Buchkritik: Sammelband erlaubt Einblicke in Nordkorea

Nordkorea ist das weltweit am stärksten abgeschottete Land. Wenig ist hierzulande bekannt über das Land, in dem immerhin 23 Millionen Menschen leben. Unter der Herausgeberschaft von Christoph Moeskes erschien der Sammelband „Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land“ (Bonn 2009), der, wie im Titel angegeben, tatsächlich Einblicke in das abgeschottete Land ermöglicht. Für den Sammelband verfassten sehr unterschiedliche Personen Beiträge, von denen die meisten Nordkorea von eigenen Besuchen her, ausgehandelt mit der nordkoreanischen „Genehmigungs-Diplomatie“, kennen. Darunter sind auch AutorInnen, die seit Jahren immer wieder nach Nordkorea reisen.
Kim-Jong Il
In Nordkorea nennt sich die Staatsideologie „Juche“ und wird in den Medien häufig fälschlicherweise vereinfacht als Kommunismus bezeichnet. Im Sammelband wird sie als „neo-konfuzianische Variante des kommunistischen Totalitarismus“ beschrieben:

„Nirgendwo wird dieser Widerspruch so deutlich wie in der Staatsideologie Juche. Sie verbindet Elemente Elemente des Marxismus-Leninismus, des Nationalismus, christlicher Heilserwartung und konfuzianischer Hierarchievorstellungen zu einer schwer greifbare Universaltheorie, die das gesamte Leben in Nordkorea durchdringt.“ (Seite 13)

Die nationalistisch geprägte Juche-Ideologie baut stark auf die Erinnerungskultur an den Partisanenkampf gegen die japanische Besatzung 1910-1945 und den Koreakrieg 1950-53 (eine Million tote Soldaten und drei Millionen tote Zivilisten) auf:

„Was als als Mittel zur Entkolonialisierung verstanden werden kann, erwuchs in der Folgezeit zu einer selbstreferentiellen Doktrin, die sich gegen jegliche Einflüsse von außen wehrte und in der Wirtschaft eine radikale Autarkie zur Folge hatte.“ (Seite 13)

„Nordkoreanische Denkmale, Filme, Plakate und Museen haben im Grunde nur ein Thema: Krieg. Er ist das eigentliche Prinzip, auf dem der Staat seine Proklamationen gründet und zur unbedingten Abwehrbereitschaft gegen mutmaßliche Feinde, insbesondere die USA, anhält.“ (Seite 18)

Dadurch gerät die Juche-Ideologie stark militaristisch („Kampf ist unsere Identität“). Noch vor der Partei (deren ZK aber seit 1995 nicht mehr zusammengetreten ist) und der Staatsbürokratie ist auch das Militär der wichtigste Machtfaktor in Nordkorea. Heute hat Nordkorea die fünftgrößte Armee der Welt. In ihr dienen eine Millionen Soldaten und 800.000 Rekruten, des weiteren gibt es drei bis vier Millionen Reservisten.

In Nordkorea hat sich ein grotesker Personenkult herausgebildet, wodurch die „Herrschaftsordnung, […] sektenartige Züge trägt“:

„In dieser Tradition geht es vor allem um gesellschaftliche Ordnung, die durch strikte Einteilung, Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung sowie durch peinlich genau zu beachtende Riten gewährleistet werden soll: Der Persönlichkeitskult und die beiden Kims nimmt koreanische Staatstraditionen ebenso auf wie die Vorstellung, der Staatsführer verkörpere als Oberhaupt der Gemeinschaft absolute Autorität.“ (Seite 217)

Der Führer-Vater Kim Il Sung (1912-1994), „Staatspräsident auf ewige Zeiten“ und „Großer Führer“, und der Führer-Sohn Kim Jong Il, „Geliebter Führer“ haben in Nordkorea de facto den Status von Gottkönigen. Alles was Kim Il Sung berührt hat, wurde zur heiligen Stätte gemacht. Statuen und Bildnisse geraten zu sakralen Einrichtungen. Vor Statuen verbeugt man sich und die Porträts erfahren eine quasi-religiöse Behandlung:

„In öffentlichen Gebäuden und Wohnungen hängen eingerahmte Bildnisse des Großen Führers und des Geliebten Führers. Die Porträts werden mit Bürsten gereinigt, die in besonderen Behältnissen aufbewahrt werden. Sollte ein Bild auch nur leicht beschädigt sein, wird dies als politisches Verbrechen geahndet.“ (Seite 15)

Statt Kreuz-Anhänger wie im Christentum gibt es Anstecknadeln der Kims:

„Seit Anfang der siebziger Jahre tragen Nordkoreaner eine Anstecknadel mit dem Porträt des Großen Führer am Herzen; in den achtziger Jahre, als Kim Jong Il öffentlich zum Nachfolger aufgebaut wurde, kamen auch solche hinzu, die ihn, den Geliebten Führer, zeigen.“ (Seite 16)

Überall finden sich die „weisen“ Sprüche des „Großen Führers“:

„Die Schönheit des Myohyang-Gebirges wird nicht unerheblich geschmälert durch die weisen Inschriften Kim Il Sungs, die fast in jede Felswand gemeißelt sind.“ (Seite 81)

In einem extrem hierarchisierten Staat wie Nordkorea ist es unmöglich eine Opposition aufzubauen, überall hat der Staat seine Spitzel:

„Die Staatssicherheit hat einen Informanten für 50 Nordkoreaner, in jedem Wohnblock einen Posten und mindestens drei Agenten in kleineren Siedlungen.“ (Seite 26)

Trotzdem gab es ein paar, von oben verordnete, Änderungen, die im Westen weitgehend unbemerkt blieben:

„In Nordkorea haben in den letzten Jahren, von der auf die Nuklearpolitik fixierten Öffentlichkeit im Westen oft unbemerkt, gravierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden.“ (Seite 154)

Doch sollte man die Reformen in Nordkorea nicht überschätzen. In Nordkorea soll es weiterhin 150.000 politische Gefangene in zehn Lagern geben. Auch die Toten durch Hungersnot und Naturkatastrophen gehen auf das Konto des nordkoreanischen Regimes. Bei der Hungersnot in Nordkorea von 1994 bis 1998 starben mindestens 600-900.000, anderen Angaben nach sogar 2.000.000 Menschen. Nach der Hungersnot, von 1997 bis 1998 flohen 250.000 Nordkoreaner nach China.
„Die Ursachen für die Hungersnöte und die Naturkatastrophen, die Nordkorea immer wieder heimsuchen, liegen in einer verheerend verfehlten Landwirtschafts- und Umweltpolitik, die ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit versucht, ein Maximum an Produktion aus den Böden und der Bevölkerung herauszupressen.“ (Seite 214)
Von 1997 bis 2006 starben in 220 Ländern 1.200.000 Menschen durch Naturkatastrophen (vor allem Überflutungen), davon 458.000 (38%) in Nordkorea .

Insgesamt ein Buch mit sehr lesenswerten Einblicken, das fair über die nordkoreanische Bevölkerung und kritisch über das Regime berichtet. Der Text des CSU-Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk im Buch erscheint eher überflüssig. Er berichtet u.a. stolz davon das die Bundesrepublik Nordkorea im Winter 2001/2002 27.000 Tonnen Rindfleisch spendete, vergisst aber zu erwähnen das dieses Fleisch während der BSE-Krise von der Bundesrepublik aus dem Verkauf genommen wurde. So entpuppt sich scheinbare Mildtätigkeit als clevere Entsorgungsmöglichkeit.

Christoph Moeskes (Hrsg.): Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land, Bonn 2009.