Archiv für Juli 2011

Am Ende kommen Touristen …

… ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2007, in dem es um einen Zivi geht, der in Auschwitz seinen Dienst ableistet.

Wie ich neulich bei einem kurzen Trip nach Krakau feststellen konnte, ist Auschwitz tatsächlich eine Art „touristische Sehenswürdigkeit“ geworden.

Auschwitz-Tourismus I

Auschwitz-Tourismus II

Auschwitz-Tourismus III

Auschwitz-Tourismus IV

Buchkritik: Sammelband erlaubt Einblicke in Nordkorea

Nordkorea ist das weltweit am stärksten abgeschottete Land. Wenig ist hierzulande bekannt über das Land, in dem immerhin 23 Millionen Menschen leben. Unter der Herausgeberschaft von Christoph Moeskes erschien der Sammelband „Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land“ (Bonn 2009), der, wie im Titel angegeben, tatsächlich Einblicke in das abgeschottete Land ermöglicht. Für den Sammelband verfassten sehr unterschiedliche Personen Beiträge, von denen die meisten Nordkorea von eigenen Besuchen her, ausgehandelt mit der nordkoreanischen „Genehmigungs-Diplomatie“, kennen. Darunter sind auch AutorInnen, die seit Jahren immer wieder nach Nordkorea reisen.
Kim-Jong Il
In Nordkorea nennt sich die Staatsideologie „Juche“ und wird in den Medien häufig fälschlicherweise vereinfacht als Kommunismus bezeichnet. Im Sammelband wird sie als „neo-konfuzianische Variante des kommunistischen Totalitarismus“ beschrieben:

„Nirgendwo wird dieser Widerspruch so deutlich wie in der Staatsideologie Juche. Sie verbindet Elemente Elemente des Marxismus-Leninismus, des Nationalismus, christlicher Heilserwartung und konfuzianischer Hierarchievorstellungen zu einer schwer greifbare Universaltheorie, die das gesamte Leben in Nordkorea durchdringt.“ (Seite 13)

Die nationalistisch geprägte Juche-Ideologie baut stark auf die Erinnerungskultur an den Partisanenkampf gegen die japanische Besatzung 1910-1945 und den Koreakrieg 1950-53 (eine Million tote Soldaten und drei Millionen tote Zivilisten) auf:

„Was als als Mittel zur Entkolonialisierung verstanden werden kann, erwuchs in der Folgezeit zu einer selbstreferentiellen Doktrin, die sich gegen jegliche Einflüsse von außen wehrte und in der Wirtschaft eine radikale Autarkie zur Folge hatte.“ (Seite 13)

„Nordkoreanische Denkmale, Filme, Plakate und Museen haben im Grunde nur ein Thema: Krieg. Er ist das eigentliche Prinzip, auf dem der Staat seine Proklamationen gründet und zur unbedingten Abwehrbereitschaft gegen mutmaßliche Feinde, insbesondere die USA, anhält.“ (Seite 18)

Dadurch gerät die Juche-Ideologie stark militaristisch („Kampf ist unsere Identität“). Noch vor der Partei (deren ZK aber seit 1995 nicht mehr zusammengetreten ist) und der Staatsbürokratie ist auch das Militär der wichtigste Machtfaktor in Nordkorea. Heute hat Nordkorea die fünftgrößte Armee der Welt. In ihr dienen eine Millionen Soldaten und 800.000 Rekruten, des weiteren gibt es drei bis vier Millionen Reservisten.

In Nordkorea hat sich ein grotesker Personenkult herausgebildet, wodurch die „Herrschaftsordnung, […] sektenartige Züge trägt“:

„In dieser Tradition geht es vor allem um gesellschaftliche Ordnung, die durch strikte Einteilung, Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung sowie durch peinlich genau zu beachtende Riten gewährleistet werden soll: Der Persönlichkeitskult und die beiden Kims nimmt koreanische Staatstraditionen ebenso auf wie die Vorstellung, der Staatsführer verkörpere als Oberhaupt der Gemeinschaft absolute Autorität.“ (Seite 217)

Der Führer-Vater Kim Il Sung (1912-1994), „Staatspräsident auf ewige Zeiten“ und „Großer Führer“, und der Führer-Sohn Kim Jong Il, „Geliebter Führer“ haben in Nordkorea de facto den Status von Gottkönigen. Alles was Kim Il Sung berührt hat, wurde zur heiligen Stätte gemacht. Statuen und Bildnisse geraten zu sakralen Einrichtungen. Vor Statuen verbeugt man sich und die Porträts erfahren eine quasi-religiöse Behandlung:

„In öffentlichen Gebäuden und Wohnungen hängen eingerahmte Bildnisse des Großen Führers und des Geliebten Führers. Die Porträts werden mit Bürsten gereinigt, die in besonderen Behältnissen aufbewahrt werden. Sollte ein Bild auch nur leicht beschädigt sein, wird dies als politisches Verbrechen geahndet.“ (Seite 15)

Statt Kreuz-Anhänger wie im Christentum gibt es Anstecknadeln der Kims:

„Seit Anfang der siebziger Jahre tragen Nordkoreaner eine Anstecknadel mit dem Porträt des Großen Führer am Herzen; in den achtziger Jahre, als Kim Jong Il öffentlich zum Nachfolger aufgebaut wurde, kamen auch solche hinzu, die ihn, den Geliebten Führer, zeigen.“ (Seite 16)

Überall finden sich die „weisen“ Sprüche des „Großen Führers“:

„Die Schönheit des Myohyang-Gebirges wird nicht unerheblich geschmälert durch die weisen Inschriften Kim Il Sungs, die fast in jede Felswand gemeißelt sind.“ (Seite 81)

In einem extrem hierarchisierten Staat wie Nordkorea ist es unmöglich eine Opposition aufzubauen, überall hat der Staat seine Spitzel:

„Die Staatssicherheit hat einen Informanten für 50 Nordkoreaner, in jedem Wohnblock einen Posten und mindestens drei Agenten in kleineren Siedlungen.“ (Seite 26)

Trotzdem gab es ein paar, von oben verordnete, Änderungen, die im Westen weitgehend unbemerkt blieben:

„In Nordkorea haben in den letzten Jahren, von der auf die Nuklearpolitik fixierten Öffentlichkeit im Westen oft unbemerkt, gravierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden.“ (Seite 154)

Doch sollte man die Reformen in Nordkorea nicht überschätzen. In Nordkorea soll es weiterhin 150.000 politische Gefangene in zehn Lagern geben. Auch die Toten durch Hungersnot und Naturkatastrophen gehen auf das Konto des nordkoreanischen Regimes. Bei der Hungersnot in Nordkorea von 1994 bis 1998 starben mindestens 600-900.000, anderen Angaben nach sogar 2.000.000 Menschen. Nach der Hungersnot, von 1997 bis 1998 flohen 250.000 Nordkoreaner nach China.
„Die Ursachen für die Hungersnöte und die Naturkatastrophen, die Nordkorea immer wieder heimsuchen, liegen in einer verheerend verfehlten Landwirtschafts- und Umweltpolitik, die ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit versucht, ein Maximum an Produktion aus den Böden und der Bevölkerung herauszupressen.“ (Seite 214)
Von 1997 bis 2006 starben in 220 Ländern 1.200.000 Menschen durch Naturkatastrophen (vor allem Überflutungen), davon 458.000 (38%) in Nordkorea .

Insgesamt ein Buch mit sehr lesenswerten Einblicken, das fair über die nordkoreanische Bevölkerung und kritisch über das Regime berichtet. Der Text des CSU-Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk im Buch erscheint eher überflüssig. Er berichtet u.a. stolz davon das die Bundesrepublik Nordkorea im Winter 2001/2002 27.000 Tonnen Rindfleisch spendete, vergisst aber zu erwähnen das dieses Fleisch während der BSE-Krise von der Bundesrepublik aus dem Verkauf genommen wurde. So entpuppt sich scheinbare Mildtätigkeit als clevere Entsorgungsmöglichkeit.

Christoph Moeskes (Hrsg.): Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land, Bonn 2009.

Der reaktionäre Rand der „Konrad-Adenauer-Stiftung“

Für eine Freundin, in der Hoffnung sie vor einem möglichen Fehler zu bewahren.

Was ist die KAS?
Die „Konrad-Adenauer-Stiftung“ (KAS) ist die politische Stiftung der CDU. Alle größeren Parteien der Bundesrepublik verfügen über eine eigene politische Stiftung. Diese dient vor allem dazu eigenen Nachwuchs heranzuzüchten und die politische Meinung im eigenen Sinne zu beeinflussen. Weniger bekannt ist, dass alle politischen Parteien-Stiftungen eine eigene Neben-Außenpolitik betreiben.
So soll die KAS in den 1980er Jahren den blutigen Untergrund-Krieg der antikommunistischen Contras gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas und auch das Pinochet-Regime unterstützt haben. Der taz-Autor Bernd Pickert bescheinigte 2008 der KAS noch immer ein solche Politik zu verfolgen, u.a. weil sie in Brasilien den Verantwortlichen für ein Massaker eingeladen hatte [1].

Wie die Union verfügt auch die KAS über einen rechte Rand. Das äußert sich zum Teil in der Wahl reaktionärer Bündnispartner. So arbeitete die KAS u.a. zusammen mit:
* der „Evangelischen Allianz“
* Evangelikalen allgemein (lud am 02.11.2007 Vertreter der US-Evangelikalen auf eine KAS-Tagung nach Berlin)
* der Antiabtreibungsorganisation „Hilfe zum Leben Pforzheim“ und dem „Treffen Christlicher Lebensrechts-Gruppe“ („Seminar Familie fördern – Leben schützen“ 2009)
KAS-Kooperation mit Abtreibungsgegnern
* dem deutschnationalen „Studienzentrum Weikersheim“

Auch unter den Stipendiaten und Mitarbeitern der KAS finden sich einige Rechtsausleger. Zu nennen wären hier Beispiele wie Klaus Kunze (ehemaliger REPs-Funktionär, rechter Szeneanwalt), Uwe Backes (Extremismustheoretiker), Eckhard Jesse (Extremismustheoretiker), Manfred Noe („ein Reiseprediger der Konrad Adenauer Stiftung“, Ex-Mitglied des „Staatspolitischen Clubs“ in Frankfurt, eines ehemaligen „Junge Freiheit“-Leserkreises) und Bernhard Posselt (Ex-Mitarbeiter der „Konrad-Adenauer-Stiftung“, Vizepräsident der reaktionären „Paneuropa-Union“).
Lange Zeit war der akademische Anti-Antifa-Aktivist Hans-Helmuth Knütter auch Vertrauensdozent der Konrad-Adenauer-Stiftung. So leitete er u.a. auch eine KAS-Tagung in Zusammenarbeit mit dem „Knütter-eigenen“ „Seminar für Politische Wissenschaft der Universität Bonn“, die Ende 1995 im KAS-Bildungszentrum Schloß Eichholz zum Thema „Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland“ stattfand. Damals traten allerhand Rechte als Referenten und Teilnehmer auf.

Feindbild Links
Auffällig bei der KAS ist, das sie in diversen Publikationen ein antilinkes Feindbild vertritt. Hier ist der Blick in KAS-Zeitschrift „Die politische Meinung“ (früher: „Eichholzbrief“) sehr erhellend.

In der von der KAS herausgegebenen Broschüre „Die unterschätzte Gefahr. Linksextremismus in Deutschland“ (Positionen, Nr. 10, Sankt Augustin, 10. Nov. 2008) von Uwe Schünemann [2],
Innenminister von Niedersachsen, heißt es bereits im Vorwort:

„Mit dem Einzug der Partei DIE LINKE in den niedersächsischen Landtag stellt eine Partei eine Fraktion im Parlament, die zugleich unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz steht. Uwe Schünemann begründet und beschreibt in seiner Rede die Bedrohung durch den Linksextremismus als „unterschätzte Gefahr”. Dabei nimmt er sowohl die Programmatik der Partei DIE LINKE und deren Gliederungen als auch die Verbindungen zu so genannten außerparlamentarischen Netzwerken und Gruppen in den Blick.“

Schünemann beschwört den „antitotalitären Konsens“ und die „wehrhafte Demokratie“ gegen Links. Doch selbst Schünemann muss einen grundsätzlichen Unterschied zwischen links und rechts eingestehen:

„Während Rechtsextremisten im Kern eine Ideologie der Ungleichheit verfechten, ist es bei Linksextremisten genau umgekehrt. Sie greifen, vereinfacht gesagt, die positiv besetzten Werte Freiheit und Gleichheit in radikaler Zuspitzung auf und wollen den Menschen aus Abhängigkeiten befreien. Das erschwert die inhaltliche Auseinandersetzung mit Linksextremisten.“

Trotzdem warnt er vor den „inhumanen Konsequenzen“ linker Politik. Radikal linke Politik sei aber vor allem Heranwachsenden anzurechnen, die fehlgeleitet seien:

„Dabei spielt sicher auch fehlgeleiteter Idealismus und Protestverhalten gegen gesellschaftliche Missstände eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier müssen wir stärker ansetzen, um junge Menschen vor dem Abdriften in extremistische Zusammenhänge zu bewahren.“

Der KAS-Text „»Antifaschismus«“ – Zum Blendcharakter einer politischen Allzweckwaffe. Ein Begriff wird zur Narkose-Vokabel“ von Manfred Funke (Die Politische Meinung, Sankt Augustin, 1. Aug. 2002) [3] geht in der Manier einer theoretischen Anti-Antifa vor.
So heißt es in dem Text: „Wer „antifaschistisch“ ist, aber nicht zugleich gegen rechts- wie linksextremistische Bestrebungen optiert, veruntreut unser Verfassungsgut sowie den Verfassungsauftrag.“
Antifaschismus als Begriff bedürfe „besonderer definitorischer Fürsorge“, denn „er wird […] zugleich in vermeintlich ebenfalls defensiver Absicht parasitär vom Linksextremismus zur Schwächung bürgerlicher Gesellschaft und zur Beförderung eines diffusen egalitären Humanismus benutzt.“
Doch „dieser „Antifaschismus“ aus „kritischem“ linken Milieu ist eine Narkose-Vokabel. Sie soll die historische Tatsache betäuben, dass der Sozialismus der NSDAP den Sozialismus der SPD und der KPD beim Kampf um die Macht 1933 in Deutschland besiegte und sich die Massen mehrheitlich nicht zur Diktatur des Proletariats bekannten.“
Der „Polypen-Begriff“ des Antifaschismus

„schnellt […] als Allzweckwaffe in richtungsloser Beliebigkeit aggressiv gegen alles heraus, was den Verdacht des Faschistoiden zwischen Mitte und Rechts nur annähernd bestätigen könnte.“
Der Autor bedauert: „Wer im Neuen Deutschland einen Artikel schreibt, kommt „ungeschoren“ davon; wer der Jungen Freiheit ein Interview gibt, provoziert eine Kampagne.“

In seinem Text bezieht sich der Autor auf eine Dissertation des „Junge Freiheit“-Autors Claus-M. Wolfschlag, der sich in der JF vor allem auch als akademischer Anti-Antifa hervortat. Manfred Funke verlangt den Ersatz von „antifaschistisch“ durch „antitotalitär“:

„Wer antifaschistisch, aber nicht zugleich antitotalitär ist, das heißt gegen rechts wie linksextremistische Bestrebungen klar optiert, veruntreut sowohl unser Verfassungsgut wie auch den Verfassungsauftrag.“

Funke behauptet tatsächlich in einem offiziellen KAS-Papier, dass „unsere gegenwärtige Staatsführung in der Bildungsarbeit manipulierende Geschichtspolitik finanziert“ und das „die Zurückweisung des Vergleiches roter und brauner Diktatur wohl doch nichts anderes ausweist denn bloße ideologische Verbohrtheit.“ Abschließend schimpft er auf „die „antifaschistische“ Informationspädagogik libertärer Weltverbesserer in so manchen Sendeanstalten und Redaktionsstuben“ und behauptet, dieser spiegle „einen gesinnungsträchtigen Intellektuellen-Autismus“.

Ein Udo Baron verfasste für die KAS den Text „Auf dem Weg zur gezielten Gewalt? Verbindungen zwischen Linksautonomen und der Partei DIE LINKE“ („Die Politische Meinung“, Sankt Augustin, 1. Mai 2010) [4], in dem er behauptet:

„Die „Antideutschen“ lehnten unter der Parole „Nie wieder Deutschland“ die deutsche Einheit vehement ab, forderten die Auflösung des deutschen Staates und seines Volkes und ihr Aufgehen in einer multikulturellen Gesellschaft.“

Derselbe Udo Baron verfasste den Text „Die Extremen berühren sich. Wer ist hier noch rechts und wer links?“ (Die Politische Meinung, Sankt Augustin, 1. Dez. 2009) [5], in dem er versucht eine Verwandtschaft von extremer Rechter und radikaler Linken zu konstruieren. Allein die Verwendung des Begriffes „Rechtsautonomen“ impliziert eine Ähnlichkeit zu „Linksautonomen“. Baron versucht die Ähnlichkeit vor allem über gemeinsame Ablehnungen festzumachen:

„Inhaltlich verbindet Rechts- und Linksautonome ihr Hass auf die bestehende Ordnung und das Bestreben, diese gewaltsam zu überwinden. Beide Strömungen definieren sich über Anti-Einstellungen. Sie verstehen sich als antikapitalistisch, antiimperialistisch, antiparlamentarisch, antiamerikanisch und globalisierungsfeindlich. Diesen Gemeinsamkeiten zum Trotz dürfen aber die gravierenden Unterschiede zwischen rechts- und linksextremistischen Autonomen nicht übersehen werden. Während Linksautonome eine kommunistische beziehungsweise herrschaftsfreie Gesellschaft anstreben, verfolgen Rechtsautonome das Ziel einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft.“

Erstens differenziert er nicht zwischen einem völkischen (verkürzten) Antikapitalismus und einem linken Antikapitalismus und zweites verschweigt er die komplett unterschiedlichen Ziele (Nazi-Volksgemeinschaft oder „sozialistische Weltrepublik“).
Natürlich entblödet sich Baron nicht in Anlehnung auf Professor Ernst Nolte von der Ähnlichkeit von „Rassenhass“ und „Klassenhass“ zu reden: „Predigen die einen den Klassenhass, so reden die anderen dem Rassenhass das Wort.“

Mit einer traditionsreichen Parole „Freiheit oder Sozialismus. Die Linke in Nordrhein-Westfalen“ hat Patrick Moreau (Zukunftsforum Politik, Nr. 105, Sankt Augustin, 27. Juli 2010) seinen Text überschrieben [6].
Hier wird die Linkspartei in die Nähe stalinistischer Terror-Politik gerückt:

„Der Unterschied zwischen den Sozialisten und ihren politischen Gegnern liege im Streben nach Überwindung jener Eigentums- und Machtverhältnisse, die der „herrschenden” kapitalistischen Klasse ihre Macht sichern. Mit ähnlichen Formulierungen wurde die Vernichtung der Kulaken in der UdSSR organisiert. Selbstverständlich schweigt die Partei über ihre Reaktionen auf den möglichen Widerstand der „Kapitalisten” gegen den Aufbau des Sozialismus. Aber sie macht klar, dass die Transformation definitiv und irreversibel sein wird. Zwangsmaßnahmen gegen die „Mächtigen”, gegen die „Kapitalisten” sind zu befürchten (und zweifellos auch, wie Ilja Ehrenburg formuliert hätte, gegen ihre Diener und andere „Kettenhunde des Kapitalismus”). Dieser offensichtliche Dualismus der Linken, der in Marx wurzelt, charakterisiert eine rigide, antidemokratische Denkstruktur, die sich zum Totalitarismus hin entwickeln kann.“

Moreau schließt aus seinen „Erkenntnissen“: „Die traditionelle Heilslehre der Partei ersteht an dieser Stelle neu, und die Internationale bleibt als Hymne die Nummer eins der Hitparade der Linken.“
Moreau unterstellt der Linkspartei, sie führe einen „Kreuzzug gegen die Freiheit“.

Der Text „Offensive Gegenwehr. Auseinandersetzung mit der „Linken““ stammt von Harald Bergsdorf (Die Politische Meinung, Sankt Augustin, 9. Apr. 2008) [7].
Wie der Titel verspricht wird hier in die Offensive gegangen: „Letztlich müssen alle gemäßigten Kräfte helfen, die „Linke“ zurückzudrängen […]“.
Zwar gesteht der Autor ein, dass „es unzureichend wäre, die „Linke“ allein mit antikommunistischen Argumenten zu bekämpfen“, macht es dann aber trotzdem. Natürlich wird auch die DDR-Regierungspartei SED als einer der Vorgänger der Linkspartei erwähnt: „Damit gründet die „Linke“ hauptsächlich auf einer Diktaturpartei, die für massivste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich war.“
Indirekt findet sich auch die Analogisierung von Nationalsozialismus und DDR-Realsozialismus:

„Während 1945 die USA und Großbritannien Westdeutschland befreiten, erkämpften sich 1989 im Osten – unter anderen Bedingungen – Deutsche selbst die Freiheit.“

Das Autorenduo Udo Baron und Manfred Wilke schrieb den Text „“Grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft“. DIE LINKE – Die deutsche Einheit und die Systemfrage“ (Die Politische Meinung, Sankt Augustin, 2. März 2011) [8].
In ihm werden Marx’sche Theorie in direkte Verbindung mit realsozialistischer Politikpraxis gebracht: „

Was im neunzehnten Jahrhundert Theorie war, wurde im zwanzigsten Jahrhundert in den kommunistischen Regimen, die sich als Diktaturen des Proletariats legitimierten, repressive Wirklichkeit zentralistischer Parteiendiktaturen.“

Unter der Überschrift „Extremistische Handschrift“ heißt es zum Programm der Linkspartei:

„Der Programmentwurf der Partei DIE LINKE trägt die eindeutige Handschrift ihrer extremistischen Zusammenschlüsse. Er enthält Forderungen, die für sich genommen nicht immer als extremistisch bezeichnet werden können.“

Das genannte Autorenduo Udo Baron und Manfred Wilke schrieb auch zum Thema „Globalisierungsgegner weltweit vernetzt. Über das Verhältnis zwischen Attac und der Deutschen Kommunistischen Partei“ (Die Politische Meinung, Sankt Augustin, 5. Mai 2004) [9]. Den Autoren ist es wichtig Attac als „linksextremistisch beeinflusst“ zu diffamieren:

„Auf Grund ihrer kapitalismuskritischen Einstellung und ihrer Heterogenität bietet die Anti-Globalisierungsbewegung im Allgemeinen und Attac im Besonderen zahllose Anknüpfungspunkte für den Linksextremismus.“

Als Urheber mache Baron und Wilke die DKP aus:

„Mithilfe dieser Methode konnte und kann die DKP in Bewegungen steuernden Einfluss ausüben, ohne dass die Mehrheit ihrer Aktivisten, damals wie heute, der DKP angehören oder mit ihr sympathisieren mussten.“

*** Anmerkungen ***
[1] Bernd Pickert: Lagerdenken wie im Kalten Krieg, taz, 24.04.2008, http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2008%2F04%2F24%2Fa0131&cHash=cd1999ac3a
[2] http://www.kas.de/wf/de/33.15029/
[3] http://www.kas.de/wf/de/33.569/
[4] http://www.kas.de/wf/de/33.19488/
[5] http://www.kas.de/wf/de/33.18377/
[6] http://www.kas.de/wf/de/33.20217/
[7] http://www.kas.de/wf/de/33.13358/
[8] http://www.kas.de/wf/de/33.22052/
[9] http://www.kas.de/wf/de/33.4619/

„Deutschland auf Sonnenkurs“- ein kritisches Kurzporträt von Franz Alt

Franz Alt ist in der umweltbewegten Szene ein wichtiger ökologischer Vordenker. Doktor Franz Alt, Jahrgang 1938, fällt aber immer wieder durch nationalistische Tendenzen und den Flirt mit der extremen Rechten auf.
Leider ist diese Tatsache in Teilen der ökologischen Szene entweder unbekannt oder – schlimmer noch – wird geflissentlich ignoriert. Deswegen soll an dieser Stelle ein kritisches politisches Kurzporträt von Alt nachgezeichnet werden.

Franz Alt war 1962 bis 1988 CDU-Mitglied und danach Mitglied der ÖDP, einer rechten Abspaltung von den Grünen unter dem Rechtsökologen Herbert Gruhl (1921-1993), mit dem Alt auch persönlich befreundet gewesen sein soll.

Vom Beruf her ist Franz Alt Journalist, so war er 1972 bis 1992 Chef des SWR-Magazins „Report“. Doch auch für rechte Blätter griff der Adolf-Grimme-Preisträger schon zur Feder. Alt veröffentlichte in dem rechtskonservativen Magazin „MUT“, in der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, in dem rechten verschwörungstheoretischen „Magazin 2000“ und in dem esoterischen Blatt „Die andere Realität“. Der „Jungen Freiheit“ und der „Deutschen National-Zeitung“, dem ehemaligen DVU-Hausblatt, stand er bereits als Interviewpartner zur Verfügung.
Franz Alt ist auch des Mitautor bzw. -herausgeber des Sammelbandes „Die Tragödie des Westens“, dass in dem Verlag „Edition JF“ der „Jungen Freiheit“ erschien und sich mit dem Irakkrieg beschäftigt.
Die Tragödie des Westens

Franz Alt betätigt sich auch aktiv als so genannter „Lebensschützer“ (Abtreibungsgegner). So hat er die Anti-Abtreibungsinitiative „Aktion Lebensrecht für Alle e. V.“ (ALfA) mitbegründet [1].

In der Argumentation von Alt tauchen zumindest früher immer wieder antijüdische Komponenten auf. So setzte der Christ Franz Alt gegen das Judentum (s)einen ökologischen Jesus. Das Erscheinen und der Erfolg von Alts 1989 erschienen Buch „Jesus – der erste neue Mann“ veranlasste Micha Brumlik in dem Pamphlet „Der Anti-Alt. Wider die furchtbare Friedfertigkeit“ [2] eine Gegenposition zu beziehen, „weil es sich bei diesem Buch um den ersten antisemitischen Bestseller im Nachkriegsdeutschland handelt, um ein Buch , das wie eine Büchse der Pandora im Gewande von Befreiung und Liebe Haß und Angst sät.“ (Seite 7). In Alts Buch sieht Brumlik einen Ausdruck des neuen, christlichen Antijudaismus, der „an den Rändern von Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung“ (Seite 12) gedeiht. Grundsätzlich will Alt den „alttestamentarischen Rachegott“, durch einen Liebes-Jesus ersetzen. Christen sollen dafür aufhören, „wie Juden [zu] denken“. Micha Brumlik erkennt, Alt „beschwört die absolute Unvereinbarkeit von Judentum und Christentum“ (Seite 34) und er lässt „nichts unversucht, das Judentum Jesu auszurotten“ (Seite 117). Brumlik konstatiert: „Wenn der Erfolg von Alts Buch eines beweist, dann doch eben, daß der Glaube an die Erlösung durch einen jüdischen Gott für viele Deutsche nach wie vor unerträglich ist.“ (Seite 117). Denn natürlich ist das Bild vom alttestamentarischen und somit jüdischen Rachegott ein Instrument aus dem Arsenal des christlichen Antijudaismus. Auch Alts Bezug auf die feministisch-theologische Kritik des „jüdischen Patriarchalismus“ nutzt da nichts, das die feministischen Theologinnen in diesem Punkt ebenso einem antijüdischen Klischee folgen. Progressive Theologinnen hatten das bereits sehr früh erkannt und sich von dieser Argumentationsfigur distanziert.

Als Referent trat Franz am 8. November 2008 bei der „Ideenwerkstatt“ der extrem rechten Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld auf. Im April 2011 trat er zudem bei dem baden-württembergischen Landesparteitag der christlich-fundamentalistischen AUF-Partei auf.

Unlängst war Franz Alt offenbar Ideengeber für eine ökonationalistische Greenpeace-Kampagne. Deren Motto „Deutschland ist erneuerbar“ war nämlich bereits der Titel eines Interview-Bandes mit Franz Alt.
Der Band erschien „Gerhard-Hess-Verlag“ mit Sitz in Bad Schussenried. Dieser Verlag gibt auch die Bücher der christliche Reaktionärin Christa Meves und das Jahrbuch „Naturkonservativ“ der extrem rechten Herbert-Gruhl-Gesellschaft heraus. Um Kunden zu gewinnen schaltete der „Gerhard-Hess-Verlag“ in Vergangenheit auch Anzeigen in der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Trotz dieser rechten und reaktionären Umtriebe ist Franz Alt Mitglied der linksprotestantischen Gruppe „Pax Christi“ und Sprecher des Kuratoriums „Instituts für solidarische Moderne“ [3], einem grün-linken Thinktank.

*** Anmerkungen ***
[1] Frauen gegen den §218 – Bundesweite Koordination (Hg.): Vorsicht »Lebensschützer«, Hamburg 1991, Seite 61-66
[2] Micha Brumlik: Der Anti-Alt. wider die furchtbare Friedfertigkeit, Frankfurt am Main 1991
[3] Vgl. http://www.solidarische-moderne.de/de/topic/13.vorstand-a-kuratorium.html

Buchkritik „Amerika, dich haßt sich’s besser“ von Andrei S. Markovits

„Der Atlantik ist in den letzten Jahren breiter und tiefer geworden.“ (Seite 30) konstatiert der Buchautor Andrei S. Markovits in seinem Buch „Amerika, dich haßt sich’s besser“ aus dem Jahr 2004. Es tobe ein regelrechter Kulturkampf zwischen den USA und Europa.
Bei seinem Verständnis von Antiamerikanismus orientiert sich der Autor an der Definition von Paul Holland, der schreibt:

Antiamerikanismus ist die Anfälligkeit für Feindseligkeit den Vereinigten Staaten und der amerikanischen Gesellschaft gegenüber, ein unbarmherzig kritischer Impuls gegenüber amerikanischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen, Traditionen und Werten; er geht einher mit einer Aversion gegen amerikanische Kultur und ihren Einfluß im Ausland, verachtet häufig den amerikanischen Nationalcharakter (oder was dafür gehalten wird), mag amerikanische Menschen, Stile, Verhalten, Kleidung usw. nicht, lehnt die amerikanische Außenpolitik ab und ist fest davon überzeugt, daß amerikanischer Einfluss und amerikanische Präsenz wo auch immer auf der Welt schlecht sind. (Seite 17)

Die Vorurteile gegenüber den Vereinigten Staaten sind zahlreich: Die US-Amerikaner seien minderwertig und bedrohlich, sie seien unauthentisch, vulgär und sie seien eine Art Parvenüs (Neureiche). Im Antiamerikanismus existiert eine starke Angst vor Degeneration. „Amerikanisierung“ bzw. „amerikanische Verhältnisse“ bedeutet immer „Verminderung“:
„der Begriff »Amerikanisierung« (oder auch »amerikanische Verhältnisse«) wird, besonders im Deutschen […] als ein »Label«, ein Etikett, ein Stigma gebraucht, und hat nichts von einer Analyse oder einer fundierten Begründung.“ (Seite 140) Auch die Massenkultur amerikanischen Ursprungs wird als „Amerikanisierung“ verworfen: „Zu viel individuelle Freiheit bei gleichzeitig kollektivistischer Konformität.“ (Seite 83)

Im Gegensatz zu anderen Ressentiments hat der Antiamerikanismus bisher keinen unmittelbaren Effekt, er ist relativ kostenfrei für US-Amerikaner.
Beim Antiamerikanismus handelt es sich um ein Ressentiment gegen einen Akteur, der auch wirklich Macht hat. Im Gegensatz dazu wird beispielsweise im Antisemitismus einer Minorität (Über-)Macht nur zugeschrieben. Markovits schreibt „Niemand hat den Großen gern“ und die USA sind „Mr. Big“.
Daher ist beim Antiamerikanismus das „wie“ und nicht das „was“ entscheidend. Wie wird Amerika kritisiert. Ein Beispiel wäre die Rezeption von Michael Moore in Europa, der zum gefeierte Star in Europa avancierte, weil er (vermeintlich) alle Klischees über die „dummen Amis“ bestätigte.

Markovits unterscheidet insgesamt vier Arten von Antiamerikanismus: rechter, linker, kultureller und politisch-ökonomischer. So gibt es im Antiamerikanismus häufig inhaltliche Berührungspunkte zwischen links und rechts. Wobei auch Unterschiede existieren, so ist linker kultureller Antiamerikanismus gegen die Warenwelt gerichtet, während rechter kultureller Antiamerikanismus gegen die angebliche Geschichtslosigkeit gerichtet.

Geschichte des Antiamerikanismus
In seinem Buch zeichnet Markovits eine 250jährige Traditionslinie des antiamerikanischen Ressentiment nach. Dabei zeigt Markovits auf, dass der Antiamerikanismus in Europa ein Projekt der europäischen Elite ist, während die Massen den USA lange Zeit positiv gegenüber standen. In den Staaten verhält es sich genau anders herum, die unteren US-Schichten sind eher gegen Europa, aber die US-Eliten sind eurozentrisch. Allerdings nahm das antieuropäische Ressentiment nie die Maße des europäischen Antiamerikanismus an.
In (West-)Europa gibt es nach Markovits keinen national spezifischen Antiamerikanismus. Das Ressentiment gleicht sich hier überall. In Europa, dem ehemaligen Standort zahlreicher Kolonialmächte, diente die Kritik am amerikanischen Imperialismus lange dazu vom eigenen abzulenken.

Seine Beispiele entnimmt Markovits vor allem aus Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Aus diesen Ländern zitiert er umfassend literarische Beispiele. So zeigt er, dass in der Western-Welt von Karl May eine feste Trias von Amerikaner – Indianer – Deutsche vorherrscht. Während Amerikaner sehr tumb sind, kommt es zu einer starken Identifizierung von May („emotionale Affinität“) mit Indianern, „die die Deutschen als Seelenverwandte bei der Verteidigung ihrer Kultur gegen den Angriff der amerikanischen materialistischen und käuflichen Zivilisation betrachteten.“ (Seite 77)

Mit der Zeit verbanden sich in Europa Antisemitismus und Antiamerikanismus. Es ist die Rede von der „Verjudung“ Amerikas. Markovits zitiert anschauliche Beispiele aus dem SS-Organ „Das schwarze Korps“, in denen gegen die „kulturlose Massengesellschaft“ gewettert wird.
Dollarimperialismus
OBEN: Flohmarkt-Schnappschuss, antiamerikanischer Klassiker aus der Nazizeit

Deutschland wird nun im antiamerikanischen Diskurs häufig als Vasall gesehen, eine eigenständige Rolle Deutschlands wird negiert. Es fällt „konstanten Selbstentmündigung auf, mit der sich Europäer unweigerlich zu Opfern Amerikas verdammt fühlt.“ (Seite 164)

Nach 1945 kommt es dann zu einer Nazifizierung des Antiamerikanismus-Vokabulars. „Auf eine Ebene mit den Nazis gestellt, wird den Amerikanern die moralische Berechtigung zur Kritik entzogen […].“ (Seite 81)

Nach dem Attentat vom 11.9. kam es zu einer Zäsur im europäischen Antiamerikanismus. Einmal kam es zu einer neuen Qualität, weil europäische Intellektuelle offen und ungehemmt Schadenfreude über den Tod von tausenden Menschen zeigten. Andererseits nahm auch die Quantität zu, da sich der Antiamerikanismus der Eliten bis zum Beginn des dritten Irakkrieges auch auf die Bevölkerungsmassen übertrug. Damit war es möglich über den Antiamerikaismus umfassend „Emotionen zu mobilisieren“, was beispielsweise der Sozialdemokrat Gerhard Schröder umfassend nutzte und sich damit seine Wiederwahl absicherte. „Schröder verteufelt Amerika um Deutschland aufzuwerten“ (Seite 119)
Seit dem Attentat vom 11.9. gilt bei vielen auch Israel als wahre Macht in der amerikanisch-israelischen Beziehung. Markovits nennt europäischen Antisemitismus und europäischen Antiamerikanismus „Zwillingsbrüder“. Israel wird zu „Mr. Big“ im Nahen Osten.

Antiamerikanismus als Kitt der europäischen Einigung
Das Kapitel V „Antiamerikanismus und »Europatümelei« im Prozeß europäischer Vereinigung“, verfasst von Lars Rensmann, befasst sich mit dem Antiamerikanismus als Kitt der europäischen Einigung. Die USA werden zum Anti-Europa: „Der Antiamerikanismus ist daher zu einem emotionalen, potenten und realen Moment der europäischen Identitätsbildung geworden.“ (Seite 217)
Selbst die Katastrophen-Geschichte Europas (Faschismus und Nationalsozialismus, Kolonialismus) gerät gegenüber den USA zum „positive[n] Erfahrungsschatz“: „Hierbei droht stets, daß die Geschichte des europäischen Zivilisationsbruchs zur Legitimitations- und Überlegenheitsideologie umfunktioniert wird.“ (Seite 226)
Kritik an dieser „Europatümelei“ und am Euro-Nationalismus leistete schon früh Hannah Arendt.

Fazit: Das akzeptierte Ressentiment

Markovits weist darauf hin, dass Antiamerikanismus das vermutlich letzte in der öffentlichen Sphäre Europas akzeptierte Ressentiment ist. Die Bezichtigung des Antiamerikanismus gilt nicht als Schande, sondern als Ehrentitel. Dies gelingt es dem Autor schlüssig nachzuweisen. Das Buch birgt einen riesigen Fundus an Beispielen. Der Autor scheint auch durch die Masse an Fällen überzeugen zu wollen. Am Buchanfang gibt es aber auch einen empirischen Teil gibt. Die Zahl der Beispiele hätte der Autor durchaus reduzieren können ohne dass das Buch an Überzeugungskraft eingebüßt hätte.
Stattdessen hätte der Autor noch einmal auf das große Feindbild Westen eingehen können, das zeitweise den Antiamerikanismus integrierte. So wurden zum Beispiel in der Weimarer Republik unter „Der Westen“ die USA, Großbritannien und Frankreich subsummiert. In Osteuropa scheint dieses antiwestliche Feindbild wieder auferstanden zu sein.
Interessant wäre es auch gewesen auf die Schiefheit antiamerikanischer Vergleiche einzugehen, wenn das amerikanische MTV „unserem“ Goethe gegenüber gestellt wird. Das Pendant zu MTV ist aber Musikantenstadl und nicht Goethe.
Trotzdem ist das Buch ein unbedingter Lesetipp, dessen Lektüre man so einigen stark ans Herz legen möchte.

Vortrag des Autors in Stuttgart
Am 4. Juli 2011 war Markovits zum Vortrag in Stuttgart. Bei dieser Gelegenheit erwarb der Rezensent auch das Buch.
Markovits
OBEN: Andrei S. Markovit im Juli 2011 in Stuttgart mit kulturimperialistischen Produkt

In seinem Vortrag setzte der Autor seine Beispiele dort weiter fort, wo sein 2004 verfasstes Buch endete. So skizziert er den personifizierten Antiamerikanismus am Beispiel Bush und Obama. Während Bush als idealtypischer Amerikaner herhalten musste, wurde Obama lange Zeit zum Quasi- und Proto-Europäer (gebildet, hat Klasse etc.) umgeschrieben. Erst nach der Exekution Bin Ladens wurde auch Obama zum „ugly american“.

* Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 4. Auflage 2008.