Buchkritik „Verschwörungstheorien“ von Daniel Pipes

Daniel Pipes versucht sich in seinem 1997 verfassten Buch „Verschwörungstheorien. Faszination und Macht des Geheimen“ an einer Geschichte und Analyse von Verschwörungstheorien. Das Buch birgt einige interessante Gedanken und viele Details. Aber der Autor wird in seiner Analyse von seiner konservativ-antikommunistische Grundhaltung extrem eingeschränkt und behindert, so dass er letztlich scheitert.
Bereits am Anfang des Buches macht Pipes zwei Hauptgruppen als Träger von Verschwörungstheorien in den Vereinigten Staaten aus: Rechte (z.B. die Milizen mit ihrer Angst vor einer „New World Order“) und Afroamerikaner (gemeint sind die verbreiteten Überzeugungen das die Regierung gezielt Drogen oder Aids in ihrer Community verbreiten würden). Wer dabei außen vor bleibt, ist die politische Mitte und dabei bleibt es auch während des gesamten Buches.
In Einklang mit der Extremismus- bzw. Totalitarismustheorie sieht Pipes die Gefahr bei den politischen Extremen. Um die Linken den Rechten bzw. Lenin und Hitler mit ihrem Verschwörungsglauben anzupassen, erklärt Pipes kurzerhand den Antiimperialismus und Kapitalismuskritik generell zur Verschwörungstheorie.

„LENINISMUS Der Verdacht, daß reiche Teile der Gesellschaft den Staat dazu benutzen, ihre eigenen egoistischen Motive anzutreiben, ist nichts Neues.“ (Seite 132)

Statt auf das dualistische und manichäische Weltbild im Leninismus hinzuweisen, dass Verschwörungstheorien Tür und Tor öffnet, erklärt Pipes einfach die Tatsache das wohlhabendere Teile der Gesellschaft gegen die ärmeren Teile aus wohlstandschauvinistischen Motiven Politik betreiben zum Irrtum.
Pipes macht überhaupt keinen Unterschied zwischen Welterklärungsverschwörungstheorien und (Fehl-)Vermutungen. Jede unbewiesene Vermutung ist für ihn eine Verschwörungstheorie. Irrtümer, und Fehlanalysen kommen für ihn einfach nicht vor. Das ist natürlich zu einfach. Die Kritik und der Zweifel an (staats-)offiziellen Darstellungen ist noch lange keine Verschwörungstheorie, sondern nur das Recht einer jeden mündigen Person.
Dabei schreibt Pipes selbst:

„Der Verschwörungstheoretiker fängt mit der Schlußfolgerung an und findet dann Gründe, um alles auszuschließen, was ihr nicht entspricht.“ (Seite 73)

Dass heißt nicht die Kritik oder der Zweifel, sondern die Ergebnisvorwegnahme und Kritikunfähigkeit an der eigenen Erklärung sind Erkennungszeichen einer Verschwörungstheorie.

Auch den im Westen virulenten Antikommunismus mit seinem verschwörungstheoretischen Kern versucht Pipes zu rationalisieren:

„Statt den Kampf gegen den Kommunismus als einen Haß auf ein repressives Herrschaftssystem und als einen Kampf auf Leben und Tod für die Zukunft der Menschheit zu sehen, zieht die Linke es vor, ihn als eine Verschwörung zu betrachten.“ (Seite 255-56)

Gerade ein Blick auf Westdeutschland, wo alte Nazis einer der Hauptträger des Antikommunismus waren, entkräftet Pipes Argumentation schnell.
Pipes ist vielmehr selbst ein strammer Kalter Krieger, wie er bei der Verharmlosung der US-Finanzierung der Mörderbanden der Contras in Mittelamerika zeigt:

„Sie tat es jedoch lediglich in der Absicht, die Beziehungen zu einem Staat zu verbessern und in einem anderen Staat Oppositionskräfte mit Geldmitteln zu versorgen.“ (Seite 44)

Den Antiimperialismus in Südamerika als Verschwörungstheorie abzutun, wie Pipes es tut, ignoriert u.a. die realen Erfahrungen in diesem Kontinent mit der amerikanischen Macht- und Interessenspolitik.
Pipes versteigt sich sogar dazu amerikanische Außenpolitik als „antiimperialistisch“ zu bezeichnen:

„London hatte bis vor kurzem über das größte Reich der Geschichte geherrscht, während Washington stets – mit wesentlichen Ausnahmen in der Zeit um 1900 – eine entschieden antiimperialistische Politik verfolgt hatte.“ (Seite 173)

Die jahrzehntelange Besetzung der Philippinen, die Invasion in der Schweinbucht oder die Unterstützung vieler prowestlicher Diktatoren usw., lässt sich aber wohl kaum als „antiimperialistisch“ bezeichnen. Sie entspringt der egoistischen Macht- und Außenpolitik eines Staates. Ob das nun wiederum „imperialistisch“ im Sinne des Ziels der Errichtung eines (Welt-)Imperiums ist, ist allerdings auch fraglich. Es bleibt aber auf jeden Fall kritik- und widerstandswürdig.

Den Zweiten Weltkrieg beschreibt Pipes als ein Ereignis, in dem „Hitlers und Stalins Armeen in einem Kampf aufeinanderstießen“. Das in der Roten Armee und bei den Partisanen die Menschen kämpften, deren Heimat von der Wehrmacht überfallen und mit einem Rasse- und Vernichtungsfeldzug überzogen wurde geht natürlich bei so einer Gleichsetzung unter.
Dass Pipes in totalitarismustheoretischer Manier Sowjetunion und „Drittes Reich“ generell gleichsetzt, wundert kaum mehr.

„Zwischen den beiden Weltkriegen haben Politiker in der Sowjetunion und in Deutschland dem Verschwörungsdenken zur Macht verholfen und es dann zur Rechtfertigung aggressiver Eroberungsfeldzüge verwendet.“ (Seite 11)

Natürlich war Stalin paranoid und entwickelte nach Ende des Zweiten Weltkrieges sogar einen Verschwörungsantisemitismus (Prozesse gegen „Zionisten“ und „Kosmopoliten“). Doch Stalins verschwörungstheoretische Feindbilder waren im Gegensatz zur NS-Rassenideologie nicht biologisch definiert und deswegen auch nicht grundsätzlich eliminatorisch, wenn auch häufig trotzdem tödlich. Die Nationalsozialisten führten einen Rasse- und Vernichtungskrieg gegen Juden, Sinti & Roma und slawische „Untermenschen“, weil sie ihnen einen unabänderlichen („rassischen“) Kern zusprachen. Stalin hingegen ließ (vermeintliche) Oppositionelle oder Kulaken (Mittelbauern) verfolgen, ohne ihnen einen unveränderlichen Kern zuzusprechen, d.h. ihre Nachkommen und Familien wurden nicht generell verfolgt und Kulaken konnten, sofern sie Deportation und Lager überlebten, eine neue Existenz aufbauen.

Dabei birgt Pipes Buch nicht nur Irrtümer und Fehlanalysen. Pipes zeichnet beispielsweise die Entstehungsgeschichte der Verschwörungstheorien überzeugend nach und unterteilt sie in zwei Stränge:

„Es bildeten sich zwei Hauptstränge von Verschwörungsdenken heraus; der eine war auf Gefahren ausgerichtet, die mit Geheimgesellschaften verbunden waren; der andere beschäftigte sich ausschließlich mit Juden.“ (Seite 11)

Eine erste Systematisierung der frühen Verschwörungstheorien erfolgte laut Pipes durch Augustin de Barruel (1741-1820), einen ehemaligen Abt und Jesuit.
Im mehrstöckigen Verschwörungsweltbild kontrollieren sich die einzelnen Gruppen je nach Priorität des einzelnen Verschwörungsgläubigen (z.B. Juden kontrollieren die Illuminaten und diese wiederum die Freimaurer).
Doch die beiden Stränge Antisemitismus und Geheimbundphobie verbanden sich mit der Zeit immer mehr, es kam zur Verschmelzung von geheimbundfeindlichen und antisemitischen Theorien.
Nach der Jahrhundertwende tauchten neue Träger einer vermeintlichen Weltverschwörung auf. Pipes sieht vor allem Angelsachsen, Freimaurer und Juden (nach 1948 auch: Israelis) als Hauptfeindgruppen in den Verschwörungstheorien.

Mit dem sich in den 1870ern parallel zur Emanzipation der Juden herausbildenden modernen Antisemitsmus kommt es zu einer qualitativen Veränderung bei den Judengegnern. Es kommt zu einem Schritt von der Spekulation zur Praxis, von der Angst zur Aktion:

„Der Antisemitismus verschob den Haß gegen Juden aus dem Reich der Gefühle ins Reich des politischen Handelns, aus der Defensive in die Offensive, von den Rändern ins Zentrum des Lebens. Er veränderte auch die Darstellung von Juden: Aus Ketzern wurden mächtige böse Gestalten.“ (Seite 53)

Pipes hat durchaus richtig erkannt, dass im „Dritten Reich“ das „Verschwörungsdenken an die Macht“ gekommen war und damit Verschwörungstheorien eine neue Qualität entfalteten:

„Indem die Nazis das antisemitische Verschwörungsdenken zur Staats- und Regierungssache machten, verliehen sie ihm eine bis dahin unvorstellbare Präsenz und Autorität.“ (Seite 159)

Treffend charakterisiert Pipes den Nationalsozialismus als „Gegenverschwörung“.

Nach einer Blütezeit von 1815 bis 1945 die Verschwörungstheorien im Westen erlebten, konstatiert Pipes eine Verlagerung an die (aus west-zentrischer Perspektive!) geografischen Ränder. Im Nahen Osten benennt er die vielen antizionistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien.

Interessant ist auch Pipes Beschreibung von der Wirkmächtigkeit von Antisemitismus in Japan, also eines „Antisemitismus [weitgehend] ohne Juden“.

Am Rande geht Pipes auch darauf ein das Verschwörungstheorien im Ausnahmefall auch nützlich für die „Verschwörer“ sein können. Er nimmt als Beispiel den prozionistischen Antisemitismus. Dieser war für die frühen Zionisten ein „vorteilhafter Antisemitismus“, weil er eine Art von antisemitischen Kollaborateuren schuf. In der Annahme das Juden in den USA überaus einflussreich seien wurde den Zionisten 1917 von britischer Seite in der Balfour-Deklaration eine jüdische Heimstätte im britischen Mandatsgebiet Palästina versprochen, in der Hoffnung dass die Juden in den USA diese zum Kriegseintritt überreden könnten. Natürlich wurden die Zionisten in ihrem Einfluss maßlos überschätzt.

* Daniel Pipes: Verschwörungstheorien. Faszination und Macht des Geheimen, München 1998.