Archiv für September 2011

Buchkritik „Ich jagte Eichmann. Tatsachenbericht“ von Simon Wiesenthal

Im Jahr 1961 verfasste der Wiener „Nazijäger“ Simon Wiesenthal das Buch mit dem reißerisch klingenden Titel „Ich jagte Eichmann. Tatsachenbericht“.

Ich jagte Eichmann

Vom Architekten zum Nazijäger
Wiesenthal war ein jüdischer Holocaustüberlebender, der mehrere Lager (darunter Auschwitz und Mauthausen) überlebte, bevor er 1945 befreit wurde. Der ehemalige Architekt, der zusammen mit seiner Frau 89 Verwandte in der Shoah verloren hatte, entschloss sich sein Leben dem Aufspüren von NS-Täter_innen und der Dokumentation ihrer Taten zu widmen. Besonders dringend sucht Wiesenthal nach Eichmann:

„Aber wer einmal – so wie ich – erlebt hat, wie man seine Mutter zum Vergasen führte und hilflos dabeistehen muß, der weiß, warum er Eichmann sucht.“

(Seite 233)

Anfangs arbeitete er für die US-Behörde „War Crimes“, später gründete er eine Organisation namens „Jüdische Historische Documentation“. Bei „War Crimes“ liefen anfangs viele anonyme Anzeigen ein, die aber weniger aus der Empörung über die NS-Untaten resultierten:

„In den Briefen war immer die Rede von jüdischem Schmuck, jüdischen Teppichen und ähnlichem, daß die jüdischen Besitzer von de Räubern ihres Vermögens umgebracht worden waren, schien dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen.“

(Seite 27)
Überhaupt konstatiert Wiesenthal eine verbreitete Mitleidlosigkeit mit dem Schicksal der europäischen Juden und Jüdinnen:

„Ich habe es mehrmals erlebt, daß in den Augen vieler Leute, auch solcher, die keine Nazis waren, irgendwie im Unterbewußtsein als Milderungsgrund angesehen wurde, daß die Toten Juden, Polen oder Russen waren. Dadurch wurde Mord gewissermaßen zu einem Kavaliersdelikt.“

(Seite 99)
Überhaupt hinterfragt Wiesenthal kritisch die Behauptungen und das Verhalten der ehemaligen Bevölkerung des „Großdeutschen Reiches“. Wenn jemand behauptete, er habe einen Juden gerettet und das sogar durch den Geretteten als Zeugen belegen kann, fragt Wiesenthal ob es auch wirklich eine Rettung war oder nur ein Austausch gegen eine andere Person, die dann an Stelle des Geretteten sterben musste.

Neben der noch lange nicht richtig entnazifizierten Bevölkerung behindert auch der zunehmende Kalte Krieg Wiesenthals Arbeit. Als Nazijäger wurde Wiesenthal von Antikommunisten als „Kommunist“ denunziert nach dem Motto „Wer gegen Nazis ist, muss Kommunist sein.“.
Auch sonst gab es für ihn immer wieder Ärger mit den Besatzungsbehörden, besonders den britischen. Einmal wurde er von den Briten verhaftet und für 24 Stunden festgehalten. Als das bekannt wurde kamen innerhalb weniger Stunden tausend jüdische „Displaced Persons“ aus Lager Admont zusammen und demonstrierten für seine Freilassung. Besonders die Spannungen mit den Briten resultierten aus den politischen Interessen im Nahen Osten, die den Israelfreund Wiesenthal und jüdische Überlebende in den Augen britischer Behörden zu einem „Problem“ werden ließ:

„Es gab zu dieser Zeit ständig Spannungen zwischen jüdischen Flüchtlingen, die in den dortigen Lagern untergebracht waren, und den britischen Besatzungsbehörden. Es ging um die illegale Einwanderung nach Palästina, die die Briten auf jede mögliche Weise zu verhindern suchten. Ihr Geheimdienst befaßte sich viel mehr mit der Tätigkeit jüdischer Institutionen als mit der Fahndung nach Kriegsverbrechern.“

(Seite 126)
Ansonsten machten sich der Kalte Krieg auch allgemein bemerkbar:

„Politisch war beinahe am Gipfelpunkt des kalten Krieges angelangt; wen von den Alliierten kümmerten noch die Nazis! Die Alliierten von einst standen sich feindlich gegenüber und versuchten, sich bessere Ausgangspunkte für eine kommende Auseinandersetzung zu schaffe. Die Berliner Blockade war der Wendepunkt. […] Im Jahre 1950 merkte ich bald, daß die einzigen Nutznießer dieses kalten Krieges die Nazis waren. Sie wurden uninteressant und beide Seiten rechneten mit ihnen.“

(Seite 218)

Das zunehmende Desinteresse der Alliierten an der Ahndung von Nazi-Verbrechen hatte zur Folge, dass die Nazis wieder in wichtige Positionen einsickerten und in Österreich gelang ihnen sogar die Gründung einer eigenen Partei.

„Sobald der Druck auf die Nazis nachließ und diese durch großzügige Einstufungen in Deutschland und durch Teilamnestien in Österreich wieder in die Verwaltung und Wirtschaft kamen und auch Aufnahme in die politischen Parteien fanden, begannen sie ihrerseits einen Druck auszuüben. Unter diesem Druck und mit Hilfe kleinlicher parteipolitischer Spekulationen wurde in Österreich eine Partei erlaubt, die nach außen hin einen Schein von Demokratie wahrte, aber ein Sammelbecken verschiedener Nazis war. Diese Partei wurde gegen den schwache Widerstand der Franzosen und mit Billigung der Amerikaner, Sowjets und Engländer zugelassen.“

(Seite 237)
Gemeint ist der „Verband der Unabhängigen“, der Vorläufer der heutigen, rechtspopulistischen FPÖ.

Nazi-Untergrund und Nazi-Fluchtrouten
Wiesenthal beginnt mit seinen Recherchen über NS-Täter_innen bei der so genannten Alpenfestung. Dieser Begriff bezeichnet einen Mythos mit realen Kern. In den Alpen planten sich die Nationalsozialisten wie in eine natürliche Festung zurückzuziehen. Letztlich handelte es sich aber weniger um eine Festung, als mehr um eine Art Rettungsinsel. Besonders Aussee bzw. das Ausseer Land in Österreich dienten als eine solche Rettungsinsel. Hierhin flüchteten sich hohe NS-Funktionäre und ihre Familien und hier versteckten sie ihre Wertgegenstände und Geheimakten. Noch heute gilt das Gebiet als Ziel von Schatzsucher_innen.

Bei seinen Recherchen stößt Wiesenthal bald auf eine sich formierende Nazi-Untergrundbewegung, die beginnt „neonazistische Wühlarbeit“ zu leisten. Wiesenthal schreibt, dass sich der Verteilerkopf dieser Bewegung in Augsburg befunden hätte. Er führt verschiedene Gruppen an. Das „Sechsgestirn“ in Österreich, eine Organisation namens „Spinne“ mit Sitz in Gmunden, die 1949 aufgelöst wurde, und die berüchtigte ODESSA (Organisation der SS-Angehörigen), die 1948 von der „Spinne“ gegründet worden sein und bis 1952 existiert haben soll. Ihre Finanzierung vermutet Wiesenthal in den Geheimverstecken, die gegen Kriegsende angelegt wurden.
Daneben führt er kleinere Beispiele wie das „Republican Corps Austria“ an, dass 1948 in Linz von US-Amerikanern ausgehoben wurde.
Wiesenthal schreibt von einer Zellenstruktur von fünf bis sechs Mitgliedern pro Ort. Einige neue Organisationen bewegen sich im Schatten angeblich kirchlicher Mildtätigkeit. Sie betreuen hochrangige Nazi-Funktionäre in Haft, ein Beispiel hierfür wäre das „Soziale Friedenswerk“ in Österreich.
Unzweifelhaft hat es alte Nazi-Seilschaften über das Kriegsende hinaus, ebenso wie Fluchthilfenetzwerke und Versuche wieder Einfluss zu gewinnen (z.B. Naumann-Affäre) gegeben. Allerdings ist die Existenz von weit verzweigten Geheimorganisationen wie die „Spinne“ oder ODESSA unbewiesen und vermutlich ein Mythos.

Wiesenthal entdeckte aber auf jeden Fall bei seiner Suche nach NS-Täter_innen mehrere gut ausgebaute Fluchtrouten, die quer durch Mittel- und Südeuropa führten. Alle 50 bis 60 Kilometer existierte eine Anlaufstruktur.
Die meisten endeten in italienischen Küstenstädten, von wo es per Schiff nach Lateinamerika oder in den Nahen Osten ging. Eine Route führte von Ostermiething über Zell am See nach Iglis und dann nach Meran (Italien). Eine andere Route führte von Bremen über Innsbruck (Österreich) nach Meran (Italien). Von Meran ging es z.B. über Mailand (Italien) nach Rom (Italien) oder Genua oder Bari (Italien) oder Venedig (Italien). Eine weitere Route führte über Memmingen nach Lindau am Bodensee. In Lindau wurden die Flüchtlingsgruppen zur Tarnung mit Frauen und Familien versehen, dann ging es über Bregenz (Österreich) nach St. Gallen (Schweiz) und schließlich nach Genf (Schweiz). Von hier ging es per Flugzeug in den Nahen Osten. Organisator dieser Menschen-Transporte über Lindau in den Nahen Osten war laut Wiesenthal ein gewisser „Haddad Said“, ein Deutscher mit syrischen Pass. Im Nahen Osten blieben die Altnazis aber meist nicht allzu lange, wie auch Wiesenthal berichtet:

„Für sie war Ägypten oder Syrien ein Wartesaal, in dem sie die schlimme Zeit der Verfolgung der Kriegsverbrecher überdauern wollten.“

(Seite 185-86)
Häufig waren die Fluchtnetzwerke als Handelsorganisation getarnt, beispielsweise Waffen-Export-Firmen, die damals im Nahen Osten und Nordafrika tätig sind.
In Rom wiederum unterstützen der katholische Bischof Hudal und die kroatischen, rumänischen und slowakischen kirchlichen Hilfskomitees, die stark mit Faschisten durchsetzt sind, die flüchtigen NS-Täter_innen.

Der Mufti von Jerusalem

Wiesenthal war zeit seines Lebens ein überzeugter Zionist, wenn er auch selbst nicht in Israel lebte, vermutlich weil er von Österreich aus viel besser arbeiten konnte.
Als Anhänger des jungen jüdischen Staates entdeckt er unter den Gegnern Israels auch einen alten Nazi-Kollaborateur, den Mufti von Jerusalem. Der Mufti hielt sich 1941 bis 1945 in Deutschland auf und kollaborierte mit den Nationalsozialisten. Nach dem Untergang des „tausendjährigen Reiches“ wurde der Mufti aus politischen Kalkül von den Alliierten nicht verhaftet, sondern konnte in den Nahen Osten entkommen, wo er weiter sein Unwesen trieb. Wiesenthal vermutet, dass der Mufti seinen Vertrauten Hussein Hausani nach Österreich und Deutschland entsandte um Eichmann zu suchen, um die Juden in Israel einzuschüchtern. Sollte dieser Versuch tatsächlich stattgefunden haben, so schlug er aber fehl.
Trotzdem gab es auch weitere Arten von Austausch zwischen den alten Judenfeinden und den neuen Feinden des Judenstaates im Nahen Osten. Wiesenthal berichtet von einer Art muslimisch-nazideutschen Achse in der Nachkriegszeit.
Ägypten und Syrien warben deutsche Militärfachleute und im „Grenzlager“ in Ulm muslimische Bosniaken, die unter der Mithilfe des Muftis als SS-Mitglieder gedient hatten, an, um auf ihrer Seite zu kämpfen.
Einige, die später Israels Feinden ihre Dienste anboten, waren aber einfach nur Opportunisten und versuchten sich erst Israel anzudienen:

„Nach den Militärs kamen die Geschäftsleute. Man bot mir an, die vor dem Zugriff der Alliierten versteckten Flugzeug-Reparaturwerkstätten, Panzerfäuste, Panzerspähwagen zu liefern und dies nicht ab Versteckstelle, sondern von Genua, von Bari und anderen Orten aus. An seichten Stellen versteckte Unterseeboote konnten gehoben werden, und in spanischen Häfen warteten deutsche Torpedoboote auf Käufer.
»Na, wenn ihr net wollt und nix vom G’schäft versteht, dann gema zu den Arabern!«“

(Seite 213)

Wiesenthal jagt Eichmann
Eigentlich aber handelt das Buch von Wiesenthals Suche nach Eichmann. Eichmann war einer der wichtigsten Organisatoren des Massenmordes an den europäischen Juden und Jüdinnen. Überall, wohin die deutschen Armeen marschierten, folgten auch die Experten der Vernichtung.

„Als blutige Nachhut kamen Eichmann oder seine Stabsleute hinter den siegreichen deutschen Armeen nach Warschau, nach Paris, nach Oslo, Brüssel, Den Haag, Belgrad und später nach Budapest.“

(Seite 118)
Dabei war die „Arbeit“ dieser Nachhut unter den deutschen Soldaten gut bekannt. Wiesenthal zitiert einen Wehrmachtsmajor:

„Wochenlang gab es unter den deutschen Offizieren kein anderes Gesprächsthema als die Juden. Ich gehöre nicht zu diesen, die heute behaupten, sie hätten von nichts gewußt. Es hat sich ja in der Wehrmacht in Rußland herumgesprochen.“

(Seite 128)
Wiesenthal nimmt Eichmanns Spur im Ausseer Land auf, wo Eichmanns Frau unter ihrem Jugendnamen Vera Liebl mit den gemeinsamen Kindern wohnt. Was Wiesenthal vermuten lässt, dass Eichmann und seine Frau noch in Kontakt stehen, ist u.a. eine Todesanzeige, die die angeblich von Eichmann geschiedene Frau mit Vera Eichmann unterzeichnet hat.
Im Jahr 1954, nach neun Jahren Recherche, erfährt Wiesenthal das Eichmann sich in Buenos Aires aufhält und leitet diese Neuigkeiten weiter. Aber erst 1960 kommt es zu Eichmanns Entführung durch den israelischen Geheimdienst Mossad:

„Söhne Israels, Juden, die Eichmann auslöschen wollte, zerrten ihn gewaltsam in den Wagen. Es gab keinen Heimweg für ihn. Nun war er in der Macht derer, die er wie Ungeziefer vertilgen wollte. Eine jagd über fünfzehn Jahre hinweg war beendet.“

(Seite 316)

Fazit: Lesenswert, aber Zeitumstände beachten
Wiesenthals Lebenswerk ist unbestritten, trotzdem ist nicht erst seit Tom Segevs kritischer Wiesenthal-Biografie bekannt, dass Wiesenthal in einigen seiner Annahmen irrte oder sich in unbelegbare Behauptungen verstieg. Solche Behauptungen finden sich auch in diesem Buch. Das liegt aber an dem zeithistorischer Kontext des Buches. Heute ist bekannt, dass die Straßburg-Konferez 1944, auf der die deutschen Eliten angeblich ihre Überwinterung in der Nachkriegszeit planten, so nicht stattgefunden hat. Ebenso wenig hat es eine geplante Produktion von Lampenschirmen aus Menschenhaut, wie eine weltumspannende Geheimorganisation namens ODESSA. Hier gilt es belegbare Wirklichkeit und unbeweisbaren Mythos zu unterscheiden.
Trotzdem ist das Buch lesenswert. Es beschreibt aus eigener Perspektive sehr anschaulich die Arbeit eines Mannes, der sein Leben dem Aufspüren von NS-Täter_innen gewidmet hat.

Simon Wiesenthal: Ich jagte Eichmann. Tatsachenbericht, Gütersloh 1961.

Buchkritik „Exit. Ein Neonazi steigt aus“ von Kent Lindahl

Das Buch „Exit. Ein Neonazi steigt aus“ von Kent Lindahl (München, 2001) ist ein klassisches Neonazi-Aussteigerbuch. In ihm beschreibt der schwedische Ex-Neonazi Kent Lindahl, Jahrgang 1964, wie er zum Nazi wurde und sich allmählich wieder von dieser Szene entfernte. Zum Zeitpunkt als Lindahl dieses Buch schrieb, im Jahr 2000, war er bereits längere Zeit kein Nazi mehr.
In gewisser Weise ist Lindahl ein doppelter Aussteiger. Neben seiner politischen Tätigkeit, war er nämlich auch noch ein Krimineller, u.a. ein gewalttätiger Geldeintreiber.

Begonnen hat Lindahls Weg als Außenseiter, der aus einer sozial erkälteten Familie stammt. An der Schule war Lindahl als Außenseiter Opfer von Mobbing und Gewalt. Sein Vater hatte ihm mitgegeben, sich unter allen Umständen zu wehren. Dieser Maskulinismus macht Lindahl selbst zu einem gewalttätigen Jugendlichen:

„Er fuhr knallhart auf diese Dinge ab, wie: Ein richtiger Mann weint nicht, sondern schlägt zurück.“ (Seite 39)

Daneben weist Lindahl schon früh eine anfangs noch unpolitische Begeisterung für die deutschen Streitkräfte Nazi-Deutschlands auf. Seinen Wissensdurst befriedigt er auch mit Buch-Material, das aus dem Ausland stammt. Er liest Bücher auf Englisch und in Übersetzung aus dem Deutschen. Der extrem rechte Munin-Verlag ist einer seiner Hauptquellen:

„Andere Literatur, die mich faszinierte, waren die Publikationen des deutschen Munin Verlages, der eine ganze Reihe von Büchern über Deutschland im Zweiten Weltkrieg herausgegeben hat. So gut wie alle handeln von der deutschen Armee, der Waffen-SS und der Luftwaffe.“ (Seite 98)

Trotz seiner Herkunft aus einer so genannten bildungsfernen Familie, führen Lindahls Faszination für Wehrmacht und Waffen-SS zum selbstständigen Lesen.

Nach einer Karriere als jugendlicher Kleinkrimineller, wird Lindahl irgendwann rechter Skinhead. Doch ist Politik hier nicht der Hauptinhalt, sondern die Gewalt und der Alkohol. Lindahl spricht davon, dass diese „Alkoholskinheads“ „Alkoholiker auf dem Weg zu den Parkbänken“ wären. Doch ein Teil der vulgärrassistischen Schläger-Skinheads ideologisieren und politisieren sich weiter, darunter auch Lindahl. Lindahl wird zum medialen Aushängeschild der rechten Skinheads in Schweden. Er gerät immer „tiefer in die große nationalsozialistischen Finsternis hinein“.

Er trifft sich u.a. mit Ian Stuart Donaldson, der englischen Rechtsrocklegende. Donaldson versprechen die schwedischen Nazi-Skins bei dessen Schweden-Aufenthalt, Graham Atkinson, Herausgeber des Antifa-Magazins „Searchlight“ auf seiner Reise nach Schweden zu ermorden (Seite 107). Letztlich wird der Plan aber dann doch nicht umgesetzt, weil er bereits vorher bekannt geworden war.
Als Donaldson Lindahl bei einem England-Aufenthalt anbietet Speed, Kokain und sogar Heroin zu besorgen, ist Lindahl am Boden zerstört. Hatte Lindahl Junkies immer verprügelt, so ist der legendäre Donaldson plötzlich selber einer bzw. ein Dealer unter Kameraden. Hier findet sich ein wichtiges Motiv für Nazi-Aussteiger, die Enttäuschung über den Verrat der Kameraden an den eigenen NS-Idealen.
Ein weiteres Motiv ist die Freundschaft oder Beziehung zu einem Menschen außerhalb der Szene. In Lindahls Fall war es seine Freundin mit der er auch ein Kind bekommt. Diese Veränderung führt zu seinem Ausstieg aus der kriminellen Szene und einer stärkeren Reflexion seiner braunen Biografie, von der er sich aber schon früher entfernt hatte.

Am Rande des Buches werden auch die „Schwedendemokraten“ erwähnt, eine Partei die letztes Jahr erfolgreich in den Stockholmer Reichstag eingezogen ist.

„Ich hatte mich in der Schwedenpartei engagiert, die später mit der Framstegsparti (Fortschrittspartei) zusammengehen und ihre Namen zu Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) verändern sollte. Die Umbenennung änderte nichts an der politischen Ausrichtung. Die Partei war und blieb extrem nationalistisch und ausländerfeindlich, aber nicht direkt antisemitisch.“ (Seite 89)

Für einen bekennenden Nationalsozialisten wie Lindahl waren die „Schwedendemokraten“ aber trotzdem nicht hart genug.

„Wir gingen zwar zu den Treffen der Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna), aber ihre politische Einstellung war nicht unser Ding. Unserer Meinung nach waren sie feige Populisten.“ (Seite 143)

Das Deutsch der übersetzten Ausgabe wirkt manchmal etwas holprig. Überaus irritierend wirkt auch Lindahls nachträgliche Forderung nach Disziplin gegenüber Jugendlichen durch Lehrer. Auch seine Kritik am „Mangel an Disziplin und das ewige Saufen“ innerhalb der Skin-Szene lesen sich manchmal als eine Enttäuschung, die bis heute anhält. So als wären abstinente und disziplinierte Nazi-Skinheads etwas Begrüßenswertes.

Trotzdem lohnt sich die Lektüre des Buches, also zugreifen wenn es einem in einer Bücher-Wühlkiste über den Weg läuft.

Kent Lindahl: Exit. Ein Neonazi steigt aus, München 2001.