Buchkritik „Der Heilige Vater. Benedikt XVI.“ von Gerhard Feldbauer

Den Papst zu kritisieren ist eigentlich nicht sonderlich schwer. Ein alter Mann in Rom, der von sich behauptet sein ganzes Leben keusch zu leben und leben zu wollen, ist plötzlich die moralische Instanz für Sexualität und Schwangerschaft.
Der 265. Papst, genannt Benedikt XVI., vormals Joseph Ratzinger, bietet nochmal besonders viele Ansatzpunkte für Kritik, weil er eine besonders „reaktionäre Offensive“ vorantreibt. Genau das thematisiert auch Gerhard Feldbauer in seinem Buch „Der Heilige Vater. Benedikt XVI. – Ein Papst und seine Tradition“:

Benedikt XVI. setzt die reaktionäre Gegenoffensive seines Vorgängers nicht einfach nur fort, er verstärkt sie noch. Seine Attacken stellen auf ein Rollback gegen die Aufklärung und die irdische Emanzipation des Menschen ab.

(Seite 7-8)

Feldbauer gibt gut in seinem Buch die Geschichte von Ratzingers Vorgänger-Papst wider. Bei all seiner Kritik an diesem, vergisst er dabei aber leider dessen Beteiligung am Widerstand gegen die deutsche Besatzung zu erwähnen.
Auch die Darstellung der Geschichte der Papstmonarchie, ihre Verstrickungen in mafiöse Geschäfte und dem Kampf gegen Verweltlichung, sind lesenswert.
Beispielsweise schreibt Feldbauer auch über das „Bündnis von Thron und Altar“ bzw. zwischen Mussolini und dem Vatikan, was dazu führte das der Vatikan nie den kolonialen Massenmord im christlichen Äthiopien verurteilte. Auch das der Vatikan sich mit Kreuzzugs-Vokabular im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion positionierte, erwähnt der Autor. Ein heute häufig vergessener Fakt.

Diese Allianz für „Kirche und Nation“ hält bis heute an. Im Oktober 2007 sprach Papst Benedikt XVI. 498 Kreuzritter Francos selig. Das war die bisher größte Seligsprechung der Geschichte. Feldbauer schreibt hierzu:

Die Seligsprechung offenbarte einen weiteren Aspekt seiner Offensive: die Rehabilitierung des Bündnisses der katholischen Kirche mit dem Faschismus, wie es auch während der Niederschlagung der Volksfront in Spanien praktiziert wurde.

(Seite 77)
Im Jahr 2009 verfügte er dann auch die Rücknahme der Exkommunikation der vier Piusbruderschaft-Bischöfe.

Kritik
Leider ist Feldbauers Buch nicht frei von problematischen Aspekten. Immer wieder folgt Feldbauer unbewiesenen Behauptungen, die zum Teil schon als Legenden enttarnt wurden. So behauptet Feldbauer die katholische Kirche hätte dem NSDAP-Parteikanzleileiter Martin Bormann zur Flucht verholfen (Seite 134).
Es ist auch höchst spekulativ den Mord an Aldo Moro einem Komplott von P2-Loge, Vatikan und CIA anzulasten. Nicht das so etwas grundsätzlich undenkbar wäre (Stichwort „Gladio“), aber das die „Rote Brigaden“ ein Instrument des CIA gewesen wäre, ist bisher unbewiesen.
Zu Feldbauers Hang zu Verschwörungstheorien passt auch, dass er vom „von den reaktionärsten Kreisen des deutschen Großkapitals an die Macht gebrachte Hitlerregime“ (Seite 125) schreibt. Die klassische, parteikommunistische Dimitrof-Theorie.

Zwei von Feldbauers Gewährsmännern sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Der Kirchenkritiker Hubertus Mynarek, der mit diversen kirchenfeindlichen wie „Universelles Leben“ oder „Scientology“ sympathisiert und sich deren Umfeld bewegt. Wenn Feldbauer Mynareks Behauptung von seinen angeblich manipulierten Bremsen (Seite 47) folgt, dann besteht die große Gefahr das er damit auf Mynareks Versuch sich als Kirchenkritiker wichtig zu machen,
Auch der verstorbene Karlheinz Deschner ist problematisch. Deschner relativierte Nationalsozialismus, einen Auszug aus seinem Buch „Der Moloch“ veröffentlichten die rechtsextremen „Staatsbriefe“ auf ihrer Homepage und er nahm an Veranstaltungen von „Universelles Leben“ teil.

In Anbetracht des hohen Preises des 200-Seite-Buches von knapp 15 Euro und seinen Mängeln ist es eher nicht zum Kauf zu empfehlen.

Gerhard Feldbauer: Der Heilige Vater. Benedikt XVI. – Ein Papst und seine Tradition, Köln 2010.