Anzugehendes ist zum Objekt raffender Rezeptionsbegierde entartet, was Adorno noch zu benennen zögerte, zum inflationierten Schlagwort polemischer Schlammschlachten degeniert.“ (Seite 10-11)

So geht es in Zuckermanns Buch immerzu weiter. Für den Autor existiert Antisemitismus in weiten Teilen nur als Phantasma, das als „Herrschaftsinstrument“ missbraucht wird.
Leider definiert der Autor an keiner Stelle was für ihn außer „Hass gegen Juden“ Antisemitismus genau ist. Sonst könnte man feststellen, ob die von Zuckermann als „Keulenschwinger“ diffamierten Antisemitismus-Gegner und Israelkritik-Kritiker eventuell ein anderes Verständnis von Antisemitismus aufweisen bzw. sich schlicht irren könnten. Doch bei Zuckerman gibt es gar kein unterschiedliches Verständnis von Antisemitismus oder einen bloßen Irrtum. Wie der Untertitel seines Buches zeigt, nutzen seiner Meinung nach, die von ihm Angegriffenen den Vorwurf Antisemitismus als „Herrschaftsinstrument“, d.h. sie missbrauchen ihn eigentlich immer vorsätzlich. Daneben behauptet Zuckermann auch, „dass der Antisemitismus-Vorwurf inzwischen selbst zum Fetisch geronnen ist“ und sich „die Sachwalter des Antisemitismus-Vorwurf sich (nach alter deutscher Tradition) wie scharfrichterliche Gesinnungspolizisten gerieren“ (Seite 104).
Hier kommt es deutlich zu einer Pathologisierung von Antizionismus-Kritikern und Antisemitismus-Gegnern, bei denen eine „Alarmbereitschaft leicht in Alarmismus“ umschlage (Seite 114). Zuckermann beschreibt dabei nur die Motive und psychischen Reflexe, die er in jedem Fall dahinter vermutet. Warum ein Ereignis oder eine Äußerung aber jeweils doch nicht antisemitisch sein sollen, erklärt er nicht. In seiner Vorstellungswelt ist scheint das wohl von selbst verständlich zu sein. Wer aber nun Zuckermanns Grundüberzeugungen nicht teilt, den kann er so kaum überzeugen.
Mit der grundsätzlichen Vorannahme der Instrumentalisierung und des pathologischen Reflex verrennt sich Zuckermann und gerät ins logische Abseits.
So wirft Zuckermann beispielsweise dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu allen Ernstes vor in seiner Rede am 24. September 2009 vor der UNO Holocaustleugner er begebe sich das Niveau der Holocaust-Leugnung:

„Da steht Israels Premierminister im Jahre 2009 auf der Bühne der Weltöffentlichkeit und entblödet sich nicht, sich auf das Niveau der Holocaust-Leugnung zu begeben.“ (Seite 24)

Netanjahu hatte vor der UNO die rhetorische Frage gestellt, ob Obama bei seinem Besuch in Auschwitz etwa einer Lüge Tribut gezollt hätte. In Anwesenheit der Vertreter von Staaten wie dem Iran, sind solche rhetorischen Fragen leider überhaupt nicht überflüssig, sondern bittere Notwendigkeit. Doch auch direkte Kritik an dem Gottesstaat will Zuckermann Netanjahu nicht zugestehen: „Nicht klar ist indes, warum gerade Netanjahu meinte, in der politischen Position zu sein, sich als Kritiker dieses Regimes aufzuspielen.“ (Seite 26). Im Subtext werden hier das theokratische iranische Regime und Israel auf eine Stufe gestellt.
Bei dieser relativierenden Äquidistanz fehlt bei Zuckermann natürlich auch nicht der übliche Kolonialismus-Vorwurf gegen Israel:

„Und was noch bis 1967 als eine latente Matrix fungierte, wandelte sich ab diesem historischen Wendepunkt zur manifesten Grundlage eines expansiv-kolonisierenden Faktors der israelischen Politik, von dem der gesamte israelisch-palästinensisch Konflikt gebeutelt ist und dem sich gerade Netanjahu zusammen gebastelte Regierungspartei (mithin seine eigene Partei) besonders eng verschwistert und verbunden weiß.“ (Seite 28)

Doch selbst Zuckermann muss einräumen, dass sich in israelischen Medien kaum Hetze gegen Araber findet, gleichwohl ist selbst das für ihn ein Beweis für den vorherrschenden Rassismus in Israel:

„Und wenn sich israelische Medien vulgärer propagandistischer Hetze gegen Araber weitgehend enthalten, dann mag dies etwas mit der politischen Kultur Israels zu tun haben, hat gleichwohl seine eigentliche Begründung darin, dass das, was als herrschaftliche Verachtung ohnehin ausgetobt wird, keiner zusätzlichen Hetzpropaganda bedarf […]“ (Seite 118)

Generell fehlt es Zuckermann an empathischen Einfühlungsvermögen. Es ist ihm nicht möglich anzunehmen, dass es einem israelischer Politiker wie Peres in seiner Rede am 27. Januar 2010 vor dem deutschen Bundestag tatsächlich ernst sein könnte:

„Auch dass man den eigenen geliebten Großvater und die letzte Begegnung mit ihm zum Thema einer staatstragenden Rede werden lässt, dürfte nicht jedermanns Sache sein; der Kontext lässt die persönliche Erinnerung zum manipulativen Kitsch geraten, wovon gerade das Lob vieler Zuhörer für die »bewegende Rede« zeugen mag. Wovon waren denn diese Leute bewegt? Und welcher Fetisch wurde nicht zuletzt mittels solch selbstgefälliger Rührseligkeit bedient?“ (Seite 62)

Da die Brandmarkung als Antisemit, insbesondere durch israelische Politiker, immer ein unehrliches Instrument von Interessens- und Machtpolitik sei, so die Schlussfolgerung Zuckermanns, ist die Bekämpfung und Ausrottung von Antisemitismus auch nie das Ziel sondern nur Mittel zu anderen Zwecken:

„Es ist aber auch dieses Festhalten an einem überlebten zionistischen Selbstverständnis, das das Verhältnis Israels zu Antisemitismus und Shoah zur puren Ideologie hat entarten lassen. Denn so wie es Israel letztlich nie an der Eliminierung des realen Antisemitismus in der Welt gelegen war […], so wurde auch das Shoah-Gedenken von Anbeginn in die ideologische Ökonomie nationaler Selbstbesetzung integriert. Ein vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit Auschwitz-Plänen herumfuchtelnder Netanjahu verrät das Andenken der Opfer, wenn er sie in die Logik seiner heteronomen Ideologie einspannt.“ (Seite 98)

Zuckermann behauptet in der Bundesrepublik existiere was Aussagen über Israel angehe eine eingeschränkte Meinungsfreiheit, weil jeder von dem Schlag mit der „Antisemitismuskeule“ bedroht sei:

„Vor lauter Antisemitismus-Jagd ist inzwischen jeder und jede im deutschen öffentlichen wie halböffentlichen Raum tendenziell dem drohenden Vorwurf ausgesetzt, manifest oder latent antisemitisch zu sein, wobei die keulenartige Drohgebärde mittlerweile so wirkmächtig geworden ist, dass viele in eingeschüchtert-vorauseilender Unterwerfung die perfiden Regeln des Katz-und-Maus-Spiels verinnerlicht haben.“ (Seite 104)

Tatsächlich gibt es in Teilen der Öffentlichkeit eine gesteigerte Sensibilität, was Antisemitismus und Antizionismus angeht, aber es gibt sicherlich kein Sprechverbot für Israelkritik. Echte Israelkritik und ressentimentgeladene Israel“kritik“ findet sich trotz aller Kritik ständig in allen Medien, wo „Israel am medialen Pranger“ (Rolf Behrens) steht, und am Stammtisch sowieso.

Wie bereits erwähnt, definiert Zuckermann nirgendwo, was Antisemitismus genau für ihn ist. In der Verwendung aber zeigt sich, dass er vom Wesen dieser Hass-Ideologie wenig Ahnung zu haben scheint.
Das fängt beim linken Antisemitismus an, dessen Existenz er nur andeuten will:

„Einen Antisemitismus gab es wohl auch immer unter Linken; das wusste seit langem jeder, der es wissen wollte.“ (Seite 104)

Aber konkrete Beispiele für linken Antisemitismus negiert er. Im Verlauf des Buches existiert „linker Antisemitismus“ für ihn nur noch in Anführungsstrichen. Die Blockade des Lanzmann-Filmes „Warum Israel?“ am 25. Oktober in Hamburg war für ihn nur ein innerlinker Szenestreit. Eindeutig sympathisiert er dabei mit den Blockierern und nennt Lanzmann einen „schäbige[n] Banalisier“. Nicht über die Blockade-Aktion, sondern über ihre Verurteilung ereifert Zuckermann sich und wettert gegen die Unterzeichner einer kritischen Petition, die sich aus „erlauchten Juden und Jüdinnen und sonstige[r] Gedenkprominenz“ zusammensetze.
Dabei erkannte damals selbst die Hamburger NPD den antisemitischen Gehalt der Aktion von linken Israelhassern und gratulierte zu der erfolgreichen Blockade.
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LESETIPP: Konkret und theoretisch wird der antisemitische Boykott des Lanzmann-Filmes in Hamburg in der Broschüre „Willkommen in der Provinz!“ von der „Hamburger Studienbibliothek“ (http://www.studienbibliothek.org/texte/BGHU_Bericht.pdf) kritisiert und analysiert. Es handelt sich vor allem um eine Kritik der innerlinken Verhältnisse in der Hansestadt. In ihr heißt es u.a.: „Die Verhinderung eines Films, welcher das jüdische Selbstverständnis nach Auschwitz verhandelt (und das heißt eben auch: das neugewonnene jüdische Selbstbewußtsein, das sich aus der Staatsgründung Israels speist), kann nichts als Judenhass bedeuten […]“ (Seite 4)
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Die Ausladung von Norman Finkelstein, Verfasser des Machwerkes „Die Holocaustindustrie“, als Referenten linker Organisationen am 26. Februar 2010 in Berlin, nennt Zuckermann eine „Hetzkampagne gegen Finkelstein“. Das der, für die Ausladung aktive, „BAK Shalom“, ein Arbeitskreis in der Linkspartei, nicht hetzte, sondern auf sechs Seiten gute Gründe für die Ausladung Finkelsteins benannte, ignoriert Zuckermann zur Gänze.

Auch verharmlost Zuckermann den tödlichen Kern des Antisemitismus:

„Als »Saujude« angepöbelt zu werden, ist schlimm; auch als Jude gesellschaftlich ausgegrenzt oder gar ins Exil unter Verlust der materiellen Grundlage seiner Existenz vertrieben zu werden. Aber so kränkend, empörend, Leid erzeugend und unverzeihlich solche Akte stets waren, sie ließen dem Juden sein Leben, sie ermöglichten ihm die Flucht, die Alternative, den Neubeginn – sie löschten ihn nicht aus.“ (Seite 115)

„Die Shoah gerät leicht zum ideologischen Fetisch, wenn man in jedem Gepöbel eines Neonazis, in jeder Auslassung eines liberalen Wahlkämpfers gleich die Heraufkunft des Vierten Reichs gewahrt, vor allem aber Auschwitz dabei im Munde führt, als rede man über den gestrigen Wetterbericht.“ (Seite 115-116)

Sicher, nicht alle Strömungen des Antisemitismus wollen den Tod der Juden, doch gibt es durchaus auch heute noch den eliminatorischen Antisemitismus. Weltanschauungs-Antisemiten wie Neonazis wollen generell den Tod der Juden wie man an Venichtungsfantasien in den Texten von Rechtsrockbands immer wieder deutlich erkennt. Hier verwechselt Zuckermann Machtlosigkeit mit Gnade. Neonazis sind ohnmächtig und können daher nur pöbeln. Doch selbst diese politische Ohnmacht der Weltanschauungs-Antisemiten in Westeuropa und Nordamerika, bedeutet nicht, dass sie auf der Straße – im weitesten Sinne verstanden – ungefährlich sind. Synagogen, jüdische Friedhöfe und als vermeintliche Juden identifizierte Personen werden alleine in der Bundesrepublik fast im Wochentakt attackiert.
Antisemitismus ist eine Ideologie, wo man mit aller Konsequenz weiß wo sie endet, nämlich in Auschwitz und darauf hinzuweisen muss weiterhin legitim bleiben.
Die Verharmlosung antisemitischer Gewalt findet sich auch an anderer Stelle bei Zuckermann, so schreibt er,

„[…] denn wenn beispielsweise berichtet wird, dass die Anzahl antisemitischer Gewaltaussprüche im Jahr 2009 infolge des Gazakrieges um 100% gestiegen sei, dann mag dies mit der Erweckung bereits vorhandener antisemitischer Ressentiments zu tun haben, aber eben auch mit der empörend brutalen Kriegspraxis.“ (Seite 127)

Die im Schatten des Gazakrieges anrollende antisemitische Welle kann doch nicht ernsthaft mit der Politik Israels auch nur im Mindesten entschuldigt oder gar begründet werden. Wenn 2009 beispielsweise die Synagoge im polnischen Maribor mit „Juden raus Gaza“ (Original in Deutsch), ein jüdisches Informationszentrum in Polen mit „Free Palestine“ oder die Synagoge im tschechischen Trebic mit „Juden verlasst Gaza“ (Übersetzung aus dem Tschechischen) beschmiert wurden, dann hat das nicht in der „empörend brutalen Kriegspraxis“ Israels seinen Grund, sondern im Antisemitismus.
Doron Rabinovici schrieb dazu einmal treffend: „Scharon ist kein Argument für Antisemitismus und Antisemitismus keines für Scharon“.
Für Zuckermann findet sich aber der Antisemitismus offenbar so gut wie nie im Antizionismus, sondern anderswo.
Dabei gibt es mit den so genannten drei „D“s (Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandarts) sinnvolle Indikatoren für den Ansatz Israelkritik vom antisemitischen Antizionismus zu trennen. Doch für Zuckermann scheinen die Anti-Antisemiten die wahren Antisemiten zu sein:

„An Niedertracht steht dabei der skrupellose Antisemitismus-Vorwurf der herkömmlichen antisemitischen Besudelung des Juden in nichts nach.“ (Seite 136)

Vom Kauf des Buches ist abzuraten, sofern man nicht schlechte psychologisierende Polemiken sammelt, und ein wackeliges Tischbein lässt sich auch günstiger stabilisieren als mit dem neuesten Buch von Zuckermann, dazu aber taugt es allenfalls.

* Moshe Zuckermann: „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010