Buchkritik „Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene“ von Andrea Röpke und Andreas Speit

Das Autoren-Duo Röpke und Speit widmet sich mit seinem neuesten Buch dem Thema extreme Rechte und Frauen. Um den Stand von Frauen in der Szene genauer auszuloten, mussten die Autorin und der Autor tief eintauchen: „Die Frauen der Szene sind verschwiegen. Ihre Aktivitäten, ihre Intentionen und ihre Netzwerke können nur durch intensive Recherchen ermittelt werden.“ (Seite 20)
Sie stellten bei ihren Recherchen fest, dass Frauen in braunen Netzwerken häufig das Rückgrat darstellen. Trotzdem sind Frauen in der Szene häufig nur auf die Bereiche Gefängnisbetreuung und Familienpflege abonniert. Männliche Neonazis sehen es nicht gerne, wenn Frauen sich darüber hinaus engagieren. Besonders im Straßenkampf sind Frauen vom extrem rechten Patriarchat ungern gesehen, obwohl inzwischen bis zu 10% der rechten Straf- und Gewalttaten von Frauen verübt werden. So heißt es in einer Twitter-Meldung des „Nationalen Widerstandes Berlin“ von 2010: „Wenn die Situation eskalieren sollte, haben sich die Frauen ohne zu murren nach hinten zu gesellen, und die Männer schreiten gemeinsam und entschlossen zur Tat.“
Doch immer selbstbewusster fordern Neonazissen für sich dieselben Freiheiten wie sie ihre männlichen Gesinnungsgenossen genießen. So wird im Buch die NPD-Aktivistin Manuela Kokott zitiert: „Einige von ihnen finden es nicht in Ordnung, dass Frauen an Demonstrationen teilnehmen oder bei Wahlen kandidieren. Dazu kann ich nur sagen, wir leben im 21. Jahrhundert und die Zeit, wo Frauen von bestimmten Dingen oder Tätigkeiten ausgeschlossen wurden, ist längst vorbei.“
Trotz ihrer (individuellen) Emanzipations-Versuche innerhalb der Szene sind auch die Frauen in der extremen Rechten strikt antifeministisch. So schreibt der „Nationaler Frauenkreis“ 2010 auf seiner Homepage: „Wir treten der Irrlehre der Emanzipation entgegen, die nicht die Unabhängigkeit der Frau, sondern die Zersetzung unseres Volkes bedeutet.“

Auch die NPD hat das unausgeschöpfte Potenzial an weiblicher Wählerschaft inzwischen erkannt. Bis jetzt sind etwa 70% der NPD-Wähler männlich. Aber es gab eine Steigerung an weiblichen NPD-Wählerinnen. Wählten noch 2006 26,5% Frauen NPD, so waren es 2009 36,4% Frauen. Im Jahr 2011 waren von 6.800 NPD-Mitgliedern immerhin 23% Frauen. Um diese weiblichen Mitglieder und Sympathisantinnen besser zu organisieren, wurde die NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) gegründet.
Interessant ist die andere Wahrnehmung rechter Frauen durch die Wählerschaft, NPD-Kandidatinnen erfuhren im Durchschnitt einen höhere Wählerszuspruch.
Neben dem RNF und regionalen Zusammenschlüssen existiert auch noch die 2000 gegründete „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ (GDF), die sich als „Front der Frauen“ bezeichnet. Die GDF ist zusammen mit den Frauen der inzwischen verbotenen „Heimattreuen deutschen Jugend“ oder völkischen Siedlerinnen aus den Reihen von Sturmvogel und (Neo-)Artamanen zur „Brauchtumsfraktion“ (Aussteigerin), die stark dem „Zurück-zur-Natur-Trend innerhalb der Szene“ folgen. Diese Fraktion ist am offensichtlichsten am historischen Nationalsozialismus orientiert, aber auch andere extrem rechte Frauen-Gruppen sind stark am Nationalsozialismus orientiert.

BDMaedelschar
OBEN: BDM 1933-45 und „Mädelschar Deutschland“ etwa 1999

Das Buch bietet auch für Kenner_innen allerhand neue Informationen bzw. alle wichtigen Informationen was Personal und Strukturen angeht in komprimierter Form.
Leicht nervig sind einige Wiederholungen, die auf die Doppel-Autorenschaft zurückzuführen sind und der Preis von 16,90 Euro für 220 Seiten Paperback ist recht hoch angesiedelt.
Trotzdem, für Kenner wieder Einsteiger in die Thematik ist das Buch das aktuellste und kenntnisreichste.