Buchkritik „Amerika, dich haßt sich’s besser“ von Andrei S. Markovits

„Der Atlantik ist in den letzten Jahren breiter und tiefer geworden.“ (Seite 30) konstatiert der Buchautor Andrei S. Markovits in seinem Buch „Amerika, dich haßt sich’s besser“ aus dem Jahr 2004. Es tobe ein regelrechter Kulturkampf zwischen den USA und Europa.
Bei seinem Verständnis von Antiamerikanismus orientiert sich der Autor an der Definition von Paul Holland, der schreibt:

Antiamerikanismus ist die Anfälligkeit für Feindseligkeit den Vereinigten Staaten und der amerikanischen Gesellschaft gegenüber, ein unbarmherzig kritischer Impuls gegenüber amerikanischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen, Traditionen und Werten; er geht einher mit einer Aversion gegen amerikanische Kultur und ihren Einfluß im Ausland, verachtet häufig den amerikanischen Nationalcharakter (oder was dafür gehalten wird), mag amerikanische Menschen, Stile, Verhalten, Kleidung usw. nicht, lehnt die amerikanische Außenpolitik ab und ist fest davon überzeugt, daß amerikanischer Einfluss und amerikanische Präsenz wo auch immer auf der Welt schlecht sind. (Seite 17)

Die Vorurteile gegenüber den Vereinigten Staaten sind zahlreich: Die US-Amerikaner seien minderwertig und bedrohlich, sie seien unauthentisch, vulgär und sie seien eine Art Parvenüs (Neureiche). Im Antiamerikanismus existiert eine starke Angst vor Degeneration. „Amerikanisierung“ bzw. „amerikanische Verhältnisse“ bedeutet immer „Verminderung“:
„der Begriff »Amerikanisierung« (oder auch »amerikanische Verhältnisse«) wird, besonders im Deutschen […] als ein »Label«, ein Etikett, ein Stigma gebraucht, und hat nichts von einer Analyse oder einer fundierten Begründung.“ (Seite 140) Auch die Massenkultur amerikanischen Ursprungs wird als „Amerikanisierung“ verworfen: „Zu viel individuelle Freiheit bei gleichzeitig kollektivistischer Konformität.“ (Seite 83)

Im Gegensatz zu anderen Ressentiments hat der Antiamerikanismus bisher keinen unmittelbaren Effekt, er ist relativ kostenfrei für US-Amerikaner.
Beim Antiamerikanismus handelt es sich um ein Ressentiment gegen einen Akteur, der auch wirklich Macht hat. Im Gegensatz dazu wird beispielsweise im Antisemitismus einer Minorität (Über-)Macht nur zugeschrieben. Markovits schreibt „Niemand hat den Großen gern“ und die USA sind „Mr. Big“.
Daher ist beim Antiamerikanismus das „wie“ und nicht das „was“ entscheidend. Wie wird Amerika kritisiert. Ein Beispiel wäre die Rezeption von Michael Moore in Europa, der zum gefeierte Star in Europa avancierte, weil er (vermeintlich) alle Klischees über die „dummen Amis“ bestätigte.

Markovits unterscheidet insgesamt vier Arten von Antiamerikanismus: rechter, linker, kultureller und politisch-ökonomischer. So gibt es im Antiamerikanismus häufig inhaltliche Berührungspunkte zwischen links und rechts. Wobei auch Unterschiede existieren, so ist linker kultureller Antiamerikanismus gegen die Warenwelt gerichtet, während rechter kultureller Antiamerikanismus gegen die angebliche Geschichtslosigkeit gerichtet.

Geschichte des Antiamerikanismus
In seinem Buch zeichnet Markovits eine 250jährige Traditionslinie des antiamerikanischen Ressentiment nach. Dabei zeigt Markovits auf, dass der Antiamerikanismus in Europa ein Projekt der europäischen Elite ist, während die Massen den USA lange Zeit positiv gegenüber standen. In den Staaten verhält es sich genau anders herum, die unteren US-Schichten sind eher gegen Europa, aber die US-Eliten sind eurozentrisch. Allerdings nahm das antieuropäische Ressentiment nie die Maße des europäischen Antiamerikanismus an.
In (West-)Europa gibt es nach Markovits keinen national spezifischen Antiamerikanismus. Das Ressentiment gleicht sich hier überall. In Europa, dem ehemaligen Standort zahlreicher Kolonialmächte, diente die Kritik am amerikanischen Imperialismus lange dazu vom eigenen abzulenken.

Seine Beispiele entnimmt Markovits vor allem aus Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Aus diesen Ländern zitiert er umfassend literarische Beispiele. So zeigt er, dass in der Western-Welt von Karl May eine feste Trias von Amerikaner – Indianer – Deutsche vorherrscht. Während Amerikaner sehr tumb sind, kommt es zu einer starken Identifizierung von May („emotionale Affinität“) mit Indianern, „die die Deutschen als Seelenverwandte bei der Verteidigung ihrer Kultur gegen den Angriff der amerikanischen materialistischen und käuflichen Zivilisation betrachteten.“ (Seite 77)

Mit der Zeit verbanden sich in Europa Antisemitismus und Antiamerikanismus. Es ist die Rede von der „Verjudung“ Amerikas. Markovits zitiert anschauliche Beispiele aus dem SS-Organ „Das schwarze Korps“, in denen gegen die „kulturlose Massengesellschaft“ gewettert wird.
Dollarimperialismus
OBEN: Flohmarkt-Schnappschuss, antiamerikanischer Klassiker aus der Nazizeit

Deutschland wird nun im antiamerikanischen Diskurs häufig als Vasall gesehen, eine eigenständige Rolle Deutschlands wird negiert. Es fällt „konstanten Selbstentmündigung auf, mit der sich Europäer unweigerlich zu Opfern Amerikas verdammt fühlt.“ (Seite 164)

Nach 1945 kommt es dann zu einer Nazifizierung des Antiamerikanismus-Vokabulars. „Auf eine Ebene mit den Nazis gestellt, wird den Amerikanern die moralische Berechtigung zur Kritik entzogen […].“ (Seite 81)

Nach dem Attentat vom 11.9. kam es zu einer Zäsur im europäischen Antiamerikanismus. Einmal kam es zu einer neuen Qualität, weil europäische Intellektuelle offen und ungehemmt Schadenfreude über den Tod von tausenden Menschen zeigten. Andererseits nahm auch die Quantität zu, da sich der Antiamerikanismus der Eliten bis zum Beginn des dritten Irakkrieges auch auf die Bevölkerungsmassen übertrug. Damit war es möglich über den Antiamerikaismus umfassend „Emotionen zu mobilisieren“, was beispielsweise der Sozialdemokrat Gerhard Schröder umfassend nutzte und sich damit seine Wiederwahl absicherte. „Schröder verteufelt Amerika um Deutschland aufzuwerten“ (Seite 119)
Seit dem Attentat vom 11.9. gilt bei vielen auch Israel als wahre Macht in der amerikanisch-israelischen Beziehung. Markovits nennt europäischen Antisemitismus und europäischen Antiamerikanismus „Zwillingsbrüder“. Israel wird zu „Mr. Big“ im Nahen Osten.

Antiamerikanismus als Kitt der europäischen Einigung
Das Kapitel V „Antiamerikanismus und »Europatümelei« im Prozeß europäischer Vereinigung“, verfasst von Lars Rensmann, befasst sich mit dem Antiamerikanismus als Kitt der europäischen Einigung. Die USA werden zum Anti-Europa: „Der Antiamerikanismus ist daher zu einem emotionalen, potenten und realen Moment der europäischen Identitätsbildung geworden.“ (Seite 217)
Selbst die Katastrophen-Geschichte Europas (Faschismus und Nationalsozialismus, Kolonialismus) gerät gegenüber den USA zum „positive[n] Erfahrungsschatz“: „Hierbei droht stets, daß die Geschichte des europäischen Zivilisationsbruchs zur Legitimitations- und Überlegenheitsideologie umfunktioniert wird.“ (Seite 226)
Kritik an dieser „Europatümelei“ und am Euro-Nationalismus leistete schon früh Hannah Arendt.

Fazit: Das akzeptierte Ressentiment

Markovits weist darauf hin, dass Antiamerikanismus das vermutlich letzte in der öffentlichen Sphäre Europas akzeptierte Ressentiment ist. Die Bezichtigung des Antiamerikanismus gilt nicht als Schande, sondern als Ehrentitel. Dies gelingt es dem Autor schlüssig nachzuweisen. Das Buch birgt einen riesigen Fundus an Beispielen. Der Autor scheint auch durch die Masse an Fällen überzeugen zu wollen. Am Buchanfang gibt es aber auch einen empirischen Teil gibt. Die Zahl der Beispiele hätte der Autor durchaus reduzieren können ohne dass das Buch an Überzeugungskraft eingebüßt hätte.
Stattdessen hätte der Autor noch einmal auf das große Feindbild Westen eingehen können, das zeitweise den Antiamerikanismus integrierte. So wurden zum Beispiel in der Weimarer Republik unter „Der Westen“ die USA, Großbritannien und Frankreich subsummiert. In Osteuropa scheint dieses antiwestliche Feindbild wieder auferstanden zu sein.
Interessant wäre es auch gewesen auf die Schiefheit antiamerikanischer Vergleiche einzugehen, wenn das amerikanische MTV „unserem“ Goethe gegenüber gestellt wird. Das Pendant zu MTV ist aber Musikantenstadl und nicht Goethe.
Trotzdem ist das Buch ein unbedingter Lesetipp, dessen Lektüre man so einigen stark ans Herz legen möchte.

Vortrag des Autors in Stuttgart
Am 4. Juli 2011 war Markovits zum Vortrag in Stuttgart. Bei dieser Gelegenheit erwarb der Rezensent auch das Buch.
Markovits
OBEN: Andrei S. Markovit im Juli 2011 in Stuttgart mit kulturimperialistischen Produkt

In seinem Vortrag setzte der Autor seine Beispiele dort weiter fort, wo sein 2004 verfasstes Buch endete. So skizziert er den personifizierten Antiamerikanismus am Beispiel Bush und Obama. Während Bush als idealtypischer Amerikaner herhalten musste, wurde Obama lange Zeit zum Quasi- und Proto-Europäer (gebildet, hat Klasse etc.) umgeschrieben. Erst nach der Exekution Bin Ladens wurde auch Obama zum „ugly american“.

* Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 4. Auflage 2008.